Leopold Nowak - Christine Geier - E-Book

Leopold Nowak E-Book

Christine Geier

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Beschreibung

Leopold Nowak war viele Jahrzehnte in der musikwissenschaftlichen Forschung und Lehre in Österreich tätig und als langjähriger Leiter der Musiksammlung der österreichischen Nationalbibliothek für deren Auf- und Ausbau nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Als Bruckner-Forscher genoss er internationales Ansehen und war darüber hinaus ein wesentlicher Akteur im Wiener Kulturleben des 20. Jahrhunderts. Der vorliegende Band stellt seine vielfältigen Tätigkeiten erstmals dar und enthält neben Erinnerungen der Autorin, seiner Tochter, umfangreiches, bisher unveröffentlichtes Material aus Privatbesitz sowie wertvolle Dokumentationen für weiterführende Fragestellungen.

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Seitenzahl: 592

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Musikkontext 12

Reihe herausgegeben von Cornelia Szabó-Knotik und Manfred Permoser

Christine Geier

LEOPOLD NOWAK Wissenschaftler, Lehrer und Musiker

Herausgegeben von Cornelia Szabó-Knotik

Satz: Gabriel Fischer

Umschlaggestaltung: Nikola Stevanović

Cover-Foto: Leopold Nowak, 1974, Photo Winkler, Wien

Transkription: Ave Regina Caelorum,

J.J. Fux, KV 205. (F71.Rokyta.25/a–c Mus)

Hergestellt in der EU

Christine Geier:

Leopold Nowak. Wissenschaftler, Lehrer und Musiker (= Musikkontext 12)

MUSIKKONTEXT

Studien zur Kultur, Geschichte und Theorie der Musik

Veröffentlichungen des Instituts für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

Reihe herausgegeben von Cornelia Szabó-Knotik und Manfred Permoser

© HOLLITZER Verlag, Wien 2018

HOLLITZER Verlag

der HOLLITZER Baustoffwerke Graz GmbH

www.hollitzer.at

Alle Rechte vorbehalten.

Die Abbildungsrechte sind nach bestem Wissen und Gewissen geprüft worden.

Im Falle noch offener, berechtigter Ansprüche wird um Mitteilung des Rechteinhabers ersucht.

ISBN 978-3-99012-483-3

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort der Herausgeberin

Zum Anfang

Vorwort

Zum Geleit

Einleitung

Te Deum laudamus! – Glaube und Wissenschaft

Te Deum laudamus – Gedanken zur Musik Anton Bruckners

Der Sängerknabe

Kindheit und Jugendjahre

Der Katholische Jünglingsverein „Maria Hilf“

Nowaks Jugendzeit im Spiegel der Tagebücher

Der Wissenschaftler

Chronologische Übersicht der wissenschaftlichen Arbeiten

Die Dissertation und Habilitation

Der Gregorianische Choral

Joseph Haydn

Einige Aufsätze zu anderen Themen

Radiosendungen

Musikkritiker der Neuen Freien Presse, 1938–1939

Der akademische Verein LOGOS, Wien, 1919–1938

Der Musiker

Collegium musicum

Die historischen Serenaden auf Burg Kreuzenstein

Eine musikalische Seelenverwandtschaft

Der Organist

Das Institut für Musikwissenschaft

Historischer Überblick

Seminaralltag des jungen Wissenschaftlers

Die Kriegsjahre 1939–1945

Berufsleben und Militärdienst

Veränderungen im Privatleben

Das Familienleben

Der Wissenschaftler in seiner Freizeit

Freunde und Bekannte

Direktor der Musiksammlung

Die Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

Berufsalltag des Sammlungsdirektors

„Musik ist eine heilige Kunst!“ Nowaks Agenden für die Pflege der österreichischen Kirchenmusik

Nowaks Aufsätze zur Kirchenmusik

2. Internationaler Kongress für Katholische Kirchenmusik

Die Vereinigung UNA VOCE AUSTRIA

Der Brucknerforscher

Warum Anton Bruckner?

Leopold Nowak über Anton Bruckner

Heiteres über Leopold Nowak und Anton Bruckner

Der Lehrer

Der Lehrer an der Universität Wien

Kurse und Vorträge in der Volksbildung

Die Vorlesungen in der Katholischen Akademie

Leopold Nowak im Spiegel der Nachwelt

Öffentliche Rezeption

Freunde und Wegbegleiter erinnern sich

Zum Ende

Anhang

Vorwort zu Te Deum. Gedanken zur Musik Anton Bruckners

Text des Te Deum

Beschreibung der Quellen

Besuchte Vorlesungen der Studienzeit

Vorlesungen an der Universität Wien

Vorlesungen an der Katholischen Akademie

Liste der Transkriptionen für Erika Rokyta

Leopold Nowak, eigene Werke

Sekundärliteratur

Abkürzungen

Teilnehmer am Collegium musicum

Zeittafel Leopold Nowak

Zeittafel Anton Bruckner

Verzeichnis der Abbildungen

Index

Biografie Christine Geier

VORWORT DER HERAUSGEBERIN

Die Reihe MUSIKKONTEXT hat das Ziel, vielfältige Vernetzungen im Bereich Geschichte, Kultur und Theorie der Musik zu beleuchten. Die nun erstmals vorliegende monographische Studie zu Leopold Nowak erfüllt diesen Anspruch in besonderer Weise: Als Bruckner-Forscher bis heute international geläufig und als Leiter der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek wesentlich an deren Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt, war er auch darüber hinaus in unterschiedlichen Bereichen tätig, die in ihrer Gesamtheit ein breites Spektrum musikbezogener Aktivitäten und eine beträchtliche Zeitspanne der politischen und kulturellen Entwicklung Österreichs betreffen – vom Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie über Ständestaat und Nationalsozialismus bis in die Zweite Republik. Konkret betrifft dies die musikalische Sozialisation als Sängerknabe bei Josef Peterlini, das Studium und die Universitätslaufbahn bei Guido Adler bzw. Robert Lach, die Verbindung musikwissenschaftlicher Forschung mit der musikalischen Praxis als Teil der Bemühungen um sogenannte Alte Musik in den 1930er-Jahren ebenso wie die Popularisierung musikhistorischen Wissens in Vereinen, Volkshochschulen und im noch neuen Medium Rundfunk und die Mitwirkung an kirchenpolitischen Bestrebungen, insbesondere als Basis kirchenmusikalischer Überlegungen.

Einblicke in persönliche Aufzeichnungen lassen seine Einstellungen und Ansichten deutlich werden, in eigene Abschnitte eingeschobene private Erinnerungen der Autorin, seiner Tochter, sowie kurze Statements von Weggefährtinnen und Weggefährten bilden wertvolle Ergänzungen, die durch zahlreiche Fotos weiter bereichert werden.

Das bisher unveröffentlichte Material aus Privatbesitz ermöglicht außerdem auch zahlreiche dokumentarische Übersichten, die genauere Aufschlüsse zum im Haupttext angesprochenen Sachverhalten liefern und zur Anregung weiterführender Forschung dienen können. Angesichts solcher inhaltlichen Fülle bietet ein Personenregister rasche Orientierung beim Lesen.

Ich danke dem Rektorat der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien sowie folgenden Vereinen und Privatpersonen ausdrücklich für die finanzielle Unterstützung, die das Erscheinen dieses Buches ermöglicht hat: Verein der Freunde des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Wien, Internationale Bruckner-Gesellschaft, Gertraud Baerenklau, Geschwister Forster, Katharina Geier und Markus Krupitza, Christine und Reinhard Geier, Helmut F. Kaltenbrunner, Thomas Leibnitz, Walburga Litschauer, Peter Nowak und Heidemarie Penz.

Cornelia Szabó-Knotik

ZUM ANFANG

Vorwort

Es ist schon einige Jahre her, dass ich in der Sammlung von Dokumenten, Briefen, Zeitungsausschnitten und Notizen meines Vaters die Ankündigung der Kirchenmusik für einen feierlichen Gottesdienst in der Franziskanerkirche im August 1921 fand. Neben einer Festmesse von Franz Kirms gelangten für die Proprien Stücke anderer Musiker zur Aufführung. Unter anderem:

Graduale und Offertorium von Leopold Nowak.

Nun war mein Vater kein Komponist, die Ankündigung konnte also nur bedeuten, dass er an der Orgel frei improvisierte. Er war zu diesem Zeitpunkt knapp 17 Jahre alt und ging noch in die Mittelschule. Warum wusste ich nichts von seiner frühen Tätigkeit als Organist, warum hatte er nie davon gesprochen? Warum gewährte er seiner Familie überhaupt keinen Einblick in seine Arbeit?

Ich wollte eine Antwort auf diese Fragen, also entschloss ich mich, nach Beendigung meiner aktiven Berufskarriere Musikwissenschaft zu studieren, um zu verstehen, was und wie mein Vater in seinem Leben als Wissenschaftler arbeitete. Während des Studiums kam ich dann auf den Gedanken, seinen Nachlass in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek näher zu betrachten und zu dokumentieren. Diese Idee wurde auch von anderen an mich herangetragen, und so begann ich, sie nach Abschluss des Studiums in die Tat umzusetzen. Neben dem Nachlass dienten noch Dokumente, Briefe und Tagebücher, die im Besitz der Familie sind, als Grundlage für eine Biographie.

Ich fand bei allen Freunden und Wegbegleitern Nowaks, mit denen ich sprach, uneingeschränkte Zustimmung für mein Vorhaben, und so hatte ich sehr bald ein Netzwerk aufgebaut, das mich bei meiner Arbeit hilfreich unterstützte und begleitete. All jenen Menschen gilt mein aufrichtiger Dank für ihre Unterstützung! Sie seien hier in alphabetischer Reihenfolge genannt:

Paul

Angerer

Theophil

Antonicek

Susanne

Balázs

Otto

Biba

Barbara

Boisits

Gerhard

Botz

Günter

Brosche

Michele

Calella

Friedrich

Cerha

Walter

Deutsch

Tilly

Eder

Rudolf

Flotzinger

Ewald

Forster

Hartmut

Geier

Katharina

Geier

Reinhard

Geier

Gernot

Gruber

Peter

Haberegger

Nikolaus

Harnoncourt

Andrea

Harrandt

Uwe

Harten

Paul

Hawkshaw

Judith

Hecht

Friedrich C.

Heller

Ryuichi

Higuchi

Erwin

Horn

Edeltraut

Huber

Karl Heinz

Huber

Ilse und Michel

Kaltschmid

Hartmut

Krones

Thomas

Leibnitz

Walburga

Litschauer

Birgit

Lodes

Elisabeth

Maier

Johannes L.

Mayer

Gerda

Nowak

Peter

Nowak

Veronika

Nowak

Otto

Papalecca

Klaus

Petermayr

Oliver

Rathkolb

Louise

Roditsch

Hartwin

Schmidtmayr

Johann

Sengstschmid

Andrea

Singer

Christian

Stifter

Marc

Strümper

Cornelia

Szabó-Knotik

Christian

Thielemann

Christa

Traunsteiner

Fritz

Trümpi

Herbert

Vogg

Manfred

Wagner

René

Winter

Mein Dank gilt auch allen Institutionen, Archiven und Bibliotheken, die wertvolle Informationen beisteuern konnten:

— Anton Bruckner-Institut Linz

— Archiv der Franziskaner in Wien

— Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde

— Archiv der Presse

— Archiv der Universität Freiburg

— Archiv der Universität Wien

— Archiv der Wiener Philharmoniker

— Archiv der Wiener Volkshochschulen

— Deutsche Dienststelle (WaST), Berlin

— Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstandes

— Familienarchiv Franz Forster

— Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

— Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien

— Israelitische Kultusgemeinde

— Katholische Akademie

— Multimediales Archiv/Audioarchiv des ORF

— Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

— Musikwissenschaftlicher Verlag

— Österreichische Akademie der Wissenschaften

— Österreichische Mediathek

— Österreichisches Staatsarchiv

— Österreichisches Volksliedwerk

— Referat für Kirchenmusik der Erzdiözese Wien

— Stift Kremsmünster

— Stift St. Florian

— Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

— Wienbibliothek im Rathaus

— Wien Museum

— Wiener Stadt- und Landesarchiv

— Zeitschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

— Theatermuseum

Mein ganz besonderer Dank aber gilt meiner Familie:

Mein Bruder Peter hat mit der ersten Zusammenfassung der Dokumente, Zeitungsausschnitte und Notizen wesentlich zu meiner Entscheidung beigetragen, die Arbeit am Nachlass unseres Vaters zu beginnen. Er war auch beim Korrekturlesen und besonders bei der Bearbeitung der Bilder eine große Hilfe.

Meine Tochter Katharina hat sowohl mein Studium als auch die Arbeit an diesem Buch stets mit Interesse verfolgt und beim Lesen der Manuskripte gerne geholfen.

Ohne die Unterstützung meines Mannes Reinhard, ohne die zahlreichen Diskussionen, die den Werdegang meiner Arbeit begleiteten, ohne seine kritische Betrachtung des Manuskriptes und ohne die Geduld, die er meinem Vorhaben entgegenbrachte, wäre die Entstehung des Buches kaum möglich gewesen.

DANKE!

Zum Geleit

Gebeten, diesem Buch einige Sätze des persönlichen Erinnerns voranzusetzen, habe ich mein mit 10. September 1946 datiertes Studienbuch der philosophischen Fakultät der Universität Wien aus der Dokumentenmappe hervorgeholt. Welche musikwissenschaftlichen Vorlesungen Leopold Nowaks habe ich besucht? Gleich im 1. Semester stand eine Einführung in die frühe Mehrstimmigkeit, zwei weitere Spezialgebiete Nowaks öffneten dem Anfänger interessante neue Perspektiven, nämlich Notationskunde einerseits und die Sakralmusik der alten Niederländer andererseits. Die Daten- und Namensfülle der Musikbibliographie hingegen überforderte das Anfänger-Auditorium erbarmungslos.

Nach meiner Promotion begann ich 1951 im Musikverlag Doblinger zu arbeiten und kam bald in Kontakt mit dem Herrn Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, in engeren und engsten Kontakt aber 1972, als Doblinger die verlegerische Betreuung des Musikwissenschaftlichen Verlages und damit die Bruckner-Gesamtausgabe Leopold Nowaks übernahm. Von Stund an war ich bei der Herstellung der Bruckner-Bände als dienstbarer und bald auch partnerschaftlicher Geist involviert und akzeptiert. Während eines kulturellen Kurzurlaubs in Brüssel erlebten wir 1976 einen völlig verwandelten, ja fröhlichen und das Leben genießenden Menschen, und damals bot er auch meiner Frau und mir das Du-Wort an.

1991 bat mich Witwe Paula, die Trauerrede zu halten.

Ich blicke in Respekt und Dankbarkeit zurück.

Herbert VoggWien, im Jänner 2017

Einleitung

Leopold Nowak war ein stiller Mensch, ein introvertierter Wissenschaftler.

Er trug seine eigene Welt in sich, sein Künstlertum, und darin war er nicht seiner Zeit verhaftet, nicht den Jahren seiner Geburt, noch denen seines Reifens oder der Vollendung: hier stand er allein.1

Dieses Zitat aus Nowaks Bruckner-Biographie von 1964 gilt dem oberösterreichischen Komponisten. Aber könnte er damit nicht auch sich selbst gemeint haben?

Er stellte seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der Musik und der Musikwissenschaft. Bis wenige Wochen vor seinem Tod nahm er regen Anteil an der Weiterführung der Gesamtausgabe der Werke Anton Bruckners, seines Lebenswerkes. Aber er sprach kaum über seine Arbeit, sie war für ihn selbstverständlich und daher bedurfte es keiner weiteren Erläuterungen. Dieses Selbstverständnis ging so weit, dass oft nicht einmal seine Familie wusste, was er machte oder woran er gerade arbeitete. Er sprach nicht viel, umso mehr schrieb er. Seine Gedanken und Notizen hielt er auf zahllosen kleinen Zetteln fest, die alle gesammelt und aufgehoben wurden und heute eine reichhaltige Quelle darstellen. Die Bruckner-Gesamtausgabe konnte er bis auf wenige Bände fertig stellen und in geordnetem Zustand seinen Nachfolgern übergeben. Diese Arbeit genießt in der Musikwelt hohes Ansehen. Der Name Nowak ist untrennbar mit Anton Bruckner verbunden, sein Wirkungskreis ging aber weit über Bruckner hinaus und ist in seinem wissenschaftlichen Nachlass, der sich in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek befindet, gut dokumentiert. Über achthundert Katalognummern geben Zeugnis von der schier unerschöpflichen Arbeitskraft dieses Wissenschaftlers. Der stille Forscher trat seiner Umwelt stets offen und freundlich gegenüber, er war ein Mensch, der sich niemals in den Mittelpunkt stellte oder stellen ließ. Zahlreiche Auszeichnungen wurden ihm im Laufe seines Lebens zuteil. Er nahm sie stets dankbar und demütig entgegen, machte aber nie großes Aufsehen darum. Andere Musikwissenschaftler des 20. Jahrhunderts wie beispielsweise Guido Adler2, Carl Dahlhaus3, Alfred Einstein4 oder Ludwig Finscher5 hatten und haben großen Einfluss auf die musikwissenschaftliche Lehre und sind im universitären Bereich stets präsent, Nowak agierte jedoch eher im Stillen. Über die „Stille“ der Musikwissenschaft schrieb er 1956 in einem Aufsatz:

Die Kunst, die Musik wirkt in der Öffentlichkeit, vielen Menschen bemerkbar, die Wissenschaft in der Stille der Studierstube […], unerkannt und in ihrem eigentlichen Arbeitsvorgang nicht bekannt.6

Wer allerdings seinen Nachlass aufmerksam durcharbeitet und Einblick nimmt in Nowaks Tagebücher, die sich im Besitz der Familie befinden und bis lange nach seinem Tod unbeachtet blieben, der wird zu der Überzeugung kommen, dass sich hinter dem stillen Menschen ein eifriger Wissenschaftler, Lehrer und Musiker verbarg.

Vor der Suche nach Nowaks Individualität scheint jedoch ein kurzer Lebenslauf angebracht, der nur einen ersten Eindruck vermitteln möchte.

Nowaks Leben verlief ruhig und gleichmäßig, stets in geordneten Verhältnissen. Er war der Sohn eines böhmischen Schneidermeisters, der Ende des 19. Jahrhunderts in die Kaiserstadt Wien zog, um hier sein Gewerbe gewinnbringend ausüben zu können. Er wurde in Wien, in der Andreasgasse 9 im 7. Bezirk, geboren. Die Familie übersiedelte wenige Jahre nach seiner Geburt in eine größere Wohnung in der Richtergasse 9, ebenfalls im 7. Bezirk, kaum einen Steinwurf von Nowaks Geburtshaus entfernt. Nach dem frühen Tod seiner Mutter bekam der damals achtjährige Knabe bei Dominik Josef Peterlini7 seine erste musikalische Ausbildung und erfuhr im Katholischen Jünglingsverein Maria Hilf – in dessen Rahmen Peterlini die Musikschule leitete – eine stark religiös ausgerichtete Bildung. Ausgeprägter Katholizismus und eine tiefe, fast kindliche Frömmigkeit prägten seit dieser Zeit sein gesamtes Leben. Nach der Mittelschule, die er im Gymnasium Albertgasse im 8. Bezirk abschloss, begann er seine musikwissenschaftlichen Studien an der Universität Wien und vervollständigte seine musikalischen Fertigkeiten an der Geige, am Klavier und an der Orgel an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien. Noch während des Studiums holte ihn Guido Adler als Bibliothekar an das Musikhistorische Institut der Universität Wien. Diesem Institut gehörte Nowak nach Abschluss des Studiums als Assistent an, hier habilitierte er sich und erhielt seine Professur. Sein Arbeitseifer erfuhr hohe Anerkennung, sein umfassendes theoretisches Wissen machte ihn für seine Studierenden zu einem geschätzten und hoch anerkannten Lehrer.

Noch vor Abschluss der Mittelschule war er eine Zeit lang Organist bei den Franziskanern.8 Er begründete gemeinsam mit Hans Heinz Scholtys9 die „Historischen Serenaden auf Burg Kreuzenstein“. Außerdem leitete er zwei Semester10 lang das von ihm ins Leben gerufene „Collegium Musicum“ am musikwissenschaftlichen Seminar,11 das wöchentliche Zusammenkünfte von Studierenden vorsah, um in praktischer Musikausübung das Studium abzurunden. Nach seiner Verehelichung mit Paula Barton bezog das Paar gemeinsam mit Nowaks Schwiegermutter eine große Wohnung am Hamerlingplatz im 8. Bezirk. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Familie ohne große Beeinträchtigungen. Nowak wurde zur Wehrmacht eingezogen, arbeitete jedoch die meiste Zeit in einem Lazarett in Hainburg und veranstaltete dort Bastelkurse für Verwundete. Frontdienst leistete er nie. Seine Wohnung blieb von Bombentreffern verschont, sodass abgesehen von der allgemeinen Traumatisierung dieser Kriegsjahre die Ereignisse ohne große Spätfolgen an ihm vorübergingen. Nach dem Krieg übernahm er die Leitung der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, eine Position, die er bis zu seiner Pensionierung innehatte. Damit verbunden war auch die Verantwortung für die Bruckner-Gesamtausgabe in der Nachfolge von Robert Haas12. Es wurden ihm ein Sohn und eine Tochter geboren, die Kinder konnten wohlbehütet aufwachsen. Nowaks letzte Lebensjahre waren von Krankheit gezeichnet, die letzten Monate verbrachte er in einem Sanatorium nahe Wien. Dort vollendete sich sein Leben, er konnte ohne schweren Todeskampf friedlich entschlafen.

Er hat in seinem Leben Wien nie für längere Zeit verlassen, manchen Ruf an andere Universitäten lehnte er aus familiären Gründen ab. Sein Hauptinteresse galt stets der Musik und der Musikwissenschaft, auf diesem Gebiet schuf er neben der Bruckner-Gesamtausgabe zahlreiche wissenschaftliche Werke, die ihm große Anerkennung brachten. Seine Auszeichnungen geben Zeugnis von der großen Wertschätzung, die dem Musikwissenschaftler entgegengebracht wurde.

Vielen Menschen ist der Brucknerforscher Nowak auch als Haydn-Biograph ein Begriff, auch seine Beschäftigung mit Wolfgang Amadeus Mozart, insbesondere mit dessen Requiem, ist in der Musikwelt bekannt und hoch angesehen. Das allein war es aber nicht, was seinen Ruf als Wissenschaftler weit über die Landesgrenzen hinaus ausmachte. Gleichsam wie eine große Klammer umspannt die Kirchenmusik Nowaks Leben. Schon bei den Peterlini-Sängerknaben erfuhr er erste Eindrücke bei den Aufführungen der Messen von Haydn, Mozart und Bruckner, als Mittelschüler hatte er sein Orgelspiel soweit zur Perfektion gebracht, dass er bei Sonntagsmessen als Organist tätig werden konnte. Im Studium begann er, sich theoretisch mit dieser Musik auseinanderzusetzen und befasste sich dabei intensiv mit der Gregorianik, dieses Thema war auch Inhalt einiger Vorträge und Vorlesungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von Kardinal Innitzer in die Katholische Akademie und in die Diözesankommission für Kirchenmusik der Erzdiözese Wien berufen. Er war für die Organisation des zweiten internationalen Kongresses für katholische Kirchenmusik in Wien im Jahr 1954 verantwortlich. Nach dem zweiten Vatikanum kämpfte er als Präsident der Organisation UNA VOCE AUSTRIA für die Beibehaltung der lateinischen Liturgie. Seine Forschungen rund um das Mozart-Requiem wurden mit mehreren Auszeichnungen gewürdigt. Seine Aufsätze und Studien zur Kirchenmusik jeder Epoche nehmen in seinem Nachlass nach Anton Bruckner den größten Raum ein.

Seine Vorgangsweise bei wissenschaftlichen Arbeiten, seine Genauigkeit, seine akribische Auseinandersetzung mit jedem Thema, das ihn beschäftigte, machten ihn zu jenem angesehenen Wissenschaftler, Autor und Lehrer, als den ihn die Nachwelt in Erinnerung hat. Jedoch – was war Nowak für ein Mensch, abseits von Musik und Wissenschaft? Womit hat er seine Freizeit verbracht, was waren seine bevorzugten Beschäftigungen und Vorlieben, wenn er nicht arbeitete? Oder arbeitete er gar immer? Warum hat er nach dem Krieg, als er die Leitung der Musiksammlung übernahm, seine praktische Musikausübung fast ganz aufgegeben? Er selbst sprach kaum darüber. Mögliche Antworten auf diese Fragen ergeben sich aus seinen Tagebüchern und vor allem aus seinen wissenschaftlichen Arbeiten, in denen er – für den Leser oft unbemerkt – viele persönliche Standpunkte darlegte.

Aber rechtfertigt dieses geradlinig verlaufene Leben, das sich im Überblick in wenigen Zeilen darstellen lässt, eine Biographie? Lässt sich nicht Nowaks wissenschaftliches Werk aufgrund der reichen Quellenlage für jeden Interessierten leicht überblicken?

Die Literatur zur Biographik ist umfangreich, viele Bücher und wissenschaftliche Abhandlungen beschäftigen sich mit der Frage, wie Biographien zu gestalten seien, aus welcher Sichtweise das zu beschreibende Leben zu sehen ist.

Gemäß dem Alltagverständnis sind Biographien nicht aus Texten, sondern aus Leben gemacht, aus Ereignissen, Empfindungen, Handlungen, aus individuellen Leistungen und Ideen.13

Es gilt demnach, den ganzen Menschen zu betrachten und ihn nach Möglichkeit in all seinen Lebensbereichen zu erfassen. Doch kann

Biographie einmal das sein, was biographisch gelaufen ist, zum anderen das, was in einer Gegenwart als Gelaufenes beobachtet wird.14

Es hat also auch der Blickwinkel der Biographin Einfluss auf das Werk. Manches im Leben eines Menschen stellt sich nach Jahrzehnten anders dar als zu dessen Lebzeiten. Diese Unterscheidung scheint eine besondere Herausforderung für Autorinnen und Autoren zu sein, gilt es doch mit der nötigen Objektivität manche Ereignisse aus dem Leben eines Menschen nicht nur nach heutigen Kriterien zu beurteilen, sondern auch die Gegebenheiten der Vergangenheit zu berücksichtigen. Dazu sind historisches Verständnis und Einfühlungsvermögen nötig:

Das Verstehen vergangenen fremden Lebens und seine Wiederauferstehung in den Akten des Lesens und Schreibens setzen […] Empathie voraus.15

Nowak sah in seiner Bruckner-Biographie aus dem Jahr 1964 die Aufgabe des Biographen in der Betrachtung des Vergangenen und schließt gegenwärtige Sichtweisen aus:

Es ist etwas anderes, eine so überragende und eigenartige Künstlernatur wie Bruckner nach hundert Jahren zu betrachten, als zu den Zeiten, da sie lebte. Wir haben Abstand gewonnen, wir stehen infolge der beiden Weltkriege und ihrer Folgen in anderen „Lebensanschauungen“, daher erscheint uns auch Bruckner und alles was ihn umgab, in anderem Licht. Diese Entfernung legt uns aber die Verpflichtung auf, dem Vergangenen und nicht in unserer Weise gerecht zu werden.16

Auch Guido Adler machte sich Gedanken über die Rolle der Biographie innerhalb der Musikwissenschaft. Er gestand in seinem Aufsatz über UMFANG, METHODE UND ZIEL DER MUSIKWISSENSCHAFT der Biographie als Hilfsgebiet dieser wissenschaftlichen Disziplin einige Bedeutung zu:

Die Biographik hat sich in letzter Zeit unverhältnismäßig in den Vordergrund gedrängt, […] während sie doch nur ein wenn auch immerhin wichtiges Hilfsgebiet derselben [der Musikwissenschaft] ist. Hier sollte, wie es einzelne vortreffliche Biographien beobachten, neben den Kunstproducten des Behandelten nur untersucht werden, was mit der künstlerischen Artung in directem oder indirectem Zusammenhange steht, wie die physische Beschaffenheit des Künstlers, seine Erziehung, die Vorbilder, die er studiert und in sich aufgenommen hat, der Einfluß seiner Umgebung auf seine künstlerischen Anschauungen, die künstlerische Stellung, die er bekleidet, die Momente, die gewaltig in sein Gefühlsleben eingriffen, die Art seiner Productionsthätigkeit, sein Verhalten zu den übrigen Künsten sowie endlich seine ethischen und culturellen Anschauungen.17

Auch Nowaks hochverehrter Lehrer sah den ganzen Menschen in seinem Umfeld und die ihn umgebenden Einflüsse als „Gegenstand“ der Biographen. Das künstlerische oder wissenschaftliche Werk eines Menschen allein betrachtet kann zu keinem befriedigenden Ergebnis führen.

Werk und Lebenslauf lassen sich also nicht trennen, wenn es darum gehen soll, den Menschen in all seinen Facetten darzustellen und zu verstehen. Dieser Aufgabe gerecht zu werden ist das Ziel der vorliegenden Arbeit über Leopold Nowak.

Abschließend sei hier noch ein Zitat aus Nowaks Korrespondenz mit dem Musikwissenschaftler Julian von Pulikowski,18 der von 1926 - 1932 in Wien bei Alfred Orel19, Robert Lach20 und Robert Haas studierte, wiedergegeben:

In seinem Brief vom 27.11.1932 bedankte sich Pulikowski für die Übersendung von Nowaks Habilitationsschrift und der Themen für seine geplanten Vorlesungen. Er gratuliert herzlich zu den erreichten Erfolgen und macht sich Gedanken über die Zukunft des jungen Wissenschaftlers:

[…] Und nun noch kurz meine Ansicht über Ihre Ziele der Betätigung: ICH halte Sie für einen GEBORENEN Pädagogen! Wenn mir ein Vergleich gestattet ist: Ein RIEMANN21 werden Sie nicht werden, aber ein SANDBERGER,22 d.h.: schwungvolle Theorien ohne feste Füße, mit Metermaß zu messende Bücherreihen werden Ihrer Feder nicht entfließen, aber Arbeiten, an denen nicht zu rütteln ist und sein wird, Arbeiten, die in ihrer Sorgfältigkeit und Ausfeilung Muster echt wissenschaftlicher Forschung bilden werden […].23

Julian von Pulikowski sollte Recht behalten.

Die Quellen

Ausgangspunkt jeder Biographie sind die Quellen, die zur Darstellung eines vergangenen Lebens verfügbar sind. Im gegenständlichen Fall sind die Quellen bemerkenswert umfassend, bislang jedoch noch nicht gesamtheitlich betrachtet. Der wissenschaftliche Nachlass von Nowak in der Österreichischen Nationalbibliothek stellt die Grundlage seiner Arbeit dar, aber auch in anderen Institutionen, beispielsweise im Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien, in der Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde, in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, im Archiv der Österreichischen Volkshochschulen und im Archiv des Österreichischen Volksliedwerkes finden sich Quellen. Die Tagebücher aus seiner Jugendzeit geben Aufschluss über seine Lebens- und Arbeitsweise und seine gesellschaftlichen Kontakte. Über die Beziehung zu seiner Familie, über seine Gedanken, Wünsche und Sehnsüchte schweigt der Autor aber auch hier.

Der Status der Quellen wird nicht von dem bestimmt, was da ist, sondern in viel größerem Ausmaß von demjenigen, was nicht da ist. Eine Quelle kann außerdem das sein, was nicht da ist, obwohl es da ist: das Verdrängte, das unter dem Strich stehende, […] auch […] die Stimme und die Handschrift. Manchmal ist das, was fehlt, interessanter und reizvoller als das, was da ist; bietet die Lücke doch Raum für Imagination, Erzählung und Theorie.24

Im Falle des Wissenschaftlers Nowak hat diese Aussage besondere Bedeutung. Warum schweigt Nowak in seinen Tagebüchern über die Beziehung zu seinen Eltern? Warum gibt es nach dem Jahr 1939 keine Tagebücher mehr, sondern nur kurze Kommentare zum Tagesgeschehen in Notizbüchern und Kalendern? Warum hat er nach seiner Heirat jegliches aktive Musizieren beendet? Warum gibt es zum merkwürdigen Schicksal von Haydns Schädel nur eine marginale Erwähnung im Nachwort zur Haydn-Biographie? Warum erwähnte er nie den Einfluss der nationalsozialistischen Kulturpolitik auf die Bruckner-Gesamtausgabe und die Verehrung, die Adolf Hitler Anton Bruckner zuteilwerden ließ? Um die Antworten auf diese Fragen zu finden, bedarf es wie erwähnt der Empathie und der Fähigkeit „zwischen den Zeilen“ zu lesen und zu finden, was verborgen blieb und nicht niedergeschrieben wurde.

Nowaks Handschrift

Bevor ein Forscher die Antworten auf derartige Fragen in Angriff nehmen kann, steht er noch vor einer weiteren Hürde: Nowaks Handschrift. Fast alles schrieb Nowak in winzig kleiner Kurrentschrift, die oft nur mit der Lupe einigermaßen gut lesbar wird und die keineswegs immer den Regeln Deutscher Kurrentschrift entspricht, ist sie doch oft mit Elementen der Lateinschrift vermischt. Nur private Schriftstücke und Briefe wurden in Lateinschrift verfasst. Wie die nachfolgenden Beispiele zeigen, waren diese Texte aber oft nicht viel leichter zu lesen als in Kurrentschrift verfasste Studien.25

Abbildung 1: Kurrentschrift, Studien zur Habilitation

Abbildung 2: Privater Brief, 1976

Die detaillierte Beschreibung einzelner Quellen findet sich im Anhang.

TE DEUM LAUDAMUS! – GLAUBE UND WISSENSCHAFT

In Nowaks Tagebuch aus dem Jahr 1929 steht am 4. November zu lesen:

Heute habe ich mit der Durchsicht des Lexikons von Wurzbach26 begonnen und damit auch tatsächlich mit der Musikgeschichte meiner Heimatstadt Wien. In der Schottenkirche habe ich diese Arbeit der Mutter Gottes geweiht und sie unter ihren Schutz gestellt. Möge der Herr seinen Segen und sein Gedeihen geben.

In te domine speravi, non confundar in aeternum!

Nowak war 25 Jahre alt, als er diese Zeilen schrieb und am musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Wien als Assistent tätig. Aus drei Gründen ist diese Aufzeichnung besonders bemerkenswert: Zunächst spricht daraus eine starke Bindung an seine Heimatstadt Wien und deren Musikgeschichte; er hatte diese Arbeit seit dem Sommer 1927 geplant, so daß der tatsächliche Beginn für ihn von großer Bedeutung gewesen sein dürfte.27 Seine Worte sind auch Hinweis auf eine ausgeprägte Marienverehrung. Die Hinwendung zur Gottesmutter war ein Teil seiner Frömmigkeit, die sich durch sein ganzes Leben zog und möglicherweise auf den frühen Tod seiner Mutter zurückzuführen war. Für diese Annahme gibt es keinen stichhaltigen Beweis, es fehlen entsprechende Hinweise in den Tagebüchern und in seinen Schriften. Maria dürfte zu einer Art Ersatzmutter geworden sein. Der dritte Grund für die Besonderheit dieser Aufzeichnung liegt im abschließenden Zitat der letzten Verse aus dem TE DEUM: „Auf dich, o Herr, habe ich gehofft, nie werde ich zuschanden in Ewigkeit!“28 Diese Worte begleiteten Nowak durch sein ganzes Leben und waren Ausdruck seines tiefen Glaubens, seines unerschütterlichen Gottvertrauens. In Erfüllung seines ausdrücklichen Wunsches wurden diese Verse in seine Todesnachricht aufgenommen.

Eines seiner bedeutendsten Werke zu diesem Thema ist das schmale Buch, das im Jahr 1947 erschienen ist: TE DEUM – GEDANKEN ZUR MUSIK ANTON BRUCKNERS. Das Werk ist heute fast vergessen, jedoch für die Erkenntnis der Persönlichkeit von unschätzbarem Wert:

Oft sind es die weniger bedeutenden Werke eines Wissenschaftlers, Komponisten oder Dichters, die erst in Zusammenhang mit der Biographie des Urhebers ihre wahre Bedeutung erkennen lassen.29

Das „Te Deum“, der berühmte ambrosianische Lob- und Dankgesang der katholischen Kirche, wurde vielfach vertont. Die Komposition von Anton Bruckner verfügt über eine besondere Wirkung wegen ihrer außerordentlichen Pracht und Innigkeit. Sie ist deswegen schon zu vielfältigen Anlässen, auch außerhalb der liturgischen Gepflogenheiten zur Aufführung gelangt.

Te Deum laudamus – Gedanken zur Musik Anton Bruckners

Die Entstehung des Buches

In keinem anderen Werk hat Nowak so ausgeprägt persönliche Gedanken festgehalten. Warum Nowak für den Spiegel seiner Persönlichkeit gerade dieses Werk von Anton Bruckner wählte, erklärt sich einerseits aus seiner Liebe zu Bruckners Musik und der Affinität zur Persönlichkeit des Meisters – darüber wird an anderer Stelle noch ausführlich zu berichten sein,30 – andererseits aus dem Zeitpunkt der Niederschrift des Buches. Erschienen ist das Werk im Jahr 1947, das Manuskript ist mit 6. Jänner 1946 datiert.31 Im Vorwort nimmt Nowak selbst Bezug auf den Moment der Entstehung, wenn er mit bewegenden Worten den verzweifelten Zustand der Welt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges skizziert.32

Wenige Monate vor der Arbeit über Bruckners Te Deum entstand ein Vortrag für die Wiener Urania mit dem Titel ÖSTERREICH, DIE MUSIK UND WELT. Das Manuskript dafür ist mit 4. September 1945 datiert. Nach den Wirren der letzten Kriegsjahre ist dieses Referat ein flammendes Bekenntnis zu Österreich und zur „Weltgeltung“ österreichischer Musik; persönliche Gedanken fehlen darin jedoch völlig.33 Wenige Monate später begann er mit der Arbeit über die Musik des TE DEUM. Am Ende des Buches, im Nachwort, erläutert der Autor, wie es zu diesem Werk kam:

Ursprünglich als Vortrag34 für einen kleinen Freundeskreis gehalten und nur für ihn bestimmt gewesen, bedurfte es einiger Überlegung, ob diese Gedanken Anspruch erheben dürfen, auch anderen Menschen nützlich zu sein. Dabei ging es nicht so sehr um restlose theoretisch-musikalische Darstellung und Begründung des ganzen Werkes, als vielmehr um jene Werte, für die Bruckner durch seine Musik den Ausdruck gefunden hat.35

In Nowaks Gedanken zur Musik Anton Bruckners stand nicht in erster Linie die exakte, wissenschaftliche Analyse des TE DEUM im Vordergrund, wenngleich diese in keiner Weise vernachlässigt wurde. Vielmehr ging es ihm um die Darstellung des geistigen Gehaltes der Komposition und die Verherrlichung Gottes, die darin zum Ausdruck kommt, verbunden mit eigenen, sehr persönlichen Gedanken. Wegen seiner speziellen Rolle als Dokument persönlicher Anschauungen wird dieser Text im Folgenden besonders ausführlich besprochen.

Die Gliederung des Buches

Die einzelnen Kapitel entsprechen der Gliederung der Komposition.

ZUM ANFANG

Vorwort

DICH LOBEN WIR

TE DEUM, Allegro moderato

DICH BITTEN WIR

TE ERGO, Moderato

DICH FLEHEN WIR AN

AETERNA FAC, Allegro moderato. Feierlich, mit Kraft

SCHENK UNS DEIN HEIL

SALVUM FAC, Moderato

DENN WIR HOFFEN AUF DICH   

IN TE DOMINE SPERAVI, Mäßig bewegt

ZUM ENDE

Epilog

Dich loben wir

Bereits in den Anfangszeilen seines Textes stellt Nowak eine grundsätzliche Aussage über Gottes Herrlichkeit vor:

Seit die Welt besteht, hat noch keines Menschen Auge je Gottes Herrlichkeit erblickt – es sei denn in begnadetem Geist, entrückt allem Irdischen. Gottes Herrlichkeit ist gleichzeitig sein Lob, denn alles, was von ihm ausgeht, ist auch da, ihn zu preisen. Wer Gott lobt, nähert sich dieser Herrlichkeit.36

Der Bezug zu Anton Bruckner wird wenig später hergestellt:

Bruckner, der ungebildete – wie man so sagte – bezog seine Weisheit, die Weisheit die er brauchte, aus reinster Quelle: von Gott selbst.37

Auch in der Bruckner-Biographie von Max Auer38 kommt der Topos von der Verbindung des Komponisten mit Gott zum Ausdruck:

Wenn Bruckner komponiert, so ist dies Meditation, inneres Schauen, inneres Erschauern vor dem Urgrund alles Seins, das ihn emporführt bis zur Ekstase, zur Verzückung, zum Schauen Gottes, den er als den Urgund aller Dinge und Vorgänge erkennt.39

Aus dieser Anschauung leitet sich der Grundgedanke von Nowaks Überlegungen ab, dass nämlich Bruckners Musik direkt unter göttlichem Einfluss entstanden wäre. Dies entspricht der Sichtweise auf die Persönlichkeit Anton Bruckners und seiner Musik bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. In der Musikwissenschaft hat sich seither eine Wandlung vollzogen, die Betrachtung ist heute kritischer und realistischer geworden. Nowak war aber zeitlebens von seinem verklärten, religiös geprägten Brucknerbild überzeugt. Er konnte und wollte davon nicht abweichen, ein Umstand, der von manchen Musikwissenschaftlern mehrfach betont wird.40 Jenes verklärte Bild des Komponisten bestimmt auch noch Nowaks Bruckner-Biographien aus den Jahren 196441 und 1973,42 wenngleich dort zwar mancher Bezug zu seiner eigenen Person zu erkennen ist, persönliche Gedanken wie im TE DEUM jedoch fehlen.

Ein weiterer Ausdruck tief empfundenen Glaubens ist in Nowaks Gedanken über die Passage „Pleni sunt caeli et terra“ – „Himmel und Erde sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit und Größe“ (Takt 59)43 enthalten:

Dort, wo wir glauben, nimmer weiter zu können, dort wartet der Herr und hebt uns in seine Herrlichkeit. Haben wir nur Geduld unser ganzes Leben hindurch, ein ganzes, manchmal sehr mühselig ansteigendes Leben lang, dann werden wir seine helfende Hand im richtigen Augenblick sicher spüren; dann stehen wir auf dem festen, weil ewigen und untrügbaren Boden seiner Herrlichkeit, und keine Qual der Welt kann uns etwas anhaben.44

Hat dieser Gedanke mit Bruckners Musik zu tun? Oder mit einer Aussage des Te Deum-Verses? Wohl kaum, viel eher handelt es sich dabei um ein unmittelbares Empfinden des Autors. Die gleiche Frage stellt sich beim nächsten Zitat, wenn in der Musik bei der Passage „Te gloriosus Apostolorum chorus“ - „Dich lobpreist der Apostel glorreicher Chor“- (Takt 71) neuerlich ein Lobgesang erklingt und Nowak über die Aufgabe des Menschen, Gottes Lob zu verkünden, nachdenkt:

Mögen Dinge und Menschen auch noch so sehr auseinanderstreben, schließlich liegt ja doch alles in seiner [Gottes] Vorsehung, nichts geschieht ohne seine Zulassung, und darum muß alles, auch das Entgegengesetzte, seinem Lob dienen, muß in vollkommene Konsonanz einmünden.45

Nowak ist davon überzeugt, dass sein ganzes Leben von Gott gelenkt ist. Er nahm alles als gottgewollt hin. Er sprach selten davon, wenn er aber doch manchmal im täglichen Leben dieser Überzeugung Ausdruck verleihen wollte, dann tat er dies mit dem Satz: „Es geht scho ois richtig!“46 Meistens verwendete er diesen Spruch, wenn er im Grunde seines Herzens vielleicht nicht ganz mit der jeweiligen Situation einverstanden war, sie jedoch nicht ändern konnte oder wollte und sie deshalb als „Fügung von oben“ betrachtete. Ganz bewusst ist dieses Zitat im Dialekt wiedergegeben, denn er sprach es immer so aus. Eine Veränderung in die Hochsprache würde seiner Persönlichkeit und dem zum Ausdruck gebrachten Gedanken niemals gerecht werden.

Bei der Fortissimo-Stelle „Tu Rex gloriae, Christe.“ – „Du bist der König der Herrlichkeit, Christus!“ – (Takt 121) spürt Nowak in der Musik Bruckners den Ausdruck überschäumender Freude, eines Glücksgefühls, wie es nur Musik auszudrücken vermag:

Es ist schon so: Musik stammt aus dem Reich des Gefühls, und von dort her wird sie zuerst und zutiefst begriffen. Wenn auch durch den Verstand ein Gutteil Erfassen bewirkt wird, vor allem was die für den Aufbau notwendigen Elemente und die geschichtliche Entwicklung betrifft, so ist doch das unmittelbare Bewußtsein vom Seelischen her das letzte Kriterium echter Kunst. Beethoven schrieb als seither viel zitiertes Wort über seine Missa solemnis: „Von Herzen – möge es wieder zu Herzen gehen!“ Gilt dies für alle Musik, so ganz besonders für die, deren Lebensnerv der Glaube ist.47

Der Glaube lässt sich nicht beschreiben, nicht in Worte fassen, ihn kann man nur fühlen oder eben durch Musik zum Ausdruck bringen – das war immer Nowaks Überzeugung.

Die musikalische Wiedergabe der folgenden Textstelle veranlasst den Autor über die Ergriffenheit des Menschen angesichts des Todes und der Auferstehung Christi nachzudenken:

„Tu devicto mortis aculeo“ – „Du hast besiegt den Stachel des Todes und allen, die glauben, die himmlischen Reiche geöffnet.“ (Takt 138 ff.)

Wie oft fragen doch Menschen, warum das Leid auf der Welt sei. Sie können und wollen es nicht begreifen, dass es ihnen nicht immer auf ihre irdisch gewohnte Art und Weise, so wie sie es wollen, gut geht. Begreift man denn wirklich so schwer, dass alles Himmlische, alles echte Glück also, meistens nur über die Anstrengungen von Willen, Kraft und Entbehrung geht? Wenn er uns sein Himmelreich nur durch seinen Tod geöffnet hat, dann dürfen wir nicht erwarten, dass man uns mühelos hineinlassen wird.48

Wieder findet sich in dem Gedanken die Überzeugung, dass auch alles Leid von Gott gegeben ist. Die intensive Auseinandersetzung mit diesem Topos muss vor allem unter dem Gesichtspunkt der Entstehungszeit des Buches betrachtet werden. War Nowak wirklich davon überzeugt, dass die Katastrophe des zweiten Weltkrieges von Gott gewollt war, wie er es in oben genanntem Zitat andeutet? Der allmächtige, gütige Gott hätte tatsächlich die Zerstörung Europas und Millionen von Kriegsopfern zugelassen? Auf solche Fragen eine gültige Antwort finden zu wollen, würde in den Bereich der Spekulation führen.

Dich bitten wir

In diesem Teil des TE DEUM wird der Bitte um Hilfe sowohl in der Musik als auch in den Gedanken Nowaks großer Raum gegeben.

„Te ergo quaesumus“ – dich nun flehen wir an: komm Deinen Dienern zu Hilfe die Du erkaufst um Dein kostbares Blut.“ (Takt 175 ff.)

Wie prüft der Herr doch manchmal; Schrecken und Tod herrschen über die Menschen, so daß sie nach Erlösung rufen aus den Gefahren von Geschossen, Trümmern und tobenden, entfesselten Gewässern. […] Wir brauchen uns solches nicht nur sagen lassen, wir haben es selbst erlebt. Vielleicht wurden wir auch gewürdigt, seine Gnade gerade in Augenblicken höchster Not zu spüren.49

Am Ende dieser Passage ist in der Musik Ruhe und Stille eingetreten:

Die Güte Gottes hält die Seele umfangen mit jener unabänderlichen Ruhe, die Heil und Heilung bringt, allein schon damit, daß sie einfach seit Ewigkeiten da ist.50

Dich flehen wir an

Doch schon bald ist neuerliche Unruhe zu spüren.

Stille und Ruhe haben sich herabgesenkt. In den Händen Gottes meinte man die Seele befriedet, am Ziel ihres Sehnens angelangt; da kommt es neuerdings über sie. Das Gnadengeschenk ist zu übermächtig, als daß es gleich in seiner Gänze aufgenommen werden könnte. Die Seele […] wird von neuem unruhig.51

Die Seele ist unruhig und fleht zu Gott.

„Aeterna fac“ – „Unter die Schar Deiner Heiligen lasse uns zählen im Reiche ewiger Glorie“ (Takt 213). Kraftvolle Dissonanzen drücken dieses Flehen der Seele aus. Und wieder stellt Nowak einen Bezug zum täglichen Leben, zu seinem Leben, her:

Man kann manchmal beobachten, dass Menschen Wünsche äußern, und dann, kaum dass sie solche ausgesprochen, über die Kühnheit ihres Wunsches erschrecken und sich zurückziehen. Sie möchten am liebsten nicht geredet haben. Sie schämen sich, sehen ihre Seele bloßgelegt, stehen nun, von tiefer Röte übergossen, in verwirrter Bewegung da und wissen sich nicht zu fassen.52

Wer sind die Menschen, die sich ihrer Wünsche schämen, die sich nicht trauen, ihre Bedürfnisse auszusprechen? Wahrscheinlich bezieht der Urheber dieser Worte die Haltung auf sich selbst. Nowak war stets bescheiden, in sich gekehrt, oft fern der realen Alltagswelt. Er hat sich seiner Umgebung so weit wie möglich angepasst – auch darüber wird an anderer Stelle noch zu berichten sein.

Schenk uns dein Heil

In der Einleitung zum nächsten Abschnitt kommen neuerlich Zweifel zum Ausdruck. Wie hilflos scheint doch der Mensch angesichts der Herrlichkeit Gottes!

Wie merkwürdig ist doch der Mensch: in einem Atemzuge lobt er, langt in leicht begreiflichen Wünschen nach dem Sternenhimmel und hebt im nächsten Augenblick schon wieder bittend die Hände. Klein und schwach ist er, ein Wesen voll Gebrest und Hilflosigkeit.53

In diesem Zitat ist schon der Bezug zur nächsten flehentlichen Bitte hergestellt:

„Salvum fac populum tuum, Domine“ – „Hilf doch Deinem Volk, o Herr, und gib Segen Deinem Erbteil.“ (Takt 257)

Denn wir hoffen auf dich

Der in Gedanken versunkene Beter richtet sich auf. Er hebt den Kopf, ein Leuchten gleitet über seine Züge, der Alpdruck ist gewichen. Große, selig strahlende Augen schauen auf zu Gott, und, wie von Engeln gesungen, tönt es zu ihm: „In te, Domine, speravi: non confundar in aeternum.“54

„Auf Dich, o Herr, hab ich gehofft, nie werde ich zuschanden in Ewigkeit.“

Die oben zitierten Zeilen erinnern sehr an die Betrachtung des oberösterreichischen Meisters in der Einleitung zur Bruckner-Biographie von Max Auer. Hier schildert Auer einen frommen Beter – gemeint ist Anton Bruckner, der in der Stephanskirche kniet, ins Gebet versunken:

[…] doch plötzlich hebt sich die Gestalt empor. Vom Lichte der scheidenden Sonne wie mit einem Glorienschein umgeben, heben sich nun die scharf geschnittenen Züge des frommen Mannes deutlich von dem hellen Hintergrund ab. […] Nun sendet er einen vollen, wahrhaften Sonnenblick nach oben, der uns die innere Erregung einer Vision erraten läßt.55

Doch mischt sich in diese freudigen Gedanken des TE DEUM wieder eine negative Empfindung. Freude, ja, die wird hinausgerufen, an der sollen alle anderen teilhaben können. Aber der Schmerz?

Doch bleibt diese Freude nicht allein. Wer könnte denn auch Freude für sich behalten? Schmerz und Enttäuschung, ja, die verschließt man, die trägt man mit sich herum.56

Dies scheint, bezogen auf die Persönlichkeit Nowaks, der am meisten berührende Gedanke. Wie viel Schmerz hatte seine Seele wohl schon in sich verschlossen? Wie viel Kummer trug er unausgesprochen mit sich? Die traumatischen Erlebnisse des Krieges trugen wohl einiges zu jener Ansicht bei, dennoch konnten diese nicht der einzige Grund dafür gewesen sein. Der frühe Tod seiner Mutter, Spannungen im Zusammenleben mit seinem Vater hinterließen wohl Spuren,57 aber wie würde sich diese Haltung auf sein weiteres Leben auswirken? Nowak war zum Zeitpunkt des Kriegsendes erst 41 Jahre alt, seine berufliche Laufbahn verlief bisher sehr erfolgreich, er war seit wenigen Jahren verheiratet, noch im selben Jahr, in dem er das Manuskript für dieses Buch verfasste, sollte ihm sein erstes Kind geboren werden. Ebenfalls in diesem Jahr wurde ihm im März die Leitung der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek übertragen. Die Zukunftsaussichten waren insgesamt sehr positiv. Dennoch bleibt ein schmerzlicher, bedrückender Gesamteindruck nach der Lektüre des Textes zurück.

Zum Ende

Abschließend fasst Nowak nochmals zusammen:

Erinnern möchten sie [die Gedanken] an das, was jenseits von Kunst und Wissenschaft steht im Bereich des Ewigen, soweit wir endliche Menschen überhaupt den Versuch wagen dürfen, Überweltliches in schwache Worte zu kleiden. Der Musiker vermag dies mit seinen Tönen unter allen Künstlern wohl am besten. […]

Ob das dem Buch gelungen ist, bleibe dem geneigten Leser überlassen.58

Die hier aufgezeichnete Aussage des Autors stimmt nachdenklich. Eine so tiefe Gläubigkeit, ein derart ausgeprägtes Gottvertrauen würde der Leser eher bei einem Priester oder Ordensmann denn einem Mann der weltlichen Wissenschaft vermuten. Nowaks Schwiegertochter Gerda hat diesem Gedanken Ausdruck verliehen, wenn sie sich fragt, warum ihr Schwiegervater nicht Priester wurde.59 Die Frage hat durchaus gewisse Berechtigung, hat doch Nowak selbst in einem Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Gernot Gruber60 versichert, er hätte in seiner Jugend ernstlich darüber nachgedacht, Priester zu werden.

Die Idee hat Nowak jedoch nicht weiterverfolgt, die Musik war letztendlich stärker.

Rezensionen über dieses Werk gibt es keine. Einer der wahrscheinlich nicht sehr zahlreichen Leser, der sich mit Nowaks Gedanken befasste, vermittelte seine Eindrücke in einem Brief an die Autorin. Johann Sengstschmid, Komponist und Universitätsprofessor in Ruhe, meinte in seinem Schreiben:

Und so ein Werk zu besprechen oder über so ein Werk Untersuchungen sowie Forschungen anzustellen, so etwas kann nur bei einem religiösen Musikforscher komponistengerecht gelingen, wie etwa Ihrem Vater. Das Te-Deum-Buch ist ein Musterbeispiel dafür, und es ist eine Gnade, daß Anton Bruckner in Ihrem Vater einen solchen Forscher gefunden hat.61

Nowaks Frömmigkeit und deren Ursprung

Wie kam es zu dieser stark ausgeprägten, fast kindlichen Frömmigkeit, zu diesem unerschütterlichen Gottvertrauen des Autors? Der erste Keim dafür entspringt seinem katholischen Elternhaus. Diese Grundhaltung wurde durch Nowaks Erziehung im Katholischen Jünglingsverein Maria Hilf verstärkt. Vor allem aber verdankt er die weitere Vertiefung seiner Religiosität seinem hochverehrten Lehrer Dominik Josef Peterlini (1875–1944), dem Direktor der Musikschule des Vereins. Dessen katholische Erziehung, die er den ihm anvertrauten Sängerknaben zuteilwerden ließ, fiel bei dem kleinen Leopold auf fruchtbaren Boden. Über viele Jahre seiner Jugendzeit hinweg gab es keinen Sonntag, keinen Feiertag, an dem er nicht mindestens in einer, manchmal auch in zwei Messen als Sängerknabe musizierte. Später, nach dem Stimmbruch, blieb er der Schule Peterlinis als Instrumentalist treu. Seine bevorzugten Instrumente waren neben Geige und Flöte das Klavier und die Orgel.62

Wie sehr sein Glaube seine Berufslaufbahn und seine wissenschaftliche Tätigkeit prägte, wird auch aus seiner Zugehörigkeit zu katholischen Institutionen deutlich: Er war Mitglied im Akademischen Verein LOGOS, der sich der Auseinandersetzung katholischer Intellektueller mit weltanschaulichen Fragen widmete. Seine Berufungen in die Katholische Akademie und in die Diözesankommission für Kirchenmusik durch Kardinal Innitzer sind ebenso Ausdruck für seine katholisch gläubige Haltung wie sein Engagement in der Vereinigung UNA VOCE, die nach dem zweiten vatikanischen Konzil für die Beibehaltung der lateinischen Messe kämpfte. Selbst das nationalsozialistische Regime bescheinigte ihm im Gau-Akt aufrechten Katholizismus:

Nowak stammt aus klerikalem Lager, politisch unbedenklich, Mitglied der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). Spendenbeteiligung ist angemessen.63

Bruckners Te Deum als Thema kehrt abgesehen vom soeben beschriebenen Buch in einigen seiner Schriften wieder:

1953

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EUM LAUDAMUS

, In: Singende Kirche 1 (1953/54), H. 1, S. 9–11. (F110.Nowak,L.499.Mus.)

1955

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anläßlich des Internationalen Brucknerfestes in Bern, 9.–14. Mai 1955 (F110.Nowak,L.68.Mus.)

1955

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O

RCHESTER

, 19.X.1955, „Blätter der Wiener Staatsoper Spielzeit 1955/56“ (F110.Nowak,L.141.Mus.)

1970

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NTON

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RUCKNER

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, Programm der Wiener Philharmoniker (F110.Nowak,L.142.Mus.)

1974

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NTON

B

RUCKNER

, Brucknerhaus Linz (F110.Nowak,L.140.Mus.)

Diese Vorträge und Aufsätze befassen sich fast ausschließlich mit der musikwissenschaftlichen Analyse des Werkes. Jedoch kommt in fast jeder Schrift Bruckners tiefer Glaube und dessen Verlangen nach aufrichtigem Lob Gottes zum Ausdruck, wie z.B. in der Programmeinführung zur Aufführung des Te Deum beim Internationalen Brucknerfest in Bern, 1955:

Der Meister schrieb das TE DEUM nach seinen eigenen Worten zum Gedenken an die in Wien ausgestandenen Leiden. Den tiefsten, innersten Grund dürfen wir aber wohl in Bruckners stark ausgeprägter Religiosität suchen, die […] sich gedrungen fühlte, nun auch seinem Herrn und Schöpfer ein Loblied zu singen. Und als solches steht Bruckners TE DEUM in der gesamten Musikliteratur einzig da: ein Riese, zutiefst innerlich beglückt, hebt seine Mitmenschen in die Lobpreisungen des Ewigen.64

Nowaks Wortwahl ist meist sehr romantisch geprägt und lässt seine Begeisterung und Hochachtung für Bruckners Komposition erkennen, auch wenn es „nur“ um analytische Beschreibung geht. Zweimal sind in diesen Aufsätzen Zitate seines Brucknerbuches aus dem Jahr 1947 zu finden: In der Werkbesprechung für das Programm der Wiener Philharmoniker, 1970, verweist Nowak in einer Fußnote auf die ausführliche Darstellung der Schlussfuge in seinem Buch aus dem Jahr 1947. Im Referat für das Symposium im Brucknerhaus Linz im März 1974, fast dreißig Jahre nach seinen Gedanken zur Musik Anton Bruckners, erinnert er sich genau an seine Worte von damals und zitiert daraus in Zusammenhang mit dem Schlussvers „[…] non confundar in aeternum“:

Der Sekundenschlag der Lebensuhr ist verronnen, alles Irdische abgestreift, und die Hoffnung auf Erden gewesen; ihre Erfüllung im ewigen Sein beginnt.65

Nowaks GEDANKEN ÜBER DIE MUSIK ANTON BRUCKNERS sind ein beachtenswertes Zeugnis individueller Sichtweise dieses Themas und für das Verständnis der Persönlichkeit des Autors unerlässlich. Charakteristisch ist es auch, dass Nowak diese Gedanken in einer der berühmtesten Kompositionen zur Kirchenmusik darlegte.

Wie wurde dieser Charakter in der Kindheit geprägt?

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

DER SÄNGERKNABE

Kindheit und Jugendjahre

Die Eltern

Leopold Novák sen. wurde am 26. Oktober 1866 in Bochitz (Bohutice) einige Kilometer südwestlich von Brünn im „Markgrafthum Mähren“ geboren.66 Im Jahr 1880, im Alter von 14 Jahren schloss er die Schule in Bochitz ab.67 Im Anschluss daran übersiedelte er nach Wien und erlernte

bei dem Kleidermacher Herrn Josef Dolansky, wohnhaft VII, Westbahnstraße 21 die Schneider Profession durch vier Jahre […].68

Nach seiner Lehrzeit arbeitete Leopold Novák sen. von 1885 bis 1893 bei verschiedensten Arbeitgebern, die alle in seinem „Gehilfen- Auflage- und Zuschickbüchl“ dokumentiert sind.69 Es ist nicht überliefert, ob Novák eine Meisterprüfung ablegte oder ein Meisterstück fertigte. Für die Ausübung seines Gewerbes als Schneider war dies nicht unbedingt erforderlich.70

Nach einer kurzen Ehe mit Marie, geb. Flux – sie verstarb zwei Jahre nach der Hochzeit an Lungentuberkulose –, ehelichte Leopold Novák sen. am 15. August 1895 die aus Gars am Kamp in Niederösterreich stammende Clara Brich, geboren am 6. August 1861.71 Der junge Schneider wohnte damals in der Laudongasse im VIII. Bezirk, die Braut kam aus der Mondscheingasse im VII. Bezirk. Das Paar bezog nach der Hochzeit eine Wohnung in der Andreasgasse 9, Stiege II, im VII. Bezirk. Im Jahr 1901 wurde dem Ehepaar auf Ansuchen Nováks das Heimatrecht verliehen; sie wurden damit in den Heimatverband der Gemeinde Wien aufgenommen.72 In dieser Zeit, möglicherweise in Zusammenhang mit der Aufnahme in den Heimat- und Gemeindeverband der Stadt Wien, änderte Leopold Novák sen. die Schreibweise seines Namens und war fortan ein Nowak mit „w“.

Abbildung 3: Gehilfen- Auflage- und Zuschickbüchl, 1883

Das Wohnhaus Andreasgasse 9 ist ein für den VII. Wiener Gemeindebezirk typisches Fabrikantenhaus, in dem im vorderen Trakt die Geschäftsräume im Erdgeschoss untergebracht waren. Im 1. Stock befand sich die Wohnung der Fabrikantenfamilie mit den Repräsentationsräumen. Die Produktionsräume waren im 1. Stock im Seitentrakt angesiedelt. Im 2. Stock und im hinteren Trakt befanden sich einige Wohnungen.

Abbildung 4: Clara, Poldi und Leopold Novák sen. Undatierte Photographie (vor 1912)

In einer dieser kleinen Wohnungen im hinteren Trakt des Hauses Andreasgasse 9 kam am 17. August 1904 Leopold Anton Nowak, das einzige Kind des Damenschneiders Leopold Nowak sen. und seiner Gattin Clara zur Welt.73 Noch bevor der kleine Leopold in die Schule kam, übersiedelte die Familie in eine größere Wohnung in der Richtergasse 9, ganz in der Nähe. Hier hatte der Vater seine Werkstatt, hier wuchs Leopold Nowak auf und lebte in dieser Wohnung nach dem Tod seiner Eltern bis zu seiner Hochzeit im Jahr 1941.

Clara Nowak starb am 29. Juni 1912.74

Knapp ein Jahr nach Claras Tod ehelichte Leopold Nowak sen. Maria Broschovsky, die dem damals achtjährigen Sohn Leopold eine liebevolle Stiefmutter wurde.

Im Jahr 1914 wurde Leopold Nowak sen. schließlich das Bürgerrecht der Stadt Wien verliehen.

So wurde aus dem Schneiderlehrling aus Mähren im Lauf der Jahre ein angesehener Wiener Bürger, der Damenschneider Leopold Nowak sen. Der Sohn bewahrte dem Handwerk seines Vaters lebenslang ein ehrendes Angedenken. Er ließ sogar die Arbeitsplatte des väterlichen Schneidertisches in seinen eigenen Schreibtisch einarbeiten. Somit entstand ein Großteil von Nowaks wissenschaftlicher Arbeit auf der Zuschneideplatte der väterlichen Werkstatt.75

Abbildung 5: Urkunde über die Verleihung des Bürgerrechtes der Stadt Wien an Leopold Nowak sen.

Abbildung 6: Nowak mit seiner Stiefmutter am Balkon. Undatiert

Abbildung 7: Leopold Nowak sen., ca. 1935

Wien VII, Richtergasse 9/II/15

Einem glücklichen Zufall und guten Kontakten ist es zu verdanken, dass mein Bruder und ich Gelegenheit bekamen, die Wohnung unseres Vaters kennen zu lernen. Als wir dem jetzigen Mieter dieser Wohnung unser Anliegen unterbreiteten, war er gerne bereit, uns einen Besuch zu gestatten. Die Wohnung ist ca. 90 m2 groß, sie hat einen Vorraum, zwei Zimmer, ein Kabinett mit einem kleinen Balkon, eine Küche und ein Dienerzimmer, das heute zu einem Bad umgebaut ist. Wir gingen durch die Räume, in denen die Familie Nowak mit ihrer Haushälterin76 lebte und arbeitete. Ein Zimmer wurde als Schneiderwerkstatt verwendet, eines als Schlafzimmer der Eltern, für den Sohn stand das Kabinett zur Verfügung. Hier stand sein Klavier, hier lebte, lernte und studierte er. Die Küche diente wohl als Gemeinschaftsraum für die Familie. Durch die Werkstatt des Vaters und den damit verbundenen Kundenverkehr müssen die Wohnverhältnisse äußerst beengt gewesen sein. Die musikalischen Aktivitäten des Sohnes – er übte am Klavier, spielte Geige und Blockflöte – trugen sicher wenig zu einer ruhigen und entspannten Atmosphäre in der Wohnung bei. Aus seinen Tagebüchern geht hervor, dass er häufig auch Freunde zum Musizieren einlud. Allerdings sind aus seiner Schul- und Studienzeit von ihm kaum Schwierigkeiten mit den Eltern überliefert, erst später, als Assistent und Privatdozent beklagt er das Unverständnis seiner Eltern für seinen Beruf.

Nowak erzählte bis ins hohe Alter immer wieder gerne eine besondere Begebenheit aus seiner Kindheit. Von der Wohnung in der Richtergasse sind es nur ein paar Schritte zur Mariahilfer Straße. Wenn in der Stadt bekannt wurde, dass Kaiser Franz Joseph über die Mariahilfer Straße nach Schönbrunn fuhr, durfte der kleine Leopold hinunterlaufen, um den Kaiser zu sehen. Einmal, so erzählte er, hatte er den Eindruck, dass der Kaiser gerade ihm einen wohlwollenden Blick schenkte. Nowak konnte die blauen Augen des Kaisers sein Leben lang nicht vergessen. Er verehrte den Kaiser lebenslang als großartigen Repräsentant der Monarchie – über dessen tatsächliche politische Bedeutung dürfte er wohl nie nachgedacht haben.

Volks- und Mittelschule

Die Volksschule besuchte der kleine Leopold ab dem Schuljahr 1910/11 im 7. Bezirk, Zieglergasse 21. Die Volksschulzeit umfasste damals fünf Jahre. Von der ersten bis zur fünften Klasse erhielt der junge Schüler durchwegs ausgezeichnete Noten, lediglich in Rechnen, Zeichnen oder Turnen wurde seine Leistung bisweilen nur mit „gut“ beurteilt.77

Seine erste musikalische Ausbildung begann er noch während seiner Zeit als Volksschüler. Im Alter von 8 Jahren, kurz nach dem Tod seiner Mutter, kam Nowak in die Musikschule des Katholischen Jünglingsvereins „Maria-Hilf“, die wie erwähnt von Dominik Josef Peterlini geleitet wurde. Dieser Schritt sollte sich als richtungsweisend für sein ganzes Leben erweisen.78

Nach Abschluss der Volksschulzeit kam Nowak ins Gymnasium in der Albertgasse im 8. Wiener Gemeindebezirk, wo er im Jahr 1923 die Reifeprüfung ablegte.

Studium der Musikwissenschaft, 1923–1927

Im Wintersemester 1923 begann er sein Studium der Musikwissenschaft an der Universität Wien bei Guido Adler.79 Ebenso wie Peterlini wurde Guido Adler ein großes Vorbild, ein verehrter Lehrer, dem er lebenslang in Dankbarkeit verbunden blieb. In einem Aufsatz anlässlich des 100. Geburtstages beschreibt Nowak seinen Lehrer als

[…] eine verhältnismäßig klein gewachsene Gestalt, das Gesicht von einem Vollbart umrahmt, über dem zwei scharfe Augen aus blitzenden Brillen dem Beschauer entgegenblickten. Gespannte Aufmerksamkeit floß dem Besucher entgegen, sachkundige Fragen belebten Rede und Gegenrede, man merkte, wo immer man mit Adler ins Gespräch kam, die bedeutende Persönlichkeit, den ausgeprägten, zielstrebenden, aber auch zielbestimmenden Willen.80

Abbildung 8: Berufung zum Bibliothekar, Dezember 1925

Guido Adler erkannte Nowaks Begabung sehr rasch, so dass er ihm bereits im Wintersemester 1925 eine Stelle als Bibliothekar am musikhistorischen Institut anbot.81

Nowaks besonderes Interesse lag im Bereich der Musikgeschichte des Mittelalters und der Renaissance, später auch in der Volksmusik. Während der gesamten Studienzeit besuchte er die „Übungen im musikwissenschaftlichen Institut“, die regelmäßig von Guido Adler abgehalten wurden. In dessen Autobiographie WOLLEN UND WIRKEN steht dazu:

Abbildung 9: Nowaks Studienbuch, 1. Semester, 1923

Nach meiner Anschauung und Absicht waren die wissenschaftlichen Übungen ein gleichwertiger Lehrfaktor neben den Vorlesungen, ja ich legte immer mehr das Schwergewicht in diese.82

Hier arbeitete Adler gleichsam als „Primus inter Pares“ mit seinen Studenten und gab ihnen die Möglichkeit, mit ihrem Lehrer zu studieren, Fragen zu stellen und gemeinsam zu forschen. Zwei Themenkreise waren ihm ein besonderes Anliegen:

Erlangung aller Mittel wissenschaftlichen Betriebes und näheres Verständnis des in den allgemeinen Vorlesungen Vorgetragenen.83

Nowak schätzte diese Möglichkeit der Vertiefung sehr. Zusätzlich studierte er an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien Kontrapunkt und Harmonielehre bei den Komponisten Franz Schmidt (1874–1939) und Louis Dité (1891–1969).84

Der Katholische Jünglingsverein „Maria Hilf“

Im Schuljahr 1912/1913, kurz nach dem Tod seiner Mutter, trat Nowak, damals acht Jahre alt, in die Musikschule des Katholischen Jünglingsvereins „Maria Hilf“ (KJV) ein, die von Dominik Josef Peterlini geleitet wurde. Aus welchem Grund Leopold Nowak sen. für seinen Sohn diese musikalische Ausbildung wählte, lässt sich nicht eindeutig nachvollziehen. Möglicherweise war der frühe Tod der Mutter im Juni 1912 Anlass, den Knaben in die Obhut des Katholischen Jünglingsvereins zu geben und ihm damit die Gesellschaft gleichaltriger Kinder zu ermöglichen. Gleichzeitig sollte für den Knaben eine musikalische Ausbildung beginnen. Es ist jedoch kein Hinweis auf frühe musische Begabung des Kindes überliefert. Wie sehr diese Ausbildung zum Sängerknaben unter der Leitung des hervorragenden Musikers und Pädagogen Peterlini das spätere Leben des Volksschülers prägen sollte, konnte der Vater damals keinesfalls ahnen.

Anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums des Katholischen Jünglingsvereins im Jahr 1907 wurde eine Festschrift gestaltet. Die Einleitung dieses Büchleins gibt einen ausführlichen Überblick über die Ziele und die Bedeutung der zu dieser Zeit zahlreichen Jünglingsvereine85. Wie zu erwarten kam der religiösen Erziehung großer Stellenwert zu. Zwar wurden die Kinder in der Schule im Religionsunterricht auf ein Leben als aufrichtige Christen vorbereitet, trotzdem konnte die Wichtigkeit außerschulischer Institutionen zur Vertiefung katholischer Bildung nicht hoch genug bewertet werden. Die Jünglingsvereine sollten die Teilnahme am Gottesdienst nicht ersetzen, sondern die Mitglieder zum intensiven Mitfeiern anregen und deren religiöses Leben nach Abschluss der Schulzeit unterstützen.

Zahlreiche Priester und namhafte Persönlichkeiten des Klerus riefen diese Vereine für Knaben und junge Männer ins Leben. Auch der Papst unterstützte mit Wohlwollen das Gedeihen der Vereine,

[…] Denn wer die Jugend besitzt – zumal die männliche Jugend – dem gehört die Zukunft. Gehören die Jünglinge Christo, so wird in Zukunft Staat und Gesellschaft christlich bleiben, werden sie eine Beute des Unglaubens, so wird Umsturz und Anarchie Staat und Gesellschaft verschlingen. Das war die Überzeugung jener Männer, welche im Jahr 1857 in Wien den Katholischen Jünglingsverein ins Leben riefen.86

Die Statuten definieren den Vereinszweck wie folgt:

Der Verein hat den Zweck, die der Schule entwachsenen Jünglinge bei ihrem Eintritt in das Weltleben unter geistlicher Leitung zu versammeln, sie durch geeignete Mittel vor Verführung zu schützen, zur treuen und unverbrüchlichen Beobachtung der Gebote Gottes und seiner heiligen Kirche zu ermuntern und sie so zu treuen Katholiken und redlichen Staatsbürgern heranzubilden.87

Diese Ziele sollten mit täglichem Gebet und durch den regelmäßigen Empfang der heiligen Sakramente erreicht werden. Marienverehrung und Anbetung der Vereinspatrone gehörten ebenso dazu wie das Versprechen an den Vorsitzenden des Vereines, die Regeln zu beachten, den römisch-katholischen Glauben zu bekennen und „standesgemäße Keuschheit“88 zu üben.

Knaben und unverheiratete junge Männer im Alter von 14 bis 30 Jahren konnten Aufnahme in den Verein finden. Zusammenkünfte fanden regelmäßig an Sonn- und Feiertagen statt, wobei meist geistliche oder andere angemessene Vorträge und Lesungen gehalten wurden.

Der Katholische Jünglingsverein „Maria Hilf“ hatte in seinen Statuen auch die Pflege der Künste verankert. Um zur erbaulichen, musikalischen Gestaltung der Gottesdienste zu gelangen, gab es einen gemischten Chor, ein kleines Orchester, eine behördlich bewilligte Knabenchorgesangsschule, in der auch Klavier und Violine gelehrt und schulgemäß organisierte Musiklehrkurse für Vereinsangehörige abgehalten wurden.

In die Musikschule wurden auch Buben unter 14 Jahren aufgenommen.

Seit dem Jahr 1900 gab es für den KJV „Maria Hilf“ eine eigene Vereinszeitung, die monatlich über das Vereinsleben berichtete. Darin wurde über Veranstaltungen geschrieben, Förderungen und eingegangene Spenden wurden ebenso angeführt wie ein detaillierter Veranstaltungskalender.89

Abbildung 10: Vereinszeitung

Dominik Josef Peterlini (1875–1944)

Um besser zu verstehen, welche Bedeutung Peterlini für seine Schüler, vor allem aber für Nowak hatte, sei eine kurze Biographie gegeben:

Dominik Josef Peterlini,90 wurde als Sohn einer begüterten südtiroler Fabrikantenfamilie am 4. April 1875 in Wien geboren. Schon sehr früh erhielt er eine musikalische Ausbildung, die er mit Studien in Regensburg und in der Benediktiner-Abtei Emaus bei Prag vervollständigte und in Wien am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde abschloss. Von 1889–1928 gehörte er dem Katholischen Jünglingsverein „Maria Hilf“ an. 1890 gründete der junge Musiker ein eigenes, kleines Orchester, in dem er Freunde und Mitschüler zur praktischen Musikausübung vereinte. Fünf Jahre später entstand der Knabenchor, dem er bis 1920 als Direktor vorstand. Die „Peterlini-Sängerknaben“ – so wurde der Chor bald bezeichnet – wurden zu einem unverzichtbaren Faktor im Musikleben Wiens. In Kirchen und Konzertsälen konnten die Wiener damals das Orchester und die begeisterten, hochmotivierten Buben bei Aufführungen von Messen und Oratorien, aber auch weltlicher Musik erleben.

Zahlreiche Programme sind überliefert, die das breite Spektrum der Konzerttätigkeit auch außerhalb der Kirchenmusik belegen.91 Da gab es Faschingsveranstaltungen, Jahresversammlungen von Vereinen, Festversammlungen zu Vereinsjubiläen, einen Konzertabend für verwundete und kranke Soldaten im Jahr 1915, eine Weihnachtsfeier im Landessanatorium Steinhof und einige andere Wohltätigkeitskonzerte, bei denen die Sängerknaben mitwirkten. Zur Aufführung gelangten diverse weltliche Chöre, der Schwerpunkt lag meistens auf gesungenen Walzern der Strauss-Dynastie. Der Donauwalzer durfte keinesfalls fehlen. Bei Aufführungen vor dem Ende der Monarchie war die Kaiserhymne oft zu hören. Konzerte im großen Musikvereinssaal bescherten den Kindern unvergessliche Erlebnisse: Die Matthäuspassion, das Mozart-Requiem, Haydns Schöpfung, Händels Messias und das Oratorium Saul wurden aufgeführt. Die meisten dieser Konzerte wurden von Peterlini selbst dirigiert, aber auch Wilhelm Furtwängler92 oder Franz Schalk93 übernahmen gerne den Dirigentenstab.

Nach dem Krieg, im Jahr 1919, stellte Peterlini sein eigenes Haus in Wien Mauer, Lange Gasse 96, als Erholungsheim für seine Sängerknaben zur Verfügung, um die Folgen der kriegsbedingten Unterernährung zu lindern und seine Schützlinge wieder zu stärken. Für sein karitatives Wirken in der Jugenderziehung verlieh ihm die Stadt Wien die große goldene Salvator-Medaille.

Peterlini folgte 1925 dem Ruf als Professor für Chorgesang an die Wiener Musikakademie, eine Position, die er bis 1931 innehatte. In Mauer gründete er 1929 zusätzlich noch eine Kindersingschule.

Nach einem erfüllten Leben starb Peterlini am Karsamstag, dem 8. April 1944 in seinem Haus in Mauer.

Im Jahr 1946 erschien in der Zeitschrift DIE FURCHE ein von Nowak verfasster Artikel mit dem Titel EIN LEBEN IM DIENSTE DER WIENER KIRCHENMUSIK – DOMINIK JOSEF PETERLINI.94 Der Autor beschreibt darin die Leistung Peterlinis für die Kirchenmusik und die Ausbildung, die den jungen Musikern unter seiner Leitung zuteilwurde. Diese Zeilen sind ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie sehr diese Zeit Nowak in musikalischer Hinsicht prägte und welch tiefen Glauben die Persönlichkeit Peterlinis dem Knaben und jungen Mann vermittelte. Aus diesem Grunde sei der Aufsatz hier zur Gänze wiedergegeben.

Ein Leben im Dienste der Wiener Kirchenmusik – Dominik Josef Peterlini