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In Deutschland gibt es mehr als 2,6 Millionen alleinerziehende Eltern, ein großer Teil fühlt sich in dieser Familiensituation stark belastet und oft von der Gesellschaft alleingelassen. Die Reportagen und Interviews in diesem Buch erzählen Geschichten von alleinerziehenden Müttern und Vätern, die neuen Lebensmut durch die Teilnahme an einem speziell für Ein-Eltern-Familien entwickelten Programm gefunden haben: wir2 – Bindungstraining für Alleinerziehende. Mit Glossar, Literaturhinweisen, Links, Adressen und Telefonnummern für Ansprechpartner in der Praxis
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Prof. Gunter Thielen (Hg.)
Rocco Thiede
Lasst uns nicht allein!
Was Alleinerziehende und ihre Kinder nach der Trennung brauchen
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2022
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Sabine Hanel, Rohrdorf
Covermotiv oben: © Photoatelier ISO25
Covermotiv unten: © Rocco Thiede
E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau
ISBN Print: 978-3-451-38762-3
ISBN E-Book (E-Pub): 978-3-451-82729-7
»Walter Blüchert wäre begeistert, wenn er das noch erlebt hätte«
»Armut an Geld und Armut an Beziehungen – das sind die beiden großen Krankmacher bei Alleinerziehenden«
TEIL I: wir2ambulant – der erste Schritt zur Hilfe
»wir2 wurde mein Anker im Alltag«
»Ein strukturiertes Programm und keine Quatschgruppe«
»Als Eltern wollen wir weiter im Sinne der Kinder funktionieren«
»Das wird gut laufen«
»Für mich ist das Thema Trennung noch sehr präsent«
»Das Leben muss weitergehen«
»Egal, wie sehr wir uns in den Haaren liegen, das durfte nie auf Kosten des Kindes gehen«
»Geht zu den Rändern!«
TEIL II: wir2kompakt – endlich eine Auszeit
»Möge ich mir erlauben, dem Leben mit Heiterkeit und Gelassenheit zu begegnen«
»Ein schleichender Prozess«
TEIL III: wir2Reha – zurück in den Alltag
»Ich bin meiner wert«
»Meine Kinder sind wirklich toll«
»Ich kann dich nicht ändern. Und ich möchte mich nicht ändern«
»Mein Weg ist noch lang«
»Über Nacht hat sich unser Leben komplett verändert«
TEIL IV:wir2@home – Hauptsache Kontakt in Zeiten der Pandemie
»wir2@home wird auch nach der Coronapandemie eine wichtige Säule von wir2 bleiben«
»Die Mehrheit sieht uns nicht. Man ist oft so alleine als Alleinerziehende«
»Geliebt zu werden – das kannte ich nicht und konnte damit nicht umgehen«
Die Zukunft von wir2: »Kinder sind das Wichtigste, was wir haben. Da muss man investieren!«
Wissenschaftliches Nachwort von Prof. Dr. Matthias Franz: Familiäre Trennung als Gesundheitsrisiko
Editorische Notiz
Über die Autoren
Anhang
Ein Gespräch mit dem Herausgeber Prof. Dr. Gunter Thielen, Vorstand der Walter Blüchert Stiftung, über die Herausforderungen von alleinerziehenden Müttern und Vätern heute, die Förderung des Bindungstrainings wir2 sowie die strategischen Ziele bei der Unterstützung von Ein-Eltern-Familien in Deutschland.
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Wie kamen Sie mit der Walter Blüchert Stiftung zum Thema Alleinerziehende, Herr Prof. Dr. Thielen?
Gunter Thielen: Als vor knapp zehn Jahren die Walter Blüchert Stiftung in ihrer heutigen Form an den Start ging, suchten wir nach Themen, die dem Stifterwillen von Walter Blüchert entsprachen. Es ging im Kern darum, unverschuldet in Not geratenen Menschen zu helfen. Neben Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Elternhäusern und Flüchtlingen kamen wir bei unseren Bedarfsrecherchen auch auf die große Gruppe der Alleinerziehenden. In Deutschland gibt es über 1,4 Millionen Menschen, die dazu gehören. Knapp 90 Prozent davon sind Frauen. Unter diesen Alleinerziehenden lebt etwa ein Drittel in problematischen wirtschaftlichen Verhältnissen. Es geht ihnen nicht gut. Sie leiden unter Überforderungen. Ihre gravierenden Herausforderungen im Alltag sind der Beruf, die Alleinverantwortung für die Kindererziehung und der Haushalt. Dieser Dreifachbelastung sind viele nicht gewachsen. Sie werden krank, und das Risiko für zum Beispiel Depressionen ist erwiesenermaßen sehr viel höher als in Paarfamilien. Das wirkt sich auch auf ihre Kinder aus, deren Lebensumstände mitbelastet werden. Es ist also kein Wunder, wenn viele dieser Mütter, Väter und ihre Kinder Ängste haben und psychische Auffälligkeiten zeigen.
Was sagen Sie zu dem gängigen Vorurteil, Alleinerziehende sind selbst schuld an ihrer Lage?
Alleinerziehende kommen aus Beziehungen und Ehen, die zerbrochen sind. Kann man da von Schuld reden? Ist bei einer Ehescheidung einer der Partner schuldig? Das Schuldprinzip ist seit vielen Jahrzehnten nicht mehr justiziabel. Ich glaube auch nicht, dass es bei den vielen schmerzhaften Trennungen Schuldige gibt. Es ist eine gesellschaftliche Fragestellung; und nach meiner Meinung sollten Alleinerziehende finanziell und ideell bessergestellt werden. Unsere Gesellschaft ist wohlhabend, aber nicht alle Menschen sind es. Unter den Armen gibt es nicht wenige Alleinerziehende.
Prof. Dr. Gunter Thielen ist Vorstand der Walter Blüchert Stiftung mit Sitz in Gütersloh. Einer der Förderschwerpunkte der Stiftungsarbeit ist die Unterstützung von alleinerziehenden Müttern und Vätern.
Sie sind ein Mann der Wirtschaft und ein Manager. Wurden Sie bei Bertelsmann – dort waren Sie lange Vorstandsvorsitzender, erst bei Arvato, dann in der Konzernzentrale der AG und später bei der Stiftung – mit den Problemen von Alleinerziehenden konfrontiert?
Natürlich war mir das Thema bekannt, und ich kenne alleinerziehende Menschen. Auch wenn in meiner unmittelbaren Familie persönlich keiner zu den betroffenen Ein-Eltern-Erziehenden gehört, war es eine Gruppe, die ich wahrgenommen habe. Die Gesellschaft verändert sich, und viele Menschen vereinzeln. Das Modell der Großfamilie, wo die Großeltern nach den Kindern schauten, während Mutter und Vater zur Arbeit gingen, ist in Europa so gut wie nicht mehr existent.
Doch welche gesellschaftliche Dimension die Alleinerziehenden ausmachen, das wusste ich damals nicht. Das Ausmaß um die stetig wachsende Gruppe, die vielleicht in 30 bis 40 Jahren dazu führen kann, dass die Hälfte aller Erziehenden als Ein-Eltern-Familien leben könnten, das habe ich erst durch meine Arbeit in der Walter Blüchert Stiftung erfahren. Es muss sich im Bewusstsein der gesamten Gesellschaft und der Politik etwas ändern, denn wir reden nicht von einer Randgruppe. Mit Blick auf die vielen betroffenen Kinder müssen wir uns alle als zivilgesellschaftliche Akteure engagieren und uns um diese wichtige Herausforderung gemeinsam kümmern.
Woher holten Sie sich die wissenschaftliche Expertise beim Thema Alleinerziehende?
Bei unseren Recherchen stießen wir auf Prof. Dr. Matthias Franz, der sich seit über zwei Jahrzehnten an der Universität Düsseldorf intensiv mit den theoretischen Grundlagen zum Thema Alleinerziehende beschäftigt. Er dachte schon früh darüber nach, wie dieser wachsenden Gruppe geholfen und ihre Not im Alltag gelindert werden kann. Franz entwickelte das wir2- Bindungsprogramm, welches Ein-Eltern-Familien und ihren Kindern konkrete Hilfe und Unterstützung anbietet. Die Evaluationen ergaben eine sehr hohe Wirkung des Programms bei den Betroffenen. Wir haben uns da kongenial ergänzt, der Forscher und die Umsetzer, und es war für beide Seiten ein Glück, zusammengekommen zu sein.
Was war und ist die Rolle Ihrer Stiftung, um Ein-Eltern-Familien zu helfen?
Wir helfen bis heute dabei, das Programm in die Fläche zu bringen, denn Prof. Franz hatte mit seinem kleinen Team weder das Geld noch die Managementmöglichkeiten, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse bundesweit zu etablieren. Wir halfen bei dieser organisatorischen Herausforderung, und es entstand eine sehr gute Zusammenarbeit. Auch der Name des Programms wir2, der auf ein Elternteil und das oder die Kinder verweist, wurde unter unserer Federführung entwickelt. So war es nur konsequent, dass wir die Organisation und Finanzierung der Schulungen mit der Ausbildung der wir2-Trainerinnen und -Trainer übernahmen.
Welches sind aus Ihrer Sicht die unverwechselbaren und einzigartigen Vorteile von wir2?
Wir wissen dank dieses Programms ganz genau, was notwendig ist, damit es alleinerziehenden Eltern besser geht. Wir haben ja direkt mit den Betroffenen zu tun. Die Zahlen und Umfragen der Auswertungen zum Programm belegen eindeutig, dass es sich in der Praxis bewährt. Die hier in diesem Buch veröffentlichten Reportagen und Interviews zeigen das sehr anschaulich und auf sehr konkrete Art und Weise.
Steht wir2 mit seinen diversen Angeboten bereits bundesweit zur Verfügung?
Ganz so weit sind wir noch nicht. Aber in einem großen Flächenland wie Nordrhein-Westfalen sind wir schon sehr aktiv. Unser Ziel ist jedoch, in der ganzen Bundesrepublik das Angebot des Bindungstrainings zur Verfügung zu stellen. Wir sehen uns für das Programm als ein Partner unter mehreren anderen – auch Landesregierungen, Kommunen, Stiftungen, Wohlfahrtsverbände, Kranken- oder Rentenkassen können sich bei wir2 engagieren. Das braucht natürlich Zeit. Unser Engagement ist nicht kurzfristig, sondern strategisch auf einen langen Zeitraum angelegt.
Können Sie Ihr Engagement mit konkreten Zahlen hinterlegen?
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir keine Zahlen herausgeben. Uns sind die Menschen wichtig, denen wir nicht nur mit unseren finanziellen Mitteln helfen wollen. Seit fast zehn Jahren fließt jährlich ein sechsstelliger Betrag in das wir2-Bindungstraining.
Mit dem Gründer und Namensgeber Ihrer Stiftung waren Sie sehr vertraut. Wie würde er heute auf die Projektarbeit der Walter Blüchert Stiftung schauen?
Wir kannten uns fast 40 Jahre lang. Anfangs machten wir Geschäfte miteinander, da war ich noch Chef einer Druckerei in Nürnberg. Wir verhandelten unter anderem Druckaufträge für seinen Blüchert Verlag, der die deutschen Rechte für Walt-Disney-Publikationen im Nichtcomicbereich besaß. Aus den Geschäftsbeziehungen erwuchs eine persönliche Beziehung und enge Freundschaft. Ich denke, dass ich sein bester Freund war. Dank dieser Vertrauensbasis setzten wir uns gegenseitig als Testamentsvollstrecker ein. Wenn meiner Frau oder mir etwas passiert wäre, hätte er sich um unsere Kinder gekümmert. Nach seinem Tod 2007 habe ich seinen Willen umgesetzt, dass das Stiftungsvermögen Menschen in Not in Deutschland zugutekommen soll. Wir haben 2013 in Gütersloh mit der operativen Arbeit begonnen. Ich denke, Walter Blüchert wäre begeistert, wenn er noch erlebt hätte, welche komplexen Projekte heute von uns umgesetzt werden – dank der Früchte seines Vermögens und seines Vermächtnisses.
Die Fragen stellte Rocco Thiede.
Aus seinem Beruf heraus liegt Prof. Matthias Franz die emotionale, psychische Verfassung von Alleinerziehenden besonders am Herzen. Der Weg des Psychoanalytikers und Psychotherapeuten zu wir2 war nicht nur durch sein Studium und den beruflichen Werdegang geprägt, sondern hat auch persönlich-familiäre Gründe.
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Auf einer Anrichte steht eine Halbplastik aus Alabaster. Es ist eine »Mutter mit Kind«. Das Kind ist kein Baby mehr und vermutlich drei, vier Jahre alt. Seine Mutter lächelt etwas verschämt zur Seite. »Der Kleine ist verliebt in sie«, wird Matthias Franz später erzählen. »Und die junge Mutter weiß noch nicht so ganz, wie sie damit umgehen soll.« Neben der Skulptur gibt es Grafiken und Ölbilder im Wohnzimmer des Hauses von Familie Franz. Die Kunstwerke scheinen alle einen Bezug zum Leben und Arbeiten von Prof. Franz zu haben.
Geboren wurde der Psychoanalytiker und Facharzt für Psychosomatische Medizin, Neurologie und Psychiatrie 1955 in Minden. Sein Arbeitsort war lange das Universitätsklinikum in Düsseldorf, gut eine halbe Autostunde von seinem Wohnort entfernt.
Wie kommt man als langjährig verheirateter Familienvater zum Thema familiäre Trennung und ihre Folgen? Drei Quellen des Interesses macht Matthias Franz für sich aus, wenn er danach gefragt wird. Zum Ersten nennt er seine Tätigkeit als Psychoanalytiker und Psychotherapeut: »Wer in dem Metier unterwegs ist, der kommt am Thema Trennung nicht vorbei. Fast in jeder Therapie geht es in irgendeiner Form um enttäuschte Liebe, um Verluste, um Kränkungen innerhalb von Liebesbeziehungen bis hin zu Trennungen – ob man sie als Kind bei seinen Eltern oder die eigene Trennung als Liebes- oder Elternpaar erlebt hat und dann sieht, was das mit den Kindern macht. Dieser Objektverlust im Bereich der Psychotherapie ist ein zentrales Thema.« Als Psychoanalytiker erlebe er unmittelbar die Konflikte von Paaren und die Entwicklungsschmerzen von Menschen, weil sie ihre unbewussten kindlichen Wünsche, Verletzungen, Ängste und Beziehungsmuster immer auch in die Beziehung zum Therapeuten einbringen. Das sei in seiner Fachsprache »das Phänomen der Gegenübertragung«. Wer sich dem Thema Trennung stelle, »wird außerdem auch immer persönliche Resonanzen spüren, denn wir alle haben ja schon einmal Liebeskummer erlebt oder in unserer Kindheit Trennungssituationen durchlaufen, die uns mehr oder minder wehgetan haben«. Als Psychoanalytiker sei er durch die Lehranalyse »ein bisschen davor geschützt, die eigenen Betroffenheiten mit den emotionalen Botschaften und Resonanzen der Patienten zu verwechseln, welche sie in uns erzeugen, wenn sie von ihrem Leid sprechen, damit wir sie da spüren und verstehen, wo sie das selber noch nicht können«.
Prof. Matthias Franz vor der Halbplastik »Mutter mit Kind« aus Alabaster. Franz ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut. Er entwickelte das Programm wir2.
Die zweite Quelle, die ihn zum Thema Trennung und Alleinerziehende führte, sei »wissenschaftlicher, sozialempirischer Art«. Matthias Franz begann seine berufliche Laufbahn in Mannheim am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Hier machte er seine psychoanalytische Ausbildung und seinen Facharzt. Bei Prof. Heinz Schepank (1930–2018), dem ehemaligen Ärztlichen Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin und Gründungsdirektor der Mannheimer Klinik, habilitierte er sich 1993 an der Heidelberger Universität zum Thema »Empirische Determinanten der Psychotherapieakzeptanz«.
Schepank hat in Deutschland Mitte der 1970er-Jahre die größte epidemiologische Studie zur Häufigkeit, zu den Ursachen und zum Verlauf psychogener Erkrankungen angestoßen, die »Mannheimer Kohortenstudie zur Epidemiologie psychogener Erkrankungen«. In diese Forschungen stieg Matthias Franz ab Mitte der 1980er-Jahre ein. »Das wichtigste Ergebnis dieser Studie war, dass 25 Prozent aller Erwachsenen von einer psychogenen Erkrankung betroffen sind. Diese Erkrankungen beruhen auf kindheitlich erfahrenen seelischen Verletzungen oder ungelösten psychosexuellen Entwicklungskonflikten, die aus dem unbewussten Affektgedächtnis heraus Fehlanpassungen in späteren Stresssituationen bewirken, die dann ihrerseits auf Dauer krank machen und sogar die Lebenserwartung massiv verkürzen können. Die häufigsten sind Angsterkrankungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, psychosomatische Körperbeschwerden wie chronische Schmerzen, Suchterkrankungen oder Essstörungen«, erklärt Matthias Franz. Viele Forscher wollten es damals gar nicht glauben, dass ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland in dieser Weise krank sein soll, so dass eine Replikationsstudie aufgelegt wurde, die dasselbe Ergebnis hatte. »Heute gehen wir sogar davon aus, dass fast ein Drittel aller Erwachsenen an diesen Krankheiten leiden«, unterstreicht Prof. Franz.
»Ich war an der Studie beteiligt und sprach persönlich mit vielen Probanden.« Insgesamt wurden 600 Männer und Frauen aus der Mannheimer Stadtbevölkerung interviewt. »Dort lernte ich viele Menschen und ihr Trennungsleid und manch schreckliche Situation in den Haushalten kennen. Einmal kam ich in eine kalte, chaotische Wohnung, in der Möbel zum Heizen auf dem Fußboden verbrannt wurden und Kleinkinder zwischen leeren Wodkaflaschen herumkrabbelten. Viele Studienteilnehmer hätten nie die Chance gehabt, zu einem Psychoanalytiker auf die Couch zu kommen«, berichtet Franz. Durch seine wissenschaftlichen Auswertungen der Datensätze fand er heraus, dass besonders bei den Kriegskindern der Geburtsjahrgänge zwischen 1935 und 1945, bei denen der Vater fehlte, selbst 50 Jahre später noch eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine psychische oder psychosomatische Erkrankung vorlag. »Das war damals neu und zeigte, wie weh der Krieg und die Vaterlosigkeit den Kindern selbst nach einem halben Jahrhundert noch tun konnten. Die Folgen dieser kriegsbedingten Vaterlosigkeit waren mein Einstieg in die Väterforschung.« Auch hier gab es eine Replikationsstudie, und sogar 60 Jahre nach Kriegsende bestätigten sich die Ergebnisse: »Der fehlende Vater ist ein Gesundheitsrisiko.« Mit seinen Entdeckungen über die Bedeutung von Vätern bei der kindlichen Entwicklung und den daraus erwachsenden gravierenden Folgen, wenn sie in den Familien fehlen, ging Matthias Franz an die Öffentlichkeit, weil das Thema bis dahin zu wenig zur Kenntnis genommen wurde.
Nun wollte Matthias Franz wissen, wie es in der Gegenwart mit dem Phänomen der fehlenden Väter aussieht. Um das Jahr 2000 führte er in Düsseldorf zusammen mit dem Gesundheitsamt bei den Schuleingangsuntersuchungen die damals größte Studie zu psychosomatischen Beeinträchtigungen bei alleinerziehenden Müttern und deren Kindern durch. Franz und seine Kollegen wollten wissen: »Sind Sie alleinerziehend?« Und: »Brauchen Sie Hilfe?« Bis heute werden diese Fragen nicht bei den Schuleignungsuntersuchungen gestellt. Das Argument des Datenschutzes möchte Matthias Franz hier nicht gelten lassen.
Bei der Düsseldorfer Studie vor über zwei Jahrzehnten kam heraus: »Den alleinerziehenden Müttern ging es im statistischen Gruppenvergleich zu Müttern in Paarbeziehungen deutlich schlechter. Sie zeigten massiv erhöhte Beschwerden, Depressivität, psychosomatische Körperbeschwerden und Ängste. Zudem rauchten sie deutlich häufiger. Eigentlich hätte man manche dieser Mütter gleich in eine psychosomatische Klinik aufnehmen müssen. Aber die waren allein, ohne jeglichen Kontakt zum Hilfesystem.« Besonders die Söhne der alleinerziehenden Mütter zeigten in dieser Alterskohorte im Vergleich zu Jungen aus Paarfamilien erhebliche Verhaltensauffälligkeiten. Franz hörte viele traurige Geschichten, und er fragte sich: »Warum kümmert sich da niemand? Warum werden nicht frühzeitig Hilfen angeboten, wenn die Eltern sie brauchen, um selbst in schwierigen Situationen gute Eltern sein zu können?«
Matthias Franz bekam zunehmend den Eindruck, dass »an den traurigen Fakten vorbeigeschaut« wurde, um nicht in gute Hilfsangebote investieren zu müssen. »Dabei wissen wir heute aus Studien, dass frühe präventive, psychosoziale Interventionen sich auch volkswirtschaftlich auszahlen.« Die damaligen Ergebnisse wurden 2003 unter dem Titel »Alleinerziehend – alleingelassen? Die psychosoziale Beeinträchtigung alleinerziehender Mütter und ihrer Kinder in einer Bevölkerungsstichprobe« publiziert.
Matthias Franz’ dritter Zugang zum Thema Trennung und Alleinerziehende ist persönlicher Art. Er hat länger überlegt, ob er dies auch öffentlich machen möchte. »Ich habe beim Betrachten meiner weiter zurückliegenden Familiengeschichte festgestellt, dass in früheren Generationen Alleinerziehen auch ein Thema war. Als Psychoanalytiker fällt es einem dann wie Schuppen von den Augen, dass diese Betroffenheit sich durch mehrere Generationen mitteilt und als Thema des Verlustes weiterwirkt«, gibt er nachdenklich zu Protokoll. »Das hat nachvollziehbare Folgen in der transgenerationalen Matrix auch meiner Familie hinterlassen.« Für ihn schloss sich da ein Kreis, zumal er nun eine emotionale, intuitive Vorstellung davon bekam, was es bedeutet, familiäre Trennung zu erleben und alleinerziehend zu sein. Offen gibt er zu: »Diese Zusammenhänge und subjektiven Komponenten habe ich selbst erst spät verstanden.« Aber es komme ihm heute sehr zugute, wenn er bei Vorträgen und Schulungen zum Thema Alleinerziehende spricht und die Zuhörerinnen und Zuhörer ihm eine hohe Glaubwürdigkeit bei diesem Thema bescheinigen.
»Es gibt empirische Begründungen zwischen den epochal und kollektiv zertrümmernden Wirkungen des Holocausts und des schrecklichen Weltkrieges, die dazu führten, dass Beziehungskompetenzen transgenerational beschädigt worden sind.« Erst sehr viel später wurden diese Zusammenhänge erkannt, »weil wir jetzt langsam wahrnehmungsfähiger und aus der kollektiven Wiederaufbaunarkose und dem Wirtschaftswundermärchen erwacht sind, mit dem wir die Schuld der Eltern und Großeltern und unsere eigenen Traumatisierungen lange Zeit betäuben mussten. Was da passierte, welche Auswirkungen das hatte, gerät nun in die emotionale Wahrnehmung. Heute sind wir in der Lage, die damit verbundenen schmerzvollen Gefühle eher auszuhalten und nicht in eine aktivistische Abwehrhaltung zu geraten, wie sie sich in oppositioneller Identifizierung auch noch bei der 68er-Generation manifestierte«, erklärt Matthias Franz und meint, »dass die Psychoanalyse hier wichtige Beiträge lieferte, als es darum ging, die Gefühle von Schuld, Scham, Verlorenheit, Hilflosigkeit, Trennung und völliger Zerstörung aushalten und verarbeiten zu können. Kulturell und zivilisatorisch sind wir auch dank der Psychoanalyse mittlerweile an einem Punkt, wo wir formatierte, sichere Räume zur Verfügung haben, in denen emotional offen erlebt, nachgedacht und gearbeitet werden kann. Das ist für die Befriedung der Gesellschaft enorm wichtig.«
Bei der Bürgerstiftung Dormagen, deren Stiftungsratsvorsitzender Prof. Franz ist, werden seit Jahren kommunale Präventionskonzepte umgesetzt. Im Rahmen des »Dormagener Modells«, das seinerzeit vom damaligen Bürgermeister Heinz Hilgers, dem langjährigen Vorsitzenden des Kinderschutzbundes, initiiert wurde, wurden diese Aktivitäten über Fachkreise hinaus bundesweit bekannt, weil hier auch Alleinerziehende unterstützt und ihre Kinder gefördert werden.
Aus seiner Profession heraus liegt Matthias Franz die emotionale, psychische Verfassung von Alleinerziehenden besonders am Herzen, »die nicht allein aus der materiellen Belastung und Armut heraus resultiert. Wer hier in die Statistik schaut, wird erkennen, dass es alleinerziehenden Müttern, die ausreichend Geld zur Verfügung haben, statistisch psychisch nicht viel besser geht als Müttern, die über nur geringe materielle Mittel verfügen. Es sind auch der Verlust, die Kränkung, die Enttäuschung, die Zerstörung einer Liebes- und Familienbiografie sowie die Vernichtung von Sehnsuchts- und Wunschwelten, die durch eine familiäre Trennung untergehen. Und die bittere Erkenntnis, es trotz aller Bemühungen nicht geschafft zu haben.« Franz ist weit davon entfernt, die Rolle des Materiellen bei Alleinerziehenden zu leugnen, wenn er es auf die Formel bringt: »Armut an Geld und Armut an Beziehungen – das sind die beiden großen psychosomatischen Krankmacher bei Alleinerziehenden.«
Als Konsequenz aus den bedrückenden Erkenntnissen der Düsseldorfer Alleinerziehendenstudie entwickelte Matthias Franz ein neues Programm: wir2. Aus der Quantifizierung und Beschreibung der Zusammenhänge folgte seine klare Zustandsbeschreibung: »In Deutschland haben wir etwa 1,4 Millionen Alleinerziehende, und der Mehrheit geht es nicht gut. Sie wollen Hilfe, aber bekommen sie nicht in ausreichendem Maße. Alleinerziehend zu sein, macht viele Betroffene krank, weil sie keine ausreichende emotionale und materielle Unterstützung erfahren. Die Gesellschaft löst hier ihre Bringschuld nicht ein.«
Besonders kleine Kinder seien reine Affektwesen. »Sie senden ihre Botschaften. Aber wenn die Mutter diese Signale nicht mehr lesen kann, weil sie selbst in einem Konflikt oder in schweren sozialen Belastungen depressiv verstrickt ist, dann wird sich das Kind irgendwann an der Depression der Mutter anstecken wie an einer sozial vermittelten Infektionskrankheit. Das passiert über Schuldgefühle, wenn sich zum Beispiel das Kind fragt: ›Liegt es an mir, dass Mama immer so traurig schaut?‹« Betroffene Erwachsene verlieren dabei oft den Blick auf die Bedürfnisse und die Entwicklung ihrer Kinder. »Sie haben mit ihrer eigenen Liebesenttäuschung und dem Streit mit dem Ex-Partner intensiver zu tun, weil es aus Gründen narzisstischer Stabilisierung zum Beispiel um Schuldverteilung oder Vergeltung geht. Dann wird der Streit für die oft selbst in kindlichen Mustern befangenen Eltern wichtiger als die Entwicklung ihres Kindes.«
Wenn Familien zerbrechen, ist es besonders für die Kinder schlimm – »je kleiner sie sind, umso belastender ist es für sie. Und belastete Jungen kommen mit den Folgen elterlicher Trennung noch einmal schlechter zurecht.« Die bürgerliche Kleinstfamilie aus Mutter-Vater-Kind(ern) ist laut Matthias Franz »das letzte eigentlich unteilbare Relikt der Großfamilie, des Clans, der sich gegenseitig hilft und natürlich ebenso selbstlos um die Kinder kümmert. Wenn dieser letzte Nukleus auch noch im Streit gespalten wird und nur noch ein häufig verletzter Elternteil verfügbar ist, ist es für die betroffenen Kinder wie ein halber Weltuntergang.«
Im Rahmen eines vom Bundesforschungsministerium geförderten Forschungsprojektes »wurde das Bindungsprogramm wir2 in vierjähriger Arbeit interdisziplinär mit vielen Hunderttausend Euro sehr aufwendig entwickelt«, erklärt Matthias Franz. »wir2 ist als bindungsorientiertes Elterntraining konzipiert für konflikthaft getrennte Eltern, also nicht für verwitwete Mütter oder Väter gedacht, die den Partner durch einen Unfall oder schwere Krankheit verloren haben. Das ist eine fundamental andere Situation, ob ein geliebter Elternteil durch Tod aus der Familie ausscheidet und tragisch verloren geht oder sich durch Konflikte und im Streit trennt.«
Aus diesem Kontext sind die Ziele von wir2 abgeleitet. »Als Erstes muss die alleinerziehende Mutter oder der alleinerziehende Vater so schnell wie möglich aus der häufig vorhandenen Depression heraus, um sich selbst emotional wieder spüren zu können. Anschließend wird die emotionale Bindungsbeziehung vom alleinerziehenden Elternteil zum Kind gestärkt und gesichert.« Die Mutter oder der Vater werden dabei unterstützt, wieder spüren und erkennen zu können, was ihr Kind braucht. Dazu lernen sie, die Signale, die es aussendet, wieder feinfühlig zu lesen und zu beantworten. Das Kind wiederum kann dann merken, dass es verstanden wird, wenn die Eltern sich wieder besser in es hineinversetzen können und wissen, woran ihr Kind merkt, dass sie es liebhaben. »Der dritte Punkt ist die Trennung von elterlichem Paarkonflikt und der gemeinsamen Elternverantwortung dem Kind gegenüber. Wie kann ich mit meinem Paarkonflikt so (erwachsen) umgehen, dass mein Kind keine weiteren Schäden davonträgt?«, fragt Prof. Franz. »Dieses Thema wird in vielen wir2-Sitzungen mit Rollenspielen, Fantasiereisen und anderen Techniken behandelt.«
Die 20 Sitzungen bauen beziehungs- und affektlogisch aufeinander auf. In den vier Modulen geht es zuerst darum, wie es dem alleinerziehenden Elternteil, also meistens der Mutter, selber geht, »denn erst wenn ich mich selber wieder spüre, kann ich mich im zweiten Modul darum kümmern, wie es meinem Kind geht, und erkennen, was mein Kind von mir braucht«. Im dritten Modul wird der Paarkonflikt behandelt. »Natürlich wird hier auch der – oft heimliche – Wunsch fast aller Trennungskinder angesprochen, dass ihre Eltern irgendwie wieder zusammenkommen.« Das vierte und letzte Modul greift Fragen des Alltags und Strategien der Stress- und Konfliktbewältigung auf. Franz betont: »Wir haben einen affektzentrierten Ansatzpunkt gewählt. Das Programm ist durch diese starke Fokussierung in den ersten drei Modulen und seine Ausrichtung auf den Trennungskonflikt schon einzigartig. Es fließen viele Tränen im Rahmen von Rollenspielen und geleiteten Fantasien, mit biografischen Rückblenden in die eigene Herkunftsfamilie. Durch die starke Mobilisierung von verschütteten Gefühlen in dem durch Vertrauen geschützten Beziehungsraum einer gemeinsam empfindenden Gruppe spüren sich viele Eltern wieder, und die Depression geht zurück. Tränen, die nach außen fließen und bei anderen Menschen auf tiefes Verständnis stoßen, sind vielleicht das beste Antidepressivum.«
Um diesen Prozess zu fördern, werden die Gruppenteilnehmer behutsam in kindliche Erlebniswelten geführt und auch in ihre eigene Biografie zurückversetzt. Dank dieser Übungen kommt es zu einem leichteren Perspektivwechsel von den Eltern hin zu den Kindern. »Wenn es sich in meiner Kindheit so anfühlte, dann ist es doch bei meinem Kind ebenso. Wie kann ich es meinem Kind leichter machen, mit dieser schwierigen Situation umzugehen?« Das funktioniere sehr gut und erleichtere Eltern den emotionalen, realen Kontakt mit ihren Kindern, wenn sie zu Hause gleich in die Umsetzung gehen und bei der nächsten Sitzung darüber mit den anderen sprechen. »Dies sind bindungswissenschaftliche, entwicklungspsychologische und didaktische Vorgehensweisen, die mit gruppendynamischen Übungen einen wachsenden Sicherheits- und Vertrauensraum bilden. Nach etwa zehn Sitzungen sind sich die Gruppenteilnehmer enorm nah.« Die Gruppenleiter fungieren hier unbewusst als Elternfiguren und sind im Idealfall je eine Frau und ein Mann, die den Gruppenmitgliedern als soziales Lernmodell auch vermitteln, dass Männer und Frauen auch wertschätzend und partnerschaftlich miteinander umgehen und Konflikte konstruktiv lösen können.
»Alles ist stimmig durchkomponiert, und die empirische Überprüfung der Wirksamkeit hat erbracht, dass elterliche Kompetenzen und Depressionen sowie andere psychische Beeinträchtigungen der Teilnehmenden sich nachhaltig und mit einem sehr starken Effekt verbessern.« Das lässt sich bis zu einem Jahr nach dem Kurs belegen. »wir2 leistet etwas, das kein chemisches Antidepressivum leisten kann«, bemerkt Matthias Franz mit einem gewissen Stolz. Außerdem verlören viele Teilnehmerinnen der wir2-Programme im Laufe der Kurse ihre Angst vor einer Psychotherapie. »Es gibt derzeit in Deutschland nichts Besseres, wenn man vorhat, psychosozial belasteten Alleinerziehenden ein emotionales Unterstützungsangebot zu machen, das ihnen wirklich hilft. Wir hoffen sehr, dass die Entscheidungsträger in Politik und im Gesundheitssystem hier aufmerksamer werden.«
Viele Mütter und immer mal wieder auch Väter, die Probleme mit der Alltagsbewältigung haben, kommen über das ambulante Modell von wir2 zum Bindungstraining. Die Finanzierung erfolgt in vielen Fällen aus kommunalen Mitteln, kann aber auch auf der Basis des Präventionsgesetzes mit dem Verband der Ersatzkassen (VdEK) gemeinsam mit den zuständigen Jugendämtern gefördert werden (Kasseler Modell). In einigen Kommunen stellt auch die BARMER Ersatzkasse eine erhebliche Anschubfinanzierung zur Verfügung.
In den Jahren der Beschäftigung mit dem ambulanten Angebot des Bindungstrainings wurde Prof. Franz und seinem wissenschaftlichen Team immer mehr bewusst, dass es bei den Alleinerziehenden den dringenden Bedarf auch nach stationären wir2-Angeboten gibt. So wurde ein mehrstufiges Modell entwickelt: Bei wir2kompakt stehen alleinerziehende Eltern im Mittelpunkt, die wegen psychosomatischer Beschwerden krankgeschrieben sind. Bei dieser stationären psychosomatischen Reha-Maßnahme in Mutter/Vater-Kind-Kliniken werden ihnen 13 Sitzungen innerhalb von drei Wochen angeboten. Das wird durch die gesetzlichen Krankenkassen finanziert.
In wir2Reha wird während einer sechswöchigen stationären psychosomatischen Rehabilitation chronisch kranken Alleinerziehenden gemeinsam mit ihren Kindern das gesamte Programm mit 20 Sitzungen angeboten. »Sie sind so beeinträchtigt, dass ihnen Erwerbsunfähigkeit droht. Die Kosten für wir2Reha übernimmt deshalb die Deutsche Rentenversicherung auf Antrag zum Beispiel des Hausarztes«, erklärt Prof. Franz.
Das Programm – sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Anwendung – ist für Väter und Mütter mit Kindern im Vor- und Grundschulalter bestimmt. Das hätte sich mit Blick auf die Übungen zu Hause sehr bewährt. »Mit sechs- oder achtjährigen Kindern sind emotionale Annäherungsübungen wie Kindermassagen gut möglich. Aber bei 14-jährigen Jungen in der Pubertät ist das nicht altersentsprechend«, gibt Matthias Franz zu bedenken. Aber er weiß um den Bedarf, wenn er klarstellt: »Häufig fliegen den alleinerziehenden Müttern die Situationen mit Söhnen in der Pubertät um die Ohren, weil die Jungen nach ihren Vätern suchen, ihnen ähnlich werden oder ihren Müttern vorwerfen: ›Du hast den Papa vergrault.‹ Diese heftigen Beschuldigungsangriffe in der pubertären Dynamik lassen Mütter oft an der Welt verzweifeln. Das trifft ins schwärzeste Schwarze der Schuldgefühle. Aber das sind oft nur Platzpatronen und die Liebe ist nicht weg, sondern sehr anstrengend«, erklärt Matthias Franz, der selbst Vater zweier Söhne ist.
Mit den beeindruckenden Zahlen und Effekten des Programms – die psychische Stabilität der Eltern wird gestärkt und bei den Kindern nehmen die Verhaltensauffälligkeiten ab (siehe dazu das wissenschaftliche Nachwort) – hoffte Matthias Franz anfangs, mit einem gemeinnützigen Trägerverein bei Ministerien, Jugendämtern, Sozialverbänden Verbündete zu finden. »Aber leider sind wir auf viele verschlossene Ohren, Türen und Herzen gestoßen, wenn es darum ging, den Betroffenen konkrete Angebote zu machen.« Alles an wir2 ist nichtkommerziell und gemeinnützig. »Niemand wollte sich damit eine goldene Nase verdienen. Das Konzept ist auch keine Geheimwissenschaft.« Die zwei Sachbücher »wir2: Bindungstraining für Alleinerziehende«, ein 500 Seiten starkes Handbuch für die Gruppenleiter, sowie ein Taschenbuch mit zahlreichen Übungen für Alleinerziehende unter dem Titel »Alleinerziehend. Selbstbewusst und Stark« kann jeder erwerben. Allerdings kann man das Programm nur anbieten, wenn man eine entsprechende Schulung durchlaufen hat.
Zwei, drei Jahre lang suchte Prof. Franz mit seinem Team Unterstützer für sein neuartiges Bindungstraining. Und fast hätten er und seine Kolleginnen und Kollegen aufgegeben. Das Programm wäre dann als Abschlussbericht in einem Aktenordner gelandet und nicht bei denen, die es brauchen. In diesem Moment entdeckte die Walter Blüchert Stiftung aus Gütersloh das Programm, nahm es in ihr Portfolio auf und förderte es massiv. »Eigentlich wäre das eine Aufgabe von Sozial- und Familienministerien gewesen«, merkt Matthias Franz an, »wenn sie ihrer Verantwortung für in Trennung lebende Familien gerecht werden würden. Das ist aber leider bis heute oft nicht der Fall.«
Warum wurde der ursprüngliche Name des Programms von PALME zu wir2 geändert? »PALME war ein Akronym und stand für Präventives Elterntraining für alleinerziehende Mütter geleitet von Erzieherinnen.« Das hätten aber viele nicht damit verbunden. Zudem wendet sich das Projekt inzwischen sowohl an Mütter wie an Väter. »Unser PALME-Logo sah auch eher nach fair gehandeltem Kakao und Urlaub aus als nach einem Bindungsprojekt«, sagt Franz selbstkritisch, und so habe man sich zusammen mit der Blüchert Stiftung aufgemacht, einen neuen Namen, ein neues Logo, eine aussagekräftige Website und eine effektivere Öffentlichkeitsarbeit zu entwickeln. »Wir sind ja nur Wissenschaftler und keine Marketingexperten. Da hat uns die Stiftung außerordentlich gut geholfen. Sie hat in den letzten Jahren nicht nur erhebliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, sondern das Programm auch durch personelle und organisatorische Unterstützung vorangetrieben. Dafür sind nicht nur wir dankbar, sondern mittlerweile bundesweit auch viele Alleinerziehende.«
Prof. Matthias Franz, Anita Offel-Grohmann (Projektleiterin wir2 der Walter Blüchert Stiftung) und Dirk Rampoldt vom wir2-Team des Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Universitätsklinikum in Düsseldorf (UKD)
Obwohl die wissenschaftliche Entwicklung von wir2 anfangs mit Geldern des Bundesforschungsministeriums gefördert und unterstützt wurde, ist Matthias Franz so frei, sich auch kritisch gegenüber politischen Handlungsweisen zu äußern, wenn er zum Beispiel feststellt: »Bis vor Kurzem gab es noch ein ideologisches Narrativ des Schönredens des Alleinerziehendenmodells in Deutschland. Es sei eine zivilisatorische Errungenschaft und eigentlich doch toll, wenn insbesondere Frauen sich endlich aus konflikthaften Beziehungen emanzipieren könnten. Wer wollte das bezweifeln? Aber ist es sozial- und familienpolitisch nicht verantwortungslos, wenn dieser Fortschritt dazu dient, das häufige Leid von Alleinerziehenden rhetorisch zu verkleistern und so trickreich zu entsorgen?«
Immerhin habe sich in den vergangenen Jahren etwas zum Positiven geändert. Vor noch einem knappen Jahrzehnt sah er sich mit der pauschalen Kritik konfrontiert, dass mit dem Hilfsangebot wir2 die Alleinerziehenden stigmatisiert würden. Das Programm sei »eine heteronormative Bevormundung, und die Alleinerziehenden wüssten doch selber, was für sie gut sei, und sollten nicht auch noch als psychisch belastet dargestellt werden«. Diese und »ähnliche Kampfparolen« musste er sich seinerzeit anhören. Doch für derartige ideologische Konstruktionen hatten Franz und sein ärztlich-therapeutisches Team kein Verständnis: »Das war kontraproduktiv. Alle Fachleute sahen doch die erheblichen Belastungen und Benachteiligungen Alleinerziehender, mit häufig gravierenden Leidenszuständen für alle Betroffenen. Und wir haben als Reaktion darauf ein bindungsorientiertes Unterstützungsprogramm entwickelt, das wirklich hilft. Erst in den letzten fünf bis zehn Jahren wurden die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker zunehmend offener, sich die Wirklichkeit Alleinerziehender und unser Programm genauer anzuschauen.« Er nennt hier als positives Beispiel die ehemalige Familienministerin Katarina Barley, die – als ehemalig selbst Betroffene – bereit war, die Belastungen und Unterstützungswünsche der Alleinerziehenden untersuchen zu lassen und sie selbst zu fragen, wie es ihnen geht und was sie brauchen.
Mittlerweile sei das Interesse an wir2 bei kommunalen Trägern und Jugendämtern gestiegen. »Der Handlungsdruck wächst ja auch enorm. In unseren Städten gibt es Viertel mit mehr als 40 Prozent Alleinerziehenden, und da suchen die Verantwortlichen jetzt doch zunehmend nach Lösungen. Das Leid von Alleinerziehenden und ihren Kindern besonders in Großstädten wird immer sichtbarer. Ein systematisches Vorbeischauen, Schönreden und eine ideologische Kritik an Hilfsangeboten sind nicht mehr möglich, weil die Benachteiligung Alleinerziehender und der Kinder aus konfliktreichen Trennungsfamilien in den Kitas, Grundschulen oder Kinderarztpraxen als besonders belastete Gruppe erkannt wird«, führt Prof. Franz engagiert aus.
Wie wird es mit wir2 weitergehen? Prof. Franz verrät, dass man sich einerseits mit der Zielgruppe der Kinder unter drei Jahren beschäftige und andererseits mit Blick auf die schwierigen Arbeitsbedingungen während der Coronapandemie mit den vielen Kontaktverboten gerade ein neues Modell unter dem Namen wir2@home auflege. Die Testphase lief im Frühjahr 2021 an und ist mittlerweile in die Umsetzung gegangen (siehe dazu Teil IV).
Corona habe den geplanten Ausbau und regelmäßigen Ablauf von wir2 massiv durcheinandergebracht. Und Alleinerziehende leiden unter den Auswirkungen der Pandemie noch einmal zusätzlich und besonders. Franz empfiehlt seinen Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern, bei den regelmäßigen Supervisionen, dem so wichtigen vertraulichen Austausch der geschulten wir2-Gruppenleiterinnen und -leitern, offen über die eigenen Schuldgefühle zu sprechen, wenn die Sitzungen unterbrochen werden mussten und man sich ersatzweise nur im Internet oder telefonisch austauschen konnte. »Wie weh Trennung tut, hat auch die Unterbrechung der Kurse während Corona allen gezeigt.« Sogar die Supervisionen fanden nur noch virtuell statt. Diese eintägigen Treffen dienen neben der fachlichen Supervision der wir2-Kurse auch der Vermittlung von Wissen, wie beispielsweise über die Rolle des Residenz- oder Wechselmodells nach der Trennung der Eltern.
Wer sich auf seiner persönlichen Website (www.prof-m-franz.de) umschaut, findet dort folgende Aussage: »Viele psychosomatische Erkrankungen, emotionale Probleme und Beziehungskonflikte sind aus psychoanalytischer und bindungswissenschaftlicher Sicht kindliche Liebeserklärungen an die Eltern. Ihnen zuliebe werden und bleiben Menschen krank oder schädigen sich fortdauernd selbst, anstatt alte Illusionen und vergebliche Hoffnungen aufzugeben und sich zu ändern. Sich zu ändern erfordert eine Einsicht in diese häufig unbewussten Zusammenhänge und eine innere Selbstständigkeit, die viele der Betroffenen nie entwickeln durften. Den schwierigen Weg dahin zu öffnen ist eine der vornehmsten Aufgaben der Psychoanalyse.« Diese Worte bringen seine Einstellungen zum Umgang mit alleinerziehenden Menschen sehr präzise und prägnant auf den Punkt.
Prof. Franz wurde Ende Februar 2021 emeritiert. Aber weiterhin ist Matthias Franz als assoziierter Forschungsprofessor am Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Universitätsklinikum in Düsseldorf (UKD) tätig. Dort wird er in den kommenden Jahren seine durch Drittmittel geförderten Forschungsprojekte als wissenschaftlicher Programmleiter für wir2 umsetzen. Dazu gehört eine kontrollierte Studie zur Wirksamkeit von wir2Reha: »Es geht dabei um eine vom Bundesforschungsministerium und der Deutschen Rentenversicherung geförderte Studie, welche die Wirkungen von wir2 während einer sechswöchigen stationären psychosomatischen Behandlung im Vergleich zu einer normalen Reha untersucht.« In drei psychosomatischen Rehakliniken – in Schömberg im Schwarzwald, in Bad Gottleuba in Sachsen und Bad Elster im sächsischen Vogtlandkreis – wird bis Mitte 2023 untersucht, wie alleinerziehende Eltern und ihre mitaufgenommenen Kinder von wir2Reha profitieren können.
Zusätzlich wurde er von der Augustinus-Gruppe – einem großen katholischen Sozialträger, der Kliniken, Ambulanzen, Altersheime und Familienzentren betreibt, – gefragt, ob er im Alexius/Josef Krankenhaus in Neuss bei der Weiterentwicklung der psychosomatischen Medizin zur Verfügung stehen würde. Hier ist zusammen mit der Walter Blüchert Stiftung ein Modellprojekt von wir2 geplant, in dem bundesweit erstmals an einer großen Klinik mit Akutversorgung das gesamte Stufenmodell vom ambulanten Bereich in 20 Wochenstunden über wir2kompakt in drei Wochen bis zu wir2Reha für sechs Wochen und wir2@home für Trennungsfamilien realisiert werden soll. »Diesem großen Vorhaben werde ich in den nächsten Jahren noch viel Zeit und Kraft widmen«, ist sich Prof. Franz sicher. Er glaubt fest daran, »dass sich die positiven Wirkungen in die politischen Ebenen tragen lassen, in die zuständigen Ministerien im Bund, die NRW-Landesregierung oder zu den Sozialträgern«.
Natürlich ist Prof. Dr. Franz auch weiterhin ambulant für seine Patientinnen und Patienten da. Er berät zudem Institutionen, hält Vorträge und organisiert Kongresse. Auch in der Fort- und Weiterbildung von Psychotherapeuten und Psychoanalytikern ist er aktiv. Bei all diesen Arbeiten lernt er selbst stets neu dazu und merkt, »wie lebenswichtig es ist, über alle Gefühle hinweg emotional und authentisch kommunizieren zu können«. Die meisten seiner Psychotherapiepatienten leiden darunter, dass sie die Beziehung zu ihren Grundgefühlen wie Angst, Ekel, Freude, Trauer und Wut verloren haben. Diese fünf »Basisaffekte« und der teilnehmend spiegelnde Umgang mit ihnen sind auch verantwortlich dafür, dass zwischen Mutter und Kind oder Vater und Kind eine sichere Bindung und dadurch im Kind ein stabiles Selbstwertgefühl entsteht.
»Wenn das Kind in seinen affektgesteuerten Signalen nicht oder missverstanden wird, dann stirbt das Gefühlsleben langfristig, und es wird später große Probleme in der Beziehung zu sich oder anderen Menschen haben und psychisch in der einen oder anderen Form erkranken. Deshalb ist es so wichtig, dass Kinder mit emotional präsenten und kompetenten Eltern aufwachsen dürfen. Darin manifestiert sich das Hauptziel von wir2«, schließt Prof. Matthias Franz ruhig zum Abschied.
Stefanie Meißner alias Peppa lebt mit ihrem Sohn Wanja an drei Tagen in der Woche zusammen. Drei Tage kümmert sich der Vater und einen Tag sind Oma und Opa dran: Ein unkonventionelles Familienmodell.
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»Mein Kosename ist Peppa. Den habe ich seit meinem 18. Lebensjahr«, erklärt Stefanie Meißner gleich zu Beginn unseres Gesprächs im Kinderzimmer ihres Sohnes. Ihr damaliger Freund habe sie so genannt. Peppa ist heute auch Stefanies Künstlername. Wer mit ihr zum Beispiel via E-Mail kommuniziert, verwendet diesen Nickname. Zur Jahrtausendwende fing Peppa mit dem Drehen von Filmen an. »Es war für mich als junges Mädchen nicht einfach, einen Studienplatz in einer Männerdomäne zu bekommen.« Sieben Jahre bewarb sie sich auf ein Kamerastudium. Aber: Es kam anders. »Mein Leben ist dramatisch, und ich könnte darüber ein eigenes Buch schreiben«, wird Peppa später sagen. Das hier ist der Versuch einer Momentaufnahme eines bewegten Lebens mit vielen Aufs, aber auch Abs.
12 Jahre lang war Stefanie Meißner erst Kameraassistentin und dann Kamerafrau. Sie drehte für Fernsehanstalten, aber auch fürs Kino. Zum Film kam sie auf Umwegen: Für die Formel-1-Rennstaffel reiste Peppa zwei Jahre quer durch verschiedene Länder. »Ich habe dort Catering und Logistik gemacht und verdiente an einem Wochenende steuerfrei 2000 Mark.« Währenddessen fing sie mit dem Filmen und dem Schneiden der Videos an. »Als das einige sahen, sagten sie: Du musst zum Film!« Es folgten drei Jahre Praktika bei diversen Produktionsfirmen, »und dann war ich eigentlich drin«. Sie arbeitete zum Beispiel mit Detlef Buck zusammen. Beim Film »Herr Lehmann« war sie ebenso dabei wie bei »Der Baader Meinhof Komplex«. Später gründete sie zusammen mit Gleichgesinnten die Produktionsfirma 25Films und begleitete über sieben Jahre ein Berliner Kulturprojekt. Aus dieser Arbeit wurde der erfolgreiche Dokumentarfilm »Bar 25 – Tage außerhalb der Zeit« über einen legendären Berliner Technoclub, der 2010 schließen musste. »Die Dokumentation über das politische Aufbegehren der jungen Partygemeinschaft war sehr erfolgreich und wurde in vielen Kinos auf der ganzen Welt sowie im ZDF gezeigt«, erzählt Peppa. Sie selbst lebte eine Zeit lang in der Bar 25 und führte
dort ein Videotagebuch. Nur mittels Crowdfunding wurde der Film finanziert, »durch viele Fans der Gemeinschaft. Das war damals erstmalig in Deutschland.« Peppa reiste mit ihrer Kamera in den Irak, nach Japan oder Südafrika. »Ich habe viele Länder der Welt gesehen und war manchmal Wochen oder Monate nicht zu Hause. Wir gewannen sogar einen Kurzfilm-Oscar mit dem Film ›Spielzeugland‹.« Obwohl sie erfolgreich war, wollte sie nicht mit diesem Job in Rente gehen.
Stefanie Meißner alias Peppa im Kinderzimmer ihres Sohnes Wanja in Berlin-Pankow
2013 stieg Stefanie Meißner aus dem Filmgeschäft aus. Sie machte eine Umschulung zur medizinischen Fachangestellten, »um wirtschaftlich eine Basis zu haben, damit ich ein Kind versorgen kann. Außerdem wollte ich mehr Ruhe in mein Leben bringen. Vorher war ich fast nur im Ausland unterwegs und habe super viel gearbeitet. Nur allein die Arbeit macht nicht den Lebenssinn aus.« Und sie dachte: »Nun ist die Zeit reif, eine eigene Familie aufzubauen.«
Den Vater ihres gemeinsamen Sohnes Wanja kennt Peppa seit 20 Jahren. Bei ihrem letzten Dreh für das Musikvideo zum Song »Elektroschock in der Innenstadt« von Pilocka Krach und Turneykit traf sie Wanjas Papa wieder. Im Refrain des Liedes heißt es: »Ich liebe dich; ich lieb dich nicht; ich liebe dich.« Ohne dass sie es zu diesem Zeitpunkt ahnen konnte, wurde das Auf und Ab der Liebe zwischen zwei Menschen zu ihrem Lebensmotto der nun folgenden Jahre. »2016 bin ich schwanger geworden. Unser Sohn ist ein Produkt unserer Liebe.« Ihr gemeinsamer Sohn Wanja ist heute fast fünf Jahre alt.
Geboren wurde die Enddreißigerin in Berlin-Pankow. Nach vielen turbulenten Jahren des Reisens und globalen beruflichen Arbeitens ist sie zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. »Als ich mit Wanja schwanger wurde, bin ich in die Nähe seines Papas gezogen. Ich befinde mich dort, wo meine Familie auch früher gelebt hat.«
Zeitgleich mit der Schwangerschaft beendete Peppa ihre Ausbildung. »Ich bin also direkt aus der Umschulung in die Schwangerschaft und dann in die Erziehungszeit rein.« Zusätzlich absolvierte sie Kurse in Pflanzenheilkunde und belegte eine Ausbildung als Heilpraktikerin. Nach sehr turbulenten Jahren genießt Peppa den festen Rhythmus ihres jetzigen Lebens. Sie meditiert, praktiziert Qigong und Yoga, und wenn es möglich ist, schwimmt sie mehrmals in der Woche. »Das geht nur dank der geregelten Arbeit.«
Durch die berufliche Umorientierung, gefolgt von Schwangerschaft und Erziehungszeit, hatte sie sieben Jahre keine feste Arbeit gehabt. »Es folgten erstmals elf Monate als Arbeitnehmerin in einem ambulanten Operationszentrum. Ich hatte einen klaren Weg zur Arbeit, monatlich ein festes Einkommen und konnte meinen Sohn versorgen. Das war für mich toll! Zwar schaffte ich es immer noch nicht, aus ALG 2 rauszukommen. Doch ich war froh, beruflich wieder integriert zu sein.« Viel verdiente sie als Berufseinsteigerin nicht: 1600 Euro brutto, »also 1200 Euro auf die Hand«. Für ihre Wohnung zahlt sie jeden Monat 700 Euro – es blieben also 500 Euro zum Leben. Durch die Beantragung von Wohngeld und den Kinderzuschlag nebst einem Arbeitsplatzwechsel in ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) kam sie vor drei Jahren aus den Jobcenter-Leistungen heraus. Während der Coronapandemie konnte sie durch die wöchentliche Unterstützung von Wanjas Papa und mithilfe ihrer Eltern zur Arbeit gehen, denn die Kitas waren wiederholt im Notbetrieb.
