Leonora Dusel und der Sprungstein - Thorsten Lipinski - E-Book

Leonora Dusel und der Sprungstein E-Book

Thorsten Lipinski

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Beschreibung

Leonora Dusel ist die Kapitänin der Sternenstürmer, eines alten Raumfrachters, der schon bessere Zeiten erlebte. Sie hält sich nicht immer an die Regeln und wird nicht gerade vom Glück verfolgt. Aber einiges sollte sich in ihrem Leben verändern, als ihr eines Tages der Zufall einen rätselhaften, roten Stein in die Hände spielt, der einen fabelhaften Reichtum verspricht.

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Individual science fiction stories may seem as trivial as ever to the blinder critics and philosophers of today, but the core of science fiction - its essence - has become crucial to our salvation, if we are to be saved at all.

Issac Asimov

Himmel, Arsch und Andockmanöver

Der Stern des Systems stand über dem Horizont des Planeten Feistos, der langsam, braun und ockerfarben unter der „Sternenstürmer“ dahinzog. Auf der Brücke des Schiffes saß ihre stolze Kapitänin Leonora Dusel in einem durchgesessenen Sessel, der von vielen Flugstunden zeugte, und hämmerte auf eine Steuerkonsole ein.

„Verdammtes Scheißding“, rief sie entnervt aus und schlug noch einmal - nur um sicher zu gehen - auf die unschuldige Konsole ein. Das Schiff antwortete mit aufbrummendem Triebwerk und einem elektrischen Feuerwerk von tausend Funken, die über die Kontrollen tanzten. „Scheißdreck!“, fuhr es aus Kapitänin Dusel heraus, als sie erschrocken die Hände zurückzog. „Lass mich jetzt nicht im Stich, meine Sternenstürmer.“

Dabei strich sie, beinahe zärtlich, über die Abdeckung der Konsole.

„Anflugkoordinaten an die Raumstation sind nicht mehr korrekt“, bemerkte Delia Statgot mit stoischer Ruhe aus dem Kopilotensitz. Sie schien mehr wie ein Beobachter, denn wie ein Teilnehmer an den dramatischen Ereignissen. „Wenn wir diesen Kurs beibehalten, schrammen wir knapp an der Station vorbei… Oder aber - die Möglichkeit besteht!- wir rammen sie. Dann wären wir… na, ja, auch irgendwie angekommen.“

„Ich weiß! Halt einfach die Klappe!“, wurde sie von Kapitänin Dusel angefahren. „Ich muss mich hier konzentrieren… Ich bin schließlich die Einzige, die diesen Schrotthaufen überhaupt fliegen kann.“

„Wenn man hier von Flugkunst sprechen kann!“, erwiderte Delia Statgot, die Bordärztin, so leise, dass es Kapitän Dusel über dem Lärm des jetzt laut kreischenden Antriebs nicht wahrnehmen konnte.

„Verdammt!“, brüllte Leonora Dusel, während sie einen weiteren Versuch unternahm, das aufbockende Schiff unter Kontrolle zu kriegen. „Wir hätten beim letzten Werftbesuch etwas mehr Kredits ausgeben sollen.“

„Wenn wir Kredits gehabt hätten!“, wandte Dr. Statgot mit versteinertem Gesicht ein.

Leonora Dusel warf ihr einen vernichtenden Blick aus stahlblauen Augen zu.

„Du kannst ja gern auf einem anderen Schiff anheuern…“

„Das würde dir so passen!“, meinte Delia Statgot mit dem schmalsten Lächeln des Universums. „Und all diese Abenteuer verpassen?“

„Pfft!“, machte Leonora. „Als ob dich bei deiner Vergangenheit ein anderer Kapitän auch nur in Erwägung ziehen würde!“

Ein weiterer Ruck schüttelte die Sternenstürmer.

„Jetzt hab ich´s!“, sagte Leonora. Ihre Finger tanzten auf der Konsole. Das Heulen des Antriebs wurde leiser, beruhigte sich. „Siehst du! Ich hab´s noch in mir. Musst nicht immer gleich rumheulen! Heulsuse!“

„Verzeiht. Ich fürchte bei deinen Flugkünsten nur ab und zu um mein Leben.“

„Schnauze! Ich muss mich konzentrieren. Wir docken gleich an.“

Die Sternenstürmer näherte sich langsam der Raumstation.

„Selffa 3 an Sternenstürmer“, meldete sich eine junge männliche Stimme über den Kommunikationskanal. „Was ist denn bei euch los?!“

Kapitän Dusel seufzte und antwortete:

„Nichts! Alles in Ordnung hier! Ihr müsst nur eure Station mal ein bisschen stillhalten.“

„Es ist nicht Selffa 3, die wie ein betrunkener Frachterkapitän durch den Orbit eiert!“, erwiderte die Stimme des Dockingsoffiziers amüsiert. „Schafft ihr es? Oder rammt ihr ein Loch in meine schöne Station? … Das würde mich doch sehr verärgern… und die Versicherung sicher auch!“

„Alles bestens!“, beruhigte Leonora Dusel. „Wir kommen… in voraussichtlich drei Minuten!“

Und tatsächlich dockte die Sternenstürmer kurze Zeit darauf - sauberer als man vermutet hätte - an. Ein wenig erleichtert stellte Kapitän Dusel den Antrieb ab. Ein kurzes Zischen, ein letztes Aufheulen noch, dann wurde es still auf der Brücke.

Auf dem Weg zum Außenschott atmete Leonora erleichtert auf. Wieder mal Glück gehabt! Aber noch etwas fiel ihr auf:

„Sag mal, Delia, was riecht denn hier so komisch. Verbrannte Kabel?“

Sie grinste unverschämt.

„Sorry, Kapt´n, muss wohl die Aufregung sein…“

Leonora wedelte dramatisch mit ihrer Hand vor ihrem Gesicht.

Am Eingang zur Station erwartete sie eine typisch missmutige Wache, schweres Kinn, schwere Augenlider und natürlich schwere Waffen.

„Toller Ballermann!“, versuchte Leonora deshalb zur heiteren Eröffnung des folgenden, erwartungsgemäß zähen und unangenehmen Gesprächs. Aber der durchaus gutgemeinte Schuss ging nach hinten los. Die Wache hatte wohl einen schlechten Tag.

„Das geht euch einen Feuchten an!“

Er musterte die Neuankömmlinge mit Augen, die alles durchschauten, schon alles gesehen hatten. Die Jahre der Erfahrung hatten ihn hart und recht zynisch werden lassen.

„Herkunft und Grund des Aufenthalts auf Selffa 3? Irgendwelche Kontaktpersonen?“

„Wir wollen Asyl anfragen“, erwiderte Leonora und traf diesmal ins Schwarze. Der Wachmann war überrumpelt und schluckte verblüfft.

„Was…?“

„Nur ein Witz von Kapitänin Dusel“, entschärfte Delia, trat einen Schritt vor und ergriff die schlaffe Hand des verblüfften Wachmanns, um sie ordentlich zu schütteln. „Doktor Delia Statgot! Schiffsarzt der Sternenstürmer… und erster Offizier. Erfreut Sie kennenzulernen! Herr…? Wachmann?“

„Genug!“, fuhr er die Neuankömmlinge an. Er hatte sich erstaunlich schnell gefangen. „Was sind eure Absichten? Geschäfte?“

Sein musternder Blick war zurück, diesmal mit einem Hauch von Verachtung.

„So kann man es nennen. Wir haben eine Verabredung mit Rat Gessel Hubertus Hopeman!“

Die Nennung des Namens veränderte die Situation schlagartig. Mit einem Mal mischte sich Unsicherheit in die groben Gesichtszüge des Mannes.

„Ihr wollt mich verarschen?“

„Durchaus nicht!“, flötete Delia Statgot. „Ihre Exzellenz wünscht uns so schnell wie möglich zu empfangen.“

„Wir werden schon erwartet“, fügte Leonora nickend hinzu. „Dringend! Höchste Priorität sozusagen.“

„Einen Moment, bitte!“, presste die Wache hervor und verschwand eilig in einer Nische hinter ihm, wo er sich über den Komm beugte. Nach einem kurzen Gespräch, von dem die beiden Frauen nichts verstehen konnten - es wurde leise und hastig geführt -, kam er zu ihnen zurück.

Seine Mine war wieder gefasst und professionell unerbittlich. Er sagte mit unbewegter Stimme:

„Alles klar! Kapitänin, Doktor, Selffa 3 heißt Sie offiziell willkommen! Sie können passieren. Ein Adjutant des Rats Hopeman wird sie hinter der Sicherheitsschleuse in Empfang nehmen.“

Die Wache nahm so etwas wie Haltung an und bedeutete den beiden Frauen das Schott hinter ihm zu betreten. Seine Augen folgten ihnen skeptisch.

Gessel Hubertus Hopemans Quartiere befanden sich anderen Ende der Raumstation und hatten das Schick eines goldenen Klos. Delia und Leonora standen in der Mitte des weiten Raumes, der am hinteren Ende eine atemberaubende Aussicht auf die Sterne und den Planeten unter ihnen bot, wo ein gigantisches Panoramafenster fast die gesamte Wand einnahm. Alles war mit goldenen Leisten und Schnörkeln verziert. Die Kosten für eine derartige Verschwendung mussten gigantisch sein, dachte Kapitänin Dusel, und rieb sich innerlich die Hände. Vielleicht würden sie endlich mal genug verdienen, um die Sternenstürmer in einen Zustand zu versetzen, in der sie nicht jederzeit zur fliegenden Bombe für ihre Mannschaft werden konnte. Die vergoldeten Möbel des Raumes - ein pompöser Schreibtisch mit Beinen dick wie die von Elefanten, eine Sitzgruppe zu allem Überfluss mit leuchtendrotem Samt bezogen, ein paar regelrecht filigran wirkende Glastischen und Besucherstühle, die sich dennoch gegen den thronartigen Sessel hinter dem Schreibtisch recht bescheiden ausnahmen - ließen jedenfalls hoffen, mit diesem Auftrag einiges an finanzieller Sicherheit zu schaffen. Leonoras Innerer Goldsucher jedenfalls war hellwach.

Der Adjutant des Rats, der sie hierher geführt hatte, verabschiedete sich mit einer Verbeugung.

„Schöne Bude!“, sagte Kapitänin Dusel und sah sich - die Hände in die Hüften gestemmt - um. „Vielleicht sollte man ein paar Dinge mitgehen lassen…“

„Hm… “, machte Dr. Statgot, die wusste, dass dieser Vorschlag bei Leonora durchaus ernst zu nehmen war. „Vielleicht erst einmal abwarten!“

In diesem Moment betrat Rat Hopeman den Raum, den sein Ego sofort vollständig in Besitz nahm.

„Ich wünsche Ihnen einen Guten Tag, meine Damen. Kapitänin Dusel, Dr. Statgot.“ Er nickte den beiden zu. Die Hände hatte er in die Taschen seiner weiten Hose gesteckt.

„Auch so gewünscht“, erwiderte Leonora hastig und kratzte sich am Arm. „Warum sind wir hier?“

„Weil die Sternenstürmer nicht explodiert ist“, witzelte Delia leise, so dass es Rat Hopeman nicht hören konnte.

„Ich sehe, Sie kommen sofort zur Sache“, erwiderte Hopeman mit strengem Blick. „Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet. Schnell und effektiv. So wurden Sie mir beschrieben. Und deshalb sind Sie hier.“

„So, so“, sagte Kapitänin Dusel. „Darf man fragen, woher Sie diese… Empfehlung haben?“

„Spielt das eine Rolle?“

Das Lächeln des Rates wirkte kühl.

„Nicht wirklich… Ich fische nach Komplimenten.“

„Nun, gut… Kommen wir zur Sache“, fuhr Hopeman fort, die Bemerkung Dusels ignorierend. „Ich habe einen… nun sagen wir, prekären Auftrag für Sie.“

„Uh, prekär?“, erkundigte sich Leonora. „Das klingt gut und schlecht!“

Der Rat schien kurzzeitig verwirrt.

„Wie darf ich das verstehen?“

„Das dürfen Sie so verstehen: Die Bezahlung wird auch prekär gut werden. Und wenn wir es versauen, könnte es schlecht für uns enden. Hohes Risiko, guter Gewinn.“

„Das haben Sie erstaunlich sauber zusammengefasst.“

Das Lächeln des Rates fiel unter den Gefrierpunkt.

„Ich möchte, dass Sie mir etwas besorgen, was schlecht zugänglich ist…“

„Wir sind ganz und gar Ohr! Wir sollen also etwas klauen?“, meinte Delia.

„Lass den guten Mann doch mal ausreden!“, spielte Kapitänin Dusel die Strenge.

Hopeman räusperte sich.

„Auf Hellion, keine dreißig Lichtjahre entfernt, befindet sich eine kleine Privatsammlung in der Hand eines gewissen Harl Hackmann. Bei dieser Sammlung handelt es sich fast durchgängig um Kuriositäten aller Art aus allen Ecken der Galaxis. Darunter befindet sich ein kleiner roter Stein, der mein persönliches Interesse erregt hat. Ich habe Hackmann über einen Strohmann - meinen Namen will ich um alles im Universum aus der Sache heraushalten - kontaktiert und ihm eine generöse Summe an Daten angeboten.

Leider hat er mein üppiges Angebot ausgeschlagen. Aber ich muss diesen Stein unbedingt in meinen Besitz bringen. Auf der Suche nach Alternativen bin ich durch einen Tipp auf Sie und die Sternenstürmer gestoßen. Sie haben einen gewissen Ruf, Kapitänin Dusel. Man sagt, Sie machen Unmögliches wahr. Stimmt das?“

„Nun, da kann man sich schon geschmeichelt fühlen… Ich gehe mal davon aus, dass es in diesem Fall keine Ausschreibung im Netz gegeben hat?“

„Sicher nicht!“, antwortete der Rat bitter amüsiert. „Niemand wird erfahren, dass besagter Stein sich zukünftig unter meiner Obhut befinden wird!“

Er zwinkerte Kapitänin Dusel verschwörerisch zu.

„Haben Sie was im Auge?“, fragte Leonora und grinste schmierig. „Ich habe Sie sehr gut verstanden. Nicht, dass wir etwas Illegales tun würden - Ich habe meinen Ruf zu verteidigen - , aber nur mal angenommen… Was springt dabei heraus?“

„Es soll Ihr Schaden nicht sein!“

„Das ist die erste Voraussetzung…“

„Ich biete Ihnen die runde Summe von einem Exabyte bester Daten, wenn Sie mir den Stein vermitteln können. Wie Sie das anstellen, ist mir egal. Hauptsache mein Name bleibt aus der Sache raus. Haben wir uns verstanden?“

Leonora Dusel musste erst einmal den Mund schließen, bevor sie sagen konnte:

„Klingt ganz gut!“

Ein Exabyte! Ein ganzes verfluchtes Exabyte! Mit dieser Datenmenge in ihrem Besitz konnte man die Sternenstürmer grunderneuern und sie zusätzlich mit denselben Möbel dieses Raumes ausstatten, inklusive goldenes Klo, dachte sie.

„Dennoch: Zwei klingen besser!“

Delia Statgot ließ sich ihre Empörung ob dieser obszön klingenden Forderung nicht anmerken. Die Chefin wusste schon, was sie tat… hoffte sie. Aber letztendlich gab es genügend ruchlose Söldner in der Galaxis. Und weitaus bessere. Besser ausgerüstet auf jeden Fall!

„Übertreiben Sie nicht!“, erwiderte der Rat und fuhr nach einer kurzen Pause fort: „Ich könnte noch eine Generalüberholung der Sternenstürmer drauflegen, bevor Sie aufbrechen. Das wäre wahrscheinlich in beiderseitigem Interesse.“

Die letzten Worte sollten beleidigend wirken, aber Kapitänin Dusel wusste, dass die Sternenstürmer nicht mehr das neueste Modell auf dem Raumschiffsmarkt war. Sie tat, als überdenke sie den Vorschlag, obwohl sie ihre Entscheidung schon längst getroffen hatte. Sie streckte die Hand aus:

„Also gut!“

Aber Hopeman nahm die Hand nicht an, sondern die Hände aus den Taschen und verschränkte die Arme hinter seinen Rücken. Er verbeugte sich stattdessen leicht.

„So sei es, Kapitänin Dusel. Mein Adjutant wird Ihnen die nötigen Unterlagen übergeben. Darin finden Sie alles, was sie wissen müssen. Ich werde die Werft der Station anweisen, sich um Ihr Schiff zu kümmern: Platinstufe! Das Exabyte bekommen Sie übermittelt, wenn ich den Stein habe. Ich hoffe, Sie haben genug Speicher!“

Der Rat blickte auf den goldenen Komm an seinem Handgelenk.

„Wenn Sie mich nun entschuldigen würden. Dringende Pflichten erwarten mich.“

Rat Hopeman wollte sich abwenden, aber Leonora ergriff ihn am samtenen Ärmel seines piekfeinen Gewandes.

„Ja, ja, ich hab auch genug zu tun… Warum die Sternenstürmer?“

Wieder erschien sein geschäftsmäßiges Lächeln, dass einem das Blut in den Adern schockgefrieren lassen konnte.

„Sie schienen mir von allen Kandidaten am besten geeignet. Ihr Profil, Kapitänin Dusel, ist für meine Zwecke voll zutreffend.“

Er riss sich los, wandte sich ab und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

„Tja, was soll man davon halten?“, zweifelte Delia Statgot. Sie fand, die ganze Sache hatte irgendwie ein Geschmäckle.

„Ein Exabyte!“, erwiderte Leonora. „Wann hast du schon einmal eine solche Datenmenge in deinem Besitz gehabt.“

„Pfft!“, machte Delia. „Was nützt es uns, wenn wir dafür im Arrest landen? Oder schlimmer: dabei draufgehen?“

„Es wird schon alles gutgehen“, versicherte Leonora Dusel zuversichtlicher, als sie selbst war. „Wir können ja immer noch einen Rückzieher machen. So von: Wir haben es probiert, aber die Bewachung der Sammlung ist einfach zu gut… Immerhin sitzen wir dann in einer generalüberholten Sternenstürmer.“

„Ich weiß nicht, ob das alles so einfach wird, wie du dir das vorstellst. Die Reparaturen an unserem Schiff sieht Hopeman sicher als Vorzahlung. Er scheint mir nicht jemand zu sein, der gratis Kekse verteilt.“

„Habe ich uns jemals in größeres Schlamassel gebracht?“

„Die Flucht von Bedal 4? Das Desaster im Sherman-System? Der Ärger mit den Phloxis? Das …“

„… reicht!“, unterbrach Kapitänin Dusel ihre erste Offizierin, Bordärztin und Freundin. „Und wir sind immer davongekommen, oder? Wir sind hier! … Und bald im Besitz eines verdammten Exabytes!“

Mit diesen Worten schlug sie Delia auf die Schulter.

„Also, bist du dabei?“

Doktor Statgot zuckte mit den Schultern und legte den Kopf schief.

„Habe ich eine Wahl?“

„Nein!“, grinste Leonora.

Kurz darauf erschien der Adjutant des Rates und übergab ihnen einen Datenspeicher und eine Reservierung für eine Luxuskabine auf dem Gästedeck der Raumstation.

Im Rausch der Sinne

„Nicht schlecht!“, meinte Leonora, als sie die Kabine betrat, und warf sich lang auf die gepolsterte Sitzecke des luxuriös eingerichteten Raums. „Wenn man bedenkt in welchen Rattenlöchern wir für gewöhnlich hausen“, bemerkte Delia Statgot stehend.

„Jetzt noch einen Drink auf den neuen Auftrag“, meinte Kapitänin Dusel, rollte jauchzend vom Polster auf den Boden, erhob sich und tänzelte hinüber zur Bar, die in einer Ecke des Raumes lockte. Während sie die verschiedenen Flaschen auf dem Regal hinter der kleinen geschwungen Theke inspizierte, trat Delia an sich heran.

„Du scheinst ja allerbester Laune!“

„Warum sollte ich nicht gutgelaunt sein?“, fragte Leonora, ohne ihre Offizierin und Bordärztin eines Blickes zu würdigen. Stattdessen griff sie nach einer blauen Flasche und einem Kristallglas und begann einzuschenken.

„Ah, das ist echt gutes Zeug!“, urteilte sie, nachdem sie einen kräftigen Schluck genommen hatte.

„Es gibt gute Gründe skeptisch zu sein“, warf Delia ein.

Leonora nahm einen weiteren Schluck. „Es schmeckt nach Versprechen… Willst du auch einen Drink?“

„Warum nicht?“, stimmte Delia zu, woraufhin Kapitänin Dusel nach einem weiteren Glas griff, es füllte und Delia reichte. Sie hob ihren Drink.

„Auf uns und die treue Sternenstürmer!“

„Prost! Bei den Sternen!“

Nachdem die beiden Frauen getrunken hatten, begaben sie sich mit ihren Gläsern zurück zur Sitzecke. Sicherheitshalber hatte Leonora die Flasche ebenfalls mitgebracht und knallte sie auf den Edelholztisch - ein besonderer Luxus, da der nächste Baum Lichtjahre entfernt wuchs -, während sie sich selbst bequem auf den Sitzen positionierte.

„Du hast bedenken, Delia? Auch wenn uns ein Exabyte in Aussicht gestellt wird?“

„Hm, ja“, erwiderte die Bordärztin der Sternenstürmer, die der Kapitänin gegenüber auf einem Sessel platz genommen hatte. „Gerade deswegen. Ein Exabyte ist eine verdammte Menge! Kommt dir die Sache nicht komisch vor? Wir sind schließlich nicht unbedingt Platinliga.“

Leonora grinste sie an.

„Im Moment nicht…“

„Warum heuert uns dieser Typ mit dem Besenstiel im Arsch an? Warum nicht irgendein anderes Schiff, eine andere Mannschaft?… Eine… nun, sagen wir mal „besser geeignete“ Mannschaft?“

„Willst du etwa sagen, wir sind inkompetent?“

Delia schüttelte den Kopf, nachdem sie ihr Glas geleert hatte.

„Das nicht! Aber für ein Exabyte kann sich Rat Heiopei doch sicher Jedermanns Loyalität kaufen.“

Leonora griff zur Flasche und füllte ihre Gläser erneut.

„Ich habe auch keine Ahnung… Wir sind für unsere Dienste bekannt…“

„Eher berüchtigt!“, unterbrach Delia amüsiert, bevor sie einen Schluck nahm.

„Na ja, vielleicht ist berüchtigt genau das, was Rat Hopeman - unser guter Spender - suchte.“

Die Kapitänin erhob ihr Glas und trank.

„Das, oder er ist einfach ein Idiot!“, erwiderte Delia Statgot.

„Umso besser für uns… So lässt sich vielleicht doch noch etwas mehr rausholen.“

„Spielst du etwa mit dem Gedanken Rat Hopeman zu erpressen?“

„Wenn wir das geforderte erst einmal in Händen halten, könnten sich doch leicht „neue Hürden“ ergeben, weshalb die Auslieferung sich… nun, sagen wir mal… verzögert. Es sei denn unsere Bemühungen - und Kosten - werden verhältnismäßig ausgeglichen.“

„Du bist schon eine Marke!“, rief Delia erheitert prustend aus.

Leonora zwinkerte ihr zu und schenkte erneut ein.

„Geiles Zeug!“, meinte sie.

„Ja, schmeckt edel. Was trinken wir da überhaupt?“

Die Kapitänin der Sternenstürmer fischte nach der Flasche auf dem Tisch und hätte sie beinahe verpasst. Der Alkohol begann allmählich zu wirken.

Mit aufgerissenen Augen starrte sie auf das Etikett:

„Feistos Wüstenwunder!“

Beide lachten.

„Was für ein alberner Name!“

Eine Weile saßen sie stumm beieinander, bis Delia Statgot die himmlische Trinkerruhe mit ihren nagenden Zweifeln unterbrach:

„Irgendetwas ist faul an dieser Sache, Leonora! Ich hab das im Urin!“

Die Sache ließ ihr keine Ruhe.

„Kann schon sein“, gab die Kapitänin der Sternenstürmer zu. „Ich finde, dass der Job viel zu gut bezahlt ist… das riecht nach Ärger!“

„Warum machen wir es dann?“

„Weil wir pfiffig sind und uns bis jetzt aus jeder heiklen Scheiße retten konnten. Wir werden auch aus dieser Sache Gewinn schlagen… Da bin ich mir sicher.“

„Und wenn nicht?“, wollte Delia wissen.

„Dann haben wir immerhin ein weiteres Abenteuer auf unserem Konto zu verzeichnen.“

Die Bordärztin nickte und fiel dabei fast aus dem Sessel.

„Darauf trinken wir noch einen!“

Leonora wollt erneut einschenken, aber die Flasche war leer. Schnaufend wie ein Hirsch beim Orgasmus erhob sie sich und torkelte hinüber zur Bar, ergriff die erstbeste Flasche, die sie sicher greifen konnte. Sie kniff die Augen zusammen, während sie vom Etikett las:

„Galaktischer Frühlingstropfen?“

„Alles was geht!“, brüllte Delia vom Sessel herüber. Und lachte.

Leonora klopfte sich auf die Schenkel und wäre dabei fast umgefallen. Um weitere Schwankungen zu vermeiden, schlich sie zurück zum rettenden Hafen der Sitzecke und ließ sich dort seufzend fallen. Im Sitzen schlug sie sich mit der Faust auf die Brust und rülpste.

Delia Statgot wedelte mit der flachen Hand vor ihrem Gesicht.

„Ratten-Bouletten zu Mittag gehabt?“

„Ja, Sir! Wie befohlen!“, erwiderte Leonora und deutete einen militärischen Gruß an, aber ihre Hand war irgendwie zu schwer, um sie an die Stirn zu heben. Die Bordärztin winkte ab:

„Du bist albern… und völlig betrunken!“

„Ja, Sir! Wie befohlen!“

Eine Stunde - und eine weitere Flasche, Marke „Kastanienschnaps“ - später, lagen beide Frauen ausgestreckt auf der Sitzecke der Luxuskabine.

„Was stehdenn eintlich in den Unnerlagen?“, wollte Delia wissen. An ihrem Kinn glänzte Speichel.

„Sehn wir später!“, winkte Leonora ab. Dann erbrach sie sich über den edlen Holztisch und war kurze Zeit später eingeschlafen. Delia betrachtete die Kapitänin, die mit offenem Mund schnarchend in den Polstern lag, und dachte noch: „Mit ihr wird es nie langweilig“, bevor sie selbst einschlief.

Kopfschmerz-Blues

Der Kopf brummte an verschiedenen Stellen, und jede Bewegung brachte eine Woge von Schmerz und leichter Übelkeit. Leonora Dusel hielt sich am Geländer fest und konzentrierte sich darauf ruhig ein- und auszuatmen. In dem gigantischen Hangar der Station Selffa 3 war die Luft trotz beständiger leichter Brise stickig mit einem Hauch von Maschinenöl. Mit größerer Mühe hob Kapitänin Dusel den Kopf und ließ den Blick über den gewaltigen Hangar schweifen.

Vor ihr stand die Sternenstürmer in voller Pracht auf einer Plattform von den Ausmaßen einer kleinen Siedlung. Das Schiff sah aus, wie ein fetter Käfer mit zwei großen Zylindern auf dem Rücken, stand aber nur auf vier leicht gebogenen Stützen. Seine Farbe war von einem schmutzigen Braun, aber an manchen Stellen waren noch Teile der originalen roten und blauen Lackierung zu sehen, die jedoch durch Meteoritenschauer, Fehler bei zahlreichen Andockmanövern und Bestrahlungen aller Art dermaßen gelitten hatte, dass sie selbst wie schäbige Flecken auf der Außenhaut des Raumschiffs wirkte. Zwar stand eine Neulackierung der Sternenstürmer nicht an, aber an allen anderen Teilen, inklusive der zylinderförmigen Triebwerke auf dem „Rücken“ des Schiffes arbeiteten eifrig tausende von Drohnen, die sich vor dem riesigen Körper der Sternenstürmer wie ein Wespenschwarm über einem Obstkorb ausnahmen. Sie schweißten, schwemmten Metalle auf, reparierten Netzknoten, und reinigten den Antrieb. Ihre Betriebsamkeit war ein Zeichen, dass Rat Hopeman zumindest in seinem Versprechen das Schiff aufzuhübschen sich als Mann seines Wortes bestätigte.

Leonora war gerade in den Anblick der anderen Raumschiffe im Hangar der Station vertieft, der so gigantisch war, dass seine Umrisse in der Ferne im Nebel zu verschwinden schienen, als Delia Statgot von hinten an sie herantrat.

„Guten Morgen, Kapitänin!“, grüßte sie und fügte sofort hinzu: „Oder welche Tageszeit auch immer.“

Sie hielt Leonora eine Tasse mit einer dampfenden Flüssigkeit hin:

„Kaffee?“

„Sehr gern! Vielen Dank, Delia.“

Sie nahm die Tasse entgegen, führte sie an die Lippen, pustete, und trank vorsichtig einen kleinen Schluck… , den sie augenblicklich über die Reling vor ihr spuckte.

„Kaffee?“, fragte die Kapitänin der Sternenstürmer mit verzogener Mine und blickte auf die Tasse in ihrer Hand hinab.

Delia Statgot zuckte mit den Schultern.

„Jedenfalls das, was dafür auf dieser miefigen Station durchgeht. Ich glaube, sie pressen dafür irgendwelche Larven aus.“

Sie nahm einen Schluck aus dem Becher, den sie selbst bei sich trug.

„Dafür schmeckt das Gebräu gar nicht mal so schlecht. Es erinnert sogar entfernt an Kaffee…“

„Ja, sehr entfernt“, erwiderte Leonora und goss den Inhalt ihrer Tasse über die Reling des Hangars. „Geht es dir auch so gut wie mir heute?“

„Dem Aussehen nach sogar besser, Kapitänin!“

„Das war eine Beleidigung, Delia! Weißt du, ich kann dich hören?“

„Schon gut! Mein Kopf brummt auch wie ein Energietransformator auf einem Schlachtschiff der Netz-Flotte.“

„Na, dann bin ich ja beruhigt! Siehst du der Rat hält sein Wort.“

Leonora deutete auf die Drohnen, welche um die Sternenstürmer herumschwirrten.

„Hm!“, machte Delia. „Bei dem Rest des Deals bin ich mir aber nicht so sicher.“

Sie fischte ein Rechnertablett aus den Weiten ihrer grünen Raumfahrerjacke und klatschte es ihrer Kapitänin vor die Brust.

„Hast du dir mal die Einzelheiten unseres Auftrags durchgelesen?“

Leonora nahm das Rechnertablett und blickte müde darauf.

„Hast du nicht Lust, es für mich zusammen zu fassen?“

Delia seufzte. Sie nahm Leonora das Tablett wieder ab.

„Also pass auf! Wir sollen nach Hellion reisen…“

„Ist das nicht ein Planet am Rande des Imperium Humanum?“, unterbrach sie.

„Das kennst du?“

„War schon mal da“, antwortet Leonora. „Während meiner Militärzeit.“

„Nun, dann weißt du vielleicht mehr als ich“, sagte Delia. „Im Netz gibt es über diese Welt weniger zu erfahren als über antikes Seifen-Curling.“

„Was soll dass denn sein? Seifen-Curling.“

„Ja, eben!“, erwiderte Delia grinsend. „Also, was weißt du über Hellion?“

„Nicht eben viel… Eine unbedeutende Welt, auf der sich ein paar Spinner und Wissenschaftler zurückgezogen haben, um abseits der großen Datenströme in Ruhe nachdenken zu können und über den Sinn des Universums zu sinnieren.“

„Nichts Spektakuläres?“

„Nicht wirklich. Eine Wüstenwelt mit ein paar Oasen. Die Kolonie wurde schon vor hunderten von Jahren gegründet… und ist doch nie echt gewachsen. Schlechtes Klima, Scheiß-Lage. Wenig Datenflüsse.“

„Und genau dort schickt uns Rat Hopeman hin!“

Leonora Dusel blickte auf die leere Tasse in ihrer Hand.

„Vielleicht ist dort der Kaffee besser?“

„Vielleicht…“, gab Delia zu. „Was also im Namen aller galaktischen Lebensformen hat ein Sammler von Kunstobjekten und Geschichtsstücken auf Hellion verloren? Harl Hackmann!“

„Harl… wer?“

„Harl Hackmann, der Sammler, der Typ, dem wir den roten Stein abnehmen sollen!“, erklärte Dr. Statgot mit mürrischer Stimme. „Hast du unseren Auftrag nicht einmal überflogen?“

„Entschuldige bitte“, bat Leonora Dusel. „Ich bin heute morgen nicht ganz bei mir… Was ist dieser Stein eigentlich? Warum will Hopeman ihn wohl haben?“

„Letzteres ist ein weiteres Rätsel, für das ich keine Lösung habe, denn laut den Unterlagen, die uns dieser Kerl mitgegeben hat, handelt es sich um einen wertvollen und sehr seltenen Edelstein.“

„Das macht Sinn! Ich verstehe warum man so etwas besitzen will, aber du scheinst Zweifel zu haben.“

„Ich habe bereits ein paar Infos im Netz gesucht. Nirgendwo wird dieser rote Stein auf Hellion erwähnt. Ich meine, wenn er so wertvoll ist…“

„Das ist allerdings seltsam“, meinte Leonora. „Dann sollte er schon Erwähnung finden. Immerhin ist er Hopeman ein verfluchtes Exabyte wert! Das muss auch anderweitig schon Interesse geweckt haben.

Jagen wir ein Phantom oder hat uns Hopeman nur an der Nase herum geführt?“

„Gute Frage!“

Leonora Dusel zuckte mit den Schultern.

„Solange der Rat sich an sein Versprechen hält und uns royal vergütet, soll es uns doch egal sein.“

„Was, wenn wir uns hier auf etwas einlassen, das eine Kragenweite zu groß für uns ist? Die Sache stinkt irgendwie. Kein mir bekannter Edelstein ist ein Exabyte wert.“

„Meistens hast du für so etwas ein Näschen, Delia. Wir werden vorsichtig und wachsam bleiben. Aber wir brauchen diesen Auftrag!“, meinte Leonora, obwohl auch sie ein ungutes Bauchgefühl hatte. Vielleicht lag dies aber auch nur am verköstigten Kastanienschnaps. „Lass uns sehen, ob wir irgendwo ein vernünftiges, aufputschendes Gebräu finden, das nicht aus verdammten Larven gepresst wird. Ich werde sonst sicher sterben…“

„Gute Idee!“, stimmte die Bordärztin zu.

Der Antrieb der Sternenstürmer kam ohne das übliche „Keuchen“, wie es Kapitänin Dusel zuweilen nannte, zum Leben.

„Gute Arbeit!“, meinte sie auf der Brücke zu Delia gewandt. „Schnurrt wie eine besanische Gürtelkatze! Hopeman hat in dieser Hinsicht schon mal Wort gehalten.“

„Wie schnurrt den eine besanische Gürtelkatze?“, wollte Delia Statgot wissen, während Leonora den Antrieb der Sternenstürmer hochfuhr.

„GRRRRR-Schabumm!“, erwiderte die Kapitänin im Chor mit den aufheulenden Maschinen. „Auf geht’s!“

Trotz allem Enthusiasmus bei der Kapitänin, hob die Sternenstürmer nur langsam, eher gemächlich von der Plattform im Hangar der Station Selffa 3 ab und bewegte sich schwebend auf die Außenhülle zu.

„Sternenstürmer an Station! Wir sind bereit aufzubrechen!“, meldete Leonora. „Macht die Tür auf!“

„Verstanden, Sternenstürmer. Gute Reise!“, kam es über den Komm zurück.

„Danke! Haltet uns ein Plätzchen warm… Wir kommen hoffentlich bald wieder!“, verabschiedete sich Kapitänin Dusel gutgelaunt, als sich die gigantischen Hangartore vor ihrem Schiff öffneten und den Blick auf die Sterne freigaben. Leonora rieb sich die Hände.

„Alles bereit zum Aufbruch in ein neues Abenteuer? Und ab dafür!“

Bei den letzten Worten, berührte sie den Holoschirm an ihrer Konsole. Die Sternenstürmer bockte kurz auf, als die Haupttriebwerke zündeten und das Schiff aus der Station hinaus beförderten. Die Sterne zwinkerten ihnen vielversprechend zu.

„Hoffentlich geht das gut“, bemerkte Delia leise. Sie wollte die positive Stimmung nicht vermiesen. Als sie weit genug von Selffa 3 und Feistos entfernt waren, sprang die Sternenstürmer mit ungekannter Leichtigkeit und gänzlich ohne die üblichen Flüche der Kapitänin in den Überraum und nahm Kurs auf Hellion.

Willkommen in der Hölle

Hellion war eine paradiesische Traumwelt, wenn man ein Stein in der Wüste war. Der Planet war zu neunzig Prozent eine staubtrockene Einöde mit kargen Gebirgen und weiten Sandebenen. Nur an Orten, an denen Grundwasserblasen bis fast an die Oberfläche reichten, wuchsen Wälder aus Pflanzen, welche wie farbenfrohe Pilze aussahen. Rot, blau, gelb und auch grün reckten sich ihre schattenspendenden Hüte gegen den beinahe ewig wolkenlosen Himmel, an dem in der Nacht zwei Monde standen.

In diesen Pilzwäldern, den Oasen in der den Planeten umspannenden Wüste, lebten die Bewohner in Siedlungen, die oftmals nicht mehr als ein paar hundert Menschen beherbergten. Die einzige Ausnahme bildete die Hauptstadt Meph. Mit einer Einwohnerzahl von rund zwei Millionen und dem einzigen Raumhafen Hellions war sie mehr als nur das Zentrum: Meph war die Verbindung des Planeten zum Imperium Humanum.

Die Sternenstürmer stand auf einem Betonplastikfeld eingerahmt von riesigen Pilzen am Rande der Stadt. Delia Statgot hob die Hand an die Stirn, um ihre Augen vor dem grellen Sonnenlicht zu schützen.

„Was für eine Welt! Wie kann man hier leben? Es fühlt sich an wie in einer Dose… im Ofen“, meinte sie, während sie die Gangway hinab ging.

Leonora zückte ihre überdimensionale, rote Sonnenbrille und rückte sie auf ihrer eleganten Nase zurecht.

„Wir sind ja nicht hier, um Urlaub zu machen.“

„Sicher nicht!“

„Sehen wir uns mal in der Stadt um und sehen, was wir über Harl Hackmann herausfinden können“, schlug Die Kapitänin der Sternenstürmer vor. „Insbesondere seine täglichen Gepflogenheiten… Zumindest, wenn er welche hat.“

„Gute Idee!“, stimmte die Bordärztin zu.

Am Ende der Gangway erwartete sie ein gedrungener Mann in einer Uniform, die ihm drei Größen zu groß schien. In der Hand hielt er ein Rechnertablett, in seiner Stimme lag ein unangenehmes Falsett.

„Willkommen am Raumhafen Meph auf Hellion!“, begrüßte er die beiden Frauen mit ausdrucksloser Sachlichkeit. „Es gibt ein paar Formalitäten zu erledigen, bevor ich Sie in die Stadt gehen lassen kann. Kapitänin Dusel?“

„Das bin ich!“, sagte Leonora und trat an ihn heran.

„Was ist Ihre Ladung? Woher kommen Sie? Haben Sie Datenhandel im Sinn? Wie lange wird ihr Aufenthalt auf Hellion…“

„Okay, Okay!“, unterbrach Leonora den gedrungenen Mann. „Gibt es eine schnelle Art diesen Fragenkatalog zu erledigen?“ Sie nahm die riesige Sonnenbrille ab und zwinkerte ihn zu.

Aber der Uniformierte machte kein Anstalten auf das Angebot zur Bestechung einzugehen, sondern nur ein dummes Gesicht.

„Wie meinen Sie, Kapitänin Dusel?“

„Sie verstehen schon!“, erwiderte Leonora und baute sich vor dem Mann auf. „Wir wollen hier schnell durch… und Sie wollen einen angenehmen Feierabend.“

„Dann beantworten Sie bitte meine Fragen!“, erwiderte der Mann ungerührt.

Leonora schnaubte und wollte ihrem Gegenüber an die Gurgel springen, da wurde Sie von Delia Statgot sanft zur Seite geschoben.

„Sehen Sie, guter Mann, wir wollen keinen Ärger! Stellen Sie Ihre Fragen.“

Nach quälenden Minuten hatten die beiden Frauen das Einreisequiz überstanden. Leonora schob ihre überdimensionale Sonnenbrille auf die Nase, und gemeinsam schritten sie davon Richtung des Zentrums von Meph.

Das Hotel - „Mutters Gute Stube“ - in dem Delia und Leonora abstiegen, war tatsächlich eine wahre Absteige. In ihrem Zimmer hing ein Geruch von Staub und eingetrockneten Körperflüssigkeiten. Das schmutzige Fenster bot einen Blick auf den Platz vor dem Etablissement.

Kapitänin Dusel warf sich auf eines der beiden armseligen Betten, dabei eine kleine Wolke von Staub aufwirbelnd. Einige Insekten flohen schwirrend in die Schatten des Zimmers.

„Warum bleiben wir nicht auf der Sternenstürmer? Da sind die Betten immerhin frei von Plagegeistern!“

Delia grinste.

„Bist du dir da sicher?“

Leonora dachte eine Sekunde ernsthaft nach und antwortete:

„Ziemlich sicher! Also warum?“

„Wir wollen so unauffällig wie möglich bleiben. Dieses Hotel ist dafür eine gute Basis. Niemand beachtet uns hier, aber wenn wir jeden Tag vom Raumhafen in die Stadt reisen, wird das bestimmt jemandem auffallen. Wir wollen doch solange wie möglich inkognito bleiben, oder?“

Kapitänin Dusel setzte sich auf die Kante des Bettes, welches leise quietschte.

„Das ist ein gutes Argument“, stimmte die Kapitänin zu. „Jetzt müssen wir nur Harl Hackmann finden, bei ihm einbrechen, diesen Klunker nehmen und unsere Belohnung kassieren.“

„Klingt nicht sonderlich kompliziert, wenn du es so zusammenfasst. Aber wo fangen wir an?“

„Hackmann scheint ein wohlhabender Sack zu sein. Ihn zu finden ist wahrscheinlich nicht schwierig. Der hat in diesem Kaff bestimmt irgendwo eine Riesenbude oder so was! Wir werden wohl nur jemandem fragen müssen.

Dann beobachten wir ihn, finden heraus, wie er tickt, wann er zu Hause ist und so weiter. Vielleicht entdecken wir so, wo er den Stein aufbewahrt und wie er gesichert ist. Den Rest überlassen wir unserer kriminellen Energie.“

„Klingt fast nach einem Plan!“, sagte Delia und ließ sich auf das andere Bett fallen. Eine Staubwolke ließ sie husten. Sie wusste erfahrungsgemäß, dass Kapitänin Dusels Aufträge oft nicht so geradlinig verliefen, wie sie es sich vorstellte. Delia erwartete Missgeschick, Fehlkalkulationen und Unglück unweigerlich gepaart mit Flucht unter Strahlenwaffenfeuer. Was dies betraf sollte ihre Ahnung nicht enttäuscht werden.

Zwischenspiel mit Erpressung

Harl Hackmann kaute nervös auf seiner Unterlippe. Sein Gegenüber schien keinen Spaß zu verstehen. Davon zeugte sein hartes, kantiges Gesicht und seine kalten Augen, die ihn gnadenlos verfolgten, während er zum Schreibtisch ging und sich in seinen Sessel fallen ließ.

„Nehmen Sie doch bitte Platz!“

Harl Hackmann deutete auf einen gepolsterten Stuhl vor dem Schreibtisch, der ihm als Barriere zu dem nicht gänzlich unerwarteten Besucher ein wenig seiner Fassung zurückgab.

„Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein, Herr…?“

„Mein Name tut nichts zur Sache, Hackmann“, erwiderte der Mann vor ihm, der keine Anstalten machte den angebotenen Platz einzunehmen. Stattdessen blieb er vor dem pompösen Schreibtisch stehen und starrte kalt auf Harl Hackmann herab. Seine Stimme wie ein Eishauch, fuhr er fort:

„Ich weiß, dass sie in Schwierigkeiten sind. Ich bin hier, um Ihnen meine Hilfe anzubieten… Natürlich gegen einen bestimmten Datenbetrag…“

„Sie sind hier, um mich zu erpressen?“

Harl schluckte. Es hatte ja soweit kommen müssen. Warum hatte er sich auch auf diese schummrigen Datendeals eingelassen? Damals allerdings hatte alles ganz logisch geklungen. Er würde reichlich Daten abschöpfen, nicht ganz legal, aber sehr gewinnversprechend. Nun jedoch verdammte er seine Entscheidung an diesen Geschäften teilgenommen zu haben. Wie konnte er so dumm, so naiv sein, zu glauben, dass er damit ohne Komplikationen davon kommen könnte? Jemandem musste seine Gier schließlich aufgefallen sein… und stand jetzt vor ihm, um einen Anteil vom illegalen Gewinn abzuschöpfen.

„Wie gesagt bin ich hier, um Ihnen meine Dienste anzubieten. Ich kann Ihnen eine Menge Ärger ersparen!“

Er setzte sich auf den Rand des Schreibtisches und spielte mit einem teuren, antiken Füllfederhalter.

„Wir wollen doch nicht, dass Ihnen etwas passiert!“, drohte der Besucher und zauberte ein Lächeln hervor, das in der Lage war Toten Respekt einzuflößen. „Oder, wie sehen Sie das, Hackmann?“

Harl nickte eingeschüchtert.

„Vielleicht… Sehe ich das genau so! Was schlagen Sie also vor?“

„Ich verlange nur einen winzigen Datenbetrag. Gemessen an Ihrem Vermögen, und in Anbetracht der Tatsache, dass das Netz einen Netza-Ge gegen Sie eingeschaltet hat, wird er Ihnen sicherlich verschwindet gering erscheinen.“