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Je nach Definition sind über 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland psychisch stark belastet oder sogar manifest psychisch krank. Nach Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums gehen rund zehn Prozent der Fehltage bei den Berufstätigen auf Erkrankungen der Psyche zurück. Depressionen, Alkoholerkrankungen, bipolare Störungen und Schizophrenien gehören dabei zu den häufigsten Krankheitsbildern. Trotz dieser enormen Verbreitung gehören psychische Erkrankungen zu den weiterhin sehr stabilen Tabus. Man spricht über vieles, man klagt auch über vieles, aber nach wie vor verschweigt man eher, wenn man eine Psychotherapie in Anspruch nimmt, hinsichtlich psychischer Beschwerden Medikamente einzunehmen hat oder stationäre Aufenthalte benötigt. Physische Erkrankungen sind erheblich öffentlicher und gesprächsneutraler als psychische. Das kann sogar so weit gehen, dass man letztere verharmlost: Jeder hat doch mal Schlafbeschwerden; jede kurbelt doch im Hamsterrad; Panik schieben wir doch alle irgendwie. Alles nicht so tragisch. Das Themenheft hat drei Ziele: Es will zunächst über psychische Erkrankungen informieren. Raus aus der Schweigespirale damit! Zweitens kommt die enge Verbindung von Psychologie und Seelsorge in den Blick. Wo kann man sich ergänzen, wo sollte man delegieren? Drittens erhalten Sie Einblicke, wie und wo christliche Seelsorge die Tabu- und Stigmalogik rund um psychische Erkrankungen aufdecken und durchbrechen kann. Unsere Gesprächspartnerin im Interview sagt es so: "Dass Gott auch mitten im Zerbrechlichen da ist, sollten wir vielleicht stärker in den Vordergrund stellen."
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2024
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THEMA
Religion in der Psychiatrie Herausforderung für und durch die Seelsorge
Red Bull – „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Doing Theology in der Psychosomatik
Kraft des Glaubens – ein Placebo (?) Die Replik von Peter Kaiser auf Reiner Fuchs
Angrenzung einräumen Die Replik von Reiner Fuchs auf Peter Kaiser
PROJEKT
Psychosoziale Hilfen im Caritas Therapiezentrum für Menschen nach Folter und Flucht in Köln
INTERVIEW
„Dass Gott auch mitten im Zerbrechlichen da ist ...“ Ein Gespräch mit Bettina Beer
PRAXIS
Verstandsaufnahme Der Mental Health Podcast mit Herz und Witz
Das biografische Interview als Forschungsmethode bei Themen psychischer Erkrankungen
Burn-Out und spirituelle Trockenheit in der Seelsorge: wahrnehmen, ernstnehmen, vorbeugen, überwinden
„Die Oma ist halt auf dem Hof.“ Menschen im Themenfeld Demenz seelsorglich begleiten
„Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“ (Goethe 1808, Faust I, V. 3415) Die Gretchenfrage an Psychiaterinnen und Psychotherapeuten
FORUM
Letzte Generation der Priester? Das Porträt der jungen Priester in Deutschland erklärt viel über den Priestermangel
Impressum
IN SERIE
„In der schwersten Zeit ist die Hoffnung etwas, das du dir selber gibst. Das ist ein Zeichen von innerer Stärke.“ Warum es sich lohnt, Avatar – Der Herr der Elemente anzuschauen
NACHLESE
Buchbesprechungen
EDITORIAL Lebendige Seelsorge 4/2024
Psychische Erkrankung
Matthias Sellmann
Herausgeber
Liebe Leserinnen und Leser,
je nach Definition sind über 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland psychisch stark belastet oder sogar manifest psychisch krank. Nach Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums gehen rund zehn Prozent der Fehltage bei den Berufstätigen auf Erkrankungen der Psyche zurück. Depressionen, Alkoholerkrankungen, bipolare Störungen und Schizophrenien gehören dabei zu den häufigsten Krankheitsbildern.
Trotz dieser enormen Verbreitung gehören psychische Erkrankungen zu den weiterhin sehr stabilen Tabus. Man spricht über vieles, man klagt auch über vieles, aber nach wie vor verschweigt man eher, wenn man eine Psychotherapie in Anspruch nimmt, hinsichtlich psychischer Beschwerden Medikamente einzunehmen hat oder stationäre Aufenthalte benötigt. Physische Erkrankungen sind erheblich öffentlicher und gesprächsneutraler als psychische. Das kann sogar so weit gehen, dass man letztere verharmlost: Jeder hat doch mal Schlafbeschwerden; jede kurbelt doch im Hamsterrad; Panik schieben wir doch alle irgendwie. Alles nicht so tragisch.
Das Themenheft hat drei Ziele: Es will zunächst über psychische Erkrankungen informieren. Raus aus der Schweigespirale damit! Zweitens kommt die enge Verbindung von Psychologie und Seelsorge in den Blick. Wo kann man sich ergänzen, wo sollte man delegieren? Drittens erhalten Sie Einblicke, wie und wo christliche Seelsorge die Tabu- und Stigmalogik rund um psychische Erkrankungen aufdecken und durchbrechen kann.
Unsere Gesprächspartnerin im Interview sagt es so: „Dass Gott auch mitten im Zerbrechlichen da ist, sollten wir vielleicht stärker in den Vordergrund stellen.“
Ihr
Prof. Dr. Matthias Sellmann
Psychiatrie und Seelsorge sind sehr unterschiedlich und doch im Phänomen und den Gesprächsgegenständen mitunter sehr ähnlich. Es ist nicht leicht, Trennung und Verwandtschaft zu sehen. Wie können die Perspektiven der Religiosität und der Psychiatrie zum einen unterschieden und zum anderen verbunden werden? Und welche Chancen entstehen zum Wohl der Patient:innen?
Peter Kaiser
Psychische Störungen äußern sich durch ein von der Norm abweichendes Wahrnehmen, Verarbeiten und Erleben von Reizen, die zu nicht der Norm entsprechenden Handlungen führen können (zum Beispiel nichts mehr zu essen, Suizidversuch). Unsichere Symptome, sprich Krankheitszeichen, welche sich einer eindeutigen definitorischen Kategorisierung in ‚gut‘ und ‚böse‘ oder ‚gesund‘ und ‚krank‘ widersetzen, lassen sich nur mit Mühe in ein Klassifikationsmodell einordnen. Dies mag insbesondere für spezifische religiöse Vorstellungen gelten. Hier sind somit andere Maßstäbe anzulegen. Um kulturellen Einflüssen mehr Bedeutung zu schenken, wird in den beiden weltweit maßgeblichen Klassifikationssystemen in der Psychiatrie (DSM-5 beziehungsweise ICD-10) der religiös-spirituelle Hintergrund berücksichtigt: Pathologische Religiosität wird demnach am Grad der Normabweichung des individuellen Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und konsekutiven Verhaltens und Handelns definiert.
PSYCHISCHE STÖRUNGEN MIT RELIGIÖSER SYMPTOMATIK
Als Beispiele werden Trance und Besessenheitszustände genannt, welche jedoch nur dann als krankhaft zu werten sind, wenn sie „unfreiwillig oder ungewollt sind, und sich innerhalb täglicher Aktivitäten abspielen, die also außerhalb religiöser oder anderer in diesem Sinn kulturell akzeptierter Situation auftreten oder höchstens im Anschluss an diese“ (Dilling/Mombour/Schmidt 2000, 178). Selbst die ‚Besessenheit‘, im Sinne „als ob er [der:die Betroffene] von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist, einer Gottheit oder einer ‚Kraft‘ beherrscht wird“ (ebd.), ist somit nicht a priori, sondern nur unter den genannten Voraussetzungen als krankhaft anzusehen.
Peter Kaiser
Dr. med., Dr. phil. habil., Chefarzt und Klinikleiter des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie Les Toises Bern; Prof. für Religionswissenschaft an der Universität Bremen; Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie; Traumatherapeut; Supervisor; Mitglied des Fachreferats Religiosität und Spiritualität der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie.
Glaubensinhalte, über welche in der Mehrheit einer Gesellschaft Gewissheit bestehen, das heißt, welche kollektiv-subjektiven Realitätscharakter haben wie die Vorstellung von Reinkarnation oder ewigem Leben, sind in einer anderen Gesellschaft ‚seltsam‘ und ‚völlig unrealistisch‘. Dass Glaubensinhalte das Verhalten des Einzelnen zu beeinflussen vermögen (psychopathologisch den Tatbestand eines Fremdbeeinflussungserlebnisses erfüllend), liegt auf der Hand, stellt dies doch ein Zeichen einer ausgeprägten Religiosität dar. Die Unterscheidung zwischen ‚normal‘ und ‚symptomatisch‘, also krankhaft, betrifft somit in erster Linie nicht die Merkmale des Denkens, Fühlens oder Handelns per se, sondern die Andersartigkeit und Abweichung von der Norm. Allerdings wird die Bedeutung des Inhalts nicht vollständig außer Acht gelassen, er ist lediglich nachrangig.
Für Diagnostiker:innen und Therapeut:innen kann die Aussage von Patient:innen, mit Gewissheit an die Wiederkunft des Heilands innerhalb der nächsten Woche zu glauben, zwar unverständlich und unrealistisch sein, Krankheitscharakter – und hieraus leitet sich gegebenenfalls eine Therapienotwendigkeit ab hat diese Vorstellung aber erst dann, wenn sie für die ‚Betroffenen‘ lebensbestimmend wird und für die eigene Person oder die Umgebung direkt oder indirekt dadurch schädigend wirkt, beispielsweise wenn Patient:innen glauben, sie müssen zu Ehren der Ankunft des Heilands sich selbst oder Dritte zum Opfer bringen.
Religion kann im Kontext von Medizin als Krankheitsursache, als Faktor der Krankheitsaufrechterhaltung, als Prophylaxe oder als Therapie gesehen werden.
Dass über den Inhalt von Glaubensaussagen zwar gestritten werden kann, sich diese häufig der Überprüfung entziehen (es sei denn es handelt sich zum Beispiel um nicht eingetretene Prophezeiungen) und deren Wahrheitsgehalt meist nur systemimmanent hoch ist, stellt keine neue Erkenntnis dar. Dies ist ein Grund dafür, dass religiöse Glaubensinhalte zwar interessante Aspekte der psychiatrischen Krankengeschichte darstellen, diese für die Therapie jedoch meist irrelevant sind.
Wenn Menschen Vorstellungen haben, welche in der kulturellen Umgebung als nicht möglich betrachtet werden, und diese Vorstellungen für diese Menschen Absolutheitscharakter haben, dann wird dies in der Psychiatrie als Wahn bezeichnet. Nur indirekt im Kontext von Religion und pathologischer Religiosität sind Probleme zu betrachten, welche Patient:innen dadurch entstehen können, dass sie bestimmte medizinisch-diagnostische Maßnahmen aus religiösen Gründen ablehnen. So ist es beispielsweise notwendig, dass bei der Gabe von bestimmten Medikamenten gegen Manie oder Depression regelmäßig der Medikamentenspiegel durch eine Blutuntersuchung überprüft werden muss, was von Jains oder Zeugen Jehovas gegebenenfalls abgelehnt werden könnte. Religion kann im Kontext von Medizin als Krankheitsursache, als Faktor der Krankheitsaufrechterhaltung, als Prophylaxe oder als Therapie gesehen werden. Im Gespräch mit Betroffenen sollten sich Therapeut:innen – welche auch die Seelsorger:innen sein können – im Hinblick auf eine mögliche Behandlungsnotwendigkeit folgende Fragen stellen:
Leidet der:die Patient:in unter psychischen Störungen mit religionsassoziierter Symptomatik?
Wenn ja, gibt es eine zugrunde liegende negative Religiosität oder negative religionsassoziierte Erfahrungen?
Findet sich eine negative Religiosität als möglichen Hinderungsgrund für eine prospektive (Psycho-)Therapie?
Verfügt der:die Patient:in über positive Religiosität als mögliche Ressource, welche momentan allerdings durch die psychische Störung nicht aktiviert werden kann, beispielsweise im Rahmen einer schweren depressiven Episode?
Religionsassoziierte Symptome sind der religiöse Wahn oder mystische Erfahrungen: Obwohl bekannt ist, dass einige Mystiker:innen schwer gestörte Persönlichkeiten waren, wies der Ausschuss der amerikanischen Organisation Group of Advancement of Psychiatry darauf hin, dass es nicht möglich ist, eine klare Unterscheidung zwischen mystischem und psychopathologischem Zustand zu treffen. Der Ausschuss empfand, dass Mystizismus wichtigen psychischen Bedürfnissen dient oder dass er einen Versuch darstellt, wichtige allgegenwärtige Probleme zu lösen. Andere Psychiater:innen haben darauf hingewiesen, dass mystische Erfahrung eine konstruktive Abwehr von Aggression oder sogar suizidpräventiv ist.
Ein Beispiel für mystische Erfahrungen ist die Glossolalie – das Zungenreden. Hierbei wird postuliert, der Heilige Geist spreche durch die gläubige Person. Es gibt gegenwärtig wenig Zweifel, dass es ein erlerntes Verhalten ist, das innerhalb bestimmter Gruppensettings, in deren Umfeld eine Person sozialisiert wurde, verstärkt wird, so in zahlreichen Pfingstgemeinden.
Zur Religiosität bei spezifischen psychischen Störungen kann festgehalten werden, dass aufgrund der zentralen Störungen bei der Schizophrenie (Störungen des Denkens, Gefühls, Wollens, Handelns und Ich-Erlebens) gerade potentiell positive Aspekte von Religion (Integration, Rückhalt, Hoffnung) nicht ausreichend wirksam werden können. Darüber hinaus scheint ein Einfluss von Religion auf eine Depressionssymptomatik sowie psychische Gesundheit per se dann am stärksten, wenn in folgenden drei Dimensionen hohe Werte erzielt wurden: organisierte Religiosität, aber auch private, also nicht-organisierte Religiosität sowie intrinsische Religiosität. Zusätzlich wird mit zunehmender Depression das Gottesbild signifikant negativer, der Glaube an einen liebenden Gott oder eine sonstige höhere Macht geht mehr und mehr verloren.
WIRKUNG VON RELIGION AUF PSYCHISCHES BEFINDEN
In einer Metaanalyse von 215 Publikationen zwischen 2000 und 2022 zum Thema Religiosität und Spiritualität als Ressource oder Risikofaktor bei schweren Erkrankungen (vgl. Balboni u. a. 2022) zeigte sich, dass es notwendig ist, im Kontext von patient:innenzentrierten, evidenzbasierten psychotherapeutischen Ansätzen die Glaubensgemeinschaften der Patient:innen zu berücksichtigen. Auch sollte Spiritual Care in die Weiterbildung von medizinischem Personal integriert werden, entsprechend ausgebildete Spezialist:innen sollten Teil von interdisziplinären medizinischen Behandlungsteams sein. Überhaupt sollte Gesundheitspersonal Spiritualität als Ressource bei Krankheit und in Krisen mehr Beachtung schenken und deshalb diesbezüglich mehr sensibilisiert sein.
Glaubensgewissheit im Sinne einer stabilisierenden Überzeugung scheint für die psychische Gesundheit wichtiger zu sein als der Glauben per se, wohingegen kognitive Unsicherheit und Zweifel zu kognitiver Dissonanz führen, welche bei längerem Bestehen über psychoneuroimmunologische Mechanismen den Gesundheitszustand negativ beeinflussen. Für religiös Indifferente wie religiös zweifelnde Menschen entfällt Religion als positive Coping-Strategie (‚Coping‘ im Sinne des Umgangs mit körperlichen, psychischen und sozialen Belastungen) und nachhaltige salutogenetische Ressource. Ein positiver Effekt von Religion auf die Gesundheit/Krankheit hängt von drei zusammengehörenden Faktoren ab:
1. Die Art und Weise, wie Krankheit und Schicksalsschläge im jeweiligen spezifischen Glaubenssystem erklärt werden.
2. Die Art der Religiosität: Extrinsische (nach außen gerichtete im Sozialkontakt praktizierte) Religiosität versus intrinsische (nach innen gerichtete, sich eher durch Kontemplation und Gebet auszeichnende) Religiosität versus (kritisch) hinterfragende Religiosität und deren Tragfähigkeit in Krisen.
3. Die Integration des individuellen Glaubens in das Glaubenssystem des soziokulturellen Umfeldes.
Überhaupt sollte Gesundheitspersonal Spiritualität als Ressource bei Krankheit und in Krisen mehr Beachtung schenken und deshalb diesbezüglich mehr sensibilisiert sein.
Nützliche Formen religiösen Copings sind das Wissen um die spirituelle Unterstützung durch Gott oder eine höhere Macht, die Unterstützung durch die institutionelle Glaubensgemeinschaft, religiöses positives kognitives Strukturieren, also das Interpretieren von Belastungen als etwas, was (schlussendlich) Sinn macht, sowie religiös (ethisch) motivierter Altruismus. Schädliche Formen religiösen Copings basieren auf einer Unzufriedenheit mit der Glaubensgemeinschaft oder Gott und religiösem negativem kognitivem Strukturieren (eine Erkrankung wird beispielsweise als Strafe Gottes interpretiert). Die Studienlage zur Wirkung von religiösen Ritualen wie beispielsweise Beten, aber auch Fasten als Reaktion auf Krisensituationen ist uneindeutig.
Statistisch lässt sich die Datenlage wie folgt zusammenfassen: Der Einfluss der Amtskirchen auf das Leben der Menschen in Deutschland nimmt ab, bei gleichzeitiger Zunahme moslemischer Gläubigen. Bei religiösen Menschen vermag deren Religiosität und Spiritualität einen positiven Einfluss auf ihr Befinden auszuüben, gleichzeitig gibt es eine Art von Religiosität, welche den Umgang mit Krankheit und Krisen erschwert (zum Beispiel negative Religiosität mit einem Übermaß an Schuldgefühlen, kein positiv konnotiertes Gottesbild).
Patient:innen, gläubig oder nicht, sollte der Kontakt mit Seelsorge ermöglicht werden.
DIE ROLLE DER MEDIZINISCHEN, PSYCHOLOGISCHEN UND RELIGIÖSEN THERAPEUT:INNEN
Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen fühlen sich im Allgemeinen objektiven wissenschaftlichen Erkenntnissen verpflichtet. Subjektiver Glaube sowie das Konstrukt Religion/Spiritualität fehlt bis dato in der Ausbildung und Psychoanalytiker:innen stehen dem Phänomen Glaube eher meist kritisch gegenüber. Gleichzeitig begegnet ihnen Religion im therapeutischen Kontext häufig in seiner negativen Form: religiöser Wahn bei einer Manie oder Schizophrenie, religiöse Schuld im Rahmen einer depressiven Episode. Therapeut:innen, welche selbst gläubig sind, vermeiden das Thema meist im Rahmen der Therapie, gemeinsames Beten mit Patient:innen wird in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Die (meist evangelischen oder katholischen) Seelsorger:innen hingegen sehen Religion als Teil des Menschseins und sich als Unterstützer:innen, wenn Patient:innen an ihrem Glauben zweifeln oder Interpretationshilfe bei wahrgenommenen Glaubensphänomen benötigen. Auch sind sie Ansprechpersonen, wenn es um die Frage der Sinnhaftigkeit einer Erkrankung oder des Lebens per se geht. Das heißt es gibt Bereiche, in welchen Psychiater:innen typischerweise mit Medikamenten versuchen, bei Kranken das Wahrnehmen und Interpretieren einer allgemeinen akzeptierten Wirklichkeit zu ‚normalisieren‘, und Psychotherapeut:innen dies mithilfe psychotherapeutischer Interventionen versuchen. Zusätzlich können/sollten psychologische oder ärztliche Psychotherapeut:innen mit Betroffenen Aspekte von Sinn und Sinngebung thematisieren – typischerweise aber aus säkularer Perspektive. Diese Perspektive kann unvollständig sein, wenn die spirituell/religiöse Dimension keine Berücksichtigung findet. Spätestens an dieser Stelle sollte ein Austausch mit Seelsorger:innen erfolgen. Ärzt:innen und Seelsorger:innen teilen sich die (therapeutische) Aufgabe, Hoffnung zu vermitteln. Im Idealfall geschieht der Austausch mit Seelsorger:innen schon zu Beginn einer Behandlung, spätestens nach dem Abklingen einer akuten Psychose. Was häufig noch fehlt, ist der Diskurs zwischen Therapeut:in und Seelsorger:in dies scheint nicht nur dem mangelndem Verständnis für die Gedankenwelt des Gegenübers geschuldet, sondern auch der dafür fehlenden Zeit. Vor diesem Hintergrund wäre es trotzdem notwendig, dass sich Seelsorger:innen mit ihrem – ebenfalls – therapeutischen Vorgehen den tätigen Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen vorstellen, und ein Kennenlerngespräch sollte für alle Mitarbeiter:innen, welche mit und an Patient:innen arbeiten zwingend sein. Gleichzeitig sollten auch Seelsorger:innen nachvollziehen können, was in einer psychiatrischen Klinik geschieht, und beispielsweise auch eine Vorstellung von umstrittenen Therapieverfahren wie Elektrokrampftherapie haben und sich diesbezüglich mit den Anwender:innen austauschen. Während der Kontakt und der Austausch mit evangelischen und katholischen Seelsorger:innen aufgrund gemeinsamer kulturelle Traditionen sich relativ einfach gestalten kann, ist bezüglich der Interaktion mit muslimischen Seelsorger:innen noch Aufklärungsarbeit notwendig, da die Trennung zwischen Medizin und Seelsorge im Islam nicht so strikt ist wie im Christentum und damit teilweise seitens der muslimischen Seelsorge weniger die Notwendigkeit zum Austausch mit Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen wahrgenommen wird. Ein wichtiger Schritt wäre die bessere Vermittlung religiösen Wissens zumindest über die abrahamischen religiösen Traditionen Christentum, Islam und Judentum in der Ausbildung von Mediziner:innen und Psycholog:innen sowie der Pflege. Aber auch die Weiterbildung in Krankenhausseelsorge sollte Basiswissen moderner Psychiatrie und Psychotherapie zu vermitteln versuchen.
FAZIT
