Leben mit Tieren - Ursula Sommer - E-Book

Leben mit Tieren E-Book

Ursula Sommer

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Beschreibung

In diesem Buch vereinigen sich geschichtliche Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung mit erfrischenden biographischen Erzählungen von Frauen und Männern, die ihr Leben mit Tieren teilen. Am Anfang führt uns ein historischer Rückblick in das jahrtausende alte Miteinander von Menschen und Tieren, dann bringt uns Konrad Lorenz mit seinen heiter-melancholischen Gedanken das oft auch schwierige Verhältnis Mensch-Natur-Tier nahe. Im Hauptteil des Buches begegnen dem Leser spannende und warmherzige Erzählungen von Frauen und Männern über ihre Erlebnisse mit Hund, Katze, Vogel, Maus und Co. Jeder Tierfreund wird berührt sein von diesen authentischen und vielfältigen Geschichten.

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Seitenzahl: 629

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Diplomarbeit

Zur Diplomprüfung im Studiengang Psychologie Des Fachbereichs Psychologie der Universität Hamburg

Erster Prüfer: Prof. Dr. Inghard Langer

Zweiter Prüfer: Prof. Dr. Alexander Redlich

Fachbereich Psychologie

Klassifikationen:

180 Tierpsychologie 411 Gesundheit und Prävention

560 Kommunikation

Inhalt

EINLEITUNG

1.1 Überblick

1.2 Persönlicher Bezug zum Thema

1.3 Zielsetzung der Arbeit

LITERATURTEIL

2.1 Freunde und Feinde –Tiere und Menschen in der Geschichte

2.2 Heilsame und wohltuende Prozesse in der Beziehung zwischen Menschen und Tieren

2.3 Eine mögliche Erklärung der Mensch-Tier-Beziehung und ihrer positiven Effekte

2.4 Gedanken von Konrad Lorenz

METHODISCHES VORGEHEN

3.1 Die Methode des Persönlichen Gespräches

3.1.1 Die Auswahl meiner Gesprächspartner/Innen

3.1.2 Vorbereitung der Gespräche

3.1.3 Durchführung der Gespräche

3.2 Die Auswertung der Gespräche

3.2.1 Die Abschrift der Gespräche und ihre Verdichtungsprotokolle

3.2.2 Die Zusammenfassung der Gespräche und die Verallgemeinernden Aussagen

3.2.3 Die Gesamtauswertung der

Gesprächsdokumentationen

3.3 Die Validierung der bearbeiteten Gespräche

EMPIRISCHER TEIL

4.1 Die Dokumentation der Gespräche

4.1.1 Das Gespräch mit Jana

4.1.1.1 Verdichtungsprotokoll von dem Gespräch mit Jana

4.1.1.2 Zusammenfassung des Gesprächs mit Jana

4.1.1.3 Verallgemeinernde Aussagen zu dem Gespräch mit Jana

4.1.2 Die Gespräche mit Hans

4.1.2.1 Verdichtungsprotokoll vom ersten Gespräch mit Hans

4.1.2.2 Verdichtungsprotokoll vom zweiten Gespräch mit Hans

4.1.2.3 Zusammenfassung der zwei Gespräche mit Hans

4.1.2.4 Verallgemeinernde Aussagen zum ersten Gespräch mit Hans

4.1.2.5 Verallgemeinernde Aussagen zum zweiten Gespräch mit Hans

4.1.3 Das Gespräch mit Sigrid

4.1.3.1 Verdichtungsprotokoll vom Gespräch mit Sigrid

4.1.3.2 Zusammenfassung des Gesprächs mit Sigrid

4.1.3.3 Verallgemeinernde Aussagen zu dem Gespräch mit Sigrid

4.1.4 Das Gespräch mit Fritz

4.1.4.1 Verdichtungsprotokoll von dem Gespräch mit Fritz

4.1.4.2 Die Zusammenfassung des Gesprächs mit Fritz

4.1.4.3 Verallgemeinernde Aussagen zu dem Gespräch mit Fritz

4.1.5 Das Gespräch mit Christian

4.1.5.1 Verdichtungsprotokoll vom Gespräch mit Christian

4.1.5.2 Zusammenfassung des Gesprächs mit Christian

4.1.5.3 Verallgemeinernde Aussagen zum Gespräch mit Christian

4.2 Gesamtauswertung der Gespräche

4.2.1 Ergebnispanorama

4.2.1.1 Erfahrungen zum Leben mit Tieren in der Kindheit

4.2.1.2 Erfahrungen zum Leben mit Tieren im Erwachsenenalter

4.2.1.3 Untersuchung der Gespräche unter sieben Aspekten

4.2.1.3.1 Seelische Bedeutsamkeit der Tiere

4.2.1.3.2 Besonders faszinierende Tiere oder Momente im Leben mit Tieren, die für meine Gesprächspartner faszinierend sind.

4.2.1.3.3 Wertschätzungen der Tiere, auch im Vergleich zu anderen Menschen

4.2.1.3.4 Seelische Bereicherung in der Natur mit den Tieren

4.2.1.3.5 Der Abschied von Tieren durch Tod oder Trennung

4.2.1.3.6 Überlegungen, ob ein Leben auch ohne Tiere möglich ist

4.2.1.3.7 Welche Rollenfunktionen können Tiere, speziell Heimtiere, für Menschen haben?

4.2.2 Übergeordnete Aussagen über das Leben mit Tieren in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter

DISKUSSION DER ERGEBNISSE

5.1 Zur Reliabilität (Zuverlässigkeit ) der Aussagen

5.2 Zur Validität der Aussagen

5.3 Bezüge der Ergebnisse zur vorliegenden Literatur

5.4 Betrachtung der Forschungsergebnisse

5.5 Forschungsausblick

RÜCKBLICK

Literaturverzeichnis

ANHANG

DANKSAGUNG

1 EINLEITUNG

1.1 Überblick

Im 1. Teil schreibe ich über meine persönliche Beziehung zum Thema meiner Diplomarbeit und über die Zielsetzung.

Meine Diplomarbeit befaßt sich mit der Mensch-Tier-Beziehung bzw. mit dem Leben mit Tieren. Ich habe acht Gespräche mit sechs Gesprächsteilnehmern geführt, die zwischen 44 und 78 Jahren alt sind. Zwei Gespräche habe ich in den Anhang meiner Diplomarbeit gelegt. Diese letzten zwei Gespräche führte ich mit einer Gesprächspartnerin, sie sind wörtlich transkribiert, etwas sprachbereinigt und nicht weiter bearbeitet worden.

Die übrigen sechs Gespräche habe ich nach der qualitativen Forschungsmethode „Das persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung“ nach Inghard Langer weiter bearbeitet und ausgewertet.

Zielsetzung meiner Arbeit ist es, einen Einblick in die individuellen Lebenswege von Frauen und Männern zu geben, die ihr Leben mit Tieren teilen.

Welche Erfahrungen mit Tieren machten sie in ihrer Kindheit und Jugend? Wie gestaltet sich ihr weiterer Lebensweg im Erwachsenenalter, welche Tiere hatten sie jetzt an ihrer Seite und wie sah die jeweilige Beziehung zu Hund, Katze, Fisch oder Vogel aus? Entstand die Zuneigung zum Tier schon in der Kindheit und Jugend, oder entwickelte sich die Liebe und Hinwendung zu Tieren erst langsam und findet ihren Höhepunkt im Erwachsenenalter? Die individuellen Lebenswege meiner Gesprächspartner zeigen, wie sich die Beziehung zu Tieren glücklich fortsetzen kann, zum Teil bis ins höhere Lebensalter.

Im 2. Teil meiner Arbeit beschreibe ich anhand der vorgefundenen Literatur interessante, denkwürdige wegweisende Aspekte zur Geschichte der Tier-Mensch-Beziehung über die Jahrhunderte.

Dann folgt ein Überblick über heilsame und wohltuende Auswirkungen der Tierhaltung und eine mögliche Erklärung der Mensch-Tier-Beziehung und ihrer positiven Effekte.

Zum Schluß werde ich noch einige kluge und heiter-melancholische Worte von Konrad Lorenz bzw. „Worte seiner Tiere“ darstellen.

Im 3. Teil meiner Arbeit schreibe ich über die Art der Forschungsmethode und erkläre den theoretischen Ansatz der qualitativen Methode des „Persönlichen Gesprächs“, grenze dann diese Methode ab von quantitativen Forschungsmethoden.

Danach beschreibe ich die Durchführung und Bearbeitung der persönlichen Gespräche.

Im 4. Teil folgt dann der empirische Teil meiner Arbeit. Acht Gespräche habe ich geführt, davon sind zwei Gespräche in anonymisierter Form, aber bis auf kleine Sprachbereinigungen wortgetreu wiedergegeben und in den Anhang gelegt. Sechs Gespräche habe ich in verdichteter Form wiedergegeben, davon jeweils eine Zusammenfassung und schließlich verallgemeinernde Aussagen auf der Grundlage der Gespräche geschrieben.

Daraufhin folgt nun das Panorama, das bedeutet, dass ich die sechs Gespräche in Bezug auf bestimmte Aspekte näher untersucht habe und sie untereinander in ihren Ähnlichkeiten oder Abweichungen vergleiche. Dann folgen die übergeordneten Aussagen zum Ergebnispanorama

Im 5. Teil der Arbeit spreche ich über die Reliabilität, die Gültigkeit und Verallgemeinbarkeit der gewonnenen Ergebnisse dieser empirischen Untersuchung.

Dann folgt ein Vergleich der Ergebnisse mit Ergebnissen aus der betrachteten Literatur zu meinem Thema.

Anschließend wage ich einen Blick in die Zukunft, was noch alles zu diesem Thema erforscht und untersucht werden könnte oder sollte.

Im 6. Teil schreibe ich über meine persönlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit dieser Arbeit.

Am Schluß folgen noch ein Literaturverzeichnis und zwei wörtliche Gespräche als Anhang

1.2 Persönlicher Bezug zum Thema

Als ich durch meinen Betreuer, Herrn Professor Dr. Inghard Langer, auf das Thema „Mensch-Tier-Beziehung“ aufmerksam gemacht wurde, war ich sofort begeistert. Nachdem ich ein Manuskript, das er mir mitgab, gelesen hatte, wußte ich mit ziemlicher Sicherheit, daß dieses Thema der „Stoff“ für meine Diplomarbeit sein wird.

Seit meiner Kindheit hatte ich engen Kontakt zu Heimtieren, besonders zu Katzen. Da ich in einer Kleinstadt mit bäuerlicher Umgebung aufgewachsen bin, waren für mich Kühe, Schweine, Hühner, Katzen, Hunde ganz natürliche und selbstverständliche Begleiter des bäuerlichen und privaten Lebens.

Meine Schwester und ich waren mit einer Bauerntochter eng befreundet und verbrachten viele herrliche Stunden beim Spielen auf dem großen Hof und in den Stallungen. Damals hatte ich noch besonderen Respekt vor den Pferden, war aber voller Bewunderung für diese wunderbaren Tiere.

Seit meinem zehnten Lebensjahr hatten wir zu Hause eine süße schwarzweiße Katze. Unsere „Pussy“ war für mich eine wichtige Lebensbegleiterin fast bis zum Ende unserer Schulzeit. Diese Katze bedeutete mir unglaublich viel, ich habe sie sehr geliebt. Sie war ein niedlicher verspielter kleiner Kobold, voller Schabernack und Lebensfreude. Regelmäßig zeigte sie sich meiner Schwester und mir, wenn wir vom Bus kamen, der uns von der Schule heimbrachte. Als wolle sie uns erschrecken, schoß sie plötzlich durch die Hecke eines Nachbargrundstückes und begleitete uns fröhlich schnurrend nach Hause.

Hatte ich einmal Kummer, konnte ich meine Tränen, die ich sonst unterdrückt hätte, meiner Pussy offen zeigen. Sie war so zärtlich zu mir und gab mir sehr viel Trost. Ich glaube, sie spürte meine Traurigkeit und wie sehr ich sie und ihre geduldige Zuwendung brauchte.

Diese wunderbaren Augenblicke mit einem geliebten Tier habe ich nie vergessen, und ich konnte mir nach „Pussy“ ein Leben zumindest ohne Katzen nicht mehr vorstellen.

Wir hatten nach unserer „Pussy“ noch viele andere geliebte Katzen. Einige waren chronisch krank; meine Schwester und ich haben sie dennoch oder gerade deswegen besonders gemocht und sie bis zu ihrem Tod gepflegt und begleitet.

Jeder Abschied von einem Tier war schwer, aber die Erinnerungen bleiben in unseren Herzen und trösten uns.

Wunderschöne Erlebnisse hatte ich auch bei den stundenlangen Spaziergängen auf dem Deich. Dort die Natur zu beobachten, ist für mich bis heute faszinierend: das Elbwasser mit den Schiffen nah und fern, die vielen Schafe am Deichabhang (besonders bezaubernd sind im Frühling natürlich die Lämmer!), auf der anderen Seite Wiesen, Felder, Bauernhäuser, herrliche große alte Bäume, an denen ich mich nie sattsehen kann.

Alle diese Eindrücke haben mich sehr geprägt. Ein Leben ohne Natur, Pflanzen und Tiere ist für mich unvorstellbar.

Ich bin froh, das Thema über die Mensch-Tier-Beziehung bzw. über das Leben mit Tieren für meine Diplomarbeit gewählt zu haben, und ich hoffe, dem interessierten Leser vielfältige Aspekte aus diesen „Beziehungsgeschichten“ darstellen zu können.

1.3 Zielsetzung der Arbeit

Mit meiner Arbeit möchte ich herausfinden, wie Menschen mit ihren Tieren leben, wie sie empfinden im engen Zusammensein mit Hund, Katze, Vogel, Fisch und anderen Tieren.

Was bedeutet einem Menschen sein Tier? Können Tiere auch bestimmte Funktionen im Leben übernehmen? Haben Tiere Potentiale, die im Zusammenleben mit Menschen nicht so zu finden sind?

All diese Fragen und noch mehr beschäftigen mich und ich hoffe, auf meine suchenden Anliegen eventuell Antworten zu bekommen im persönlichen Gespräch.

Der Lebensweg mit einem Heimtier ist nicht immer einfach und unkompliziert. Doch die Zuneigung übersteht viele Schwierigkeiten. Eine meiner Fragen wird dahin zielen, wie meine Gesprächspartner den Tod ihrer Tiere empfunden haben. Wir Menschen werden ja viel älter als unsere meisten Heimtiere. Die Trennung von einem Haustier, das eventuell zehn Jahre oder länger ein geliebter Kamerad war, wird nie ohne Spuren vorüber gehen. Vielleicht kann das nächste Tier neue Freude bringen.

Tiere können Glück, Treue, Freude, Entspannung, Ablenkung, Hoffnung, Liebe bedeuten. Ich würde mich freuen, wenn ich ähnliche Gesichtspunkte bei meinen Gesprächspartnern entdecken könnte.

2 LITERATURTEIL

Im Literaturteil gehe ich zunächst auf die jahrtausende alte Beziehung Mensch-Tier ein nach dem Buch „Mensch und Tier--Geschichte einer heiklen Beziehung.“ Dann folgt ein Kapitel nach Carola Otterstedt über heilsame und wohltuende Prozesse in der Beziehung zwischen Menschen und Tieren. Anschließend schreibe ich aus dem Kapitel von Andrea Beetz über eine mögliche Erklärung der Mensch-Tier-Beziehung und ihrer positiven Effekte. Am Schluß zitiere ich Sprüche und Gedanken von Konrad Lorenz.

An den Anfang meines Literaturteils stelle ich einen Spruch des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Elias Canetti (1905-1994). Anschließend folgt eine kleine Reise in die Steinzeit und zum damaligen Mensch-Tier-Verhältnis. Dann verfolge ich überwiegend tierfreundliche Spuren von der Antike bis zur Neuzeit.

„Das Gedeihen der Welt hängt davon ab, dass man mehr Tiere am Leben erhält. Aber die, die man nicht zu praktischen Zwecken braucht, sind die wichtigsten. Jede Tierart, die stirbt, macht es weniger wahrscheinlich, dass wir leben. Nur angesichts ihrer Gestalten und Stimmen können wir Menschen bleiben. Unsere Verwandlungen nützen sich ab, wenn ihr Ursprung erlischt.“

Elias Canetti, Die Fliegenpein (zitiert nach Münch 2001, S. 19)

2.1 Freunde und Feinde –Tiere und Menschen in der Geschichte

Zu Beginn meines Literaturteils möchte ich eine kleine Reise in die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung bis in die Steinzeit unternehmen. Als Vorlage diente mir das Buch „Mensch und Tier, eine heikle Beziehung“ aus der Nachtstudio-Reihe des Zweiten Deutschen Fernsehens (2001).

Wir wissen heute, dass wir Menschen nicht vom Affen abstammen, aber dennoch sehr eng mit ihm verwandt sind und, wie es im Vorwort des Buches heißt, gewissermaßen Blutsverwandte, Brüder und Schwestern im Stammbaum der Primaten sind.

Der Mensch, der sich immer als Krönung der Schöpfung bzw. der Evolution versteht, kann sich wohl kaum vorstellen, dass es jemals eine Art geben könnte, die ihn so behandelt, wie Menschen die Affen und andere Tiere behandeln.

Die sogenannte „neolithische Revolution“, d.h. die Jungsteinzeit fand vor gut 10 000 Jahren statt, als die Menschen seßhaft wurden, Ackerbau betrieben und der Wolf als erstes „Haustier“ zu ihnen kam. – Zur Erklärung habe ich den folgenden Text nach dem Bertelsmann-Lexikon zusammengestellt:

„Die Jungsteinzeit brachte neben einer Reihe technischer und kultureller Neuerungen vor allem den Übergang von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise.“ (Bertelsmann Lexikon S. 590). Dies wird als „neolithische Revolution“ bezeichnet. Eine der wichtigsten Erfindungen ist der Pflanzenanbau und hier speziell der Getreideanbau mit Gerste, Hirse, später auch Weizen. In diese Zeit fällt auch die Domestikation vieler Tiere, z.B. von Schafen, Ziegen, Schweinen, später auch des Rindes. Diese Domestikation hängt eng mit dem Pflanzenanbau zusammen, da die Tiere ja Futter benötigten.

Neben diesen Ackerbau- und Viehzüchterkulturen blieben in großen Teilen Europas und Asiens die Jagd, der Fischfang und das Pflanzensammeln der einzige Nahrungserwerb in der neueren Jungsteinzeit (nach Bertelsmann Lexikon).

In uns Menschen ist das Tier immer gegenwärtig. Mit Körperbau, Sinnesorganen und Instinkten sind wir für diese Welt sehr gut angepasst und besonders mit den Leistungen unseres Gehirns sind wir wohl zur erfolgreichsten Art der Familie der Säugetiere in der Evolution geworden, aber ohne Tiere wären wir keine Menschen. (nach Münch 2001).

Tiere kommen in allen Religionen und Mythen vor, sie tummeln sich im Himmel der Götter und Fabeln, genauso tauchen Tiere in unserer Sprache auf. Allein die Bezeichnungen für die Menschen reichen von „dummer Gans“, „schlauem Fuchs“ bis hin zum „bunten Vogel“ und „blöden Affen“.

Volker Panzer schreibt im Vorwort des oben genannten Buches:

„Der Mensch ist Mensch erst da, wo er sich vom Tier abgrenzt und sich dennoch der Tiere vergewissert.

Die Höhle von Lascaux macht es augenfällig: Die Auto-Evolution des Menschen ist ohne Tiere nicht möglich. Als Jagdobjekte der Nomaden, als domestizierte Nutztiere der ersten Siedler, als Liebesobjekte in fortgeschrittenen Kulturen begleiten Tiere die Zivilisationsgeschichte der Menschen von Anfang an.

Gezähmt und gezüchtet, gehütet und verzehrt, verehrt und gefürchtet – was wäre der Mensch ohne das Tier? Allein und hilflos. Wir brauchen Tiere: als Nahrungsmittel, als Sportgerät, zur Unterhaltung und zum Schutz – und seit neustem als Ersatzteillager.

Zwischen den Extremen der modernen Massentierhaltung mit allen apokalyptischen Vorzeichen und der Forderung nach Menschenrechten für Primaten bewegt sich also unser ambivalentes, heikles Verhältnis zum Tier.“ (Panzer S. 11)

Am Schluß des Vorwortes schreibt er:

„… Und zum anderen freue ich mich über das Nachwort unseres ZDF-Kulturchefs Hans-Helmut Hillrichs, der uns zeigt, dass das Verhältnis Mensch-Tier vor allem auch ein Verhältnis zwischen Individuen ist.“ (Panzer S. 14)

Im Nachwort schreibt Hans-H. Hillrichs, der sich auch kritisch zu grausamen Massentierhaltungen äußert, über seinen Dackel, den er als Kind von seinem Onkel geschenkt bekam. Er fand damals im Blick des Hundes etwas, das er später auch in den Augen vieler anderer Tiere, denen er begegnete, wiedergefunden hat: „Ein grenzenloses Urvertrauen, das einem keine andere Wahl lässt , als es sich zu verdienen“ (Hillrichs S.313).

Heute dankt er seinem Dackel für sein anregendes „Tierleben“. Denn der Blick seines Dackels hat seine Wirkung nicht verfehlt: Seit damals schlägt das Herz des Autors für die Tiere in seiner Umgebung, und er fühlt sich mitverantwortlich für sie. So zeichnet er auch Patenschaften für Sibirische Tiger, die letzten ihrer Art und wie er meint, vielleicht die schönsten Geschöpfe auf dieser Erde.

Zurück zu Paul Münch, Autor des 1. Abschnitts des Kapitels I „Koevolution – Das Leben mit Tieren“, „Freunde und Feinde, Tiere und Menschen in der Geschichte“

Er schreibt, dass Menschen und Tiere sehr eng miteinander verwandt sind, betrachtet man evolutionsbiologische Hypothesen, ethologische Beobachtungen und natürlich die genetischen Befunde. So ist es eine Tatsache, dass es ohne Tiere keine Menschen gäbe, aber zwischen den Arten liegen große Distanzen.

Auch wer heute Fähigkeiten der Tiere (wieder-) entdeckt, die ursprünglich nur dem Menschen zugedacht waren, z.B. Werkzeuggebrauch, ausgeprägte psychische Anlagen oder vernünftig erscheinende Denkweisen bis hin zu moralischen Entscheidungen, kann kaum die Unterschiede übersehen. Tiere können vielleicht nicht über sich selbst reflektieren und vernünftig vorausplanen. Und weil die enge biologische Verwandtschaft nicht über die kulturellen Unterschiede hinwegtäuschen kann, die der Mensch in seiner Entwicklung zwischen sich und die anderen Tiere gelegt hat, zeigt die Geschichte des Mensch-Tier-Verhältnisses in unserem westlichen Kulturkreis von Anfang an tiefe Ambivalenzen. Sie zeigen uns viel Gemeinsames und Trennendes, und die Verhältnisse gehen von empathischer Vertrautheit bis zur Feindschaft.

Tiere haben seit der Antike einerseits eine Aufwertung erfahren, die sie näher zum Menschen bringt, teilweise über ihn stellt, andererseits aber auch eine verächtliche Herabstufung zu „Sachen“ und „seelenlosen Maschinen“.

So glaubte der erst nach seinem Tod zu Ruhm gelangte Pfarrer Jean Meslier (18. Jh.), dass die Bauern und die Kinder seines Dorfes in Gelächter ausbrächen, wenn jemand Tiere als Automaten bezeichnete.

So waren aber auch für Immanuel Kant vernunftlose Tiere nichts anderes als Sachen, so dass sie von jeglicher Moral ausgeschlossen sein mussten.

Johann Gottfried Herder jedoch sah in den Tieren „ältere Brüder» des Menschen. Ihm erschien jede Geschichte mangelhaft, die das Verhältnis des Menschen zu seinen „älteren Brüdern“ mißachtete (nach Münch 2001). Ich möchte jetzt tierfreundliche Spuren in der Geschichte verfolgen:

Seit der „neolithischen Revolution“ sind die Menschen sesshaft und begannen, Landwirtschaft zu treiben.

Als jetzt Wolfsjunge und andere Wildtiere domestiziert wurden, erlangten die Menschen eine gewisse Dauerherrschaft über manche Tierarten. So hielten sie sich Hunde, Schafe, Ziegen, Schweine und Rinder, viel später auch Pferde, noch später Hühner und Gänse und andere Tiere als Haus- und Nutztiere.

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier blieb lange eng. Dies wird durch viele Zeugnisse seit der frühen Antike belegt. So galten Tiere mit unterschiedlichen Begründungen als nächste Verwandte des Menschen, als Mitgeschöpfe, als Freunde und Helfer, und diese Beziehungen ziehen sich als tierfreundliche Spuren durch die Geschichte.

In vielen mythologischen Erzählungen erscheint die irdische Natur als eine eng verbundene Einheit. Die Existenzformen können leicht ausgetauscht werden. Pflanzen, Tiere, Menschen und Götter ändern ihre Identitäten.So sah die Wissenschaft bis weit ins 18. Jahrhundert hinein alle Existenzformen durch das Konzept einer einzigen großen Lebenskette verbunden.Diese angenommene Verwandtschaft alles Lebendigen begründete tierfreundliche Traditionen. Sie hatten schon in der antiken Philosophie und Literatur prägende Ausformungen, wenn auch unterschiedlich hergeleitet.

Die Antike

So schrieben einige „Vorsokratiker“ wie Pythagoras und Demokrit nicht nur Menschen, sondern auch Tieren Vernunft zu.

Im Vergleich zwischen Menschen und Tieren, die beide als beseelt angesehen wurden, schnitten Menschen nicht so gut ab bei manchen Fertigkeiten wie Tiere.

Zu Beginn waren die Tiere sogar Vorbilder des Menschen, da sie besondere Fähigkeiten hatten, z.B. beim Nest- und Netzbau und bei ihren schönen Gesängen.

Bei Pythagoras, Empedokles und Platon tauchte der Gedanke der Seelenwanderung auf, der die enge Verwandtschaft von Menschen und Tieren und den möglichen Wechsel zwischen den beiden Daseinsformen als gegeben annahm.Sehr tierfreundlich erscheint auch Theophrast von Erosos (372 v. Chr. – 287 v. Chr.), der die körperlichen Ähnlichkeiten, aber auch die psychische Gleichheit zwischen Menschen und Tieren hervorhebt.So haben antike tierfreundliche Theorien eine große Spannweite. Die Kyniker, deren Name sich vom Hund (kyon) ableitet, waren Kritiker der kulturellen Evolution. Sie sahen die menschliche Vernunft sogar als Hindernis für ein natürliches Leben an. Nur die Tiere mit ihrer bedürfnislosen und freien Existenz waren für die Kyniker ein Vorbild.Während der römischen Kaiserzeit meinten einige Autoren, z.B. Plutarch, dass auch Tiere vernünftige Fähigkeiten haben müssten, um ihre Wahrnehmungen in Handlungen umsetzen zu können. Einige glaubten, dass Tiere zu logischen Schlussfolgerungen fähig sind. Wichtig war diesen Tierfreunden, dass zwischen Tieren und Menschen keine Wesensunterschiede bestehen, sondern dass es nur feine Abstufungen sind.Die höchste Form der Tierfreundschaft in der antiken Literatur sind die Plädoyers für eine vegetarische Lebensweise. Auch Pythagoras war für Tierschonung aufgrund des Gedankens der Seelenwanderungslehre und letztlich auch gegen Blutopfer und jeden Fleischgenuss. Einige lehnten Fleischverzehr aus Gesundheitsgründen ab, hingegen Plutarch und später Porphyrios traten energisch für eine vegetarische Lebensweise ein. Plutarch war grundsätzlich für eine freundliche Behandlung der Tiere und schrieb, dass man beseelte Wesen auf keinen Fall wegen des Genusses töten dürfe. Porphyrius argumentierte noch stärker in seinen vier Büchern „Über die Enthaltsamkeit von Beseeltem“ für eine konsequente fleischlose Ernährung. Er zählt die Tiere zu den vernünftigen Geschöpfen und lehnt es grundsätzlich ab, solche Wesen zu töten.

Das Mittelalter

Im Mittelalter war eine mitleidlose Haltung des Christentums vorherrschend, doch auch in dieser Zeit liegen Zeugnisse freundlicher Tierbehandlungen vor.

Es gab viele Schongebote, die zeigen, dass die Bedeutung der Tiere für den Arbeitsalltag allgemein anerkannt wurde.

Einige theologische Querdenker wie z. B. Adelard von Bath schrieben den Tieren sogar unsterbliche Seelen zu, ganz im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung.

Albertus Magnus (ca. 1193-1280), der auch Naturforscher war (Zoologie, Botanik) beobachtete Tiere, und daraus entwickelte sich eine persönliche Beziehung zu einzelnen Tieren.

Franziskus von Assissi (1182-1226) hatte eine „überschwängliche» Beziehung zu seinen tierischen «Geschwistern».

Kaiser Friedrich II von Hohenstaufen versuchte aus den Verhaltensweisen von Falken Grundsätze für menschliches Verhalten abzuleiten.

Die Neuzeit

Zu Beginn der Neuzeit kamen unter humanistischen Vorzeichen viele antike Anschauungen wieder hervor. So tauchten Gedanken von der Gleichwertigkeit, sogar der Überlegenheit der Tiere auf.

Hyronimus Rotarius stellte 1544 in Anlehnung an Plutarch und gegen die theologische Überschätzung des Menschen fest, dass die Tiere oft vernünftiger seien als der Mensch.Michel de Montaigne (1580) wandte sich noch heftiger gegen den menschlichen Hochmut, der Tieren jede Art von Vernunft absprach. Er bemühte sich, entsprechend den antiken tierfreundlichen Gedanken, den Menschen wieder „an den großen Haufen der übrigen lebenden Geschöpfe“ anzuschließen. Es gebe wohl Unterschiede, Stufen, doch nur „unter der Gestalt einer und derselben Natur“.Im Jahr 1769 entwickelte der Genfer Naturphilosoph Charles Bonnet die Utopie, dass Gott die Tiere in einer Revolution auf eine höhere Entwicklungsstufe stellen würde als Entschädigung für ihre Leiden. Er glaubte, dass Tiere Erinnerungsfähigkeit und eine unvergängliche Seele haben.Schließlich setzten sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts weit verbreitet tierfreundliche Einstellungen durch. Besonders der Pietismus zeigte ein starkes Mitgefühl mit leidenden Tieren.Daneben existierten aufklärerische Anliegen wie die pflegliche Behandlung der Tiere aus „alltagspraktischen Nützlichkeitserwägungen“ und der mitfühlende Umgang mit den Haus- und Nutztieren, auf deren Hilfe man existentiell angewiesen war.Die praktische Ethik des englischen Philosophen Jeremy Bentham orientierte sich an der Leidensfähigkeit der Lebewesen. So gelang es ihm, die Tiere in die Moral einzubeziehen. Aus diesem veränderten Klima heraus entwickelte sich der Gedanke des organisierten Tierschutzes, der sich seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa verbreitete.Tierfreundliche Sichtweisen vertreten auch der Hinduismus und der Buddhismus. Über Arthur Schopenhauer gelangten diese Ansichten bis nach Europa. Nach seiner Meinung steht ein Buddhist anders als ein Christ in einem grundsätzlich freundschaftlichen Verhältnis zu allen Lebewesen:

„Er fühlt sich allen Wesen im Innern verwandt, nimmt unmittelbar Theil an ihrem Wohl und Wehe und setzt mit Zuversicht die selbe Theilnahme bei ihnen voraus.“ (A. Schopenhauer zitiert nach Münch 1999 S.339).

Paul Münch (2001) schreibt weiter, dass die enge biologische Verwandtschaft zwischen Tieren und Menschen, die sich aus den Ergebnissen der Evolutionsforschung, der vergleichenden Verhaltensforschung und der Genetik ergibt, die Annahmen der Antike, die nie ganz verschwunden waren, vom großen Zusammenhang alles Lebendigen auf neue Weise bestätigt.

Im modernen westlichen Mensch-Tier-Verhältnis leben die alten Widersprüche fort

In der vormodernen Agrargesellschaft waren die Menschen noch grundlegend auf die Muskelkraft der Tiere angewiesen. Doch die moderne Technik nahm vielen Tieren ihre früheren Funktionen. Gleichzeitig führten die industrielle Tierhaltung und die Prinzipien der Nutzenmaximierung in kurzer Zeit zu einer grenzenlosen Ausbeutung der Tiere.

Unzählige Tiere verlieren ihr Leben in Schlachthöfen, in wissenschaftlichen Labors, bei Seuchenbekämpfungen, bei Schädlingsbekämpfungen. Jetzt zählt nicht die Individualität, sondern die erzielte Produktivität in Form von Eiern, Fleisch und Milch.

Paul Münch meint dazu, dass die Extreme dieser Beziehung einerseits bei millionenfacher Verwertung und andererseits bei sentimentaler Vermenschlichung liegen. Beide Positionen missachten die Rolle, die Tieren als Lebewesen eigener Art in der Natur zusteht.

Aber vielleicht besitzen Tiere wirklich noch etwas von der altmodischen Kraft, die man früher „Seele“ (anima) genannt hat. Sie ist ihnen von Natur aus eingeprägt, wie schon die alten Griechen erkannten. Sie lenkt ihr Leben in den von der Natur vorgegebenen Bahnen (nach Münch 2001).

2.2 Heilsame und wohltuende Prozesse in der Beziehung zwischen Menschen und Tieren

Zu Beginn des zweiten Teils meiner Literaturrecherche möchte ich auf die heilsamen und wohltuenden Prozesse in der Beziehung zwischen Mensch und Tier eingehen.

Als Grundlage hierfür verwende ich das Buch „Menschen brauchen Tiere – Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie“ (Olbrich & Otterstedt 2003).

Carola Otterstedt geht zunächst in dem Kapitel „Der heilende Prozess in der Interaktion zwischen Mensch und Tier“ auf den Heilungsbegriff und seine semantische Wandlung ein.

So schreibt sie, dass Heilung nicht notwendigerweise mit Zufriedenheit identisch ist, sondern dass Heilung eher ein langer Weg über Enttäuschung, Unzufriedenheit und Leiden sein kann. Realistisch sei eine Heilung im Sinne der „Wiederherstellung“ nicht möglich, da viele physische und psychische Erfahrungen, die der Patient in der Zeit der Erkrankung, Verletzung, der Diagnostik und der Therapie machte, auf sein Leben starken Einfluss haben.

Der lebenserfahrene Arzt verspricht nicht etwas Unmögliches, sondern er kann Perspektiven aufzeigen und auf die Weise für den Patienten zum Heiler werden.

Es besteht immer mehr das Bedürfnis nach ganzheitlicher Heilung im körperlichen, psychischen, geistigen und sozialen Sinn. Patienten wollen nicht nur symptomatisch behandelt werden. Mit dem Kunden „Patient“ solle man sich im Dialog auch auf eine sozio-emotionale Ebene einlassen.

Archetypen der Heilung

In Anlehnung an den Mutterarchetypus „Halten und Geborgensein“, entwickelt sich die Urform des Heilens und Heilwerdens.

So kann das Leiden, wenn es in einer heilenden Beziehung angenommen wird, sogar zu einem bedeutenden psychischen Symbol werden, das Entwicklung ermöglicht. Wenn seelisches Vollständigsein ein Therapieziel ist, dann besteht es in der Annahme von Verwundung und Heilung als den beiden Seiten der einen psychischen Wirklichkeit, des Selbst und Körperbildes. Der Heilungsarchetypus stellt seelische Strukturen bereit, um in der Krankheit Bedeutung zu stiften, um die Erkrankung an das überpersönliche Geschehen von Erkrankung und Gesunden anzubinden.

Der heilende Prozeß

So schreibt Otterstedt, dass der Mensch im archetypischen Heilungsprozess auf eine Kooperation mit seinem „Inneren Heiler“ angewiesen ist. Bettlägerige Patienten müssen bei ihrer Mobilisation zur Mitarbeit eingeladen werden. Die dafür notwendige Motivation muss attraktiv sein, z.B. kann das nicht nur der Gang auf den Stationsflur sein, sondern ein „erwartungsfreudiger Hund“, der die Gehübung begleitet.

So sprechen Therapeuten und Ärzte mit Hilfe der lebendigen Dialogbereitschaft des Tieres unmittelbar „den Inneren Heiler“ des Patienten an. Und dieser „innere Heiler“ muss mit dem „äußeren Heiler», also Ärzten, Therapeuten, Seelsorgern und Pflegern in Kontakt kommen, damit Heilung einsetzt.

Natürliche Voraussetzung für einen tiergestützten Einsatz ist, dass ein Patient einverstanden ist mit der Tierbegegnung. Aber nicht allein die Begegnung zwischen Mensch und Tier kann heilende Auswirkungen haben, sondern ein „heilender Prozess“ ist hier im Rahmen einer ganzheitlichen Entwicklung gemeint.

„Die durch die Begegnung mit dem Tier herbeigeführten Impulse beeinflussen unsere körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Kräfte“ (Otterstedt S. 61).

Die freie Begegnung zwischen Mensch und Tier

Otterstedt schreibt weiter, dass die Begegnung mit einem Tier eine Beziehungsqualität hat, die auf unsere Lebensqualität positiv wirkt.

Aber nicht nur das Tier an sich, sondern die „freie“ Begegnung mit dem Tier und der Dialog mit ihm ist hilfreich, spricht u. a. Emotionen und Hormone an und kann so Impulse geben für einen möglichen „heilenden Prozess“.

Damit eine freie Begegnung zwischen Mensch und Tier sich im Rahmen eines therapeutischen, pädagogischen Konzepts oder eines Tierbesuchsdienstes entwickeln kann, bedarf es immer einer Sensibilisierung für die Situation des Betroffenen, also des Klienten oder des Patienten im aktiven Geschehen.

Die verschiedenen Entwicklungsschritte in der freien Begegnung zwischen dem Tier, z.B. dem Hund, und dem Betroffenen werden im Buch in einer Zeichnung mit Hilfe des „Aktionskreises“ dargestellt. Voraussetzung ist auch hier, dass der Betroffene keine Ängste gegenüber dem Hund hat . So kann die zunehmende Einbeziehung des Patienten in den Aktionskreis des Hundes Impulse für einen möglichen heilenden Prozess und damit eine positive Entwicklung der Beziehungs- und Lebensqualität fördern.

Das therapeutische Mittel ist die freie Begegnung zwischen Mensch und Tier. Das Zusammenwirken von Therapeut und Klient ist mit Hilfe dieses therapeutischen Mittels auf ein Drittes, auf das Therapieziel, ausgerichtet. Nicht nur das Tier, viel mehr die „freie Begegnung mit dem Tier“ kann beim Menschen den heilenden Prozess in Gang setzen.

Es gibt auch spezielle Formen des Tiereinsatzes, wenn das Tier zielorientiert eingesetzt werden soll. Dann sind Therapeut und Tier professionell für ihre Aufgaben ausgebildet, z.B. wenn ein Tier Therapiebegleithund wird oder wenn beim therapeutischen Reiten auch das Pferd ausgebildet ist.

Otterstedt schreibt weiter, dass in der Kranken- und Altenbegleitung gern Stofftiere als Kuscheltiere angeboten werden. Sie meint, dass sie eine wichtige Funktion in der Therapie, Pflege und Betreuung von Menschen haben, da sie emotionale Bedürfnisse u.a. durch den taktilen Reiz befriedigen. Aber der Dialog mit lebendigen Tieren kann durch Stofftiere nicht ersetzt werden.

Otterstedt meint, es gibt keinen Ersatz für ein lebendiges Tier in der therapeutischen Begleitung. Sie spricht von Kompromisslösungen, die bestimmte Sinne anregen können und somit auch die Seele direkt ansprechen. So können Fell-Handpuppen vielleicht sogar in Tiergestalten nicht das lebendige Tier ersetzen, aber der taktile Reiz durch das warme weiche Fell kann Assoziationen freisetzen und Erinnerungen an ein lebendiges Tier hervorrufen. Dann können dadurch stimulierte eigene Heilungskräfte gefördert werden, hier kommt es z.B. zur körperlichen und seelischen Entspannung.

Worin besteht nun die besondere therapeutische Wirkung eines Dialogs mit einem Tier? Die Begegnung mit einem lebenden Tier statt mit einem Stofftier ist durch sein Wesenhaftes geprägt.

„Wenn aber eins hervorsteigt aus den Dingen, ein Lebendes und mir Wesen wird und sich in Nähe und Sprache zu mir begibt, wie unabwendbar kurz ist es mir nichts als DU!“ (aus Martin Buber, Ich und Du, zit. nach Otterstedt, S. 92ff). Die Begegnung mit dem Es entwickelt sich durch sein Wesenhaftes zu einer Beziehung zum DU. Und diese Beziehung zum DU lebt von ständigen Wiederholungen in der Begegnung. „Nicht die Beziehung ist es“, sagt Buber, „die notwendig nachlässt, aber die Aktualität ihrer Unmittelbarkeit. Die Liebe selber kann nicht in der unmittelbaren Beziehung verharren; sie dauert, aber im Wechsel von Aktualität und Latenz.“

So muss es die Aufgabe einer wirksamen tiergestützen Therapie sein, neben der Latenz auch immer die Aktualität der Beziehung erlebbar zu machen. Vor allem dann kann die Begegnung mit Tieren die Lebensqualität verbessern und bewahren.

Die Beziehung zum DU, hier das Tier, erfahren wir im Dialog mit unserem Gegenüber. Weil das Du, also das Tier, uns annimmt, trauen wir uns mehr zu. Wir lösen uns von ichbezogenen Zweifeln und Ängsten. Unser Selbstwertgefühl steigt, unsere körperlichen, seelischen und geistigen Kräfte und unsere sozialen Fähigkeiten werden gestärkt. So kann der Kontakt zum Tier auf vielfältige Weise dem Menschen helfen und ihn fördern. Vor allem die freie Begegnung mit dem Tier kann diese Kräfte und Talente stärken (nach Otterstedt).

Ich möchte jetzt einen Überblick über die positiven Wirkungsweisen der Mensch-Tier-Begegnung darstellen.

Otterstedt spricht vom „bio-psycho-sozialen Wirkungsgefüge hilfreicher Tiereffekte“, modifiziert nach Frank Nestmann (In: Kuratorium Deutsche Altershilfe 1992, S. 35).

Die hilfreichen Tiereffekte umfassen physische und physiologische Wirkungen, mentale und psychologische Wirkungen und letztlich auch soziale Wirkungen.

Bio-psycho-soziales Wirkungsgefüge hilfreicher Tiereffekte

Physische und physiologische Wirkungen:

Es kommt zu einer Senkung des Blutdrucks allein durch das Streicheln eines Tieres oder seine Gegenwart. Die Herzfrequenz normalisiert sich, Puls und Kreislauf stabilisieren sich.Infolge des Körperkontaktes zum Tier und einer entspannten Interaktion findet eine Muskelentspannung statt.Es treten biochemische Veränderungen und neuro-endokrine Wirkungen ein. So kommt es zur Schmerzverringerung, Beruhigung, aber auch zu euphorisierenden Effekten und Freisetzung von Beta-Endorphinen (Stabilisierung des Immunsystems) über das Spielen und Lachen.Tiere können Menschen zu einer Verbesserung des Gesundheitsverhaltens bringen. Tiere fordern meist eine bestimmte Regelmäßigkeit und Tagesstruktur ein, so dass der Mensch auch davon profitieren kann. Es kommt zu einer allgemeinen motorischen Aktivierung allein durch das tägliche Laufen mit einem Hund z. B., es gibt viel Bewegung an frischer Luft und beim Spielen, die Verdauung wird angeregt, Übergewicht kann reduziert werden, in gewissen Maßen auch Alkohol- und Nikotingenuss.Servicetiere, also Hunde für Blinde und Gehörlose bieten praktische und technische Unterstützung, sie geben Schutz und ein Sicherheitsgefühl, sie verschaffen dem Betroffenen Erleichterungen bei täglichen Aufgeben, die der Mensch ohne Tier nicht alleine bewältigen könnte.

Mentale und psychologische Wirkungen von Tieren:

Über Tiere kommt es zur kognitiven Anregung und Aktivierung. Es wird über Tiere und Tierhaltung gelesen, gelernt, diskutiert im Austausch mit anderen Menschen und führt zur Anregung des Gedächtnisses.Das emotionale Wohlbefinden wird gefördert. Wichtig hierfür sind das Akzeptiertwerden durch das Tier, das Geliebtwerden, die Zuwendung. Ein Tier kann Trost und Ermunterung, Zärtlichkeit, spontane Zuneigung geben und Begeisterung auslösen.Ein positives Selbstbild, das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein werden gefördert. Das Tier bietet eine konstante Wertschätzung, der Mensch kann Autorität und Macht erfahren im Umgang mit einem Hund z. B.. Der Mensch oder ein Kind/Jugendlicher kann Bewunderung erfahren und vor allem das Gefühl, gebraucht zu werden. Er kann Verantwortung übernehmen und Bewältigungskompetenz erleben.Es tritt eine Förderung von Kontrolle über sich selbst und die Umwelt ein. Es kommt zu Kontrollerfahrungen in Pflege, Versorgung, Führung und Gehorsam. Es gibt die Erfordernis der Selbstkontrolle, es kommt zur Sensibilisierung für eigene Ressourcen. Bewältigungskompetenz wird vermittelt und so auch Kompetenzerfahrung. Alltagsstrukturen und Zutrauen müssen beim Umgang mit einem Tier aufgebaut werden.Sicherheit und Selbstsicherheit werden gefördert, Angst wird reduziert. Der Mensch wird unbedingt akzeptiert, es gibt eine konstante Zuneigung und eine unkritische Bewunderung. Es liegen unbedrohliche und belastungsfreie Interaktionssituationen vor. Wichtig ist der „Aschenputtel-Effekt“, egal, wie unattraktiv, ungepflegt, hilflos ein Mensch wirkt, das Tier akzeptiert ihn. Zwischen Mensch und Tier kann eine einfache Welt existieren, die sich aus Füttern, Nähe und Vertrautheit ergibt.Es findet eine psychologische Stressreduktion, Beruhigung und Entspannung statt und damit eine Wahrnehmungs- und Interpretationsveränderung von Belastung. Tiere bieten Trost, Beruhigung und Ablenkung. Es kommt zu einer Relativierung von Konsequenzen, zur Umbewertung von Ereignissen, zur Aufwertung kleiner Freuden usw.Psychologische Wirkung sozialer Integration: Die Bedürfnisse nach Zusammensein, Geborgenheit, Erfahrung von Nähe und Gemeinsamkeit werden durch ein Tier erfüllt.Regressions-, Projektions- und Entlastungsmöglichkeiten (Katharsis): Affektive Entladung und offener emotionaler Ausdruck werden ermöglicht, es finden Erinnerungen statt, Identifikationsmöglichkeiten und Projektionsflächen werden geboten.Antidepressive Wirkung, antisuizidale Wirkung: Es gibt eine Gemeinsamkeit, Vertrauen, sicheren Halt und emotionale Zuwendung, Umbewertung von Belastung, Trost und Ermutigung. Gefördert werden Aktivität, Verantwortung, Verbundenheit, Freude, Lebendigkeit, Spontaneität und Spaß.

Soziale Wirkungen der Tiere auf den Menschen

Einsamkeit und Isolation werden aufgehoben durch ein Tier, Kontakte werden gefördert, da Tiere eine soziale Katalysatorwirkung haben, so werden Kontakte erstellt. Tiere wirken auch als „Eisbrecher“ bzw. „Seelenöffner“.Nähe, Intimität, Körperkontakt werden durch Tiere ermöglicht, da sie ja ungehemmt die Nähe und Zärtlichkeit mit Menschen suchen. So können Beziehungen und Verbundenheit erlebt werden.Tiere können durch ihre Anwesenheit auch als Streitschlichter fungieren. Über Tiere wird ständig Gesprächsstoff vermittelt, und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie kann gestärkt werden. So tragen Tiere auch zum Familienzusammenhalt bei.Vermittlung von positiver sozialer Attribution. Da Tiere auf Menschen häufig anregend und attraktiv wirken, kann die Begleitung durch einen Hund z.B. als angenehm auch von anderen Menschen empfunden werden. Auf Seiten des Tieres liegt eine Offenheit und Unverkrampftheit bei Begegnungen mit Menschen vor. Um so sympathischer werden auch weitere Begegnungen mit dem Tier und seinen Menschen empfunden und die Attraktivität des Tieres färbt natürlich auf die soziale Attraktivität des Besitzers ab. Besonders Kinder können die natürliche Unmittelbarkeit eines Tieres schätzen und wissen um die positiven Aspekte des Tieres. (nach Otterstedt)

Hier möchte ich einen Beitrag von Erhard Olbrich einfügen:

„Die deutlichsten Effekte der Anwesenheit von Tieren sind sozial. Tiere sind soziale Katalysatoren, d. h. sie erleichtern oder ermöglichen den sozialen Austausch mit Menschen und anderen Lebewesen. Und in der Tat macht die Anwesenheit eines Tieres den Kontakt mit sehr alten, mit behinderten oder kranken Menschen für ehrenamtliche BesucherInnen ebenso wie für die professionellen MitarbeiterInnen einer Institution einfacher. Wir können annehmen, dass eine Gemeinschaft, in der Tiere mit Menschen zusammenleben, eine größere Varianz von Personen aufweisen kann – ausdrücklich auch von sozial auffälligen Personen wie Obdachlosen oder straffällig gewordenen Menschen oder von Menschen mit körperlichen, geistigen, psychischen oder sozialen Behinderungen. In Anwesenheit von Tieren werden Beziehungen zwischen SchülerInnen sowie zwischen SchülerInnen und LehrerInnen kooperativer, freundlicher. Aggressives und gewalttätiges Verhalten lassen nach, wenn Tiere anwesend sind. Tiere erhöhen sogar die soziale Attraktivität von Menschen.

Die Anwesenheit von Tieren strahlt auf die ganze Situation und auf Institutionen aus und läßt alle Beteiligten sozial attraktiv erscheinen.“ (Olbrich S.76)

2.3 Eine mögliche Erklärung der Mensch-Tier-Beziehung und ihrer positiven Effekte

Jetzt möchte ich einen Einblick in eine mögliche Erklärung der Mensch-Tier-Beziehung und ihrer positiven Effekte geben.

Andrea Beetz ist Autorin des Kapitels „Bindung als Basis sozialer und emotionaler Kompetenzen“. Sie geht zunächst auf Erkenntnisse der Humanpsychologie zu Bindung und emotionalen und sozialen Fähigkeiten ein und überträgt sie dann in einem zweiten Teil auf die Mensch-Tier-Beziehung.

Sie schreibt, dass erkannt wurde, dass neben Kognition und Leistung Bindungen an andere Personen eine entscheidende Rolle in der menschlichen Psyche und für die psychische Gesundheit spielen.

So bilden wahrscheinlich frühe Bindungserfahrungen die Grundlage für die Regulation von Emotionen, für emotionale Intelligenz, Empathie und soziale Kompetenz im gesamten Lebenslauf.

Menschen bauen aber nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zu Tieren tiefgehende Beziehungen auf. Diese haben dann hinsichtlich emotionaler und sozialer Bedürfnisse positive Auswirkungen.

Noch gibt es keine theoretische Basis zur Erklärung dieser besonderen Beziehung zwischen Mensch und Tier. Es scheint aber, als ob Konzepte aus der Bindungsforschung einen vielversprechenden, möglichen Ansatz bieten könnten.

Die Bindungstheorie geht auf die Erforschung der Mutter-Kind-Beziehungen im Hinblick auf die Überlebensfunktion in der Evolution zurück. Festgestellt wurde, dass unabhängig vom Lebensalter die Fähigkeit, Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen, ein grundlegendes Merkmal einer funktionierenden Persönlichkeit und seelischer Gesundheit ist. Im Laufe des ersten Lebensjahres entwickelt sich eine Bindung zu einer Bezugsperson, zumeist der Mutter, die auf kindliche Bindungssignale wie Weinen oder die aktive Suche nach Nähe mit einem Pflegeverhalten reagiert. Auch das Kind versucht aktiv, die Nähe zur Bezugsperson herzustellen, da sie als sichere Basis und zur Regulation von negativen Emotionen durch Nähe und Zuwendung dient.

Im Laufe der Bindungserfahrungen entwickelt das Kind eine innere Repräsentation, ein internales Arbeitsmodell von sich und seinen Bindungspersonen, in das unterschiedliche Erfahrungen dann integriert werden müssen.

Im Idealfall eines sicher gebundenen Kindes mit einer feinfühligen Beziehungsperson entsteht ein anpassungsfähiges Bild der Wirklichkeit.

Das internale Arbeitsmodell ermöglicht dann den Zugang zu den eigenen Gefühlen, Bewertungen und bindungsrelevanten Erinnerungen. Die emotionale Kommunikation innerhalb der Person und die Kommunikation mit anderen Personen wird so reguliert (Bretherton 1990, nach Beetz).

Später können bedeutsame Erfahrungen oder kognitive Bearbeitung in Jugend- oder Er wachsenenalter internale Arbeitsmodelle verändern.

Zusammenhänge zwischen internalen Arbeitsmodellen und der Interpretation von Emotionen (Steele u. a. 1999, nach Beetz) und soziale Wahrnehmung (Suess u. a. 1992, nach Beetz) sind bei Kindern bereits empirisch nachgewiesen worden.

Sicher gebundene Kinder können bei Anforderungen eher emotionale und kognitive Bewertungen integrieren. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder nehmen dagegen emotionale Information nur eingeschränkt oder verfälscht wahr (Spangler 1999, nach Beetz) und können diese so nicht zur Bewertung der Situation und zur Verhaltensregulation benutzen. In einer sicheren Bindung fördert erst die Kommunikation mit der Bindungsfigur eine gesunde psychische Entwicklung.

Aufgrund der Forschungsergebnisse, dass sicher gebundene Personen mehr Zugang zu Gefühlen und eine bessere Emotionsregulation haben, scheint es einsichtig, dass gute frühe Bindungserfahrungen positive Einflüsse auf die emotionale und soziale Intelligenz und emotionale Kompetenz haben.

So setzt sich die Basis emotional kompetenten Handelns zusammen aus dem Bewusstsein über den eigenen emotionalen Zustand, der Fähigkeit, die Emotionen anderer differenziert wahrzunehmen, der Empathie und der Fähigkeit zur Selbstregulation.

Bindung als Erklärung der Mensch-Tier-Beziehung und ihrer positiven Effekte

Beetz schreibt weiter, dass sich bis heute nur wenige theoretische Ansätze finden lassen, die eine Erklärungsbasis für die Mensch-Tier-Beziehung bilden könnten.

Eine auf der Evolutionslehre basierende Theorie ist die Biophilie-Hypothese von Wilson (1996) und Kellert (1997). Biophilie beschreibt die Affinität des Menschen zum Leben und zu lebensähnlichen Prozessen, so auch zu Tieren. Diese Affinität kann möglicherweise bei allen Menschen und Tieren biologisch begründet und angeboren sein. Diese Verbundenheit mit der Natur kann sich in Neugier, einem Gefühl der Verwandtschaft, Empathie oder einer Wertschätzung natürlicher Schönheit, aber auch als Nutzung, gegenseitige Hilfe oder Angst darstellen. Beziehungen zu Tieren und zur Natur ist vielleicht eine Notwendigkeit für eine geistig und emotional gesunde Entwicklung. Besonders die Technisierung in unserer Lebensumwelt hat sich sehr verstärkt und der Mensch konnte sich in der kurzen Zeit der zivilisatorischen Entwicklungen noch nicht optimal an diese Umwelt anpassen. So wurden hauptsächlich emotionale und soziale Interaktionen erschwert.

Wohl aus diesem Grunde wurden die Beziehungen zu Tieren, insbesondere Haustieren, immer bedeutsamer für Menschen. Tiere können emotionale und soziale Unterstützung bieten. Menschen in jedem Alter, aber besonders Kinder, Kranke, Ältere und einsame Menschen sehen Tiere als emotional bedeutsame Partner an. Menschen haben mit Tieren vieles gemeinsam gerade in Bezug auf Instinkte und Sozialverhalten.

Aber gerade eine Integration von Denken und Fühlen ist notwendig für eine gut funktionierende Persönlichkeit. Dann kann der Umgang mit Tieren dazu führen, ein Gleichgewicht zwischen überbetontem Denken und den wichtigen Bindungen und Emotionen herzustellen. Die Interaktion mit einem Tier geschieht fast nur mit nonverbaler, analoger Kommunikation, also mit Mimik, Gesten, Körperhaltungen; und diese Art der Kommunikation ist primär wichtig für die Entwicklung von Beziehungen. Verbal-rationale Kommunikation spielt eine untergeordnete Rolle, gerade wenn es sich um Beziehungen oder Bindungen zu Kindern oder Tieren handelt. Durch den Umgang mit einem Tier und dem Aufbau einer Beziehung zu ihm werden diese Prozesse der analogen Kommunikation automatisch trainiert. Da sie wichtige Grundlagen der emotionalen Intelligenz darstellen, kann dadurch auch diese Fähigkeit gestärkt werden. Die gewonnenen Erfahrungen könnten auf Beziehungen zu Menschen übertragen werden. Auf solchen Prozessen beruhen zum Teil Befunde, dass Kinder, die mit Tieren aufwuchsen, mehr Empathie zeigen (Poresky & Hendrix 1998, nach Beetz). Kinder lernen aufgrund einer guten Beziehung zu einem Tier schon sehr früh die Gefühle und Bedürfnisse dieser nonverbal kommunizierenden Lebewesen besser zu verstehen und damit wahrscheinlich auch die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen (Paul 1992, nach Beetz). So steht Empathie Tieren gegenüber eindeutig im Zusammenhang mit Empathie gegenüber Menschen (Ascione & Weber 1996, nach Beetz).

Poresky (1996) stellte fest, dass die Beziehung zu einem Haustier die soziale Entwicklung von Kindern sehr beeinflussen kann.

Tiere zeigen Zuneigung, unabhängig von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und vermitteln den Menschen uneingeschränkte Akzeptanz, die sehr wichtig für eine gesunde emotionale Entwicklung ist.

Tiere reagieren unmittelbar auf nonverbales Verhalten, das im Gegensatz zu verbaler Kommunikation kaum verfälscht werden kann. So reagieren sie sensitiver auf den tatsächlichen Zustand des Menschen. Dies spiegelt dann den wahren emotionalen Zustand des Menschen wider, der ja weiß, dass er sich beim Tier nicht verstellen muss oder kann.

Durch die ehrliche Rückmeldung wird dem Menschen eine Integration seines Verhaltens und seiner Emotionen in diesem Moment ermöglicht. So wird auch seine Authentizität gefördert. Das Tier kann wohl nicht wie sichere Bindungsfiguren ständig adäquat auf das Kind oder den Menschen eingehen, indem es z.B. negative Emotionen wie Angst oder Ärger bei der Person zu besänftigen versucht. Doch das Tier ist ein sicherer und zuverlässiger Interaktionspartner, der auch einfach eingeschätzt werden kann.

Tiere als Gefährten geben Empathie ohne Rücksicht auf kognitive Wertungen. So können sie bedeutende Beziehungspartner z.B. für misshandelte Kinder sein, die wohl eine unsichere Bindung zu ihren Bezugspersonen haben, sie trösten das Kind und geben Sicherheit und Zuwendung (nach Beetz).

Das Konzept der Biophilie als Versuch, eine theoretische Basis der Mensch-Tier-Beziehung zu finden, ist eine deutliche Bereicherung, es erklärt aber nicht vollständig die besondere Beziehung zwischen einem Menschen und seinem Tier. Es gibt weitere Ansätze aus der Lerntheorie, aus Objektbeziehungen, aus Konzepten der Ähnlichkeit und Komplementarität. So wurde auch die Bindungstheorie bezüglich ihres Erklärungswertes diskutiert.

Endenburg (1995 nach Beetz) fand in einer Studie, dass das Tier seinem Besitzer ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Außerdem entdeckte er, dass Erwachsene häufig die Art und Rasse eines Tieres bevorzugen, die sie schon in ihrer Kindheit hatten. Deshalb vermutet er, dass eine Beziehung zu einem Tier in der Kindheit zur Formung eines sicheren internalen Arbeitsmodells über Beziehungen zu Tieren führt.

Solch ein Ansatz über das internale Arbeitsmodell scheint erfolgversprechender zu sein als der Versuch, Beziehungen zu Tieren dem Mutter-Kind-Beziehungsmodell gleichzusetzen. Die dort ablaufenden Interaktionen lassen sich nicht einfach auf die Mensch-Tier-Beziehung übertragen (Collis & Mc Nicholas 1998, nach Beetz).

Am Schluss ihres Kapitels schreibt Beetz weiter über die Bedeutsamkeit internaler Arbeitsmodelle von Beziehungen zu Tieren und die mögliche Übertragung auf den Menschen mit neuen internalen Arbeitsmodellen, die auf der Grundlage eines sicheren Arbeitsmodells von Beziehungen zu Tieren stammt, vor allem im therapeutischen Kontext. Sie schreibt, dass das Eingehen einer emotional bedeutsamen Beziehung zu einem Tier und die Ausformung eines internalen Arbeitsmodells von Beziehungen zu diesem Tier und anderen Tieren ein Ansatz ist, der noch weitere Untersuchungen benötigt.

Es scheint plausibel, und sichere internale Arbeitsmodelle über sich und die Beziehung zu Tieren mit ihren kognitiven und emotionalen Komponenten sollte sich in einem Gefühl der Sicherheit, der gefühlten emotionalen Unterstützung und der Zuverlässigkeit in Beziehung zum Tier zeigen. So wären Zusammenhänge mit Effekten bezüglich sozialer und emotionaler Kompetenz erklärbar.

Eine Bindung zu einem Tier im Rahmen einer Therapie und die Ausbildung eines sicheren Arbeitsmodells von Beziehungen zu Tieren mag an sich emotionale und soziale Kompetenz fördern. Andererseits mag es auch als Grundlage zur Bildung neuer internaler Arbeitsmodelle über Beziehungen zu anderen Menschen dienen, vor allem falls die zwischenmenschlichen Bindungen unsicher oder gestört sind und Ursache des Problems sein könnten.

Es ist möglich, dass der Aufbau eines sicheren Arbeitsmodells zu einem zuverlässigen Therapietier zunächst leichter fällt als eine direkte Veränderung des internalen Arbeitsmodells von Beziehungen zu Menschen. Beetz meint abschließend, dass im Verlauf der Therapie auf eine Übertragung dieses möglichen sicheren Arbeitsmodells in Beziehung zu Tieren auf zwischenmenschliche Beziehungen hingearbeitet werden sollte (nach Beetz).

Die Beiträge in dem vorliegenden Buch von Prof. Dr. Erhard Olbrich und Dr. Carola Otterstedt als Herausgeber und Co-Autoren: „Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie“ zeigen das große Spektrum der Einsatzmöglichkeiten von Tieren. So gibt es

Tiergestützte Arbeit in Schule, Altenheim und KrankenhausAssistenzhunde für BehinderteHeilpädagogische Förderung verhaltensauffälliger KinderResozialisierung von StrafgefangenenBegleitung von Koma-Patienten und Schwerkranken.

Doch die Besprechung auch nur einiger dieser interessanten Beiträge würde den Rahmen meines Literaturteils sprengen und so möchte ich jetzt abschließend Aussprüche und Gedanken von Konrad Lorenz zitieren, die auf mich einen besonderen Eindruck gemacht haben.

2.4 Gedanken von Konrad Lorenz

Grundlage hierfür ist das Buch „Konrad Lorenz: Worte meiner Tiere“, herausgegeben und eingeleitet von Ewald Müller. Die Zitate stammen aus Lorenz’ zahlreichen Büchern.

Zunächst zitiere ich aus der Einleitung des Buches:

„Es führen manche Wege zu Konrad Lorenz, zum Großmeister der Vergleichenden Verhaltenskunde, der Ethologie. Wie ist unsereiner auf ihn gekommen? Mein Dackel Ulf, den ich sehr mag, hat damit zu tun. Er hat mir unmittelbar über töchterliche Hinweise beigebracht, dass man Konrad Lorenz zuhören muss, wenn man etwas mehr über das Verhältnis Tier zu Mensch und umgekehrt, schließlich über sich selbst erfahren will. – So ist diese Sammlung entstanden – selbstverständlich kein Brevier für Ethologen, denn dazu ist das Lorenz’sche Werk viel zu gewaltig, sondern eins auf vorderer Stufe für Tierfreunde und Menschenfreunde gleichermaßen.

Konrad Lorenz hat durch geduldige Beobachtung, zu der ihn nicht zuletzt seine Tierliebe ein Leben lang drängte, seine Graugänse, Dohlen, Korallenfische, Raben und all seine Hunde so verstanden, wie wenn die Tiere mit ihm gesprochen hätten. Was er, ein moderner König Salomo ohne Zauberring, dabei hörte, hat er der Welt übersetzt – vor allem der Wissenschaft…“ (Müller S. 7)

Ohne den Zauberring SalomosDie Sprache der Tiere

„Der König Salomo, so steht geschrieben, redete mit dem Vieh, den Vögeln, den Fischen und dem Gewürm. Das kann ich auch. Zwar nicht mit allem Getier, wie der alte König es gekonnt haben soll, zugegeben, dass ich ihm darin unterlegen bin. Aber ich rede mit einigen Arten, die ich gut kenne; ich brauche dazu jedoch keinen Zauberring. In dieser Hinsicht bin ich wiederum dem alten König überlegen…

Ohne jede Zauberei erzählen einem die lebendigen Wesen die schönsten Geschichten, nämlich solche, die wahr sind. Und die Wahrheit ist in der Natur immer noch viel schöner als alles, was unsere Dichter, die einzigen wirklichen Zauberer, die es gibt, sich je ausdenken können.“ (Müller S. 17)

„Wir leugnen nicht – und dürfen als objektivierende Verhaltensforscher gar nicht leugnen – dass wir uns von Herzen freuen, wenn etwa eine bekannte alte Graugans uns beim Zurückkommen nach längerer Abwesenheit „freudig“ begrüßt. Was wir dabei aber nicht vergessen dürfen, ist die Tatsache, dass es uns völlig und wahrscheinlich für immer verborgen bleibt, was die Gans dabei empfindet. Dass irgend etwas Verwandtes in Mensch und Tier vor sich geht, dürfen wir mit Sicherheit annehmen…

Ich glaube, dass die Graugans mit den vielen und verschiedenartigen Ähnlichkeiten ihres Verhaltens zu dem des Menschen ein besonders günstiges Objekt für die wissenschaftliche Forschung darstellt. Ich schmeichle mir auch, die Neigung, tierische Motivation zu vermenschlichen, in engen Grenzen zu halten. Dagegen bilde ich mir keineswegs ein, dass eine geniale Erkenntnis meine Aufmerksamkeit auf diesen wichtigen Forschungsgegenstand gelenkt hat. Dies ist vielmehr der dichterischen Einsicht einer schwedischen Schullehrerin zu danken, die den Sinn des Lockrufs von Wildgänsen rein emotional, aber wissenschaftlich durchaus richtig mit den Worten übersetzt hat: „Hier bin ich – wo bist du?“ (Müller S. 17, 18)

„Das „Anterl“ hat „pie- pie- pie“ geweint. Ich kannte damals schon den Führungston der Hausente – lobenswert mit fünf Jahren – und sagte „oarrk puu puu puu oarrk, oarrk puu puu puu“, den Führungslaut. Und ich erinnere mich, wie dieses „Anterl“ auf einmal zu weinen aufhörte und statt „pie-pie-pie“ „pipipp pipipp pipipp“, den Unterhaltungslaut sagte und wie ich dann bemerkte, dass es mir nachlief. Damit habe ich eigentlich die Prägung entdeckt.

… Ich habe geglaubt, das Entlein weint, und ich habe es zu trösten versucht. Und diese urbescheidene Einstellung dem Menschen, der Kreatur gegenüber ist vielleicht das Wichtigste, was ich meiner Kindheitserziehung verdanke.“ (Müller S. 20)

„Die „Fließbandhaltung“ von Tieren ist zweifelsohne eines der dunkelsten, schandhaftesten Kapitel der menschlichen Kultur. Wenn sie jemals vor einer Tiermastanstalt gestanden und gehört haben, wie Hunderte von Kälbern „Ma-maaah“ schreien, wenn sie den Notruf des Kalbes verstehen, dann haben Sie genug von dem Menschen, der daraus Gewinn zieht.“ (Müller S. 20)

…“Manche Tiere haben eben die Fähigkeit, erstaunlich kleine Bewegungen wahrzunehmen, die sich dem menschlichen Auge entziehen. Und ein Hund, der mit konzentriertester Aufmerksamkeit darauf bedacht ist, seinem Herrn zu Diensten zu sein, der buchstäblich dauernd „an seinen Lippen hängt“, bringt es darin besonders weit.“ (Müller S. 24)

„Kein starrer Instinkt veranlasst einen Hund, seine Liebe dadurch auszudrücken, dass er seinen Kopf auf das Knie des Herrn legt. Eben deshalb ist dieser Ausdruck tatsächlich unserer menschlichen Sprache näher verwandt als alles, was die wilden Tiere einander zu sagen haben.“ (Müller S. 31)

„Man mag mir glauben: Ich projiziere menschliche Eigenschaften ganz sicher nicht in das Tier. Eher tue ich das Gegenteil: Ich zeige, wie viel tierisches Erbe auch heute noch im Menschen steckt.“ (Müller S.38)

Viele Frösche könnten nachwachsenHarmonie mit der Natur

„Die Erziehung zum Sehen von Gleichgewichten, das die Voraussetzung zum richtigen Funktionieren unserer Gestaltwahrnehmung ist, die Erziehung zum gefühlsmäßigen Empfinden von Harmonien, das ist wahrscheinlich die Vorbedingung für die Erziehung zum Naturschutz.

Denn dadurch wird dem Menschen von selber bewusst, dass er der Natur nicht polar gegenüber steht, sondern Teilhaber, Nutznießer und Mitglied des Lebensgefüges ist…“ (Müller S. 41)

…“Dass man mit der Trockenlegung einer Feuchtwiese 1000 Frösche oder mehr umbringt, und diese Zahl gilt nur für den Augenblick, denn in Wirklichkeit, für die Zukunft sind es viel mehr ungeborene, weil man ja einen Lebensraum zerstört hat, in dem jedes Jahr viele Frösche „nachwachsen“ könnten. Das alles wird nicht so gemerkt und gesehen!“ (Müller S. 41)

„Dem Denker, dessen Erkenntnistheorie auf der Einsicht in die Tatsache der Evolution beruht, ist die Du-Evidenz des Mitmenschen wie des höheren Tiers unabweisbar.

Schließlich hat sich diese Überzeugung auch in den Tierschutzgesetzen aller Welt ausgedrückt. Wir sind gezwungen, das Du im höheren Tier anzuerkennen und die moralischen Konsequenzen daraus zu ziehen.“ (Müller S. 44)

„Der Wert, den der Hund heutzutage für den Menschen entwickelt, ist ein rein seelischer, wenn man von einigen wenigen Berufen, etwa Jägern und Polizeileuten, absieht. Was Dein Hund dir zu geben vermag, ist dem sehr ähnlich, was nur das wilde Tier, das mich durch den Wald begleitet, gibt: die Wiederherstellung der unmittelbaren Verbundenheit mit der wissenden Wirklichkeit der Natur, die der Zivilisierte verloren hat…“ (Müller S. 49)

Mit der Liebe, die auch zu sehen vermagWege des Entdeckers

„Ich nehme es sehr ernst mit der Aufgabe, in möglichst vielen Menschen ein tieferes Verständnis für die anbetungswürdigen Wunder der Natur zu erwecken.“ (Müller S. 60)

„Wenn ich auf einem Spaziergang in den Donauauen den sonoren Ruf des Raben höre und auf meinen antwortenden Ruf der große Vogel hoch droben am Himmel die Flügel anzieht, in sausendem Fall herniederstürzt, mit kurzem Aufbrausen abbremst und in schwereloser Zartheit auf meiner Schulter landet, so wiegt dies sämtliche zerrissenen Bücher und sämtliche leergefressenen Enteneier auf, die der Rabe auf dem Gewissen hat.“ (Müller S. 62, 63)

Der Mensch, den mir das Tier gezeigt hatProzesse der Entwicklung

„Geistig hochmütigen Menschen sollte (folgendes) eine ernste Mahnung sein: Bei einem Tier (wie der Graugans), das noch nicht einmal zur bevorzugten Klasse der Säugetiere gehört, findet die Forschung einen Mechanismus des Verhaltens, der bestimmte Individuen lebenslänglich zusammenhält, der zum stärksten, alles Handeln beherrschenden Motiv geworden ist, der alle „tierischen“ Triebe wie Hunger, Sexualität, Aggression und Furcht zu überwinden vermag und die Gesellschaftsordnung in ihrer artbezeichnenden Form bestimmt. In all den Punkten ist dieses Band jenen Leistungen analog, die bei uns Menschen mit den Gefühlen der Liebe und Freundschaft in ihrer reinsten und edelsten Form einhergehen.“ (Müller S. 77)

„Das Aussterben einer Tierart ist ein Vorgang, der nie wieder gut zu machen ist. Wenn das letzte Paar einer Art gestorben ist, kommt diese Art von alleine nicht wieder. Nur ein neuer Schöpfungsakt könnte sie erneut entstehen lassen. Wer sich dieser Tatsache bewußt geworden ist, müßte eigentlich zutiefst erschüttert sein, denn der pure Menschenverstand sollte zu dem Schluß gelangen, dass homo sapiens auch nur ein Kraut unter vielen ist, das ebenso Wasser, Luft, Licht und Nahrung braucht, eine kulturelle Basis nicht zu vergessen, um nicht einzugehen.

Tiere vor dem Aussterben zu bewahren, müßte uns demnach eine vordringliche Pflicht sein, im ureigensten Interesse, denn die Stabilität jedes Biosystems ist um so widerstandsfähiger, je mehr Arten daran teilhaben. Das gilt für den Tümpel ebenso wie für ein komplexes Korallenriff oder für den Regenwald. Das ist das Ziel des eigentlichen Bewusstwerdungsprozesses, der hoffentlich nicht zu lange dauert…“ (Müller S. 78, 79)

3 METHODISCHES VORGEHEN

3.1 Die Methode des Persönlichen Gespräches

Als ich mich für mein Forschungsthema für die Diplomarbeit entschieden hatte, wußte ich, dass ich eine qualitative Forschungsmethode wählen würde. Ich wollte nach der Methode des Persönlichen Gesprächs von Inghard Langer in meiner Arbeit vorgehen. Ein persönliches Gespräch ermöglicht dem Gesprächsleiter eine vertiefte Aufnahme von den Erzählungen des Befragten. Wir nehmen als Gesprächsleiter teil an seinen Lebenserfahrungen und innerseelischen Vorgängen und können diese für andere Personen aufbereiten in der späteren Bearbeitung des protokollierten Gesprächs.

Die Haltungen eines Gesprächsleiters sollen denen entsprechen, die Carl Rogers, der Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie, für psychotherapeutische Gespräche ausgearbeitet hat.

Der Gesprächsleiter soll kongruent sein, das bedeutet, dass sein inneres Erleben und von ihm geäußerte Signale wie Gesichtsausdruck, Mimik, Körperhaltung und Sprache übereinstimmen. Wesentlich ist weiter Wertschätzung und Achtung der Person, mit der wir ein Gespräch führen, und ebenso Wertschätzung der Inhalte, die sie uns berichtet. Das Erzählen und die Art und Weise, wie die Person sich verhält und ausdrückt, wird mit einfühlendem Verstehen begleitet.

Der Gesprächsleiter sollte eine lernbereite, offene und auf Entwicklung ausgerichtete Grundhaltung haben und die erzählende Person in ihrem Suchen und in ihren Erfahrungen respektieren.

Wir sind als Gesprächsführende keine Autorität für die Richtigkeit oder Fehlerhaftigkeit der Berichte, die uns im Gespräch zu einem Lebensthema mitgeteilt werden.

So wäre es nicht angebracht, vorgefertigte Annahmen, die sogenannten „Hypothesen“ zu formulieren in Erwartung dessen, was uns der Gesprächspartner erzählen wird. Hypothesen sind vorformulierte Vermutungen vor einer Untersuchung und sollen mit Hilfe der Untersuchung erhärtet oder als falsch erkannt werden. Solche Untersuchungen und Überprüfungen mittels Hypothesen werden nur in Laborexperimenten oder besonderen Fragestellungen nützlich sein.

Wir sind in der qualitativen Forschung „Wissen-Schaffende“, suchende Menschen, die von anderen Personen Erfahrungen aufnehmen.

Und diese vielfältigen Erlebnisse der Gesprächspartner können wir nicht in einfache Schemata pressen bzw. in vorgefertigte Fragebögen. (Nach Langer)

Daher grenzte ich für mich von Anfang an quantitative Untersuchungsmethoden aus.

All die vielschichtigen Berichte und Erfahrungen, die wir im persönlichen Gespräch vom Gesprächspartner erhalten, sind Anregungen und können sowohl für uns als auch für die Empfänger und Empfängerinnen unserer Forschungsarbeit Hinweise für die Lebensgestaltung geben.

„Die Empfänger und Empfängerinnen von Wissenschaft können die mitgeteilten Erfahrungen auf sich wirken lassen, sie für ihre eigene Situation abwägen, sie ausprobierend übernehmen oder sie für den eigenen Gebrauch zurechtformen.

Die Bewertung der mitgeteilten Erfahrungen obliegt somit den Leserinnen und Lesern eines Forschungsberichtes.“ (Langer 2000, S. 20)

Die Haltungen, die Carl Rogers im Rahmen seiner klientenzentrierten Psychotherapie entwickelt und in Bezug auf ihre heilsamen Wirkungen untersucht hat, sind auch in deutschsprachigen Ländern von Reinhard und Anne-Marie Tausch weit verbreitet worden. Inghard Langers Forschungsweg mit dem Persönlichen Gespräch ist somit von Carl. Rogers, Reinhard und Anne-Marie Tausch, aber auch von Ruth Cohns Interaktionspsychologie wesentlich beeinflusst worden.

So gehe ich nach der qualitativen Forschungsmethode von Inghard Langer vor. Grundlage hierfür ist sein Buch „Das persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung (2000)“.

Ein Vorteil der qualitativen gegenüber der quantitativen Forschung, die mit Fragebögen und statistischen Auswertungen vorgeht, liegt auch in der „kommunikativen Validierung“.

Das bedeutet, dass nach jedem Schritt in der Bearbeitung der Gespräche den Gesprächsteilnehmern eine Dokumentation vorgelegt wird, die sie nach ihrem Empfinden ergänzen, korrigieren oder auch ablehnen können. Möglich ist bis zuletzt eine gänzliche Verweigerung der Veröffentlichung eines Gesprächs, wenn es die Person wünscht.

3.1.1 Die Auswahl meiner Gesprächspartner/Innen

Gesprächspartner fand ich in meinem Bekannten- und Freundeskreis; wichtig war mir, dass sie eine intensive Beziehung zu ihren Haustieren hatten und sie sich auf ein Gespräch über ihr Leben mit Tieren einlassen mochten. Teilweise fand ich Gesprächspartner in meiner Heimatstadt in Schleswig-Holstein, drei Gesprächspartner lernte ich an der Universität kennen und drei weitere Personen über meinen engsten Bekanntenkreis.

Letzendlich habe ich mit 9 Personen 11 Gespräche geführt, davon allerdings aus Zeitgründen und anderen Überlegungen nur 6 ausgewertet. 2 Gespräche habe ich in den Anhang meiner Arbeit gelegt.

3.1.2 Vorbereitung der Gespräche

Vor meinem ersten Gespräch überlegte ich mir gründlich eine Reihe von Fragen, die mir sehr wichtig waren in Bezug auf mein Forschungsthema. Benutzt habe ich diesen Leitfaden aber nur gelegentlich.

Auch eine Vorgespräch habe ich mit einem Freund durchgeführt. Ich war in der Situation der erzählenden Person, die mit einem Thema konfrontiert wird, und der Freund war der „Gesprächsführende“. So konnte ich mich hineinversetzen in die zukünftige Rolle meiner Gesprächspartner und mein Forschungsthema aus meiner Sicht beleuchten. Das war hilfreich und anregend für mich.

3.1.3 Durchführung der Gespräche

Mein erstes Gespräch fand in der Wohnung einer Freundin statt. Wir hatten uns schon häufig über unsere Tiere unterhalten, und sie war einverstanden, dass ich das Gespräch aufnehmen würde.

2 Gespräche fanden bei mir in der Wohnung statt, die übrigen bei den Gesprächspartnern zu Hause. Da ich alle Teilnehmer gut kannte, z. T. schon über viele Jahre, fiel mir dann auch die Gesprächsaufnahme nicht sehr schwer. Sicher mußte ich mich jedesmal auf meinen Gesprächspartner innerlich einstellen und war dann immer angenehm überrascht, wie nett und gemütlich die Atmosphäre auch unter diesen Umständen bei ihnen war. Zumeist war eines der Tiere in der Wohnung, und ich freute mich darüber besonders.

Bis auf eine Teilnehmerin fühlte sich keiner der übrigen Personen durch das Aufnahmegerät gestört. Alle Gesprächspartner habe ich auf ihren Anspruch auf anonyme Behandlung hingewiesen. Bis auf 2 Personen, die nicht unbedingt anders genannt werden wollten, habe ich allen anderen neue Namen gegeben. Natürlich wurden auch besondere Umstände in ihrem Leben und Ortsnamen „verfremdet“ dargestellt.

Ich hatte allen Gesprächspartnern erzählt, dass das Gespräch in einer offenen Atmosphäre, eventuell mit „open end“ durchgeführt werden sollte. Den meisten war diese freie Zeitgestaltung recht. Eine Person hatte maximal 2 Stunden Zeit für mich. Doch auch das war kein Problem. Bei zwei Personen ergab sich solch eine Fülle an Erzählstoff, so dass ich mich mit ihnen für ein weiteres Gespräch verabreden durfte.

3.2 Die Auswertung der Gespräche

3.2.1 Die Abschrift der Gespräche und ihre Verdichtungsprotokolle

Die wörtliche Transkription der Gespräche war eine zeitaufwändige Arbeit, die sich aber lohnte. Durch das genaue Abhören der Aufnahmen vergegenwärtigte ich mir das Gespräch noch einmal, und Sprachnuancen in Bezug auf Leiserwerden, Schmunzeln oder temperamentvolleres Reden wurden deutlich.

Anschließend folgte die weitere Bearbeitung der einzelnen Gepräche, zunächst begann ich mit dem „Verdichtungsprotokoll“.