Lebensgefühle - Horst Lorenz Fehm - E-Book

Lebensgefühle E-Book

Horst Lorenz Fehm

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Beschreibung

Leben heißt fühlen. Alle Lebewesen sind mit der Fähigkeit zu fühlen ausgestattet. Was aber meinen wir genau, wenn wir von Gefühlen reden? Die Analyse des Begriffs "Gefühl" führt schnell in einen wissenschaftskritischen Bereich und zu der Einsicht, dass Gefühl und Leben in einer Protoform auch in der sog. toten Materie stecken muss.

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Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Fehm, Horst Lorenz

Lebensgefühle

Plädoyer für einen Pan-Vitalismus

© 2023 Horst Lorenz Fehm

ISBN Softcover: 978-3-347-89170-8 ISBN E-Book: 978-3-347-89172-2

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg,

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Einleitung

I. Was sind Gefühle?

II. Was ist Leben?

III. Sentio, ergo vivo. Sechs Probleme.

1. Subjektivitäts-Problem

2. Das Problem der Non-Neuronalen Kognition

3. Das Problem mit den Pflanzen

4. Das Problem des non-zellulären Lebens

5. Die Viren

6. Menschliche Hirn-Organoide (MHO’s)

IV. Die Gefühle und ihr Platz in der Natur

1.Dualismus, Materialismus und Idealismus

2. Panpsychismus

3. Die Subjektivitätsthese von Anton Friedrich Koch

4. Bewusstseinstheorien und das Gefühl

V. Der einfühlsame Roboter

1. Maschinenintelligenz

2. Genmanipulation

3. Die Ganzhirn-Emulation

4. Das Gehirn-Computer Interface

VI. Das Elend der Naturwissenschaften

1. Die Psychologie

2. Die Biologie

3. Die Physik

4. Wissenschaft, Intuition und Kreativität

VII. Ko-Evolution von Leben und Gefühlen

1. Wie veraltet ist der Neo-Darwinismus?

2. Evolution der Kognition

3. Evolution der Gefühle

VIII. Eine kleine Gefühlskunde

1. Die Macht der Gefühle

2. Gefühle sind subjektiv und privat

3. Die Unfehlbarkeit der Gefühle

4. Gefühle und Bewusstsein

5. Die Schule der Gefühle

6. Neurobiologie der Emotionen

7.Das Gefühl von Lust und Unlust als Grundlage der Ethik

8. Intuition und Instinkt

IX. Resümee: Plädoyer für einen Pan-Vitalismus

Anhang: Lebensgefühl und Transplantationsmedizin

.Literatur:

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Danksagung:

Seit nunmehr neun Jahren bin ich Mitglied eines philosophischen „Kränzchens“, das sich mit Fragen rund um das Bewusstsein beschäftigt. Die anderen Teilnehmer sind die Professores Detlef Kömpf, Johannes Klein und Friedrich Balck. Leider nur zeitweise gehörten auch Prof. Cornelius Borck und PD Dr. Ulrike Krämer dazu. Das vorliegende Büchlein ist die unmittelbare Frucht der Diskussionen, die wir in diesem Kreis geführt haben und immer noch führen. Es ist erstaunlich und erfreulich, wie die Möglichkeit, philosophische Fragen in einer Gruppe von Gleichgesinnten zu erörtern, das eigene Nachdenken beflügelt. Das so entstandene Buch ist dennoch mein Buch, weil keiner der Teilnehmer bereit wäre, alle meine Folgerungen und Annahmen zu teilen. Ähnlich wird es vermutlich jedem Leser gehen. Was ich schildere, ist mein Pfad durch den Dschungel der Ansichten und Überlegungen zu den Themen „Leben“ und „Gefühle“. Ich bin stolz darauf, diesen Pfad gefunden zu haben; aber mir ist auch klar, dass es mein Pfad ist und dass kaum jemand bereit sein wird, den ganzen Weg mit mir zu gehen. Das kann auch nicht die Absicht sein; jeder muss selbst seinen Weg finden. Ich wäre aber glücklich, wenn mein Büchlein eine Hilfestellung bei der Suche nach dem eigenen Weg leisten könnte.

Ich hätte die Mühe, meine Gedanken in eine lesbare Form zu bringen, nicht auf mich genommen, wenn es nicht die Ermunterungen und Unterstützung durch meine Freunde, insbesondere durch Prof. Karl-Heinz Voigt und Prof. Günther Jautzke gegeben hätte. Dankbar bin ich schließlich auch dafür, dass ich mich auf die psychologische Fachkompetenz und die wohlwollende Unterstützung durch meine Ehefrau Gabriele und meiner Töchter Lydia und Mirja verlassen konnte.

Motto:

In the ignorance that implies impression that knits knowledge that finds the nameform that whets the wits that convey contacts that sweeten sensation that drives desire that adheres to attachment that dogs death that bitches birth that entails the ensuance of existentiality.

Joyce, James: Finnegans Wake. (Joyce 1939)

Einleitung

„Was ist Leben?“, „What is life?“, das ist die Frage, um deren Beantwortung sich das vorliegende Buch bemüht. Insofern wäre „Was ist Leben?“ auch ein geeigneter Titel für das Buch. Mir liegen aber (ich komme später darauf zurück) schon acht Bücher vor, die genau diesen Titel tragen. Es stellt sich schon die Frage, ob man die Tatsache, dass diese Frage schwer zu beantworten ist, mit einem neunten Buch belegen will. Dazu kommt, dass das erste Buch der „Was ist Leben“-Serie von keinem Geringeren als Erwin Schrödinger (Schrödinger 1944) stammt. Und dieses schmale Büchlein ist unbestritten ein epochales Glanzstück wissenschaftlicher Literatur. Jeder der denselben Titel benutzt stellt sich damit, beabsichtigt oder nicht, in eine Reihe mit einem der bedeutensten Geister des 20. Jahrhunderts; und das sollte man sich vielleicht nicht anmaßen. Deswegen bin ich auf den Titel „Lebensgefühle“ ausgewichen, auch weil es in meinem Buch über weite Strecken um die Gefühle geht. Aber auch dieser Titel ist eigentlich schon vergeben, denn der bekannte Neurobiologe Christof Koch betitelt sein 20129 erschienenes Buch mit „The feeling of life itself“ (C. Koch 2019). Kurioserweise geht es Kochs Buch kaum um Gefühle, sondern um die neuronalen Korrelate von Bewusstsein und um die Bewusstseinstheorie von Giulio Tononi. Insofern halte ich mich für berechtigt beim Titel „Lebensgefühle“ zu bleiben.

Ausgangspunkt und Keimzelle meiner Überlegungen ist die These „Sentio, ergo vivo“, „ich fühle, also lebe ich“. Die Ähnlichkeit zu Descartes berühmten Diktum „Cogito, ergo sum“ ist beabsichtigt. Mit diesem Diktum hat Descartes die neuzeitliche Philosophie eingeläutet; es ist die Basis, auf der das Philosophieren seither und auch weiterhin stattfindet. Ob es berechtigt ist, die These „cogito, ergo sum“ mit der These „sentio, ergo vivo“ zu paraphrasieren, darum soll es in diesem Buch unter anderem gehen.

Bei meinen Überlegungen und Nachforschungen zum Thema „Leben“ bin ich immer wieder auf Henri Bergson und die Vitalisten gestoßen. Die Überheblichkeit, mit der viele Biologen und Biochemiker den Bergsonschen Vitalismus belächeln, stützt sich – so will ich zeigen – auf kühne Vorhersagen, von denen bisher keine eingetroffen ist. Wenn es um „Leben“ geht, dann sind die Erkenntnisse Henri Bergsons heute wichtiger als je. Der Untertitel meines Buches „Plädoyer für einen Pan-Vitalismus“ soll auch eine Verbeugung vor dem großen Henri Bergson sein. Es geht also um die Wiederentdeckung des Vitalismus und um die Ergänzung der vitalistischen These zu einem panvitalistischen Konzept.

„Ich fühle, also lebe ich”. Ich gehe davon aus, dass man diesem Satz im Großen und Ganzen leicht zustimmen kann. Solange wir leben, fühlen wir etwas, mal stärker, mal schwächer, aber dass wir gar nichts fühlen, kommt nicht vor. Zumindest ein Gefühl von Leere würde bleiben, und das wäre ja auch ein Gefühl. Wenn wir tatsächlich nichts mehr fühlen, haben wir aufgehört zu leben. Von Altersgebresten geplagte Menschen trösten sich gerne mit dem Bonmot, dass wenn man morgens aufwacht und keine Schmerzen fühlt, dass man dann tot sei. Aber ganz so einfach ist es wohl auch nicht, denn im Schlaf, zumindest im Tiefschlaf, fühlen wir nichts und sind deswegen nicht gleich tot. Immerhin wird der Schlaf seit alters her als ein todesähnlicher Zustand angesehen. In der alt-griechischen Mythologie sind Hypnos und Thanatos Zwillingsbrüder; und von Eduard Mörike stammt der schöne Vers:

Schlaf! süßer Schlaf! obwohl dem Tod wie nichts du gleichst Auf diesem Lager doch willkommen heiß‘ ich dich.

Also, ein bisschen tot sind wir im Schlaf vielleicht doch; aber zum Schlafen gehört eben auch das Erwachen; und mit dem Erwachen ist das Gefühl in voller Pracht wieder da und mit ihm das Leben.

Ähnlich verhält es sich mit der Narkose: in der Narkose fühlen wir nichts; wir sind an-ästhesiert, aber dennoch am Leben. Auch hier gilt, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Episode von Fühllosigkeit handelt; solche Episoden verdanken wir den Anästhesisten, den Fachleuten für Gefühllosigkeit.

Wir müssen also unsere Aussage “Ich fühle, also lebe ich” dahingehend präzisieren, dass ein zeitlich begrenztes Unvermögen zu fühlen mit dem Leben vereinbar ist, nicht aber eine grundsätzliche, dauernde Fühllosigkeit.

Leider gibt es noch weitere, womöglich schwerer wiegende Einwände gegen das „sentio, ergo vivo“. Es gibt ja lebende Wesen, Lebewesen, von denen wir überzeugt sind, dass sie nichts fühlen, z.B. die Pflanzen, Pilze, Schleimpilze etc., erst recht die große Zahl der einzelligen Lebewesen, der Bakterien und Archaeen und der einzelligen Eukaryota. Niemand zweifelt daran, dass es sich dabei um Lebewesen handelt und gleichzeitig sind wir überzeugt, dass sie nichts fühlen. Das Salatblatt, mit Essig und Öl beträufelt, leidet nicht, wenn es sorgfältig zerkaut wird. Es ist eine allgemein akzeptierte Vorstellung, dass Gefühle nur beim Menschen und vielleicht bei den Animalia vorkommen. Descartes, der Begründer der modernen Philosophie, war bekanntlich der Meinung, dass Tiere fühllose Automaten seien, mit denen man nach Belieben umgehen kann. Die Schmerzensschreie eines gequälten Tieres sollen nichts anderes bedeuten als das Quietschen einer Türe. Heutzutage sind die meisten Menschen davon überzeugt, dass viele Tiere sehr wohl Gefühle haben; aber alle Tiere? Auch Würmer, Schnecken und Hohltierchen? In meinem Buch „Evolution 3.0“ (Fehm 2021) habe ich dargelegt, warum ich der Meinung bin, dass tatsächlich alle Tiere Bewusstsein, und damit natürlich auch Gefühle haben. Ebenso sicher war ich mir, dass alle anderen Lebewesen, insbes. die Pflanzen und einzelligen Lebewesen ohne Bewusstsein und ohne Gefühle existieren müssen. Ich habe zwar erwähnt, dass es beim Schleimpilz, einem vielkernigen, aber einzelligen Lebewesen, sehr starke Hinweise auf kognitive Fähigkeiten gibt; ich glaubte aber, dass diese Befunde auch anderweitig erklärt werden können. Eine non-neuronale Kognition schien mir ein Unding. Diese Einschätzung möchte ich in der folgenden Schrift noch einmal auf den Prüfstein stellen. Insbesondere gilt es zu klären, welchen organischen und anorganischen Systemen wir die Fähigkeit zu fühlen zubilligen wollen oder müssen.

Es ist leider offensichtlich, dass der schlichte Satz „Ich fühle, also lebe ich“ doch einer eingehenderen Analyse bedarf, weil weder klar ist was mit „fühlen“ gemeint ist noch mit „leben“. Zwei Fragenkomplexe kristallisieren sich somit heraus:

1. Was genau meinen wir, wenn wir von Gefühlen reden? Welche Rolle spielen die Gefühle innerhalb der Kognition? Wie ist das Gefühl mit der Vernunft und mit dem Bewusstsein verknüpft? Welchen Status hat das Gefühl von Lust und Unlust innerhalb der Welt der Gefühle? Welchen Platz haben die Gefühle in der Natur? Ab welchem Zeitpunkt innerhalb des Evolutionsgeschehens gibt es Gefühle?

2. Was ist Leben? Jedes Kind kann zwischen tot und lebendig unterscheiden. Aber wie kann man im Zweifelsfall feststellen, ob ein System ein lebendes System ist? Sind Pflanzen vielleicht gar keine Lebewesen? Beginnt das Leben wirklich mit der ersten lebenden Zelle oder gibt es womöglich auch nicht-zelluläre Lebensformen? Sind Leben und Fühlen, Leben und Bewusstsein vielleicht miteinander verknüpft?

Unversehens befinden wir uns in einem Dschungel aus Fragen. Mut und Ausdauer sind verlangt, wenn es darum geht, sich einen Weg durch diesen Dschungel zu bahnen. Ich beginne also frohgemut mit der ersten Frage:

I. Was sind Gefühle?

Jedermann und jede Frau kennt Gefühle: Freude, Scham, Trauer, Wut, Verzweiflung, Angst, Wollust, Entzücken usw. usw. Jedes dieser Gefühle kommt in vielerlei Abschattungen und Kombinationen vor. Die Welt der Gefühle ist überaus bunt und vielgestaltig. Die Frage stellt sich, ob es so etwas wie ein Grundgefühl gibt, eine gemeinsame Quelle, aus der die Vielfalt der Gefühle entspringt. Tatsächlich gibt es einen allgemeinen Konsens, dass sich die Gefühle als Weisen des Gefühls von Lust und Unlust verstehen lassen: auf der Lust-Seite (eng. pleasure) würde man aufführen: Zufriedenheit, Freude, Ekstase, Euphorie, Erheiterung, Erhabenheit, Dankbarkeit, Liebe, Erleichterung, Befriedigung und viele mehr. Auf der Unlust-Seite (engl. Pain): Schmerzen, Aufregung, Angst, Ängstlichkeit, Langeweile, Depression, Einsamkeit, Verzweiflung, Unbehagen, Unzufriedenheit, Ekel, Abneigung, Trauer, Hass, Übelkeit, Scham, Reue und viele mehr. (Merkwürdigerweise ist es sehr viel leichter Unlust-Gefühle aufzuzählen als angenehme Gefühle).

Die Bezeichnung des Grundgefühls als „Gefühl der Lust und Unlust“ hat eine lange Tradition, die sich auf Kant, Aristoteles und viele andere zurückführen lässt. Heutzutage hat der Begriff „Lust“ eine starke sexuelle Konnotation; insofern wäre es vielleicht besser, einfach von angenehmen oder unangenehmen Gefühlen zu sprechen. Stets aber lässt sich von einem Gefühl sagen, ob es mehr auf der Lustoder Unlustseite liegt, ob es eher angenehm oder unangenehm sei. Nehmen wir z.B. das Gefühl „feierlicher Ernst“. Der Kieler Philosoph Hermann Schmitz, der sich wie wenige mit den Gefühlen auseinandersetzt, behauptet, dass dieses Gefühl frei von Lust und Unlust sei (Schmitz 2014). Das finde ich merkwürdig, denn für mich ist der feierliche Ernst gewiss nicht unlustig, nicht unangenehm, dann doch eher in der Gegenrichtung, wenn auch vielleicht nur wenig. Ich würde gerne an der alten philosophischen Tradition festhalten, für die das Gefühl von Lust und Unlust eine Art Grundgefühl ist und wenn im Folgenden von Gefühlen die Rede ist, meine ich, wenn nicht anders spezifiziert, das Gefühl von Lust und Unlust. Diese Einschränkung ist wichtig, denn in unserer schlampigen Sprache ist auch in kategorial anderern Kontexten von Gefühlen die Rede. So ist von Gefühlen die Rede, wenn wir den Tastsinn gebrauchen und nach etwas fühlen; dieses „Gefühl“ gehört aber in den Bereich der Wahrnehmung. Noch verwirrender ist die Rede von „Bauchgefühlen“; wie ich später zeigen werde, wäre es besser von Intuitionen zu sprechen. Um die Verwirrung komplett zu machen, kann man auch statt von Gefühlen, von Emotionen und Affekten reden. Es gibt Spezialisten der Gefühlskunde, die behaupten, mann müsse zwischen Gefühlen, Emotionen und Affekten unterscheiden. Das kann man selbstverständlich machen; aber in diesem Buch sind mit „Gefühlen“ die Weisen des Gefühls der Lust und Unlust gemeint und „Emotionen“ und „Affekte“ sollen Synonyma sein, die man nach Gutdünken einsetzen kann.

Was lässt sich über das Gefühl von Lust und Unlust und über Gefühle im Allgemeinen sagen? Es liegt nahe zunächst die Psychologie zu befragen. Dass Gefühle etwas Psychisches sind, wird ja niemand bestreiten wollen, und die Psychologie wäre die Wissenschaft, die dazu etwas zu sagen hat.

Ich schlage also das Lehrbuch „Biologische Psychologie“ von Niels Birbaumer und Robert E. Schmidt (Niels Birbaumer and Schmidt 1999) auf. Im Kapitel „Emotionen“ findet sich folgende Definition:

Gefühle sind Reaktionsmuster auf positiv verstärkende oder aversive … Reize, die auf drei Reaktionsebenen ablaufen: der motorischen, der physiologischen und der subjektiv-psychologischen Ebene.

Diese Aussage wird tatsächlich als Definition bezeichnet, obwohl darin über „Gefühle“ oder „Emotionen“ gar nichts ausgesagt wird, sondern nur über die Auslösemechanismen von Gefühlen, die entweder positiv verstärkend oder aversiv sein können. Es ist dann aber im Weiteren auch gleich von primären Emotionen die Rede (Glück-Freude, Trauer, Furcht, Wut, Überraschung und Ekel), ohne dass je erkärt wird, was dann die sekundären Emotionen sein sollen. Das ist insgesamt dürftig und verwirrend. Immerhin kann man aus der oben genannten „Definition“ folgern, dass wenn es zwei Gruppen von Auslösemechanismen gibt, nämlich positiv-verstärkende und aversive, dass es entsprechend auch zwei Arten von Gefühlen geben muss, nämlich angenehme und unangenehme, Lust und Unlust.

Ein weltweit angesehenes Lehrbuch der Psychologie ist das der berühmten amerikanischen Psychologen Philip G. Zimbardo uns Richard J. Gerrig (Zimbardo & Gerrig, 1999). Zimbardo ist vor allem durch das Stanford-Prison-Experiment bekannt geworden. Bis heute wird dieses Experiment als ein Beleg für die zum Bösen geneigte Natur des Menschen angeführt, obwohl es wegen seiner methodischen Mängel gar nicht aussagekräftig ist. Aus diesem Lehrbuch kann man folgendes über die Gefühle lernen:

Wie sähe Ihr Leben aus, wenn Sie zwar denken und handeln könnten, aber nicht fühlen? Wären Sie bereit, auf das Gefühl der Angst zu verzichten, wenn Sie dabei gleichzeitig die Fähigkeit verlieren würden, die Leidenschaft eines innigen Kusses zu empfinden?….Zunächst wenden wir uns jedoch der Definition des Begriffs Emotion und den Wurzeln emotionaler Erfahrungen zu. Auch wenn man versucht ist, Emotionen nur als Gefühl zu betrachten, wie „Ich bin glücklich“ oder „Ich bin wütend“, ist doch eine umfassende Definition dieses wichtigen Konzepts nötig.

Und jetzt kommt die „Definition“ im Kästchen mit Ausrufungszeichen:

Psychologen definieren eine Emotion als ein komplexes Muster von Veränderungen, das physiologische Erregung, Gefühle, kognitive Prozesse und Verhaltensweisen umfasst. Diese treten als Reaktion auf eine Situation auf, die ein Individuum als persönlich bedeutsam wahrgenommen hat (Kleinginna u. Kleinginna 1981).

Ich lese das Ganze so, dass man statt von Gefühlen lieber von Emotionen sprechen soll, und dass Emotionen im Wesentlichen Gefühle sind. Dass man Studierende der Psychologie in einer so wichtigen Sache mit einer solchen Nonsens-Definition alleine lässt, halte ich schon fast für eine strafbare Handlung.

Ähnlich enttäuschend ist der Blick in das berühmte Lehrbuch von Kandel, Schwartz und Jessell „Principles of Neural Science“ (Kandel, Schwartz, and Jessell 1991). In diesem 1135 Seiten starken Werk wird man einen Abschnitt über “emotion“ vergeblich suchen; nur im Kontext anderer Begrifflichkeiten werden auch Emotionen erwähnt.

Nun sind die Lehrbücher der Psychologie, aus denen ich zitiert habe, zugegebenermaßen schon älteren Datums. Zeitgenössische Psychologen verspüren womöglich weniger Angst, sich mit einem so glitschigen Thema wie den Emotionen zu beschäftigen. Ich schlage deswegen das Lehrbuch „Klinische Psychologie & Psychotherapie“ (Hoyer and Knappe 2020) auf, das 2020 in dritter Auflage erschienen ist. Darin findet sich ein von Thomas Goschke und Gesine Dreisbach bearbeitetes Kapitel mit der Überschrift: „Kognitiv-affektive Neurowissenschaft: Emotionale Modulation des Erinnerns, Entscheidens und Handelns“. Wie es sich gehört, wird zunächst eine Definition von Emotionen angeboten. Das liest sich dann so:

Obwohl wir alle schon einmal Freude, Angst, Ärger oder Traurigkeit erlebt haben, hat es sich als bemerkenswert schwierig erwiesen, den Emotionsbegriff zu definieren. Wir gehen in diesem Kapitel von der folgenden Arbeitsdefinition aus.

Definition:

Emotionen sind psychophysische Reaktionsmuster, die auf mehr oder weniger komplexen Bewertungen einer Reizsituation beruhen, die mit einer Reihe peripherer physiologischer Veränderungen sowie der Aktivierung bestimmter zentralnervöser Systeme einhergehen, zu bestimmten Klassen von Verhalten motivieren, sich in spezifischerMimik und Körperhaltung ausdrücken können und häufig (aber nicht notwendig) mit einer subjektiven Erlebnisqualität verbunden sind.

Ein Problem dieser Arbeitsdefinition liegt in dem Begriff „Reizsituation“. Was unterscheidet wohl eine gewöhnliche Situation von einer Reizsituation? Offensichtlich die Fähigkeit, Emotionen auszulösen. Dass es sich um eine Reizsituation handelt kann man nur feststellen, wenn man schon weiss, was eine Emotion ist. Das ist ein Schulbeispiel für eine Zirkeldefinition. Aber selbst, wenn es gelänge, die „Reizsituation“ zirkelfrei zu definiere, wäre damit nichts gewonnen, denn dieselbe Situation kann bekanntlich bei verschiedenen Personen sehr unterschiedliche Gefühle auslösen. Es ist ja richtig, dass sich über subjektive Erlebnisqualitäten keine objektiven Aussagen machen lassen. Aber deswegen kann man sich nicht einfach mit den behavioralen Korrelaten von Emotionen begnügen, wie es hier geschieht. Gibt es nicht womöglich Emotionen, die ganz ohne solche Korrelate bestehen? Aber vollends absurd wird es, wenn die subjektive Erlebnisqualität überhaupt in Frage gestellt wird, wenn auch in Klammern. Das wären dann Gefühle, die von niemandem gefühlt werden.

Angesichts der Hilflosigkeit der Psychologen, wenn es um Emotionen geht, sollte man vielleicht eher die Neurophysiologen fragen. Erfreulicherweise ist gerade ein neues Buch des weltweit bekannten Hirnforschers Antonio Damasio erschienen, das sich ausdrücklich mit dem „Fühlen“ beschäftigt: „Feeling and Knowing. Making Minds Conscious“, ist der Titel (Damasio, 2021). Domasio ist Professor für Neurologie und Psychologie und hat damit die idealen Voraussetzungen, um uns eine kompetente Antwort auf die Frage, was Gefühle sind, zu geben. Da 3. Kapitel seines Buches ist den „Feelings“ gewidmet. Offensichtlich sind „Feelings“ und „Affect“ dasselbe, denn der erste Unterabschnitt des Kapitels hat die Überschrift „Affect“. Dort erfahren wir, dass uns die „feelings“ u.a. über den Füllungszustand unseres Magens oder die Regelmäßigkeit des Herzschlags informieren. „Everything we feel corresponds to states of our interior“. Die Wahrnehmung von Vorgängen im Körperinneren wird oft, auch von Domasio, als Interozeption bezeichnet. Man muss aber zwischen Wahrnehmen und Fühlen unterscheiden, meint auch Domasio: „What is required for us to feel, as opposed to merely perceive?“ Wenn das Alles etwas verwirrend daherkommt, ist es nicht so schlimm, denn im nächsten Abschnitt werden die Begriffe lege artis definiert.

Emotions: collections of co-occuring and involuntary actions (for example, smooth muscle contractions, changes in heart rate, breathing, hormonal secretions, facial expressions, posture) triggered by perceptual events.

Feelings: the mental experiences that follow and accompany varied states of organism homeostasis, whether primary (homeostatic feeling such as hunger and thirst, pain or pleasure) or provoked by emotions (emotional feelings such as fear, anger, and joy).

Nun ist die Rede von „mentalen Erlebnissen“ (mental experiences) in dieser Definition heikel, weil es nicht-mentale Erlebnisse ja wohl nicht gibt; die Rede von „homeostatischen und emotionalen Gefühlen“ nicht minder. „Pleasure“ (die Lust, die Freude) soll ein homeostatisches Gefühl sein, „joy“ (die Freude, die Lust) dagegen ein emotionales Gefühl. Man muss schon sehr feine Haare spalten, wenn man in solchen Zuordnungen einen Sinn ausmachen will. Wenn man die obige Definition der „Feelings“ kürzt und zusammenfasst, dann bleibt übrig: „feelings“ sind Erlebnisse, die durch „emotional feelings“ hervorgerufen werden. Falls noch Unklarheiten bestehen sollten, gibt Damasio zusätzlich folgende Erläuterungen:

First, everything we feel corresponds to states of our interior. We do not „feel“ the furniture around us or the landscape.

Und ein paar Seiten weiter:

No matter what the „precise“ contents of your mind may be - the landscapes, the furniture, the sounds, the ideas – those contents are necessarily experienced together with affect.

Domasio jongliert mit den Begriffen Wahrnehmung, Gefühl, Interoception, Emotion, Affekt so kunstvoll, dass man am Ende nicht mehr wissen kann, was jeweils genau gemeint ist. Seine eigentliche Leistung besteht darin, trotz aller Verwirrung im Leser das Gefühl zu erzeugen, er habe etwas Wichtiges gelernt. Ein schöner Ausdruck dafür ist „Rosstäuscherei“. Dabei ist die Geschichte der Philosophie voll von Überlegungen zur Ästhetik, also zur Frage wie Gegenstände außerhalb von uns, wie Landschaften oder Kunstwerke, in uns das Gefühl von Schönheit und Erhabenheit hervorrufen können. Der bekannte Literaturkritiker Burkhard Müller hat das Damasio-Werk im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 21.Sept. 2021 recht gründlich besprochen. Er nennt Damasio den berühmtesten Hirnforscher der Welt. Er übt dann aber substanzielle Kritik an den Aussagen, besonders zum Bewusstsein und endet mit der Bemerkung, dass sich in dem Buch besichtigen lasse, „was passiert, wenn kluge Leute nicht weiterkommen und das um keinen Preis zugeben wollen.“

Aber schon vor Damasio hat ein anderer Neurobiologe weltweit Aufsehen erregt mit Theorien und Einsichten zum Thema „Gefühle“, nämlich Joseph LeDoux, u.a. Direktor des Emotional Brain Institute an der New York University. In seinem Buch „Das Netz der Gefühle“ (LeDoux 2001)(im Orginal „The Emotional Brain“, 1996) schreibt er:

Man könnte nun denken, dass dieser Sachverhalt (dass sich die Wissenschaftler nicht einigen können, was eine Emotion ist) uns ernstlich behindert in dem Bemühen, das emotionale Gehirn zu verstehen. Wenn wir schon nicht sagen können, was Emotion ist, wie können wir dann hoffen, herauszufinden, wie das Gehirn sie erzeugt? Doch es geht in diesem Buch nicht darum, einen Wissensbereich (die Psychologie der Emotion) auf einen anderen (die Hirnfunktion) zu übertragen. Es geht vielmehr darum, dass die Erforschung derHirnfunktion uns erlaubt, die Emotion auf veränderte Weise als einen psychischen Prozeß zu verstehen. Nach meiner Überzeugung können wir diesen rätselhaften Teil des mentalen Geländes aus einer einzigartigen und vorteilhaften Perspektive sehen, wenn wir es von innen, aus dem Nervensystem heraus, betrachten.

Also, in dem Buch geht es gar nicht um Emotionen, sondern um die neuronalen Korrelate von Emotionen. Aber wie kann man die neuronalen Korrelate von etwas untersuchen, das man gar nicht definieren kann? Damals, also d.h. 1996, als das Buch entstand, dachten viele, dass man aus der Untersuchung der neuronalen Korrelate Wesentliches über Bewusstsein und Gefühle erfahren könnte. Diese Euphorie hat sich inzwischen verflüchtigt, was nicht heißt, dass solche Untersuchungen wertlos wären; man darf sie nur nicht falsch interpretieren. Aber dass die Untersuchung der neuronalen Korrelate eine Untersuchung der Emotionen aus der Perspektive von innen ermögliche, wie LeDoux behauptet, das ist fürwahr eine groteske Einlassung. Meint LeDoux mit „innen“ tatsächlich schlichtweg das Schädelinnere?

In seinem Buch bespricht LeDoux die Befunde, aus denen er schließt, dass die Amygdala, ein Kerngebiet im Hirnstamm, im Zentrum eines Emotions-Systems stehen. Diese Amygdala-These hat sich dann rasch ausgebreitet und war weltweit akzeptiert. Im Jahr 2019 hat LeDoux erneut ein Buch veröffentlicht: „The Deep History of Ourselves“ (LeDoux 2019), in dem er auch sein eigenes früheres Buch „The Emotional Brain“ bespricht. Er habe nur behauptet, dass die Amygdala einen Beitrag zum bewussten Gefühl der Angst leisten, aber nur indirekt, und dass sie selbst für das Angstgefühl nicht verantwortlich seien. Er schreibt weiter:

As a result, fear conditioning research was often assumed to implicate the amygdala in the genesis of fearful feelings. So instead of being part of an implicit-fear circuit, the amygdala was simply assumed to be a fear center. And without the qualifiying adjective (i.e. implicit), fear was assumed to mean conscious fear.

I have to take some of the blame form the confusion, as I was sometimes sloppy with wording in my writings.

Die Neigung „to be sloppy with wordings“ ist auch im neuen Buch „The Deep History of Ourselves“ zu spüren. Nach einer kurzen Besprechung des Begriffs der Emotion bei Aristoteles, Platon, Darwin und in der modernen Kognitionswissenschaft, sagt LeDoux:

For me, human emotions are autonoetic conscious experiences that are cognitively assembled, much like any other autonoetic conscious experience.

Falls das eine Definition sein soll, wäre es eine, die uns kaum weiterhilft, vor allem wenn man bedenkt, was LeDoux auf S. 218 zur Mutter aller Emotionen, dem Gefühl von Lust und Unlust sagt:

While pleasure and pain are often treated as emotions, they are actually different.

Die beiden bedeutenden Hirnforscher, Antonio Domasio und Joseph LeDoux, sind gewiss zu preisen, dass sie sich mit solcher Verve einem Thema widmen, das so lange sträflich vernachlässigt war, den Gefühlen. Aber dass sie das auf eine so schlampige Weise tun, dass sie völlig außer Acht lassen, was kluge Köpfe im Laufe der Kulturgeschichte an Einsichten zu diesem Thema hervorgebracht haben, das ist dann doch ernüchternd, ja erschreckend. Um sich von diesem Schrecken zu erholen, empfehle ich ein wunderbares Gegenmittel, das Buch des Darmstädter Philosophen Gernot Böhme: Atmosphäre(Böhme 2019). Ich werde weiter unten noch einmal darauf zurückkommen.

Insgesamt muss ich leider feststellen, dass uns die Psychologie und die Neurobiologie schmälich im Stich lassen, wenn wir den Begriff des Gefühls der Lust und Unlust etwas beleuchten wollen. Aber es ist schon bemerkenswert, wenn eine wissenschaftliche Disziplin, die sich selbst als Wissenschaft von der Psyche bezeichnet, als „Psycho-Logie“, den vielleicht fundamentalsten Bestandteil der Psyche, das Gefühl, so behandelt, als gehöre es allenfalls am Rande dazu. Ähnlich verhält es sich übrigens mit der Biologie, der Wissenschaft vom Leben, die sich mit allen Eigenschaften der Lebewesen befasst, aber zugeben muss, dass sie nicht so genau weiß, was Leben überhaupt sei.

Ganz anders, wenn man nun die Philosophie befragt. Aristoteles der göttliche und der erstaunliche Kant vereinigen ihre nachdruckvollen Stimmen (die Formulierung entlehne ich aus A. Schopenhauer: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grund) indem sie auf die große Bedeutung des Gefühls für Lust oder Unlust hinweisen. In seinem Buch „Über die Seele“ (Aristoteles 2011), das man als die älteste Monographie zum Thema Humanpsychologie auffassen kann, schreibt Aristoteles

…,wem aber Wahrnehmung zukommt, dem auch Lust und Schmerzen und Lustvolles und Schmerzliches und wo es das gibt, dort ist auch Begierde. Denn diese ist ja das Streben nach dem Lustvollen.

Für Aristoteles ist es offensichtlich klar, dass das Gefühl von Lust und Unlust unabdingbar mit der Wahrnehmung, und damit auch mit Kognition und Bewusstsein verknüpft ist und dass es sich um ein fundamentales Vermögen der Seele, der „anima“ handelt. In einem Satz macht Aristoteles klar, dass das Gefühl von Lust und Unlust nicht nur mit der Wahrnehmung, sondern auch mit dem Begehren, dem Wollen untrennbar verknüpft ist.

Ich mache jetzt einen großen Sprung von Aristoteles zu Immanuel Kant. Der Sprung ist nur zeitlich groß, inhaltlich stehen sich Kant und Aristoteles erstaunlich nahe. In seinem dritten Hauptwerk, der „Kritik der Urteilskraft“ (Kant 2009) schreibt Kant

Denn alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust, und das Begehrungsvermögen.

Kant führt dann weiter aus, dass es für jedes dieser drei grundlegenden Seelenvermögen etwas gibt, das die „konstitutiven Prinzipien a priori“ enthält, und das sei für das Erkenntnisvermögen der Verstand, für das Gefühl der Lust und Unlust die Urteilskraft, und für das Begehrungsvermögen die Vernunft. Für Kant hat das Gefühl von Lust und Unlust eine so fundamentale Bedeutung, dass er diesem Gefühl in seiner Verknüpfung mit der Urteilskraft sein drittes Hauptwerk widmet. Daraus möchte ich eine zweite Stelle zitieren:

Dasjenige Subjektive an einer Vorstellung, was gar kein Erkenntnisstück werden kann, ist die mit ihr verbundene Lust oder Unlust; denn durch sie erkenne ich nichts an dem Gegenstande der Vorstellung, obgleich sie wohl die Wirkung irgend einer Erkenntnis sein kann

Nun ist die „Kritik der Urteilskraft“ ein schwieriger Text und ich maße mir nicht an, ihn angemessen interpretieren zu können. Ich berufe mich vielmehr auf den Heidelberger Philosophen Anton Friedrich Koch, der sich mit dem Topos Lust und Unlust sowohl bei Aristoteles als auch bei Kant eingehend beschäftigt hat. In seinem Opus magnum „Versuch über Wahrheit und Zeit“ (A. F. Koch 2006) bezeichnet er die Bemerkung von Aristoteles aus “de anima“ als die „Aristoteles-These“ und paraphrasiert sie in Kantischer Begrifflichkeit, „um sogleich gewahr zu werden, dass wir nicht nur Kantische Redeweise, sondern auch Kantische Lehre vor Augen haben“. Die Paraphrase lautet dann:

Ein Wesen, das über Wahrnehmung, d.h. empirische Anschauung, also Empfindung, verfügt, besitzt auch das Gefühl der Lust oder Unlust und kennt lustvolle und schmerzvolle Wahrnehmungsinhalte(Empfindungen). Dann hat dieses Wesen auch Begierden, folglich ein unteres Begehrungsvermögen; denn das untere Begehrungsvermögen ist das Vermögen, nach Lustvollem zu streben (und Schmerzliches zu vermeiden).

Nach eingehender Diskussion bietet Koch dann eine Formulierung der These an, die er zu seiner eigenen These (78.1) macht. Sie lautet:

Aristoteles-These über die Einheit von Wahrnehmen und Begehren: (a) Notwendigerweise ist jede Empfindung, d.h. jeder phänomenale qualitative Inhalt, der als Empfindung derjenige Aspekt der Wahrnehmung ist, der auf ein Objekt als dessen Qualität bezogen wird, etwa ein wahrgenommenes phänomenales Grün auf einer Wiese, verbunden mit einem mehr oder weniger intensiven Gefühl der Lust oder Unlust, und (b) notwendigerweise hat das Gefühl der Lust oder Unlust einen Einfluß auf den Willen.

AF Koch bietet dann auch noch eine Kurzformel der Aristoteles-These an:

Die subjektive Innenseite der Empfindung ist das (nichtrepräsentationale) Gefühl.

Für unsere Zwecke und die nachfolgende Diskussion würde ich die Aristoteles-These gerne ein weiteres Mal umformulieren und erweitern: statt von der Empfindung werde ich vom Erlebnis sprechen. Ich gehe davon aus, dass die Begriffe „Wahrnehmen“, „Empfinden“ und „Erleben“ zumindest eine größere gemeinsame Schnittmenge haben. Dann gilt: an jedem bewussten Erlebnis (das „bewusst“ kann auch wegbleiben, weil es unbewusste Erlebnisse nicht gibt), also an jedem Erlebnis kann man zwei Aspekte unterscheiden, einen Außen- und einen Innen-Aspekt. Der Außenaspekt ist, worauf sich das Erlebnis bezieht, also der Inhalt des Erlebnisses, sozusagen die objektive Seite des Erlebnisses, seine Intentionalität. Der Innenaspekt aber ist das subjektive Gefühl von Lust und Unlust. Jedes Erlebnis wird notwendig von einem Gefühl der Lust oder Unlust begleitet. Jeder kann diese Behauptung leicht überprüfen, indem er sich ein paar Erlebnisse ins Gedächtnis ruft und nach dem begleitenden Gefühl forscht. Für die meisten Menschen ist der Anblick und der Duft einer Rose eher angenehm, der Anblick oder Geruch eines Tierkadavers eher unangenehm, weiße Wolken am blauen Himmel eher angenehm, graue, schwere Wolken eher unangenehm usw, usw. Die Intensität dieses Gefühls kann selbstverständlich stark variieren. Ich stelle mir gern eine Skala von -10, stärkste Schmerzen, bis +10, höchste Lust vor und frage mich, welchen Wert ein bestimmtes Erlebnis auf dieser Skala hat. Natürlich muss es dann auch Erlebnisse geben, denen zufällig den Wert 0 auf dieser Skala zukommt, die also von keinem Gefühl begleitet werden. Wenn man nun jemanden bittet ein Erlebnis zu schildern, das nicht vom Gefühl der Lust oder Unlust begleitet war, wird man kaum eine Antwort bekommen. Solche Erlebnisse wird man nicht im Gedächtnis speichern. In einer schnoddrigen Formulierung wird der so Befragte vielleicht sagen: “da war was, aber ich habe es nicht erlebt“ oder etwas allgemeiner: Ereignisse, die nicht imstande sind ein Gefühl von Lust oder Unlust auszulösen, können nicht zum Inhalt eines Erlebnisses werden.

Diese Überlegungen würde ich gerne in einer These zusammenfassen, die dann lautet:

Jedes Erlebnis wird notwendig von einem Gefühl der Lust oder Unlust begleitet.

Um die These zu stützen habe ich mich auf die Philosophie und drei ihrer namhaftesten Vertreter, nämlich Aristoteles, I. Kant und AF Koch berufen. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich in den letzten Jahrzehnten unter der Überschrift „Philosophy of Mind“ eine Gruppe von Philosophen, vor allem in den USA, erneut mit diesen Problemen beschäftigt haben und dabei die alte, materialistische Sichtweise überwunden haben. Ich denke dabei an bekannte Namen wie John R. Searle, Thomas Nagel und David Chalmers. An David Chalmers (D. Chalmers 2010) fasziniert mich immer wieder seine Fähigkeit, Diskussionen zusammen zu fassen und zu fokussieren. Eine der am häufigsten zitierten Aussagen von Chalmers ist seine Einteilung der Probleme des Bewusstseins in leichte Probleme und in das „hard problem“. In seinem Buch „The Character of Consciousness“ hört sich das so an:

The easy problems of consciousness include those of explaining the following phenomena:

the ability to discriminate, categorize, an react to environmental stimuli

the integration of information by a cognitive system

the reportability of mental states