Leben aus dem Nichts - Maria Petyt - E-Book

Leben aus dem Nichts E-Book

Maria Petyt

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Beschreibung

Eine Frau auf dem mystischen Weg: Im Flandern des 17. Jahrhunderts sucht Maria Petyt (1623-1677) nach ihrem Zugang zu Gott. Sie findet ihn in Abgeschiedenheit und Armut, Buße und Selbstverleugnung. Ihre eloquenten Aufzeichnungen, die sie urprünglich für ihren Beichtvater Michael vom Hl. Augustinus anfertigte, berichten von ihrer spannungsreichen inneren Entwicklung voller mystischer Erfahrungen. Elisabeth Hense hat Auszüge aus den Schriften Maria Petyts, die 1683 in vier Bänden in Gent erschienen, aus dem Flämischen übersetzt und in diesem Buch thematisch geordnet. Einleitungen von Elisabeth Hense bereiten jeweils auf die Kapitel vor, die ingesamt den bewegten Weg der Mystikerin zu Gott schildern. Unter der Überschrift "Leben aus dem Nichts" finden sich Kapitel wie "Nichts manipulieren", "Nichts verdienen" und "Nichts festhalten". Die totale Hingabe an Gott, den Zustand mystischer Vereinigung, in dem alles zur Ruhe kommt und losgelassen ist, nennt Maria Petyt auch "das große Silentium der Karmeliten". Was kaum in Worte zu fassen ist, beschreibt sie folgendermaßen: "Wenn der Geist also getrennt von aller Unlauterkeit, Vielfältigkeit und von allen körperlichen und erschaffenen Dingen bewahrt wird, fügen Mensch und Gott sich zusammen und werden sogleich eins.

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Seitenzahl: 75

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Maria Petyt

Leben aus dem Nichts

Texte ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Elisabeth Hense

Vier-Türme-Verlag

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte bibliographische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Diese Ausgabe ist eine Wiederauflage des als Band 10 der Reihe Schriften zur Kontemplation erschienenen Textes.

2. Auflage 2016

© Vier-Türme GmbH, Verlag, Münsterschwarzach 1987/2016

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung: Matthias E. Gahr

Covermotiv: inakilarrea / Fotolia.com

ISBN 978-3-89680-942-1 (e-pub)

www.vier-tuerme-verlag.de

Inhalt

Titelseite
1 ~ Das Leben Maria Petyts
2 ~ Leben aus dem Nichts
3 ~ Nichts manipulieren
3.1 ~ Beten ohne Weise
3.2 ~ In dunkler Nacht
3.3 ~ Keine Worte für Gott
3.4 ~ Verzicht? – Eine Aktualisierung
4 ~ Nichts verdienen
4.1 ~ Frei von allem
4.2 ~ Abstieg ins Nichts
4.3 ~ Ruhen im ausgeschöpften Grund
4.4 ~ Armut? – Eine Aktualisierung
5 ~ Nichts festhalten
5.1 ~ Entmischt von jedem Etwas
5.2 ~ Überformt in Gott
5.3 ~ Nichts als Gott
5.4 ~ Selbstverleugnung? – Eine Aktualisierung
6 ~ Die Werke Maria Petyts
Die Herausgeberin

Das Leben Maria Petyts

Maria Petyt wurde am 1. Januar 1623 in Haezebroeck (Flandern) geboren. Ihre Mutter, Anna Folque, war Witwe und hatte zwei Söhne aus erster Ehe, als sie Jan Petyt, den Vater Marias, heiratete. Maria war die erste von sechs Töchtern und das Lieblingskind ihres Vaters. Sie war hübsch, freundlich, unterhaltend und überall beliebt. Besondere Zuneigung fand sie in ihrer Nachbarschaft bei den Franziskanerinnen des dritten Ordens, bei denen sie zur Schule ging. Bei ihnen aß und schlief sie manchmal und ihnen gegenüber äußerste sie als kleines Mädchen zum ersten Mal den Wunsch, später in ein Kloster gehen zu wollen.

Mit sieben oder acht Jahren bekam Maria die Pocken und verlor ihr hübsches Gesicht. Ihr Vater verhielt sich ihr gegenüber seither viel zurückhaltender; dadurch veränderte sich auch innerlich viel für Maria: sie wurde wüster und wilder, wie sie später selbst sagte, und wollte lieber spielen als zur Kirche oder Schule gehen.

Mit elf Jahren schickte die Mutter sie in ein Kloster nach St. Omaers zur Schule. Dort spürte sie zum ersten Mal die Anziehungskraft der Meditation und des inneren Betens in süßer, aufflammender Liebe zu Gott.

Als Maria dreizehn Jahre alt war, brach in ihrem Heimatdorf die Pest aus und ihre Eltern schickten sie mit ihren Geschwistern zu einem Onkel nach Poperinghe. Dort legte man wenig Wert auf geistliches Leben und moralische Ermahnungen. Sie wurde in voller Freiheit sich selbst überlassen und bekam Spaß am Tanzen, Kartenspiel, Spazierengehen und Ausschlafen. Den Reichtum und Luxus im Hause ihres Onkels ließ sie sich gern gefallen und ihre Wünsche richtete sie nun auf schöne Kleider und Schmuck.

Mit etwa sechzehn Jahren schickten die Eltern sie nach Ryssel zu einer frommen Familie, die Maria sehr sorgfältig und behutsam zu einem gläubigen Leben anleitete. Zunächst war Maria aber wenig beeindruckt und fügte sich nur äußerlich in die Lebensgewohnheiten ihrer Gastfamilie ein. Sie machte eine Wallfahrt zu einem Gnadenbild der Mutter Gottes, um äußere Schönheit für sich zu erbitten, denn sie wollte einem Mann gefallen und heiraten. Am Abend des Stefanstages jedoch wurde sie auf überwältigende Weise von einem Strahl himmlischer Freude berührt und ihr Herz neigte sich dem Gebet, Gottesdienst und Alleinsein mit Gott zu.

Mit siebzehn kehrte sie in das Haus ihrer Eltern zurück und die Erinnerung an das außergewöhnliche Erlebnis am Stefanstag verblasste nicht. Auf der anderen Seite spürte sie weiterhin die Verlockungen von Reichtum, Geld und Gut. Oft saß sie allein im Hof am Ufer eines Baches, sie las Thomas von Kempen und Cantvelt.

Schließlich bat sie ihre Eltern, ins Kloster gehen zu dürfen, doch der Vater lehnte strikt ab. Die Mutter prüfte Marias Entschluss, indem sie ihr schöne Kleider, Schmuck und die Ehe mit einem Advokaten in Aussicht stellte. Erst als Maria standhaft blieb und die Mutter von der Reife ihres Verlangens überzeugt war, half sie ihrer Tochter und erwirkte beim Vater die Zustimmung, dass Maria sich bei den Augustinerinnen in Gent vorstellen durfte.

Dort wurde Maria – wohl auch um ihrer schönen Stimme willen – gern aufgenommen. Ihr Eintritt verzögerte sich allerdings noch etwa ein Jahr wegen der Kämpfe mit den weit ins Land einrückenden Franzosen.

Nach acht Monaten Noviziat wurde Maria eingekleidet. Etwa zur gleichen Zeit starb ihre Mutter. Maria gehörte erst fünf oder sechs Monate zur Klostergemeinschaft, als sie auf Grund ihrer Sehbehinderung nicht mehr entsprechend am Chorgebet teilnehmen konnte und den Konvent wieder verlassen musste. Ihr Beichtvater, ein Karmelit, verlangte von ihr, dass sie oft allein in der Kirche beten sollte, um auf diese Weise von Gott ein Zeichen für ihren zukünftigen Weg zu erbitten. Auf sein Geheiß musste sie ihre innere Erkenntnis aufschreiben und ihm aushändigen. Maria schrieb ein ganzes Blatt über den Weg des inneren Gebets, aber ihr Beichtvater konnte damit nicht viel anfangen und führte sie lieber über den Weg der Selbstkasteiung und Abtötung.

Nachdem sie fünf Monate in einer Zelle im Beginenhof gewohnt hatte, zog sie mit dem Einverständnis ihres Beichtvaters in das Haus einer Freundin und deren Mutter. Zu dritt führten sie ein stilles Leben in Schlichtheit und Gebet. In dieser Zeit las Maria in den Werken der hl. Teresa von Ávila. Nach weiteren sieben Monaten unter der geistlichen Führung ihres Beichtvaters legte sie bei ihm die Gelübde der dritten Regel von der heiligen Jungfrau Maria vom Berg Karmel ab. Seitdem nannte sie sich Maria a Sancta Teresia.

Drei Jahre später, 1647, zog ihr Beichtvater aus Gent fort und Maria suchte Kontakt zu einem anderen Karmeliten, Michael vom hl. Augustinus, der damals in Gent Lektor für Philosophie war. Diesen bat sie um Begleitung und Rat und seitdem war Michael ihr engster Vertrauter und stand bis zu ihrem Tod in intensivem geistigen Austausch mit ihr. Er befreite seine geistliche Tochter zunächst von einer allzu äußerlichen Bußpraxis und führte sie Schritt für Schritt zu einem inneren Leben mit Gott.

Im Jahre 1648 verließ Michael Gent, doch blieb Maria brieflich in Kontakt mit ihrem Seelenführer. Michael unterwies sie in der Kunst, in ihr eigenes Herz hineinzuhorchen und dem Rufen der Liebe Gottes aus der eigenen Tiefe zu folgen.

Maria litt in den folgenden Jahren in Gent sehr unter der Hochachtung, die man ihr entgegenbrachte; zu Unrecht fühlte sie sich verehrt wie eine halbe Heilige. Sie fürchtete sich davor, den Leuten etwas vorzumachen und wünschte sich an einen Ort, wo man sie verachtete.

Dieser Wunsch wurde ihr ausgiebig erfüllt, als sie im Oktober 1657 nach Mechelen zog. Dort hatte sie etwa zehn bis elf Jahre lang sehr unter falschen Verdächtigungen, Erniedrigungen und Spott zu leiden. Sogar Michael schien sich von falschen Gerüchten beeinflussen zu lassen und sich gegen sie zu wenden. So schmerzlich diese Zeit für Maria auch war, so konnte sie doch erst jetzt zu jener geistlichen Tiefe gelangen, die ein wirklich tragfähiges Fundament für sie war: einem Leben aus dem eigenen Nichts.

In Mechelen veränderte sich der Lebensstil Marias grundsätzlich, da es ihr hier möglich war in einem kleinen Haus des Ordens in unmittelbarer Nähe der Kirche und des Karmelklosters in Klausur zu leben. Mit einer Mitschwester, Catharina van Oorsaghe, wohnte sie hier in stiller Abgeschiedenheit und Armut.

Äußerlich gesehen kam Marias bewegte Biographie in Mechelen zur Ruhe; zwanzig Jahre lang, bis zu ihrem Tod im Jahre 1677, war die kleine Klause ihr Unterkommen. Innerlich blieb ihr Leben jedoch spannungsreich und voller Entdeckungen. Ihre mystischen Erfahrungen vertieften sich in ungeahntem Ausmaß.

Leben aus dem Nichts

Marias Weg mit Gott war nicht geradlinig und unangefochten. Schon die äußere Form ihrer Lebensgestaltung brachte ihr in der damaligen Gesellschaft zahlreiche Verdächtigungen ein und erschütterte die Beziehungen zu ihrer Familie und ihren engsten Freunden zuweilen heftig. Was wollte sie eigentlich? Sie führte ein geistliches Leben, war aber keine Nonne in einer gesellschaftlich anerkannten Klostergemeinschaft. Als Laie gehörte sie nicht in ein festes soziales Gefüge, was für sie selbst manchmal ebenso verwirrend war wie für die Menschen ihrer Umgebung. Ihrem Lebensstil fehlte die Eindeutigkeit einer konventionellen Formgebung.

Der Mangel an äußeren Sicherheiten und einem vorgeformten Lebensplan konnte auch durch den intensiven Kontakt zu ihrem Beichtvater und Vertrauten Michael vom hl. Augustinus und der Wohngemeinschaft mit anderen frommen Frauen nicht immer genügend kompensiert werden. Oft fühlte sie sich schmerzlich auf sich selbst zurückgeworfen. Gleichzeitig durchschaute sie die trügerische Tragkraft äußerer Bestätigung und Anerkennung und suchte ihr Fundament lieber in einer abgründigen Liebe zu Gott.