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Was haben das Leipziger Völkerschlachtdenkmal und Reclams Universal-Bibliothek gemeinsam? Beide gehen auf Leipziger Freimaurerpersönlichkeiten zurück. Das 1913 geweihte Völkerschlachtdenkmal erinnert noch heute eindrücklich an eine der größten Feldschlachten der Weltgeschichte. Im Oktober 1813 besiegelten die verbündeten Armeen von Österreich, Preußen, Russland und Schweden – darin zahlreiche Freimaurer – das Ende der napoleonischen Herrschaft über Deutschland und Europa. Seine Errichtung verdankt der Bau dem Wirken des Leipziger Architekten und Freimaurers Clemens Thieme. Ist das Denkmal ein Freimaurertempel und welchen Einfluss nahmen die Logenbrüder auf seine Entstehung? Leipzig als Stadt des Handels, der Bildung und der Kultur blickt auf ein reiches freimaurerisches Erbe zurück. Ausgehend von den Anfängen, der 1741 gegründeten Loge Minerva zu den drei Palmen, entwickelte sich die Stadt bis 1933 zu einer Hochburg der Königlichen Kunst in Deutschland. Freimaurerische Werte wurden im bürgerschaftlichen Handeln von Kaufleuten, Gelehrten, Baumeistern, Musikern oder Verlegern weit über die Stadtgrenzen hinausgetragen. Welchen Anteil haben Unternehmer wie Breitkopf, Tauchnitz, Reclam oder Weber am einzigartigen Ruf der Verlags- stadt Leipzig? Das Buch nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise zu freimaurerischem Wirken in Wort und Stein.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2020
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EPUB: ISBN 978-3-96286-135-4
Copyright © 2009 / 2020 by Salier Verlag
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Christine Friedrich-Leye, Leipzig
Herstellung: Salier Verlag, Bosestr. 5, 04109 Leipzig
www.salierverlag.de
Introductio – Über dieses Buch
Die Schlacht, das Denkmal und die Freimaurer
Völkerschlacht und Freimaurerei
Die Tage der Völkerschlacht
Leipzig und die Folgen der Völkerschlacht
Gebhard Leberecht von Blücher
Heinrich Wilhelm von Zeschau
Johann Gottlieb Samuel Carl Heun
Johann Christian August Clarus
Freimaurer in der Schlacht
Völkerschlachtdenkmal und Freimaurer
Der Weg zum Völkerschlachtdenkmal
Das Denkmal wird Realität
Aufbau und Deutung des Denkmals
Die Denkmalsweihe – profan und maurerisch
Clemens Thieme – ein Leben für eine Idee
Bruno Schmitz – der Architekt des Denkmals
Verlagsstadt Leipzig und Freimaurerei
Die Buchstadt Leipzig
Die Entwicklung zur Buchstadt
Stapelplatz der Gelehrsamkeit – Zentrum der Aufklärung
Was Leipzig druckt, sey prächtig schön
Hier waren wir, hier sind wir, hier wollen wir bleiben
Der friedliche Wettbewerb aller Kulturvölker
Freimaurerische Verlegerpersönlichkeiten
Breitkopf – der älteste Musikverlag der Welt
Das Bureau de Musique Hoffmeister & Kühnel
Veuillez sans peur – die Verlegerdynastie Reclam
Koran und Heidenmission – der Tauchnitz Verlag
Der Verleger Benedictus Gotthelf Teubner
Johann Jacob Weber & Carl Berendt Lorck
Otto Wigand – Verleger, Politiker, Freimaurer
Das bewegte Leben des Joseph Gabriel Findel
Der Humanist und Buchhändler Karl Markert
Anhang
Personenverzeichnis
Logenverzeichnis
Quellen- und Literaturverzeichnis
Bildnachweis
Über den Autor
Seit dem Jahr 1913 ragt weithin sichtbar ein geheimnisvoll wirkender Baukörper in die Silhouette der Stadt Leipzig. Es ist mit 91 Metern Höhe der größte Denkmalsbau in Europa und erinnert an eine der größten Schlachten der Menschheitsgeschichte, die Leipziger Völkerschlacht.
Wie kaum ein anderes Bauwerk vermag es das Völkerschlachtdenkmal, seine Besucher zu beeindrucken. Neben seinen monumentalen Ausmaßen macht dies vor allem die ungewöhnliche Gestaltung seines Inneren und Äußeren. Seit der Einweihung im Jahre 1913 ist es eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der an Sehenswertem sonst nicht armen Messestadt. Ob für den Sonntagsausflug mit der Familie, als touristisches Konditionstraining im Treppensteigen für Gäste oder einfach als Kulisse für alles und jeden, dieses Bauwerk hat einen festen Platz im Bewusstsein der Leipziger und derer, die es gerne wären. Das gewaltige Monument umgibt für viele Menschen etwas Geheimnisvolles, Mythen, Legenden und versteckte Botschaften ranken sich um seine wahre Bedeutung. Besonders beliebt ist dabei das Bild vom Freimaurertempel. Und tatsächlich, es gibt zahlreiche Bezüge zur Freimaurerei. So geht die Initiative für das Denkmal auf Leipziger Freimaurer zurück, deren Geisteshaltung sich daher natürlich auch in der Gestaltung widerspiegelt. Wie aber sah die Geisteshaltung der Erbauer aus? Die Antwort auf diese Frage ist der eigentliche Schlüssel zum Verständnis der Symbolik.
Einmal im Jahr treffen sich während der Leipziger Buchmesse Hunderte Freimaurer aus Deutschland und aller Welt, um an einer Tempelarbeit in den Katakomben des Denkmals teilzunehmen.
Angeregt durch diese ungewöhnliche Veranstaltung entstand die Idee zu dem vorliegenden Buch Leipziger Freimaurer in Wort und Stein. Es lädt ein zu einer Entdeckungsreise durch Leipzigs reiches freimaurerisches Erbe als Stadt der Bücher und als Schauplatz der Völkerschlacht von 1813. Anhand einer Auswahl verschiedener Persönlichkeiten, die die Geschicke dieser Stadt und damit auch ihre Geschichte teils maßgeblich beeinflussten, wird das Wirken von Freimaurern in Leipzig dargestellt. Sie waren brave Bürger oder verwegene Abenteurer, erfolgreiche Verleger, streitbare Schriftsteller, aufstrebende Baumeister und tatkräftige Bürgermeister. Sie standen sich als Soldaten in einer der größten Schlachten der Menschheitsgeschichte gegenüber oder kämpften als Ärzte um das Leben tausender Versehrter.
Das Buch ist eine Einladung, Freimaurerei und Geschichte einmal aus einer anderen und sicherlich spannenden Perspektive zu betrachten. Denn kaum eine gesellschaftliche Organisationsform wird in der Öffentlichkeit so widersprüchlich wahrgenommen wie die Freimaurerei. Seit Jahrhunderten regt dieser mehrheitliche Männerbund zu fantasievollen Spekulationen über geheime Machenschaften und diskrete Netzwerke an. Die Mitgliedschaft in einer Loge trägt bis heute das Etikett des Geheimnisvollen. Wunsch und Wirklichkeit! War die Erforschung der Freimaurerei lange Zeit Domäne der Bruderschaft selbst oder Bühne zahlreicher selbsternannter Enthüller, rückt sie seit 1945 verstärkt auch in das Blickfeld der Wissenschaft. Das Wirken der Freimaurer bietet dabei Ansatzpunkte für zahlreiche Disziplinen, von der Soziologie und Kommunikationsforschung über Religionswissenschaft bis zur Literaturwissenschaft.
Leipziger Freimaurer in Wort und Stein ist ein allgemeinverständlicher Beitrag zur Beziehung von Freimaurerei und Stadtgeschichte mit überregionalem Bezug.
Alexander Süß
Leipzig, im September 2009
Die große Schlacht ist gewonnen, der Sieg ist entscheidend. Gestern kämpften die ungeheuren Massen gegeneinander. Ein Schauspiel, wie es seit Tausenden von Jahren nicht gegeben hat. (...) Viel Blut ist gefloßen. Auf meilenlangen Strecken liegen die Toten und Verstümmelten.
So berichtete August Neidhardt von Gneisenau seiner Frau Caroline in einem Brief vom 19. Oktober 1813. An diesem Tag hatten drei Armeen der Alliierten Österreich, Preußen, Russland und Schweden in einer der blutigsten Feldschlachten der Weltgeschichte nicht nur das Hauptheer Kaiser Napoléon I. Bonapartes und seiner Verbündeten, sondern auch die Hegemonie des napoleonischen Frankreich über Europa zerschlagen.
Der französische Kaiser befand sich in Folge – eines Großteils seiner einstmals gewaltigen Grande Armée verlustig und von den Koalitionstruppen gedrängt – auf der Flucht nach Frankreich, wo man ihn nach zahlreichen kleineren Schlachten Ende März 1814 in Paris stellte.
Mit Napoléons Abgang von der Bühne der Weltpolitik und den Beschlüssen der Wiener Kongressakte schlossen die europäischen Mächte das letzte Kapitel der Napoleonischen Kriege, denen im Laufe von 23 Jahren in Europa etwa 6,5 Millionen Soldaten und Zivilisten zum Opfer gefallen waren.
Damit wurde die Völkerschlacht ein Ereignis von welthistorischem Rang.
Drei Schüße aus schwerem Geschütz verkündeten den Beginn der Schlacht. Der Kanonendonner von 2.000 Feuerschlünden durchbrüllte das Feld, und die Erde erbebte.
Was aber war in Leipzig geschehen? Als die Herrscher Preußens, Österreichs und Russlands an eben jenem 19. Oktober 1813 unter dem Jubel der Leipziger Bürger als Sieger in die Stadt einzogen, lagen drei verlustreich durchkämpfte Tage hinter ihnen. Drei Tage zwischen Leben und Tod, Sieg und Niederlage, drei Tage, in denen das Schicksal Europas seine entscheidende Wendung nahm und die Stadt Leipzig, im Gegensatz zu den sie umgebenden Dörfern, von der Zerstörung weitestgehend verschont geblieben war. Während die Alliierten die gemeinsame Strategie verfolgten, nur zusammen die Grande Armée zu schlagen, war es Napoléons Ziel, eben diese Konfrontation der Hauptheere zu vermeiden und statt dessen jede der drei alliierten Armeen einzeln zu bekämpfen.
Bereits am 14. Oktober 1813 kam es in Liebertwolkwitz im Leipziger Süden zu einem Reitergefecht zwischen den Kontrahenten. Napoléon, der nun eine Entscheidungsschlacht suchte, hatte bis zum 15. Oktober 1813 den größten Teil seiner auf 210.000 Mann geschrumpften Armee im Leipziger Süden zwischen Connewitz und Holzhausen in Stellung gebracht. Ihm gegenüber versammelte sich die 310.000 Mann zählende alliierte Hauptarmee. So standen sich in diesen Oktobertagen 1813 etwa eine halbe Million Angehörige nahezu aller europäischer Nationen in verfeindeten Lagern gegenüber. Auf napoleonischer Seite fochten polnische, sächsische, badische, württembergische und französische Truppen, die Koalition versammelte Preußen, Russen, Schweden und Österreicher.
Die Truppenbewegungen am entscheidenden 3. Tag der Völkerschlacht
Die ersten Gefechte der Völkerschlacht setzten am Samstag, dem 16. Oktober, ein, als preußisch-russische Truppen die französischen Stellungen im Südosten und Norden vor der Stadt angriffen. Prinz Eugen von Württemberg, General der russischen Infanterie, hatte mit seinen Soldaten in Wachau die erste Attacke angeführt. Die starken Verluste dieses Tages auf Seiten der Alliierten führten zu einer Schwächung der ganzen Linie der Verbündeten.
Während es am Sonntag, dem 17. Oktober, bis auf weitere alliierte Eroberungen im Norden ruhig blieb, sollte der Folgetag die Entscheidung bringen. Napoléon hatte bis zuletzt darauf gesetzt, mit einem Waffenstillstandsangebot an die Koalition die weitere Konfrontation zu seinen Gunsten abzuwenden, erkannte jedoch zu spät die Hoffnungslosigkeit dieses Ansinnens. Gegen 2 Uhr morgens zogen sich die französischen Truppen weiter Richtung Stadtgrenze zurück. Am Nachmittag attackierte die Allianz die französischen Stellungen im Nordosten, nahm mehrere Ortschaften ein und hatte schließlich die Stadt fast völlig umschlossen.
Einzug der verbündeten Herrscher während der Siegesparade auf dem Marktplatz
Die Aussichtslosigkeit der Lage verstärkte der Übergang der sächsischen und württembergischen Verbündeten Frankreichs zu den Alliierten. In der Nacht zog Napoléon einen Großteil seines Heeres aus Leipzig und Umgebung ab, ließ nur drei Korps in der Stadt zurück, um diese zu verteidigen und den nicht eingeplanten Rückzug zu decken. Am Morgen des 19. Oktobers wurde schließlich die Stadt gestürmt, die Koordination von Verteidiger und abziehenden Truppen brach zusammen. Die unglücklich frühe Sprengung des letzten freien Überganges aus Leipzig, der Elsterbrücke, machte einen weiteren französischen Abzug unmöglich. Die Völkerschlacht fand hier ihr Ende.
Die zügelloseste Phantasie ist nicht imstande, sich ein Bild des Jammers in so grellen Farben auszumalen, als ich es hier in der Wirklichkeit vor mir fand.
Die Statistik gibt mit weit mehr als 117.000 toten oder verwundeten Soldaten aus allen Lagern nüchtern Auskunft über den enormen Verlust menschlichen Lebens. Von den am 15. Oktober 1813 versammelten 210.000 Soldaten der napoleonischen Truppen fielen innerhalb von drei Tagen 38.000 Mann, 23.000 blieben verletzt in Lazaretten zurück und 15.000 gerieten in Gefangenschaft. Vergleicht man diese Zahlen mit der damaligen Einwohnerzahl Leipzigs von etwa 33.000 Bürgern, wird eine weitere Dimension der Völkerschlacht deutlich, die Lage der Zivilbevölkerung.
Besonders hart hatte es die Bewohner des Königreiches Sachsen getroffen, das seit 1806 durch Einquartierungen, Requirierung von Lebensmitteln, Abgaben und Stellung von Truppenkontingenten für die Grande Armée die Hauptlast der napoleonischen Expansionspolitik zu tragen hatte und 1813 zusätzlich Hauptkriegsschauplatz wurde. So wurden alleine in Leipzig im Januar 1813 über 16.300 Soldaten einquartiert. Der Alltag in dieser zuvor reichen Stadt war geprägt von Grundnahrungsmittelknappheit, Platzmangel und schlechten sanitären Bedingungen. Mit dem für die Gesundheit der Bevölkerung und Überwachung der Lazarette zuständigen Stadtphysicus in Leipzig fand sich ein Freimaurer in führender Verantwortung für das Überleben Zehntausender Menschen. Schon vor Beginn der Völkerschlacht waren in Leipzig 15.000 kranke und verwundete Soldaten zu versorgen, diese Zahl stieg durch die Schlacht auf 38.000 Versehrte, die in 50 Spitälern und Notlazaretten kaum mehr als notdürftig behandelt werden konnten.
Typische französische Lazarettbaracke vor den Toren der Stadt Leipzig
Besonders bedrückend war der Mangel an Ärzten, da aus der Stadt selbst und der Umgebung nur ein Viertel der eigentlich benötigten medizinischen Fachkräfte gestellt werden konnte. Unter den rund 70 Wundärzten, Chirurgen und Apothekern, die täglich gegen den allgegenwärtigen Tod in den Lazaretten ankämpften, fanden sich etwa 50 Freimaurer aus den drei Leipziger Logen. Überall in der Stadt irrten Verwundete auf der Suche nach Nahrung und medizinischer Versorgung umher. Die schlechten sanitären Bedingungen führten zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten und Seuchen wir Ruhr, Typhus und Fleckfieber. Dem so genannten Nervenfieber (Typhus abdominalis) fiel zwischen Januar 1813 und Juni 1814 ein Zehntel der Leipziger Bevölkerung zum Opfer. Neben dem individuellen Bemühen zahlreicher Freimaurer vermochten auch die Logen selbst, das Ihrige zu tun, um dem allgegenwärtigen Elend etwas entgegen zu setzen. So beispielsweise die Loge Minerva zu den drei Palmen mit ihrem Aufruf an correspondirende Logen und Brüder zur Unterstützung der mehr als 50 Ortschaften um Leipzig, (...) größtentheils in Trümmern und Asche liegend. Oder die Hilfe bei der Versorgung der großen Menge verwundeter und kranker Krieger, deren allhier, in etlichen und 50 zu Spitälern eingerichteten, theils öffentlichen, theils Privatgebäuden, über 30.000 zu gleicher Zeit aufgehäuft lagen.
Die unteren Zimmer des Logenhauses der Minerva zu den drei Palmen wurden der Bürgerschule als Ersatzquartier für das infolge der Schlacht stark beschädigte Schulgebäude zur Verfügung gestellt. Finanzielle Unterstützung wurde dabei nicht nur der Linderung des stillen Kummers der verschämten Armen, den schwerverwundeten und hierdurchpassirenden Kriegsmann[en] zuteil, sondern auch Kriegsgefangenen und den hülflosen Wittwen und Waisen der Gebliebenen. Die Loge Apollo übernahm die Verteilung von Geldspenden, die Brüder der Schweizer Loge Modestia cum Libertate Zürich für die Opfer des Krieges gesammelt hatten.
In der Stadt herrschte an allen Dingen Mangel, die Dörfer waren weit und breit verwüstet und rein ausgeplündert, es fehlte also an allem.
Unter den zahlreichen führenden Staatsmänner und Feldherren ihrer Zeit, die das Geschehen der Völkerschlacht bestimmt hatten, befanden sich zahlreiche Brüder Freimaurer.
Neben dem russischen Zaren Alexander I. und dem schwedischen Kronprinzen Karl Johann Bernadotte war der Oberbefehlshaber der Schlesischen Armee, Feldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, sicherlich eine der schillerndsten maurerischen Persönlichkeiten auf alliierter Seite.
Besonders unter den preußischen und französischen Offizieren fanden sich zahlreiche Brüder, so General Scharnhorst (der wenige Monate vor der Völkerschlacht verstorbene Generalstabschef der alliierten Hauptarmee), General Gneisenau, Blüchers Stabschef, oder Generalfeldmarschall Kleist von Nollendorf. Im napoleonischen Lager fanden sich ebenfalls zahlreiche hohe Militärs, der freimaurerische Geist im Offizierskorps der Grand Armeé war stark ausgeprägt (Kurt Kranke). Allein acht der in Leipzig eingesetzten Marschälle der Grande Armée gehörten dem Bund der Freimaurer an. Es mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, gegeneinander im Felde zu stehen und zur gleichen Zeit am Tempel der Humanität zu arbeiten. Doch durch den Uniformrock wurden keineswegs maurerische Ideale und Gesinnung verdeckt.
Aufnahme eines Suchenden in einer französischen Militärloge, Fayenceteller, Anfang des 19. Jahrhunderts
Im Gegenteil, seit dem 18. Jahrhundert arbeiteten Freimaurer in Militär-, Regiments- oder Feldlogen, trugen damit sogar zur Verbreitung der so genannten königlichen Kunst überall in der Welt bei. Während der napoleonischen Kriege waren Feldlogen in allen Armeen, mit Ausnahme der österreichischen, aktiv. In der Grande Armée waren es 1811 immerhin 69, auf preußischer Seite wurden zwischen 1811 und 1815 sechs Feldlogen begründet, die russischen Offiziere arbeiteten sowohl in den preußischen, als auch in zwei eigenen Militärlogen.
… in unseren, von dem milden Lichte der Freymaurerey beleuchteten Hallen, wo sich bloß der Bruder dem Bruder nähert ...
Freimaurerschurz des Brigadegenerals Jean Pierre Baron Baillod. Er kämpfte als Generalstabschef des V. Armeekorps unter Lauriston in der Völkerschlacht, wo ihn ein Granatsplitter schwer verletzte. Baillod affilierte 1804 in die Loge Des Vrais Amis in Marseille (Frankreich).
Daneben besuchte man auch die Logen in den besetzten oder garnisonsnahen Städten oder wurde dort sogar Mitglied. Es kam auch zu zahlreichen Logengründungen auf französische Anregung, man geht heute von rund 200 Logen aus, die auf diesem Weg in den durch Frankreich besetzten Gebieten neu entstanden. Davon entfallen 42 Bauhütten auf die deutschen Territorien. So blieben regelmäßige Berührungen zwischen deutscher und französischer Maurerei nicht aus. Oftmals konnten hierbei Kontakte zu der französischen Administration aufgenommen werden, die außerhalb der Logenmauern so nicht denkbar gewesen wären.
Die Freimaurerei sollte aus französischer Sicht in den besetzten Gebieten, durch direkten Kontakt von Besatzern und Besetzten auf dem neutralen Terrain der Logen helfen, eine schnelle Befriedung zu ermöglichen. Das bestätigen Berichte aus verschiedenen Bauhütten in französisch besetzten oder unter französischem Einfluss stehenden deutschen Kommunen, aus denen hervorgeht, dass die dortigen Logenmitglieder durch den Kontakt zu ihren französischen Brüdern in der Zivil- oder Militärverwaltung eine direkte Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen ihrer jeweiligen Städte oder ihrer Loge erwirken konnten. Dabei zeigen sich zwischen deutschen Rheinbundstaaten und den besetzten deutschen Territorien gewisse Unterschiede. War beispielsweise Freimaurerei im Königreich Bayern seit 1807 wieder eingeschränkt geduldet, blieb sie im Königreich Württemberg weiterhin unterdrückt. Im neugeschaffenen Königreich Westphalen als französischem Musterstaat hingegen erfreute sich die Freimaurerei unter König Jérome Bonaparte und dem Großmeister des neugebildeten Grand Orient de Westphalie, Graf Siméon, direkter staatlicher Protektion; bestehende Freimaurerverbote in neuen Landesteilen, wie z.B. Hessen-Kassel oder dem kurhannöverschen Göttingen, wurden aufgehoben. Französische Besatzungstruppen gründeten neue Logen, wie 1803 die La Reunion des Amis d'Hannovre oder reaktivierten ruhende Bauhütten, wie im Falle der Lüneburger Loge Zur goldenen Traube. Hier waren es die französischen Brüder der Regimentsloge Les Enfants de Mars unter ihrem Stuhlmeister Dessaix, die durch gemeinsame deutsch-französische Arbeiten und Aufnahmen von Deutschen das Logenleben wiederbelebten. Auch Aufnahmen von Franzosen in deutsche Logen waren keine Seltenheit. Mit 21 französischen Brüdern hatte beispielsweise die Magdeburger Loge Ferdinand zur Glückseligkeit den größten Anteil unter den westphälischen Bauhütten. Unter den Brüdern zählten neben dem Intendanten Chivalle, der Polizeichef und spätere Präfekt Legas de Bercagny und Generalgouverneur Graf Lemarois zu den Logenbrüdern.
In Nordhausen und dem ehemals preußischen Halle gehörten ebenfalls die französischen Stadtkommandanten Dudon und d'Astorg den örtlichen Logen an. Die Brüder der Loge Zu den drei Degen in Halle, seit 1807 westphälisches Arrondissement, ernannten den Intendanten des Departements de la Saale und Freimaurer Louis Antoine Clarac wegen seines wohlwollenden Verhaltens für Stadt und Einwohner zum Ehrenmitglied. In der Erfurter Loge Carl zu den drei Rädern fanden sich 1808 unter den 103 Brüdern 27 Franzosen, darunter wiederum Spitzen der Zivilverwaltung wie Pierre Alphonse DeVismes, Intendant des als Staatsdomäne direkt Napoléon unterstellten Fürstentums Erfurt. In direkt militärisch verwalteten Gebieten zeigte sich ein ähnliches Bild. So im vormals schwedischen und seit 1807 französisch besetzten Greifswald, wo 16 von 87 Brüdern der Loge Carl zu den drei Greifen Franzosen, mehrheitlich Offiziere, waren. Bemerkenswert ist auch die Annahme von 52 französischen Militärs in die Loge Zur Standhaftigkeit in Potsdam, die damit 50 Prozent der Mitglieder stellten.
In den Logen des Rheinbundstaats Sachsen kam es hingegen zwischen 1806 und 1813 kaum zu Auf- oder Annahmen französischer Brüder. Obwohl die so genannten französischen Gäste regelmäßig am sächsischen Logenleben teilnahmen, finden sich weder in Bautzen, Görlitz, Lauban, Merseburg, Querfurt noch in Weißenfels französische Mitglieder. Die Logen in Plauen, Triebel und Lübben konnten wegen fehlender Mitgliederverzeichnisse für den Zeitraum nicht mit einbezogen werden. Anders war die Situation in Leipzig und Dresden. In Leipzig nahm einzig die Loge Apollo mit Joseph Rozé, Francois Courpon und Claudius Jomain ab 1807 Franzosen auf. In Dresden kam es erst im Sommer 1813, also kurz vor dem Ende des sächsisch-französischen Bündnisses, zu derartigen Aufnahmen. In der Dresdner Schwerterloge wurden mit Louis „Constant“ Wairy, dem 1. Kammerdiener des Kaisers, und dem Haushofmeister, Jean Louis Colas de Colin zwei Mitglieder aus Napoléons Hofstaat initiiert. In der Regel galt, so lange die Bauhütten Neutralität wahrten und ihre Mitglieder tugendhafte Staatsbürger blieben, war ihnen seitens der Miltäradministration die freimaurerische Arbeit gestattet. So fand das Johannisfest der Loge Minerva zu den drei Palmen in Leipzig im Juli 1813 statt, wie aus einem Circularschreiben der Loge hervorgeht:
Bey fast aller hiesigen Bbr. Mitglieder Anwesenheit, und unter erfreulicher Beiwohnung einer großen Anzahl Würdiger besuchender Brüder, wo insbesonderheit des Hochwürdigen Bruders Herzog von Padua, Excellenz, nebst mehreren Hoch- und Sehrerwürdigen Brüdern von ihrem Generalstabe, von den hiesigen Kaiserlich franz. und der Kgl. Sächs. Ober- und Localbe hörden, aus verschiedenen französischen, italienischen und polnischen Orienten (…) in gesetzmäßiger Ordnung und höchst vergnügt vollzogen [statt]. Der Glanz dieser Versammlung schien hier in unseren, von dem milden Lichte der Freymaurerey beleuchteten Hallen, wo sich bloß der Bruder dem Bruder nähert, und wo alle ihre profanen Verhältnisse vergessend, in eng verschlungener Kette einander mit Herzlichkeit die Hände reichten (…) zur reinsten Harmonie und inniger Bruderliebe verschmolzen.
Die Harmonie endete allerdings bei tatsächlicher oder vermeintlicher Kritik an Frankreich. So ließ einige Wochen vor dem beschriebenen Johannisfest derselbe Herzog von Padua, in seiner Funktion als französischer Stadtkommandant Leipzigs, Siegfried Mahlmann, den Stuhlmeister der Loge Minerva, verhaften und im Rathausgefängnis von Erfurt festsetzen. Mahlmann hatte im Juni 1813 in der von ihm herausgegebenen Leipziger Zeitung eine frankreichkritische Anzeige veröffentlicht.
Darüber hinaus bestand ein gewisses Misstrauen seitens der Franzosen gegenüber der deutschen und insbesonders der sächsischen Freimaurerei, die man in Paris nur spöttisch illuminés allemands nannte. Für Frankreichs Logenbrüder galt Napoléons Ausspruch von 1809: Wenn die Freimaurerei protegiert wird, ist sie nicht zu fürchten. (…) So wie sie ist, hängt sie von mir ab, ich will nicht von ihr abhängen. Die Unterstützung des Kaisers hatte ihren Preis. Beim Bündnispartner Sachsen erregten vor allem oppositionelle Tendenzen innerhalb des in den Logen zahlreich vertretenen Adels den Argwohn Napoléons. Seit Ende des Russlandfeldzugs waren namhafte Offiziere und Freimaurer, wie beispielsweise der Torgauer Festungskommandant General von Thielemann oder General Carl Friedrich Gustav von Langenau, Generaladjudant des sächsischen Königs, zu den Alliierten übergegangen.
Die Freimaurerei blieb, dessen ungeachtet, vielen Menschen in diesen bewegten Zeiten, ob Zivilisten oder Militärs, ein wichtige Stütze. So schrieb der russische General Michailewski-Danilewski in seinem Tagebuch über seine preußischen Freimaurerbrüder, wie [sie sich] während des Donners der Schlachten (...) in der [Feld-]Loge gegenseitig gestärkt, um die Mühseligkeiten des Feldzuges zu tragen, wie die Worte, die aus den Herzen floßen und so voll Freundschaft und voller Liebe zum Vaterland waren, in den Augenblicken der Entscheidung ein wahres Labsal gewesen. Von Feldmarschall Blücher ist eine Rede überliefert, die er im September 1813 in der Loge Zur goldenen Mauer in Bautzen hielt:
Ich habe von Jugend auf die Waffen für mein Vaterland geführt und bin darin grau geworden; ich habe den Tod in seiner fürchterlichsten Gestalt gesehen und sehe ihn noch täglich vor Augen; ich habe Hütten rauchen und ihre Bewohner nackt und bloß davongehen sehen, und ich konnte nicht helfen. So bringt es das Treiben und Toben der Menschen in ihrem leidenschaftlichen Zustand mit sich. Aber gerne sehnt sich der bessere Mensch aus diesem wilden Gedränge heraus, und segnend grüße ich die Stunde, wo ich mich im Geiste mit guten, treuen Brüdern in jene höhere Regionen versetzen kann, wo ein reines, helles Licht uns entgegenstrahlt. Heilig ist mir daher die Maurerei, der ich bis zum Tode treulich anhängen werde, und jeder Bruder wird meinem Herzen stets teuer und wert sein.
Die mächtigen Eindrücke der Befreiungskriege und ihrer Schrecken hatten tiefe Spuren im Gedächtnis der Menschen hinterlassen.
Gebhard Leberecht wurde am 16. Dezember 1742 in Rostock als Sohn des Rittmeisters und Gutsbesitzers Christian Friedrich von Blücher und dessen Frau, Dorothea Maria von Zülow, in ein altes mecklenburgisches Adelsgeschlecht und als jüngster von sieben Söhnen geboren. Die militärische Karriere des späteren Marschall vorwärts begann als Husar in schwedischen Diensten. Gegen den Willen seiner Eltern war er gemeinsam mit einem älteren Bruder, vierzehnjährig und nach einer wenig erquicklichen Schulkarriere, der schwedischen Kavallerie beigetreten. In einer neu aufgestellten Husarenschwadron nahm er seit 1758 als Junker am Siebenjährigen Krieg teil. Zum Preußen wurde Blücher erst nach seiner Gefangennahme im August 1760 bei dem Gefecht am Kavelpass. Sein Schwager, Oberst Wilhelm Sebastian von Belling,
