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Je nach Definition sind über 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland psychisch stark belastet oder sogar manifest psychisch krank. Nach Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums gehen rund zehn Prozent der Fehltage bei den Berufstätigen auf Erkrankungen der Psyche zurück. Depressionen, Alkoholerkrankungen, bipolare Störungen und Schizophrenien gehören dabei zu den häufigsten Krankheitsbildern. Trotz dieser enormen Verbreitung gehören psychische Erkrankungen zu den weiterhin sehr stabilen Tabus. Man spricht über vieles, man klagt auch über vieles, aber nach wie vor verschweigt man eher, wenn man eine Psychotherapie in Anspruch nimmt, hinsichtlich psychischer Beschwerden Medikamente einzunehmen hat oder stationäre Aufenthalte benötigt. Physische Erkrankungen sind erheblich öffentlicher und gesprächsneutraler als psychische. Das kann sogar so weit gehen, dass man letztere verharmlost: Jeder hat doch mal Schlafbeschwerden; jede kurbelt doch im Hamsterrad; Panik schieben wir doch alle irgendwie. Alles nicht so tragisch. Das Themenheft hat drei Ziele: Es will zunächst über psychische Erkrankungen informieren. Raus aus der Schweigespirale damit! Zweitens kommt die enge Verbindung von Psychologie und Seelsorge in den Blick. Wo kann man sich ergänzen, wo sollte man delegieren? Drittens erhalten Sie Einblicke, wie und wo christliche Seelsorge die Tabu- und Stigmalogik rund um psychische Erkrankungen aufdecken und durchbrechen kann. Unsere Gesprächspartnerin im Interview sagt es so: "Dass Gott auch mitten im Zerbrechlichen da ist, sollten wir vielleicht stärker in den Vordergrund stellen."
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2024
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INHALT
THEMA
Segne!
Segen und interreligiöse Segensfeiern aus jüdischer Perspektive
Von Edward van Voolen
Segen: um miteinander dem Leben zu trauen!
Von Stephan Winter
Juden werden gerettet – auch ohne Jesus!
Die Replik von Edward van Voolen auf Stephan Winter
„Gesegnet seiest du, Ewiger“: Von Lernpotentialen jüdischer Segenspraxis
Die Replik von Stephan Winter auf Edward van Voolen
Segnen und ein Segen sein
Benediktionen als Bekenntnis zum Leben
Von Piotr Kubasiak
PROJEKT
Gemeinsam Segen sein
Segensorte im Bistum Speyer
Von Felix Goldinger und Eva Jung
INTERVIEW
„Jeder Segen ist eine Stellungnahme für das Gute.“
Ein Gespräch mit Margret Schäfer-Krebs
PRAXIS
Vom Segen auf dem Campus
Hochschulseelsorge im Bistum Essen neu gedacht
Von Anna Mielniczuk-Pastoors, Kilian Schlattmann und Stefan Wiesel
Eine Einladung zur Heilsgeschichte: punktuell, aber erfahrbar
Segensfeiern im Kontext der Grundschulzeit
Von Nicole Stockhoff
Zum Glück gibt’s Segen
Nicht Notlösung, sondern „pastorale Ressource“ (Fiducia supplicans 23)
Von Martina Kreidler-Kos
Segen(s)feiern
Wenn Ritualdesign auf dem Stundenplan steht
Von Leonie Herlan und Bernhard Spielberg
Wenn Frauen segnen …
Von Barbara Janz-Spaeth
FORUM
Kirche als zivilgesellschaftliche Akteurin
Von Christoph Naglmeier-Rembeck
IN SERIE
Keep calm and call the midwife
Warum es sich lohnt, Call The Midwife – Ruf des Lebens anzuschauen
Von Kathrin Senger
NACHLESE
Buchbesprechungen
Impressum
POPKULTURBEUTEL
Staring Down
Von Matthias Sellmann
Ute Leimgruber Herausgeberin
Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist von Anfang an verbunden durch den Segen des Schöpfers (vgl. Gen 1,22; 9,1), der Gutes und Wohlergehen im Leben der Schöpfung bekräftigt. Dieser Text im ersten Buch der Tora legt nahe, in den Gesprächsraum zum Thema Segen mit einer jüdischen und einer christlichen Stimme einzutreten: Edward van Voolen und Stephan Winter beginnen das Heft mit einer interreligiösen Kontroverse. Menschen, aber auch Situationen und Orte werden in der jüdisch-christlichen Tradition dem Segen Gottes unterstellt. Die römisch-katholische Liturgie bietet eine reiche Vielfalt, Piotr Kubasiak stellt die Linie des entsprechenden Benediktionale vor.
Segen ist aber vor allem eine seelsorgliche Praxis. Deshalb blickt dieses Heft der Lebendigen Seelsorge auf die Orte, an denen Menschen Segen erhoffen, erbitten, brauchen, aufsuchen und einander zusprechen: Felix Goldinger und Eva Jung stellen das Projekt Segensorte im Bistum Speyer vor, Anna Mielniczuk-Pastoors, Kilian Schlattmann und Stefan Wiesel den CampusSegen an Hochschulen im Bistum Essen. Nicole Stockhoff blickt auf Segensfeiern im Kontext der Grundschulzeit, Martina Kreidler-Kos auf Segnungen für homosexuelle Paare und die Debatte um Fiducia supplicans. Wie das Ritualdesign von Segensfeiern erlernt werden kann, zeigt ein Werkstattbericht von Leonie Herlan und Bernhard Spielberg. Und Barbara Janz-Spaeth erläutert, was es heißt, wenn Frauen segnen.
Es liegt auf der Hand: Viele Menschen wünschen sich Segen, für sich selbst, ihre Kinder oder ihre Partnerschaft, an Schulen oder Universitäten, in Krisensituationen oder vor wichtigen Entscheidungen, bei Abschieden oder auf Reisen. Deshalb haben wir einige der Autor:innen im Sinne eines Best Practice gebeten, in diesem Heft ihre Lieblingssegenstexte abdrucken zu lassen. Lassen Sie sich inspirieren! Denn, so sagt es die Interviewpartnerin Margret Schäfer-Krebs: „Jeder Segen ist eine Stellungnahme für das Gute.“
Pace e bene!
Ihre
Prof.in Dr.in Ute Leimgruber
Segne!
Segen und interreligiöse Segensfeiern aus jüdischer Perspektive
Seit dem vulkanischen Gruß der Star-Trek-Figur Mr. Spock, gespielt von Leonard Nimoy, ist die begrüßende Geste mit gespreizten Fingern weltberühmt geworden. Nimoy sah sie zum ersten Mal, als sein Großvater ihn in eine orthodoxe Synagoge mitnahm und er das Ritual des Priestersegens erlebte. Er spürte, dass es etwas Besonderes war. Edward van Voolen
Der Text, der auch in christlichen Gottesdiensten verwendet wird, stammt aus der hebräischen Bibel und lautet: „Der Ewige segne dich und behüte dich! Der Ewige lasse dir sein Antlitz leuchten und sei dir gnädig! Der Ewige wende dir sein Antlitz zu und gebe dir Frieden!“ (Num 6,24–26)
Im masoretischen Text der hebräischen Bibel (das sogenannte Alte Testament) sind die drei hebräischen Verse von einer durch Leerstellen markierten Trennung gekennzeichnet, die ein ansteigendes Crescendo von drei Worten in der ersten zu fünf in der zweiten bis zu sieben Worten in der letzten Zeile sichtbar machen, wobei die erste Zeile 15 (3×5), die zweite 20 (4×5) und die dritte 25 (5×5) hebräische Konsonanten hat. Gottes Name, das Tetragramm (im religiösen Kontext gelesen als Ado-nai, sonst als Ado-Schem oder HaSchem, der Name) ist in jeder Zeile jeweils das zweite hebräische Wort nach einem Verb: erst segnen, dann leuchten und zum Schluss zuwenden. Dabei findet eine inhaltliche Steigerung statt: die erste Zeile bezieht sich auf materiellen Schutz (das Zeitwort schamor bedeutet behüten, schützen, bewahren), die zweite auf spirituellen Schutz (chonen), und die dritte auf Frieden (schalom), ohne den kein Segen wirklich funktionieren kann. Bei der Einweihung der Stiftshütte in der Wüste „erhob er (Aaron) seine Hände und segnete das ganze Volk“ (Lev 9,22; Hervorhebung E. v. V.).
Es ist der älteste biblische Segen, zum Teil auch erhalten auf einem Fragment, das 1979 in Ketef Hinnom, einer archäologischen Fundgrube südwestlich der Jerusalemer Altstadt, gefunden wurde. Es stammt aus dem frühen 6. Jahrhundert vor der üblichen Zeitrechnung, also vor der Zerstörung des ersten Tempels.
Noch immer singt der Vorbeter in der Synagoge an Wochentagen und am Schabbat bei der Wiederholung des Hauptgebets (Amida) diesen sogenannten Aaronitischen Segen oder Priestersegen (Birkat Kohanim). In Orthodoxen Gemeinden sprechen die männlichen Nachfahren der biblischen Priester (Kohanim), die Söhne von Moses’ Bruder Aaron, morgens an den Hohen Feiertagen und den Pilgerfesten (bei den sephardischen Juden auch am Schabbat und in Israel oft täglich) diese Worte selbst aus. Dies geschieht in einer längeren, eindrucksvollen Zeremonie, die in der Zeit nach der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 nach der üblichen Zeitrechnung allmählich ihre definitive Form in der Liturgie gefunden hat, mit nur kleinen örtlichen Textunterschieden und musikalischen Varianten. Kurz nach dem dritten Lobspruch des Hauptgebets (mit dem Thema K‘duscha, Heiligkeit) verlassen die Priesternachkommen die Synagoge, schlüpfen aus ihren Schuhen und lassen sich ihre Hände von den Leviten, den Nachkommen von Josephs Sohn Levi, waschen. Beim letzten Satz des Lobspruches für die Wiederherstellung des Opferkults, „Mögen unsere Augen sehen, dass Du (Gott) in Barmherzigkeit nach Zion zurückkehrst“, kehren die Kohanim in die Synagoge zurück. Jeder Kohen bedeckt sein Gesicht mit seinem Gebetsmantel. Um sicherzustellen, dass die Kohanim den Text richtig aussprechen, wiederholen sie jedes einzelne Wort, das der Vorbeter zuerst aus seinem Gebetbuch vorgelesen hat. Der Gemeinde zugewandt, strecken die Kohanim ihre Arme auf Schulterhöhe und spreizen unter ihrem Gebetsmantel ihre Finger ausgestreckt nach vorne (Daumen, dann Zeige- und Mittelfinger zusammen, und Ringfinger und kleiner Finger zusammen). Dabei bilden die Finger den hebräischen Buchstaben Schin, den ersten Buchstaben eines der Namen Gottes, Schaddai, was so viel wie ‚Allmächtiger Gott‘ bedeutet. Gemeinde und Priester stehen einander zugewandt, aber schauen sich nicht an. Danach kehren die Priesternachkommen zu ihren Sitzen zurück und werden wieder gewöhnliche Beter in der Gemeinde. (Die liturgischen Texte findet man in Orthodoxen Gebetbüchern wie Siddur Schma Kolenu; Scherman/Zlotowitz, 688, 694–701; Sacks 2009, 830 ff. und 1218 f. mit Texterläuterung und Kommentaren; ausführlich Gold 2002.)
Edward van Voolen
Rabbiner, Drs., em. Kurator des Joods Museum in Amsterdam; em. Ausbildungsdirektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam; Landesrabbiner der Liberalen Gemeinde in Hamburg; Mitglied des Gesprächskreises Juden und Christen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).
Im Liberalen Judentum ist das Reenactment, das heißt die aktualisierende Re-Inszenierung des priesterlichen Rituals, abgeschafft, weil das Liberale Judentum den priesterlichen Status abgeschafft hat.
Im Liberalen Judentum ist das Reenactment, das heißt die aktualisierende Re-Inszenierung des priesterlichen Rituals, abgeschafft, weil das Liberale Judentum den priesterlichen Status abgeschafft hat. Das ist das Ergebnis einer längeren Entwicklung in Richtung einer Demokratisierung, die schon in der Bibel anfängt. Während das Buch Exodus die Befreiung aus der Sklaverei mit Mose als politischem und visionärem Anführer mit den Zehn Worten (vgl. Ex 20) als Höhepunkt erzählt und das Buch Levitikus die zukünftigen kultischen Strukturen im verheißenen Land unter der Führung Aarons, des Bruders des Mose, mit dem Gebot der Nächstenliebe im Zentrum (vgl. Lev 19,18) thematisiert, steht der Priestersegen versteckt im Buch Numeri, dem vierten Buch, das die schwierige Wüstenreise eines launischen und klagenden Volks beschreibt, das die Geduld Gottes und des Mose ständig auf die Probe stellt.
In der Wüste und danach, solange es einen Tempel in Jerusalem gab, führten Priester und Leviten den Opferkult durch, sangen und spielten die begleitenden Melodien und waren für die physische Instandhaltung des Tempels verantwortlich. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 70 gingen diese Aufgaben und das damit verbundene Prestige verloren – zumindest bis der Messias oder das messianische Zeitalter kommt. Wird dann ein dritter Tempel gebaut und der Opferkult mit Priestern und Leviten wiedergestellt? Für Ultra-orthodoxe Juden ist die Wiederherstellung am Ort, wo jetzt der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee stehen, keine Frage. Die übrigen jüdischen Strömungen sind da anderer Meinung, entweder sind sie dagegen oder sie lassen die Frage offen, bis der Messias kommt (vgl. van Voolen 2024). Um ihren Statusverlust zu lindern, werden den Priestern und Leviten einige Höflichkeiten zuteil, wie zum Beispiel, dass sie als erste zur Tora aufgerufen werden und gelegentlich den Priestersegen rezitieren dürfen. Die mit ihrem besonderen Status verbundenen Benachteiligungen, wie Beschränkungen bei der Auswahl einer Ehepartnerin, ein Verbot, Friedhöfe zu betreten und in einem abgetrennten Areal eines jüdischen Friedhofs beerdigt zu werden, bleiben erhalten.
Kritik an den priesterlichen Privilegien gibt es schon in der Bibel selbst, von den frühen Rabbinern aufgegriffen, als sie den Priestersegen kommentierten. Vor dem eigentlichen Text steht die Anweisung „Der Ewige sprach zu Mose ‚Sprich zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr das Volk Israel segnen‘“ (Num 6,23) und anschließend „Wenn sie meinen Namen aussprechen, werde Ich, Gott, euch segnen“ (Num 6,27). Es ist also Gott, der das Volk segnet, und nicht die Kohanim.
Die Trennlinien zwischen Priester und jüdischem Volk sind schon in der Bibel weiter verwischt. So sagt Gott, bevor er die Zehn Worte gibt, zu den Israeliten: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein“ (Ex 19,6). Das ganze jüdische Volk als Königreich von Priestern bekommt damit die Verantwortung für eine besondere, dem Dienst an Gott geweihte Lebensweise übertragen. Diese Aufgabe betonen Propheten wie Jesaja, wenn er sagt, Israel solle ein „Licht für die Völker“ in der Welt sein und zwar in einer dienenden Rolle „an allen Menschen, bis an das Ende der Erde“ (Jes 49,6).
Weitere wichtige Schritte zur Demokratisierung führten liturgisch dazu, dass später, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, Liberale und Konservative Rabbiner – und danach auch Rabbinerinnen – in modernen, egalitären religiösen Strömungen des Judentums am Ende eines Gottesdiensts den priesterlichen Segen sprechen.
Es ist Gott, der das Volk segnet – die Rabbiner:innen sind wie die Priester damals nur Sprachrohre Gottes, Werkzeuge der Heiligkeit (Klé kodesch), die dem Volk den Segen Gottes bringen. Diese alten Segensworte markieren auch andere freudige Momente im Lebenszyklus: wenn ein Kind geboren wird, bei der Erwachsenwerdung der Kinder B‘nei und B´not Mitzwa (Jungen mit 13, Mädchen mit 12 Jahren) oder für Paare unter dem Trauhimmel (Chuppah).
Sie haben aber längst nicht mehr das alleinige Recht, den Priestersegen zu sprechen. Auch Eltern tun es traditionell seit vielen Jahrhunderten zu Hause, wenn sie am Freitagabend beim Eingang des Schabbats ihre Kinder mit diesem Text segnen. Jede Jüdin, jeder Jude hat also das Recht, ihn auszusprechen und überhaupt Menschen bei besonderen Anlässen zu segnen, zum Beispiel bei einer persönlichen Begegnung nach langer Zeit.
Heute können alle Menschen Gottes Werkzeuge sein und so dazu beitragen, Gottes Heiligkeit in die Welt zu bringen. Das ist eine Herausforderung, eine Aufgabe, eine Ermächtigung. So wie die Priester damals das Volk segneten und das Volk so von Gott gesegnet wurde, so sollten wir diesen wunderschönen Text einander zusprechen, einer lieben Freundin oder einem teuren Freund, damit diese Person von Gott gesegnet wird. Wir sollten nicht nur die Kinder, sondern auch einander segnen, am Schabbat, am Sonntag oder einfach während der Woche.
Heute können alle Menschen Gottes Werkzeuge sein und so dazu beitragen, Gottes Heiligkeit in die Welt zu bringen.
Die Sprache dieser biblischen Worte ist auffallend intim, der Text gehört ja uns allen. Und wenn wir diesen Segen erteilen, können wir dazu beitragen, Gottes Gegenwart in unserer Mitte spürbar zu machen. Wenn jede:r von uns diese heiligen Worte aus der Tora spricht, ermöglichen wir sowohl Gottes Segen für jemand anderen als auch Gottes Segen für uns selbst. Solche Segnungen gehen weit über High Fives oder ein Schulterklopfen, eine Umarmung hinaus.
Das Neue Testament bezeugt den Gebrauch des Aaronitischen Segens durch die urchristliche Gemeinde nicht. Im Mittelalter findet er nur vereinzelt Verwendung, zum Beispiel bei Franz von Assisi, nicht aber als fester Bestandteil der römisch-katholischen Liturgie. Luther empfahl ihn als Segensspruch in der Abschlussliturgie des Gottesdienstes (Formula missae 1523; Deutsche Messe 1525/26), Calvin folgte ihm darin (Forme des prières 1542). In der römisch-katholischen Kirche wurde vom Zweiten Vatikanischen Konzil der Aaronitische Segen als eine von mehreren möglichen Formen des Schlusssegens der Messe eingeführt. Im Neuen Testament ist der Priestersegen also nicht rezipiert, in der römisch-katholischen Kirche war der Text ursprünglich nicht üblich und im Protestantismus ist er eine Empfehlung. In meiner eigenen Wahrnehmung wird der Text heute regelmäßig im christlichen liturgischen Kontext verwendet. Dabei gehört in der Regel die Ausbreitung der Hände nach biblischem Vorbild (aber ohne gespreizten Finger) und das Kreuzzeichen zu diesem Segen.
Ist die Verwendung dieses Segens in der christlichen Liturgie eine Vereinnahmung? Sehr viele ‚alttestamentliche‘ Zitate werden im Neuen Testament, in der christlichen Theologie und Liturgie implizit oder explizit christologisch interpretiert. Solange diese Um-Interpretation oder freundlicher gesagt Neu-Interpretation keine antijüdische Wirkung hat, ist sie eine Tatsache, aber für mich und einige christliche Theolog:innen eine manchmal kontrovers zu diskutierende Interpretation (vgl. Schöttler 2016). Für mich persönlich ist die Verwendung des Textes in einem christlichen Gottesdienst grundsätzlich kein Problem. Soweit die Theorie. Anders ist es in der Praxis, wenn ich eingeladen bin, in einer Kirche zu predigen und anschließend mit dem Pfarrer, der Pfarrerin die Gemeinde mit dem Priestersegen zu segnen. Als Gast und als Vertreter der ältesten Abrahamitischen Religion habe ich öfter die Ehre bekommen, zuerst den Segen zu geben. Das tue ich auf Hebräisch. Einmal habe ich die Erfahrung gemacht, dass mein christlicher Kollege den Segen mit dem Kreuzzeichen gibt. Erst dann habe ich realisiert, dass auch ich damit unter dem Zeichen des Kreuzes, Symbol des Christentums, stand. Wegen der langen Geschichte von Zwangsbekehrung, Verfolgung und Ermordung von Juden durch Christen war mir das unangenehm, das will ich unbedingt nicht (vgl. Poliakov 1977–1988; Strauss/Kampe 1988; Nirenberg 2015; van Voolen 2021).
Wenn ich als Gast eine Kirche besuche, öffne ich mich für eine neue spirituelle Erfahrung, für ein Kennenlernen einer verwandten, aber anderen Tradition. Etwas nehme ich immer persönlich mit, das schöne Singen (obwohl ich aus inhaltlichen Gründen nicht alles mitsingen kann) oder eine bereichernde Predigt. Und ich freue mich, dass der Gottesdienst beträchtlich kürzer ist, als ich es gewohnt bin! Ich stelle aber auch fest, dass Texte aus meiner Tradition anders verwendet werden. Das kann spannend sein, aber manchmal auch irritierend, weil einiges weit von dem mir üblichen Kontext entfernt ist und verletzend wirken kann. Zum Beispiel wenn die Gemeinde, bei der Lesung aus dem sogenannten Alten Testament sitzen bleibt, aber bei der Lesung aus dem Evangelium aufsteht.
