Imperium Humanum - Das Reich der Menschen - Thorsten Lipinski - E-Book

Imperium Humanum - Das Reich der Menschen E-Book

Thorsten Lipinski

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Beschreibung

Eine Erzählung über Liebe, Geschichte und das Mysterium Menschheit.

Das E-Book Imperium Humanum - Das Reich der Menschen wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Science Fiction, Liebe, Fantasy, Geschichte

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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Thorsten Lipinski

Imperium Humanum - Das Reich der Menschen

© 2018 Thorsten Lipinski

Umschlaggestaltung:

©Juliane Schneeweiss,

 

www.juiliane-schneeweiss.com

Bildmaterial: © depositphotos.com, shutterstock.com

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7469-5450-9

Hardcover:

978-3-7469-5451-6

e-Book:

978-3-7469-5452-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Zur Erinnerung an meinen VaterFür meine Mutter

Mit dank an Anja, Elena und Marc

I

Das also war der Mensch

Als ich zum ersten Mal Bewusstsein erlangte, war diese Welt noch jung. Alles war neu, unberührt von menschlicher Geschichte, jungfräulich. Die Luft roch frisch und war erfüllt mit Hoffnung.

Meine Gliedmaßen bewegten sich unter meinem Befehl; hilflos erst. Dann, nach kurzer Zeit, erlangte ich volle Kontrolle. Meine Hände gruben sich in den Boden, auf dem ich rücklings lag.

Zögerlich öffnete ich die Lider. Brennendes Licht traf auf meine Netzhaut und bereitete mir leichte Kopfschmerzen. Bis ich den blauen Himmel über mir endlich klar erkennen konnte, vergingen einige Minuten. Fasziniert lag ich still und beobachtete die über das Firmament ziehenden Wolkenberge.

Verwirrt, innerlich aufgewühlt, lag ich weiterhin auf dem Boden. Bis plötzlich ein neuer Impuls Form in meinen Gedanken annahm. Ich konzentrierte mich darauf aufzustehen. Nach einigen Anläufen gelang es mir, mich aus einer knienden Position heraus aufzurichten. Ich bewegte meinen Kopf von rechts nach links und zurück, begierig meine Umgebung aufnehmend. Ich war in einem Wald. Auf einer Lichtung. Beide Begriffe waren mir vor diesem Gedanken unbekannt gewesen. Außerdem stellte ich fest, dass die Sonne warm auf meine Haut schien, und dass der Wind durch mein Haar strich. Warum ich mich in dieser neuen Welt so schnell zurecht finden konnte, blieb mir vorerst ein Rätsel. Aber schon bald sollte ich nicht mehr nach der Quelle meines Wissens suchen, sondern sie als sprudelnde Inspiration akzeptieren und schätzen lernen.

Ich bewegte die Muskeln meiner Beine und tat ein paar Schritte. Es fühlte sich gut an. Ein Bedürfnis mich weiter zu bewegen trieb mich voran bis an den Rand des Waldes. Auf meiner Haut spürte ich den Temperaturunterschied als ich in den Schatten der Bäume trat. Dieses Mal dauerte es nur ein paar Sekunden bis meine Augen sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnten. Trockenes Gras bedeckte den Boden zwischen den grau und grimmig aufragenden Stämmen. In einiger Entfernung hörte ich das Plätschern von Wasser. Ich zuckte die Schultern und spürte dann … Durst. Ja, ich hatte Durst. Entschlossen richteten sich meine Schritte raschelnd der Richtung zu, aus der das Geräusch kam. Mich durch Unterholz kämpfend erreichte ich einen Bach, der sich in einen kleinen See ergoss. Ich folgte dem Ufer bis zu einer kleinen Sandfläche, wo ich mich dem Wasser vorsichtig näherte. Fische huschten davon in die Tiefe, als ich mich über die Oberfläche beugte, um mit meinen Händen die begehrte Flüssigkeit zu schöpfen. Das Wasser schmeckte köstlich und schien mich wacher zu machen. Eine Weile hockte ich am Ufer und genoss mit geschlossenen Lidern den seichten Wind auf meiner Haut. Als ich gerade weiterwandern wollte, fiel mein Blick auf die ruhige Wasseroberfläche. Erstaunt erstarrte ich, ging am Ufer auf die Knie und blickte hinab: Das also war der Mensch.

In der Spiegelung sah ich über meinem beharrten Brustkorb ein eindrucksvolles Gesicht. Die Nase etwas geplättet, ragte dennoch über die vollen Lippen hinaus. Das Kinn, ebenfalls beharrt, schob sich stolz nach vorn. Und unter der leicht gerunzelten Stirn lagen die Augen. Sie blickten mir verwundert und neugierig entgegen. Was für ein schönes Antlitz!, dachte ich.

Gefesselt betrachtete ich mein Gesicht, als mein feines Gehör mich warnte. Gefahr äußerte sich als ein Rascheln, das sich mir durchs Unterholz entlang des Uferstreifens, näherte. Hastig sah ich mich nach einer Deckung um. Aber mit dem See im Rücken und dem Unterholz des nahen Waldes, in dem die Gefahr lauerte, blieb mir keine Möglichkeit. Ich musste mich dem vor mir liegenden stellen.

Der Atem stockte mir als ein Raubtier mit schwarzem Fell, nach vorn gestreckten Krallen und weit geöffnetem, zahnbewehrten Maul aus dem Gebüsch auf mich zu schnellte. Ich schrie.

Und erwachte. Träume aus meiner Vergangenheit waren nicht unüblich, irritierten mich aber trotzdem immer wieder aufs Neue. Ich streckte die Muskeln. Es war lange her, dass ich sie noch benutzt hatte. Und mit dieser Frage kam von meinem Erinnerungsspeicher auch gleich die Antwort: Ich hatte mehr als fünfhundert Jahre kein Bewusstsein mehr gehabt. Das war nicht außergewöhnlich lang, sondern entsprach durchaus dem Durchschnitt. Ich erhob mich von meiner Liege und blieb vornübergebeugt am Rand sitzen, den Kopf mit den Händen stützend. Mein Speicher lieferte mir die nötigen Informationen. Ich befand mich in der Station auf Kreta. Also an einem Ort, den ich seit gut dreitausend Jahren nicht mehr besucht hatte. Der Körper, den ich nun als meinen eigenen empfand, war dahingegen erst vor wenigen Wochen gezüchtet worden. Er entsprach der entsprechenden Periode. Ich blickte an meiner behaarten Brust hinab auf meine baumelnden Füße, während kleine schwebende Maschinen Schläuche und Elektroden entfernten. Sie surrten um mich herum wie ein Bienenschwarm.

Weiterhin gab mir der Speicher eine kurze Beschreibung der herrschenden Verhältnisse auf der Mittelmeerinsel etwa zweihundert Meter über mir. Später sollten die Menschen diese Zeit die Minoische Periode nennen. Und das Jahr würde als 1444 vor unserer Zeitrechnung in ihre Geschichtsbücher eingegangen sein.

Ich atmete tief durch und entspannte mich. Welche Gefahren konnten schon in dieser Epoche auf mich warten? Ich ahnte ja noch nicht, dass mir dieses Mal eine besondere Aufgabe zukam.

Im Lift nach oben meldete sich mein Erinnerungsspeicher. Die bevorstehende Mission hatte keine - wie üblich - korrigierende Komponente, sondern basierte auf einem echten Notfall. Ein Mensch hatte Teile einer Station im afrikanischen Libyen, die nach einem Erdbeben an die Oberfläche gekommen waren, gefunden und wollte damit nach Kreta an den Hof des Königs reisen.

In einigen Tagen würde er in Kommos ankommen. Dort sollte er aufgehalten werden. Auf keinen Fall durfte das außerirdische Artefakt in die Hände eines Monarchen gelangen, der vielleicht die Mittel hatte, seinen Sinn und Zweck zu erkunden. Zumal ereignisreiche Wochen und Monate bevorstanden. Dies hatte mir zumindest mein Speicher mitgeteilt. Der Zugriff sollte in der Hafenstadt im Süden in zehn Tagen zur Zeit der Initiationsrituale erfolgen. Langsam kam der Lift zum Stehen. Die Tür öffnete sich, und ich wurde von grellem Tageslicht geblendet.

Der Weg aus den Bergen hinunter zur Küste war mühsam und nahm einige Tage in Anspruch. Unterwegs in den Schluchten und an den seichteren, mit Pinien und Eichen spärlich bewachsenen Hängen, begegnete mir kein Mensch, nur hin und wieder eine Herde Ziegen, die meckernd Reißaus nahmen, sobald sie mich entdeckten. Erst in der Nähe eines Dorfes, das gebückt unter einer steilen Felswand am Rande des Meeres lag, beobachtete ich Menschen.

Es handelte sich um eine kleine Gruppe barbusiger Mädchen, die scherzend und lachend einen kleinen Pfad benutzten, der sie nach Kommos führen sollte. Sie waren so miteinander beschäftigt, dass ich hinter einem Dornengestrüpp am Wegesrand gar nicht auffiel. Um den Hals an einer Kette trugen sie eine große Muschel, die über den nackten Brüsten baumelte. Als sich ihre hellen Stimmen hinter einer Biegung des Pfades verloren hatten, wagte ich mich aus meinem Versteck hinaus.

Die jungen Frauen mit ihren bunten Röcken und den zu einem Geflechtturm gezwungenen Haaren, welche von roten und blauen Bändern zusammengehalten wurden, waren auf dem Weg zu einem Ritual, wie mein Erinnerungsspeicher mir meldete.

Nur gut, dass sie mich nicht bemerkt hatten, denn kein Mann durfte sich ihnen entgegen stellen. Das war ein Tabu in der Gesellschaft dieser Zeit. Der Aufbruch und die Ankunft der Frauen waren bis auf die Stunde des Tages genau geplant. Jeder wusste also, dass sie unterwegs waren. Und Männer mussten sich von ihnen fern halten.

Noch einmal Glück gehabt, dachte ich erleichtert und setzte meine Wanderung fort, hielt mich dabei aber etwas abseits des Pfades.

Der Rest der Nacht verlief ereignislos, sah man von gelegentlichem Wolfsgeheul einmal ab. Im ersten Licht des Tages erblickte ich Kommos in einem schmalen Tal, das sich dem Meer zuneigte, unter mir. Von hier aus führte der Pfad in Schlangenlinien hinab in die Siedlung, die wohl aus mehr als hundert Häusern bestehen mochte. Inmitten der Wohnsiedlung befand sich ein kleiner Palast, der mein Ziel war.

Ich folgte dem Pfad hinab bis ich die ersten geduckten Häuser aus rauem Naturstein erreichte. Es war noch still auf der Gasse. Nur die Vögel gaben sich größte Mühe, einander zu übertönen.

Aber durch die Fenster brach schon das Flackern der ersten Öllampen. Schließlich war heute ein besonderer Tag, der viele Menschen aus der Umgebung zu den bevorstehenden Feierlichkeiten zu Ehren der großen Göttin locken sollte. Eine gute Kulisse also, um mich so unauffällig wie möglich zu bewegen.

Auf der Agora, dem Zentrum von Kommos, wurden die letzten Vorbereitungen getroffen. An der Bühne in der Mitte des mit roten Säulen umrandeten Platzes wurden letzte Pflanzen und Muscheln zur Verzierung angebracht, während der Tag begann, den Himmel zu erobern.

Die barbusigen Frauen warteten zu dieser Zeit in einem kleinen Haus in der Nähe auf ihren großen Auftritt. Dieser Moment schien mir geeignet, mich den rot gestrichenen Palastmauern ungesehen zu nähern.

Dort erwartete mich in den letzten verbliebenen Schatten der Nacht eine Gestalt. Es konnte sich nur um Inanna handeln, die ich hier zur vereinbarten Stunde treffen sollte. Ich drückte mich neben die Gestalt an die kühle Mauer.

„Endlich“, raunte mir eine junge, weibliche Stimme zu. „Du bist beinahe fünf Minuten zu spät.“

„Ich wurde aufgehalten“, erwiderte ich. Eine weitere Erklärung schien mir nicht erforderlich.

„Also los“, sagte Inanna und brachte einen Gegenstand hervor, der kurz im Dunkeln aufblitzte. Es gab ein kurzes, surrendes Geräusch, gefolgt von einem leisen Klicken. Bevor ich mich versah war sie an einem hauchdünnen Seil die Mauer emporgeschnellt. Auch ich hakte mich ein und wurde blitzschnell hinauf gezogen.

Auf der Mauer konnte ich einen Blick auf das Gesicht meiner Begleiterin werfen, während sie das Seil entfernte. Schwarzes, kurz geschnittenes Haar stand über einem strengen Gesicht mit breiten Augenbrauen und dunklen, braunen Augen. Durchaus hübsch für einen Menschen, dachte ich, obwohl sie genauso wenig menschlich war wie ich.

„Dort ist ein gutes Versteck!“, flüsterte sie, nachdem wir die Mauer lautlos hinab geklettert waren. Sie deutete auf eine Nische hinter einer Reihe weinroter Säulen neben dem imposanten Tor, welches Zugang zum Palast gab. Im Moment war es noch geschlossen.

Wir wussten aber beide, während wir in unserem Versteck warteten, dass sich die Ereignisse schon bald überschlagen würden. Ich lauschte den geregelten Atemzügen Inannas dicht an meiner Seite. Die Versuchung sie zu berühren, sie zu küssen, war groß, aber ich war pflichtbewusst genug, um mich nun voll und ganz auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Viel hing von mir und Inanna ab.

Dann, von einer Minute zur anderen erwachte der Palast. Menschen mit brauner Haut und gekleidet in farbigen Gewändern strömten in den Hof des Palastes und bildeten eine Gasse zum Tor, welches von zwei mit Speeren bewaffneten Wachen geöffnet wurde. Die Menge im Hof stimmte einen mitreißenden Gesang an, der in lauten Jubel überging, als ungefähr zwanzig barbusige Mädchen durch das Tor hindurch schreitend die Menschengasse betraten. Hinter ihnen folgte eine Menschenmasse, die jeden noch verbliebenen Platz im Hof füllte.

„Ich habe unsere Zielperson ausgemacht“, wisperte Inanna mir ins Ohr, während ihr Blick ins Nichts ging. Auch mein Hirn empfing ein starkes Signal, das aus der Menge im Palasthof kam.

„Jetzt!“, sagte ich und trat aus unserem Versteck in die Menschenmenge. Niemand beachtete uns als wir uns durch die jubelnden Männer und Frauen drängelten. Unser Ziel war bald erreicht. Es handelte sich um einen kleinen Mann in der Kleidung eines Geschäftsmannes. Um die Schulter, an einem Lederriemen, trug er einen geflochtenen Sack.

Gerade jedoch als Inanna dem Mann den Beutel entreißen wollte, drehte dieser sich um und blickte uns erschrocken an.

„Kleftis!“, rief er laut aus. Sofort wurden die Umstehenden aufmerksam und bildeten einen Kreis um uns. Erst jetzt schien ihnen aufzufallen, dass wir irgendwie fremd wirkten. Und das obwohl wir die richtige Kleidung trugen. Es dauerte nur einige Sekunden, dann wandte sich die Menge mit lautem Geschrei gegen uns.

„Komme dicht an mich heran“, rief meine Begleiterin über den Lärm hinweg. Ich tat wie geheißen.

Ein grelles Licht blendete mich. Das Geschrei der Menschen wurde hysterisch, und ich spürte wie ich am Arm fortgezogen wurde. Dann gab es einen Knall, und Rauch nahm mir die gerade wiedergewonnene Sicht. Ich gab es auf, den Ereignissen mit meinen Sinnen zu folgen und konzentrierte mich darauf, die ziehende Hand meiner Partnerin nicht zu verlieren.

Wir waren wohl aus dem Palast hinaus gelangt, denn es wurde plötzlich stiller. Meine vertränten Augen sahen verschwommen eine schmale Gasse, die auf ein Feld hinauslief. Wir rannten.

Kurz darauf erreichten wir einen kleinen Pinienhain und konnten ein wenig verschnaufen. Unser Geist mochte unsterblich und allen anderen auf diesem Planeten überlegen sein, aber er steckte in einer fleischlichen Hülle, und wir waren völlig außer Atem.

Als ich wieder Luft bekam, wischte ich mir die Tränen aus den Augen und betrachtete meine Begleiterin, die mit einem breiten Grinsen vor mir stand. Sie hob den rechten Arm und zeigte mir, was sie in der Hand hielt. Sie hatte den Beutel des Händlers tatsächlich stehlen können.

„Das lief nicht wie geplant! Aber wir haben den Job erledigt!“

„Es gibt immer wieder Unregelmäßigkeiten in den Zeitberechnungen“, erwiderte ich, noch immer ein wenig keuchend. „Dafür werden wir schließlich trainiert.“

„Hm, hm“, machte Inanna. „Gut, dass wir heute so glimpflich davon gekommen sind.“ Ich hatte keine Lust darauf einzugehen, erkundigte mich stattdessen:

„Haben wir bekommen, wofür man uns erweckt hat?“

Inanna kramte aus dem Beutel einen tropfenförmigen, silbernen Gegenstand hervor und hielt ihn triumphierend hoch.

„Ja!“

„Dann ist also alles zum Besten“, sagte ich.

„Vorläufig!“

Inanna wirkte plötzlich sehr nachdenklich, so dass ich mich zu fragen veranlasst sah:

„Was meinst du damit?“

„Das intelligente Leben auf diesem Planten organisiert sich immer komplexer. Es ist nur eine Frage der Zeit bis sie den großen Plan in Gefahr bringen.“

Ich lachte ihre Sorge weg. Und entgegnete mit ironischem Ton in der Stimme: „Wir werden immer die wahren Herrscher dieses Planten bleiben!“

„Vielleicht hast du recht“, sagte Inanna. Sie blickte mir tief in die Augen.

 

Auf Hoher See, tief im Walde

Es war ein herrlicher Tag. Nur wenige Flockenwolken trieben über den strahlend blauen Himmel. Ich legte den Kopf in den Nacken und nahm einen tiefen Zug der frischen Seeluft.

„Alle Mast- und Focksegel setzen“, brüllte der Quartermeister Pedro Luca über mir auf der Brücke. „Wir haben besten Wind! Steuer zehn Grad Luv.“ Sofort machten sich die Matrosen auf zu den Wanten. Ich beobachtete wie sie flink in die Takelage hinaufkletterten, teils zwischen Stagen und Tuch verschwindend, bis nach einer Weile alle Segel im Wind flatterten. Der Bug unseres Schiffes zerschnitt kleine Wellen, nur wenig Gischt erreichte das Deck. Wir machten tatsächlich gute Fahrt, wie Kapitän de Torres es in den letzten Tagen vorausgesagt hatte. Wenn uns das Wetter weiter günstig war, konnten wir schon in etwas mehr als einer Woche den Zielhafen erreichen: Puerto Cabezas in Nicaragua.

Ich schritt über das Deck zum Vormast und genoss den herrlichen Tag. Meine letzte Erweckung lag mehr als zweihundert Jahre in der Vergangenheit. Mich dürstete geradezu nach Leben. Ob es daran lag, dass mein Avatar, mein eigens für die Mission gezüchteter Gastkörper, dieses Mal sehr jung war, oder daran, dass ich nach all den Jahrtausenden begann, menschlich zu werden, war mir in diesem Moment egal. Alles fühlte sich leicht und beschwingt an. Ich hatte wahrscheinlich einfach nur gelernt, die Gegenwart zu schätzen.

Eine Hand auf meiner Schulter riss mich aus meinen Tagträumen. Ich wandte mich so schnell um, das Kapitän de Torres erschrocken einen Schritt zurückwich. Aber sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle und zeigte mir sein freundlichstes Lächeln.

„Guten Tag wünsche ich!“

Ich nickte ihm zu. Und de Torres fuhr fort:

„Ich will mich nicht aufdrängen, aber die Kosten der Überfahrt sind noch nicht ganz beglichen, mein Herr!“

Das also war seine Sorge.

„Sie bekommen den Rest der Summe bei Ankunft in Puerto Cabezas, wie vereinbart, Kapitän de Torres.“

„Ich kann mich an eine solche Vereinbarung nicht so recht erinnern“, erwiderte er mit künstlicher Autorität. De Torres schien Respekt vor mir zu haben. Ich strahlte Sicherheit aus und eine gewisse Autorität, sicher. Aber dass ein Haudegen zur See wie er eine solche Ehrfurcht entwickelt hatte, musste irgendwo anders seine Ursache haben. Ich konnte jedoch im Moment nicht erkennen, was in ihm vorging.

Ich trat einen Schritt vor. Mein Kopf überragte den seinen um einige Zentimeter.

„Vielleicht muss ich Euer Gedächtnis auffrischen.“

Er biss sich auf die Lippe, schien nachzudenken, abzuwägen.

„Nein, das wird nicht nötig sein. Ich vertraue Euch!“

Dann lächelte er, und ich bemerkte, dass es ihm große Mühe bereitete.

„Einen schönen Tag wünsche ich dem Herrn!“

„Bis später, Kapitän de Torres!“

Er ging davon, schaute sich aber noch ein letztes Mal zu mir um. Der Mann blieb mir ein Rätsel. Er musste doch wissen, dass unser Vertrag durchaus üblich war. Warum verlangte er nun plötzlich die Gesamtsumme? Warum bangte er um seinen Gewinn? Und wieso trat er mir ständig mit diesem kaum verhohlenem Respekt entgegen?

Vor meiner Einschiffung in Havanna waren wir uns noch nie begegnet. Seitdem hatte de Torres nichts von mir erfahren. Vielleicht machte ihn gerade das nervös, obwohl viele Reisende in dieser Weltgegend zu dieser Zeit nicht gerade schwatzhaft waren. Oftmals gab es einen Schatz oder ein Geheimnis zu waren. Es waren eben raue Zeiten.

Es half aber nichts mir mein Gehirn und meine Zusatzgehirne zu zermartern. Ich hatte einfach zu wenig Informationen.

In diesen Gedanken versunken, hatten mich meine Beine inzwischen zum Heck am Quarterdeck geführt. Ein Matrose im Ausguck begrüßte mich brummend und spuckte dann seinen ausgelutschten Kautabak über Bord. Der wachhabende Steuermann würdigte mich keines Blickes. Mir sollte es recht sein. Ich ging zur Reling und betrachtete das Meer.

Plötzlich sah ich etwas in den Wellenbergen unmittelbar unter dem deutlich sichtbaren Horizont aufblitzen. Zuerst hielt ich es für eine Reflexion der Sonne auf dem Wasser, aber dann tauchte für eine Sekunde etwas auf. Ich meinte einen Mast erkannt zu haben.

Ich wandte mich an den Matrosen, der sich inzwischen ein neues Stück Kautabak zwischen die braunen Zähne geschoben hatte.

„Welches Schiff fährt in unserem Fahrwasser, Maat?“

Er sah mich aus blutunterlaufenen Augen an. Keinen Ausdruck in seinem Ledergesicht.

„Was für ein Schiff meinen der Herr?“

Ich deutet auf die Stelle, an der ich den Mast gesehen hatte.

„Dort!“

Der Matrose hob widerwillig sein Fernrohr ans Auge und sah hinaus auf See. Nach einer Weile grunzte er und gab mir das Fernrohr.

„Wenn Eure Augen geschulter sind …“

Ich nahm das Gerät an und putzte die Linsen mit meinen Hemdaufschlägen bevor ich hindurchblickte. Es gab tatsächlich nichts zu sehen.

Ich wiederholte den Eindruck, das Gesehene in meinem Extra-Gehirn, und alle Zweifel wurden davon gefegt. Der Mast eines anderen Schiffes war deutlich erkennbar gewesen. Ich hatte mich nicht geirrt. Aber nun war es verschwunden. Wollte sich jemand verstecken oder war alles nur ein Zufall? Ich konnte nichts tun als abwarten. Oder zumindest sehen, was ich aus de Torres heraus bekommen konnte.

Vielleicht waren beide Ereignisse – das merkwürdige Verhalten des Kapitäns und das verfolgende Schiff – ja sogar miteinander verknüpft.

Ich stieg die Treppe hinunter zum Hauptdeck und betrat, nachdem ich angeklopft hatte, die Kajüte des Kapitäns. De Torres stand hinter seinem Kartentisch und blickte mir erstaunt, ja fast ängstlich, entgegen.

„Was wünschen Sie?“

Ohne zu antworten trat ich an ihn heran und sagte:

„Was verschweigen Sie mir, Kapitän?“

De Torres hob seine Hände, trat einen Schritt zurück.

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“

„Sehen Sie, Kapitän“, meinte ich mit ernster Stimme, während ich mich ihm bis auf zwei Nasenspitzen näherte. „Wir beide wissen, dass Sie mir etwas verheimlichen. Wir können uns viel Zeit sparen, wenn sie ehrlich zu mir sind … Wer steuert das Schiff, das uns verfolgt?“

Er starrte mich entgeistert an. Dann gab er sich wohl einen Ruck und erwiderte, den Blick zu Boden gesenkt:

„Ich habe wirklich keine Ahnung … Ich befürchte, dass es sich um Piraten handelt.“

„Was bringt Sie auf diese Idee?“

Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich, deutete auf einen zweiten Stuhl hinter dem Kartentisch. De Torres setzte sich ebenfalls. Dass er meinem dreisten Auftreten nichts entgegen setzte, bewies mir zwei Dinge: Er hielt mich für mächtiger als ich war, und er hatte Angst.

„Erlauben Sie mir eine Gegenfrage, Herr Enki.“

Ich nickte ihm auffordernd zu.

„Sind Sie ein Pirat?“

Innerlich spürte ich ein Schmunzeln kribbeln, äußerlich blieb ich kalt wie Eis. „Nein! Noch einmal: Was bringt Sie zu dieser Vermutung?“ Er rieb sich mit der Hand über den Mund, meinte dann:

„Nun, gut. Vielleicht sollte ich mich Ihnen endlich anvertrauen. Sie strahlen eine gewisse … Autorität aus.“ Ich sagte nichts, um seinen Redefluss nicht zu unterbrechen.

„Bevor wir aus Havanna ausliefen, bemerkte ich eine seltsame Frau, die mich beschattete. Sie war sehr geübt darin, und nur ein Zufall machte mich auf Sie aufmerksam. Es gelang mir nicht, sie zur Rede zu stellen. Sie verschwand spurlos im Gewühl der Menschen am Kai. Erst kurz bevor wir einschifften, sah ich sie wieder. Sie befand sich an Bord eines Schoners, der in unserer Nähe ankerte. Ich erwischte einen kurzen Blick auf diese Frau, dann hatte sie mich wohl bemerkt und war wieder verschwunden …

Nun, diese rätselhafte Frau mochte sich vor mir verstecken. Einem erfahrenen Seemann allerdings entgeht kein Schoner, der in seinem Fahrwasser fährt.

Der Kapitän des anderen Seglers ist ein Stümper, wenn er uns heimlich verfolgen will. Schon seit Tagen melden mir meine Rudergänger einen Zweimaster am Horizont. An Bord befindet sich diese geheimnisvolle Frau. Dessen bin ich mir sicher!

Ich habe meine Männer Ihnen gegenüber zu Schweigen verpflichtet. Ich weiß nämlich nicht, ob Sie mit dieser Frau im Bunde sind, Herr Enki.“

Ich war verblüfft, ließ mir jedoch nichts anmerken.

„Ich versichere Ihnen, Kapitän de Torres, dass ich mit dieser Sache nicht das Geringste zu tun habe. Ich bin nur ein einfacher Geschäftsmann auf dem Weg zu Gesprächen mit einem wichtigen Kunden in Puerto Cabezas.“

Ich war mir inzwischen ziemlich sicher, dass dies in doppelter Hinsicht gelogen war. Diese Frau verfolgte mich. Meine auf Logik basierende und von Computern gestützte Intuition hatte mich in der Vergangenheit – und das war eine sehr lange, erfahrungsreiche gewesen – selten im Stich gelassen. Und der Kapitän hatte wohl angenommen, dass ich mit dieser Frau im Bunde war, um sein Schiff in geeignetem Augenblick zu entern und zu überfallen.

De Torres riss mich aus meinen Gedanken.

„Ich habe schon oft gehört, dass Piraten die Schiffe, die sie auf hoher See überfallen wollen, schon im Hafen auskundschaften. Oft soll sich sogar an Bord ein Spion einschiffen … Sind Sie ein solcher, Herr Enki?“

Jetzt lachte ich laut heraus.

„Sehe ich etwa so aus?“

„Dem Sinn eines Spions entspricht es, nicht aufzufallen“, wandte er ein. „Sie sind durchaus gekleidet wie ein wohlhabender Kaufmann, aber was bedeutet das schon? Etwas in Ihrem Gehabe ist – mit Verlaub - sehr geheimnisvoll.“

Kapitän de Torres war ein rechter Menschenkenner. Das musste ich ihm lassen.

„Ich versichere Ihnen, Kapitän, dass ich kein Spion bin. Aber ich vertraue Ihnen an, dass meine Reise mehr als nur eine Handelsbeziehung zum Hintergrund hat.“

„Politik?“, fragte de Torres.

Ich nickte leicht.

„Wenn uns jemand verfolgt, dann nicht um Ihr Schiff zu überfallen, sondern, um ein Auge auf mich zu haben. Ich bin sehr froh, dass der Verfolger entdeckt wurde und Sie mich informieren. Ich werde Ihre Loyalität zur Krone in entsprechenden Kreisen erwähnen.“

Ich zwinkerte ihm zu. „Sie verstehen sicher, Kapitän, dass ich Ihnen Details vorenthalte.“

De Torres lachte. Er wirkte erleichtert. Also hatte er meine Lüge geschluckt.

„Trinken wir darauf“, lud er mich ein. Ich schlug den Becher Wein nicht aus. Aber meine Gedanken waren woanders. War Inanna die geheimnisvolle Frau im Hafen von Havanna gewesen? Sollten wir uns endlich wieder begegnen?

Ein paar Tage später erreichten wir Puerto Cabezas. Unser Schiff ging in der flachen Bucht vor Anker, und Kapitän de Torres begleitete mich persönlich im Ruderboot an Land.

Am Strand übergab ich ihm den Rest des ausgehandelten Betrags für meine Überfahrt von Havanna hierher. Wir verabschiedeten uns mit einem Handschlag, wobei er mich ängstlich, gleichzeitig verachtend, anblickte. Ich ignorierte dies, wandte mich der nahen Siedlung zu und sollte ihn nie wiedersehen.

Die Station in der Umgebung von Havanna hatte ich benutzen müssen, weil diese in Nicaragua gänzlich ausgefallen war. Was auch der Grund war, warum ich hierher gesandt worden war. Mein Körper war frisch generiert, mein Name erfunden, angepasst an dieses Jahr der Menschheitsgeschichte: also 1722.

Wer also bei allen Sternen konnte sich an meine Fersen geheftet haben. Mein Extrahirn lieferte einen ersten Verdacht; nicht mehr als eine Eingebung, bevor ich mehr Daten zur Verfügung hatte. Sollte es tatsächlich Inanna sein?

Meine Aufgabe konnte dahingegen nicht einfacher sein. Ich sollte die verlorene Station hier in Nicaragua aufsuchen, den Grund dafür finden, warum sie sich nicht länger meldete, und sie entweder reparieren oder ganz stilllegen.

Der Ort Puerto Cabezas, war nur eine kleine Ansammlung von windschiefen Holzhäusern, deren bunte Farben begannen abzublättern. Im Schatten der Gebäude lungerten bärtige Männer, die mich misstrauisch beäugten. Eine Gruppe von Frauen, die verschiedene Waren auf ihren Köpfen balancierten, kam mir kichernd entgegen. Sie betrachteten mich scheu. Alles in allem erregte ich mehr Aufmerksamkeit als mir lieb war. Der Musik spanischer Seelieder und dem Geruch gebratenen Fleisches folgend, erreichte ich die Taverne des kleinen Ortes. Ein mürrischer, unrasierter Wirt vermietete mir ein kleines, muffig riechendes Zimmer im zweiten Stock des heruntergekommenen Hauses.

Ich zog mich dahin zurück und beschloss, erst im Morgengrauen, heimlich und unbemerkt, aufzubrechen. Vor mir lag noch ein guter Fußmarsch von zehn Tagen durch unwegsamen Dschungel. Wie die meisten Stationen meiner Auftraggeber lag sie weit entfernt von menschlichen Siedlungen und Städten.

Mein Körper brauchte also eine Ruhepause von den Strapazen der Reise. In dieser Beziehung war ich durch und durch menschlich. Ich legte mich auf die von Ungeziefern wimmelnde Matratze – was soll's, dachte ich. In ein paar Tagen war ich diesen Körper wieder los - und schlief bald ein.

In der Nacht weckte mich mein Extrahirn, weil es eine Gefahr vermutete. Sofort war ich hellwach, setzte mich auf den Rand des quietschenden Bettes und lauschte erstarrt den Geräuschen der Nacht. Zuerst nahm ich über das Rauschen des Windes, der an dem alten Haus zerrte, und dem fernen Gesang betrunkener Matrosen, nichts wahr. Erst nach einer Weile hörte ich Geraschel und Schritte im Sand unter meinem Fenster. Vorsichtig, geräuschlos erhob ich mich von Bett und schlich zum Fenster. Durch die verdreckten Scheiben wagte ich einen Blick hinaus auf den Hof hinter der Taverne. Es dauerte schon eine Weile bis sich etwas bewegte, aber dann erkannte ich ganz klar und deutlich einen Schatten.

Eine Gestalt, die wohl hinter ein paar abgestellten Fässern gelauert hatte, wagte sich hervor und schlich auf die Taverne zu, direkt unter mein Fenster. Ich tat einen winzigen Schritte nach vorn, um einen besseren Blick auf den Hof zu haben. Dabei rechnete ich nicht mit einer losen Diele. Das Knarren zerriss wie ein Pistolenschuss die Stille. Innerlich fluchte ich als ich die Gestalt davoneilen und in der Nacht verschwinden sah.

In dieser Nacht würde ich nicht mehr erfahren, wer mein Verfolger war. Nachdenklich legte ich mich aufs Bett. Die innere Aufregung legte sich, der ferne Gesang betrunkener Seeleute verstummte, und ich schlief wieder ein.

Vogelgezwitscher erfüllte die Luft, die schwer und feucht in den Gassen Puerto Cabezas lag. Es war in beginnender Dämmerung als ich mich aufmachte, die Taverne zu verlassen. Im Schankraum schnarchte einsam ein übrig gebliebener Gast, den Kopf auf verschränkten Armen auf dem Tisch ruhend. Er würde so schnell nicht aufwachen.

Niemand begegnete mir auf dem Weg hinaus aus der Siedlung, und als der Morgen sich endgültig mit orangenen Tönen im östlichen Firmament ankündigte, erreichte ich den Dschungel. Hier endete die heutig existierende Zivilisation, aber mein Weg würde mich zu den Ruinen einer viel älteren Kultur führen. Eine Kultur, die schon vor der Ankunft der Spanier Außenposten in diesem Teil der Welt unterhalten hatte. Sie hatten einen dieser Handelsposten direkt über einer Station meiner Auftraggeber gebaut, die ihrerseits Millionen Jahre älter war als die Zivilisation der Maya. Dies war nun mein Ziel.

Die Ruinen lagen zehn Tagesmärsche – wohlgemerkt: durch dichten Dschungel – von Puerto Cabezas entfernt. Schon deshalb hatte kaum einer der Siedler den Weg dorthin gefunden. Die Ruinen waren den spanischen Kolonisten wohl bekannt, aber ihre Neugier gegenüber einer in ihren Augen minderwertigen Kultur hielt sich in Grenzen. Sie konnten ja nicht ahnen, was für Wunder sich nur dreißig Meter unter der Oberfläche verbargen.

Ein Glück, denn die Menschen waren noch nicht reif für das, was sie dort vorfinden würden. Wenn sie es überhaupt jemals sein würden. Aber es war nicht das erste Mal, dass ich die Menschheit in ihrer Neugier und ihrem Schaffensdrang unterschätzte. Es schien sich inzwischen anzudeuten, dass die Menschheitsgeschichte sich dem „Delta-Punkt“ nähern könnte. Jedenfalls hatte mir die Station in Havanna diese Information ins Extrahirn geladen als ich vor sechs Wochen wieder das Bewusstsein erlangt hatte. Auch ich musste feststellen, dass die Menschheit sich seit meinem letzten Erwachen überproportional prächtig entwickelt hatte. Sollten meine Auftraggeber, die Herren der Zeit, mit ihren Befürchtungen also recht behalten. Oder erfüllten sich gar ihre Hoffnungen? Es war nicht an mir, darüber zu urteilen. Ich war nur ein Werkzeug, ein Diener der Herren der Zeit.

Die Geräusche des Dschungels holten mich in die Wirklichkeit zurück. Ich musste mich konzentrieren, denn von nun an bedeutete jeder Schritt eine große Gefahr. Schlangen und Jaguare waren noch die geringste Bedrohung. Ich musste bei jeder Bewegung aufpassen, im unwegsamen Gelände nicht den Halt zu verlieren und mir den Knöchel zu verstauchen oder zu brechen. Das wäre einem fast sicherem Todesurteil gleichgekommen. Da es weit und breit keine Hilfe gab, würde mein Körper sicherlich den Hungertod sterben. Ich umschloss den Griff der Machete fester und begann einen Weg durchs Unterholz des wuchernden Waldes zu schlagen. Noch bevor die Sonne den Horizont erleuchtete, war ich bereits tief in den Dschungel vorgedrungen.

 

Begegnung in der Zeit

Auf den ersten Blick war nichts zu sehen. Ein uninformierter Wanderer mochte die Stelle unter einigen Bäumen passieren, ohne etwas zu entdecken. Aber ich wusste, wonach ich zu suchen hatte. Zwischen den Wurzeln waren noch einige behauene Steinquader erhalten geblieben. Nachdem ich einige Sträucher und Wurzeln beseitigt hatte, wurde ein Relief sichtbar, das einen Herrscher aus vergangenen Zeiten zeigte, einen Speer in der Hand, bereit zu neuen Eroberungen. Ich las die Bilderinschrift und stellte erstaunt fest, dass K'inich Janaab Pakal der Stifter dieses verschwundenen Handelspostens der Maya gewesen war. Ich war ihm begegnet. Ich berührte sein Porträt und meine Gedanken schweiften kurz in die Vergangenheit ab.

Aber Sentimentalität, die eigentlich eine Eigenschaft des Menschen war, dennoch in Jahrtausenden in mir gereift war, konnte ich mir im Moment nicht leisten. Ich zwang mich zurück in die Realität. Nur das hier und jetzt zählte, erinnerte ich mich an einen alten Leitspruch meiner Programmierung. Und obwohl diese durch das Erlebte stark verändert worden war, galt sie mir immer noch als höchste Referenz. Wie eine Art von Religion.

Nach einer Weile und ein paar Anstrengungen hatte ich den Eingang zur Station zwischen Wurzel- und Mauerwerk gefunden. Gerade wollte ich den schmalen Gang, der in die Tiefe führte, betreten als ich ein Knacken aus dem Unterholz wahrnahm. War es ein Tier gewesen? Ein Verfolger? Die Ereignisse auf der Überfahrt hatten mich skeptisch gemacht und meine Sinne noch einmal geschärft. Ich betrat den Gang, blieb aber nach ein paar Schritten lauschend in der Dunkelheit stehen. Eine ganze Weile geschah nichts. Dann aber vernahm ich Schritte. Jemand versuchte, mir hinterher zu schleichen. Aber meinem guten Gehör entgingen die vorsichtigen Bemühungen, mich zu beschatten, nicht. Es dauerte nicht lange bis eine menschliche Silhouette sich über mir im Eingang der Station abzeichnete. Ich trat in die Mitte des Ganges und rief:

„Wer geht dort?“

Die Antwort kam zögernd.

„Ich will dir nichts Böses!“

Ich stieg einen Stück des Ganges hinauf, bis ich vor ihr stand. Es handelte sich um eine dunkelhaarige Frau, die mich aus braunen Augen heraus betrachtete. Sie wirkte entschlossen und furchtlos.

„Erkennst du mich nicht, … Enki?“

Diesen Namen kannten auf diesem Planeten nur zwei. Ich war der eine und die andere musste doch …

„Inanna?“, fragte ich und kannte schon die Antwort.

„Du hast mich wohl nicht erwartet?“

Ich schüttelte den Kopf. Es war Jahrhunderte her, dass wir uns begegnet waren. Warum war ich nicht informiert worden? Vertrauten die Auftraggeber meiner Einheit nicht mehr? War ich defekt? Oder hatten die Herren der Zeit Verdacht geschöpft? Wussten sie von der Zuneigung zwischen uns?

Ich umarmte sie froh und küsste sie.

„Wir sollten miteinander reden.“

Das war eine gute Idee. Wir setzten uns in der Nähe des Eingangs auf einen umgestürzten Baum und hielten uns bei den Händen. Einige Sekunden herrschte Stille, bis ich mir ein Herz nahm und fragte:

„Nun, was führt dich an diesen Ort?“

Inanna legte den Kopf in den Nacken, ließ die Sonne in ihr Gesicht scheinen. Mit geschlossenen Augen erwiderte sie:

„Im Prinzip dasselbe wie dich. Diese Station ist aus bisher unerklärlichen Gründen ausgefallen. Nur …“

Eine Pause schürte Ungeduld in mir.

„ … bin ich dieses Mal eine Art Rückversicherung.“

Ich sah sie fragend an.

„Unsere Auftraggeber“, fuhr sie verstehend fort, „wollten einfach nur sichergehen. Die Zeiten haben sich geändert. Die Geschichte der Menschheit nimmt eine entscheidende Wendung.“

Das entsprach meinem eigenen Wissen.

„Aber warum wurde ich nicht informiert?“

„Das entzieht sich mir. Ich habe auch keine genaueren Daten.“

Ihre Stimme klang plötzlich kühl, distanziert.

„Die Herren der Zeit werden schon wissen, was sie tun. Wir sind nur ihre Werkzeuge.“

Das war sicher so, gestand ich mir. Dennoch hatte ich eine merkwürdige Ahnung. Der Rhythmus der Geschichte schien aus den Fugen. Die Herren der Zeit hatten eine neue Richtung eingeschlagen. Ihre Motive jedoch blieben mir ein Rätsel. Ich war mir jetzt sicher, dass es Inanna ebenso erging.

„Der Delta-Punkt“, sagte ich leise.

Inanna nickte.

„Das muss es sein.“

„Ich sehe nicht, wie diese Menschheit die Datenvielfalt im Universum stören oder bereichern sollte.“

Ich konnte es mir wirklich nicht vorstellen. Dazu brauchte es nämlich zumindest interstellare Raumfahrt und einen imperialen Gedanken. Das Letztere war bei der Kriegssucht und religiösen Verblendung dieser Epoche durchaus vorstellbar, aber die Menschen hatten noch nicht einmal Fluggeräte, geschweige denn Maschinen, die sie zu einem anderen Stern transportieren konnten.