Legenden des Krieges: Der große Sturm - David Gilman - E-Book
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Legenden des Krieges: Der große Sturm E-Book

David Gilman

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Beschreibung

Die Legende wird weitererzählt: Band 4 der Erfolgsserie von Bestsellerautor David Gilman! Frankreich, 1360. Im Dienste der englischen Krone kämpfen sich Thomas Blackstone und seine Männer bis nach Paris vor. Doch die Hauptstadt ist uneinnehmbar. Allerdings besteht der Prinz von Wales darauf, die ungeschützten Vorstädte dem Erdboden gleichzumachen. Thomas sieht dem Gemetzel angewidert zu – bis ein gewaltiger, vernichtender Sturm aufzieht. Da bietet sich Thomas eine einmalige Chance: Er erhält den Auftrag, nach Mailand zu reisen, und sieht die Zeit seiner Rache an den Visconti gekommen …

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David Gilman

Legenden des Krieges: Der große Sturm

Historischer Roman

 

 

Aus dem Englischen von Michael Windgassen

 

Über dieses Buch

Die Legende wird weitererzählt: Band 4 der Erfolgsserie von Bestsellerautor David Gilman!

 

Frankreich, 1360. Im Dienste der englischen Krone kämpfen sich Thomas Blackstone und seine Männer bis nach Paris vor. Doch die Hauptstadt ist uneinnehmbar. Allerdings besteht der Prinz von Wales darauf, die ungeschützten Vorstädte dem Erdboden gleichzumachen. Thomas sieht dem Gemetzel angewidert zu – bis ein gewaltiger, vernichtender Sturm aufzieht. Da bietet sich Thomas eine einmalige Chance: Er erhält den Auftrag, nach Mailand zu reisen, und sieht die Zeit seiner Rache an den Visconti gekommen …

Vita

David Gilman, aufgewachsen in Liverpool, kutschierte schon als 16-Jähriger in einem zerbeulten Ford Bauarbeiter durch den afrikanischen Busch. Verschiedenste Jobs überall auf der Welt folgten: als Feuerwehrmann, Waldarbeiter und Werbefotograf, als Marketingmanager eines Verlags und Fallschirmjäger in der British Army. Seit 1986 widmet er sich vollständig dem Schreiben. Er ist erfolgreicher Radio- und Drehbuchautor, seine Kinder- und Jugendromane wurden in 15 Länder verkauft. Heute lebt er in Devonshire und fährt einen störrischen alten Landrover.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel «Master of War: Viper’s Blood» bei Head of Zeus Ltd., London.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Februar 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

«Master of War: Viper’s Blood» Copyright © 2017 by David Gilman

Redaktion Tobias Schumacher-Hernández, Berlin

Umschlaggestaltung Hafen Werbeagentur, Hamburg, nach der Originalausgabe von Head of Zeus

Umschlagabbildung Sergio Barrios/Alamy Stock PhotoKarte

Karte Peter Palm, Berlin

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen

ISBN Printausgabe 978-3-499-29100-5 (1. Auflage 2018)

ISBN E-Book 978-3-644-40140-2

www.rowohlt.de

Für Suzy

«Überall war Einsamkeit, Trostlosigkeit und Elend; die Felder lagen brach, die Häuser waren in Ruinen und verlassen außer in den festen Städten; überall sah man die tödlichen Spuren der Engländer, die schrecklichen Wunden, die ihre Schwerter geschlagen haben.» Im königlichen Paris, «durch Zerstörung bis an die Tore geschändet … floss selbst die Seine traurig dahin, als fühlte sie die Trauer des Landes, und weinte aus Furcht um das Schicksal Frankreichs».

Der italienische Dichter Petrarca während einer Reise durch Frankreich

Personen

*Sir Thomas Blackstone

*Henry, Blackstones Sohn

*William de Sainteny, Kind von Christiana und ihrem Vergewaltiger Rudd

Thomas Blackstones Männer

*Sir Gilbert Killbere

*Gaillard: normannischer Hauptmann

*Meulon: normannischer Hauptmann

*John Jacob: Hauptmann

*Perinne: Steinmetz und Soldat

*Renfred: deutscher Waffenknecht und Hauptmann

*Will Longdon: Centenar und altgedienter Bogenschütze

*Jack Halfpenny: Ventenar und Bogenschütze

*Robert Thurgood: Bogenschütze

*Collard: Waffenknecht

*Elfred: Bogenschütze, der Blackstones Männer in Italien befehligt

Französische Edelmänner und Kämpen

*Bernard de Chauliac: Hauptmann der königlichen Garde

Gaucher VI. de Châtillon: Herr von Troissy, Hauptmann von Reims

*Philippe Bonnet: Brigant

*Grimo der Bretone: Brigantenanführer

*Seigneur Louis de Joigny: Kommandeur von Cormiers

Robert de Fiennes: Connétable von Frankreich

Simon Bucy: Berater des Prinzregenten

Jean de Neuville: Edelmann, der die Invasion Englands anführte

*Paul de Venette: Brigant und Bürger von Paris

Graf von Tancarville: französische Geisel in England

Jean de Dormans: Kanzler von Frankreich

Englische Edelmänner, Ritter und Knappen

Henry of Grosmont, Herzog von Lancaster

Grafen von Northampton, Warwick und Suffolk

Sir Reginald Cobham

Bartholomew Burghesh: König Edwards Haushofmeister

Sir Walter Mauny

Sir John Chandos

Sir Richard Baskerville

*Sir Oswald de Chambres

*Sir Walter Pegyn: Ritter des Herzogs von Lancaster

Englische Königsfamilie

König Edward III. von England

Edward of Woodstock, Prince of Wales

Französische Königsfamilie

König Johann II. (der Gute)

Der Dauphin Karl: König Johanns Sohn und Erbe

Prinzessin Isabelle de Valois: König Johanns Tochter

Italienische Edelmänner, Ritter, Geistliche und Diener

Galeazzo Visconti: Stadtherr von Mailand

Bernabò Visconti: Stadtherr von Mailand

*Antonio Lorenz: Bernabò Viscontis illegitimer Sohn

Graf Amadeus VI. von Savoyen

*Girard Goncenin: wildes Kind

Markgraf von Montferrat: Piemonteser Edelmann, Feind von Amadeus und den Visconti

*Niccolò Torellini: Priester aus Florenz

*Fra Pietro Foresti: Ritter von der Tau

Französische Geistliche, Beamte und Diener

Abt von Cluny: Gesandter von Papst Innozenz bei König Edward und dem Dauphin

Simon von Langres: Dominikanermönch und Gesandter des Papstes

Hugues von Genf: Gesandter des Papstes

*Clarimonde: Hofdame von Prinzessin Isabelle de Valois

*Cataline: Clarimondes Tochter

Bürger von Balon

*Malatrait: Bürgermeister

*Aelis de Travaux: Heilerin

*Jean Agillot: Barbier

*Madeleine Agillot: Frau des Barbiers

*Etienne Chardon: Hufschmied

*Petrus Gavray: Kürschner

*Charles Pyvain: Schuster

*Stephanus Louchart: Ablassprediger

 

Fiktive Personen sind mit * gekennzeichnet.

Erster TeilGriff nach der Krone

Frankreich 1360

Kapitel Eins

Thomas Blackstone spuckte Blut.

Die Axt des Franzosen war an seinem offenen Helm vorbeigesaust, doch die Faust, die sie schwang, hatte ihn ins Gesicht getroffen und zurücktaumeln lassen, tiefer in das Getümmel um sich schlagender Krieger. Einen Schritt hinter ihm rammte John Jacob sein Schwert in die Achselhöhle des Angreifers. Das zähnefletschende Gebrüll im Nahkampf ringender Truppen mischte sich mit den Schreien der Verletzten. Blutiges Gedärm schmierte den Boden, als die Verteidiger der Stadt unter den Hieben der Engländer fielen. Schritt für Schritt kämpften sich Blackstone und seine Männer durch die Wehrgräben, die rings um die Stadt Reims ausgehoben worden waren. Himmelhoch ragten die Mauern und Wälle auf. In ihren Schatten, die auf blutdurchtränkten Schlamm fielen, starben Männer zuhauf. Diejenigen, die noch kämpften, fluchten auf die Kälte und den Regen, manche auch auf den König von England, der ein Heer von zehntausend Mann an diesen Ort des Todes abkommandiert hatte. In Blackstones Augen brannte Schweiß, als er sich einen Weg zum Prince of Wales bahnte, dem Mann, den er zu schützen geschworen hatte und der an vorderster Linie focht. Gaillard und Meulon, zwei bärenhafte Kerle, flankierten Blackstone wie in allen Kämpfen der vergangenen vierzehn Jahre. Ihre Speere trafen auf entsetzte Franzosen, von denen manche der Bürgermiliz angehörten und ein solches Grauen noch nie erlebt hatten.

Blackstone sah, wie der Prinz herumwirbelte und mit seinem Schild einen französischen Ritter zu Boden stieß. Der öffnete sein Visier und brüllte etwas, das im allgemeinen Lärm unterging. Seine Geste deutete an, dass er sich geschlagen gab. Der Prinz zögerte, aber die Männer hinter ihm drängten ihn weiter, und es war Meulon, der dem Mann am Boden seinen Speer ins Gesicht bohrte. Unwillkürlich packte der Franzose das Eisen mit beiden Händen; sein Körper bäumte sich auf. Als Meulon seine Waffe wieder freizog, war der Mann schon tot. Blackstone trat auf seine Brust und achtete nicht auf den Blutstrahl, der sich über seine Beine ergoss. Er eilte dem Prinzen nach, der sich, von seiner Leibgarde flankiert, auf das Stadttor zubewegte und niedermachte, was sich ihm in den Weg stellte. Dreiunddreißig Tage dauerte die Belagerung nun schon an, doch mit einem solchen Widerstand hatte niemand gerechnet. Ebenso unerwartet waren die anhaltenden Regenfälle, und außer Blackstone ahnte noch niemand, dass König Edward III. bei seiner Jagd auf die französische Krone einen dummen Fehler begangen hatte, indem er versuchte, die Stadt einzunehmen, deren Kommandant, der Edelmann Gaucher de Châtillon, die Mauern hatte verstärken, Verteidigungsgräben ausheben und die Zugbrücken einholen lassen. Blackstone und seine Männer hatten sich während der vergangenen zwei Tage durch die mit Schlamm gefüllten Gräben gekämpft, damit der englische König die Stadt einnehmen mochte, in der jeder König Frankreichs gekrönt worden war. Das neue Jahr hatte begonnen, und jetzt wollte Edward diese Krone.

«Mein Prinz!», rief Blackstone, als der Königssohn ins Stolpern geriet. Er sprang hinzu, rammte seinen Schild in eine Phalanx gepanzerter Fußsoldaten und warf sich zwischen Kämpfer, die aus dem Stadttor hervorstürmten, wildentschlossen, die englischen Horden aufzuhalten und den Sohn Edwards zu ergreifen. Der Anblick des auf die Knie fallenden Prinzen gab ihnen neuen Mut, doch dann sahen sie den Schild Blackstones mit der Aufschrift Défiant à la mort, was jeden abschreckte. Viele Kämpfer gaben sich geschlagen, wenn sie nur den Namen des berüchtigten Engländers hörten, und nur wenige nahmen die Herausforderung an und stellten sich ihm. Doch das Gedränge ließ eine solche Entscheidung gar nicht erst zu. An diesem Tag herrschte heilloses Chaos; Blutrausch ließ alle Angst vergessen. Sie fielen über Blackstone her. Morgenstern- und Schwerthiebe trafen auf seinen Schild, hinter dem er sich duckte und seinerseits das Wolfsschwert mit tödlichen Streichen schwang. Als er einen Blick zur Seite warf, sah er, wie sich der Prince of Wales erbrach und über die, die tot oder sterbend am Boden lagen, seinen Magen leerte. Ein Banner sank, als sich hilfsbereite Hände nach ihm ausstreckten. Gutes Essen und zwar reichlich, dachte Blackstone höhnisch. Eine königliche Tafel voll saftiger Bratenstücke und deftiger Soßen. Ein Anblick, der ihm und seinen Männern versagt blieb. Die meisten Soldaten mussten darben. Männern und Pferden fehlte es am Nötigsten, weil die Franzosen beim Anrücken der Engländer ihre Lebensmittelvorräte verbrannt oder in den Fluss geworfen hatten, wo sie mit den Kadavern abgeschlachteten Viehs fortgespült worden waren. Die Engländer müssten sich geschlagen geben, wenn man ihnen nur die Möglichkeit nahm, sich zu versorgen – darauf spekulierte der Dauphin. Der unnütze Sohn eines unnützen französischen Königs in einem unnützen Krieg. Um Himmels willen! Wofür starben so viele in diesem Land? In diesem Graben?

Blackstone schlug mit der Rückhand einem Franzosen das Heft seines Schwertes ins Gesicht und rammte den Rand seines Schildes unter das Kinn eines anderen. Er sprang zur Seite, um einem Streich auszuweichen, sah, wie der Angreifer, an ihm vorbeitaumelnd, in John Jacobs Klinge lief, und überließ sich dem allgemeinen Wahn der Schlacht, der sämtliche Sinne betäubte. Er befand sich in einem Zustand, den er gut kannte. In ihm tobte wieder ungehemmter Furor. Sein Instinkt zu töten trug ihn, einen von Engeln gesegneten, kriegstreibenden Dämon, wie eine unwiderstehliche Woge fort. Unter den tiefhängenden Wolken, aus denen sich wirbelnde Regenschauer ergossen, wütete ein noch dunklerer Sturm gegen die Stadtmauern an. Englische Bogenschützen belegten die Brustwehr mit Schwärmen von Pfeilen. Blackstone konnte sie im Geiste sehen und die Anstrengung spüren, die es kostete, die Bogensehne auszuziehen. Pagen schleppten bündelweise Pfeile zu den Schützen, die an die tausend zählten in der Armee des Königs. An der Spitze der Keilformation standen Will Longdon, Jack Halfpenny und Robert Thurgood, Männer, die schon seit langem mit Thomas Blackstone kämpften und litten. Gemeinsam waren sie durch halb Frankreich gezogen. Dann hatte es sie nach Italien verschlagen, bis sie vor anderthalb Jahren nach Frankreich zurückgekehrt waren – wo ein gedungener Mörder aus Italien Blackstones Frau und Kind massakriert und Blackstones Herz gebrochen hatte.

Von Blackstone angeführt, griffen die Engländer im Schutz der Pfeile an, die auf die Verteidiger der Stadt herabhagelten. Zwei hölzerne Sturmtürme wurden vor die Brustwehr geschoben, während Zimmerleute und Handlanger gefällte Bäume und Bauholz anschleppten, um die Gräben vor den fünf Stadttoren zu überbrücken, die noch nicht verbarrikadiert worden waren. Soldaten dreier Divisionen strichen wie Wölfe um die Stadtmauern herum. Der Duke of Lancaster hatte von Norden aus angegriffen, der Earl of March von Osten, Richmond und Northampton von Nordwest und der Prince of Wales, in dessen Division Blackstones Männer kämpften, von Südwesten. Letztere waren am weitesten vorgerückt. Die Verteidiger aber verlangten ihren Tribut in koordinierten Ausfällen bis zu den Gräben, während von Katapulten hinter den Mauern Gesteinsbrocken auf die Angreifer geschleudert wurden. Die Engländer wurden aufgehalten, nur Edwards Männer rückten im Westen der Stadt weiter vor und trieben einen Keil in die gegnerischen Bodentruppen. Schulter an Schulter kämpften sie, besudelten den Boden mit Rotz, Schweiß und Blut, und in der kalten Luft breitete sich der Gestank von Tod und Kot aus.

Die Franzosen legten Feuer an das Holz, mit dem die Gräben überbrückt worden waren, und beißender Rauch machte sich breit, dem auch der Regen nichts anhaben konnte. Mit tränenden Augen rannten viele blind in ihr Verderben. Blackstone und seine Gefährten nahmen in einem anderen Graben Zuflucht. Den Blick nach oben gerichtet, sah er den Mann, dem er erstmals in den Krieg gefolgt war, der die Engländer in Crécy angeführt und Jahre später an Blackstones Seite bei Poitiers die Lücke in der Hecke gegen die französische Kavallerie verteidigt hatte. Sir Gilbert Killbere lechzte regelrecht danach, Franzosen zu töten, worauf er in Italien hatte verzichten müssen. Jetzt führte er eine Gruppe entschlossener Männer gegen jene, die das Holz in Brand gesteckt hatten, und hob seinen Schild, um sich vor einer weiteren Salve von Felsbrocken zu schützen, die vom Himmel herabstürzten. Blackstone, Meulon und Gaillard legten ihre Schilde aneinander und drängten ein halbes Dutzend Gegner der Bürgermiliz zurück, die von Edelleuten aus dem Hintergrund angefeuert wurden, aber der wütenden Gewalt der Angreifer nichts entgegenzusetzen hatten. Die Männer des Prinzen, jetzt unter der Führung Blackstones, kämpften sich Schritt um Schritt, Schwert- um Speereslänge voran. Blackstone kam der Gedanke, dass die Stadt vielleicht zu stürmen wäre, wenn sich das Stadttor in Brand setzen und abfackeln ließe.

Er kehrte sich ab von denen, die ihm mit erhobenen Schwertern und Äxten gegenüberstanden, und überraschte sie, indem er die Stoßrichtung änderte. Vierzig Männer oder mehr taten es ihm gleich. Hinter ihnen standen immer noch genug, um den Graben zu halten.

«Gilbert! Die Flammen! Wir sollten sie nutzen!»

Killbere war müde wie alle anderen auch. Er öffnete sein Visier und entblößte ein rußverschmiertes Gesicht. Schweiß, Regen und Blut perlten ihm von der Stirn. Er drehte sich um und brüllte ein Kommando, worauf sich seine Soldaten neu formierten. Blackstone, Meulon und Gaillard luden sich einen langen Holzbalken auf die Schultern, der am hinteren Ende mit Pech bestrichen war und aus Flammen schwarzen Rauch aufsteigen ließ. Der Wind drehte. Die Flammen kamen ihnen bedrohlich nahe. Meulon fluchte, Blackstone schirmte seinen Rücken mit dem Schild ab. Zusammen mit den anderen stellte er sich quer zur Windrichtung. Die Flammen gingen zurück, und nur noch schwarzer Rauch stieg auf, der ihnen Deckung bot vor den Franzosen, die nun aus den Gräben stiegen und auf Killbere und seine Männer zustürmten.

Killbere rückte vor. Zwei, drei lange Schritte, den Schild erhoben. Der Faustriemen des Schwertes schnitt in den Handschuh. Ein raues Gebrüll erhob sich und übertönte das Klirren von Metall, als die Fronten aufeinanderprallten. Die Männer waren entschlossen, Thomas Blackstone zu schützen, und lieber würden sie sterben als ein Leben in Schande führen für den Fall, dass sie versagten.

Die Kriegsgötter stehen den Mutigen bei, doch darauf mochte sich der König von England anscheinend nicht verlassen. Blackstone war nur noch an die hundertfünfzig Schritte vom Tor entfernt, als Signalhörner erschallten und den Befehl zum Rückzug gaben.

Blackstone drehte sich um und sah, dass auch Killbere kaum fassen konnte, was da von ihm verlangt wurde.

«Scheiß drauf!», brüllte Killbere. Er schwang sein Schwert und drängte Blackstone weiter. Die drei Männer setzten mit dem geschulterten Balken ihren Weg fort und stiegen die Böschung hinauf. Blackstone glitt aus und fiel auf die Knie, fluchte und schöpfte Kraft aus seiner Wut. Wieder einmal trotzte er seinem König. Das letzte Mal – als er bei Poitiers den französischen König zu töten versucht hatte – hatte er mit seiner Verbannung büßen müssen. Diesmal würde er behaupten, den Rückzugsbefehl im Schlachtengetümmel nicht gehört zu haben. Auch andere traten aus der Reihe und halfen, den regennassen Holzbalken zu schleppen. Das Feuer am pechbestrichenen Ende würde mit Flint und trockenem Zunder schnell wieder zu entfachen sein. Aber es gab da nichts, was trocken gewesen wäre. Überall verdampfte Feuchtigkeit in kalter Luft. Dank der zusätzlichen Hilfe kamen Blackstone und die anderen schneller voran, während Killbere auf der einen Seite und John Jacob auf der anderen Flankenschutz boten. Blackstone sah, wie sein kampferprobter Hauptmann jeden niedermachte, der sich ihm in den Weg stellte, und eine Schneise für ihn schlug, damit der Balken vors Tor gebracht werden konnte. Blackstone warf einen Blick zurück. Andere folgten seinem Beispiel und schleppten brennende Baumstämme und demontierte Brückenstreben auf das Tor zu, das ihnen die Stadt öffnen mochte. Dann hätte Edward seine Krone, und alle könnten nach Hause gehen.

Noch achtzig Schritte. Achtzig Schritte muskelzerrender Anstrengung. Wieder schmetterten Fanfaren. Signalflaggen übersetzten den königlichen Befehl. Rückzug! Die Franzosen wichen keinen Zoll zurück, und der Schlamm behinderte die Angreifer. Immer mehr Engländer fielen. Armbrustbolzen und Felsbrocken regneten auf sie herab. Die englischen Bogenschützen streckten ihre Waffen. Der König hatte es befohlen. Blackstone und seine Leute waren alleingelassen. Selbst wenn sie das Tor erreichten, hätten sie nichts gewonnen, im Gegenteil, sie würden sterben. Blackstone schwang seinen Schild herum und trat unter dem Balken weg. Auch Killbere wusste die Lage zu deuten. Sie hatten es versucht und waren gescheitert. Mit mehr Unterstützung hätten sie vielleicht eine Chance gehabt. Killbere spuckte aus und ließ das Schwert am Faustriemen baumeln, als er nacheinander die Nasenlöcher zudrückte, um sich zu schnäuzen. Dann kehrte er dem Feind in demonstrativer Geringschätzung den Rücken und entfernte sich.

Blackstone lachte. Killbere, der hartgesottene, war genauso alt wie der König. Mit seinen fünfzig Jahren war seine Todesverachtung stärker als sein Hass auf die Franzosen.

«Sei’s drum», sagte Blackstone. «Wir sind hier nicht länger gefragt.»

Die Männer zögerten, ließen dann aber den Balken fallen. Die Franzosen waren in Deckung geblieben und wahrscheinlich froh, dass sie sich den wütenden Engländern nicht hatten stellen müssen. Blackstone blickte zu den hohen, in Rauch und Nebel gehüllten Mauern auf. König Edward mochte die Belagerung fortsetzen, aber vorerst ruhten die Waffen. Blackstone musterte seine erschöpften und verletzten Männer. Manche stützten sich auf ihren Schwertern ab, andere spuckten den faulen Geschmack des Todes aus, die meisten grinsten. Immerhin war ihnen eine Schande erspart geblieben.

Kapitel Zwei

Blackstones dürftiger Unterstand bot nur wenig Schutz vor der kalten Nässe. Die Leinwand tropfte, und das Feuer schmauchte. Es gab kein trockenes Kleinholz. Blackstone sah den Männern zu, die zwischen den Schwerverwundeten umhergingen und sie töteten. Tote wurden zusammengetragen, um sie in einem Massengrab beizusetzen. Die Franzosen taten das Gleiche mit ihren Gefallenen. Bald würden Bauern wie Gespenster aus dem Wald hervortreten und die Leichen fleddern. Unter anderen Umständen würden englische Bogenschützen wahrscheinlich gegen sie vorgehen, aber auf einem so großen Feldzug verschwendete man an Grabräuber keine Pfeile, an denen es ohnehin immer mangelte. Das Schlachtfeld wurde zu einer albtraumhaften Stätte. Der Wind fegte dichten Sprühregen über die Bauern hinweg, die sich wie pickende Krähen an den Leichen zu schaffen machten, während Bogenschützen Pfeile aus ihnen herauszogen. Geschrei und lautes Ächzen war zu hören, wo Verwundete von ihren Qualen erlöst wurden.

Ohne sich vom kalten Regen abhalten zu lassen, legte Killbere Brustpanzer und Unterhemd ab, um eine alte Wunde am Rippenbogen versorgen zu können, die während des Kampfes wieder aufgerissen war und blutete. Er schmierte eine übelriechende, wachsartige Salbe darüber und verzog das Gesicht vor Schmerzen.

«Bei den Titten einer Hure, ich schwöre, diese Mönche wollen mich vergiften. Nach dem Überfall bei Laon habe ich ihnen gutes Geld dafür gezahlt, aber das Zeug brennt wie Feuer. Sie sagten, damit würden verletzte Pferde behandelt.»

Blackstone hatte sein Kettenhemd ausgezogen. Das schweißnasse Unterhemd klebte auf der vor Kälte prickelnden Haut. Doch das kümmerte ihn nicht. Lieber das Wetter so nehmen, wie es war, als sich dagegen auflehnen. Er griff in seine Satteltasche und holte ein zusammengerolltes, schadhaftes Stück Leinen daraus hervor. «Du hättest zuerst beichten und dann um Absolution bitten sollen», sagte er. «Dann hätten sie dir zur Behandlung deiner Wunden Honig und Kräuter gegeben und für die Schmerzen ein Fässchen vom besten Branntwein.»

Killbere deutete mit seinem Kopf auf eine silberne Figurine, die an einem Band um Blackstones Hals hing. Arianrhod. Die keltische Gottheit, bezeichnet auch als das silberne Rad, war Blackstone von einem sterbenden walisischen Bogenschützen in die Hand gedrückt worden, als der junge Engländer zum ersten Mal in den Krieg gezogen war und bei Caen gekämpft hatte. Sie beschützte Kämpfer in diesem Leben und trug sie dann ins nächste. «Gütiger Herr Jesus, Thomas, seit wann machst du dich für grindarschige Mönche oder Priester stark? Und wann hätte ich jemals Zeit zum Beichten gehabt? Wir haben hier einen Krieg auszufechten. Komm, hilf mir, die Wunde zu verbinden.»

«Wenn du lange genug stillhalten kannst.»

Killbere knurrte vor Ungeduld und hob den Arm, damit Blackstone das Leintuch um die Brust wickeln konnte. «Diese nasse Kälte, und seit Tagen keine anständige Mahlzeit. Die Versorgungswagen hängen Gott weiß wie weit zurück, die Pferde sterben, und die Männer hungern, während der König im Warmen sitzt und gefüttert wird, und alles nur, weil …» Er schnappte nach Luft. «Jesus, Thomas, nicht so fest … Weil König Johann nicht freigekauft wird. Wozu haben wir bei Poitiers Blut vergossen, wenn ein gefangener König seine Schulden nicht begleicht? Bin ich jetzt Geldverleiher für das Königshaus? Wenn er gezahlt hätte, steckten wir jetzt nicht in dieser gottverdammten Patsche. Was nützt Edward die französische Krone? He? Weißt du eine Antwort darauf? Das Land liegt brach, die Nation ist bankrott.» Er winkte Blackstone von sich. «Schon gut, schon gut. Es reicht.» Er reckte sich und atmete tief durch. «Du hast mich viel zu fest zusammengeschnürt. Ich muss mich freischneiden, wenn wir vor die Mauern zurückkehren.»

«Ich glaube kaum, dass uns der König bald zurückschickt. Wir haben zu viele Männer verloren. Gilbert, du solltest ins nächste Kloster gehen und dich dort versorgen lassen. Nur dort ist man langmütig genug.»

Killbere schlüpfte wieder ins nasse Unterhemd und zog ein ledernes Wams darüber. «Habe ich dir schon einmal von der Nonne erzählt, in die ich mich verliebt habe?»

«Mehr als ein Mal», antwortete Blackstone, der sein eigenes Hemd über drei Stöcke spannte, die einen Kochtopf über glühenden Kohlen gehalten hatten. Er roch lieber wie ein geräucherter Schinken als nach abgestandenem Schweiß.

Killbere fand in einem Sack ein Stück Trockenfleisch und hockte sich unter die tropfende Leinwand, um zu essen. «Wo ist der Junge?»

«Müsste irgendwo in der Nähe sein», antwortete Blackstone und ließ den Blick über die vielen hundert Männer schweifen, die sich ebenfalls mit provisorisch gespannten Zeltplanen vor dem Regen schützten und vor kleinen Feuern kauerten. Tausende lagerten hinter ihnen am Waldrand oder noch weiter weg. Der König und seine drei Söhne hatten mit ihrer Streitmacht dem Dauphin eine Lektion in Sachen Krieg und Politik erteilt. Eine Vereinbarung war getroffen worden zwischen Edward und König Johann, der vor über drei Jahren bei Poitiers gefangen genommen worden war und seitdem in London im Exil lebte. Umfangreicher Landbesitz sollte abgetreten und eine enorme Summe an Lösegeld ausgezahlt werden. Aber noch war man keiner dieser Forderungen nachgekommen; der Dauphin und die Generalstände erkannten den zwischen den beiden Königen ausgehandelten Vertrag nicht an. Die Welt wäre ein besserer Ort, hätte Blackstone den französischen König bei Poitiers getötet, wie er es geschworen hatte. Die Welt, dachte er, wäre ein besserer Ort, hätte es nicht stattdessen seine Familie getroffen.

«Irgendwo dahinten», wiederholte er und verdrängte den Schrecken, der ihn befiel, sooft er an seine Frau und an sein Kind dachte.

Killbere grunzte, während er an dem Fleischstück kaute, und klaubte sich mit dem Fingernagel eine Made aus dem Mund. «So oft habe ich davon nicht gesprochen, dessen bin ich mir sicher.»

«Wovon?»

«Von der Nonne.»

«Du hast mir von ihr erzählt, als wir vor über einem Jahr unterwegs nach Meaux waren.»

«Ah, länger ist das noch nicht her? Dann bitte ich um Verzeihung. Ich werde auf meine alten Tage wohl noch so geschwätzig wie ein Waschweib.»

«Da ist er», sagte Blackstone, als er seinen Sohn erblickte, der das Lager durchquerte und auf ihn zukam. Er hatte einen kleinen Sack geschultert, aus dem Blut sickerte. Henry Blackstone diente John Jacob als Page, um, von diesem ausgebildet und von seinem Vater streng beaufsichtigt, eines Tages in den Rang eines Knappen aufzusteigen. Blackstones Frau hätte es wohl lieber gesehen, wenn der Junge seine Studien fortgesetzt und sich nicht dem Kriegshandwerk verschrieben hätte. Aber sie war nun tot, und Blackstone hatte seinen Sohn an seiner Seite, ehrte aber gleichwohl ihr Andenken und ermöglichte es seinem Sohn, sich auch in den Künsten und Wissenschaften zu bilden.

«Henry. Wo ist John Jacob?», fragte Blackstone. Sein Sohn und sein Knappe waren losgeschickt worden, um nach Blackstones Männern zu sehen, so wie sich Meulon und Gaillard um ihr Gefolge kümmerten.

«Mein Herr, er wurde zum Prinzen gerufen», antwortete der Junge.

Killbere warf einen Blick auf Blackstone und verzog das Gesicht. Worte erübrigten sich. Auf Blackstone warteten schlechte Nachrichten. Killbere wandte sich dem Jungen zu. «Ich hoffe, du hast in diesem Sack da keine französischen Köpfe. Davon habe ich heute genug abgeschnitten.»

Henry setzte den Sack auf dem Boden ab, ging davor in die Knie und langte mit der Hand hinein. «Nein, Sir Gilbert, davon würden wir nicht satt.» Er hob ein Stück Fleisch in die Höhe und grinste. «Will Longdon hat ein Reh erlegt.»

«Wenn man ihn beim Wildern erwischt, wird er ausgepeitscht», erwiderte Killbere. «Die Waidgründe gehören jetzt Edward.»

«Nein, Sir Gilbert. Der Sergent meint das zwar auch, aber ich habe ihn eines Besseren belehrt», entgegnete Henry.

«Potztausend, das hast du nicht wirklich, oder?», sagte Killbere.

«Erzähl uns, was geschehen ist», forderte Blackstone seinen Sohn auf.

«Ich hoffe, keine Schande über Euch gebracht zu haben, aber als der Sergent Meister Longdon festnehmen wollte, habe ich ihm gesagt, dass unser Oberhaupt erst gekrönt werden müsse. Das Wild im Wald gehört dem französischen König», erklärte Henry.

Blackstone und Killbere schauten sich verdutzt an. Plötzlich fing Letzterer zu prusten und zu lachen an, bis er einen Hustenanfall erlitt und sich vor Schmerzen die Seite hielt. «Gütiger Himmel, wir haben es hier mit einem Wolfswelpen zu tun, der die Gesetze des Waldes kennt.» Er grinste vergnügt. «Henry, du machst deinem Vater alle Ehre.»

Der Junge strahlte übers ganze Gesicht, schlug aber die Augen nieder, als er den strengen Blick seines Vaters auf sich gerichtet sah. «Du bist ein Page, Henry, und für einen Pagen gehört es sich nicht, einen Sergenten herauszufordern. Und du solltest mit deiner Bildung nicht großtun und einen Mann vor einem Bogenschützen beschämen.»

«Ja, Vater.»

«Hat sich Will Longdon für dich eingesetzt?»

«Ja, das hat er. Er kannte den Mann, und die beiden gingen im Guten auseinander.» Er hob die Augen wieder und wagte ein Lächeln. «Und ich ging damit.» Er wischte sich die blutigen Hände am Sackleinen ab. «Will sagte, das Reh sei vor Schreck aus dem Wald gelaufen, als die englische Bombarde Steine auf die Mauern zu schleudern anfing. Es habe geradewegs die Linie der Bogenschützen gequert. Ein französisches Reh, das englischen Schützen den ihnen gebührenden Respekt vorenthalten habe.»

«Und wo ist der Rest?», fragte Blackstone.

«Den teilt Will unter seinen Schützen auf.»

«Mir läuft das Wasser im Mund zusammen», sagte Killbere, «aber für meine alten Zähne ist rohes Fleisch zu zäh.»

Henry grinste und kramte einen Ballen Hobelspäne hervor. «Von den Zimmerleuten.»

«Guter Junge», lobte Killbere. Er griff nach seinem Gambeson, löste mit seinem Messer ein paar Stiche der Absteppung und zupfte vom Füllmaterial etwas Wolle daraus hervor. «Hier, das dürfte guter Zunder sein.»

«Ist mein Pferd versorgt? Hat es zu fressen bekommen?», fragte Blackstone.

«Ja, Vater. Wir haben es drüben in der Lichtung angebunden, fern von anderen Pferden, wie Ihr es wünscht.»

«Und es ist unverletzt geblieben?»

«Ja, Vater. Einer der Jungen aus dem Tross ist ihm zu nahe gekommen und hat einen seiner Hufe zu spüren bekommen. Es heißt, dass er nie mehr ohne Stock wird gehen können.»

«Geschieht ihm recht. Schließlich sollte jeder wissen, dass man Abstand hält zu meinem Pferd.» Blackstone blickte zu den Wolken auf. «Es wird eine Weile trocken bleiben. Beeil dich, Henry. Und sieh zu, dass für John etwas übrig bleibt.»

«Du verwöhnst deine Männer, Thomas, das habe ich schon immer gesagt. Aber zugegeben, John Jacob verdient es, bevorzugt behandelt zu werden.»

«Und Will Longdon und Meulon und Gaillard. Und Jack Halfpenny, Robert Thurgood und …»

«Heiliger Bimbam, Thomas, du kannst keine fünftausend füttern … Na schön, auch sie verdienen’s. Komm, Henry, tu, was dein Herr und Gebieter verlangt. Das viele Töten macht hungrig.»

Als sich der Junge an die Arbeit machte, schaute Blackstone über das von kleinen Lagern übersäte Feld und sah John Jacob, von einem Boten des Prinzen begleitet, auf sich zukommen.

Ob ihm der Mann, den er zu schützen geschworen hatte, wieder einmal einen Rüffel erteilen wollte, fragte sich Blackstone. Vielleicht hatte sich der Sergent am Ende doch beschwert. Das Feuer brannte. Henry platzierte einen Rost darüber. John Jacobs sorgenvolle Miene ließ erahnen, dass der Bote mit schlechten Nachrichten kam, und Blackstone zweifelte daran, dass er Freude haben werde an dem ersten frischen Fleisch seit Tagen.

Kapitel Drei

Der Prinz hatte sein Feldlager in Ville-Dommange aufschlagen lassen, wenige Meilen von den Stadtmauern entfernt, auf einer Anhöhe, die einen weiten Blick über die Ebene bot. Blackstone ging vor dem Boten her, der nur wenige Worte von sich gegeben und gesagt hatte, dass der Prinz Sir Thomas Blackstone zu sprechen wünsche. John Jacob hatte angeboten, ihn zu begleiten, war aber von Blackstone angewiesen worden, bei Killbere und Henry zu bleiben und sich den Braten schmecken zu lassen. Durch graue Nebelschleier sah Blackstone die Pavillons des Prinzengefolges. Ein Wald von Wimpeln zeugte von einer großen Streitmacht und an die hundert Rittern, die dem Königssohn zur Seite standen. Die Knappen zählten in die Hunderte, und fast tausend berittene Bogenschützen unterstützten die Fußtruppen. Über dem Pavillon des Prinzen wehte das Banner von Y Ddraig Goch, dem walisischen Drachen, unter dem sich die Soldaten auch schon bei Crécy und Poitiers versammelt hatten. Es stand für einen der größten kämpfenden Prinzen, die England jemals hervorgebracht hatte. Die drei jüngeren Söhne König Edwards, Lionel, John und Edmund, waren ihm gefolgt, um in der Gunst des Vaters zu steigen, der nach der französischen Krone griff. Blackstone zweifelte daran, dass auch nur einer der drei dem älteren Bruder an Kampfkraft und Mut jemals gleichkommen würde. Edward of Woodstock war ein großer Ritter, der den Kampf ebenso schätzte wie sein kriegerischer Vater. Dem Prinzen wie auch Blackstone waren in der Schlacht von Crécy sowohl Segen als auch Fluch widerfahren, als sie sich, beide sechzehnjährig, ins Kampfgetümmel gestürzt hatten – Blackstone in dem vergeblichen Versuch, seinem stummen Bruder zu helfen, der von einem deutschen Ritter niedergestreckt worden war; statt seiner hatte er dann das Leben des jungen Prinzen gerettet. Seitdem verband die beiden eine heikle, häufig stark getrübte Beziehung. Der Zorn des Prinzen auf Blackstones Unbeugsamkeit wurde nur gelindert von Respekt und zähneknirschender Dankbarkeit.

Kriegsknechte stellten sich Blackstone in den Weg. Anstandslos blieb er stehen und wartete, als einer von ihnen in den Pavillon ging, um seine Ankunft zu melden. Es regnete wieder stärker. Dicke Tropfen trommelten einen Wirbel auf die gespannte, nasse Leinwand. Die anderen zogen ihre Schultern ein, doch Blackstone trotzte dem Regen, ohne eine Miene zu verziehen. Der Zelteinstieg öffnete sich, und der Knecht winkte ihn hinein. Blackstone betrat das prächtige Feldlager des Prinzen. Bienenwachskerzen sorgten für Licht und angenehmen Duft. Auf der einen Seite stand ein Klapptisch, gedeckt mit weißem Leinen und silbernem und goldenem Geschirr, auf dem allem Anschein nach ein Festmahl serviert worden war. Davon zeugten Reste kalten Bratens, Knochen und halbvolle Körbe mit Brot. Frisch gebackenem Brot, wie ihm seine Nase verriet. Der Prinz saß auf einem Schemel mit gebogenen Armstützen, aber ohne Rückenlehne. Er trug ein nur zur Hälfte zugeknöpftes Wams mit einer Stickerei, die eine Weinranke darstellte, von der ein Vogel abzuheben schien. Darunter kam ein frisches Hemd zum Vorschein. Dass er vor kurzem noch um sein Leben gekämpft hatte, war ihm nicht anzusehen; vielmehr schien er einen erholsamen Tag verlebt zu haben.

«Thomas», sagte er.

«Sire.» Blackstone beugte das Knie.

Der Prinz gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er näher treten sollte. «Das war wieder mal ein munteres Hauen und Stechen heute, nicht wahr?»

«Aye, Euer Gnaden», erwiderte Blackstone in Erinnerung an ein fürchterliches Gemetzel, das noch keine drei Stunden zurücklag. Der Prinz machte eine Kleinigkeit daraus, wohl wissend, dass sich andere dem Feind entgegengeworfen hatten, damit ihm kein Unheil widerfuhr.

Mit einem Fingerzeig winkte Edward einen Diener aus dem Dunkel im Hintergrund des Zeltes herbei, der einen Weinpokal auf einem Silbertablett brachte und Blackstone anbot. Der bedankte sich mit einem angedeuteten Kopfnicken und nahm den Pokal entgegen, worauf sich der Diener wieder so schnell entfernte, wie er gekommen war. Blackstone hoffte, dass der Prinz nicht die Nacht mit ihm durchzechen wollte. Bei seinem leeren Magen würde er schnell betrunken sein – und eine lose Zunge haben, was gefährlicher wäre als ein Angriff der französischen Kavallerie.

Der Prinz nickte wieder und lud Blackstone damit ein, in seiner Nähe Platz zu nehmen, auf einem Schemel, der ungepolstert war und keine Armlehnen hatte.

«Ihr stinkt, Thomas. Habt Ihr kein Wasser?»

«Nicht zum Baden, mein Herr. Ich habe nicht einmal genügend zu essen für meine Männer oder Futter für die Pferde», fuhr er fort und führte schnell den Pokal an den Mund, um sich seinen Groll nicht anmerken zu lassen.

«Dessen sind wir uns bewusst», erwiderte der Prinz. «Unsere Dankbarkeit den Männern gegenüber wird nicht vergessen sein, wenn wir die Stadt eingenommen haben.»

Blackstone senkte den Blick.

«Sprecht freiheraus, Thomas. Mit den Jahren haben wir Eure direkte Art zu tolerieren gelernt. Ich will Euch hier nicht den Mund verbieten.»

«Ich bin nicht gekommen, um meine Gedanken vorzutragen, sondern um Eurem Befehl Folge zu leisten.»

Der Prinz nickte. Er würde sich Blackstone so oder so gefügig machen, entweder indem er ihm drohte oder Versprechungen machte. Der narbengesichtige Engländer war zu wertvoll für die Sache seines Vaters. «Wir haben etwas zu essen für Euch», sagte er und winkte wieder den Diener herbei. «Bereite Sir Thomas eine Mahlzeit», befahl er ihm.

Bei dem Gedanken an zarte Bratenstücke lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Er hob die Hand. «Mein Herr, bei allem Respekt, ich würde lieber erst dann etwas zu mir nehmen, wenn auch meine Männer essen», sagte er und fragte sich, ob hinter der Einladung des Prinzen ein Tadel für Henrys Dreistigkeit dem Sergenten gegenüber stecken mochte.

Der Prince of Wales betrachtete ihn eine Weile und zupfte dabei an seinem Bart, der auffällig gepflegt war im Unterschied zu den verfilzten, schmutzigen Bärten seiner Männer, in denen es vor Läusen wimmelte. Vom Schlachtfeld zurückgekehrt, hatte er ein Bad genommen und sich mit einer Seife aus Honig und Rosmarin gewaschen. Mit seiner leicht trotzigen Geste gab Blackstone ihm, dem Prinzen, zu verstehen, dass sich ein Thomas Blackstone nicht kaufen oder bestechen ließ. Er würde lieber hungern als der Verlockung nachgeben.

«Und wenn wir Euch zu essen befehlen?»

«Dann würde ich gehorchen», antwortete Blackstone.

Für einen Moment schien es, als wollte der Prinz genau das tun, aber er entschied sich dagegen und schickte den Diener fort. «Sei’s drum. Wir können Euren Magen bis hierher knurren hören.»

«Ja, er grollt lauter als die Bombarden, die den Mauern und Toren nichts anhaben konnten», entgegnete er und ließ wieder Kritik anklingen, die er sich eigentlich hatte verkneifen wollen. «Wir hatten die Chance, das Tor zu öffnen. Wir waren genug Männer, wir hätten es niederbrennen können.»

Der Prinz geriet in Harnisch. Für gewöhnlich brauchte Blackstone länger, um ihn zu verärgern. Heute aber war er offenbar reizbarer, vielleicht aus Müdigkeit oder infolge des gescheiterten Angriffs. «Wir haben den Rückzug angeordnet, um weitere Verluste zu vermeiden. Ihr habt Euch unserem Befehl widersetzt.»

«Ich habe das Signalhorn nicht gehört, mein Herr», log Blackstone, «und als ich sah, dass Ihr in großer Gefahr wart, wollte ich Zeit schinden, um Euch Gelegenheit zu geben, das Feld zu verlassen.» Seine Stimme klang ernst und war frei von jeglicher spöttischer Note.

«Deshalb haben wir Euch gerufen. Um Euch zu danken», sagte der Prinz.

«Ihr braucht mir nicht zu danken, mein Prinz. Ich erfülle nur meine Treuepflicht.»

Dem Prinzen war anzusehen, wie schwer es ihm fiel, sich in Geduld zu fassen. «Wir müssen nicht verhätschelt werden, Thomas. Und es gehört nicht zu Euren Pflichten, uns bei Tag und Nacht zu bemuttern.»

«Gewiss nicht bei Nacht. Das Gedränge in Eurem Schlafgemach soll schließlich nicht noch größer werden, mein Herr», sagte Blackstone und lächelte.

Der Prinz war gnädig genug, seinem Ritter diese Kühnheit durchgehen zu lassen. «Es wäre auch eine lange und einsame Nacht für Euch, denn unsere Frauen blieben Euch vorenthalten.» Er seufzte. «Thomas, Ihr irritiert uns.»

Blackstone schwieg.

«Unsere Großmutter hat Euch nach England gelockt, Thomas, und dann umgarnt. Unser Vater wusste um ihre politischen Fähigkeiten und ihren Einfluss.» Der Geist von Isabelle der Schönen, einst Königin von England, suchte immer noch all jene heim, die sie gekannt hatten und in ihren Bann geraten waren.

«Ich stand unter dem Kommando einer Frau, die unter französischen Kavalleristen mehr Angst und Schrecken verbreitete als englische Bogenschützen, selbst dann noch, als sie krank war und im Sterben lag. Sie nahm meinen Arm als Stütze, und ich konnte ihr nichts ausschlagen. Das konnte wohl niemand. Sie verriet mir, wo ich meine Frau und Kinder finde, und ließ mich im Austausch versprechen, Euch zu beschützen. Wollt Ihr, dass ich wortbrüchig werde und Euch meinen Schutz entziehe?»

Edward senkte sein Kinn auf die Brust und starrte in die Flammen des Kohlenbeckens. Von Blackstone würde kein Mensch verlangen können, dass er seinem Treuegelöbnis abschwor. Das Leben des Prinzen war so eng mit seinem verflochten wie wilder Wein, der sich um einen Baumstamm geschlungen hatte. Was dem Prinzen ganz und gar nicht recht war. Aber so hatte es seine Großmutter eingefädelt, jene Frau, die bis zu ihrem Tod die englische Krone in Intrigen und politisches Ränkespiel verwickelt hatte. Sein Vater hielt sie immer noch in Ehren, entgegen Gerüchten, wonach er sie von seinem Hof verbannt habe. Und auch Blackstone fühlte sich ihr nach wie vor verpflichtet, nicht zuletzt darin, dass er Edward of Woodstock, den Prinzen, der ihn, den jungen Bogenschützen, zum Ritter geschlagen hatte, bis zu seinem letzten Atemzug beschützen und ihm dienen würde. Die Mutter des größten englischen Königs hatte sogar noch dafür gesorgt, dass Blackstone sich auf dem großen Turnier am Georgitag des vorletzten Jahres als Kämpfer gestellt hatte, ohne Farben und als unbekannter Ritter, der seinen Herausforderer, seinen Prinzen, freimütig über sich hatte triumphieren lassen. Den Zuschauern war es nicht aufgefallen, wohl aber Edward.

«Es hat uns sehr leidgetan, dass Eure Frau und Eure Tochter getötet wurden, Thomas. Wir haben sie in unsere Gebete eingeschlossen.»

Blackstone verbeugte sich. Der Prinz hatte ihn nicht rufen lassen, um sich bei ihm für seinen Einsatz im Graben zu bedanken oder um sein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen noch um ihn zu rügen dafür, dass er das Signalhorn missachtet hatte. Er führte mehr im Schilde und würde damit herausrücken, wenn er die Zeit gekommen sah.

«Findet Ihr einen Weg in die Stadt, Thomas? Gibt es eine Schwachstelle in den Verteidigungsanlagen? Verrät Euch Euer Auge als Steinmetz, wie sich die Mauern brechen lassen?»

«Die Bombarden sind wirkungslos. Wir haben versucht, die Tore niederzubrennen, doch diese Chance ist vertan, mein Herr. Die Franzosen werden jetzt auf der Hut sein. Einen Tunnel zu graben kommt auch nicht in Frage; der Untergrund besteht aus schierem Fels. Sollte es uns gelingen, eine Lücke in die Mauern zu reißen, wird Gaucher de Châtillon Ketten über die Straßen spannen, uns aufhalten, brennendes Pech und Öl von den Dächern herabgießen und uns aus allen Gassen angreifen lassen. Habt Ihr Caen vergessen? Eine Straßenschlacht in Reims wäre noch blutiger.» Blackstone legte eine Pause ein und kam dann zu seinem abschließenden Urteil. «Wir haben die größere Streitmacht, eine, die auf dem Feld jeden Gegner niederringt. Aber uns fehlen die Mittel, diese Stadt zu bezwingen. Der König sollte von einer Fortsetzung der Belagerung absehen.»

«Aber das wird er nicht», sagte der Prinz.

Blackstone erhob sich, als der Prinz, in Gedanken vertieft, ein Stück Brot in die Hand nahm und zum Mund führte, es aber dann doch nicht zwischen die Zähne steckte. «Mein Herr, ich bitte Euch. Sprecht mit ihm. Zieht die Herren Lancaster und Northampton zu Rate. Sie durchschauen die Lage. In Reims ist keine Krone zu holen. Wenn wir mit unserer Belagerung die Bürger der Stadt aushungern wollten, würden Monate vergehen, die die Franzosen nutzen könnten, um ein Heer aufzustellen, das noch viel größer sein wird als die Streitkräfte, mit denen wir es in Crécy und Poitiers zu tun hatten. Wir sind hier neunzig Meilen von Paris entfernt und werden um jede befestigte Stadt kämpfen müssen. Unser Versorgungstross hängt weit zurück. Hufschmiede und Zimmerleute, Baumaterial, Öfen, Kornmühlen, Boote – all das kommt nicht schnell genug nach. Ihr müsst zehntausend Soldaten ernähren, habt aber kaum Proviant mehr. Die Hälfte davon sind Bogenschützen, denen die Pfeile ausgehen. Sie sind hier verschwendet. Ihr könnt auf unsere Schützen nicht verzichten und sie Hungers sterben lassen, nicht jetzt, da wir in Frankreich einmarschiert sind.»

Seine Worte erregten den Prinzen. Er ging in seinem Zelt auf und ab und warf das Stück Brot auf den Boden. Ihm war klar, dass Blackstone die Situation treffend beschrieb. Er wusste auch, dass Blackstone ihn zu überzeugen versuchte, weil er die einzige Person war, die Einfluss auf den König hatte.

«Wir sind zu spät aus England aufgebrochen. Ein Winterfeldzug kommt uns teuer zu stehen», gab Blackstone zu bedenken.

«Für den König wird er teuer», blaffte der Prinz, der mit seiner Geduld am Ende war. «Das Geld kommt nicht aus der Schatzkammer, sondern aus der Tasche unseres Vaters. Er zahlt für diesen Krieg, und so war es an ihm zu entscheiden, wann wir einmarschieren. Hütet Euch, unseren König zu kritisieren! Ihr lagt betrunken in einem von Ratten verseuchten Keller, als wir nach Euch gerufen haben. Wahrscheinlich wärt Ihr inzwischen an Eurem Erbrochenen erstickt, hätten Euch Eure Getreuen nicht gefunden und hätte unser Vater nicht den Wunsch gehabt, Euch in den Krieg zu schicken.»

Blackstone neigte den Kopf. Dem wutentbrannten Prinzen länger die Stirn zu bieten wäre töricht. Blackstone wartete, bis er sich wieder halbwegs beruhigt hatte. «Es war kein Keller, mein Herr. Ich lag voller Trauer und mit einer Flasche in der Hand im Hinterzimmer eines heruntergekommenen Gasthauses.»

Der Prinz starrte ihn an. Blackstone war etwas größer als er. Seine Narbe war verblasst, zeichnete sich aber immer noch deutlich ab in seinem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht. Er hatte sie sich an jenem Tag zugezogen, als sie beide in die mörderische Hölle von Crécy gestoßen worden waren, doch noch tiefere Narben trug Blackstone nun von einem wilden Biest, das grausamer war als der Krieg. Es gab Wunden, die selbst den größten Kämpfer in die Knie zwangen. Dass er trotzdem hier vor dem Prinzen stand und sich wieder einmal als dessen Schild höchster Gefahr aussetzte, war wahrscheinlich dem Willen eines gütigen Gottes zuzuschreiben.

«Meinetwegen. Wir werden unserem Vater sagen, dass die Amme seines Sohnes der Meinung ist, er solle auf sein großes Vorhaben verzichten. Wir aber werden uns seinem Groll nicht aussetzen. Den Prügelknaben gebt Ihr.»

Blackstone senkte den Blick. Wieder einmal würde sein Name dem König zu Gehör gebracht und er in politische Ränke des Hofes verwickelt werden.

Der Prinz fuhr fort: «Als Ihr noch ein unabhängiger Hauptmann wart, habt Ihr eine Stadt nach der anderen erstürmt. Ihr und Eure Männer wisst, wie man Mauern schleift.»

«Aber nicht diese hier. Die hiesigen Mauern sind zu hoch, die Gräben zu tief. Leitern kommen nicht in Frage, und Eure Sturmtürme taugen nichts. Gegen die Verteidigungsanlagen anzurennen würde uns allzu große Opfer abverlangen.»

Der Prinz schenkte sich Wein ein. Nach kurzem Zögern füllte er auch den zweiten Pokal und reichte ihn Blackstone, der ahnte, dass sich nun herausstellen sollte, aus welchem Grund er tatsächlich gerufen worden war.

Er nahm den Pokal aus der Hand des Prinzen entgegen.

«Nein, nicht hier, Thomas. Wir haben ein lohnenderes Ziel vor Augen.»

Kapitel Vier

«Sapperlot, Thomas, das passt mir überhaupt nicht. Ich bin zufrieden hier», sagte Killbere. «Vielleicht bietet sich demnächst eine bessere Gelegenheit, die Stadt zu erstürmen.»

Blackstone führte ihn durch das Feldlager der Soldaten, die unter tropfnassen Decken vor spärlichen Feuern hockten und mit rot geränderten Augen in die Flammen starrten. In einigem Abstand sah er Meulon und Gaillard, die seine Männer um sich scharten. Manche brauchten einen Fußtritt, um sich von ihren Decken zu erheben. Nicht so die Bogenschützen, die mit Will Longdon das Feld verließen. Ihr Weg und der, den er mit Killbere eingeschlagen hatte, würden in einer halben Meile am Waldrand zusammentreffen, wo die Pferde standen. Dorthin unterwegs waren auch John Jacob und Henry sowie zwei Waffenknechte, die deren Rüstung und Waffen trugen.

«Gilbert, ich bin von meinen Pflichten dem Prinzen gegenüber entbunden. Wir haben etwas für den König zu tun.»

«Aha», erwiderte Killbere und spuckte aus. «Das haben wir doch immer. Wir töten Franzosen, die wie Hunde aus dem Hals riechen und sich in die Beinlinge machen, wenn sie unsere Fahnen sehen. Ich mache keine Gefangenen und sorge für Ströme von Tränen unter Witwen und Waisen. Mehr kann ich nicht tun. Wie gesagt, ich bin zufrieden hier.»

«Hier im kalten Regen, wo wir kaum etwas zum Beißen haben, geschweige denn halbwegs trinkbaren Wein?», entgegnete Blackstone. «Und keine Beute auf unseren Packpferden oder Frauen, die rittlings auf unserem Schoß sitzen. Himmel, Mann, wie kannst du noch länger hier im Schlamm hocken und dich nach nichts anderem sehnen?»

«Du sprichst von Frauen?», hakte Killbere nach und beeilte sich, mit Blackstone Schritt zu halten. «Soll das heißen, da, wo wir hingehen, gibt es Frauen? Lass das nicht Will Longdon hören, sonst kennt er kein Halten mehr. Er macht schon den kleinen Stallburschen schöne Augen. Nicht auszuhalten ist der Kerl, wenn er über längere Zeit Verzicht üben muss.» Er wartete auf eine Antwort, doch Blackstone schwieg. «Wo sollen diese Frauen sein?»

«Alles zu seiner Zeit, Gilbert. Henry», sagte er zu seinem Sohn, der zu ihnen aufgeschlossen hatte, «lauf vor und lass die Pferde satteln. Die Schützen brauchen gute Pferde, und dass sich ja keins wund scheuert am Sattel. Sag den Burschen, dass ich im Auftrag des Prinzen handle.»

Der Junge rannte los.

«Er gehorcht aufs Wort, Sir Thomas», sagte John Jacob.

«Das tut auch ein Esel, wenn man ihn schlägt», erwiderte Blackstone. Würde es irgendwelche Probleme mit Henry Blackstone geben, wäre es an ihm, John Jacob, den Jungen zu züchtigen.

«Er ist kein dummer Junge, er hat Bildung und weiß, was er will», sagte John Jacob. Und dann, wie als Antwort auf eine unausgesprochene Frage: «Ich musste ihn bislang kein einziges Mal strafen.»

«Er ist zwölf Jahre alt. Er braucht Disziplin, wie alle jungen Burschen», meinte Killbere. «Gegen eine ordentliche Tracht Prügel ist nichts einzuwenden. Jungen brauchen eine feste Hand. Mir hat sie jedenfalls nicht geschadet.»

«Aye, Sir Gilbert, aber in ihm steckt viel von seinem Vater. Er ist stur und stellt Fragen, mitunter so hartnäckig, dass einem der Kopf schwirrt. Er strebt nach Wissen und will seinem Vater gefallen.»

Killbere lachte, was allerdings eher wie ein Grunzen klang. «Thomas weigert sich hartnäckig, auf Fragen zu antworten. Stimmt’s, Thomas? Rück endlich raus mit der Sprache. Wohin gehen wir?»

Blackstone lächelte und nickte in Richtung auf Meulon und Gaillard, die am Waldrand auf sie warteten. «Ich antworte dir, wenn die Hauptmänner zur Stelle sind, Gilbert.»

Meulon grinste. «Wir sind bereit, Sir Thomas. Die Männer freuen sich, endlich von hier wegzukommen.»

«Nur zwei Tage Kampf und ansonsten untätig den Hintern plattsitzen macht nicht gerade Hoffnung auf reiche Beute», sagte Gaillard.

«Wir hätten das Tor niederreißen können, Sir Thomas», meinte Meulon. «Ich will verflucht sein, wenn wir das nicht geschafft hätten. Zum Rückzug zu blasen war falsch. Noch eine Stunde, und wir hätten die Mistkerle direkt vor der Klingenspitze gehabt.»

Blackstone legte Meulon eine mitfühlende Hand auf die Schulter. «Wenigstens müssen wir uns jetzt nicht länger vollregnen lassen.»

Die kleine Truppe folgte Blackstone durch den Wald zu einer Lichtung, auf der die nachrückenden Streitkräfte lagerten. Will Longdon wartete auf seinen Herrn. Blackstones Centenar hätte eigentlich hundert Schützen befehligen sollen, aber ihm stand nur etwa die Hälfte zur Verfügung. Selbstbewusste bis überhebliche und vor allem zähe Kerle, dachte Blackstone, als er den Blick über sie schweifen ließ. Unvergleichlich in der ganzen Armee. In den Straßen von Reims losgelassen, wären sie schneller als ihre Pfeile und doppelt so tödlich. Ein Teil von Blackstone war froh darüber, dass sich die Stadtmauern nicht ohne weiteres brechen ließen, denn ihm war klar, dass sich viele der Männer über das von ihm erlassene Vergewaltigungsverbot hinwegsetzen würden. Zu viel Wein und Gelüste würden jede Anordnung vergessen lassen. Und dann müsste er die Ungehorsamen aufknüpfen.

Manche Männer trugen die grünweißen Röcke der Bogenschützen aus Cheshire und Flint, auf den Joppen anderer prangte das Kreuz des heiligen Georg und Blackstones Wappen. Jack Halfpenny und Robert Thurgood standen an Will Longdons Seite. Unter dem Vorwand, seinen Helm zu richten, stieß Halfpenny Longdon unauffällig an, der daraufhin zögernd nach vorn trat.

«Himmel hilf!», murmelte Killbere. «Wenn mich nicht alles täuscht, erwartet uns eine Klage.»

«Will?», sagte Blackstone.

«Sir Thomas», antwortete Longdon, der, obwohl er zu den ältesten Gefährten des Ritters zählte, für alle hörbar Respekt in seiner Stimme anklingen ließ. Er kam näher und senkte seine Stimme. «Es ist wegen der Schützen aus Cheshire und Wales», erklärte er und zuckte verlegen mit den Achseln. «Was soll ich mit ihnen machen? Sie sind von ihren Hauptmännern geschickt worden. Von den Männern aus Flint verstehe ich kein verdammtes Wort, und die aus Cheshire halten sich für ein Geschenk der Jungfrau Maria. Soll ich sie zurückschicken?»

«Wir brauchen sie, Will», erwiderte Blackstone. «Wir haben sechsundzwanzig Waffenknechte und nur vierunddreißig eigene Bogenschützen. Der Prinz hat unsere Reihen aufgestockt.»

Longdon verzog das Gesicht. «Die Männer aus Cheshire hassen die Waliser, weil sie vor der Einschiffung darauf bestanden haben, ihren Sold ausgezahlt zu bekommen. Deswegen wird heftig gestritten, und ich fürchte, sie könnten sich gegenseitig an die Gurgel springen.»

Blackstone schaute an ihm vorbei auf die grimmig dreinblickenden Schützen in Grün und Weiß. «Gut zu hören, dass euer Centenar große Stücke auf euch hält», rief er ihnen zu und hörte, wie Will Longdon leise stöhnte. «Euer König und Prinz haben euch unter mein Kommando gestellt. Will Longdon spricht in meinem Namen, wenn es zum Kampf kommt.»

Killbere senkte den Kopf und flüsterte Will Longdon zu: «Sei kein Schwächling und tu, was zu tun ist. Unser lieber Herr Jesus hat auch für deine Sünden am Kreuz gelitten, du Heidenbastard, also tu deine Pflicht, bevor er ein zweites Mal aufersteht.»

Will Longdon biss die Zähne aufeinander und befahl seinen Männern: «Holt eure Pferde!»

Blackstone wandte sich an Killbere. «Du machst dich gut als Priester, Gilbert. Mir scheint, diese Nonne hat eine bleibende Wirkung in deiner Seele entfaltet.»

«Sie hat mich angesteckt, wenn du’s genau wissen willst. Sie war mit jedem verdammten Kerl zusammen, was ich damals aber nicht wusste. Lach nicht. Mag sein, dass ich ein gebrochenes Herz zurückgelassen habe, aber glaub mir, es gehen sehr viel mehr gebrochene Schädel auf meine Kappe.»

«Hast du vorher nicht behauptet, sie sei zu gut für dich gewesen, weshalb du nicht mit ihr ins Bett gegangen bist?», erinnerte Blackstone.

«Ach», winkte Killbere ab. «Das war doch eine andere Nonne.» Er grinste.

 

Blackstone ließ seine Hauptmänner antreten. Meulon und Gaillard standen wie granitene Torpfosten zu beiden Seiten der Männer, die einen Halbkreis gebildet hatten und auf dem Boden hockten. Jack Halfpenny war zum Ventenar über zwanzig Schützen befördert worden und gehörte nun zur Gruppe der Anführer wie auch Robert Thurgood, der wie Halfpenny in Italien zu Blackstones Truppe gestoßen war und sich als loyal erwiesen hatte, als die Männer im vorvergangenen Jahr ihren Weg zurück nach England erstritten hatten. Auch Perinne zählte zur Riege der Hauptmänner. Er war einer der wenigen, die die vielen Jahre des Kampfes an der Seite Blackstones überlebt hatten. John Jacob und Killbere saßen auf halben Fässern und blickten auf die Stöcke und Steine, die Blackstone zu einer Landkarte auf dem Boden angeordnet hatte. Mit Blackstone zogen nun auch ein halbes Dutzend Deutsche, von denen er einen, Renfred, zum Hauptmann ernannt hatte. Auch sie hatten sich als gute Kämpfer und treue Gefolgsleute erwiesen.

«Solange der Dauphin nicht bezwungen und Frankreich erobert ist, leidet unser König Not. Er braucht Geld», erklärte Blackstone.

«Gott segne unsern hohen Herrn», sagte Longdon, «aber er sollte mal versuchen, mit sechs Pence am Tag auszukommen, wie wir es müssen, die berittenen Schützen.»

Killbere versetzte dem Veteranen einen sanften Stoß. «Sei froh, dass er dich nicht zahlen lässt für jeden verschossenen Pfeil.»

«Dann hätten wir jedes Gefecht von vornherein verloren», meinte Meulon. «Will würde, wenn er einen Pfeil auflegt, mit einer Hand seinen Geldbeutel festhalten.»

«Die Invasion unseres Prinzen hat Söldner auf den Plan gerufen», sagte Blackstone. «Gut möglich, dass wir es mit denen unterwegs zu tun bekommen.»

«Schinder?», fragte Jack Halfpenny. «Wären wir in dem Fall nicht zu wenige, Sir Thomas?»

«Mit unserer kleinen Truppe sind wir unauffälliger und kommen schneller voran. Allerdings könnten die Söldnerhaufen vor uns Städte und Ortschaften plündern und nichts für uns übrig lassen. Übrigens hat einer der Vasallen des Dauphins die regionale Münzstätte in Besitz genommen. Er versorgt den Dauphin mit Geld, hat aber noch genügend Silber und Goldmünzen übrig, um Söldnerkommandeure an sich zu binden und zu bezahlen, damit sie uns angreifen. Das hier habe ich von unserem Prinzen.» Er schüttelte ein paar Goldmünzen aus seiner Börse, nach denen sofort mehrere Hände griffen.

Will Longdon drehte eine der Münzen zwischen seinen Fingern. «Mouton d’or. Das Lamm Gottes», grinste er. Halfpenny zeigte sich verblüfft. «Ich schätze, in deinem Beutel sind selbst Silberpennys Fremde, Jack.» Will hob die Münze zwischen Daumen und Zeigefinger. «Seht ihr das? Die Gravur? Das Schaf mit Heiligenschein und Banner? Das soll unser Herr Jesus sein.»

«Wie kann ein Schaf unser Herr sein?», fragte Halfpenny und taxierte die Münze mit halb zusammengekniffenen Augen.

«Weil … Weil es …» Will Longdon fand keine Worte.

«Das ist kein Schaf, sondern ein Lamm», korrigierte Gaillard. «So steht’s im Alten Testament. Unser Herr wurde geopfert, wie ein Lamm geopfert wird. Das steckt dahinter.»

Longdon nickte. «Genau. Unser Gaillard sieht nur aus wie ein wilder Mann. Mag auch sein, dass er so groß und so dumm ist wie ein Baum, aber er kennt seine Heilige Schrift. Würde mich nicht wundern, wenn ihm als Messdiener ein Pfaffe die entsprechenden Lektionen eingetrichtert hat.»

«Ich werde dir gleich meinen Speer von hinten eintrichtern», entgegnete der Normanne, der an Wills Frotzeleien gewöhnt war.

Robert Thurgood leckte an seiner Münze. «Gold. Nichts schmeckt besser.»

Killbere hatte sich nicht herabgelassen, nach dem Geld zu greifen. Stattdessen nahm er Thurgood das Goldstück einfach ab. «Wie viel kriegen die Schinder?»

«Einem sind zwanzigtausend geboten worden», antwortete Blackstone.

Killbere staunte nicht schlecht. «Das Lamm Gottes ist unter die Wölfe gefallen», bemerkte er. «Damit könnten sich selbständige Hauptmänner zur Ruhe setzen und eine Wehrmauer zum eigenen Schutz errichten lassen. Das Sümmchen sollten wir einstreichen.»

«Nein, der König», korrigierte Blackstone.

«Zahlen wir’s also dem König heim», knurrte Killbere und warf Blackstone einen Blick zu, mit dem er anzudeuten schien, dass genug da sei, um mit der königlichen Schatzkammer zu teilen.

Blackstone ignorierte ihn. «Je mehr wir den Franzosen abknöpfen, desto eher kann sich Edward die Krone aufsetzen. Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir den Dauphin vor die Stadtmauern von Paris locken. Das Land verwüsten, Städte und Dörfer ausplündern und alles Geld einstreichen, das er bräuchte, um Truppen und Söldner für sich kämpfen zu lassen.» Er streckte die Hand aus, um sich die Münzen zurückgeben zu lassen, und zeigte, nachdem sie wieder im Geldbeutel waren, mit dem Stock auf seine Landkarte am Boden. «Wir ziehen in südöstlicher Richtung, an etlichen Ortschaften vorbei. Jenseits des Flusses liegen zwei befestigte Städte. Eine davon hat das Geld.»

«Woher wissen wir das? Von Deserteuren?», fragte Meulon. «Die könnten von den Franzosen geschickt worden sein, um uns in eine Falle zu locken. Zum Beispiel in den Fluss, der womöglich tiefer ist als gedacht.»

Will Longdon sagte: «Meulon hat recht. Erinnert euch, wie viel Zeit wir damals auf unserem Marsch nach Crécy vergeudet haben, als es darum ging, Flüsse zu überqueren. Nur mit Glück findet man eine geeignete Furt.»

«Ich weiß, wo eine ist, und zwar von Gefangenen, nicht von Deserteuren», entgegnete Blackstone. «Die Stadt heißt Cormiers. War einer von euch schon mal dort?»

Die Männer schüttelten den Kopf. Durch diesen Teil Frankreichs war noch niemand gezogen.

«Laut Auskunft unserer Gefangenen wird die Stadt von gut zweihundert Soldaten verteidigt», erklärte Blackstone.

Killbere stimmte Halfpenny zu: «Wir sind zu wenige, um befestigte Städte einzunehmen.»

«Der König hat uns Chandos zu Hilfe geschickt. Er führt drei Hundertschaften an und könnte zuschlagen, sobald wir die Mauern überwunden haben.»

In der englischen Armee wussten alle um Sir John Chandos. Der betagte Ritter war für seinen Mut und seine strategischen Fähigkeiten weithin bekannt, nicht zuletzt auch für die Ausführung seiner Kriegspläne, wenngleich es meist Blackstone und seinen Männern überlassen blieb, den Feind ins Mark zu treffen.

«Dann gehen wir das größere Risiko ein», meinte Perinne.

«Wann täten wir das nicht?», entgegnete Killbere. «Wie finden wir diese Stadt?», fragte er Blackstone.

«Auch das haben die Gefangenen verraten.» Er zeigte mit dem Stock auf die Stelle, wo er die Aisne zu überqueren gedachte und die größte Gefahr durch Franzosen und Söldner drohte. Letztere streiften frei und häufig in Haufen von mehreren hundert Mann durch die Lande; manche zählten an die zweitausend. Man konnte nur hoffen, dass die Schinder die vergleichsweise kleine englische Truppe nicht eher entdeckten als diese den stärkeren Feind.

«Perinne, finde mit Jack einen Weg entlang der Route, die ich euch gerade gezeigt habe. Und nehmt ein Dutzend Bogenschützen mit für den Fall, dass ihr euch verteidigen müsst. Wir folgen im Abstand einer Stunde.» Blackstone betrachtete jeden Einzelnen und gab allen die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Die Männer starrten auf die Zeichnung am Boden und sahen die Wirklichkeit vor ihrem geistigen Auge. Keiner sprach.

«Also gut», sagte Blackstone. «Wir reiten in gemächlichem Tempo und treffen uns in vier Tagen mit Chandos.»

Er ging auf die Pferde zu, die am Rand der Lichtung angebunden waren. Sein Schlachtross stand am tiefsten im Wald und war in der Dunkelheit kaum auszumachen. Es ließ den mächtigen Kopf hängen und hatte die Augen geschlossen, die Ohren aber richteten sich auf Blackstone, obwohl er kaum hörbar durch das feuchte Gras stapfte. Es täuschte vor zu schlafen.

Blackstone blieb stehen und wartete. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, sich seinem Bastardpferd nicht allzu sorglos zu nähern. Auch wenn es an den Füßen gefesselt war, konnte es immer noch mit seinen gelben Mahlsteinzähnen zuschnappen. Er machte einen weiteren Schritt. Der Legende nach, die von den Stallknechten immer wiederholt wurde, war das hässliche Tier vom Teufel gezeugt worden und in seiner Angriffslust unaufhaltsam. Ein Rammbock in der Schlacht. Die beschlagenen Hufe waren so breit wie die Hand eines Mannes und zertraten, was darunter geriet. Mächtige Schultermuskeln spannten über einem unermüdlichen Herzen. Das Tier war von etlichen Narben gezeichnet, und doch liebte Blackstone es mehr als jedes andere Pferd. Es hatte das feurige Temperament eines Kämpfers.

Blackstone machte ein kleines Geräusch mit den Lippen. Es schüttelte den Kopf, die Augen immer noch geschlossen.

«Verflucht», sagte er leise. «Du glaubst doch wohl nicht, dass ich mich von dir verschaukeln lasse.» Er hielt dem Pferd die offene Hand vor die Nüstern, um sich zu erkennen zu geben, obwohl es ihn schon an der Stimme erkannt hatte. Und plötzlich öffnete es die Augen, zog die Lippen über die Zähne zurück, schnappte zu und zerrte an den Fesseln. Er schlug ihm aufs schnaubende Maul. «Bastard», murmelte er und warf ihm vorsichtig die Satteldecke über den Rücken. Als er den hohen Kriegssattel auflegte, wogegen es seine Abneigung bewahrt hatte, ging ein Zittern durch seinen kräftigen Körper. Er zog am äußeren Zügel, um zu verhindern, dass es mit dem Kopf schlug und wieder nach ihm zu schnappen versuchte, und saß auf. Es hob den Kopf, drehte die Ohren nach vorn und trottete, ohne dass er ihm ein Kommando gegeben hätte, los, um sich den anderen wartenden Reitern anzuschließen. Wiehernd nahm das Bastardpferd seinen rechtmäßigen Platz an der Spitze der Kompanie ein.

Ein unsteter Wind trieb den Nebel durch kahle Bäume hinweg. Blackstone trieb sein Pferd an. Wie die dunklen Geister in den Tiefen des Waldes lauerten Dämonen in seinem Innersten. Je schneller er sie verfolgte und stellte, desto eher mochte er sie bezwingen.

Kapitel Fünf

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