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Eine Welt ohne Bücher, ohne Literatur? Für Barbara Traber unvorstellbar. Von Kindheit an hat sie immer wieder das Glück gehabt, Schriftstellerinnen nicht nur durch ihre Werke, sondern auch persönlich kennenzulernen, und mit vielen von ihnen verband sie eine lebenslange Freundschaft. Seit jeher ist es ihr ein Anliegen, schreibenden Frauen eine Stimme zu geben und zu verhindern, dass sie in unserer schnelllebigen Zeit allzu rasch vergessen gehen. Die vorliegenden, sehr persönlichen biographischen Skizzen über sechs höchst unterschiedliche Autorinnen, deren Namen kaum mehr jemand kennt, sind nicht literaturwissenschaftliche Notate, sondern persönliche Porträts von hoher Wertschätzung. Heimweh nach Pieterlen oder „Gäng no gseh mer d Stärne hange“ Gertrud Burkhalter (1911-2000), Mundartlyrikerin Sie nähte immer ohne Fingerhut Radka Donnell (1928 -2013), Pionierin der Quiltkunst, Lyrikerin „Im schwankenden Seiltanz zwischen Himmel und Welt“ Brigitte Meng (1932-1989), Dramatikerin, Lyrikerin Mit Hansi und Ume unterwegs Elsa Muschg (1899 -1976), Jugendbuchschriftstellerin Die erste „Dichterin“ in meinem Leben Anna Ramseier-Lieberherr (1908-1961), Primarlehrerin „Sie sehen aus, als könnten Sie schreiben!“ Lys Wiedmer-Zingg (1923 -2014), Journalistin und Autorin Von heimlich abgelauschten Versen zum anerkannten Gedicht Ein Blick zurück auf das lyrische Schaffen von Deutschschweizer Autorinnen 1800-1945.
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2025
Über das Buch
Eine Welt ohne Bücher, ohne Literatur? Für Barbara Traber unvorstellbar. Von Kindheit an hat sie immer wieder das Glück gehabt, Schriftstellerinnen nicht nur durch ihre Werke, sondern auch persönlich kennenzulernen, und mit vielen von ihnen verband sie eine lebenslange Freundschaft. Seit jeher ist es ihr ein Anliegen, schreibenden Frauen eine Stimme zu geben und zu verhindern, dass sie in unserer schnelllebigen Zeit allzu rasch vergessen gehen.
Die vorliegenden, sehr persönlichen biographischen Skizzen über sechs höchst unterschiedliche Autorinnen, deren Namen kaum mehr jemand kennt, sind nicht literaturwissenschaftliche Notate, sondern persönliche Porträts von hoher Wertschätzung.
Gertrud Burkhalter (1911-2000), Mundartlyrikerin
Radka Donnell (1928-2013), Pionierin der Quiltkunst, Lyrikerin
Brigitte Meng (1932-1989), Dramatikerin, Lyrikerin
Elsa Muschg (1899-1976), Jugendbuchschriftstellerin
Anna Ramseier-Lieberherr (1908-1961), Primarlehrerin
Lys Wiedmer-Zingg (1923-2014), Journalistin und Autorin
Von heimlich abgelauschten Versen zum anerkannten GedichtEin Blick zurück auf das lyrische Schaffen von Deutschschweizer Autorinnen 1800-1945.
Über die Autorin
Barbara Traber, geboren 1943 in Thun/Schweiz. Handelsdiplom. Auslandsaufenthalte in London, Lagos, Paris. Lebt heute in Worb. Verwitwet, eine erwachsene Tochter. Freie Publizistin, Autorin, Lektorin, Übersetzerin. Zahlreiche Veröffentlichungen: Lyrik, Romane, Krimis, Erzählungen (auch in Berndeutsch), Biografien, Sachbücher.
Bei Neptun lieferbar:
«Muttermomente». Gedichte, mit Fotos von Fernand Rausser.
ISBN 978-3-256-00164-9
«D Zyt aahalte / Arrêter le temps». Lyrische Prosa (zweisprachig), aus dem Berndeutschen ins Französische übersetzt von Corinne Verdan-Moser
ISBN 978-3-85820-358-8
Als E-Books lieferbar:
«Land der glücklichen Hühner». Dorfgeschichten aus der Bresse
ISBN 978-3-85820-334-2
«Nigeria – ich komme!» Eine mutige junge Schweizerin in Lagos 1964/65
ISBN 978-3-85820-365-6
Barbara Traber
Sie sind noch da
Sechs schon vergessene schreibendeFrauen und viele mehr
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© 2025 by Neptun Verlag
Rathausgasse 30
CH-3011 Bern / Schweiz
www.neptunverlag.ch
ISBN 978-3-85820-396-0
Für meine Freundinnen
Einführung: Schnell vergessene Schweizer Schriftstellerinnen
Heimweh nach Pieterlen oder «Gäng no gseh mer d Stärne hange»Gertrud Burkhalter (1911–2000), Mundartdichterin
Sie nähte immer ohne FingerhutRadka Donnell (1928–2013), Quilt-Künstlerin und Lyrikerin
«Im schwankenden Seiltanz zwischen Himmel und Welt»Brigitte Meng (1932–1998), Dramatikerin, Lyrikerin
Mit Hansi und Ume unterwegsElsa Muschg (1899–1976), Lehrerin und Jugendschriftstellerin
Die erste «Dichterin» in meinem LebenAnna Ramseier-Lieberherr (1908–1961), Primarlehrerin
«Sie sehen aus, als könnten Sie schreiben!»Lys Wiedmer-Zingg (1923–2014), Journalistin, Redaktorin, Autorin
Von heimlich abgelauschten Versen zum anerkannten GedichtDas lyrische Schaffen von Deutschschweizer Autorinnen 1800–1945
Bibliographie
Seit ich lesen kann, ist Literatur für mich das Tor zur Welt, und ich kann mir ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen. Von Kindheit an habe ich immer wieder das Glück gehabt, Schriftstellerinnen nicht nur durch ihre Werke, sondern auch persönlich kennen zu lernen. Mit vielen haben sich über längere Zeit Freundschaften und Briefwechsel ergeben. Je älter ich werde, desto häufiger verliere ich mir nahestehende Menschen durch den Tod. Immer öfter werde ich angefragt, Nachrufe zu verfassen, die meist nur kurz sein dürfen. Den Verstorbenen kann ich auf diese Weise kaum gerecht werden, weshalb ich meine persönlichen Erinnerungen an einige wenige aufgeschrieben habe, damit sie nicht vergessen werden. Es geht dabei nicht um eine literaturgeschichtliche Wertung, sondern um Freundschaft und Solidarität zwischen schreibenden Frauen.
Wer kennt die Namen Brigitte Meng oder Lys Wiedmer-Zingg noch? Wer weiß, welche Bücher sie geschrieben haben? Kinderbücher oder Lyrik, Romane oder Dramen? Zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod sind sie bereits vergessen, sozusagen «verschollen». Sie gehören – verständlicherweise – auch nicht zu den bekannten oder gar berühmten 135 Autorinnen und Autoren, die Charles Linsmayer in 20/21 Synchron. Ein Lesebuch zur Literatur der mehrsprachigen Schweiz von 1920 bis 20201 hat aufnehmen können, und jüngeren Lesern sind ihre Namen und Werke vermutlich fremd.
Ich habe nur das Lexikon mutz. 50 Jahre Berner Schriftsteller-Verein 1939–19892 durchblättern müssen, um festzustellen, wie viele schreibende Kolleginnen ich im Lauf meines Lebens persönlich gekannt habe, die bereits nicht mehr leben: Katharina von Arx, Maja Beutler, Gertrud Burkhalter, Sibylle Doray, Ursula Eggli, Doris Flück, Donka Grey, Züsi Jakob, Agathe Keller, Ruth Elisabeth Kobel, Christine Kohler, Ursula Lehmann-Gugolz, Trudi Maurer-Arn, Mariella Mehr, Ida Röthlisberger, Senta Simon, Hanny Schenker-Brechbühl, Regine Schindler, Béatrice Schürch-Schmidt, Helen Stark-Towlson, Rosalia Wenger, Clara Zürcher und Katharina Zimmermann. Und das sind nur jene des regionalen Schriftstellervereins BSV3. Weitere wie die Badener Autorin Rosemarie Keller, die im Dezember 2024 starb, kommen hinzu.
Anfangs der 1970er-Jahre begann ich, in meiner Freizeit über Schweizer Schriftstellerinnen zu recherchieren, und zwar in der Landesbibliothek, wie sie damals noch hieß. Ich durchwühlte stundenlang die Zettelkästen, blätterte im Lesesaal in alten Büchern, Zeitschriften und Zeitungen, hoffte auf zufällige Funde und machte tatsächlich immer wieder überraschende Entdeckungen. Nach und nach legte ich für mich einen eigenen Katalogkasten mit Karteikärtchen und private Ordner mit Fotokopien aus nicht ausleihbaren Büchern und Notizen an und konnte später immer wieder auf diese Quellen zurückgreifen. Ich merkte bald, dass in Bezug auf Frauen große Lücken in der Geschichtsschreibung und auch in der Literaturgeschichte der Schweiz bestanden.
Es gab damals weder die Gosteli-Stiftung noch sonst eine Stelle, die sich mit vergessenen wichtigen Frauen in der Schweiz beschäftigte, dafür bestand noch lange kein öffentliches Interesse. Erst 1982 gründete Martha Gosteli das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung. Ich lernte die wichtige Frauenrechtlerin bei meinen Recherchen persönlich kennen und schätzte die Dienste ihres Archivs in Worblaufen sehr. Das Ziel der Gosteli-Stiftung ist es, «den vielen Frauen, die Großartiges geleistet haben, ein Gedächtnis zu geben und die Erinnerungen an sie für die nachfolgenden Generationen zu sichern». Das deckt sich mit meinem Vorhaben. Wenn ich in späteren Jahren etwas über ein Frauenthema oder eine bestimmte verstorbene Schweizerin wissen musste, besuchte ich die Gosteli-Villa in Worblaufen mit ihrer gemütlichen Atmosphäre und nicht mehr die Landesbibliothek, seit 2007 Nationalbibliothek. Lange blieben vergessene Schweizer Autorinnen ein Thema, das mir besonders am Herzen lag. Auch wenn mir das Erkunden ohne Internet in gedruckten Nachschlagewerken und nicht ausleihbaren Büchern und Periodika sehr viel Zeit und Geduld abforderte, ließ meine Entdeckerfreude nie nach.
Was ich mit meinen Hobby-Recherchen bezweckte, war mir am Anfang selbst nicht klar, ich sammelte vorerst als Autodidaktin mit Begeisterung alles, was mir über Frauen in früheren Zeiten, die irgendetwas veröffentlicht hatten, in die Hände geriet – und das war eine ganze Menge, noch bevor ich Charles Linsmayers immenses, wissenschaftlich fundiertes Engagement für Schweizer Literatur wahrnahm, das ab 1980 mit der Herausgabe der Reihe Frühling der Gegenwart4 begann und das er mit dem Weissen Programm Schweiz5 weiterführte. Er hat danach unzählige weitere, in der CH-Literatur schon vergessene, Werke in der Reihe Reprinted by Huber neu herausgegeben, ein gutes Dutzend davon sind Bücher von Frauen, von Lore Berger bis Gertrud Wilker. Eine sehr verdienstvolle, wichtige Aufgabe, die er hoffentlich noch lange fortführen kann.
Meine «Forschungsergebnisse», aus Liebe zu Literatur und aus Neugier entstanden, konnte ich häufig verwerten. Das Thema Frauen zieht sich inzwischen seit über vierzig Jahren durch meine journalistische und schriftstellerische Arbeit. Eines Tages stellte ich fest, dass ich besonders viel Material über Bernerinnen besaß, bei weitem nicht nur über Schriftstellerinnen oder Künstlerinnen, sondern auch über Frauen, die auf wohltätigem, sozialem, pädagogischem, wissenschaftlichem und emanzipatorischem Gebiet Großes geleistet hatten, das in der überwiegend auf Männer fokussierten Geschichtsschreibung vom 13. bis zum 20. Jahrhundert meist unterschlagen worden war. Daraus entstand 1980 meine erste Veröffentlichung: Bernerinnen6, eine bescheiden aufgemachte Sammlung meist nur sehr kurzer Porträts, die längst vergriffen ist. Dr. phil. Katharina Schütz (1926–1982), die in Bern und Paris Germanistik und Geschichte studiert hatte, war ab 1956 im Radio Studio Bern für Frauenthemen (Frauenstunden, dann für das Ressort Familie und Gesellschaft) verantwortlich und leistete 26 Jahre lang kluge Radio-Aufklärungsarbeit. Sie verfasste das Nachwort zu den Bernerinnen; ein einziger Satz darin sagt das Entscheidende aus: «Männer hinterlassen Spuren und sie sorgen dafür, dass sie vermerkt werden in Chroniken und Geschichtsbüchern.»
Fünfzig Jahre später hat sich in dieser Hinsicht sehr vieles positiv verändert, aber manchmal vergessen junge Frauen von heute, was ihre Vorfahrinnen sich mühsam erkämpfen mussten und dass das Frauenstimmrecht in der Schweiz erst 1971 eingeführt wurde!
Zu Beginn der 1990er-Jahre erhielt ich erstmals Gelegenheit, Beiträge über Autorinnen in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften zu publizieren, zum Beispiel über Marie Walden alias Henriette Rüetschi-Bitzius (1834–90), eine Tochter von Jeremias Gotthelf7, oder einen anderen zum 100. Geburtstag der Mundartdichterin Maria Lauber8. Ihr Gesamtwerk in vier Bänden, mit dem sie dem Frutigtal ein einmaliges Denkmal geschaffen hat, war lange vergriffen, bis Erich Blatter mit seiner Biographie über sie9, die aus seiner Dissertation entstanden war, wieder auf sie aufmerksam machte. 2016 bis 2023 wurde eine vierbändige Werkausgabe, herausgegeben von der Kulturgutstiftung Frutigland, neu veröffentlicht, und ich durfte in der Arbeitsgruppe unter der Leitung von Erich Blatter mit dabei sein. Eine beglückende, ehrenvolle Aufgabe.10
Genderstudien an Universitäten in der Deutschschweiz mit entsprechenden Projekten des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung folgten erst viel später. Bereits 1988 wurde jedoch von einem Frauenkollektiv11 der eFeF Verlag gegründet, in dem literarische Texte und Sachbücher vor allem von Schweizer Autorinnen veröffentlicht werden. «Schweizer Autorinnen liegen uns am Herzen. Wir wollen mit ihnen über alle Sprachgrenzen hinweg den kulturellen Austausch fördern», stand in der Ankündigung. Seit 2001 leitet ihn die auf Frauenliteratur spezialisierte Literaturwissenschafterin, Politikerin und Verlegerin Dr. Doris Stump.
Eines der wichtigsten Standardwerke des Feminismus im deutschsprachigen Raum, das 1991 im eFeF Verlag neu aufgelegt wurde (und inzwischen in 6. Auflage vorliegt!), ist sicher Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau von Iris von Rothen, das bereits 1958 im Hallwag Verlag Bern erschien und noch immer nicht veraltet ist.
Am 24. Februar 1990 wurde in Nidau das Netzwerk schreibender Frauen gegründet, später in femscript und schließlich in femscript. ch umbenannt – womit die schreibenden Schweizerinnen ab 1992 endlich einen eigenen Verein mit einer Geschäftsstelle erhielten. Ein wichtiger Schritt zur Gleichberechtigung in der Literatur.
Die längst fällig gewesene wichtige Bibliographie Deutschsprachige Schriftstellerinnen in der Schweiz 1700–1945 von Doris Stump, Maya Widmer und Regula Wyss, unter Mitarbeit von Sabine Kubli, erschien 1994 im Limmat Verlag Zürich. Erfasst sind über 900 Autorinnen mit rund 4000 Publikationen! Im gleichen Jahr gaben Sabine Kubli und Doris Stump im eFeF-Verlag den Band «Viel Köpfe, viel Sinn», Texte von Autorinnen aus der deutschsprachigen Schweiz 1795–1945 heraus, und im Auftrag des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann publizierte der Limmat Verlag eine dritte wichtige Grundlage zur kritischen Beschäftigung mit der Literatur von Schweizerinnen: Und schrieb und schrieb wie ein Tiger aus dem Busch. Über Schriftstellerinnen in der deutschsprachigen Schweiz, herausgegeben von Elisabeth Ryter, Liliane Studer, Doris Stump, Maya Widmer und Regula Wyss.
Seither werden zum Glück ab und zu «Wiederentdeckungen» von Schweizer Autorinnen gemacht und zum Beispiel in der Reihe Schweizer Texte, Neue Folge im Chronos Verlag neu veröffentlicht: mehrere Bände von Silvia Andrea (Johanna Garbald-Gredig,1840–1935) und Annemarie Schwarzenbach (1908–1942), Die grauen Steine von Ruth Blum (1913–1975) und 2023 Ausgewählte Erzählungen der Bernerin Lilli Haller (1874–1935), herausgegeben und mit einem Nachwort von Loriana Zeltner.
Frauen unterwegs
War die Schweiz oft zu eng für viele Schriftstellerinnen früherer Zeiten, oder ist es umgekehrt, haben häufige Auslandsaufenthalte sie zum Schreiben angeregt? Der Drang nach Weite, nach Erfahrungen in fremden Ländern, nach ausgedehnten Reisen scheint groß gewesen zu sein. Eine erstaunliche Zahl von Autorinnen hat längere Zeit im Ausland verbracht oder ab Ende des 19. Jahrhunderts Auslandsreisen unternommen, allerdings meist nicht zum Vergnügen oder zu Urlaubszwecken. Es war lange üblich und aus existentiellen Gründen oft notwendig, dass junge Mädchen einige Jahre als Lehrerinnen/Erzieherinnen in der Fremde verbrachten (z.B. in Russland und Polen) oder Sprachaufenthalte machten, meist in Frankreich oder England, und die ersten Reiseschriftstellerinnen wagten sich in die weite Welt.
Ich begann, ein Projekt mit dem Titel Frauen unterwegs. Zeitdokumente von Schweizerinnen auf die Beine zu stellen und kam mit dessen Realisierung sehr weit. Die von mir ausgewählte, längst vergriffene Reiseliteratur (Briefe, Tagebücher, Erzählungen) aus vergangener Zeit war reichhaltig und faszinierend: Grethe Auer, Lina Bögli, Lili Haller, Katharina Kaufmann, Ella K. Maillart, Annemarie Schwarzenbach, Vivienne de Watteville, Gertrud Wilker ... Ich fand sogar zwei Mitherausgeberinnen, die sich dafür begeistern ließen: Elsbeth Pulver (1928–2017), die Berner Germanistin, Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin, und Ursula von Wiese (1902–2002), Schauspielerin, Übersetzerin und Schriftstellerin. Der Ex Libris Verlag schien an einer solchen Reihe interessiert zu sein, und ich schrieb im Exposé: «Die meisten dieser Reisebücher und Erlebnisberichte stellen nicht den Anspruch, große Literatur zu sein. Sie sind aber heute noch lesenswert, spannend und informativ und geben Einblick in das Leben außergewöhnlicher Schweizerinnen. Auffallend bei all diesen Werken sind: die Beobachtungsgabe, der Blick für das Wesentliche, der ausgeprägte Humor, der Realitätssinn und die Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstreflexion der Autorinnen. Frauen unterwegs bezieht sich nicht nur auf das ‘äußere’ Reisen, sondern auch auf das Auf-dem-Weg-Sein im philosophischen Sinn, ein Thema, das in keinem Buch zu kurz kommt.» – Aber die Zeit war noch nicht reif dafür, wir erhielten eine Absage. Der damalige Geschäftsleiter von Ex Libris befürchtete, die Bücher nicht genügend verkaufen zu können.
Wenige Jahre danach konnte ich mitverfolgen, wie ein Reisebuch nach dem andern, das auf meiner Wunschliste notiert war, in verschiedenen Verlagen als «Neuentdeckung» wieder aufgelegt wurde, mit erstaunlichem Erfolg. Über 80 Jahre nach dem Erscheinen des längst vergessenen Reisebrief-Romans Vorwärts von Lina Bögli12, einem damaligen Bestseller und in neun Sprachen übersetzt, gab Doris Stump zum Beispiel die Neuauflage unter dem Titel Talofa. In zehn Jahren um die Welt13 heraus. Das Buch erregte Aufsehen. Der Theaterregisseur Christoph Marthaler inszenierte 1996 aus dem Leben von Lina Bögli (1848–1941) sogar ein Theaterstück, Lina Böglis Reise, für das Festival Welt in Basel und die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Längst gibt es auch ein öffentlich zugängliches Zentrum Lina Bögli im Kornhaus von Herzogenbuchsee.
Gegen das allzu rasche Vergessen von Schriftstellerinnen und Autoren setze ich mich heute noch ein, denn ich befürchte, dass im schnelllebigen, von Werbung und Social Media gesteuerten Buchmarkt zahllose gute Bücher gar nicht richtig wahrgenommen und beachtet werden. Von Jahr zu Jahr schmilzt der Platz für Literatur in der Presse, in Radio und Fernsehen, ernsthafte Rezensionen trifft man immer seltener an. Nur die wenigen «Berühmten», die schon zu Lebzeiten große Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten haben, bleiben samt ihren Werken länger präsent. Andere, weniger bekannte Autorinnen – und leider auch Autoren! –, oft die «Stillen im Land», scheinen sich kurze Zeit nach ihrem Tod in Luft aufgelöst zu haben oder untergegangen zu sein, als hätten sie nie eine Zeile publiziert.
Die vorliegenden sehr persönlichen biographischen Skizzen über sechs höchst unterschiedliche Autorinnen, deren Namen kaum mehr jemand kennt, sind nicht literaturwissenschaftliche Essays oder Porträts, sondern eher erzählende Texte, in welche auch eigene Reminiszenzen eingeflochten werden. Ich möchte damit dem Verlust von Erinnerungen entgegenwirken, die Namen der bereits Vergessenen oder gar «Verlorenen» wieder ins Gedächtnis rufen und auf das, was sie geschaffen haben, aufmerksam machen.
Der Seeländer Mundartlyrikerin Gertrud Burkhalter (1911–2000) begegnete ich 1980, als sie mit 70 Jahren ihren Band Momänte, erstaunlich moderne Dialektgedichte, in einem Berner Verlag veröffentlichen konnte, und wir blieben brieflich viele Jahre in Kontakt.
Radka Donnell (1928–2013), in Bulgarien geboren, lebte in Deutschland, in den USA und im Zürcher Niederdorf. Sie war in mehreren Sprachwelten und in den Vereinigten Staaten zuhause, wo sie Kunst studiert hatte und sich als Quiltkünstlerin zu einer Pionierin entwickelte. Bis zu ihrem Tod blieben wir uns freundschaftlich verbunden.
An einer gemeinsamen Lesung 1988 in Berlin traf ich Brigitte Meng (1932–1989) zum ersten Mal, und es entstand sofort eine intensive Freundschaft zwischen uns. Die in Frankfurt am Main geborene Schriftstellerin wuchs in Basel auf, lebte später in Zürich, machte sich einen Namen als Dramatikerin, schrieb jedoch auch Lyrik und einen Roman.
Wie kaum andere Jugendbücher haben die zwei Bände Hansi und Ume und Hansi und Ume unterwegs der Zürcherin Elsa Muschg (1899–1976), der Halbschwester von Adolf Muschg, mich als Kind geprägt und früh starkes Fernweh in mir geweckt. Sie reiste selbst als Lehrerin für zwei Jahre nach Japan und verarbeitete ihre für die damalige Zeit abenteuerlichen Erlebnisse literarisch. Obwohl ich ihr leider nie begegnet bin, wäre dies theoretisch durchaus möglich gewesen.
Die Primarlehrerin Anna Ramseier-Lieberherr (1908–1961) hat mir das Lesen und Schreiben beigebracht. Da sie ein Büchlein mit berndeutschen Mundartversen veröffentlichte, wurde sie die «erste Dichterin» in meinem Leben, von mir als Schülerin geliebt und bewundert.
Die Journalistin und Autorin Lys Wiedmer-Zingg (1923–2014), eine der ersten Korrespondentinnen im Bundeshaus Bern, war während meiner sieben Jahre im waadtländischen Städtchen Avenches meine Nachbarin und Vertraute. Sie führte bis ins hohe Alter ein eigenständiges Leben und war mir ein großes Vorbild.
Sechs Frauen, für die das Schreiben bedeutsam war: nur eine kleine Auswahl von zahlreichen, die mein Leben bereichert haben, wofür ich sehr dankbar bin.
Ich sehe sie noch heute vor mir, die kleine, zarte Frau mit der leisen, fast kindlich wirkenden Stimme, und obwohl ich bei unserer ersten Begegnung noch nicht 40-jährig war, hatte ich sofort den Wunsch, sie beinahe mütterlich zu beschützen. Eigenartig, dass gewisse Menschen, die Entscheidendes zur Literatur beigetragen haben, rascher vergessen werden als andere. Woran liegt es, dass sich, 25 Jahre nach ihrem Tod, kaum jemand noch an Gertrud Burkhalter erinnert, die neben der Frutigtalerin Maria Lauber meiner Meinung nach im 20. Jahrhundert die bedeutendste Schweizer Mundartdichterin war und bleibt? Sie schrieb erstaunlich früh moderne Dialektgedichte, die nicht veralten. War sie in ihrem Wesen zu bescheiden?
Vermutlich ohne großen Erfolg habe ich versucht, Gertrud Burkhalter wieder ins Gedächtnis zu rufen: durch einen Vortrag im Bärndütsch-Verein Ende der 1990er-Jahre und durch ein Porträt über sie in orte14, das 2013 nochmals in SchweizerDeutsch15 erschien. Dass sie als Berndeutschschreibende in Zürich wohnte und arbeitete, sozusagen im mundartsprachlichen Exil, auffallend bescheiden und schüchtern war und sich im Alter immer mehr zurückzog, zudem nur ein schmales lyrisches Werk vorweisen konnte, hat vielleicht dazu beigetragen, dass sie kaum je im Mittelpunkt des literarischen Interesses stand und in den letzten zwanzig Jahren in keiner Dialektanthologie mehr vorkommt. Dabei hatte sie seinerzeit mehrere wichtige Literaturpreise16 erhalten, Gedichte von ihr wurden in der NZZ und in zwölf Mundartanthologien veröffentlicht und von mehreren namhaften Komponisten17 vertont, und sie verfasste auch Radiobeiträge. Alles andere als eine rückwärtsgerichtete «Heimatdichterin», sprengte sie formal und thematisch das Konservative, Volkstümelnde und richtete den Blick weit über die Schweiz hinaus. Es gelang ihr auf einzigartige Weise, einfachste Dinge wie eine Blume oder einen Baum mit wenigen Worten zu beschreiben und darüber einen großen Bogen zwischen Leben und Tod zu bauen (Bogebrügg), ohne sentimental zu werden.
Christian Schmid findet zu Recht, Gertrud Burkhalter habe «den Grundstein für eine mundartliche Frauenlyrik» gelegt18, doch die Themen ihrer Lyrik sind viel umfassender, oft kritisch, politisch und philosophisch.
Sie wurde als Tochter des Textilkaufmanns Paul Burkhalter und dessen zweiten Frau Bertha am 9. Januar 1911 in Biel geboren. In Pieterlen am Jurasüdfuß verbrachte sie eine glückliche Kindheit, eine spätere unerschöpfliche Quelle der Inspiration – und blieb zeitlebens eine «Heimweh-Pieterlere», die sich in der «Großstadt» Zürich oft nach dem einfachen Landleben sehnte; später zog sie sich zum Schreiben gern in ein kleines Refugium im Toggenburg zurück. Früh, mit neun Jahren, verlor sie ihren Vater.
Viel Zeit verbrachte sie bei den Großeltern, ihr Großvater war von Anfang an eine wichtige Bezugsperson. Ihre Vorfahren stammten jedoch nicht aus dem Seeland, sondern aus dem Emmental. Den Flurnamen Heiligland oder Heligeland am alten Pilgerweg über der Lueg übernahm die Dichterin deshalb als Titel für ihren zweiten Lyrikband19 und erklärte im Nachwort: «Heiligenland ist ein Hügel im Emmental bei Affoltern. Landschaft der Heimat, Landschaft des Herzens. Diesseitiges – Jenseitiges. Außen – Innen.» Oder, umgesetzt ins Gedicht Heligeland20, beginnend mit den zwei Strophen:
Jetz cha’s nümme schöner wärde;
Mir sy do: Heligeland.
Wo der Himelvatter d Höger
ufelüpft mit syner Hand,
d Chnuble stotzig usemodlet,
Chräche zwüschenyne hout,
ds Aemmewasser vürdopplet,
uberäne d Bärge bout. (...)
Sie verfasste auch zwei Gedichte über ihren Großvater, der nach dem Abendessen jeweils aus der Bibel vorlas, mit Vorliebe Psalmen, so dass die Kleine, die noch nicht einmal lesen konnte, zu ihrer ersten Begegnung mit Lyrik kam: Denn deheime und As Ching i de Feerie21. Wunderbar, wie sie in Letzterem die Farbe Weiß, die in ihren Texten oft vorkommt, als Stilmittel einsetzt:
Zum Zimis
uf der Louben usse
wyssi Ankeschnitte
mit wyssem Zucker
drübergströit;
dobe
wyssi Hüener:
der Gwäggu
u
der Spränzu.
I myne Züpfe
wyssi Lätsche
Grossvaters
fyns Schneeflockehoor
Grossvaters
wyssi Backe
Grossvater
wyss
ganzzletscht
ganz wyss.
Weißes Haar und liebe Augen hatte auch Gertrud Burkhalter, als ich ihr 1980 zum ersten Mal persönlich begegnete. Sie war damals 69-jährig, als Bibliothekarin der Pestalozzi-Bibliothek Zürich seit wenigen Jahren pensioniert, und auf einmal fand sie den Mut, ihr Lyrikmanuskript – in jahrelanger, sorgfältiger Arbeit entstanden – dem K.J. Wyss Erben Verlag in Bern zu schicken, der nach einer langen Pause wieder Mundartbücher herausgab, wie sie erfahren hatte. Markus Traber, mein Mann, damals neu Verlagsleiter des Wyss-Verlags, brachte es mir eines Mittags nachhause und bat mich um meine Meinung. Von Gertrud Burkhalter hatte ich noch nie etwas gelesen – und ich staunte über die lyrische Qualität, die sprachliche Sorgfalt, über Klang und Rhythmus der Dialektverse, das auffallend Lautmalerische und die starken Bilder und empfahl deren Publikation aufs wärmste! Das war reinste Poesie!
Es ging dann alles sehr rasch, und der Dichterin aus Zürich kam es vor wie ein Wunder, dass sich ein Verlag derart schnell und mit Begeisterung entschließen konnte, ihr Manuskript herauszugeben. Gertrud Burkhalter kam mehrmals nach Bern zu Besprechungen im Wyss Verlag an der Effingerstraße, und wir luden sie bald einmal zu uns privat zum Essen ein.
Ich mochte die kleine, zierliche Frau mit der hohen, leicht zittrigen Stimme, die so wunderbare Gedichte geschrieben hatte, auf den ersten Blick. Es dauerte jedoch lange, bis sie nach und nach auftaute, ihre anfängliche Schüchternheit, ja Gehemmtheit ablegte und Vertrauen zu uns fasste. Unsere kleine Tochter, noch kein Jahr alt, half wesentlich dazu bei, dass sie sich bei uns wohlfühlte. Mir kam die Dichterin von Anfang an vor wie das verträumte «Blutfuesschind» in ihren Versen, das die Natur, die Landschaft, die Tiere und Menschen in seiner Kindheit auf dem Land mit allen Sinnen aufgenommen hatte. Die letzte Strophe in Rechbärggarte I22 heißt: As chlynichlyni Ching / mit em Gfätterzüüg / ufem wysse Gartegrien / heimer d Meyen / umisume gha / us Honig / win es lüüchtigs Fäud – // u öppis no / us der angere Wäut.
«Frau Burkhalter», wie wir sie nannten – das Du bot sie uns nie an, das wäre damals eher unüblich gewesen – hatte ein Stück weit die kindliche Naivität ins Erwachsenenalter hinübergerettet, und manchmal wirkte sie leicht abwesend, verträumt, wie nicht von dieser Welt. Sie erwähnte einmal, als Kind habe sie Bleistift und Papier wie einen Zauber empfunden, aber nicht gezeichnet, sondern geschrieben, Wörter seien für sie von Anfang an wie Bilder gewesen.
Schon als kleines Kind empfand ich Bleistift und Papier wie einen Zauber. Ich zeichnete nicht; ich schrieb. Wörter waren für mich Bilder. Dem Sinn nach für mich völlig unverständliche Wörter genoss ich nach Klang und Rhythmus. Es waren Bilder und es war Musik in einem; ohne jede Gegenständlichkeit. Mein erstes Spracherlebnis war die Bibel, lang bevor ich sprechen lernte.
Mein Grossvater pflegte nach dem Abendessen gleich am Tisch einen kurzen Abschnitt aus der Bibel zu lesen. Oft waren es Psalmen. Meine Mutter sass neben dem Grossvater und ich, auf ihren Schoss hingestreut, hörte das Wunderbare dieser Worte und nahm sie mit mir in den Schlaf.
Eines Tages, als ich sechsjährig war, bat ich: «Grossvater, lis no einisch das vom Gras u vo de Blueme u vom Mönsch.»
Wenn ich den damaligen Empfindungen nachtaste, so war dies offenbar meine erste Begegnung mit der Lyrik.23
Sie war, was sich bald zeigte, auch erstaunlich weitgereist und weltoffen, hatte nach dem Besuch der Höheren Töchterschule in Zürich (mit Diplomabschluss als Pädagogin) in jungen Jahren Bildungsreisen in Europa (England, Frankreich, Italien, Ungarn, Polen) unternommen und war als Hauslehrerin, Journalistin und zehn Jahre als Privatsekretärin des Schriftstellers und Graphologen Max Pulver (1889–1952) tätig, bevor sie 1946 in der Pestalozzibibliothek in Oerlikon ihre Lebensstelle fand; mit ihrer zurückhaltenden Art fühlte sie sich in der Welt der Bücher wohl. Bereits 1941 war ihr religiöses Laienspiel Das Lehen im Zwingli Verlag in Zürich gedruckt und aufgeführt worden; ein weiteres dramatisches Werk, Moses, ein Schauspiel in fünf Akten, blieb unveröffentlicht. 1943 erschienen ihre ersten Mundartgedichte, Stygüferli, in einer bibliophilen Ausgabe im Verlag Oltener Bücherfreunde, die jedoch rasch vergriffen war, so dass sie die besten Texte später überarbeitete und in Heligeland aufnahm.
Ich erinnere mich gut, dass sie hartnäckig darauf bestand, ihr neuer Gedichtband müsse möglichst einfach aufgemacht sein; sie wünschte sich einen himmelblauen Pappband – und seither finde ich Momänte, wie das Buch betitelt ist, immer problemlos in meinem Büchergestell, die Farbe fällt auf. Himmelblau – das Wort kommt wie die Farbe Weiß häufig vor in ihren Gedichten – passt zu Gertrud Burkhalter, die bei weitem keine altmodische Verseschmiedin war! Die Gedichte dieses späten Lyrikbandes, mehrheitlich zwischen 1955 und 1980 entstanden, sind neu, eigenwillig, manchmal sogar kühn, man könnte sie teilweise der modern mundart zuordnen. Außer den Themen Natur, Landschaft, Liebe, Zeit, Menschen (Ching, Lüt) enthält Momänte auch zeit- und gesellschaftskritische und philosophische Lyrik: über den Hunger in der Welt (Wäutcharte), über Umweltverschmutzung und Zubetonierung der Städte (Vermuureti Matte), über moderne Kommunikationsmittel und die ständige Zunahme des Verkehrs (Ds Armatuurebrätt). Sogar das Meer kommt mehrmals vor, was Burkhalters Weltläufigkeit beweist. Oder ein Momänt wie: Paris / Palermo; zwüschinne / Pieterle, / wo der Tootewäg / der Bluemerein / chrüzt; / äine stotzig / dise gäbig. Oft geht sie spielerisch-verspielt und humorvoll mit Sprache um, mit einer besonderen Affinität zum Lautmalerischen im Dialekt, und kreiert ungewohnte, träfe Wörterzusammensetzungen wie: Gäudasgeitschön, Grediusebrüeu, gibumegänggas. Sogar Satire ist ihr nicht fremd:
Am Telefoon24
jo – jojoo
nei – nenei
i cha scho choo
wo geits de düre?
wo chunsch de här?
vo obenabe?
un i vo ungeruuf
u wenn?
am zwöufi
u wo?
bi der Muur
unger der Uhr –
Bisch du no doo?
isch öpper no do?
s isch niemermee do.
Ich kenne kein besseres Gedicht zum Schweizer Nationalfeiertag, lautmalerisch und mit einem ironischen Unterton, als ihr 1. Ougste:
e Chlapf
e Chlupf
e Chlapf
ke Chlupf
nume no Chlepf
root
blau
gäub
grüen
Farbe
wo kener Farbe sy
e Sunne
wo ke Sunnen isch
e Roose
wo ke Roosen isch
e Garbe
wo ke Garben isch
e Chlapf
e Chlupf
e Chlapf
ke Chlupf
nume no Rouch.
An der Schreibweise, die immer ein Problem ist im Dialekt, arbeitete sie intensiv und sorgfältig, Lauttreue war ihr sehr wichtig, so dass sie zwar die Diethsche Schreibweise (möglichst lautgetreu) übernahm, aber nach ihren Bedürfnissen sinnvoll abänderte und dem Momänte-Gedichtband umfangreiche und heute hilfreiche Wort-Erklärungen beifügte, da sich die Mundart des Berner Seelands wie die meisten Schweizer Dialekte verändert hat und viele Ausdrücke schon nicht mehr gebräuchlich sind. Der Mundartspezialist Dr. Rudolf Trüb (1922–2010), Redaktor am Schweizerischen Idiotikon und Mitherausgeber des Sprachatlasses der deutschen Schweiz, half ihr dabei. Wenn man ihre Gedichte laut liest, hört man die besondere Färbung des Seeländer Berndeutsch deutlich heraus, oft ein O anstelle eines A: Oobe (und nicht Aabe).
Der neue Lyrikband gab ihr Auftrieb und schenkte ihr die verdiente Anerkennung. 1981 – da war sie schon 70-jährig – erhielt sie dafür den Literaturpreis der Schweizerischen Schillerstiftung und 1982 einen Buchpreis des Kantons Bern. Beides erfüllte sie mit großer Dankbarkeit und Freude.
Aus Gertrud Burkhalters Gedichten – vor allem ihren frühen, in den späteren versuchte sie, mehr Distanz zu schaffen, die Themen allgemeingültig zu halten – meine ich viel Persönliches herauszuhören, über das sie, viel zu introvertiert, nicht sprach. Dass sie, ähnlich wie Maria Lauber, als junge Frau eine große, letztlich unerfüllte, schmerzliche Liebe erlebt haben muss, verrät u.a. Wunsch25. Der letzte Vers dieses Gedichts heißt: I möcht es Wort sy wo du seisch, / u chönntisch’s nid vergässe; eso as du’s gäng by dr treisch / für angeri dra z mässe.
Die Mundartdichterinnen Lauber und Burkhalter, beide Mitglied im Berner Schriftstellerinnen-Verein, schätzten sich gegenseitig sehr und waren sich in ihrer Bescheidenheit und Zurückhaltung, von frühen Kindheitseindrücken und Naturerlebnissen auf dem Land geprägt, ähnlich. Beide reisten gerne auch ins Ausland, hatten jedoch rasch Längizyti. Im gleichnamigen frühen Gedicht von Gertrud Burkhalter steht: (...) Aber ds Härz isch wyter gfloge / grediuus, nid chrüz, nid queer; win e Mööve d Fäcke gschlage / hetes über ds töiffe Meer. / Hei i d Schwyz, un über d Bärge / wine wyssi Flocke Schnee / isches zwirblet, u het gjutzet: / I go nümme nümmemeh!26
Sie schrieb am 8.2.1966, nachdem sie den Gedichtband der Gesammelten Werke
