LASH: Von Herzen fies - Mirjam H. Hüberli - E-Book

LASH: Von Herzen fies E-Book

Mirjam H. Hüberli

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Beschreibung

Manchmal reicht ein gemeinsamer Herzschlag aus und er wirkt für die Ewigkeit ... Als Zoe von dem ebenso attraktiven wie undurchschaubaren Mitschüler Sam eine Aufgabe erhält, hegt sie die leise Hoffnung, endlich von ihrem heimlichen Schwarm bemerkt worden zu sein. Sie soll Lash, den Neuen an der Schule, zur Belustigung der Clique ausspionieren. Nicht ahnend, welch finstere Hintergedanken Sam hegt, nimmt Zoe die Herausforderung an. Plötzlich merkt sie allerdings, dass sich hinter Lashs Fassade, mit seiner Wolfgang-Petry-Frisur, dem Faible für Schlagermusik und seiner Höllenmaschine, weit mehr verbirgt als zunächst angenommen. Aber da steckt sie schon viel zu tief in den Intrigen, um urteilen zu können, was richtig und falsch ist – und zu sehen, dass sie gerade kopfüber in ein Gefühlschaos stolpert.

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Seitenzahl: 380

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Beliebtheit




Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1 - Verirrter Donnerstag im Montagsmodus

Kapitel 2 - Wer sagt schon, was richtig ist und was falsch?

Kapitel 3 - Idas Weisheiten: Wünsche muss man aufschreiben, damit sie in Erfüllung gehen

Kapitel 4 - Ich find Schlager toll … *träller*

Kapitel 5 - Gleich und gleich gesellt sich gern

Kapitel 6 - Wer andern eine Grube gräbt …

Kapitel 7 - Yoga, Tarot und andere sphärische Komplikationen

Kapitel 8 - Bitte eine Option auf Plan B?

Kapitel 9 - Ein kleiner Sadist …

Kapitel 10 - Nachtgeflüster

Kapitel 11 - Vom Regen in die Traufe

Kapitel 12- Helene (aka Heino) & Enzo

Kapitel 13 - Ein Lash im Kornfeld

Kapitel 14 - Nichts mehr übrig von der alten Frische

Kapitel 15 - Erste, zweite oder dritte Chance …

Kapitel 16 - Manchmal gehen Wünsche eben doch in Erfüllung …

Kapitel 17 - Vergiss nie: Während du freudig deine Zukunft planst, lacht sich dein Schicksal halb tot

Kapitel 18 - Wenn erfüllte Wünsche nichts anderes sind als ein Irrgarten deiner Psyche

Kapitel 19 - Gegen eine Höllenmaschine ist man machtlos

Kapitel 20 - Auf dem Boden der Tatsachen liegt eindeutig zu wenig Glitzer

Kapitel 21 - Wie ich dir, so ich mir. Oder: I don’t give a fuck

Kapitel 22 - Ich sing ein Lied für dich

Kapitel 23 - Okay, dann springen wir zu Plan Z

Kapitel 24 - Emil, du bist ein Genie

Kapitel 25 - Man muss das Leben (durch-)tanzen

Kapitel 26 - Tanz! – Vor allem aus der Reihe …

EPILOG - Emil gut, alles gut

PLAYLIST

DANKSAGUNG

 

Mirjam H. Hüberli

 

 

LASH

Von Herzen fies

 

 

Liebesroman

 

LASH: Von Herzen fies

Manchmal reicht ein gemeinsamer Herzschlag aus und er wirkt für die Ewigkeit ...

Als Zoe von dem ebenso attraktiven wie undurchschaubaren Mitschüler Sam eine Aufgabe erhält, hegt sie die leise Hoffnung, endlich von ihrem heimlichen Schwarm bemerkt worden zu sein. Sie soll Lash, den Neuen an der Schule, zur Belustigung der Clique ausspionieren. Nicht ahnend, welch finstere Hintergedanken Sam hegt, nimmt Zoe die Herausforderung an.

Plötzlich merkt sie allerdings, dass sich hinter Lashs Fassade, mit seiner Wolfgang-Petry-Frisur, dem Faible für Schlagermusik und seiner Höllenmaschine, weit mehr verbirgt als zunächst angenommen. Aber da steckt sie schon viel zu tief in den Intrigen, um urteilen zu können, was richtig und falsch ist – und zu sehen, dass sie gerade kopfüber in ein Gefühlschaos stolpert.

 

 

Die Autorin

Vor vielen Jahren erblickte Mirjam H. Hüberli, dicht gefolgt von ihrer Zwillingsschwester, in der schönen Schweiz das Licht der Welt. Erst während des Studiums zur Online-Redakteurin wurde ihr bewusst, was sie wirklich will. So beschloss sie, den Schritt aus dem stillen Schreibkämmerchen in die aktive Szene zu wagen, um das zu leben, was das Herz ihr zuflüstert: Eigene Geschichten schreiben.

www.sternensand-verlag.ch

[email protected]

 

1. Auflage, Juli 2020

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020

Umschlaggestaltung: Tabea Hüberli

Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röllig

Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-142-0

ISBN (epub): 978-3-03896-143-7

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Dieses Buch ist für alle, die an den Sternen schnuppern und den Regen biegen, die mit dem Herzen sehen und niemals aufhören, Kind zu sein – für alle, die mit jeder Faser ihres Seins lieben, lachen, weinen und tanzen.

Und diese kleine Weisheit ist nur für Dich: Sei stolz auf Dich, denn Du bist einmalig, vergiss das nicht. Darum traue Dich, hin und wieder aus der Reihe zu tanzen …

 

Kapitel 1 - Verirrter Donnerstag im Montagsmodus

 

Es ist Donnerstag.

Keiner, wie er im Buche steht. Vielmehr scheint es ein verkleideter Donnerstag zu sein, der sich im Montagsmodus verirrt hat – dabei ist die Faschingszeit doch längst vorüber.

Eigentlich bin ich damit beschäftigt, meine Tanzschuhe in den Rucksack zu stopfen, der augenscheinlich viel zu wenig Platz bietet, und gleichzeitig eile ich mit großen Schritten aus der Sporthalle. Ich bin spät dran.

Aber noch während ich den Fuß über die Schwelle setze, bleibe ich aus einem Instinkt heraus stehen. Irgendwas bringt mich dazu, mein Augenmerk vom Rucksack zu lösen und den Kopf zu heben.

Irgendwas? Nein. Irgendwer. Ebendieser fälschliche Donnerstag.

Die Verkleidung zeigt sich in Form eines Typen mit milchiger Haut und Locken, so schwarz wie die Nacht, die viel zu buschig und im gleichen Maße viel zu lang über die Schultern fallen. Ein bisschen erinnert er an eine Jungversion von Wolfgang Petry. Doch anstelle der tausend Freundschaftsarmbänder offenbart sich sein Wahnsinn in der peinlich schrägen Vorliebe für Minions.

Keine Ahnung, wie lange er mich schon im Visier hat. Ungerührt steht er ein Stück neben der Tür und sieht zu mir herüber.

Mir ist sofort klar, dass er nicht aus der Gegend stammt, denn von ihm geht diese typische Ich-bin-hier-fremd-Ausstrahlung aus, und dennoch hat er etwas an sich, das augenblicklich mein Interesse weckt. Warum, kann ich nicht erklären.

Liegt es an dem Ausdruck in seinen Augen – neugierig und forsch zugleich? Vielleicht auch lediglich an seiner viel zu bunten Minion-Jogginghose, die aussieht, als trage er sie seit Anbeginn der Menschheit.

Er macht einen Schritt auf mich zu, als ich die Tür der Sporthalle ins Schloss fallen lasse, und meine Verwunderung wächst.

Was will er von mir?

Er starrt mich einfach nur an.

Sucht er etwas?

Doch bevor ich mir darüber Gewissheit verschaffen kann, erreicht mich ein Zwischenruf: »Hey, Fischer, kommst du endlich?«

Unwillkürlich schweift mein Blick an dem Fremden vorbei und bleibt an Sam haften, der inmitten der Tanzclique steht. Wie immer umschwirren ihn alle wie die Motten das Licht – mich eingeschlossen.

Gibt es nicht für jedes Mädchen diesen einen Jungen, dessen geheimnisvolles Selbstvertrauen alles möglich werden lässt? Plötzlich sind Träume zum Greifen nah. Er ist der eine Junge, für den du dich jeden Morgen aus dem Bett quälst und für den du überhaupt erst zur Schule gehst. Nur um einen Blick auf sein unvergessliches Lächeln zu erhaschen. Der eine, ohne den die Schule nicht dasselbe wäre.

All das verkörpert Sam und er ist einfach unvergleichlich cool. Sein zerzauster blonder Wuschelkopf, dazu die stechend blauen Augen und überhaupt, wie er sich bewegt. Allein sein Lächeln lässt meine Knie weich werden.

Also wie könnte ich ihm nicht verfallen?

»Oder sollen wir ohne dich zum Mäc?« Sams Brauen wandern in die Höhe und sein angehobenes Kinn gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass sie nicht länger auf mich warten werden.

»Ich komme ja schon.«

Ich winke ihm zu – pfft, wie ein kleines Mädchen, total uncool, Zoe! – und vergesse bei Sams Anblick für einen Wimpernschlag alles um mich herum.

Ohne den Fremden weiter zu beachten, gehe ich an ihm vorbei und bekomme eben noch mit, wie sich Kira freundschaftlich bei Sam unterhakt, während Mara und Luca zusammen rumalbern.

Sagte ich ›freundschaftlich‹? Wohl eher flirtend und einschleimend – dummerweise mit Erfolg.

Sobald Sam ihre Hand auf seinem Arm spürt, verzieht sich sein Mund zu einem verführerischen Lächeln. Ein Lächeln, das unglaublich gut zu ihm passt und ihn in meinen Augen nur noch begehrenswerter erscheinen lässt.

Leider ist es mir bislang noch nie zuteilgeworden, aber die Vorzeichen stehen so günstig wie nie. Denn die Qualifizierung zur Teilnahme der Deutschen Streetdance-Meisterschaft steht auf dem Programm und dazu müssen wir oft trainieren. Ergo: Ich werde Sam auch oft zu Gesicht bekommen.

»Hey, Bananaaa«, unterbricht mich eine fremde Stimme. Auf eine undefinierbare Art melodisch und tief. Sie gehört dem Jungen, den ich versucht habe zu ignorieren.

Was spricht der mich einfach von hinten an und dann noch mit diesem Minion-Spruch ›Bananaaa‹, echt jetzt? Tz, ich muss mich wohl verhört haben. Ist der Kerl geistesgestört?

»Ähm, sorry«, wimmle ich ihn ab und bedenke ihn mit einem Seitenblick, ähnlich abschätzig wie der Klang meiner Stimme. Die untergehende Sonne schimmert auf seiner blassen Haut und lässt sie noch ungesünder wirken als ohnehin schon. »Ich habe keine Zeit zum Quatschen.«

Der Junge verzieht den Mund zu einer Grimasse, vielleicht soll es auch der Versuch eines Lächelns sein, auf jeden Fall sieht es höchst dämlich aus. Wie eigentlich alles an ihm. Eine Augenweide ist der Kerl definitiv nicht. »Also, solltest du mit Vornamen Helene heißen, wäre das echt der Wahnsinn.«

Haha, selten so gelacht, bin ich versucht zu erwidern.

Natürlich höre ich einen Spruch dieser Sorte nicht zum ersten Mal. Klar, ich habe blonde Haare, ich liebe Musik und der Nachname Fischer ist auch nicht zu verleugnen, aber damit hört die Gemeinsamkeit mit Helene Fischer auch schon auf. Ich stehe weder auf ihre atemlose Musik noch auf den Glitzer- und Glamourlook, den sie auf der Bühne zur Schau trägt.

»Oh, tatsächlich?«, knurre ich stattdessen sarkastisch, womöglich gar kratzbürstig – wie immer, wenn ich mich unsicher fühle oder mich solch ein dahergelaufener Idiot anquatscht. Zudem kann ich Sams ungeduldige Blicke in aller Deutlichkeit in meinem Rücken spüren. Entschlossen wende ich mich zum Weitergehen.

»Tatsächlich«, sagt der Idiot und ich höre seine Schritte dicht hinter mir.

Läuft er mir etwa hinterher? Der hat sie doch nicht mehr alle …

»Na, wenn nicht Helene, wie heißt du dann?«, hakt er unbeeindruckt nach. »Also mein Name lautet …«

»Okay, du willst es offenbar nicht kapieren.« Schnaubend bleibe ich abermals stehen, lasse meinen Rucksack auf den Boden sacken, weil die ganzen Tanzklamotten und Schuhe langsam höllisch schwer werden. Bemüht gelassen blicke ich ihm direkt in die Augen.

Er sieht mich mit diesem dummen Gesichtsausdruck an. Fast könnte man ihn als Hundeblick bezeichnen, wäre da nicht dieses Funkeln … Wahrscheinlich sollte die Wirkung herzerweichend sein oder mich womöglich mit seiner Minion-Manie anstecken.

Da mich beide Vorstellungen nicht sonderlich reizen, wähle ich eine andere Alternative. »Wie soll ich das höflich formulieren?«

»Versuch es mit der netten Seite der Ehrlichkeit«, schlägt er mir vor und ich bin erstaunt ob seiner Gelassenheit.

»Also gut. Mich interessiert weder dein Name noch werde ich dir meinen verraten, denn zwischen dir und mir liegen ganze Welten und ein Dutzend unüberwindbarer Ozeane, wenn du verstehst, was ich meine. Ich hoffe, das war jetzt nett, ehrlich und deutlich genug.«

Eigentlich rechne ich damit, dass er nach dieser Ansage auf dem Absatz kehrtmacht und verschwindet – macht er aber nicht.

Mit ernster Miene und zusammengezogenen Augenbrauen verschränkt er die Arme vor der Brust. Dieser Zustand hält nicht länger an als ein Wimpernschlag. »Mögliche zwei von drei Punkten«, erwidert er und spricht somit weiter in Rätseln.

Sam murmelt ein paar Worte, die ich nicht verstehe, Kira kichert, Mara ebenso, und mein Herz schlägt augenblicklich einen Takt schneller.

Also lasse ich die kryptische Bemerkung des Typen unverstanden in der schwülen Sommerluft stehen, nicke kurz, während ich den Rucksack schultere, und gehe weiter – diesmal endgültig.

»Sieh ihn dir mal an«, flüstert Kira einen Tick zu laut, denn das ist eine Disziplin, die sie immer noch nicht beherrscht. Wenn jemand das wissen muss, dann ich.

Kira und mich verbindet eine langjährige und komplizierte Freundschaft, die bisher schon allerhand Levels durchlebte und aktuell ein fettes ›undefinierbar‹ trägt, und das in neongrüner und blinkender Leuchtschrift. Meine Freude darüber, dass sie sich kurzfristig für dieses Schulhalbjahr der Tanzcrew angeschlossen hat, hält sich in Grenzen. Viel lieber wäre mir Nicky gewesen, meine beste Freundin. Doch leider hält sie nicht viel von diesem hyperaktiven Rumgehüpfe – um es mit ihren Worten wiederzugeben.

»Und wie der rumläuft. Der ist echt megapeinlich.«

Ich bin mir sicher, auch der fremde Kerl hat das Kompliment über sein Erscheinungsbild mitbekommen, wenn auch unfreiwillig.

Gegen meinen Willen werfe ich einen Blick über die Schulter.

Er steht ungerührt an Ort und Stelle, und sollte ihn die Bemerkung verletzt haben, weiß er das gekonnt zu verbergen.

Während ich ihn mustere, durchfährt mich ein Empfinden, ähnlich einem leisen Ziepen in der Brust. Doch bevor ich es wirklich fassen kann, verebbt es auch schon wieder.

Was ist bloß mit mir los?

Der Wolfgang-Petry-Verschnitt starrt mich bestimmt seit zehn Sekunden schweigend an, streicht sich die langen Haare hinters Ohr und wartet, während weitere Beleidigungen (O-Ton von Luca: »das hässlichste Mädchen der Welt«, Sam: »Schwuchtel mit Geschmacksverirrung«) laut werden, begleitet von Gelächter hinter vorgehaltener Hand.

Ich presse die Lippen zusammen und ebenso gerne würde ich mir die Ohren zuhalten. Trotz allem Gerede bleibt in mir eine Spur der Neugier zurück. Die Frage, was mir der fremde Junge in Minion-Jogginghose, mit einer Frisur, die gar keine ist, gerne sagen möchte.

Für einen Herzschlag treffen sich unsere Blicke und ich bin selbst überrascht, dass ich mir über den seltsamen Typ überhaupt Gedanken mache. Ich kenne ihn doch gar nicht.

»Verdammt, Zoe, in drei Sekunden sind wir weg«, kommt nun die nette Vorwarnung von Kira, dabei stehe ich doch quasi schon neben ihr.

Ich schüttle den Kopf und gleichermaßen entledige ich mich des Restbestands des ziependen Empfindens in der Brust, hebe das Kinn und schließe mich meiner Clique an.

Dass ich mir seinetwegen überhaupt Gedanken mache, diese Tatsache schiebe ich weit von mir und vergrabe sie unter einem Berg Peinlichkeit und Fremdschämen in der hintersten Ecke meines Unterbewusstseins.

Was kümmert es mich, was aus dem Idioten wird? Seine Minion-Freunde werden ihn bestimmt aufpäppeln, ihn mit einer Tonne Bananen füttern und eine dämliche Party nach der anderen für ihn schmeißen.

Kapitel 2 - Wer sagt schon, was richtig ist und was falsch?

 

»Und, Zoe …«, spricht Sam in einem lang gezogenen Atemhauch meinen Namen aus und schließt kurz die Augen – hat er mich jemals zuvor mit meinem Vornamen angesprochen?

Wir sitzen alle eng beieinander, aufgeteilt auf zwei Bankreihen, am Tisch, der draußen vor dem McDonald’s steht, essen Burger, schlürfen unsere Getränke und reden belangloses Zeugs. Wobei ›reden‹ wohl der falsche Ausdruck für das aktuelle Niveau ist.

Seit über zehn Minuten haben sich die anderen pausenlos über den Vollpfosten mit Minion-Jogginghose unterhalten. Ich hatte keine Ahnung, dass er der Neue an der Schule ist, über den die Jungs seit gut einer Woche ablästern wie zwei alte Waschweiber.

Das männliche Geschlecht tratscht nicht weniger als das weibliche. Das ist eine von Omas Weisheiten, die sie stets predigt.

Ich werde das unbestimmte Gefühl nicht los, dass sie recht behält. Ach, haben Omas nicht immer recht?

›Lash‹ nennen die Jungs den Freak und wir haben uns echt über ihn schlappgelacht, denn Luca und Sam geben eine Anekdote nach der anderen zum Besten, darüber, was er sich in der kurzen Zeit, seit er hier ist, alles geleistet hat. Es ist alles dabei: vom chronischen Einhorn-Schokolade-mit-Zuckerstreuseln-Naschen über Bunte-Socken-Tragen (bestimmt mit Minion-Motiven!) bis hin zu seinem peinlichen Rucksack voller kindischer Aufnäher, die eigentlich als Flicken für Kinderklamotten gedacht sind. Außerdem bemalt er während des Unterrichts seinen kleinen Fingernagel jeden Tag aufs Neue und leidet offenbar an einem Labello-Suchtproblem.

Da drängt sich mir prompt die Frage auf: Würde man ihn küssen, hätte man etwa einen Bananengeschmack auf den Lippen? Tja, der Kerl besitzt ein hohes Unterhaltungspotenzial, das ist zweifelsohne klar, doch nun ist die Ergötzungsphase an Lashs Person vorüber und dank seines einzigartigen Unterhaltungswertes in ein anderes Level abgedriftet.

Als Sam die Augen wieder aufschlägt, grinst er mich an und ein verschwörerisches Lächeln umspielt seine Lippen. »Bist du dabei?«

Verdammt, dieser Blick aus eisblauen Augen, als könnte Sam kein Wässerchen trüben. Dabei ist mir bewusst, dass dieser Eindruck trügt. Sam und sein bester Kumpel Luca sind dafür bekannt, dass sie sich gerne einen Spaß daraus machen, Mitschüler zu schikanieren. Deswegen sollte mich sein unterbreiteter Vorschlag eigentlich keineswegs überraschen. Und trotzdem …

»Ich …« Einen Augenblick bin ich sprachlos. Mir fehlen wegen seines dreisten Vorhabens einfach die Worte.

Jedem anderen Kerl hätte ich gehörig die Meinung gegeigt oder bestenfalls einfach auf den Ignoriermodus umgeschaltet, aber Sam Funck zeigt gerade zum ersten Mal so was wie Interesse an meiner Wenigkeit. Hey, es geht hier schließlich um Sam, den heißesten Jungen der Schule.

»Ich kann das nicht …«, stelle ich dennoch klar und meine Stimme schwankt verräterisch. (Ich will das nicht, wäre die richtige Antwort gewesen, doch ich höre nicht auf meine innere Stimme.)

»Mach kein Drama draus«, meint ausgerechnet Kira, die Dramaqueen in Person.

»Hey, Zoe.« Unerwartet streichelt Sam über meine Hand, und seine Berührung lässt mich wohlig erschaudern. Ja, er sieht gut aus – und er weiß es und nutzt es schamlos aus. »Was ist schon dabei? Der Kerl ist ein Loser. Was denkst du, warum ihn alle Welt nur Lash nennt, hä?«

»Keinen Plan«, gestehe ich.

Lash. Was für ein Spitzname.

»Er findet seinen Ursprung im Wort ›lasch‹, denn genau das ist er: ein lascher Waschlappen!«, erklärt Sam bereitwillig, und Luca bestätigt seine Worte mit einem schwungvollen High Five.

»Warum nennt ihr ihn dann nicht Lasch?«, fragt Mara und zuckt mit den Schultern. Ich finde, ihre Frage ist berechtigt.

»Ganz einfach: Um es nicht so offensichtlich zu gestalten, also sprechen wir das Wort englisch aus. Lääääsh. Geniale Idee, oder?«

Die Mädels stimmen Sam lautstark zu und ich lasse mir den Spitznamen auf der Zunge zergehen: Lash.

Ehrlich gesagt klingt das sogar ziemlich cool – doch das behalte ich brav für mich.

Sam schaut mich geradewegs an. Hat er mich angesprochen?

»Was?«, sage ich irritiert.

»Ich habe gefragt, ob du überhaupt ahnst, was mir diese Aktion bedeuten würde?« Er beugt sich über den Tisch, dabei fällt ihm eine blonde Haarsträhne in die Stirn und es lockt mich, danach zu greifen und sie ihm aus dem Gesicht zu streichen. Aber sein Grinsen ist verschwunden, nun bilden seine Lippen eine schmale Linie, und sein Gesicht nimmt einen ernsten Ausdruck an.

»Du würdest meinen Kumpel echt glücklich machen«, mischt sich Luca ein, doch ich höre nicht auf Sams besten Freund.

»Ihr habt leicht reden …«, murre ich vor mich hin und meine es auch genau so, wie ich es sage. Die anderen müssen ja nicht den Lockvogel für den Neuen mimen und ihn dann klammheimlich bei seinen Peinlichkeiten filmen.

»Ach komm.« Erneut greift Sam nach meiner Hand. Wahrscheinlich versucht er dadurch mein ungutes Gefühl zu vertreiben – fast gelingt es. Zumindest gewinnt er wieder meine Aufmerksamkeit. »Lash würde eh nichts davon mitbekommen, ehrlich. Der geht mit Scheuklappen durchs Leben, anders ist sein fragwürdiges Gesamtbild nicht zu erklären.«

»Ha! Ein Spiegel ist für den Typ garantiert ein Fremdwort.« Kira kichert.

»Und Friseure existieren in seiner Welt offenbar auch nicht«, wirft Luca dazwischen und malt mit den Händen in der Luft Lashs Lockenmähne nach. Dabei lacht er am lautesten über seinen Spruch. »Selbst seine Klamotten sind aus dem vorherigen Jahrhundert.«

Alle stimmen in sein Lachen mit ein und auch ich lasse mich davon mitreißen. Habe ich vorhin nicht was ganz Ähnliches gedacht?

Noch mehr hin- und hergerissen schweift mein Blick durch die Runde.

Von Luca, der Sam gerade kumpelhaft auf die Schulter klopft, zu Mara, die nur Augen für Luca hat, weiter zu Kira, und ich bin überrascht. Ihre Aufmerksamkeit gilt mir. Die leicht zusammengezogenen Augenbrauen verheißen nichts Gutes.

Vermassle es bloß nicht, Zoe, scheint sie mir stumm entgegenzuschreien, sei kein Frosch!

»Hey, das wird ein Mordsspaß!« Lucas weiße Zahnreihen blitzen hervor, während er sich die braunen Strähnen aus der Stirn schüttelt.

»Realityshow mal anders«, stimmt Sam ihm augenblicklich zu und die beiden klatschen sich aufs Neue voller Vorfreude ab.

»Also wenn Zoe sich nicht traut, dann mach ich es«, bietet sich Kira aufopfernd an und plustert sich regelrecht auf. Vermutlich passt es ihr nicht in den Kram, dass Sam mich zum ersten Mal wahrzunehmen scheint.

»Nein«, sagt Sam mit einer Bestimmtheit, die keine Widerworte duldet. »Nur mit Zoe funktioniert es. Damit ein Plan aufgeht, muss man sich in die Schlüsselfigur hineinversetzen und verstehen, wie sie agiert und handelt, was sie will und was nicht. Und Lash hat sich nun mal Zoe ausgesucht.«

Schlagartig richten sich alle Augenpaare auf mich. Und ich? Ich kaue unbehaglich auf meiner Unterlippe herum.

Warum muss es ausgerechnet ich sein? Ich will das nicht …

»Hey, in welchem Land leben wir?«, protestiere ich vehement. Als ob das so einfach wäre: Ein Kerl wählt ein Mädchen aus und damit hat es sich? Pfft, dass ich nicht lache! »Der Idiot hat mich nicht ausgesucht.«

Warum fühlen sich die Widerworte denn so merkwürdig an?

Sam zieht die Brauen nach oben und Kiras Mund formt eine eindeutig zweideutige Schnute, die nichts anderes bedeutet als: Sorry, Schätzchen, nur die hässlichen Typen stehen auf dich! Dann spricht sie mit einem Unterton weiter, der mir gar nicht behagt: »Da wäre ich mir nicht so sicher.«

»Warum hat er dann nur dich angequatscht?«, gibt Mara zu bedenken, dabei kräuselt sich ihre Stirn und sie streckt auf eine höchst merkwürdige Art und Weise die Nase in die Höhe, wie immer, wenn sie etwas von Bedeutung sagt. »Wir standen alle vor der Sporthalle, doch nur mit dir wollte er reden.«

»Er scheint sogar auf dich gewartet zu haben.« Ich sehe Luca an, dass er sich hinter seinem Pappbecher ein hämisches Grinsen verkneift.

Na toll. Richtig großartig.

»Hey, sieh es mal von der positiven Seite.« Auch in Sams Augen tanzt ein Funke der Belustigung, während er sich einen großen Schluck Cola genehmigt. »Du bist dann mittendrin statt nur dabei.«

»Oh, was für eine Ehre«, raune ich zynisch.

Ja, okay, mir ist deutlich anzuhören, wie genervt ich bin, aber ich bin nun mal ein harmoniesüchtiger Mensch. Es geht gegen mein Naturell, jemanden in die Pfanne zu hauen.

Wenn ich mich allerdings weigere, weiß ich, dass ich es bei Sam für immer verkackt habe. Also, was zur Hölle soll ich tun? Nun ist guter Rat teuer. Und mein Sternzeichen (Waage, verflucht seist du!) ist nicht wirklich dafür bekannt, entscheidungsfreudig zu agieren. Das Einzige, was ich mit Gewissheit sagen kann, ist: Ich stecke in einer beschissenen Zwickmühle.

»Hey, das wird richtig cool und lässt uns die ätzend langweiligen Tage vor den Sommerferien wenigstens halbwegs überstehen.« Und da passiert es – Sam schenkt mir dieses eine verführerische Lächeln, das ich schon seit Monaten anschmachte, und zum allerersten Mal gilt es mir. »Stell dir nur mal vor, wie witzig das wird. Wer freiwillig so einen potthässlichen Rucksack in der Gegend herumschleppt und seine Fingernägel lackiert, hat sicherlich einiges zu bieten.«

Na ja, an seinen Worten ist was Wahres dran. Allein der Blick in seinen Kleiderschrank ist vermutlich Gold wert.

»Hm, vielleicht«, sage ich und die Beklemmung in der Brust verebbt allmählich. »Es könnte tatsächlich amüsant werden.«

»Ja, voll«, erwidert Luca mit dem verschmitzten Gesichtsausdruck eines kleinen Jungen.

»Zoe Fischer, die rasende Reporterin – haha!«, fängt Sam schallend an zu lachen und zieht zu meinem Unbehagen die Aufmerksamkeit der ganzen vorbeigehenden Menschen auf sich. »Ehrlich gesagt glaube ich, wir erweisen Lash und der gesamten Welt damit einen Gefallen, indem wir uns seiner annehmen.«

»Hä?«, mache ich begriffsstutzig. »Ich verstehe nicht …«

Habe ich was Essenzielles verpasst? Doch nicht nur ich, alle am Tisch starren Sam aus großen Augen an.

»Na, ist doch logisch.« Sam breitet die Arme aus und verschränkt dann die Hände hinter dem Kopf. »Überlegt mal: Was ist das Wichtigste überhaupt, wenn man neu an einer Schule ist?«

»Sich anzupassen?«, sagt Mara und klingt so unsicher, als säßen wir in der Schule bei einer mündlichen Prüfung.

»Herauszufinden, wo die coolen Kids abhängen«, meint Luca und nickt sich selbst zustimmend zu.

»Das auch. Klar«, entgegnet Sam und lehnt sich noch ein Stück nach hinten.

Diese Körperhaltung und dazu das süffisante Grinsen – irgendwie wirkt er in dem Augenblick ganz schön arrogant, doch gleichzeitig strahlt er Charme und Faszination aus. Eigenschaften, die nicht zu verachten sind.

Er löst seine verschränkten Hände und lässt sich nach vorne fallen, während er theatralisch den Zeigefinger hebt. »Aber in erster Linie eines: neue Freunde zu finden.«

Ein kollektives Nicken macht die Runde.

Sam gehört zu der Sorte Jungs, die ganz genau wissen, was sie sagen müssen, um die Leute auf ihre Seite zu ziehen und von ihrem Vorhaben zu überzeugen, mag es auch noch so abwegig erscheinen. Doch ebenso gehört er zu jener Sorte, die um Mitternacht mit einer Höllenmaschine vor dein Haus braust und dich in ein ungewisses Abenteuer entführt, so atemberaubend, dass du es dein Leben lang nicht mehr vergessen wirst. Jener, die man überraschenderweise ungeniert seinen Eltern vorstellen kann, mit dem Wissen, dass sie diese genauso blenden wird wie den Rest der Menschheit. Eigentlich der perfekte Freund, wäre da nicht die Bad-Boy-Schattenseite …

»Und mit unserer Aktion geben wir dem Neuen genau das«, sagt Sam mit Nachdruck und einer Überzeugung, die auch den letzten Anteil von Zweifel wegradiert. So gewichten seine Worte mehr und mehr die Lash-Operation-Waagschale in mir. »Das Gefühl, Freunde gefunden zu haben. Das Gefühl, dazuzugehören. Versteht ihr?«

Mist, das verstehe ich tatsächlich.

Jetzt hat Sam es geschafft.

»So was von wahr«, sagt Kira und dann kassiert Sam von allen Seiten Zustimmung.

Auch ich seufze ergeben und ringe mir ein Nicken ab.

In diesem Moment wendet sich Sam mir zu und ich erwidere den Blickkontakt. Seltsamerweise kann ich den Ausdruck in seinen Augen nicht definieren, erkenne schemenhafte Umrisse meines eigenen Oberkörpers in seinen geweiteten Pupillen – ziemlich freakig.

Warum muss ich bei diesem Szenario plötzlich an eine Mutprobe als Aufnahmeritual für so eine dämliche Studentenverbindung denken, wie man es gemeinhin aus Filmen oder Serien kennt?

»Da nun alle Einzelheiten geklärt sind, bleibt nur noch eine Sache: Wann kann die Operation Lash-TV starten?«, fragt er und zwinkert mir zu, als hätte er meine Gedanken erraten.

Noch immer hänge ich dem undefinierbaren Gesichtsausdruck nach. Sam beherrscht seine Mimik perfekt – ähnlich einem Schauspieler – und eigentlich weiß man nie genau, woran man bei ihm ist. Leider gehört Sam auch zu jener Sorte Jungs, die, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Riesendummheit begehen.

Bei ihm verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß, und er bewegt sich immerzu in einer Art Grauzone. Er lebt nach seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten und scheint damit echt gut zu fahren. Das zumindest reime ich mir aus dem zusammen, was ich von ihm mitbekomme.

Hm, vielleicht macht seine zwielichtige Mischung diese unbändige Faszination aus?

»Erde an Zoe, Erde an Zoe«, sagt Kira ungeduldig, weil ich Sams Frage unbeantwortet in der schwülen Sommerluft stehen lasse.

Hat sie mich eben mit einem Papierknäuel beworfen? Tz … Ich schaue sie nicht an. Nein, ich brauche Klarheit.

Im Innern versuche ich im Schnelldurchlauf eine Liste aufzustellen, was richtig ist und was falsch – eine Art Spleen von mir, alles zu kategorisieren, um dem jeweils aufkommenden Chaos Herr und Meister zu werden.

Ist es nicht das, was wir uns alle wünschen, Anschluss zu finden?, biege ich mir mit dem ersten Punkt auf der Liste die Wahrheit zurecht.

Nicht allein und einsam sein, Freunde finden?, belüge ich mich weiterhin mit dem nächsten Punkt – und zwar erfolgreich.

Und ich, Zoe Fischer, werde Lash helfen, sich besser zu fühlen, jawohl!, bekräftige ich mit dem dritten und zugleich letzten Punkt meinen Entschluss, wenn auch mit einem Schub falsch gepolten positiven Denkens.

Der Schub verpufft von einer Sekunde auf die andere. Im selben Moment verstehe ich, dass ich mein Schicksal nicht selbst in der Hand habe. Nein, das Universum spielt mit mir, als wäre ich ein willenloser Tennisball, der im Match hin und her geschleudert wird.

»Ich wäre für: Wir starten jetzt gleich.« Sam schaut nach wie vor mich an.

Wir? Damit bin dann wohl einzig und allein ich gemeint.

Aber Sams Blick verändert sich und driftet an mir vorbei. Mit zwiespältigem Gefühl nehme ich dieselbe Richtung auf, ahne, was ich gleich sehen werde, und flehe inniglich, dass ich mich irre. Kurz halte ich den Atem an.

Dann hauche ich: »Tja, wenn man vom Teufel spricht …«

Verdammt!

Lash.

Sein Wiedererkennungswert ist unbestreitbar hoch. Mit einem Milchshake in der Hand – ich tippe auf Banana! – und einem pink-rosa Blümchenhelm steht er ein paar Schritte hinter mir und visiert soeben einen freien Platz unweit von uns an.

»Seht nur, sein Kinderrucksack«, fiept Mara.

Tatsächlich baumelt an seiner Seite dieser kindische Rucksack mit zig Aufnähern und dabei erhasche ich auch einen Blick auf seinen kleinen Fingernagel – er leuchtet in einem hässlichen Froschgrün.

Kira stupst Sam von der Seite an, dann beugt sie sich tiefer über den Tisch. »Und die ekligen Klamotten hat er bestimmt aus einem schmuddeligen Secondhandshop.«

»Schaut nicht zu lange hin, Mädels, sonst bekommt ihr Augenkrebs«, warnt uns Sam und schüttelt den Kopf. Er legt seine Hand – einer Denkerpose gleich – ans Kinn und seufzt. »Dank Typen wie ihm erreicht der Begriff ›Fremdschämen‹ eine neue Ebene.«

Okay, er ist wahrlich kein Leckerbissen, doch warum müssen solche Idioten dann auch immer noch solche kranken Freaks sein? Ich kapiere das nicht. Da sind Beleidigungen doch quasi vorprogrammiert …

Dafür realisiere ich im selben Moment und voller Wucht, worauf ich mich eingelassen habe. Es ist, als könnte ich für den Bruchteil einer Sekunde mit messerscharfem Verstand in die Zukunft blicken. Und was ich sehe, gefällt mir nicht. Mir schwant Übles, das wird böse enden …

»Oh Mann«, stöhne ich – eigentlich ist es an mich selbst gerichtet, aber es passt so gut zur Unterhaltung, dass keiner es registriert.

Und obwohl mir der Blick in die Zukunft durchaus bewusst ist und ich mich vermutlich in wenigen Minuten selbst dafür verfluchen werde, dass ich diesen Deal (wie ich es nennen würde) eingegangen bin, komme ich nicht umhin, die Alarmglocken zu ignorieren.

Aber halt mal, hat nicht alles und jeder im Leben eine B-Seite? So oder so. Mit folgendem Entschluss lasse ich die Alarmglocken verstummen: Okay, das alles wird nicht nur eine amüsante Erfahrung, sondern ich werde Lash damit auch irgendwie helfen. Und wenn ich dadurch, so ganz nebenbei, Sam endlich etwas näherkomme, kann ich doch nur gewinnen.

Richtig?

Ich nicke.

Richtig.

 

»Zoe … Zoe … Zoe … Zoe … Zoe …«, schreit meine Clique im Chor.

Luca trommelt auf die Tischplatte, und Kira klatscht dazu im Takt in die Hände. Sie kriegen sich kaum noch ein, weil Lash zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf der Bildfläche erschienen ist, und drängen mich mit ihren aufmunternden Rufen dazu, Nägel mit Köpfen zu machen.

»Zoe … Zoe … Zoe …«

»Schreit doch noch lauter«, unterbreche ich sie zischend und versuche, das Glühen meiner Wangen mit einem energischen Schnauben wegzupusten. »Ich glaube, der Kerl auf der anderen Straßenseite hat euch noch nicht gehört.«

Immerhin bekommt das Objekt der Begierde von alledem nichts mit. Lash hat schon die ganze Zeit über Kopfhörer über die Ohren gelegt und bewegt rhythmisch den Kopf hin und her – offenbar zieht er sich eine Ladung Musik rein; welche, das möchte ich lieber nicht wissen.

Wenn mich der Schein nicht trügt, hält er nicht etwa ein Handy, sondern so eine uralte Kiste in den Händen. Ist das etwa ein Walkman?!

»Na los, worauf wartest du, Fischer?«, fordert mich Sam auf und deutet mit dem Kopf zu Lashs Tisch hinüber. »Steh auf und quatsch ihn an.«

»Phase eins wird eingeleitet«, grölt Mara in ihrer Singsangstimme, doch gerade als ich mich erheben möchte, surrt mein Handy auf dem Tisch, also bleibe ich kurzerhand sitzen und greife danach.

»Ähm … okay?«, entweicht es mir und ich glotze verwirrt aufs Display.

Dachte ich eben noch, Lash hätte zum Glück von alldem nichts mitbekommen, belehrt mich das Schicksal eines Besseren.

Eine Facebook-Mitteilung. Aber hallo? Welcher normale Jugendliche benutzt denn heutzutage noch Facebook, um sich zu vernetzen? Nun ja, offenbar dieser eine. Mit Namen Bastian Leist.

»Was ist los?«, fragt Sam gehetzt und deutet mir mit dem Arm die Richtung. »Worauf wartest du?«

Als Antwort schenke ich ihm ein leicht hysterisches Gackern, ohne aufzusehen.

Keine Sekunde später hebe ich, immer noch perplex, den Blick vom Display und linse möglichst unauffällig zum Nachbartisch hinüber. Lash hält uns nach wie vor den Rücken zugewandt, trommelt mit den Fingern den Beat der Musik und schaut uns nicht an. Doch das Bild, das auf meinem Handy erschienen ist, zeigt eindeutig ihn.

Ist es möglich, dass er uns gar nicht gesehen hat und das alles hier nur ein Riesenzufall ist?

»Okay, okay, ich habe versprochen, bei dem heimlichen Lash-TV mitzuspielen«, sage ich plötzlich mit sicherer Stimme und gleichzeitig klingt es verdächtig nach einem Aber.

Ich lege eine Pause ein, die theatralischer rüberkommt als geplant, weil ich in der Zwischenzeit Bastian Leists (aka Lashs) Profil anklicke. In seiner Chronik ist außer seinem Profilbild nichts Besonderes zu entdecken.

Mein Finger schwebt über dem Freundschaftsanfrage-Button und ich verspüre einen Anflug von Neugier.

Was für eine rätselhafte Welt wird Lash hinter diesem einen Button preisgeben? Sofort der nächste Blitzgedanke: Wie sieht das bei mir aus? Was wird er über mich alles in Erfahrung bringen können, wenn ich seine Anfrage akzeptiere?

In Erinnerung überfliege ich kurz die letzten geposteten Beiträge – die müssen Monate zurückliegen. Und wenn, dann ging es eh nur ums Tanzen.

Also annehmen oder nicht? Draufklicken oder ignorieren?

Beim nächsten Atemzug kommt mir eine Idee. Entschlossen hebe ich meinen Blick vom Handy, schaue der Reihe nach einen nach dem anderen an und verharre bei Sam. »Ich werde es tun, aber zu meinen Bedingungen, klar?«

Keiner sagt was.

Keiner löst sein Augenmerk von mir.

Alle hängen wie gebannt an meinen Lippen, dabei ist bereits alles gesagt. Kam das nicht deutlich genug rüber?

»Klar?«, versichere ich mich ein weiteres Mal.

Auch dieses Nachfragen gilt in erster Linie Sam. Ich kann ihm ansehen, dass er diesen fordernden Befehlston nicht gewohnt ist, dennoch ist er der Einzige, der den Mund aufkriegt: »Klar.«

Ich nicke und spüre die Erleichterung, die sich in mir ausbreitet.

»Und wie sehen die aus?«, will Mara nach einer gefühlten Ewigkeit der Stille wissen. »Deine Bedingungen, meine ich.«

Na toll, ich habe doch selbst null Plan. Komm schon, Zoe, füttere deine Gehirnwürmer mit Koffein, damit sie sich in Aktion schmeißen.

Ich sauge an meinem Strohhalm, länger als nötig, und sage schließlich das Erste, was mir einfällt: »Ich starte mit der Operation, wann ich es will. Und ich mache es so, wie ich es will.«

Hm, das klingt gar nicht mal schlecht.

»Ja, voll.« Das kommt von Luca – ›Ja, voll‹ ist sein zweiter Vorname. »Was sonst?«

»Für dich muss es passen«, sagt Sam und nickt mir zu. Wie er mich anschaut, als betrachtete er mich plötzlich mit ganz anderen Augen.

»Sehe ich genauso«, stimmt ihm Mara zu.

Nur Kira gibt keinen Laut von sich und starrt mich finster an.

Was habe ich denn jetzt wieder verbrochen? Im Zeitraffer rekonstruiere ich die vergangenen Minuten und kristallisiere zwei mögliche Fettnäpfchen heraus, die ich erwischt haben könnte. Beide beginnen mit demselben Ansatz:

Was fällt mir ein …

… Sam solche Widerworte zu geben?

… zu bestimmen, wo es langgeht?

Und noch während ich den Fettnäpfchen einen Namen gebe, fällt mir ein weiteres ein, das eigentlich keines ist.

Kira dachte, ich kneife, und hat fest damit gerechnet, meinen Part übernehmen zu können, um bei Sam zu punkten.

Ihre zusammengepressten Lippen sind Antwort genug, doch zu ihrem Leidwesen interessiert es mich nicht die Bohne.

Ich habe die Spielregeln festgelegt und alle haben sie akzeptiert – und ja, so was fühlt sich verdammt gut an. Daran könnte ich mich gewöhnen.

Mit einem zufriedenen Lächeln aktiviere ich mein Handy und kehre auf Facebook zurück. Nur mit halbem Ohr höre ich dem Gebrabbel meiner Freunde zu und dann passiert es … mein Schussel-Gen hat zugeschlagen.

Immerhin wird mir dadurch der Entscheidungszwiespalt abgenommen, ob ich Lashs Freundschaftsanfrage annehme oder nicht, denn allem Anschein nach habe ich beim Aktivieren des Displays auch gleich die Anfrage bestätigt. Auf diese Weise tauche ich ein in eine Welt, die mir bislang verwehrt blieb.

»Hey, der benutzt irgendeinen schrottreifen Kasten, um Musik zu hören.« Kiras Stimme verirrt sich in einer Tonlage, die mindestens eine Oktave zu hoch ist.

»Einen Walkman«, verbessere ich sie geistesabwesend, denn mein Blick huscht automatisch über Lashs Infos und scannt die Angaben. Er wohnte bisher offensichtlich in München. Warum man von dieser Stadt freiwillig nach Würzburg umzieht, ist mir schleierhaft! Ich betrachte Dutzende Bilder (von Menschen, die ich nie zuvor gesehen habe, nie kennenlernen werde und die mit dem nächsten Klick bereits wieder in Vergessenheit geraten) und diverse belanglose Posts über Kaninchen.

Ich erfahre sein Geburtsdatum (29.05.), jedoch nicht das Jahr, dafür das Sternzeichen (Zwilling), ebenso dass er sich nicht in einer Beziehung befindet (nicht dass es mich interessiert hätte!), doch innerhalb weniger Millisekunden quillt mein Gehirn über vor lauter überflüssigen Informationen.

Ich gönne meinem Kopf eine Verschnaufpause und lege das Handy beiseite.

»… nein, einfach nein«, sagt Sam in diesem Moment und strafft die Schultern. Ich habe keinen blassen Schimmer, über was hier gerade gesprochen wird. »Ihr wollt euch seine Musik garantiert nicht antun.«

»Warum, verursacht die etwa Ohrenkrebs?«, fragt Kira und findet sich unglaublich witzig.

Sam deutet mit dem Zeigefinger auf sie – selbst das sieht bei ihm aus wie die coolste Geste, die es gibt. »Du hast es erfasst.«

Keine Ahnung, warum ich nichts über Lashs Freundschaftsanfrage verrate oder nicht gleich all seine freakigen Kaninchen-Fotos herumzeige. Ach Quatsch, wenn ich ehrlich bin, weiß ich es sehr genau. Es erscheint mir einfacher, zu agieren, wenn ich die Zügel in der Hand halte.

Aber ganz für mich behalten kann ich es trotzdem nicht, also füge ich meiner Ansage von vorhin folgenden Zusatz hinzu: »Ich darf frohen Mutes verkünden: Phase eins ist eingeleitet.«

Kapitel 3 - Idas Weisheiten: Wünsche muss man aufschreiben, damit sie in Erfüllung gehen

 

Seit mehr als einer Stunde liege ich im Bett, habe die Augen weit offen und komme nicht zur Ruhe. Gandalf, Idas schwarzer Kater, hat es sich auf meiner Brust gemütlich gemacht und trägt nicht wesentlich zu meiner Beruhigung bei, weil sein Schwanz unentwegt hin und her pendelt.

Mit der Faust zerknautsche ich mein Kopfkissen, gleichzeitig drehe ich mich vorsichtig auf die Seite, sodass Gandalf neben mir zu liegen kommt, und starre an die Wand, während meine Finger an der Maserung des Rauputzes entlangfahren.

Was war das für ein verrückter Tag!

Erst dieser kranke Lash, dann nimmt Sam (nicht zuletzt wegen dieses Freaks!) zum ersten Mal wirklich Notiz von mir und am Ende habe ich diesen abgefahrenen Deal in der Tasche.

Zumindest kann ich behaupten, dass es heute nicht langweilig war, und ich gehe davon aus, dass auch die kommenden Tage einiges zu bieten haben werden. Eigentlich nicht überraschend, dass mein Innenleben gerade übersprudelt vor lauter Hormonschüben, Gefühlswirrwarr und Adrenalinchaos.

Seufzend drehe ich mich wieder auf die andere Seite, als ein Vibrieren meine Aufmerksamkeit erregt.

»Ah, endlich, Nicky«, raune ich in die Stille und taste blindlings die schmale Ablage hinter dem Kopfteil meines Bettes ab.

Zu meiner Verwunderung hat meine Freundin bisher überhaupt nichts auf meine letzte WhatsApp-Nachricht entgegnet – es ging natürlich um Sam.

Okay, okay, schon klar, ich schwärme ihr ständig und überall die Ohren von ihm voll (ein Wunder, dass ihr die Ohren noch nicht abgefallen sind!), aber das heute, ja, das hat sich anders angefühlt. Etwas hat sich zwischen ihm und mir verändert.

Gedankenverloren aktiviere ich das Display, blinzle ein-, zweimal wegen der Lichtquelle und brauche dennoch einen Augenblick länger, ehe mir bewusst wird, dass eine neue WhatsApp-Nachricht von Nicky eingegangen ist. Sie rät mir mal wieder dazu, nicht zu euphorisch zu reagieren und mich endlich in einen anderen Typen zu verlieben. So fällt auch meine Antwort wie immer aus und ich tippe zum gefühlt hundertsten Mal die Worte ins Chatfenster:

 

Ich folge der Stimme meines Herzens …

 

Aber mir blinkt noch eine andere Mitteilung entgegen.

»Eine PN per Messenger?«, raune ich verwirrt. Meine Brauen wandern beinahe bis zum Haaransatz und mein Magenrumoren verrät mir, dass ich sofort weiß, von wem die Nachricht kommt – mein Bauchgefühl behält recht.

Der hat mir gerade noch gefehlt …

Als ich die Nachricht im Vorschaufenster herunterziehe, steht es schwarz auf weiß:

 

Bastian Leist

Hey, ich bin Basti.

Wir sind uns heute Nachmittag bei der Sporthalle begegnet und haben kurz geredet, du weißt schon, von wegen Helene Fischer und Verwandtschaft. ;)

Aber eigentlich wollte ich …

 

Mehr ist dem Vorschaumodus nicht zu entnehmen.

Ohne es jedoch ganz zu lesen, schmeiße ich das Handy auf die Bettdecke und schüttle den Kopf. Ich habe keinen Nerv für eine weitere Dosis Lash.

Mein Blick wandert zum Fenster. Fahles Silberlicht strömt durch das Rollo hindurch, das nur halb geschlossen ist.

»Was hat der Kerl nur immer mit Helene Fischer?«

Schon wieder schüttle ich den Kopf – diesmal allerdings eher ob meiner peinlichen Selbstgespräche.

Durch den Spalt des Rollos beobachte ich eine Wattebausch-Wolke, die gemächlich vor dem Mond vorüberzieht, und genau in dieser Sphäre schwirrt auch mein Geist umher. Nicht mehr lange, dann beginnt die Phase der Sternschnuppen – ihnen haftet wahrlich etwas Märchenhaftes an. Es ist die perfekte Zeit, um sich etwas zu wünschen. Ich liebe die Vorstellung, dass so was wie Magie und Wunder wirklich existieren. Kindisch? Schon möglich. Kitschig? Vielleicht, ja. Freakig? Ha, mit Garantie.

Noch während ich darüber nachdenke, schlage ich die Bettdecke zurück (vergrabe Gandalf darunter, was ihn nicht weiter stört) und wische mit dieser Handbewegung Lash endgültig aus meinem Kopf, schwinge die Beine über das Bettgestell und stehe auf. Der Dielenboden knarzt unter meinen nackten Füßen und ein leichter Schauder erfasst mich, als ich das Holz spüre. Es ist auf eine wohlige Art kalt. Erst kann ich es nur an meinen Fußsohlen fühlen, dann klettert die Abkühlung Stück für Stück an meinen Beinen empor. Gleichermaßen besitzt sie etwas Beruhigendes.

Entschlossen gehe ich aufs Fenster zu, ziehe das Rollo nach oben und mache den Fensterflügel auf. Mit einem tiefen Atemzug stütze ich mich mit den Händen auf der Fensterbank ab. Als Erstes strecke ich schnuppernd die Nase in den lauen Wind, dann sauge ich die frische Nachtluft ein. Unwillkürlich fallen mir die Augen zu und ich tue nichts weiter, als ein- und auszuatmen.

»Ach, das tut gut.«

Sanft lächelnd schlage ich die Augen wieder auf, lehne meinen Kopf gegen den Fensterrahmen und betrachte die Umgebung, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Nichts ist zu hören, nicht einmal das Blätterrauschen des Birnbaumes, obwohl er direkt vor meinem Fenster steht. Beinahe ist die Stille dieser friedlichen Juninacht greifbar.

Hoffentlich bleibt das schöne Wetter eine Weile beständig. Eigentlich sehne ich mir einen Bilderbuchsommer herbei, denn wir werden mit der Tanzcrew viel draußen trainieren müssen, wenn wir uns für die Meisterschaft qualifizieren möchten. Ein hochgestecktes Ziel, klar, aber einen Versuch ist es allemal wert. Und wenn alle Stricke reißen, hatten wir immerhin unseren Spaß zusammen (und ich noch dazu viel Zeit mit Sam!), das ist sowieso die Hauptsache.

»Oh, war das eben eine Sternschnuppe?«

Staunend fixiere ich den Punkt am Firmament.

»Wünsch dir was, Zoe«, flüstere ich in die Nacht hinein und schmunzle, weil ich sehr genau weiß, wonach sich mein Herz sehnt, und so hauche ich kaum hörbar: »Ich will endlich den einen Jungen küssen, für den mein Herz schlägt.«

Mein Wunsch wird von einem tiefen Seufzer begleitet und ich kann förmlich spüren, wie sich ein Schatten über mich legt. Es ist nämlich so: Manchmal fühlt es sich an, als ob ein Fluch auf mir läge. Ich weiß natürlich, dass das völliger Blödsinn ist, und dennoch werde ich diesen fiesen Gedanken nicht los. Zum Teufel, warum sonst bin ich die Einzige in meiner Klasse, die noch nie geküsst wurde – bestimmt! Schließlich bin ich bald siebzehn. Okay, ich rede nicht von einem flüchtigen Kuss auf den Mund wie bei Lars oder Flori, meinen ersten beiden Möchtegern-festen-Freunden, auch nicht von einem Kuss aus der Kategorie ›Flaschendrehen‹. Nein, ich rede von Feuerwerk im Herzen, Schmetterlingen im Bauch und dieser Schwerelosigkeit, die einen alles rund um sich herum vergessen lässt.

Will ich womöglich zu viel?

Eine Frage, die ich schon an die Million Mal mit Nicky durchgekaut habe – ohne Ergebnis. Die letzte Diskussion endete in etwa mit folgenden Worten: »Zoe, Hasi, du hast einfach zu hohe Ansprüche. Wobei du dein Herz besser einem anderen schenken solltest, einem, der es wirklich verdient.« Tja, Nicky hält nicht allzu viel von Sam. Sie mag es nicht, wie er mit Menschen umspringt …

»Hey, ich habe nicht zu hohe Ansprüche. Das stimmt nicht. Wirklich nicht«, protestierte ich blitzartig, aber sie tat meine Widerworte mit einem Kopfschütteln ab und seither hält sie an dieser Überzeugung fest.

Aber ernsthaft, ich habe doch nicht zu hohe Ansprüche, nur weil ich weiß, von wem ich meinen ersten leidenschaftlichen Kuss bekommen möchte. Bestimmt lasse ich mich nicht von irgendeinem dahergelaufenen Kerl abknutschen. Ich meine, sollte ein Kuss nicht etwas ganz Besonderes, ja womöglich etwas Magisches sein? Mit jeder Menge Herzklopfen und Bauchkribbeln?

Wer weiß, vielleicht liegt in diesem Sommer der Zauber des einen, ganz besonderen Kusses verborgen. Wenn ich Glück habe, geht mein Sternschnuppenwunsch in Erfüllung.

Unwillkürlich fällt mir eine weitere Weisheit von Ida ein – die Ratschläge meiner Oma sind untrennbar mit meinem Leben verflochten. Wen wundert’s, sie hat echt für jede Lebenslage unzählige Tipps.

Allerdings habe ich die Sache mit den Wünschen bisher nur müde belächelt, obwohl sie es stets mit erhobenem Zeigefinger und resoluter Stimme zu predigen weiß: Wünsche muss man aufschreiben, damit sie in Erfüllung gehen! Und auf die Weisheiten seiner Oma sollte man immer hören, nicht wahr? (Zumindest ist das eine weitere Weisheit von ihr.)

»Mensch, Ida, du mit deinen verrückten Ideen«, stöhne ich mit unterdrückter Stimme und hoffe, sie hat mich nicht gehört.

Ich nenne meine Großmama freundschaftlich beim Vornamen. Sie bewohnt das Erdgeschoss des Hauses – ihres Hauses! – und wir leben in der oberen Etage. Einen Großteil meiner Kindheit habe ich bei ihr verbracht, wenn Mama und Papa beide arbeiten waren. Ida hat langes rotes Haar, darin einzelne graue Strähnen, die immer mehr die Oberhand gewinnen. Ihre Haarpracht trägt sie meist glamourös auf ihrem Kopf aufgetürmt und ihr Hals ist über und über mit Bernsteinketten behängt.