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Die Armada ist eine gewaltige Flotte von Raumschiffen. Jedes Schiff beherbergt eine Welt für sich, und niemand kennt das Ziel oder den Ursprung der Reise. Winkli und Maschuké begeben sich auf einen abenteurlichen Streifzug, um ein wenig Licht in die Bedeutung der Armada zu bringen. Dabei stoßen sie auf Widerstand von allen Seiten. Besonders die Piraten scheinen es auf die Geheimnisse Maschukés abgesehen zu haben.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Thorsten Lipinski
Die Armada
Wie das Raumschiff des Weisen gefunden wurde
www.tredition.de
© 2015 Thorsten Lipinski
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7323-6760-3
Hardcover:
978-3-7323-6761-0
e-Book:
978-3-7323-6762-7
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Für meine Eltern und Elena
PROLOG
Die Armada nahm sich aus wie ein Flickenteppich aus winzigen Lichtpunkten, die - mal blinzelnd, mal blind - unter dem Feuer von fernen und nahen Sonnen aufflackerten. Die Flotte von Raumschiffen zog ihre einsame Bahn durch die Leere des Raums ohne anzuhalten.
Die unzähligen Schiffe, manche gereiht wie auf einer Perlenschnur oder in Formation fliegend, manche über- und untereinander, kannten trotz aller Unordnung doch nur eine gemeinsame Richtung, ein einziges Ziel, das irgendwo vor den Schiffen in weiter Tiefe liegen musste, denn Jahre, wenn nicht sogar Jahrhunderte oder Jahrtausende - wer vermochte das schon zu sagen - waren vergangen, seitdem sie aufgebrochen waren. Und noch einmal soviel Zeit würde sich ihnen vor den Bug schieben, bis sie endlich ankommen würden.
Wo ihr Ziel in den Haufen von Sternen lag …? Das hatten vielleicht noch die Steuermänner der ersten Generation gewusst, hatten mit großem Idealismus beschreiben können, was sie trieb und wie sie sich ihre Zukunft vorstellten, an einem Ort, den es noch zu erreichen galt.
Die jetzigen Bewohner einer verschlissenen Technik, waren sich zum größten Teil noch nicht einmal bewusst, wo sie sich eigentlich befanden.
Viele von ihnen hatten keine Ahnung, was ein Raumschiff war, geschweige denn eine Vorstellung davon, wie man ein solches steuert. Sie waren schlichtweg Bewohner geworden.
Bewohner einer künstlichen Umwelt, die für sie geschaffen worden war, und die sie nun für den Gott hielten, der sie am kacken hielt. Schafe waren sie, die ihren eigenen, kleinen Geschäften nachgingen und die Armada ihre Herde, mit ungewissem Ziel und vergessener Herkunft.
Und wenn man genauer hinsah, sich einem der Raumschiffe näherte, bis die poröse Oberfläche des gealterten Metalls sichtbar wurde, und dann hindurch blickte, dann …
I
Ein letzter geruhsamer Abend
Flocke hatte wieder einen seiner wilden Momente. Seine sechs Beine verloren die Koordination und verhedderten sich ineinander. Seine Kulleraugen rollten und ein so süßes Objekt wie er, musste Aufmerksamkeit unmittelbar auf sich ziehen. Aber sein Herrchen hatte kein Auge für sein lebensbegleitendes Schmusetier, das immer noch durch das hohe Gras rollend, kleine Pfeiftöne ausstieß, die ihn zum Spielen anregen sollten.
Sein Blick hing am Himmel, der gar nicht so fern mit hellem Blau und erfrischt von weißen Wolkentupfern lockte, obwohl - unser Himmelblicker wusste es genau zu sagen -, es dieselbe Formation war wie gestern. Genau wie zur selben Stunde am vorigen Tag.
Immer wieder - Abwechslung nur innerhalb einer Tag- und Nachtwache - vollzogen die Wolken denselben Tanz am blauen Himmel. Nur in der Ruhephase - der sogenannten Nacht - war der Himmel gänzlich schwarz.
Und wenn es die anderen auch nicht sonderlich interessierte, da es immer genug Früchte, Fisch und Wasser gab und ihr Gefühl von Sicherheit sich mit jedem ereignislos verstreichenden Tag vertiefte, was ihre Selbstzufriedenheit und Sorglosigkeit von der Geburt bis zum Tod weiter schürte, so hatte Winkli doch noch einige Fragen. Er hinterfragte seine Art zu leben, wollte wissen, was außerhalb lag, ließ deshalb keine Gelegenheit aus mit den Wanderern zu sprechen, sie mit Fragezeichen zu löchern, wenn diese alle paar Monate kamen.
Aber keiner seiner Mitbewohner schien ein Ohr dafür zu haben und die Wanderer schwiegen meistens oder wussten auch nicht viel mehr.
Er war offenbar der Einzige, der mit dem Status-Quo nicht zufrieden war, galt darum als unangenehmer Sonderling in dieser geschlossenen Gemeinschaft. Er träumte von Dingen, die den anderen Angst machten, und keiner wollte sie mit ihm teilen. Und da er von dieser Sehnsucht nicht ablassen konnte, da sie stärker war, als jede beruhigende, süße Frucht, mieden ihn die Bewohner dieser Lebenszelle, verstärkten so seine Isolation, seine Einsamkeit, die ihn in Gedanken wiederum weiter fort trieb. Diese Reihenfolge, einem Strudel gleich, dem er nicht zu entkommen schien, machte ihn nicht gerade zum glücklichsten Menschen seiner Lebenszelle.
Flocke, sein treuer Androidfreund, hörte zwar immer zu, teilte seine Sorgen im gewissen, im emotional sympathischen Sinne, hatte aber nicht die intellektuellen Fähigkeiten, - sprich: die Programmierung -, einen Ausweg aus seinem Dilemma zu finden; welches darin bestand, dass er es einerseits vor Sinnlosigkeit an diesem nichtssagenden Ort, an dem er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, nicht mehr aushielt, er aber andererseits auch nicht zu sagen vermochte, welche Alternative er sich wünschte, weil ihm noch nie zuvor eine geboten worden war. Er ahnte noch nicht, dass Veränderung auf flammenden Flügeln reitend unterwegs war, dass er sich bald einer Entscheidung gegenüber sehen würde, die seine kühnsten Fantasien übersteigen … und sein Leben komplett über den Haufen werfen sollte.
Vorläufig aber stiegen am künstlichen Horizont, in einigen Kilometern Entfernung, wie seit Jahren dieselben Wolken herauf, denen er die Namen „Glotzkopf“ und „Hefemonster“ gegeben hatte; alles wie gehabt.
Flocke kam heran und rieb sich an seinem Knie, er streichelte über das künstliche und sehr kurze Fell des Tierandroiden und erntete einen langen schnalzenden Laut, danach:
„Das ist gut.“
Die sanfte Stimme Flockes beruhigte sein vor Sehnsucht klopfendes Herz ein wenig. Die drei runden Körperglieder des Androidentiers vibrierten, während die sechs Beinchen, zwei an jeder Seite eines Gliedes - fast wie bei einem Insekt -, leicht durch das Gras scharrten. Die Augen glühten sanft zwischen den Falten der Kunsthaut, die das kleine Gesicht, bis hinab zu dem vorgestülpten mundartigen Schnäuzchen, überzog. Sein kurzer Schwanz am anderen Ende seines Körpers wedelte behutsam.
„Danke für den Trost. Du scheinst immer zu bemerken, wenn ich meine schlechten Tage habe, oder?“
Ein weiterer Schnalzlaut war die Antwort, und nachdem er eine Ehrenrunde um den im Gras sitzenden Winkli gedreht hatte, richtete er sich auf vier Metallpfoten auf, wobei die zwei vorderen bittend in der Luft hingen:
„Nach Hause!“
„Ganz recht, mein Kleiner!“, sagte Winkli und grinste auf seinen immer treuen Begleiter hinab. „Du hast es dir verdient, nachdem du meine Laune den ganzen Abend ertragen hast.“
„Nach Hause!“, wiederholte Flocke, sprang gegen sein Bein und klammerte sich dort mit allen Sechsen fest.
„In Ordnung!“, lachte Winkli und schleuderte das Androidtier mit einer lockeren Bewegung ab, rannte dann voraus auf das Haus zu, das er seit Jahren bewohnte; sein Gefährte folgte ihm pfeifend und piepend.
Winkli erreichte sein Haus, als der Himmel sich schon sehr verdunkelt hatte und die letzten Wolkenformationen vor der Nacht am Horizont auftauchten.
Bald würden die Weglaternen angehen und der Wind sich legen, dachte er, als er seine Hand auf die metallene Tür legte, die ihn daraufhin begrüßte:
„Guten Abend, Bewohner Winkli!“
Obwohl sein Haus nicht zu den komfortabelsten der Gemeinschaft gehörte, war es doch ein Ort, an dem er sich wohlfühlte. Das niedrig gezogene Dach beschirmte die runden Fenster vor dem hellen Schein, den eine kleine Sonne, als wandernder Punkt am blauen Himmel - um die achte und die vierzehnte Stunde zum Beispiel-, jeden Tag über ihre Gemeinschaft warf.
Das Haus lag auf einem seichten Hügel, umgeben von wogendem Grasland und lag oberhalb eines kleinen Sees, in dessen Ufer sich die Wurzeln von drei hochgewachsenen Bäumen gruben. Ihre Schatten schoben sich jetzt schneller über die leicht gekräuselte Wasseroberfläche, die unter abflachendem Wind zu erstarren schien wie Pudding im Kühlschrank.
Die meiste Zeit - von der ersten bis zur fünfzehnten Stunde - wehte ein leichter Wind, der die Windspiele an den Ecken von Winklis Haus in zufälliger Harmonie erklingen ließ. Auch diese verstummten nun in der Dämmerung.
Er trat in den weiten halbkugelrunden Raum, dessen Hemisphäre von einer Glaskuppel bekrönt wurde, durch welche die vertrauten Wolken zum Abschied bis Morgen hereinschauten.
Zwei runde Türen führten aus diesem Raum in sein Schlafzimmer und in seine Nasszelle.
Meistens jedoch hielt er sich hier auf, im durchgelegenen Sofa fläzend, den Medienbetrachter eingeschaltet, der ihm Hologramme von Wäldern und Wüsten vorführte, Landschaften, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte, und von denen er dachte, dass sie reine Fantasiegebilde eines kreativen Geistes waren.
Oft spielte er auch Dramen, einfache Rollenspiele. In der Rolle des Hololiebhabers und des Holokriegers fühlte er sich am wohlsten, obwohl er im tatsächlichen Alltag eine eher kekstrockene Figur war, mit der nur selten jemand zu tun haben wollte; abgesehen davon, dass er sowieso überall als komischer Kauz galt. Auch Winkli war bekanntermaßen kein großer Menschenfreund, war lieber für sich allein, weswegen er auch am Kleinen See wohnte, außerhalb der großen Siedlung, in der die meisten seiner Gemeinschaft wohnten. Es störte ihn nicht, dass schon die skurilsten Gerüchte über ihn kursierten, wobei die Vorstellung es handle sich bei Winkli um einen Androiden oder er sei von außerhalb der Gemeinschaft gekommen, noch zum harmlosesten Klatsch gehörte.
Außerhalb war übrigens ein Ort, an den man nicht einmal dachte, wenn man bei Verstand war; immerhin gab es in dieser Lebenszelle „alles, was man sich wünschen konnte“, wie die Alten der Gemeinschaft so oft betonten.
So lebte er hier also allein, ohne Partner, Freunde oder Familie und schämte sich, dass dieses Schicksal ihn restlos glücklich machte. Jedenfalls fast!
Bei aller geliebten Einsamkeit und dem Luxus, den die immerwährend funktionierende Technik des Hauses garantierte, spürte er eine gewisse Leere in seinem Innern, irgendwo zwischen Brustbein und Magen. Einen Ball des Unbestimmten, der bei jedem Gedanken an das Draußen, die Welt außerhalb ihrer Lebenszelle, zu wachsen schien und mit jedem Tag, jedem Jahr größer wurde.
Winkli ahnte nicht, dass sein Gefühl im Allgemeinen als Sehnsucht bezeichnet wurde, da er das Wort noch nie gehört hatte; wie er Vieles nicht kannte oder je vermutet hätte, wenn er nicht schon bald eines Besseren belehrt worden wäre.
Der Tag neigte sich seinem berechenbaren Ende zu, und die Nacht begann exakt mit der achtzehnten Stunde, als der Türsummer sich meldete: „Besuch steht vor der Tür, Winkli!“
Er fuhr auf, unterbrach das laufende Medienprogramm - ein dreidimensionales Puzzle - und fragte mürrisch:
„Wer ist es?“
„Es ist Monahan, Winkli!“, antwortete die Computerstimme.
Winkli seufzte.
Monahan war der Älteste der Gemeinschaft und damit der Vorsitzende des Rates. Er war aber auch wie Hämorrhoiden: unerträglich. Sein breiter Mund wollte nicht stillstehen, gestand keine Unterbrechung zu, und hatte trotzdem oft nichts zu sagen.
Es war eine Quälerei mit ihm zu sprechen, und dies stand Winkli wohl unmittelbar bevor, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, was der Ratsälteste ihm zu sagen haben könnte; schließlich kam er so gut wie nie hierher. Und das war auch gut so, fand Winkli.
Es hatte jedoch keinen Sinn sich zu verstecken. Die rote Farbe seiner Tür gab an, dass er zu Hause war. Außerdem ließ Monahan sich nicht so leicht abwimmeln, und etwas in seinem Ausdruck, wie er deutlich über die Außenkamera sehen konnte, sagte ihm, dass er ihn besser hereinließe und anhöre. Was er dann auch tat.
Wie ein Fisch auf dem Trockenen stürmte der Ratsälteste herein, seinen Mund zum ersten Wort geöffnet, noch bevor die Tür sich recht hinter ihm geschlossen hatte.
„Unglaubliches passiert!“, begann er seinen Monolog. Sein dickes Kinn wabbelte dabei mit den ebenso gearteten Lippen im Takt, seine kleinen, hinter Wangenfett verborgenen Augen schienen schwitzend in winzigen Seen zu versinken. „Ich habe es vom Wächter der Gemeinschaft vernommen und es schon allen berichtet … “
Er stützte seinen breiten Oberkörper mit seinen Stummelärmchen auf Winklis Sofa. Er war wohl gerannt und das bekam seinem an Bewegungslosigkeit gewöhnten Körper gar nicht gut. Aber er schnappte nur nach Luft, um weitersprechen zu können:
„… du bist der Letzte, der es erfährt. Das tut mir leid, aber du wohnst nun einmal am weitesten außerhalb der Siedlung. Ich habe dir zwar schon oft angeboten, … “
„Was ist denn eigentlich geschehen?“, unterbrach Winkli den Redefluss Monahans nun doch. Dieser starrte ihn an, musste seine Gedanken erneut sammeln.
„Richtig! Du hast recht! Eile ist geboten … also. Der Wächter, der am Rande der Zelle aufpasst, …“
„Bitte, Monahan! Ich weiß, wer der Wächter ist.“
Der Wächter wohnte noch weiter außerhalb der Hauptsiedlung als Winkli, da er einen besonderen Job zu erfüllen hatte. Seine Aufgabe bestand darin, den einzigen Zugang zu ihrer Lebenszelle zu bewachen.
Die Gemeinschaft hatte ein kleines Häuschen am Rande ihrer Welt, direkt gegenüber der Pforte, errichten lassen, in der ein Mann oder eine Frau eine längere Zeit gegen reichliche Vergünstigungen verblieb.
Abgesehen davon, dass es streng verboten war - weshalb es ja auch eigentlich einen Wächter gab!-, ging nie einer der Bewohner jemals hinaus; aber ab und zu kamen ein paar sogenannte Wanderer in ihre Zelle. Diese versorgten sie mit Gütern, welche sie selbst nicht produzieren konnten, wie zum Beispiel aus dem Bereich Elektronik und Robotik.
Sie handelten auch mit seltsamen Waren, die – wie sie behaupteten – aus anderen Zellen stammten.
Die Ankunft der fünf Wanderer, deren Namen wohlbekannt waren, hätte Monahan nicht in einen solchen Zustand versetzt.
Außerdem war es noch sechs Monate, bis sie wieder erwartet wurden. Und niemals wurde Winkli davon persönlich informiert.
Er ging zur Pforte, wenn die Ankunft der Wanderer bevorstand. Ihre Waren hatten schon von Kindesjahren an seinen Geist fasziniert und inspiriert. Meistens musste er einige Tage dort kampieren - stets unter dem strengen Blick des Wächters, der ihm tatsächlich zutraute, dass er die Lebenszelle verlassen würde -, nur um den richtigen Augenblick der Ankunft der Wanderer nicht zu verpassen.
Obgleich seine Neugier groß war, er würde seinen bequemen Lebensstil nicht für dieselbe aus Spiel setzen, geschweige denn sein Leben selbst. Andere Gründe, die Gemeinschaft zu verlassen, kamen ihm nicht in den Sinn. Er hielt die Welt draußen, genau wie die Anderen, für gefährlich, und eine instinktive Angst beschlich ihn, wenn er auch nur daran dachte, einen Schritt hinter die hohe gewölbte Wand der Lebenszelle zu wagen. Dazu bedurfte es schon eines gewaltigen Anstoßes; trotz der Sehnsucht.
„Also, was ist geschehen?“, verlangte Winkli, plötzlich sehr interessiert.
„Die Wanderer sind gekommen … “
„Die Wanderer sind schon da?“
Ein kurzer Schrecken etwas verpasst zu haben durchfuhr Winkli.
„… und wieder gegangen!“
Das letzte hatte in Winklis Ohren einfach unerhört geklungen, deshalb fragte er:
„Hast du gesagt, sie sind schon wieder fort?“
Der Ratsälteste nickte; Schweißtropfen flogen aus seiner Stirn.
„Warum sind sie wieder gegangen?“
Monahan machte eine wegwerfende Bewegung.
„Wenn du mich aussprechen lässt, brauchst du nicht so viel zu fragen.“
Nun, das war ein Satz, den der Ratsälteste wohl zum ersten Mal ausgesprochen hatte, dachte Winkli beleidigt, erwiderte aber nichts, da er fürchtete noch länger auf die Folter gespannt zu werden. Er wollte endlich wissen, was los war.
„Die Wanderer waren kurz da, sprachen mit dem Wächter und brachen sofort wieder auf. Sie trugen noch nicht einmal Waren mit sich und versicherten, nur die alte Freundschaft ließe sie kurz anhalten, um unsere Gemeinschaft zu warnen.
Sie sagten, dass große Unruhe sich uns nähert, und wir besser auf der Hut sein sollten. Es scheint, dass Piraten unterwegs sind!“
Winkli stockte der Atem; sein feiner Körper zitterte unwillkürlich. Aber das waren doch nur Legenden! Noch nie hatte jemand wirklich Piraten gesehen, obwohl sie in vielen Geschichten vorkamen und meist als brutale Menschenschlächter dargestellt wurden. Sie glichen Mythenmonstern, waren etwas, dass sich ihnen unmöglich leiblich nähern konnte. Das war so unwirklich, als hätte Monahan behauptet, der Kuppelhimmel würde ihnen auf den Kopf fallen.
„Piraten ?“
Der Ratsälteste nickte erneut.
„Ich wollte es erst auch nicht glauben … Ich meine, das sind Kindermärchen! Unfug … Es gibt keine Piraten … dennoch wissen wir, dass den Wanderern zu vertrauen ist, wenn auch nicht wie einem aus unserer Lebenszelle, aber immerhin … Es könnte also etwas Wahres dran sein. Wir wollen auf jeden Fall darüber beraten und du bist dazu natürlich eingeladen. Morgen um die fünfzehnte Stunde?“
„Die fünfzehnte Stunde …“, hörte sich Winkli sagen, aber seine Gedanken waren ganz woanders. Dies war das Aufregendste, das er in seinem Leben je erlebt hatte; woraus jeder Durchschnittsmensch schließen kann, dass Winklis Dasein bisher sehr eintönig gewesen sein musste. Selbst Flocke spürte den erregten Zustand seines Herrchens, strich um seine Beine und piepste: „Alles wird gut. Alles wird gut.“
So vertieft war Winkli, dass er nicht bemerkt hatte, dass der Ratsälteste ihn schon seit ein paar Augenblicken fragend ansah.
„Also kommst du? Können wir mit dir rechnen?“
„Sicher!“, erwiderte Winkli schnell. „Sicher, ich werde kommen.“ Und nach einer Pause:
„Glaubst du wirklich, dass Piraten hierher, zu uns, unterwegs sind?“
Jetzt schmunzelte Monahan ein wenig.
„Meine private Meinung? Ich glaube nicht, dass es so etwas wie diese Piraten überhaupt gibt. Aber es beruhigt die Leute, wenn darüber diskutiert wird … Du weißt, wie schnell bei uns alles in Aufregung gerät …“ - Monahan war ein gutes Beispiel dafür, fand Winkli - „… Komisch ist nur die Sache mit den Wanderern.“
Er verfiel in ein nachdenkliches Schweigen. Ebenfalls etwas, dass man selten bei ihm beobachten konnte.
„Komisch“, stimmte Winkli zu.
Sie tauschten noch ein paar Floskeln aus, dann verabschiedete sich der Ratsälteste und verschwand mit den Worten „Bis Morgen“, während draußen pünktlich wie jeden Tag die Nacht einsetzte.
Irgendwie konnte Winkli nicht schlafen und wälzte das Bettlaken wie Plätzchenteig. Der in seinem Sinne aufregende Tag hatte ihn auf merkwürdige Art und Weise durcheinander-gewürfelt. Draußen, vor dem jetzt verdunkelten Panoramafenster, verstrichen die Nachtstunden ganz nach Plan; und seine Gedanken gingen auf die Reise. Was mochte wohl hinter den beschützenden Wänden der Lebenszelle liegen? Waren wirklich Piraten unterwegs?
Er hatte Gerüchte gehört, alte Geschichten, über andere Lebenszellen und riesige technische Anlagen, die irgendwo verborgen lagen, aber sich nie getraut, selbst einmal nachzusehen.
Er war im Haus seiner Eltern in der Siedlung geboren, hatte Lesen, Schreiben und hydroponische Ernte gelernt und hatte dann, als er merkte, dass er anders war als die anderen und keine Lust hatte eine Frau zu wählen und sich mit der Fortpflanzung zu beschäftigen, eines der zehn Eremitenhäuser bezogen, die von den Gründern für Charaktere wie ihn vorgesehen worden waren.
Seitdem war jeder Tag gleich verlaufen im eintönigen Takt der vorbeiziehenden Wolken und der kleinen Sonne am künstlichen Himmel. Er stand immer zur gleichen Stunde auf, frühstückte ausgiebig, arbeitete in den hydroponischen Häusern, die sie alle mit reichlich Nahrung versorgten, ging danach mit Flocke am Kleinen See spazieren, kehrte heim und amüsierte sich mit Holotheater.
Kleidung produzierte ihre Gemeinschaft aus einer sehr kräftigen und doch geschmeidigen Seide, die sie aus kleinen Bakterien gewannen.
Die Wanderer brachten die einzige Abwechslung und waren die einzige Verbindung zur märchenhaften Außenwelt, von der Winkli, wenn er es recht bedachte, rein gar nichts wusste.
Flocke, den er selbst in seinem Schlafraum an seiner Seite zuließ, spürte seine Schlaflosigkeit, kam mit klickenden Schritten an sein Bett und surrte beruhigend.
Winkli erhob sich, stellte die kurzen Beine auf den Boden, strich sich über den kahlen Schädel, der nur von einer kleinen Tätowierung hinter dem linken Ohr, seiner Geburtsmarke, verziert wurde und rieb sich über die Augen. Warum nur wollte der Schlaf nicht kommen?
In diesem Moment erstarrte Flocke zu einem steifen Gestell, seine augenartigen Sinne schienen die Umgebung zu scannen, dann gab er ein alarmierendes Piepen von sich.
„Gefahr!“, warnte er, aber da war Winkli schon aus dem Bett und in seinen praktischen Overall geschlüpft. Er hob die Verdunklung des Panoramafensters auf und versuchte in der Dunkelheit um sein Haus herum etwas zu erkennen.
Er sah die sanften, grün bewachsenen Hügel, die jetzt finster und still gegenüber dem erloschenen Himmel wirkten. Der See lag unschuldig grau schwarz dort, wo er hingehörte. Nicht ein Mucks tat sich.
Gerade wollte er sich abwenden, als ein greller Blitz die künstliche Nacht durchbrach. Eine Weile konnte er nichts sehen, da weiße Punkte vor seinen Augen tanzten, dann aber erkannte er den hellen Schein hinter den Hügeln, in der Richtung, in der das Haus des Wächters sich befand, am Rande ihrer Lebenszelle.
Es sah aus als stünde dort etwas in Brand, denn der Horizont flackerte unheildrohend. Flocke drehte sich im Kreis und fiepte, stürmte dann in den Wohnraum.
Ihm folgend zog Winkli seine Stiefel an, und wollte seinen Tierandroiden gerade fragen, was er wahrnahm, als mit eisernem Griff von hinten gepackt wurde.
II
Flitze wer kann!
Maschuké wusste nicht, wie lange sie die Verfolger noch auf Abstand halten konnte. Ein Blick auf das Gerät an ihrem Handgelenk, das auch Biocomp genannt wurde, und damit auf ihren multifunktionalen, holografischen Bildschirm, der im Moment die Position der Gegner anzeigte, sagte ihr, dass sie nicht mehr fern waren. Sie schaltete ein Gerät an ihrem Gürtel ein, das ihre elektromagnetischen Spuren löschen sollte. Ein Trick, eine Tarnkappe sozusagen, den sie nur im Notfall einsetzte, da die Energie des Apparats fast auf Null war und sie an Bord des Raumschiffs bisher keine passende Zelle gefunden hatte; und auch keine Hoffnung kurzfristig auf solche zu stoßen.
Sie betrachtete ihre Situation als Notfall. Die verfluchten Piraten hatten sie nun doch gefunden, nachdem es Maschuké gelungen war ihnen eine lange Weile aus dem Weg zu gehen.
Wenn sie nur nicht so hartnäckig wären, dachte sie und ließ sich im Schatten einiger Stahlstreben nieder; obwohl es dunkel war, konnte sie dank ihrer speziellen Brille jeden Angreifer schon von Weitem sehen. Sie brauchte wirklich ein paar Minuten, um sich von der Hetzjagd zu erholen, die sich nun schon fast ein Jahr - mit Unterbrechungen - durch drei Raumschiffe hinzog. Ihr Herz pumpte wie ein Geigerzähler beim Reaktorbruch, und ihr Atem war flach und schnell.
Sie schloss für ein paar Sekunden die Lider unter ihrem Helm, der bis auf zwei Sehschlitze vollständig geschlossen und ebenso schwarz war, wie der Anzug, den sie trug. Mit Hilfe einer Funktion ihres Implantathirns versuchte sie ihren Metabolismus zu beruhigen. Schon ging ihr Atem flacher, ihr Blut verlangsamte sein Rauschen, als ein leises Summen von ihrem Handgelenk ertönte.
Ein kurzer Blick zeigte ihr, dass die Piraten die Zeit anderweitig genutzt hatten; und dabei ein ganzes Stück näher gekommen waren.
Sie seufzte. Auch wenn sie noch so müde und erschöpft war, hier konnte sie noch nicht ausruhen. Sie schulterte also ihre schwere Waffe, mit der sie notfalls den halben Gang wegblasen könnte und machte sich vom Acker.
Im Rennen tippelten die Finger ihrer rechten Hand über das Biocomp.
Sie hätte auch die Spracheingabe gebrauchen können, wollte aber so wenig Lärm wie möglich machen. Nach einer halben Sekunde hatte sie die gewünschten Informationen gefunden und in ihr Implantathirn geladen.
Sie hatte jetzt eine genaue Karte der Umgebung im Kopf, dass heißt eine, die vor Äonen richtig gewesen war und ihrer Erfahrung nach noch meistens stimmte, da der Mensch wenig Veränderungen vorgenommen hatte, seit die Armada unterwegs war.
Und wie Maschuké es sich gedacht hatte - die funktionierenden Umweltumformerstationen, an denen sie vor einem halben Tag vorbeigekommen war, hatten darauf hingewiesen - , befand sich tatsächlich eine bewohnte Lebenszelle in der Nähe. Sie wusste, dass es nicht viel war, aber ein wenig Hoffnung bot ihr diese Aussicht immerhin. Vielleicht konnte sie sich dort zwischen den Lebenssignalen anderer Menschen verstecken, bis die Piraten weitergezogen waren. Die Chancen waren - und das wusste Maschuké nur zu gut - gering.
Wenn sie jedoch hier sitzen blieb wie ein verängstigtes Kaninchen, würde nichts besser werden. Die Piraten durften auf keinen Fall die Pläne in ihrem Implantathirn in die Hände bekommen. Dieses Geheimnis gehörte ihr ganz allein und niemals würde sie es aufgeben, ohne dass man sie vorher tötete. Die Absichten der Piraten ihr gegenüber zielten ungefähr in diese Richtung.
Sie drückte sich unter einigen Metallträgern hindurch, ein wenig weiter, an einer klemmenden Schleusentür vorbei und lief einen langen und ungewöhnlich breiten Gang entlang. Da summte ihr Gerät am Handgelenk warnend. Der Gegner war ganz in der Nähe.
Maschuké sah sich nach einem Versteck um, konnte aber weder auf den Karten in ihrem Implantathirn, noch in ihrer nächsten Umgebung einen geeigneten Ort finden, also lief sie so schnell sie konnte den Gang entlang, der zum Eingang der nahe liegenden Lebenszelle führen musste.
Das Summen des Biocomps verstummte plötzlich und sagte ihr damit, dass der Feind nun ebenfalls Tarnkappen benutzte. Man hatte sie also entdeckt! Sie holte sämtliche Kraftreserven aus ihren durchtrainierten Muskeln und rannte noch schneller, bis ihre schwarzen Stiefel über die Metallplatten zu fliegen schienen.
Endlich kam sie an ein Tor, das den Gang abschloss. Hier lag die Lebenszelle, die sie auf dem Navigator gesehen hatte.
Ohne zu zögern, schob sie die stählernen Türen des Tors auf und trat ein.
Ein leichter Wind wehte ihr den Geruch einer unbekannten Umwelt entgegen. Um sie herum war es stockfinstere Nacht. Nur das Licht eines flachen Gebäudes drang zu ihr und sie lief darauf zu, nachdem sie eine kleine, unbeleuchtete Hütte direkt am Eingang hinter sich gelassen hatte.
Auf halbem Weg kam ihr ein kleiner glatzköpfiger Mann entgegen, der mit seinen kurzen Armen heftig gestikulierte.
„Hjunikal holli?“, rief er und Maschuké schaltete mit einer schnellen Bewegung den Übersetzer an ihrer Seite ein. „Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? … Sie können hier nicht einfach …“
… hereinspazieren, wollte er sagen, aber da hatte sie ihn schon zur Seite gefegt und war an ihm vorbei. Für Erklärungen hatte sie jetzt keine Zeit. Außerdem war sie sowieso nur auf der Durchreise und musste sich nicht unbedingt Freunde machen.
