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Ihr Herz – eine Festung. Seine Nähe – der Schlüssel, den sie nie wollte. Und doch könnte er alles verändern. Elira und Maelia – Zwillingsschwestern, einst unzertrennlich, bis Krankheit, Schuld und Schweigen sie auseinandergerissen haben. In London kümmert sich Elira aufopfernd um ihre kranke Mutter, doch während sie alles für sie gibt, droht sie selbst zu zerbrechen. Als Noel in ihr Leben tritt, spürt sie, was echte Nähe bedeuten könnte. Doch sie weiß: Wenn sie liebt, riskiert sie alles. In Zürich versucht Maelia neu anzufangen. Doch manche Erinnerungen sind stärker als jeder Vorsatz – und führen sie zurück zu dem, was sie am meisten fürchtet. Zwischen Verlust, Schmerz und Liebe suchen die Schwestern einen Weg zurück zu sich selbst. Und vielleicht auch zueinander.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Cover
Über das Buch
Innenklappe vorne
Impressum
Titel
Prolog
Kapitel 1 – Elira
Kapitel 2 – Maelia
Kapitel 3 – Elira
Kapitel 4 – Elira
Kapitel 5 – Maelia
Kapitel 6 – Maelia
Kapitel 7 – Elira
Kapitel 8 – Maelia
Kapitel 9 – Elira
Kapitel 10 – Elira
Kapitel 11 – Noel
Kapitel 12 – Elira
Kapitel 13 – Noel
Kapitel 14 – Maelia
Kapitel 15 – Elira
Kapitel 16 – Elira
Kapitel 17 – Elira
Kapitel 18 – Elira
Kapitel 19 – Maelia
Kapitel 20 – Maelia
Kapitel 21 – Elira
Kapitel 22 – Maelia
Kapitel 23 – Elira
Kapitel 24 – Elira
Kapitel 25 – Elira
Kapitel 26 – Elira
Kapitel 27 – Elira
Kapitel 28 – Maelia
Kapitel 29 – Elira
Kapitel 30 – Elira
Kapitel 31 – Maelia
Kapitel 32 – Maelia
Kapitel 33 – Elira
Kapitel 34 – Elira
Kapitel 35 – Elira
Kapitel 36 – Elira
Kapitel 37 – Elira
Kapitel 38 – Noel
Kapitel 39 – Elira
Kapitel 40 – Elira
Kapitel 41 – Elira
Kapitel 42 – Elira
Kapitel 43 – Noel
Kapitel 44 – Elira
Epilog – Elira
Über die Autorin
Innenklappe hinten
Backcover
Cover
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelseite
Inhaltsbeginn
Jessica Juni
Lautlos fallen wir
Autorin und Verlag danken für die Unterstützung:
Der Zytglogge Verlag in der Schwabe Verlagsgruppe AG wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2026–2028 unterstützt.
© 2026 Jessica Juni© Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehalten
Projektleitung: Ann-Kathrin KunzLektorat: Isabella SchützKorrektorat: Ulrike EbenritterUmschlaggestaltung: Weiß-Freiburg GmbH, Freiburg i. Br.eBook-Produktion: 3w+p, Rimpar
ISBN ePub: 978-3-7296-2468-9
www.zytglogge.ch
Jessica Juni
Lautlos fallen wir
Roman
The Night We Met – Lord Huron
Lovely – Billie Eilish und Khalid
Schwarzer Hund – Katha Rosa
You – Keaton Henson
Show Me the Part of You You Hide – You & Me Harmony
Aprender a Quererte – Morat
Disney – SOPHIA
Roségold – SOPHIA
Let It Go – James Bay
When We Were Young – Adele
Ich wünschte, du könntest das sehen – Dimi Rompos
Nackt – Kuult
Apologize – Timbaland
Träne – SOPHIA
Schmetterling – SOPHIA
Home – Edward Sharpe & The Magnetic Zeros
Falls du vor dem Lesen wissen möchtest, welche schwierigen Themen im Buch vorkommen, schau bitte auf die Content Notes auf Seite 348.
Achtung, diese können wichtige Handlungspunkte verraten.
Für all diejenigen,
die im Fallen Flügel fanden, statt zu zerbrechen.
Und für Freya JuneMögest du nie vergessen: Stärke ist wie ein Sternenhimmel – sie leuchtet heller, wenn andere Lichter an deiner Seite brennen. Hab immer den Mut, um Unterstützung zu bitten.
Die Sonne brennt gnadenlos auf mich herab und ich fühle mich wie ein Schmetterling in einem Glas – gefangen, beobachtet und zum Sterben verurteilt. Ich sterbe nicht. Nicht wirklich. Aber es fühlt sich so an. Und ich bin mir sicher: Ein Teil von mir wird sich nie wieder lebendig fühlen.
Die Rose, die ich in meiner Hand halte, zittert leicht, als hätte eine Brise sie berührt – dabei ist es windstill.
Jeder um mich herum sieht es. Ich spüre ihre Blicke, scharf und still, wie Nadeln auf der Haut. Sie alle sehen, wie dieses verdammte Ding einfach nicht aufhören will zu beben, egal wie fest ich es halte. Sie alle sehen mich.
Einatmen. Ausatmen. Ganz ruhig. So, wie Dr. Hiller es mir damals beigebracht hat. Immer weiter atmen und die Blicke ausblenden. Ich schiebe mir die Sonnenbrille zurecht, um meine freie Hand irgendwie zu beschäftigen. Ich trage sie nicht, um verweinte Augen zu verbergen, denn Tränen habe ich längst keine mehr. Ich brauche sie wegen der Sonne, die heute so erbarmungslos grell scheint, als würde sie sich über mich lustig machen. Als hätte sie verpasst, was passiert ist ... Meine Augen vertragen einfach kein Licht mehr. Kein Wunder, nach den letzten Tagen.
Dieses Wetter fühlt sich so falsch an. Keine einzige Wolke trübt den Himmel. Ein perfekter Septembertag, ausgerechnet hier in London, der Stadt des Regens.
Und genau dieser Regen wäre heute angemessen. Nein, besser noch: ein verfluchter Tornado. Einer, der alles mit sich reißt. Dann würden sie wenigstens endlich damit aufhören, mich anzustarren wie eine verdammte Touristenattraktion.
Jedes Wetter wäre besser als dieses. Aber das ist gerade mein kleinstes Problem.
Schlimmer noch ist die Trauerrede des Reverends. Der etwa siebzigjährige Geistliche spricht mit geübter Stimme und der Routine eines Nachrichtensprechers, der jeden Tag neue Texte herunterleiert.
Auf den ersten Blick mögen seine Worte warm erscheinen, doch ich erkenne jeden Satz, der nicht zu ihr passt. Und das sind fast alle. Ein paar wenige Details stimmen zwar, aber sie wirken wie Fremdkörper in dieser Fassade aus leeren Phrasen. Wahrscheinlich hat er sie bei einem Telefonat mit der Familie zusammengekratzt. Nur das Nötigste. Gerade genug, damit es persönlich klingt.
Aber sie alle kannten sie offensichtlich nicht wirklich. Nicht so wie ich.
Die leeren Worte gleiten an mir vorbei. Sie sagen nichts über ihr Lachen. Erwähnen nicht ihre Widersprüche, ihre Wärme, ihre Sturheit. Sie erzählen nichts davon, wer sie war.
Und doch spielt es keine Rolle mehr. Es wird nichts ändern. Nichts könnte rückgängig machen, was passiert ist. Was ich getan habe. Ich presse die Lippen zusammen. Ich will nur noch, dass es vorbei ist. Dieser Tag. Diese ganze Farce.
«Mögen diese schönen Erinnerungen in unseren Herzen weiterleben und uns trösten, während wir uns verabschieden.» Seine abschließenden Worte fallen wie Tropfen in einen leeren Raum, lautlos, ohne Bedeutung.
«Mein Kind, wollen Sie nun noch etwas sagen?» Der Reverend mustert mich mitfühlend. Was soll diese Frage? Schließlich hatten wir das im Vorgespräch schon so vereinbart. Nicht dass ich mich darum gerissen hätte, aber sie hätte es sich gewünscht. Wenn es nur nach mir ginge, wäre ich überhaupt nicht hier. Ich würde lieber einfach nur weglaufen und nicht mehr anhalten, bis nichts mehr von mir übrig wäre. Aber jeder meiner Fluchtwege führt mich ohnehin nur im Kreis herum und am Ende wieder zurück an den Anfang: zu ihr.
Hätte ich gewusst, dass unsere Geschichte keine Fortsetzung bekommt, hätte ich sie anders enden lassen.
Etwa ein halbes Jahr davor ...
Die Mauern meiner Festung standen fest,
bis dein Lächeln sie erschütterte.
Der Bolzenschneider liegt schwer in meiner Hand, während ich mich über die zahlreichen Schlösser beuge. Sie ruhen wie stumme Wächter an diesem Londoner Brückengeländer. Jedes von ihnen hat seine eigene Geschichte, die von Träumen, Hoffnungen und Liebe erzählt. Doch das Schloss, das ich suche, das von Drake und mir, ist nichts dergleichen – nur ein Zeuge von Lügen, Manipulation und Verrat. Es hat keinen Anspruch mehr darauf, hier zu hängen.
«Da bist du ja», murmle ich und nehme das große rote Vorhängeschloss in die Hand. In schwarzer krakeliger Schrift stehen die Initialen E und D darauf. Mein Magen verkrampft sich beim Gedanken an diesen Mistkerl. Zu lange habe ich mich von ihm zum Narren halten lassen.
Ich werfe einen letzten Blick auf das Schloss, bevor ich diesen Abschnitt meines Lebens endgültig abschließe. Fest entschlossen setze ich den Bolzenschneider an und drücke mit voller Kraft zu. Doch nichts geschieht. Das Metall gibt keinen Millimeter nach. Verdammt, nicht einmal ein Kratzer ist zu sehen!
«Ich bin mir nicht sicher, ob das legal ist», ertönt eine tiefe, raue Stimme hinter mir.
Mein Herz stolpert und ich wirbele herum.
Der Typ in der gut sitzenden braunen Lederjacke steht da, als gehöre ihm dieser Ort: lässig an das rostige Geländer gelehnt, die Hände in den Hosentaschen. Der kühle Wind zerzaust seine aschblonden Locken. Ein schiefes Lächeln huscht über seine Lippen, als unsere Blicke sich treffen. Nach kurzer Irritation erlange ich meine Fassung zurück. «Kümmere dich um deinen eigenen Kram», fauche ich und wende mich wieder dem Schloss zu. Erneut versuche ich, es zu durchtrennen, doch meine Bemühungen sind vergebens.
«Wenn du mir die Geschichte dahinter erzählst, helfe ich dir.» Der Typ steht nun direkt neben mir und streicht sich eine Locke aus dem Gesicht.
«Danke, aber nein danke. Ich schaffe das allein.»
«Okay», sagt er nur, zuckt mit den Schultern und dreht sich um.
Pff, soll er doch. Lieber lasse ich das blöde Ding hängen als ... Ich betrachte das Schloss, das immer noch unbeschadet in der Sonne glänzt.
Nein, es darf nicht hierbleiben.
Seine Schritte werden immer leiser, während der Drang in mir immer lauter wird. Meine Lippen öffnen sich, bevor mein Verstand hinterherkommt. «Warte!»
Er verlangsamt sich und zögert, nur einen Moment, aber für mich einen Atemzug zu lang. Ich ziehe die Arme enger um mich, als würde ich mich selbst umarmen. «Schon gut», murmele ich schnell, fast tonlos. Was tue ich hier eigentlich?
«Sicher? Lass mich dir doch helfen.»
«Ich brauche keine Hilfe. Warum mischst du dich ein?»
Sein Lächeln verschwindet. Er sieht mich an, vielleicht ein bisschen irritiert, vielleicht auch enttäuscht. Dann wendet er sich wieder ab. Ich schließe kurz die Augen. Am liebsten würde ich ihn nochmals aufhalten, um mich für mein unmögliches Verhalten zu entschuldigen, doch ich tue es nicht.
Ich setze stattdessen den Bolzenschneider noch einmal an. Der rutscht ab, schlägt gegen das Geländer und springt mir fast aus der Hand. Meine Kiefermuskeln spannen sich an und ich lasse entmutigt das Werkzeug fallen. Der Aufprall hallt laut über die Brücke. Meine Finger pochen, taub von der Anstrengung. Wütend schüttle ich meine Hände aus. Scheiße, tut das weh.
Ich gebe schließlich auf, drehe mich um und stampfe los. Die Kälte brennt mir im Gesicht, der Wind pfeift wie Spott in meinen Ohren. Ich blicke nicht mehr zurück.
Am Auto angekommen reiße ich die Heckklappe auf. Der Dämpfer quietscht, als hätte selbst er keine Lust mehr auf diesen Tag.
Ich wühle im Kofferraum und finde unter anderem eine alte Decke, einen zerbeulten Regenschirm und eine leere Thermoskanne, die klapprig zur Seite rollt. Nichts. Nichts, was auch nur ansatzweise nützlich wäre.
Ich fluche vor mich hin und suche weiter. Alles vergebens. Ich stoße mir lediglich auch noch die Hand an einer Holzkiste.
Es reicht.
Ich schließe den Kofferraum mit mehr Kraft als nötig. Mein Blick fällt auf den Rücksitz ... da liegt meine Lösung. Ein dicker schwarzer Edding. Ich schnappe ihn mir, öffne ihn und mustere die Spitze. Hoffentlich funktioniert der noch.
Dann mache ich mich erneut auf den Weg zur Brücke. Nicht mehr wütend. Nicht mehr verzweifelt. Nur noch entschlossen. Dann werden die blöden Initialen halt durchgestrichen, was sollʼs.
Am Geländer angekommen, bleibe ich wie angewurzelt stehen. «Was zur ...» Ich blinzle verwirrt. Das Schloss hängt da nicht mehr.
«Du hast was vergessen.» Schon wieder diese Stimme. Ich drehe mich um. Er grinst übers ganze Gesicht und hält meinen Bolzenschneider hoch.
«Warum schleichst du dich denn so an? Was soll das?», frage ich, während ich mich zu ihm drehe. Warum hab ich das nicht hingekriegt?
«Von Schleichen kann keine Rede sein. Du bist gerade direkt an mir vorbeigerauscht und hast mich nicht mal bemerkt», kontert er und zwinkert mir zu. Dieser ...
«Wenn du glaubst, dass ich dir jetzt irgendwas dazu erzähle, dann irrst du dich gewaltig.» Ich verschränke die Arme vor der Brust und fixiere ihn auffordernd.
«Das dachte ich mir schon. Schade, aber vielleicht beim nächsten Mal.»
Nächstes Mal? Was bildet der sich ein?
«Ganz bestimmt nicht. Ich muss jetzt los.» Ich nicke Richtung Brückengeländer. «Danke dafür, wäre aber nicht nötig gewesen», füge ich hinzu und laufe an ihm vorbei zurück zum Auto.
«Hey, sag mir wenigstens, wie du heißt», ruft mir der Unbekannte hinterher.
Ich zögere, erwidere dann aber, ohne mich umzudrehen: «Elira.»
«Freut mich, dich kennengelernt zu haben, Elira. Ich bin Noel.»
Noel also.
Bei meinem Wagen angekommen lasse ich mich seufzend auf den Fahrersitz fallen und lege die Stirn aufs kühle Lenkrad. Mir ist übel und jetzt, wo ich sitze, scheint sich alles zu drehen. Nicht schon wieder.
«Hey, alles okay?» Noel steht auf einmal neben der noch offenen Fahrertür und mustert mich mit großen Augen.
«Lass mich endlich in ...»
Mir bleibt der Rest im Hals stecken. Etwas dreht sich in mir, zieht sich zusammen und krallt sich fest. Dann kommt es hoch – unaufhaltsam und brennend.
Ich beuge mich keuchend vor und übergebe mich. Direkt über Noels Beine.
Erschrocken weicht er zurück und stolpert dabei über seine eigenen Füße. Sein Gesicht verzieht sich in Ekel und Fassungslosigkeit, als er an sich herabschaut.
Dann schaut er mich an. In seinem Blick verändert sich etwas. Der erste Schock weicht, lässt Raum für eine andere Regung. Wärme, vielleicht Mitleid. Keine Ahnung. Ich würge erneut, der nächste Schwall kommt noch schneller. Mein Körper bebt. Ich kann nichts dagegen tun.
Noel tritt vorsichtig näher, als würde er ein verletztes Tier beruhigen wollen, und streicht mir langsam eine verklebte Strähne aus dem Gesicht. Meine kupferroten Haare sind nass vom Schweiß.
Ich traue mich nicht, ihn anzusehen. Nicht so. Nicht jetzt.
«Ich hole schnell etwas Wasser und bin gleich wieder da, okay?» Er hält inne, als er auf das Erbrochene schaut. «Das ist ja nur Magensäure. Wann hast du das letzte Mal was gegessen?»
Ich antworte ihm nicht, starre nur auf den Boden. Gott, ist das peinlich.
Noel wartet noch kurz, doch als ich nichts sage, läuft er los. Nach einigen Minuten drehe ich mich wieder zum Steuer, schließe die Autotür und starte den Motor. Schnell weg hier, bevor er zurückkommt. Doch wieder dreht sich alles. So kann ich auf keinen Fall fahren.
Die Tür öffnet sich wieder und Noel schüttelt ungläubig den Kopf. «Wolltest du ernsthaft einfach losfahren?»
Wieder reagiere ich nicht. Er befeuchtet eine Serviette mit Wasser aus einer Flasche und streicht mir damit über die Stirn. Doch kaum berührt er mich, weiche ich instinktiv zurück.
«Tut mir leid, ich wollte nur ...»
«Fass mich nicht an», sage ich, viel schärfer als beabsichtigt.
«Verstanden. Tut mir leid», wiederholt er.
Langsam beruhige ich mich wieder und auch meinem Magen geht es besser.
«Hier.» Er streckt mir ein Sandwich entgegen.
Hat er mir echt etwas zu essen besorgt? Ich schüttle den Kopf. «Ich habe keinen Hunger, aber danke.»
Es stimmt nicht ganz. Mein Magen fühlt sich leer an, aber das ist besser so. Essen würde jetzt alles nur schwerer machen. Der Geschmack, das Völlegefühl, das schlechte Gewissen danach. Und überhaupt: Ich habe heute schon genug gegessen. Oder? Ich rechne kurz im Kopf nach. Ja. Mehr als genug.
«Ich denke, du solltest etwas essen, Elira.» Er legt das Sandwich auf die Mittelkonsole. «Vielleicht willst du es ja später.» Er mustert mich noch einmal besorgt und richtet sich dann seufzend auf. Ich räuspere mich, weil ich will, dass meine Stimme sicher klingt – also anders, als ich mich fühle. «Danke, aber ich komme jetzt allein zurecht.»
«Das weiß ich, ich wollte dich nur nicht so hier stehen lassen.» In seiner Stimme schwingt keine Ironie mit. Er scheint das tatsächlich ernst zu meinen. Ich lehne mich zurück und fühle mich immer noch nicht fit genug, um zu fahren. Ich schaue in den Rückspiegel. Mein Make-up sitzt zum größten Teil noch, nur der Eyeliner ist etwas verschmiert. Ich bessere ihn schnell mit einem Taschentuch aus, dann greife ich nach dem Sandwich und steige aus.
«Ich gehe eine Runde spazieren. Wenn du mich begleiten möchtest, wäre das okay», sage ich so gleichgültig wie möglich, ertappe mich jedoch dabei, wie ich insgeheim darauf hoffe.
Er nickt nur und läuft dann neben mir her, während ich unentschlossen an dem Brot herumzupfe. Vielleicht esse ich einen kleinen Bissen ... nur, um den Säuregeschmack loszuwerden?
«Passiert dir das öfter?», fragt er nach einer Weile des Schweigens. Seine Stimme ist leise, als ob er befürchtet, ich könnte mich wieder an seine Anwesenheit erinnern und ihn wegschicken. Ich muss lächeln, als ich mich daran erinnere, wie meine Schwester und ich als Kinder abends ganz leise neben unseren Eltern auf dem Sofa saßen und hofften, sie würden vergessen, dass wir ins Bett müssten. Bei dem Gedanken an meine Mutter, die uns natürlich nie vergessen hat, bildet sich ein Kloß in meinem Hals. Ich schlucke die aufsteigenden Tränen herunter.
«Alles in Ordnung? Ist dir wieder schlecht?» Noel reißt mich aus meinen Gedanken.
«Nein, alles gut. Und nein, so was passiert mir nicht oft, ich habe wahrscheinlich nur zu wenig geschlafen oder zu lange nichts gegessen.»
«Warum?»
«Warum was?» Ich verdrehe die Augen. Meine Güte, der will ja alles wissen.
«Warum schläfst und isst du schlecht?», hakt er nach.
«Das habe ich gar nicht gesagt, ich ...» Halt die Klappe, Elira. «Das geht dich nichts an», blaffe ich ihn an. Aber irgendwie möchte ich ihm trotz allem mehr von mir erzählen. Sind es seine braunen Augen, die vor Freundlichkeit leuchten? Oder sein Lächeln, das so ehrlich wirkt? Oder bin ich nur einsam und bilde mir das alles nur ein? Wahrscheinlich eine Mischung von allem.
Er hält beide Hände in die Luft, als würde ich mit einer Waffe auf ihn zielen. «Sorry», sagt er und lacht. Dann wird seine Miene wieder ernst, er lässt den linken Arm fallen und legt die rechte Hand auf sein Herz. «Ich gelobe hiermit feierlich, kein Interesse mehr an dir zu zeigen, liebe Elira.»
Wir sehen uns für eine Sekunde einfach schweigend an, dann müssen wir beide lachen.
«Wie dramatisch», sage ich, als ich wieder zu Atem komme. Er zuckt nur mit den Schultern, grinst und läuft weiter. Auch wenn mir Noel sympathisch ist, halte ich innerlich Abstand. Ich bin mir nicht sicher, was ich von ihm halten soll. Warum ist er so nett zu mir?
Wir laufen nebeneinanderher. Unsere Schritte finden schnell denselben Rhythmus. Die Abenddämmerung senkt sich über die Themse. Ich knöpfe meinen gefütterten Mantel bis oben zu. Obwohl es schon April ist, trage ich ihn noch. Mir ist einfach immer kalt.
«Was machst du so?», frage ich und bemühe mich, beiläufig zu klingen.
«Ich bin Fotograf», sagt er. «Ich liebe es, Menschen in Momenten zu erwischen, in denen sie nicht daran denken, wie sie wirken. Wenn du das Licht richtig einfängst, und jemand lacht, ohne zu merken, dass du die Kamera schon längst im Anschlag hattest ... das sind die besten Aufnahmen.»
Er schaut mich nicht an, während er spricht. Sein Blick geht nach vorn, fast gedankenverloren, als sähe er dort etwas, das nur für ihn sichtbar ist.
Ich nicke, obwohl er das in dem Moment gar nicht sieht. Seine Stimme ist ruhig, fast weich. Ich spüre, wie mein Atem flacher wird. Nicht weil ich außer Puste bin. Sondern weil das etwas mit mir macht.
Vorsicht, mahnt etwas in mir. Du weißt nichts über ihn.
Trotzdem gehe ich weiter so dicht neben ihm her, dass sich unsere Arme fast streifen. Ich bilde mir ein, dass ich seine Wärme durch unsere Jacken hindurch spüren kann, obwohl wir uns nicht einmal berühren. So richtig wohl fühle ich mich zwar nicht dabei, aber auch nicht unwohl. Es ist wie das Gefühl, kurz vor dem Einschlafen, wenn alles weich wird, aber man doch noch nicht ganz loslassen kann.
«Was machst du denn beruflich?», fragt er zurück. Nicht beiläufig. Nicht aus Pflicht. Seine Stimme klingt immer noch ehrlich und voller Neugierde.
Ein kleines Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht, sobald ich an meine Arbeit denke, doch ich versuche schnell, es zu verbergen. «Ich bin die Assistentin einer sehr gefragten Event-Managerin.»
«Oh, das klingt spannend. Was machst du da genau?»
«Ach, nicht wirklich. Telefonieren, Mails schreiben», erwidere ich schnell, weil ich nicht über mich reden will. Schnell das Thema wechseln: «Was ist dein Lieblingsessen?»
Noel blinzelt, als müsste er überprüfen, ob er mich richtig verstanden hat, und sein Blick verharrt dabei einen Moment zu lange auf meinem Gesicht. Okay, meine Sozialkompetenzen sind etwas holprig. Wohl eher nicht vorhanden, ergänzt meine fiese innere Stimme. Trotzdem, so dämlich ist die Frage ja nicht. Oder?
«Ist dir die Frage etwa zu privat? Ich könnte dich auch nach deinen größten Ängsten fragen, wenn dir das lieber wäre», setze ich schnell scherzend nach.
«Wow, jetzt hast du mich echt erwischt. Erst eine weitere ernst gemeinte Frage und dann noch ein Witz hinterher? Ich kenn dich zwar gefühlt erst ein paar Minuten, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das eher selten vorkommt.» Er grinst schief. «Wobei, vielleicht liegt’s auch einfach daran, dass du den Humor eines Steuerformulars hast.» Sein Lachen ist kurz, trocken, ein bisschen zu laut und ... wunderschön. Ich kann gar nicht anders, als mitzulachen. Wir gehen weiter, und ich bemerke, wie die Anspannung in mir immer weiter nachlässt. Vielleicht ist es die frische Luft und die stimmungsvolle Umgebung ... oder einfach seine Gesellschaft.
«Weißt du», beginnt er und zupft nervös an seinem Ärmel. «Ich habe auch schon mal so ein Schloss von der Brücke um jeden Preis weghaben wollen.»
Ich sehe ihn überrascht an. «Wirklich?»
Er nickt und atmet kurz durch, bevor er zu erzählen beginnt. «Es ist ein paar Jahre her. Wir sind auch hier gewesen, und meine damals große Liebe hatte die Idee, ein Schloss an die Brücke zu hängen. Wir haben unsere Namen darauf eingravieren lassen und es dann zusammen angebracht. Es war so ein schöner Moment. Wir haben uns geschworen, dass wir immer zusammenbleiben würden, egal was passiert.»
Ich kann die Nostalgie in seiner Stimme hören und seine Offenheit rührt mich.
«Und? Was ist passiert?»
Noel seufzt leicht und sieht aufs Wasser hinaus. «Jane ... Nun, das Leben führt uns manchmal in verschiedene Richtungen. Wir haben uns getrennt, aber ich habe das Schloss schlussendlich nie abgenommen. Es hängt immer noch dort, als Erinnerung an das, was wir hatten.» Er schaut wieder zu mir, und ich bemerke, wie verletzlich er in diesem Moment ist. «Es ist seltsam, oder? Man denkt, dass man für immer zusammenbleibt, aber das Leben ist einfach unberechenbar.»
«Das klingt nach einer besonderen Erinnerung», flüstere ich.
«Ja, das ist sie», antwortet er, und sein Blick wird weich, als ob er die Last für einen Augenblick vergisst. «Aber ich glaube, dass jede Erfahrung uns formt.» Er steckt die Hand in seine Jackentasche und holt etwas heraus. Das Schloss von Drake und mir. «Auch wenn es vielleicht keine schöne Erinnerung ist, sie ist trotzdem ein Teil von dir und dem, was dich ausmacht. Denn manchmal ist es nicht wichtig, was ein Schloss verschließt, sondern wen es befreit.»
Ich starre das Schloss in Noels Hand an, unschlüssig, was ich damit machen soll. Irgendwie bin ich davon ausgegangen, er hätte es einfach weggeworfen, und das war so völlig okay für mich. Aber jetzt, wo ich es noch mal sehe, mit Noels Worten im Kopf, fühlt es sich falsch an, meinem Impuls nachzugeben, es einfach ins Wasser zu werfen.
«Vielleicht sind wir alle nur das Resultat der Narben, die andere an uns hinterlassen haben», sage ich nach einem Moment.
«Oder die Summe der Hände, die uns trotz der Narben noch halten», ergänzt er und lächelt feinfühlig.
«Ich ...», fange ich an. «Ich weiß nicht, was ich ...»
«Kein Problem.» Er steckt das Schloss wieder in seine Jacke. «Ich bewahre es für dich auf, und wenn du bereit bist, dich damit zu beschäftigen, holst du es bei mir ab.»
Wenn ich bereit bin ... Ich schlucke schwer und stehe immer noch völlig irritiert da. Noel scheint mein Unbehagen zu bemerken und lächelt mich mitfühlend an.
«Hast du schon einmal eine Bootsfahrt auf der Themse gemacht?», fragt er dann. Ich weiß, dass er den Themenwechsel nur gut meint, aber diese Frage fühlt sich an, als würde sich plötzlich ein Gewicht auf meine Brust legen.
Ich sehe uns Händchen haltend und quietschend vor Freude mit unseren Eltern auf einem der Boote. Egal wie oft wir das gemacht haben, ich konnte nie genug davon kriegen. Vor meinem inneren Auge sehe ich Dad mit seinem hässlichen Hut und Mum, wie sie vergeblich versucht, ihre vom Wind zerzausten Haare zu bändigen.
Mum ... Meine Augen brennen und ich muss all meine Kraft aufbringen, um mir nichts anmerken zu lassen.
«Elira?» Der Klang meines Namens ist ruhig, doch er durchbricht die wild herumwirbelnden Gedanken in meinem Kopf und holt mich zurück ins Jetzt.
«Natürlich. Ich bin schließlich hier geboren und aufgewachsen ...» Kaum habe ich es ausgesprochen, bereue ich es auch schon. Das auszusprechen, weckt gerade viel zu viele weitere Erinnerungen. Er scheint zu merken, dass ich mich unwohl fühle. Die Stille zwischen uns wird dick und schwer. Ein Teil von mir will Abstand, doch gleichzeitig fühle ich mich zu ihm hingezogen. Ich muss unbedingt die Kontrolle zurückerlangen. Es kribbelt in meinen Fingerspitzen, als würde sich mein Körper fluchtbereit machen. «Es ist spät», sage ich schließlich und bleibe stehen. «Ich muss los.»
Er sagt nichts. Er fragt auch nicht nach, was los ist. Aber ich sehe die Enttäuschung in seinem Gesicht. Mein Blick fällt auf seine Hose – die dunklen Flecken, der säuerliche Geruch. Ein schlechtes Gewissen macht sich in mir breit. Ich strecke eine Hand aus. «Gib mir bitte dein Handy.»
Zögernd zieht er es aus der Jackentasche und reicht es mir mit einem kaum merklichen Stirnrunzeln. Ich tippe meine Nummer ein. «Wegen der Reinigung für deine Klamotten. Ich bezahl das natürlich.» Ich drücke ihm das Gerät zurück in die Hand. «Und ... es tut mir leid.»
Dann drehe ich mich um und lasse ihn ohne ein weiteres Wort stehen.
Das Summen der Tätowiermaschine liegt wie ein gleichmäßiger Strom in der Luft. Ich liebe dieses Geräusch – monoton, beruhigend, irgendwie magisch. Es klingt nach Veränderung. Nach Aufbruch. Ich sitze auf dem kleinen Hocker neben Mikel, meinem Chef, Künstler und inoffizieller Therapeut, und beobachte, wie er mit konzentriertem Blick an der Wade des heutigen Kunden arbeitet.
Der Typ – sportlich, kantiges Gesicht, bunte Sneaker – hat sich einen Koala ausgesucht, der auf einem Eukalyptuszweig chillt. Nicht mein Geschmack, aber ich habe hier schon schlimmere Motive gesehen. Und Mikel? Der macht selbst aus einem betrunkenen Tintenfisch ein Meisterwerk.
Ich reiche ihm ein frisches Tuch, bevor er überhaupt danach fragt.
«Danke», murmelt er, wischt die überschüssige Tinte weg und tritt dann einen Schritt zurück. «So, schau es dir an und sag mir, ob das so passt.»
Der Kunde steht auf, geht zum Spiegel und betrachtet seine Wade. «Alter, das ist ja der Wahnsinn. Danke, Mann!»
Die letzten zwei Stunden, in denen er mit verkniffenem Gesicht auf dem Stuhl lag, scheinen mit einem Mal vergessen.
«Schön, dass es dir gefällt», sagt mein Chef selbstbewusst, während er einkassiert. Als der Typ den Laden verlassen hat, zwinkert Mikel mir zu. «Na? War der nicht was für dich?»
Ich verdrehe die Augen. «Mikel, du kannst mich nicht mit jedem Kunden verkuppeln, der männlich ist und Tattoos mag.»
«Oh, liegtʼs am Geschlecht?», fragt er völlig wertungsfrei.
«Es hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Ich hab momentan einfach kein Interesse an einer Beziehung», erwidere ich wahrheitsgetreu.
«Schade. Wenn ich einen Sohn ...» Er mustert mich kurz, bevor er fortfährt. «... oder eine Tochter hätte, hätte ich dich gerne als Schwiegertochter.»
«Und ich würde höflich ablehnen, aber danke.»
Er lacht leise und tippt auf den Tattoostuhl. «Jetzt bist du dran, Lieblingspraktikantin.»
Ich setze mich mit klopfendem Herzen. Seit Tagen rede ich davon und heute ist es so weit: Mein Tattoo soll endlich Farbe bekommen. Die drei kleinen Sterne auf meinem Schlüsselbein, bisher nur feine Linien, sind schön, aber sie wirken so still. Als würden sie schlafen. Jetzt will ich, dass sie aufwachen. Lebendig werden.
«Also? Sicher mit den Farben?», fragt mein Chef und mustert mich aufmerksam. «Mir gefällt’s auch so schon ganz gut.»
«Ich bin mir sicher. Farben gehören zu mir. Ich will, dass die Sterne leuchten.» Und dann, irgendwann, kann ich es vielleicht auch wieder.
«Alles klar.» Das Surren beginnt, die Nadel setzt auf meiner Haut an und ich grinse. Es tut weh, aber es ist ein gutes Brennen. Das Brennen der Veränderung.
Sanftes Rosa trifft auf helles Apricot, das dann erst in ein warmes Pfirsichgelb und schließlich in ein klares, strahlendes Blau übergeht. Wie ein Sonnenaufgang, eingefangen unter meiner Haut. Ich kann spüren, wie die Farben zu einem Teil von mir werden. Lebendig. Es fühlt sich an, als würde ich aus der Dunkelheit ins Licht treten, wie der Start eines neuen Kapitels.
«Fertig», sagt Mikel kurze Zeit später und führt mich zum Spiegel.
Ich halte den Atem an. Die Farben glühen. Die Sterne wirken, als würden sie jeden Moment vom Schlüsselbein abheben und über meine Haut tanzen. «Ich liebe es», flüstere ich.
Genau in dem Moment klingelt die Türglocke. Helena steht im Eingangsbereich, mit ihrer Jacke über dem Arm und einem ungläubigen Blick. «Mae ... wow. Das ist unglaublich schön.» Sie kommt näher, bleibt einen Moment stehen und umarmt mich sachte. «Das bist du. Genau so. Laut, bunt und frei.»
«Dann war es wohl die richtige Entscheidung. Jetzt falle ich mehr auf.» Ich grinse.
«Du warst vorher schon schwer zu übersehen», witzelt Mikel.
«Du bist halt auch ein besonders scharfsinniger Beobachter», kontere ich und strecke ihm die Zunge raus, während Helena lacht.
Ich betrachte mich noch einmal im Spiegel. Mein Haar fällt in dichten, kupferfarbenen Locken über meinen Rücken, so lang, dass die Spitzen meine Hüften streifen. Es wirkt wie ein eigenes Wesen: wild, eigensinnig und schwer zu bändigen. Mein Blick wandert zu meinen Augen. Grün, mit einem Hauch von Braun, das im richtigen Licht fast schimmert. Und überall auf meiner Haut sind Sommersprossen verstreut. Mum sagte immer, es sähe aus, als hätte jemand mit einem feinen Pinsel Sonnenlicht auf mein Gesicht getupft. Das werde ich nie vergessen. Vielleicht, weil es schöner klang, als ich mich je gefühlt habe. Ich ziehe leicht die Brauen hoch, prüfe mein Spiegelbild – nicht kritisch, eher neugierig. Als würde ich mich gerade neu kennenlernen. Ich bin einundzwanzig und noch immer verschwimmt das Bild im Spiegel. Wer bin ich nur? Wer bin ich, ohne sie? Manchmal frage ich mich, ob das neue Ich schon in mir wohnt oder ob ich es erst noch erfinden muss.
«Wollen wir?» Helena betrachtet mich durch den Spiegel.
«Kann ich noch was tun, bevor ich Feierabend mache?», wende ich mich an meinen Chef.
Er winkt nur ab. «Ach was, genießt noch das tolle Wetter.»
Helena und ich treten nach draußen, wo mir direkt die Wärme entgegenschlägt. Es ist ein warmer Frühlingstag, weitaus heißer, als ich es von Zürich gewohnt bin. Der Himmel wirkt fast zu perfekt: blau bis zum Horizont, keine Wolke weit und breit. Helena wird auf dem Weg zum See ungewöhnlich still. Immer wieder merke ich, wie ihr Blick auf die Stelle meines Tattoos fällt, das nun unter einer Schicht Klarsichtfolie verborgen ist.
«Weißt du, Mae», durchbricht sie das Schweigen, «du bist jetzt schon seit zwei Jahren meine beste Freundin. Aber ich weiß trotzdem so wenig über dich. Deine Familie. Dein Leben vor ... na ja, vor deinem Umzug hierher.»
«Ich brauchte einfach mal was Neues», sage ich, wie immer, wenn dieses Thema aufkommt.
Helena mustert mich, als wiege sie ab, ob sie weiterbohren sollte. «Klar, das versteh ich. Aber manchmal frage ich mich, wer du warst, bevor du nach Zürich gekommen bist. Dieses Tattoo zum Beispiel ...» Sie zögert. «Was bedeutet es und warum war dir so wichtig, es nachträglich bunt zu machen?»
Ich lache leicht. «Du machst dir zu viele Gedanken, ich mag die Sterne und liebe Farben. Eine tiefere Bedeutung gibt es nicht.» Meine Brust wird eng bei meinen Worten. Denn so ehrlich ich auch sein möchte, kann ich Helena nicht mehr erzählen. Nicht, ohne daran zu zerbrechen.
Als wir gerade am Restaurant «Mamma Mia» vorbeilaufen, nutze ich die Gelegenheit, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. «Weißt du noch, wie wir uns hier kennengelernt haben?», frage ich und stupse sie leicht mit dem Ellbogen an.
«Oh, klar. Wie könnte ich das vergessen?» Helena grinst. «Das war der peinlichste Moment meines Lebens. Ich bin volle Kanne mit dem Kellner zusammengestoßen, der dann einen Haufen Getränke über euren Tisch verschüttet hat.»
Ich lache laut auf bei der Erinnerung an meine Tante, die vor Schreck vom Stuhl aufgesprungen ist.
Die Sonne geht langsam unter und der See glitzert in den letzten Lichtstrahlen. Ich setze mich ans Ufer, die Hände im Gras abgestützt und den Blick auf den Horizont gerichtet.
«Manchmal frage ich mich, ob das alles wirklich richtig ist», sage ich nachdenklich, weil ich ihre Worte von vorhin doch nicht einfach an mir abprallen lassen kann.
«Worum gehtʼs?», fragt Helena, die sich neben mich setzt.
«Ich meine ... das Leben hier. Es ist alles so ... leicht. Aber ich fühle mich noch nicht so, als ob ich ganz angekommen bin. Ich weiß nicht, was ich wirklich will.» Es fühlt sich zu leicht an, fast schon unwirklich.
Helena schaut mich ernst an, aber ein kleines Lächeln umspielt ihre Lippen. «Weißt du, Mae, du hast noch Zeit. Du musst nicht sofort alles herausfinden. Du bist noch so jung. Was auch immer dich hierhergeführt hat, du darfst glücklich sein und dein Leben in vollen Zügen genießen.»
«Ich hoffe, du hast recht», sage ich, während ich den Blick auf den Horizont richte.
«Das habe ich doch immer. Manchmal reicht es schon, wenn jemand für dich da ist, während du suchst. Fündig werden kannst du später immer noch.» Helena schlägt mir spielerisch auf den Arm. «Wobei ich ja finde, dass du längst genug bist, auch wenn du’s selbst nicht siehst.»
«Danke», flüstere ich fast schon.
«Ach Quatsch, ich danke dir dafür, dass du doch noch mit mir geredet hast», erwidert sie völlig selbstverständlich.
Schnell stehe ich auf, und ich ziehe sie mit mir. «Komm, wir genießen einfach den Abend.»
«Klar, lass uns gehen», sagt sie lachend. «Aber wehe, du schleppst mich wieder in irgendeine verrückte Karaoke-Bar!»
«Mal schauen ... aber erst mal müssen wir etwas essen. Dann sehen wir weiter.» Ich zwinkere ihr zu und laufe los.
Und während wir den Weg entlanggehen, fühlt es sich für einen Moment an, als könnte alles so bleiben. Einfach, leicht, unkompliziert.
Doch tief in mir spüre ich, dass es mehr gibt. Dass der Weg, den ich gerade gehe, nicht nur von Freiheit geprägt ist, sondern auch von der Suche nach etwas, das ich noch nicht genau benennen kann.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem alles anfangen wird. Mein neues Ich.
Mein Handy vibriert. Es ist Dad. Ich zögere.
«Willst du nicht rangehen?», fragt Helena, die einen Blick aufs Display erhascht hat.
«Ich rufe ihn später zurück», murmele ich, mehr zu mir selbst als zu meiner Freundin. Meine Finger umklammern das Gerät fester, während ich den Kopf schüttele, als könnte ich dadurch die Angst abschütteln, die sich plötzlich in meiner Brust ausbreitet. Die Leichtigkeit von eben ist auf einen Schlag fortgerissen. Mein Atem stockt, wird flach, als hätte die Luft beschlossen, sich mir zu entziehen.
Ich will rangehen. Wirklich. Ich will seine Stimme hören, einfach nur wissen, dass alles in Ordnung ist.
Und gleichzeitig weiß ich: Irgendwann wird er kommen – dieser eine Anruf, der alles zerreißt. Und am anderen Ende wird seine Stimme sein. Die meines Vaters.
Nein, geh weg, halte dich fern. Bitte, nimm sie mir nicht weg ...
Doch sosehr ich es mir wünsche, ich kann dich nicht kontrollieren, nicht verjagen, nicht ungeschehen machen. Ich kann nur zusehen, wie du dir alles nimmst.
«Kommst du heute mit zum Mittagessen?», fragt Sonja durch die Tür zu meinem kleinen Büro. Wobei Büro übertrieben ist – es ist einfach eine Ecke mit einem Schreibtisch. Beim Gedanken an Essen knurrt mir der Magen und gleichzeitig wird mir schlecht.
«Ich habe mir was mitgenommen», erwidere ich schnell, in der Hoffnung, dass sich das Thema damit erledigt hat.
«Ach komm schon, du kommst praktisch nie mit zum Essen. Gib dir einen Ruck.»
Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn mein Nein einfach mal akzeptiert würde. Ich atme tief durch und unterdrücke meinen Impuls, sie anzuschnauzen. Schließlich sind wir hier auf der Arbeit und für Lina, meine Chefin, ist Professionalität das höchste Gebot.
«Wie gesagt, ich habe schon was dabei. Nächstes Mal.»
Sonja holt gerade Luft und will noch mal ansetzen, also füge ich schnell hinzu: «Entschuldige bitte, ich habe echt viel zu tun.»
Sie lässt die Schultern hängen, verlässt dann aber ohne ein weiteres Wort den Raum. Ich verstehe nicht, warum sich hier alle mit mir anfreunden wollen. Wir sind doch Konkurrenten. Drei Bewerber, zwei Frauen und ein Mann und ab Januar wird nur eine oder einer von uns bleiben.
Lina legt großen Wert auf Perfektion. Bei sich selbst, bei uns anderen und bei allem, worauf ihr Name steht. In ganz London ist sie für ihr Organisationstalent bekannt. Renommierte Firmen reißen sich um sie und wohlhabende Paare wollen, dass sie ihre Hochzeiten plant. Natürlich nicht nur die Reichen, aber nur die können es sich leisten.
Als Lina eine neue Assistenz gesucht hat, hat sie uns drei eingestellt. Sie meinte, sie wolle bis Ende des Jahres herausfinden, wer der Aufgabe wirklich gewachsen ist. Dann kann sie sich die oder den Besten aussuchen. Und nur diese eine Person darf bleiben, um von ihr zu lernen.
Also nein, ich will keine Zeit damit verlieren, essen zu gehen und Freundschaften zu schließen. Ich möchte diesen Job und genau deshalb werde ich ihn auch kriegen. Ich ziehe meinen dicken Cardigan etwas enger und stelle den kleinen Heizlüfter unter meinem Schreibtisch wärmer. Mann, ist das kalt.
Gerade als ich mich wieder meiner Arbeit widmen möchte, vibriert mein Handy. Noels Name leuchtet auf und mein Herz setzt für einen Schlag aus. Schnell greife ich danach und öffne die Nachricht.
Noel [11:53]
Essen gehen? Morgen Abend? Ich verspreche, keine Fragen zu stellen. Abgesehen von dieser natürlich ;)
Warum habe ich ihm bloß meine Nummer gegeben? Ich habe weder Zeit noch Energie für solch einen Kram. Entschieden schüttle ich den Kopf und lege das Handy wieder zur Seite.
Es ist kurz vor 19.00 Uhr, als ich aus dem Büro komme. Es war ein anstrengender Tag und ich überlege, wie ich am besten abschalten kann.
Eigentlich hatte Dad mich zum Essen eingeladen, aber die Zeit ist mir durch die Finger geronnen. Dann gehe ich eben morgen vorbei. Was soll’s?
In der U-Bahn zücke ich mein Handy, und mein Herz bleibt stehen. Sechs verpasste Anrufe von Dad. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Das ist nicht wegen des Essens, das weiß ich. Er kennt mich, er weiß, dass ich oft nicht rechtzeitig antworte und die Zeit vergesse. Mit zitternden Fingern rufe ich zurück. Als er abnimmt, halte ich kurz den Atem an. «Dad, was ist los?»
«Eli, Schatz. Es geht um Mum ...»
«Mum? Was ist mit ihr?» Die Worte kommen zitternd heraus, als wäre ich in einen kalten See gefallen. Ich stehe auf, ignoriere die neugierigen Blicke der anderen Fahrgäste, die mich anstarren, als wäre ich eine Schauspielerin in einem Drama, das ich nicht gewählt habe.
«Sie hatte wieder einen Schub. Nun sind es die Beine.»
«Ich bin unterwegs.» Die Worte kommen scharf und ungeduldig über meine Lippen.
«Okay, und ich versuchʼs noch mal bei deiner Schwester.»
«Tu, was du nicht lassen kannst.» Gehetzt lege ich auf.
An der nächsten Station steige ich aus und eile zur Treppe, meine Schritte hallen in meinem Kopf wider. Mein Herz schlägt wie wild, als ich die leeren Straßen entlanglaufe, die mir plötzlich fremd erscheinen.
Dann stehe ich vor meinem Elternhaus. Erinnerungen blitzen auf. Mum, die in der Küche steht, der Duft von frisch gebackenem Brot, ihr Lachen, das die Räume erfüllt. Ich seufze. Der vertraute Anblick ist nur noch ein Schatten meiner Kindheit. Ich zücke den Schlüssel, öffne die Haustür und trete ein. Langsam laufe ich durch das stille Haus, als könnte jeder Schritt etwas in mir wecken, das besser weiterschlafen sollte. Vor der Zimmertür meiner Mutter bleibe ich stehen, atme tief durch und versuche, die aufsteigende Panik zu bändigen. Ein Teil von mir erwartet immer noch, dass sie gleich die Tür öffnet wie früher – mit Mehl an den Fingern, einem warmen Lächeln und diesem Blick, der alles gut machte. Dieser Augenblick existiert nicht mehr. Jetzt wirkt selbst ein Lächeln wie Schwerstarbeit. Ich klopfe leise. Ein Moment vergeht, in dem der Raum um mich herum stillzustehen scheint. Dann höre ich ein schwaches «Herein». Die Stimme ist brüchig und ich spüre, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildet. Mit einem tiefen Atemzug öffne ich die Tür.
Das Zimmer ist schwach beleuchtet und der Anblick meiner Mutter, die im Bett liegt, schnürt mir die Kehle zu. Ein Gefühl von Ohnmacht überkommt mich, während ich näher trete.
«Eli», flüstert sie, und mir wird klar, dass ich nicht nur für sie stark sein muss, sondern auch für mich selbst.
Ich setze mich an die Bettkante und nehme ihre Hand in meine.
«Mum, was ist passiert?»
«Ich weiß nicht, Dr. Morgan meint, es sei der Stress, er verursacht Schübe meiner Multiplen Sklerose. Aber das ist ja nicht der erste, mein Schatz, das geht wieder vorbei.»
Dad kommt ins Zimmer und bleibt etwas hilflos am Fußende des Bettes stehen. «Schön, dass du da bist.»
«Hast du sie erreicht?» Ich gehe nicht weiter auf seine Begrüßung ein. Dad und ich haben uns schon vor vielen Jahren entfremdet.
«Nein», erwidert er leise, aber ich kann seine Enttäuschung deutlich raushören.
«Ist sowieso egal. Sie kommt ja eh nicht. Auf sie ist einfach kein Verlass.» Ich presse die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ich wende mich wieder an meine Mutter. «Du hast bestimmt ihretwegen solch einen Stress. Du musst das Thema abhaken», sage ich zu ihr.
«Eli, bitte. Deine Schwester gibt wirklich ihr Bestes. Jeder geht anders mit schweren Situationen um.»
«Wie kannst du sie immer noch in Schutz nehmen?» Meine Stimme zittert. «Nach allem, was sie getan hat? Sie lebt ihr perfektes Leben in Zürich, während du hier langsam zugrunde gehst!» Jetzt schreie ich und mein Magen kocht über. Reiß dich zusammen. Du musst dich kontrollieren.
«Elira! Hör auf, sofort. Das kann deine Mutter jetzt gar nicht gebrauchen. Du tust deiner Schwester unrecht.»
In Dads Stimme ist ein seltenes Beben, das mich innehalten lässt. Er hat die Stirn gerunzelt und sein Blick trifft mich scharf. Nicht wütend, sondern beinahe verletzlich. Für einen Moment wirkt er unsicher, als hätte ihn etwas aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich kann mich nicht erinnern, dass Dad je laut geworden ist. Es muss wirklich schlecht um Mum stehen.
Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag und ich drücke ihre Hand fester. «Tut mir leid, Mum», flüstere ich und lege mich zu ihr. Meinem Vater schenke ich keine Beachtung mehr. Die Wut ebbt ab, und wie immer nimmt die Sorge ihren Platz ein – lautlos, aber allgegenwärtig.
«Mach dir keinen Kopf, Schatz, erzähl mir von deinem Leben. Aber bitte nichts über die Arbeit. Ich muss wissen, dass mein Mädchen auch ein Leben außerhalb dieses schrecklichen Büros hat», sagt sie und drückt meine Hand zurück. Sofort schießen mir die Bilder von der Brücke durch den Kopf. Beim Gedanken an Noel muss ich lächeln, und als Dad das Zimmer verlässt, erzähle ich Mum von unserer Begegnung. Den Teil mit dem Übergeben lasse ich weg. Sie soll sich nicht noch mehr Sorgen machen.
Während ich rede, streicht Mum mir liebevoll durchs Haar und ich fühle mich kurz wieder wie ein kleines Mädchen. Ein glückliches, unbeschwertes Kind. Das Mädchen, das nicht mit vierzehn erfahren hat, dass ihre Mutter an MS leidet, und seither zusehen muss, wie es ihr von Tag zu Tag schlechter geht.
«Du musst dich unbedingt wieder mit ihm treffen. Nimm seine Einladung an.»
«Lieber nicht. Ich habe keine Zeit. Und ... ich trau ihm nicht.» Wie soll ich jemandem die Hand reichen, wenn ich beide brauche, um mich selbst zusammenzuhalten?
«Du traust niemandem. Aber er klingt wirklich nett. Und ich wünsche mir einfach, dass du jemanden an deiner Seite hast, der gut zu dir ist.»
Ich nicke nur. Was soll ich auch dazu sagen?
«Versprich mir, dass du ihn anrufst», beharrt sie.
«Okay», murmele ich widerwillig, weil ich ihr nichts abschlagen kann.
«Mach es am besten gleich.»
«Jetzt? Nein, ich ruf ihn morgen an. Ich bin doch gerade bei dir.»
«Und nach dem Anruf wirst du immer noch hier sein.»
Seufzend richte ich mich auf und sehe sie an. Sie lächelt sanft und streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht.
«Ach Schatz, verdeck doch nicht immer dein hübsches Gesicht. Schade genug, dass du deine roten Locken glättest, aber deine Sommersprossen zu überschminken, ist doch wirklich nicht nötig.»
«Mir gefällt es aber so besser», sage ich und fahre durch mein schulterlanges Haar.
«Es wirkt wie eine Maske», sagt sie und mustert mich traurig. Vielleicht, aber ohne kann ich nicht mehr in den Spiegel sehen, nicht ohne sie darin zu erkennen.
«Ich ruf ihn jetzt an und komme gleich wieder, okay?» Lieber gehe ich diesem Wunsch nach, als weiter über mein Aussehen zu reden.
Sie lässt das Thema auf sich beruhen und nickt. Etwas angespannt gehe ich in mein altes Kinderzimmer und schließe die Tür hinter mir, als würde ich damit die ganze Situation aussperren können. Aber natürlich funktioniert das nicht. Die Tapete mit den verblassten Sternchen starrt mich an und scheint mich mit der Erinnerung an meine Schwester zu verhöhnen.
Ich seufze, setze mich auf mein knarzendes Bett und drücke auf Anrufen.
Es klingelt nur einmal.
«Wow. Ich bekomme sogar einen Anruf?» Seine warme, leicht belustigte Stimme lässt mich ihn direkt vor mir sehen. «Was für eine große Ehre. Ich hatte schon befürchtet, du würdest mir nie antworten, nachdem ich deine Straftat beobachtet habe.»
«Wenn du dich weiter so aufspielst, leg ich direkt wieder auf.» Es sollte ein Scherz sein, stattdessen klingt es verbittert.
«Okay, okay. Entschuldige. Ich vergaß: Du bist die humorlose Kriminelle.» Seine Stimme ist ernst, aber ich höre das Grinsen zwischen den Worten. Wie hält er nur meine miese Stimmung aus? Er scheint sich durch gar nichts aus der Ruhe bringen zu lassen.
Ich schnaube. «Du hättest weglaufen können. Niemand hat dich gezwungen, mir dabei zuzusehen.»
«Stimmt. Aber wie oft sieht man eine Frau mit einem Bolzenschneider, die völlig außer sich versucht, ein Liebesschloss von einer Brücke zu knacken?» Er macht eine Pause. «Ich konnte nicht einfach weitergehen. Du warst einfach zu faszinierend.»
«Das Schloss hatte meine Initialen drauf. Es war also mein Recht, es zu entfernen.»
«Mit diesem dramatischen Werkzeug?»
Ich muss grinsen, obwohl ich es nicht will. «War geliehen.»
«Von einem Meistereinbrecher?»
Ich lache leise. «Vielleicht.»
«Das erklärt einiges. Du warst richtig furchteinflößend mit dem Ding. Alles in mir wollte wegrennen.»
Ich lasse mich auf dem Bett zurückfallen, mein Blick geht zur Decke.
«Aber du bist geblieben», flüstere ich. Warum? Füge ich gedanklich hinzu.
«Ja, das bin ich», sagt er, ohne jeglichen Funken an Belustigung.
Ich schiebe mein Handy ein Stück weg von meinem Ohr, als würde das helfen, weniger zu fühlen.
«Du hast mir also geschrieben, weil du Angst hattest, ich könnte dir sonst auflauern?», versuche ich etwas unbeholfen, witzig zu sein.
«Nein, ich habe dir geschrieben, weil du so getan hast, als wärst du komplett unbeeindruckt von mir. Das ... hat mich neugierig gemacht.»
Wieder diese Stille. Nicht unangenehm, nur voll. So voll, dass sie zu platzen droht. Voll von Ungesagtem.
«Kann es sein, dass da jemand so weit abgehoben ist, dass er den Boden nicht mehr spürt?», frage ich und beiße mir auf die Unterlippe.
«Es gibt Menschen, die spüren den Boden noch?»
Ich pruste los. Schon wieder.
Diese Leichtigkeit erwischt mich völlig unerwartet. Schon wieder.
Und obwohl ich es besser wissen müsste, fühle ich mich zu ihm hingezogen. Schon wieder.
Das ist gar nicht gut.
«Also gut, Noel», sage ich schließlich. «Wir können uns treffen. Aber du kannst dir deine Versuche, mich zu beeindrucken, sparen. Das wird nicht klappen.» Ich mache das nur für Mum.
