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Die Werke des Leonid Nikolajewitsch Andrejew sorgsam zusammengetragen in E-Book-Ausgabe. Diese umfangreiche Sammlung der Werke des berühmten russischen Schriftstellers enthält: Die Geschichte von den sieben Gehenkten Um ein Uhr mittags, Exzellenz. Zum Tode durch den Strang Man soll mich nicht hängen! Wir Oreler! Gib ihm einen Kuß und schweig Die Stunden eilen Es gibt keinen Tod Tod und Leben Furchtbare Einsamkeit Die Mauern fallen Auf der Fahrt Angekommen Der Gouverneur So war's Skizze aus der Zeit der großen Revolution
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Veröffentlichungsjahr: 2014
LeonidNikolajewitschAndrejew
Gesammelte Werke
Mit größtmöglicher Schonung, jede Veranlassung zu schädlicher Aufregung vermeidend, suchte man dem Minister, der sehr korpulent und zu Schlaganfällen geneigt war, Mitteilung von einem Attentat, das auf ihn geplant wurde, zu machen. Der Minister nahm die Nachricht ruhig, sogar mit einem Lächeln auf, und man berichtete näheres: das Attentat war auf den folgenden Tag, wenn der Minister zum Vortrag ausfahren würde, festgesetzt worden. Nach Aussage eines Provokators sollten sich um ein Uhr mittags mehrere Terroristen, die zurzeit von Spionen scharf beobachtet wurden, vor dem Portal des Ministerpalais versammeln und den Minister mit Revolvern und Bomben erwarten. Hier würde man sie auch verhaften.
– Halt, sagte der Minister erstaunt, woher wissen sie, daß ich gerade um ein Uhr mittags zum Vortrage fahren werde, wo ich es selbst erst vorgestern erfahren habe?
Der Chef der Schutzwache zuckte die Achseln.
– Punkt ein Uhr mittags, Exzellenz ...
Halb betroffen, halb mit Bewunderung für die Polizei, die alles so vorzüglich bewerkstelligt hatte, schüttelte der Minister den Kopf und verzog die dicken, dunkeln Lippen zu einem grämlichen Lächeln. Mit demselben Lächeln, von dem Wunsche beseelt, die Polizei auch in weiterem nicht zu hindern, machte er sich gehorsam bereit und begab sich für die Nacht in ein bekanntes gastliches Palais. Auch seine Frau und beide Kinder wurden aus dem gefährdeten Hause, vor dem sich morgen die Bombenwerfer einfinden sollten, entfernt.
Solange in dem anderen Palais die Lichter brannten, bekannte, liebenswürdige Gesichter ihm zunickten, lächelten und entrüstet taten, befand sich der hohe Würdenträger in einem Gefühle angenehmer Erregung, als hätte man ihm eine große, unerwartete Auszeichnung verliehen, oder würde es sogleich tun. Aber man trennte sich, die Lichter erloschen, und durch die Spiegelscheiben fiel von draußen das elektrische Licht auf Fußboden und Wände, es gehörte nicht zu diesem Hause mit seinen Bildern, Statuen und seiner Stille, kam von der Straße und erweckte, selbst still und unbestimmt, den peinlichen Gedanken an die Nutzlosigkeit der Riegel, Mauern und Schutzwachen. Und hier, bei Nacht, in der Stille und Einsamkeit des fremden Schlafgemaches erfaßte den hohen Beamten unerträgliche Qual.
Er hatte etwas mit den Nieren, und bei jeder stärkeren Aufregung schwollen ihm Gesicht, Hände und Füße, was ihn noch größer, dicker und massiver erscheinen ließ. Jetzt, wo er sich wie ein Berg aufgetriebenen Fleisches über den zusammengepreßten Sprungfedern wölbte, fühlte er mit der Bitterkeit eines kranken Menschen sein geschwollenes, ihm gleichsam fremdes Gesicht und dachte unausgesetzt an das harte Geschick, welches die Menschen ihm bestimmt hatten. Er entsann sich nacheinander aller kürzlich stattgefundenen grauenvollen Ereignisse, wo man auf Leute seines Standes und noch höher gestellte Persönlichkeiten Bomben geworfen hatte. Die Bomben hatten den Körper in Fetzen gerissen, das Gehirn spritzte gegen schmutzige Backsteinwände, die Zähne flogen aus ihrem Gehege. Die Folge dieser Rückerinnerungen war, daß ihm der eigene kranke, ausgestreckte Leib bereits fremd, wie von der Kraft der Explosion getroffen, vorkam. Schon fühlte er deutlich, wie sich die Arme an den Schultern vom Rumpfe lösten, die Zahne ausfielen, das Gehirn in Stücke ging, die Füße erstarben und gehorsam dalagen, die Zehen nach oben, wie bei einem Toten. Er bewegte sich angestrengt, atmete laut und hustete, um ja nicht an eine Leiche zu erinnern, umgab sich mit dem hellen Klingen der Sprungfedern und raschelte mit der Decke; und als Beweis, daß er ganz lebendig, weit davon entfernt zu sterben war, wie jeder andere Mensch, rief er mit seiner Baßstimme laut und abgerissen durch die Stille und Einsamkeit des Schlafzimmers:
– Teufelskerle! – Teufelskerle! – Teufelskerle!
Damit meinte er die Spitzel, Polizisten und Soldaten, die sein Leben schützten und ihn so vorsorglich und rechtzeitig vom Attentat in Kenntnis gesetzt hatten. Während er sich hin und her wälzte, seine Retter lobte und sich zu einem geringschätzigen Lächeln zwang, das seinen Spott über die Terroristen, diese dummen Pechvögel, ausdrücken sollte – glaubte er doch nicht fest an seine Rettung, war nicht ganz sicher, ob man ihm nicht doch noch das Leben nehmen würde. Der Tod, den die Menschen ihm zugedacht hatten, und der ja nur in ihrer Idee existierte, schien hier zu stehen und würde hier stehen, bis man die Attentäter gefangen, der Bomben beraubt und in festes Gewahrsam gebracht hatte. Dort, in diesem Winkel, stand er und rührte sich nicht, durfte es nicht, wie ein gehorsamer Soldat, der auf höheren Befehl Schildwache steht.
– Um ein Uhr mittags, Exzellenz ... ertönte es in allen Nuancen: bald heiter spöttisch, bald bedauernd, bald eigensinnig und dumm. Als hätte man hundert Grammophone in seinem Schlafzimmer aufgezogen, die mit dem Idioteneifer der Maschine die anbefohlenen Worte herausschrien:
– Um ein Uhr mittags, Exzellenz ...
Und dieses morgige »ein Uhr mittags«, das sich vor kurzem durch nichts von jeder anderen Tageszeit unterschieden hatte und nur eine langsame Bewegung des Zeigers auf dem Zifferblatt seiner goldenen Uhr bedeutete, war plötzlich ein unheilvolles Faktum geworden, aus dem Zifferblatt gesprungen, lebte für sich weiter, dehnte sich wie ein langer schwarzer Stab in die Länge, das Leben in zwei Hälften teilend. Als existiere vor- und nachher keine andere Stunde, und nur diese eine hätte frech und anmaßend das Recht auf ein gesondertes Dasein.
– Was willst du von mir? fragte der Minister wütend.
Die Grammophone schmetterten:
– Um ein Uhr mittags, Exzellenz ... Und der schwarze Stab verbeugte sich grinsend. Zähneknirschend richtete sich der Minister im Bett auf und stützte das Gesicht in die Hand. Mit dem Schlaf war es in dieser abscheulichen Nacht endgültig vorbei.
Das Gesicht zwischen den gerungenen, parfümierten Händen, stellte er sich mit erschreckender Deutlichkeit vor, wie er am nächsten Morgen nichtsahnend aufgestanden wäre, nichtsahnend seinen Kaffee getrunken und sich darauf im Vorzimmer angekleidet hätte. Weder er, noch der Portier, der ihm den Pelz hielt, noch der Lakai, der ihm den Kaffee servierte, hätten gewußt, wie witzlos es war, Kaffee zu trinken und den Pelz anzuziehen, wenn doch ein paar Augenblicke nachher dies alles – der Pelz und sein Leib und der Kaffee darin – durch eine Explosion vernichtet wurde. Der Portier öffnet die Glastür, der liebe, brave, freundliche Portier mit den hellblauen Soldatenaugen und den Orden über die ganze Brust, öffnet mit eigener Hand die schreckliche Tür – öffnet sie, weil er nichts ahnt. Alle lächeln, weil sie nichts ahnen. –
– Oho, sagte er plötzlich laut und zog die Hände vom Gesicht. Mit angespanntem Blick vor sich ins Dunkel starrend, streckte er langsam die Hand aus, tastete nach dem Knopf und drehte das Licht auf. Dann erhob er sich und durchwanderte aus dem Teppich ohne Pantoffeln, mit bloßen Füßen, das fremde, ungewohnte Schlafgemach, fand den Knopf der Wandlampe und entzündete auch diese. Jetzt war es hell und behaglich, und nur das verwühlte Bett mit heruntergerutschter Decke redete von eben erst überstandenem Entsetzen.
In Nachtwäsche, mit vom unruhigen Liegen wirrem Bart und bösen Augen sah die hohe Persönlichkeit nicht anders aus als jeder andere verärgerte Greis, der an Schlaflosigkeit und Atemnot leidet. Als hätte ihn der Tod, welchen die Menschen für ihn bestimmt hatten, entkleidet und von all dem Prunk und der imposanten Herrlichkeit seiner Umgebung losgerissen. Kaum zu glauben war's, daß er so viel Macht besaß, daß dieser gewöhnliche menschliche Körper im Feuer und Getöse einer gewaltigen Explosion umkommen mußte. Unangekleidet, ohne Kälte zu empfinden, setzte er sich in den ersten besten Lehnstuhl, stützte den wirren Bart in die Hand und starrte in tiefen Gedanken zur reichen Stukkatur der Stubendecke hinaus.
– Aha, das war's! Das also beunruhigte ihn. Darum stand der Tod in der Ecke und rührte sich nicht, durfte sich nicht rühren.
– Esel! sagte er verächtlich und mit Nachdruck.
– Esel! wiederholte er noch lauter und wandte den Kopf zur Tür, damit die, auf welche es sich bezog, es hören konnten. Und zwar bezog es sich auf die, welche er vor kurzem »Teufelskerle« genannt hatte, und die ihm in ihrem Übereifer von dem geplanten Attentat berichtet hatten.
– Nun natürlich, sagte der Minister, und seine Gedanken lenkten plötzlich in ruhigere Bahnen ein. – Jetzt wo sie es mir gesagt haben, weiß ich es und fürchte mich. Sonst hätte ich nichts gewußt und ruhig meinen Kaffee getrunken. Dann natürlich wäre der Tod gekommen – ja aber fürchte ich mich denn vor dem Tode? Meine Nieren sind krank, und sterben muß ich sowieso einmal, aber ich fürchte mich nicht, weil ich nicht weiß, wann es sein wird. Diese Esel! Mir zu sagen: Um ein Uhr mittags, Exzellenz ... und dabei bilden sie sich ein, ich würde mich freuen. Statt dessen steht der Tod in der Ecke und rührt sich nicht. Rührt sich nicht, weil es mein Gedanke ist. Nicht der Tod ist schrecklich, aber das Vorauswissen des Todes; kein Mensch könnte leben, wenn er ganz genau Tag und Stunde seines Sterbens vorauswüßte. Und diese Esel müssen mich vorbereiten: um ein Uhr mittags, Exzellenz ...
Ganz leicht und wohlig wurde ihm zumut, als ob er nie, nie sterben würde. Er fühlte sich wieder stark und klug unter dieser Herde Dummköpfe, die sich so witzlos in die Geheimnisse der Zukunft drängten, und mit dem schwerfälligen Sinn eines alten, kranken, vielgeplagten Menschen dachte er an das Glück der Ungewißheit. Keinem Lebewesen, weder Mensch noch Tier, sind Tag und Stunde seines Todes bekannt. Vor kurzem war er krank gewesen, die Ärzte hatten ihn aufgegeben und aufgefordert, seine letzten Bestimmungen zu treffen. Er aber glaubte ihnen nicht und war wirklich am Leben geblieben. In jungen Jahren war er einmal in arge Verlegenheit geraten und hatte beschlossen, seinem Leben ein Ende zu machen; der Revolver lag bereit, Briefe waren geschrieben, die Stunde für den Selbstmord war bestimmt – da, kurz vorher hatte er sich eines anderen besonnen. Im letzten Moment konnte sich noch immer etwas ändern, ein unerwartetes Ereignis konnte eintreten, weshalb niemand voraus weiß, wann er sterben wird.
– Um ein Uhr mittags, Exzellenz ... hatten ihm diese beflissenen Esel gesagt. Obschon sie es nur getan, weil dem Tode vorgebeugt war, so erfüllte ihn der bloße Gedanke an eine mögliche Stunde mit Entsetzen. Sehr wahrscheinlich würden sie ihn doch noch einmal umbringen, jedenfalls aber nicht morgen – morgen nicht – er konnte ruhig schlafen, wie ein Gefeiter. Esel! Sie wußten nicht, welch großes Gesetz sie von der Stelle gerückt, welchen Vorhang sie mit ihrem idiotisch beflissenen »um ein Uhr mittags, Exzellenz« gelüftet hatten.
– Nein, nicht um ein Uhr mittags, ganz ungewiß, wann. Ganz ungewiß, wann, wie?
– Nichts, antwortete die Stille.
– Nein, du sagtest da etwas.
– Unsinn! Ich sage: morgen um ein Uhr mittags.
Und mit jähem, stechendem Schmerz im Herzen begriff er, daß Schlaf und Gemütsruhe nicht eher zu ihm zurückkehren würden, als bis diese verfluchte schwarze, aus dem Zifferblatt gesprungene Stunde vorüber war. Nur der Schatten dessen, was kein Mensch wissen darf, stand dort in der Ecke und war genügend, dem Menschen das Licht zu rauben, ihn mit dem undurchdringlichen Dunkel des Entsetzens zu umgeben. Die einmal geweckte Todesfurcht überlief den ganzen Körper, setzte sich in den Knochen fest und streckte ihr blasses Gesicht aus jeder Pore. Jetzt fürchtete er sich schon nicht mehr vor seinen Mördern – die waren verschwunden, vergessen, vermischten sich mit der Unzahl feindlicher Gesichter und Erscheinungen, die ihn sein Leben lang umgaben, – sondern vor etwas anderem, Plötzlichem, Unvermeidlichem, einem Schlaganfalle, Herzschlag ... irgendeine dumme, feine Aorta hielt plötzlich nicht mehr dem Andrange des Blutes stand und platzte wie ein zu straff gezogener Handschuh an dicken Fingern.
Sein kurzer, fetter Hals beängstigte ihn, der Anblick der gedrungenen Finger wurde ihm unerträglich. So kurz waren sie, so voll von dieser todbringenden Flüssigkeit ... Wenn er sich vorher im Dunkel bewegen mußte, um nicht tot zu erscheinen, so war es ihm jetzt unmöglich, die Hand auszustrecken, nach einer Zigarette zu greifen oder zu klingeln. Seine Nerven strafften sich. Jeder Nerv glich einem verbogenen, sich bäumenden Draht mit kleinem Kopf an der Spitze, dessen blöde Augen vor Entsetzen herausquollen, während der stumme, krampfhaft aufgerissene Mund nach Luft schnappte. – Luft! – Luft! –
Und plötzlich schrillte in der Dunkelheit irgendwo an der Decke zwischen Staub und Spinngewebe die elektrische Klingel. Das kleine Zünglein schlug hastig gegen die Metallschale, schwieg eine Weile und erbebte von neuem in namenlosem Entsetzen. Seine Exzellenz schellte vom Schlafzimmer.
Die Leute liefen zusammen. Hier und da flammten einzelne Lämpchen am Kronleuchter und an der Wand auf – zu wenig, um Helligkeit zu geben, genügend, um die Schatten zu wecken. Überall tauchten sie auf, hoben sich aus den Winkeln, huschten über die Decke, klammerten sich an jede Erhöhung und lehnten sich gegen die Wände. Unbegreiflich war es, wo sich vorher all diese zahllosen, verkrüppelten, schweigenden Schatten – die sprachlosen Seelen sprachloser Dinge – aufgehalten hatten.
Jemand redete laut mit tiefer, vibrierender Stimme. Dann telephonierte man dem Arzt: der Minister fühle sich unwohl. Auch die Gemahlin seiner Exzellenz wurde herberufen.
Die Polizei hatte richtig prophezeit. Vier Terroristen, drei Männer und eine Frau, wurden mit Bomben und Revolvern bewaffnet am Eingang zum Ministerpalais verhaftet, eine fünfte Person arretierte man im Verschwörungsquartier, von dem sie die Wirtin war. Dabei wurden Dynamitmengen, halb gefüllte Bomben und Waffen konfisziert. Alle Verhafteten waren sehr jung. Der älteste von den Männern zählte achtundzwanzig, die jüngere der Frauen neunzehn Jahre. Man vernahm sie in derselben Festung, wo sie nach der Verhaftung eingesperrt worden waren, vernahm sie schnell und geheim, wie das in dieser schonungslosen Zeit üblich war.
Vor Gericht waren alle fünf ruhig, nur sehr ernst und nachdenklich. So groß war ihre Verachtung für den Richter, daß sie es verschmähten, mit überflüssigem Lächeln oder gemacht fröhlicher Miene ihren Mut zu betonen. Ihre Ruhe genügte gerade, um ihre Seele und die großen Todesschauer vor fremdem, feindlich bösem Blick zu verbergen. Einmal verweigerten sie die Antwort, das andere Mal antworteten sie kurz, einfach und bestimmt, als handele es sich darum, irgendwelche statistischen Tabellen auszufüllen.
Drei, eine Frau und zwei Männer, nannten ihre Namen, die übrigen zwei nicht, und blieben für die Richter Unbekannte. Für alles, was auf dem Gericht geschah, äußerten sie jene gedämpfte, verschleierte Neugier, die man entweder bei Schwerkranken oder Menschen, die von einem großen, alles überragenden Gedanken erfüllt sind, findet. Jäh aufblickend erhaschten sie im Fluge irgendein Wort, das ihnen interessanter als die übrigen erschien – und spannen dann ihren Gedanken von dem Punkt, wo er stehen geblieben, weiter.
Den Richtern zunächst saß einer von denen, die ihren Namen genannt hatten: Ssergei Golowin, der Sohn eines verabschiedeten Obersten, selbst gewesener Offizier, ein noch ganz junger, hochblonder, breitschultriger Bursche; er hatte eine so unverwüstliche Gesundheit, daß weder das Gefängnis, noch die Erwartung des sicheren Todes die Farbe von seinen Wangen und den Ausdruck kindlich glücklicher Naivität aus seinen hellblauen Augen bannen konnten. Die ganze Zeit zupfte er energisch an seinem blonden Bärtchen und blickte fortwährend blinzelnd und zwinkernd zum Fenster.
Es war zu Ende des Winters, und der nahende Frühling hatte mitten in Schneegestöber und trübe Frosttage hinein als Vorläufer einen hellen warmen Sonnentag, vielleicht auch nur eine Stunde, geschickt, aber so frühlingsmäßig, so lebensdurstig und leuchtend, daß die Spatzen auf der Straße den Verstand verloren, und die Menschen wie berauscht einhergingen. Durch die staubigen, seit dem vorigen Sommer nicht gewaschenen oberen Scheiben eines Fensters konnte man den eigenartig schönen Himmel sehen. Auf den ersten Blick erschien er milchig grau, aber wenn man länger hinsah, trat allmählich die Bläue hervor, er wurde immer blauer, tiefer, leuchtender und weiter. Und weil er sich nicht auf einmal offenbarte, sondern sich zart mit dem Dunst durchsichtiger Wolken verhüllte, war er einem so lieb wie das Mädchen, das man gern hat. Ssergei Golowin blickte zum Himmel auf, zupfte an seinem Bärtchen, kniff das eine, dann das andere Auge mit den langen, dichten Wimpern zu und schien angestrengt über etwas nachzudenken. Einmal bewegte er sogar die Finger und runzelte gleichsam erfreut die Stirn. Doch als er sich umsah, erlosch die Freude wie ein Funken, auf den man mit dem Fuß tritt. Und fast im selben Moment schimmerte durch die Wangenröte ohne Übergang bläuliche Leichenfarbe, und zwischen den weiß gewordenen Fingerspitzen saß fest eingeklemmt, wie in einem Schraubstock, ein krauses, mit der Wurzel ausgerupftes Härchen. Allein die Freude am Leben und der Frühling waren stärker, und nach einigen Minuten wandte sich das frühere naive, junge Gesicht dem Frühlingshimmel zu.
Dahin blickte auch das unbekannte, blasse junge Mädchen mit Vornamen Mußja. Jünger als Golowin, erschien sie älter durch die Strenge ihrer Gesichtszüge, die Schwärze der geraden und stolzen Augen. Nur der sehr dünne, zarte Hals und die ebenso dünnen Mädchenarme redeten von ihrem Alter, sowie jenes undefinierbare Etwas, das die Jugend selbst ist und hell und melodisch, seinen musikalischen Gehalt verratend, aus ihrem reinen, wie ein kostbares Instrument gestimmten Organ, aus jedem Wort, jedem Ausruf erklang. Sie war sehr blaß. Es war aber nicht Totenblässe, sondern jene eigenartige, brennende Weiße, wenn im Menschen ein großes, starkes Feuer entfacht ist und den Körper von innen aus wie seines Sévresporzellan durchleuchtet. Sie saß fast regungslos, und nur dazwischen befühlte sie mit dem Daumen kaum merklich die kleine Rille am Mittelfinger der rechten Hand, die Spur eines kürzlich abgestreiften Ringes.
Den Himmel sah sie ohne Innigkeit oder freundliche Erinnerung und nur aus dem Grunde an, weil in diesem schmutzigen Gerichtssaal das Stückchen blauer Himmel das einzig Schöne, Reine und Gerechte war.
Für Ssergei Golowin hatten die Richter ein menschliches Rühren, Mußja haßten sie.
Ebenso unbeweglich in etwas gemacht hochmütiger, korrekter Haltung, die Hände zwischen den Knien, saß ihr Nachbar, der Unbekannte, mit Vornamen Werner. Wenn sich ein Gesicht wie eine geheime Tür abschließen läßt, so hatte der Unbekannte sein Gesicht wie eine eiserne Tür verschlossen und ein ehernes Schloß davor gehängt; er blickte starr auf die Bretterdiele vor sich, so daß man nicht erkennen konnte, ob er ruhig oder namenlos aufgeregt war, an etwas dachte oder den Aussagen der Spione lauschte. Er war mittelgroß, mit edlen, feinen Gesichtszügen. Unwillkürlich mußte man bei seinem Anblick an Mondnächte fern im Süden, an einen Meeresstrand mit Zypressen und ihrem schwarzen Schatten denken, während er zugleich das Gefühl enormer Seelenstärke, unerschütterlicher Festigkeit, kalten entschlossenen Mutes erweckte. Selbst die Höflichkeit seiner bündigen und genauen Antworten, die er mit leichten Verbeugungen begleitete, erschien gefahrdrohend in seinem Munde, und wenn der Arrestantenrock die anderen wie eine alberne Maskerade kleidete, so bemerkte man ihn an Werner überhaupt nicht, so wenig paßte dieses Gewand zu seinem Träger. Bei den anderen Terroristen hatten die Richter Bomben und Höllenmaschinen gefunden, bei ihm nur einen kleinen schwarzen Revolver; dessen ungeachtet hielt man ihn für die Hauptperson und wandte sich mit gewissem Respekt, kurz und sachlich, an ihn.
Der Nächstfolgende, Wassilij, Kaschirin, war nur aus Todesfurcht und dem verzweifelten Wunsch, diese Furcht zu unterdrücken und vor den Richtern zu verbergen, zusammengesetzt. Vom frühen Morgen an, als man sie in den Gerichtssaal gebracht, wurde er von heftigem Herzklopfen und von Atemnot befallen; kalte Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, die Hände waren naßkalt, das verschwitzte Hemd klebte am Körper und hemmte seine Bewegungen. Mit übernatürlicher Willensanstrengung unterdrückte er das Zittern der Hände, zwang seine Stimme zu Festigkeit, die Augen zu Ruhe. Er sah nichts. Die Stimmen drangen wie durch einen Nebel zu ihm, und in diesen Nebel zurück schickte er mit verzweifelter Anstrengung seine möglichst lauten Antworten. Kaum geantwortet, hatte er bereits Frage und Antwort vergessen und kämpfte furchtbar. So deutlich sprach der Tod aus ihm, daß die Richter es vermieden, ihn anzusehen. Es wäre schwer gewesen, sein Alter zu bestimmen, wie bei einer Leiche, die sich aufzulösen beginnt. Nach seinem Paß zählte er dreiundzwanzig Jahre. Ein paarmal berührte Werner sein Knie, und jedesmal antwortete Wassilij nur:
– Es geht! –
Am schrecklichsten wurde es, als ihn plötzlich der unbezähmbare Wunsch zu schreien überkam – wortlos, verzweifelt zu schreien, wie ein Tier.
Da berührte er Werner leicht, und dieser antwortete leise, ohne aufzusehen: Nichts, nichts, Waßja. Es ist bald zu Ende.
Alle mit mütterlich sorgendem Blick umspannend, verging die fünfte von den Terroristen, Tanja Kowaltschuk, vor Unruhe. Sie hatte keine Kinder, war noch sehr jung und rotwangig wie Ssergei Golowin, erschien aber wie die Mutter all dieser jungen Leute: so besorgt, so unendlich liebevoll waren ihre Blicke, ihr Lächeln, ihre Angst. Dem Gericht schenkte sie als etwas gleichsam Indifferentem keine Beachtung und hörte nur auf die Antworten der anderen: Zitterte da nicht eine Stimme? – Fürchtete sich da jemand? Sollte man nicht Wasser reichen?
Waßja konnte sie vor Kummer nicht ansehen und knackte nur ganz leise die runden Finger. Mußja und Werner beobachtete sie mit Stolz und Respekt, wobei ihr Gesicht ernst und verschlossen wurde. Ssergei Golowin versuchte sie zuzulächeln.
– Er sieht den Himmel an, der liebe Junge! Sieh ihn nur an, mein Lieber, dachte sie.
– Aber Waßja! Was ist mit ihm, mein Gott! Was fange ich nur mit ihm an? soll ich ihm etwas sagen? Am Ende wird es noch schlimmer, und er fängt mir plötzlich zu weinen an.
Und wie ein stiller Weiher beim Morgenrot jede dahingleitende Wolke widerspiegelt, so spiegelte ihr rundes, liebes, gutes Gesicht jede schnelle Regung, jeden Gedanken dieser vier wider. Daß man sie auch verurteilen und hängen würde, daran dachte sie gar nicht – das ließ sie vollständig kalt. Bei ihr in der Wohnung hatte man das Dynamit- und Bombenlager entdeckt, und wie seltsam es auch klingen mag, sie hatte die Polizei mit Revolverschüssen empfangen und einen Spion am Kopf verwundet.
Um acht Uhr, als es zu dunkeln begann, war die Gerichtssitzung zu Ende. Unaufhaltsam erlosch der blaue Himmel vor Mußjas und Golowins Augen. Er rötete sich nicht, lächelte nicht leise, wie an Sommerabenden, wurde trübe, kalt, winterlich. Golowin seufzte, reckte sich, blickte noch ein paarmal zum Fenster, aber dort stand bereits das kalte Dunkel der Nacht. Unausgesetzt an seinem Bärtchen zupfend, musterte er mit kindlicher Neugier die Richter und die Soldaten mit den Flinten und lächelte Tanja Kowaltschuk zu.
Als der Himmel verblaßt war, ließ Mußja den Blick nicht zu Boden sinken, sondern richtete ihn auf eine Ecke, wo sich ein Spinngewebe im leisen Luftzuge der Zentralheizung schaukelte, und blieb so bis zur Verlesung des Todesurteils.
Nach Verlesung desselben verabschiedeten sich die Angeklagten von ihren Verteidigern, wobei sie deren kläglich verwirrten Blicken auszuweichen suchten. Darauf drängten sie sich einen Augenblick lang in der Tür zusammen und tauschten ein paar Worte.
– Tut nichts, Waßja. Bald ist es zu Ende, sagte Werner.
– Ich fürchte mich gar nicht. Es geht mir ganz gut, antwortete Kaschirin laut und ruhig, beinahe fröhlich. Sein Gesicht hatte sich in der Tat leicht gerötet und glich nicht mehr dem eines verwesenden Leichnames.
– Teufel noch einmal, gehängt wird man! schimpfte Golowin naiv.
– Das war zu erwarten, erwiderte Werner ruhig.
– Morgen wird das Urteil in endgültiger Form proklamiert, und dann werden wir zusammengetan und bleiben bis zur Hinrichtung zusammen, tröstete Tanja Kowaltschuk.
Mußja schwieg. Dann ging sie entschlossen voran.
Zwei Wochen vor dieser Verhandlung hatte dasselbe Kriegsgericht, nur in einer anderen Zusammensetzung, einen Bauern namens Jan Janson zum Tode durch den Strang verurteilt.
Jan Janson war Knecht bei einem wohlhabenden Pächter gewesen und unterschied sich durch nichts Besonderes von dieser Sorte Lohnarbeiter. Este von Geburt, aus Wesenberg stammend, war er im Laufe einiger Jahre von einem Bauernhof zum andern übergegangen und auf diese Weise der Hauptstadt immer näher gekommen. Russisch sprach er sehr schlecht, und da sein Wirt, ein gewisser Lasarew, Russe war und sich in der Nähe keine Esten befanden, hatte Janson fast zwei Jahre lang geschwiegen. Er war überhaupt nicht gesprächiger Natur und schwieg in Gesellschaft von Menschen und Tieren. Schweigend tränkte er sein Pferd, schweigend schirrte er es an, während er langsam und träge mit kleinen, unsicheren Schrittchen herumtappte. Wenn das Pferd, mit diesem Schweigen unzufrieden, nicht mehr stehen wollte, schlug er es schweigend mit der Peitsche. Er schlug es heftig, mit kalter Verbissenheit; war er noch dazu betrunken, so geriet er in blinde Raserei. Dann drang das Klatschen der Peitsche und das stete peinvolle Getrappel auf dem gedielten Fußboden der Scheune bis zum Wohnhause hinüber. Der Wirt prügelte Janson dafür, daß er das Pferd schlug. Das änderte aber nichts, und so ließ er es sein.
Ein- oder zweimal im Monat betrank sich Janson. Meist geschah das an den Tagen, wenn er den Wirt zu der größeren Eisenbahnstation, die ein Büfett hatte, brachte. Nachdem er seinen Herrn abgesetzt hatte, fuhr er eine halbe Werst von der Station fort und erwartete dort mit Pferd und Schlitten, abseits vom Wege, im tiefen Schnee steckend, den Abgang des Zuges. Der Schlitten lag schief auf eine Seite geneigt, das Pferd stand mit gespreizten Beinen bis zum Bauche im Schnee und ließ ab und zu die Schnauze sinken, um den weichen, lockeren Schnee zu lecken. In halb liegender, unbequemer Haltung dämmerte Janson vor sich hin. Die losgebundenen Ohrklappen an seiner schäbigen Pelzmütze hingen schlaff wie die Ohren eines Hühnerhundes herunter, und unter der kleinen roten Nase schimmerte es feucht.
Darauf kehrte Janson wieder zur Station zurück und betrank sich in aller Eile.
Nach Hause fuhr er die zehn Werst in vollem Galopp. Das gehetzte, außer sich gebrachte Pferdchen sprang wie von Sinnen mit allen vieren, der Schlitten flog und schlug gegen alle Pfähle. Janson, der die Leine losgelassen hatte und jeden Moment nahe daran war, aus dem Schlitten zu stürzen, sang oder schrie etwas auf estnisch, kurze, abgerissene Sätze. Noch häufiger sang er nicht und jagte schweigend, die Zähne wie in blinder Wut, Leidenschaft und Ekstase aufeinander gepreßt, dahin. Er sah nicht die Entgegenfahrenden, rief sie nicht an und mäßigte weder beim Einbiegen noch beim Bergabfahren den rasenden Lauf. Wie er auf diesen tollen Fahrten nicht jemand überfuhr oder selbst verunglückte, blieb ein Rätsel.
Schon längst hätte man ihn fortjagen müssen, wie dies auf den anderen Stellen geschehen. Aber Janson arbeitete für ein Geringes, und die anderen Knechte waren nicht besser, so behielt man ihn zwei Jahre. In Jansons Leben gab es keine Ereignisse. Einmal hatte er einen Brief in estnischer Sprache bekommen; er selbst konnte nicht lesen, und die anderen verstanden kein Estnisch. Der Brief blieb ungelesen, und obwohl Janson begriff, daß er eine Kunde aus der Heimat brachte, warf er ihn in wilder, fanatischer Nichtachtung auf den Misthaufen. Eine Zeitlang hatte sich Janson, wohl von Liebesverlangen getrieben, um die Küchenmagd bemüht, halte aber keinen Erfolg, wurde grob zurückgestoßen und verlacht. Er war klein und schmächtig, mit sommersprossigem, verschrumpftem Gesicht und blödschläfrigen Augen von grünlich unreiner Farbe. Sein Mißgeschick nahm Janson gleichmütig hin und bedrängte die Küchenmagd nicht weiter.
Selbst wortkarg, schien Janson beständig auf etwas zu lauschen.
Er lauschte den öden Schneefeldern mit den gefrorenen Düngerhaufen, die an Reihen kleiner verschneiter Gräber erinnerten, den blauen Fernen, den summenden Telegraphenstangen und den Gesprächen der Leute. Was ihm die Felder und Telegraphenstangen erzählten, wußte nur er allein. Die Gespräche der Leute waren beunruhigend, voll Gerüchten über Totschlag, Raub und Mordbrennereien. Nachts hörte man einmal das klägliche Gebimmel der Glocke von der lutherischen Kirche im nahen Hakelwerk und das Geprassel eines Brandschadens. Hergelaufene hatten einen reichen Bauernhof überfallen, den Wirt und seine Frau erschlagen und das Wohnhaus in Brand gesteckt.
Auch auf ihrem Hof lebte man in steter Unruhe. Die Hunde wurden nicht nur in der Nacht, sondern auch tagsüber losgelassen. Nachts hielt der Wirt die Flinte neben sich. Solch eine Flinte, nur alt und einläufig, hatte er auch Janson angeboten. Dieser drehte die Flinte in den Händen, schüttelte den Kopf und weigerte sich sie zu nehmen. Der Wirt ahnte nicht den Grund der Weigerung und schimpfte Janson. Der Grund aber war der, daß Janson mehr an sein finnisches Messer als an dieses alte verrostete Ding glaubte.
– Sie schießt mich noch selber tot, sagte Janson und sah den Wirt mit seinen schläfrigen, verglasten Augen an. Dieser winkte nur mit der Hand.
– Du bist doch ein richtiger Esel, Jan. Und mit solchen Leuten soll man leben!
Und dieser selbe Jan Janson, der sich vor der Flinte fürchtete, beging eines Winterabends, als man den andern Knecht zur Station geschickt hatte, ein äußerst vielseitiges Verbrechen: bewaffneten Überfall, Mord und Vergewaltigung. Erstaunlich einfach hatte er das zuwege gebracht. Nachdem er die Magd in der Küche eingeschlossen hatte, trat er träge, mit dem Aussehen eines Menschen, der schrecklich gerne schlafen möchte, von hinten auf den Wirt zu und stieß ihm hastig, Mal auf Mal, das Messer in den Rücken. Der Wirt stürzte besinnungslos zusammen, die Wirtin rannte schreiend hin und her, und Janson begann zähnefletschend, mit dem Messer fuchtelnd, Kisten und Kommoden zu durchwühlen. Er fand Geld; dann erst schien er die Wirtin zu bemerken, und ohne Überlegung warf er sich auf sie, um sie zu notzüchtigen. Da er hierbei das Messer verloren hatte, erwies sie sich als die Stärkere, stieß ihn zurück und erwürgte ihn beinahe. Da regte sich der Wirt auf der Diele, in der Küche erdröhnte die Ofenkrücke, mit der die Magd die Küchentür einschlug, und Janson flüchtete ins freie Feld hinaus. Nach einer Stunde fand man ihn hinter der Scheune hockend, wo er, ein verlöschendes Streichhölzchen nach dem andern anzündend, im Begriff war, Brandstiftung zu begehen.
Nach ein paar Tagen starb der Wirt an Blutvergiftung, und Janson wurde, als mit andern Räubern und Mördern zusammen die Reihe an ihn gekommen, verhört und zum Tode verurteilt. Vor Gericht war er immer derselbe: klein, schmächtig, sommersprossig mit verglasten, schläfrigen Augen. Er schien nicht ganz zu verstehen, was mit ihm vorging, und blieb vollständig unbekümmert. Er zwinkerte mit den weißlichen Wimpern, betrachtete stumpfsinnig und interesselos den fremden, feierlichen Saal und bohrte mit dem schwieligen, schmutzigen Finger in der Nase herum. Nur die, welche ihn Sonntags in der Kirche gesehen hatten, hätten bemerkt, daß er sich gewissermaßen schön gemacht hatte: er trug einen unsauberen, roten Wollschal um den Hals und hatte die Haare stellenweise angefeuchtet. An den nassen Stellen waren sie dunkel und lagen glatt an, an den trockenen standen sie in hellen spärlichen Büscheln ab und erinnerten an Strohhalme auf leerem, verhageltem Kornfelde.
Als das Urteil »zum Tode durch den Strang« verlesen wurde, geriet Janson in Aufregung. Er errötete tief und begann den Schal auf- und zuzubinden, als schnüre er ihm die Kehle zu. Dann wandte er sich an einen der Richter und zeigte mit dem Finger auf den, der das Urteil verlesen hatte.
– Sie sagt, man soll mich hängen.
– Was für eine »Sie«? fragte der Vorsitzende, der das Urteil verlesen hatte, mit tiefer Baßstimme. Alle lächelten und suchten das Lächeln unter dem Schnurrbart oder hinter Papieren zu verbergen. Janson wies noch immer mit dem Finger auf den Vorsitzenden und antwortete böse, unter den Brauen hervorblickend:
– Du!
