Lernfall Aggression 1 - Hans-Peter Nolting - E-Book

Lernfall Aggression 1 E-Book

Hans-Peter Nolting

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Beschreibung

Seit Jahrzehnten eine bewährte Einführung in die Aggressionspsychologie: Anders als die meisten Bücher zum Thema, die sich vorwiegend mit den Formen und Ursachen menschlicher Aggression befassen, widmet sich das vorliegende Grundlagenwerk im gleichen Maße den Möglichkeiten der Aggressionsverminderung. Hans-Peter Nolting bietet eine wissenschaftliche Orientierung in verständlicher Sprache. Die vorliegende Ausgabe wurde vollständig überarbeitet und neu gestaltet.

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Hans-Peter Nolting

Lernfall Aggression

Wie sie entsteht - wie sie zu vermindern ist. Eine Einführung

Vorwort

Dieses Buch habe ich jetzt zum vierten Mal geschrieben. Nach der ersten Ausgabe von 1978 kam Lernfall Aggression 1987 und 1997 jeweils in gründlichen Überarbeitungen heraus, und die vorliegende Ausgabe ist abermals eine umfassende Neugestaltung.

Geblieben sind drei Zielsetzungen:

einen geordneten Überblick über die Psychologie der Aggression zu geben,

theoretische und praktische Fragen miteinander zu verbinden, insbesondere in Hinblick auf Möglichkeiten der Aggressionsverminderung,

trotz der engen Orientierung an der empirischen Forschung in einer Sprache zu schreiben, die auch für interessierte Laien verständlich ist.

Und was hat sich geändert?

Die Änderungen beziehen sich auf inhaltliche Akzente und auf den Aufbau des Buches.

In der Psychologie hat die Beschäftigung mit grundsätzlichen Fragen zur Erklärung «der» menschlichen Aggression abgenommen, die Erforschung individueller Unterschiede, besonders auch die Forschung zum Problem hoch aggressiver Menschen, hat dagegen zugenommen. Dieser Akzentverschiebung versucht vor allem das neue Kapitel 9 über Personen-Aspekte Rechnung zu tragen.

Weiterhin richtet sich das Interesse heute mehr auf einzelne Kontextbereiche und Praxisfelder. Dies wird berücksichtigt durch das Kapitel 10 über die Rolle von Situationsfaktoren und durch eigene Kapitel zur Aggressionsverminderung in Paarbeziehungen, in der familiären Erziehung und in der Schule sowie durch ein Kapitel zu Frieden im gesellschaftlich-politischen Kontext.

Selbstverständlich wurden überdies alle Kapitel aktualisiert, indem interessante Forschungsergebnisse der letzten Jahre aufgenommen wurden.

Was den Aufbau des Buches betrifft, so wurden die Kapitel zur Erklärung aggressiven Verhaltens doppelt gegliedert: einerseits nach theoretischen Ansätzen, andererseits nach Kernfragen, unter denen vielfältige Erklärungsaspekte integriert werden. In ähnlicher Weise wurden die Kapitel zur Aggressionsverminderung nach Ansatzpunkten und nach Praxisfeldern geteilt. Dieser Aufbau soll es erleichtern, nach persönlichem Interesse selektiv zu lesen.

Das Buch umfasst nunmehr 20Kapitel (vorher 16), ist aber quantitativ nicht umfangreicher geworden. Ich habe einiges weggelassen oder gekürzt, was primär von «historischem» Interesse ist und bald ins psychologische Museum gehört, und ich habe überdies den Text selbst gestrafft.

Ich hoffe, dass das Buch eine gute Mischung aus grundsätzlichen Erörterungen und Ausführungen zu konkreten Lebensproblemen bietet und dass zugleich der einführende Charakter gewahrt ist.

Danksagungen: Für nützliche Literaturhinweise danke ich Dr.Marianne Gras, Enrico Weigelt und Prof.Dr.Werner Greve. Für hilfreiches Gegenlesen des Manuskriptes danke ich Prof.Dr.Franz Thurner und Alois Thomas sowie ganz besonders Anne Hermes, die in der Rolle des interessierten Laien viel zu inhaltlichen und stilistischen Verbesserungen des gesamten Manuskriptes beigetragen hat. Meiner Lektorin beim Rowohlt Taschenbuch Verlag, Frau Julia Vorrath, danke ich für die gute Betreuung und die angenehme Zusammenarbeit.

Göttingen, Juli 2005

H.-P.N.

Einführung

Aggression – ein schillernder Begriff

Populäre Vorstellungen und Irrtümer

Erklärung und Verminderung: Vorschau

1Aggression – ein schillernder Begriff

Allein mit Erörterungen zum Begriff der Aggression könnte man ganze Bücher füllen. Ich möchte mich hier auf wenige Seiten beschränken. Diese sind jedoch notwendig, um auf typische Missverständnisse aufmerksam zu machen und um klarzustellen, was mit der «Aggression» gemeint ist, um deren Erklärung und Verminderung es geht.

1.1Wirrwarr im Sprachgebrauch– Klarstellungen

Unter Aggression kann sich jeder etwas vorstellen. Die Frage ist nur: Stellen sich alle dasselbe vor? Folgende Äußerungen habe ich so oder ähnlich alle schon gehört und hier zu einer fiktiven Gesprächsrunde komprimiert. Verwenden die beteiligten Personen das Wort Aggression für dieselben Sachverhalte?

A: «Was für eine unglaubliche Aggression, einen Mitschüler so zu malträtieren» – Aggression als absichtliches Verletzen

B: «Aggressiv sind doch alle Menschen irgendwie. Schon kleine Kinder können richtig wütend brüllen oder aufstampfen» – Aggression als erregtes, wildes Verhalten

C: «Jeder Mensch muss ja auf die eine oder andere Weise seine Aggressionen rauslassen» – Aggression(en) als innere Impulse oder Emotionen

D: «Aggression würde ich nicht nur negativ sehen. Bei manchen Menschen äußert sie sich in gesundem Ehrgeiz oder gesunder Durchsetzung» – Aggression als aktives, offensives Verhalten oder als entsprechende Energie dafür

Der faktische Sprachgebrauch ist keineswegs einheitlich, und ohne eine begriffliche Verständigung redet man leicht aneinander vorbei. Dabei zeigen die vier Beispiele nicht einmal die ganze Vielfalt des subjektiven Begriffsverständnisses. So denken manche Menschen nur an «massives» Verhalten wie körperliche Gewalt, Beschimpfungen und Zerstörungen, andere denken hingegen auch an subtile Formen wie Missachtung oder Ausgrenzung. Für manche gehört zur Aggression eine affektive Erregung (Ärger, Wut), während andere gerade eine kühl berechnete Attacke als besonders aggressiv empfinden. Viele Menschen sprechen nur von Aggression, wenn sie die Handlung inakzeptabel finden; selbst Waffengebrauch ist dann keine Aggression, wenn er der Verteidigung dient. Andere sprechen gar schon von «aggressiver» Werbung, «aggressiver» Musik und dergleichen.

Trotz dieser Unterschiede scheint es jedoch auch einen gemeinsamen Kern im Aggressionsverständnis der meisten Menschen zu geben. Er umfasst drei Merkmale: (1) Schaden, (2) Intention und (3) Normabweichung (Mummendey et al. 1982). Vorfälle wie die Malträtierung des Mitschülers würde also jeder als Aggression bezeichnen, auch wenn das Begriffsverständnis in anderen Punkten differieren sollte. Die ersten beiden Bestimmungsmerkmale, Schaden und Intention, sind auch typisch für Definitionen in der Psychologie, das dritte, die Normabweichung, hingegen ist es nicht (hierzu S.24).

«Schädigen» – «Wehtun»

Auch die Wissenschaft kann nicht sagen, was Aggression ist, sondern nur, welche Sachverhalte unter diesem Wort zusammenfasst werden sollten, um sie von anderen Sachverhalten sinnvoll abzugrenzen und eine klare Verständigung zu erleichtern.

Typische Definitionen in der Psychologie bestimmen Aggression im Kern als ein auf Schädigung gerichtetes Verhalten (nicht als Emotion), auch wenn sie sich im Detail unterscheiden. Beispiele: «Aggression umfasst jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuum, meist eines Artgenossen, intendiert wird». (Merz 1965, S.571). Oder «Aggression besteht in einem gegen den Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize». (Selg et al. 1997, S.14). In beiden Definitionen steckt das Wort «schädigen», in anderen ist stattdessen von «verletzen» die Rede. Fürntratt (1974, S.283) nennt Verhaltensweisen, die andere zielgerichtet «in Angst versetzen», ebenfalls aggressiv und spricht damit eine psychische Beeinträchtigung an. Da psychische Wirkungen mit dem Wort «schädigen» nicht so gut ausgedrückt werden, spreche ich auch von «wehtun». Man zeigt z.B. jemandem die «kalte Schulter», um ihm wehzutun, nicht eigentlich zu schädigen (s. Tafel 1).

Das Spektrum der Verhaltensweisen, die nach Definitionen dieser Art aggressiv zu nennen wären, ist potenziell riesengroß. (Der nächste Kapitelabschnitt wird sie systematisieren.) Zugleich bleiben Verhaltensweisen aber ausgeschlossen, die zu einem sehr weiten Aggressionsbegriff gehören, nämlich alle möglichen Formen des «In-Angriff-Nehmens» und des offensiven Handelns: selbstbewusstes Auftreten, Wetteifern, ehrgeiziges Arbeiten, zupackendes Helfen usw. – also Handlungen, die mit Schädigen oder Wehtun wenig zu tun haben, ja teilweise mit dem Gegenteil. Ein solch weites, unspezifisches Aggressionsverständnis wurde zwar auch von einigen Autoren vertreten (z.B. Mitscherlich 1969, Hacker 1971), hat sich in der Psychologie aber nicht durchgesetzt – und zwar aus gutem Grund: In der weiten Fassung ist der Begriff «Aggression» unbrauchbar und überflüssig, denn er meint im Kern dasselbe wie «Aktivität». Tatkraft und Destruktion werden in einen Topf geworfen, und man kann sich verhalten, wie man will, man ist praktisch immer aggressiv. Bei einer solchen Definition bleibt mithin reichlich verschwommen, welche Phänomene man eigentlich erklären oder auch vermindern möchte.

Tafel 1: Aggression und einige verwandte Begriffe

Aggression: Verhalten, das darauf gerichtet ist, andere Individuen zu schädigen oder ihnen wehzutun

Aggressivität: Individuelle Ausprägung der Häufigkeit und Intensität aggressiven Verhaltens («Eigenschaft» einer Person)

Gewalt: Schwerwiegende Formen aggressiven Verhaltens

Mobbing: Aggressive Handlungen gegen eine schwächere Person über einen längeren Zeitraum (gewöhnlich im Kontext des Arbeitsplatzes)

Neben der Aggression gibt es noch den Begriff der Aggressivität. Auch hier ist der Sprachgebrauch nicht ganz einheitlich. In der Psychologie meint er meistens die individuelle Disposition zu aggressivem Verhalten, die Ausprägung dieser «Eigenschaft», die sich in der Häufigkeit und Intensität aggressiven Verhaltens manifestiert («Karl ist aggressiver als Franz»).

Als Gewalt werden gewöhnlich nur schwerwiegende Formen der Aggression bezeichnet, leichtere hingegen nicht (z.B. Anschnauzen, böse Blicke). Üblich ist es, körperliche Angriffe als Gewalt zu bezeichnen, doch zunehmend ist in der Alltagssprache und manchen Publikationen auch von «verbaler Gewalt» oder «psychischer Gewalt» die Rede. Das macht einen gewissen Sinn, solange man damit auf eine «schwerwiegende» Wirkung hinweisen möchte (z.B. bei einer seelischen Misshandlung). Nicht für sinnvoll halte ich es aber, alles als Gewalt zu bezeichnen, was man heftig verurteilt. Das führt zu einem inflationären Gebrauch und erleichtert nicht gerade die Verständigung über die Sache. (Zu Aggression und Gewalt als Werturteil s. S.24ff.).

Während Gewalt nach dieser Eingrenzung ein engerer Begriff ist als Aggression, gibt es noch den oft zitierten Begriff der «strukturellen» oder «indirekten» Gewalt (Galtung 1975). Er meint die «stille» Schädigung durch ein ungerechtes Gesellschaftssystem: Menschen gehen zugrunde, weil ihnen der Zugang zu Nahrung, zu medizinischer Versorgung etc. versperrt ist. Da hier die Schädigung nicht direkt durch verletzendes Handeln herbeigeführt wird (wiewohl es «Verantwortliche» geben kann), sollte die strukturelle Gewalt nicht zur Aggression gerechnet werden.

Eine spezielle Variante aggressiven Verhaltens ist das Mobbing. Der Begriff ist mittlerweile auch einer breiten Öffentlichkeit geläufig und meint Handlungen, die sich wiederholt und über einen längeren Zeitraum gegen eine bestimmte Person richten, wobei die «Mobber» dem Opfer an Macht überlegen sind (vgl. Esser 2003). Ursprünglich waren nur kollektive Handlungen mehrerer Personen gemeint («Mob»), inzwischen hat sich die Bedeutung ausgeweitet. Von Mobbing spricht man vor allem in der Arbeitswelt, aber auch hier gibt es inzwischen eine Ausweitung auf andere Lebensbereiche, z.B. die Schule. In der psychologischen Fachliteratur wird für den Bereich der Schule gewöhnlich der Begriff des Bullying bevorzugt (z.B. Scheithauer et al. 2003); er hat aber eine ähnliche Bedeutung wie Mobbing.

«Intendiert» – «gerichtet»

Als Aggression wird gewöhnlich nicht einfach das Schädigen, Wehtun usw. definiert, sondern das «intendierte», «zielgerichtete» oder wenigstens «gerichtete» Schädigen. Die Schmerzzufügung beim Arzt, der versehentliche Tritt gegen das Schienbein und ähnliche Falle sollen damit ausgeklammert bleiben. Ein Problem liegt darin, dass die Intention oftmals fraglich ist, zuweilen sogar bei massiver Gewaltausübung (z.B. im Zustand der «Unzurechnungsfähigkeit»). Eher wahrnehmbar und eindeutiger ist da in vielen Fällen das Merkmal der «Gerichtetheit» des Verhaltens (Definition von Selg, s.o.). Bei einer versteckten Aggressionsform wie der Verleumdung ist die Gerichtetheit allerdings schwer zu beobachten, die Rufschädigung dennoch klar beabsichtigt.

Ob Intention oder Gerichtetheit, die Entwicklung kleiner Kinder macht deutlich, wann ein Verhalten zur «echten» Aggression wird. In den ersten zwei Lebensjahren ist das Schreien, Schlagen, Zerren, Treten usw. ein ungezielter Affektausdruck. Das heftige Verhalten richtet sich auf die Aneignung eines Objektes (z.B. eines Spielzeuges) und nicht gegen eine Person. Es ist auch unwahrscheinlich, dass das Kind eine schädigende Wirkung seines Verhalten erkennt und beabsichtigt. Insofern ist es voraggressives Verhalten. Als Unterscheidungskriterium kann nach Selg et al. (1997; angeregt durch Blurton-Jones) der Blick des Kindes dienlich sein: Schaut es kurz vor oder während des Verhaltens die angegriffene Person an? Ein deutliches Fixieren, so Selg, tritt etwa am Ende des zweiten Lebensjahres auf und spricht für Gerichtetheit. Aber der Übergang ist fließend.

Auch wenn nicht immer klar zu erkennen ist, welche Absicht hinter einem Verhalten steckt – im Alltag oder vor Gericht wird gerade danach gefragt. Wie wesentlich die Intention ist, sehen wir daran, dass selbst dann von «Aggression» gesprochen wird, wenn gar kein Schaden eingetreten ist, er aber beabsichtigt war (z.B. wenn der Schuss danebenging). Nehmen wir den Fall, dass eine Frau über ihre Nachbarin verbreitet, sie sei Alkoholikerin, obwohl dies nicht stimmt. Hier wird man wissen wollen, ob die Frau ihre Nachbarin herabsetzen wollte oder sich lediglich geirrt hat, um zu entscheiden, ob es sich um aggressives Verhalten handelt oder nicht.

Wie ist es nun aber, wenn die Schädigung gar nicht das «eigentliche» Ziel des Verhaltens ist, z.B. wenn Eltern ihr Kind schlagen, um es «zur Vernunft zu bringen»? Auch dies muss als Aggression gelten, da die Erzeugung von unangenehmen Empfindungen (das «Wehtun») beabsichtigt ist, wenn auch «nur» als Mittel zum Zweck. Dasselbe gilt, wenn Polizisten einen Verbrecher jagen oder wenn jemand in Notwehr zuschlägt. Würde durch einen «positiven Zweck» eine Handlung ihren aggressiven Charakter verlieren, dann wäre unsere Welt fast aggressionsfrei. Denn wo lässt sich ein solcher Zweck nicht finden? Der «heilige Krieg» liegt da auf derselben Linie wie das Motto: «Wer sein Kind liebt, der züchtigt es».

Aus diesem Grunde spricht die folgende Definition das Problem des «eigentlichen» Zieles ausdrücklich mit an: «Aggression wird hier definiert als eine Handlung, mit der eine Person eine andere Person zu verletzen versucht oder zu verletzen droht, unabhängig davon, was letztlich das Ziel dieser Handlung ist». (Felson 1984, S.107; eigene Übers.). Nur in einem Fall passt diese Definition nicht: nämlich wenn die andere Person ausdrücklich wünscht, dass man sie verletzt und ihr wehtut – also im Falle des Masochismus. Da würde man das Peinigen wohl nicht als Aggression bezeichnen dürfen.

Wie immer man definiert, eine scharfe Grenze zwischen aggressiven und nichtaggressiven Handlungen lässt sich nicht ziehen. Weder das Merkmal des Schädigens oder Wehtuns noch das Merkmal der Intention oder Gerichtetheit ist in jedem Einzelfall immer eindeutig vorhanden oder nicht vorhanden, sondern manchmal eben nur «ein bisschen». Das ist keine Schwäche der Definitionen, das liegt in der Sache selbst.

1.2Aggressive Verhaltensweisen, aggressive Emotionen

In den meisten Definitionen (auch in den vorgestellten) heißt es, Aggression sei ein «Verhalten, welches…». Nur selten ist statt von Verhalten von inneren Vorgängen die Rede, z.B. von Impulsen oder Emotionen. Doch genau so etwas ist gemeint, wenn im Alltag davon die Rede ist, dass jemand «Aggressionen». (Plural!) in sich habe (zu diesem problematischen Ausdruck s. Kapitel 2). Innere aggressive Empfindungen und äußeres aggressives Verhalten scheinen so eng zusammenzugehören, dass man beides in demselben Wort vereinigt und oft kaum zu erkennen ist, ob jemand ein Verhalten oder eine Emotion meint oder beides. «Er richtet seine Aggressionen gegen den Vater» kann dann z.B. bedeuten: Er ist wütend auf seinen Vater, er hasst seinen Vater, oder aber: Er beschimpft, verspottet, schlägt seinen Vater, oder auch beides.

Für die Erklärung und Verminderung aggressiven Verhaltens ist es nun wichtig, dass man diese beiden Bedeutungen auseinander hält. Denn (wie später noch erörtert wird): Nicht jedes aggressive Gefühl äußert sich in aggressivem Verhalten, und nicht jedes aggressive Verhalten ist Ausdruck aggressiver Gefühle! Beispielsweise beruhen aggressive Handlungen aus Gehorsam oder zwecks Bereicherung nicht auf aggressiven Emotionen.

Zwischen aggressivem Verhalten und aggressiven Emotionen gibt es also keine feste Verbindung! Wegen der Verwechslung der beiden Ebenen wäre es daher eigentlich am besten, den Terminus Aggression ganz zu streichen und stets von aggressivem Verhalten/​Handeln einerseits und von aggressiven Emotionen, Bedürfnissen, Impulsen usw. andererseits zu sprechen. Da sich dies kaum durchsetzen wird, sollte der Begriff der Aggression der Verhaltensebene vorbehalten bleiben und ansonsten explizit von aggressiven Emotionen usw. gesprochen werden. (So ist der Sprachgebrauch in diesem Buch.)

Aggressive Verhaltensweisen

Nehmen wir zunächst die Verhaltensebene. Wie dargelegt, sind nicht einfach bestimmte sichtbare Verhaltensweisen aggressiv, entscheidend ist vielmehr die Intention. Zielt diese auf Schädigung, kann fast jedes Verhalten auch mal aggressiv sein.

Dennoch gibt es typische Erscheinungsformen, die von fast jedem Menschen als aggressiv angesehen werden. Diese Formen kann man grob unterteilen in körperliche, verbale und nonverbale (s. Tafel 2). Eher untypisch, aber zuweilen durchaus schwerwiegend sind die «relationalen» Aggressionsformen, mit denen sich die Forschung erst in den letzten Jahren genauer beschäftigt hat (z.B. Crick & Grotpeter 1995). Sie bestehen in der gezielten Beeinträchtigung sozialer Beziehungen: z.B. jemanden «schneiden», jemanden verleumden, ein anderes Kind nicht mitspielen lassen u. dgl.

Tafel 2: Aggressives Verhalten in unterschiedlichen Erscheinungsformen

Körperlich: Schlagen, Kratzen, Beinstellen, Würgen, Schießen, Vergiften usw.

Verbal: a) Verspotten, Hetzen, Drohen usw. (inhaltlich aggressiv), b) Anschreien, Beschimpfen, Fluchen usw. (auch in Wortschatz und Tonfall aggressiv)

Nonverbal: böse Blicke, rausgestreckte Zunge, drohender Finger usw.

Relational: jemanden «links liegen lassen», ausgrenzen, verleumden usw.

Wenn eine aggressive Handlung nicht in unmittelbarer Interaktion mit der angegriffenen Person ausgeführt wird, spricht man auch von indirekter Aggression. Gerade relationale Formen sind zum großen Teil indirekt. Andere Aggressionsformen geschehen zwar im direkten Umgang, sind aber dennoch so versteckt, dass sich leicht leugnen lässt, damit ärgern bzw. wehtun zu wollen. Beispiele sind etwa absichtliches Missverstehen durch das «Allzu-wörtlich-Nehmen» einer Aussage oder auch übermäßige Bescheidenheit, die beim anderen ein schlechtes Gewissen verursachen soll (Mandel, Mandel et al. 1971, S.153). Selbst Geschenke können zuweilen eine Form der Aggression sein, wenn sie jemanden beschämen oder in Verlegenheit bringen sollen – wie schon der weise Wilhelm Busch durchschaute: Die Tanten schenken der Nichte ein grünes Kleid mit gelben Ranken: «Ich weiß, sie ärgert sich nicht schlecht und muss sich noch bedanken». (in: «Kritik des Herzens»).

Für Forschungszwecke ist wichtig, aggressives Verhalten auch messbar zu machen. In Felduntersuchungen (z.B. auf dem Schulhof oder in einem Streitgespräch) legt man die interessierenden Verhaltensweisen fest (z.B. Schlagen, Treten) und registriert deren Auftreten durch systematische Beobachtung. Durch eine Befragung kann man auch weniger auffällige Aggressionsformen (z.B. Hänseln) ermitteln. Bevorzugt wird dabei die Opferbefragung: Man fragt Menschen, ob sie innerhalb eines definierten Zeitraumes bestimmte Arten des Angriffs schon erlebt haben (z.B. «In den letzten zwölf Monaten bin ich beraubt worden», «In der letzten Woche haben mich Mitschüler verspottet oder ausgelacht»).

Als die Aggressionsforschung auch mit Laborexperimenten begann, stellte sich das schwierige Problem, aggressives Verhalten herbeizuführen und zu messen, ohne ethische Prinzipien zu verletzen. Die bekannteste Lösung für dieses Problem präsentierte Arnold Buss 1961 mit seiner «Aggressionsmaschine». Das aggressive Verhalten besteht hier im Erteilen von Elektroschocks in variierbarer Stärke. Dies geschieht in einem Rahmen, der die eigentliche Fragestellung des Forschers tarnt. So kann z.B. eine Versuchsperson eine andere mit den Schocks bestrafen, wenn sie beim Lernen Fehler macht oder in einem Reaktionszeit-Wettkampf langsamer ist. (Die Schocks und ihre Wirkungen werden simuliert, ohne dass die echte Versuchsperson dies weiß; die andere Versuchsperson ist ein Helfer des Experimentators). Vorgegeben ist der Versuchsperson, dass Schocks erteilt werden sollen, doch bleibt es ihr überlassen, welche Voltzahl, welche Häufigkeit und welche Schockdauer («Aggressionsstärke») sie wählt.

Solche Experimente werden auch im vorliegenden Buch erwähnt. Die Vorzüge des exakten Experimentierens zur Klärung bestimmter Hypothesen liegen auf der Hand. Aber im Labor lässt sich natürlich nicht die Vielfalt aggressiver Handlungen und Lebenssituationen nachbilden. So weit doch, stimmen die experimentellen Befunde immerhin recht gut mit denen in der natürlichen Umwelt überein (Anderson & Bushman, zit. nach Krahé 2001). Hier wie dort findet man z.B. erhöhte Aggression nach einer Provokation, nach Alkoholkonsum, bei Anonymität u.a.m., wobei mit «Aggression» im einen Fall das Verhalten an der Aggressionsmaschine, im anderen Fall z.B. kriminelle Gewalt gemeint sein kann.

Aggressive Emotionen

Aggressive Gefühle, Stimmungen usw. gibt es ebenfalls in verschiedenen Varianten. Einige sind in Tafel 3 zusammengestellt und nach mehreren Kriterien unterteilt. Als aggressiv gelten dabei alle Emotionen, die in deutlich negativer Färbung auf andere Personen bezogen sind und einen Impuls zum Schädigen bzw. Wehtun enthalten. Einige Emotionen sind eher «voraggressiv», der Unmut vielleicht «halbaggressiv». Nicht aggressiv (daher auch nicht in der Tabelle) sind nach dieser Definition Emotionen wie beispielweise Angst, Begeisterung oder Langeweile. Auch sie können aber zuweilen in aggressives Verhalten münden, z.B. Angst in Notwehr oder Begeisterung in ein Attentat für eine «gute Sache».

Die Einteilung soll die Vielfalt ein wenig ordnen, ohne dass immer eine eindeutige Zuordnung möglich wäre. Einzelne Emotionen unterscheiden sich zum Teil durch spezielle Akzente. Zorn und Empörung sind z.B. «moralischer» als Ärger oder Groll, und Verachtung ist «kognitiver» als Hass.

Tafel 3: Einige aggressive und voraggressive Emotionen

In der psychologischen Forschung werden aggressive Emotionen häufig durch die subjektive Einschätzung der eigenen Stimmung auf einer Art Thermometer (einer mehrstufigen Schätzskala) erhoben. Oder man registriert den Erregungsgrad durch objektive physiologische Messungen (z.B. des Blutdrucks), wobei man allerdings gute Gründe für die Annahme haben muss, dass es sich tatsächlich um eine «aggressive» Erregung und nicht etwa um Anstrengung, Angst, sexuelle Erregung oder andere Spannungen handelt.

1.3Aggression– Sachverhalt oder Werturteil?

Aggression als Verhalten zu definieren, das auf Schädigen und Wehtun gerichtet ist, stößt zuweilen auf Missfallen, weil ein solcher Begriff «zu negativ» sei. Schließlich könnten aggressive Handlungen durchaus positive Wirkungen haben, etwa Ungerechtigkeiten abwenden oder Anstöße für gesellschaftlichen Fortschritt geben. Dieser Einwand argumentiert mit dem «positiven Zweck», von dem bereits die Rede war (S.18). Um ihn zu berücksichtigen, sprechen manche Menschen hier von «positiver» oder «konstruktiver» Aggression, andere überhaupt nicht von Aggression.

An dieser Stelle wird ein bedeutsamer Unterschied zwischen verbreitetem Sprachgebrauch und psychologischen Definitionen sichtbar. Während diese nämlich Aggression rein beschreibend als Sachverhalt zu bestimmen versuchen, wird das Wort im Alltag häufig wertend gebraucht: Zu dem Sachverhalt «intendierte Schädigung» kommt die Normabweichung bzw. Unangemessenheit als weiteres Kriterium hinzu, das entscheidet, ob ein Verhalten als Aggression bezeichnet wird oder nicht (Mummendey et al. 1982). Vergleichen Sie folgende Beispiele:

A1: Ein Bankräuber fordert mit vorgehaltener Pistole, seine Tasche mit Geld zu füllen.

A2: Ein Polizist schießt einem flüchtenden Bankräuber ins Bein.

B1: Ein Schüler wirft einen anderen absichtlich zu Boden.

B2: Ein Schüler wirft einen Mitschüler zu Boden, damit er aufhört, einen kleinen Jungen zu verprügeln.

Beim Gebrauch einer Pistole hat sicherlich der Polizist, nicht aber der Bankräuber die Norm auf seiner Seite und bei einem Schlag in den Bauch sicherlich jemand in akuter Notwehr, nicht aber der Angreifer – obwohl sie alle jeweils mit voller Absicht handeln. Legitim erscheinende Akte des Verletzens und Wehtuns, besonders solche zur Verteidigung oder Hilfeleistung (wie in dem Schülerbeispiel), werden von Betrachtern seltener als Aggression bezeichnet, jedenfalls sofern sie nicht völlig überzogen und damit ihrerseits «unangemessen» sind.

Die Urteile darüber, was angemessen, was normgerecht ist, wird von persönlichen Ansichten und dem jeweiligen Kontext abhängen. Wer etwa findet, dass Ohrfeigen zur «normalen» Erziehung und dass Fouls zu einem ordentlichen Fußballspiel gehören, wird kaum von Aggression sprechen, während andere dies durchaus tun.

Ein für fast alle Menschen ausschlaggebender Gesichtspunkt ist der vorangegangene Anlass. Eine Reaktion auf Bedrohungen oder Provokationen wird im Vergleich zu offensiven Angriffen viel seltener als aggressiv beurteilt (Brown & Tedeschi 1976). Ein einzelner Verhaltensakt ist dann also nicht mehr per se aggressiv, sondern aufgrund seiner Stellung innerhalb eines Interaktionsverlaufs (Mummendey et al. 1982). Wer eine bestimmte Handlung in dem Ablauf als Normverstoß wertet, spricht von Aggression, wer Entschuldigungsgründe sieht, spricht möglicherweise auch bei extremer Gewaltausübung nicht von Aggression.

Der Spielraum für subjektive Sichtweisen zeigt sich besonders deutlich in einer unterschiedlichen Bewertung des eigenen und des fremden Verhaltens. Im eigenen erblickt man selten eine Aggression, aggressiv sind die anderen. Die meisten Menschen sehen sich selbst als Opfer und nicht als Täter – irgendwie haben immer die anderen «angefangen». Das heißt nun: Der alltagstypische Aggressionsbegriff umfasst nicht nur eine bestimmte Art des Handelns («intendiertes Schädigen»), sondern auch eine Bewertung («unangemessen»). Und diese Bewertung hängt stark vom eigenen Standort im Geschehen ab, mit anderen Worten: Sie ist parteiisch. Was aus dem eigenen Blickwinkel legitim erscheint, wird nicht als Aggression etikettiert. (Das Gleiche gilt übrigens für den Begriff der Gewalt.) Aggression kann mithin leicht zu einem Kampfbegriff werden, der als Vorwurf gegen andere gerichtet wird.

Wenn man sich aber bei der Entscheidung, von Aggression zu sprechen oder nicht, von Entschuldigungen und Rechtfertigungen leiten lässt, dann ist «Aggression» ein moralisches Urteil und nicht ein psychologischer Sachverhalt. Da ein solches Verständnis nichts mehr mit einem wissenschaftlich brauchbaren Begriff zu tun hat, ist sogar schon vorgeschlagen worden, auf den Begriff der Aggression ganz zu verzichten und stattdessen konkrete Phänomene wie «Drohung» und «Bestrafung» zu untersuchen (Tedeschi 1984). Das mag Vorteile haben; aber der Begriff der Aggression ist damit nicht aus der Welt. Menschen werden ihn weiterhin gebrauchen und werden die Psychologie nach Erklärungen für «die menschliche Aggression» fragen. Also muss man sich auf eine wertneutrale Sachverhalts-Bestimmung verständigen – etwa entsprechend den oben vorgestellten Definitionen (S.14f.). Die Wissenschaft jedenfalls darf den wertenden Sprachgebrauch auf keinen Fall mitmachen, weil sonst ihr Gegenstand völlig verschwimmt. Denn was soll sie untersuchen, wenn Aggression im Kern ein Verhalten ist, das man anderen vorwirft?

Die Konsequenz ist also eine klare Trennung von Sachverhalt und Wertung! Zuerst ist zu bestimmen, ob ein Verhalten vorliegt, das auf Schädigen und Wehtun zielt. Falls ja, bleibt immer noch offen, ob dieses Verhalten legitim oder illegitim, konstruktiv oder destruktiv, angemessen oder unangemessen ist. Schüsse der Polizei ebenso wie Attentate auf Politiker beabsichtigen ohne Frage die Schädigung von Menschen und sind insofern definitionsgemäß aggressive Handlungen. Auf der wertenden Ebene mag man sich dann fragen, ob diese Handlung angemessen oder unangemessen ist. Das Urteil darüber ist eine Frage persönlicher Anschauungen. Dieselbe (nach psychologischer Definition) «aggressive Handlung» kann folglich sowohl negativ als auch positiv bewertet werden.

2Populäre Vorstellungen und Irrtümer

Problemen, mit denen wir häufig konfrontiert werden und die uns überdies emotional berühren, stehen wir nicht gerne orientierungslos gegenüber. So ist es nicht verwunderlich, dass wohl jeder Mensch sich auch Vorstellungen darüber bildet, wie aggressives Verhalten entsteht und was man dagegen tun kann. Dabei kommen neben psychologischen auch biologische, kulturelle, politische und andere Aspekte in Betracht. In diesem Kapitel geht es vorrangig um populäre Annahmen über innere Vorgänge und Wirkungsmechanismen in Zusammenhang mit aggressivem Verhalten.

2.1 «Aggressionen haben, rauslassen, ausleben»

Menschen verhalten sich aggressiv, weil sie «Aggressionen» in sich haben. Diese Erklärung scheint ebenso selbstverständlich wie die Möglichkeit, die «Aggressionen» irgendwie rauslassen oder ausleben zu können. Mit «Aggressionen». (immer als Pluralwort, das es so z.B. im Englischen nicht gibt) sind dabei nicht aggressive Verhaltensakte gemeint (wie in der Begriffsbestimmung von Kapitel 1), sondern innere Kräfte «hinter» aggressivem Verhalten.

Sind die so genannten «Aggressionen» überhaupt eine Erklärung für aggressives Verhalten oder lediglich ein Wort? Es handelt sich lediglich um ein Wort, wenn man von dem Verhalten namens «Aggression» auf innere Vorgänge namens «Aggressionen» schließt, ohne diese selbst erläutern zu können. Das ist dann etwa so gehaltvoll, als würde man das Spielen des Kindes durch «Spielonen» erklären. Man nimmt ein Wort, das sprachlich zum Verhalten passt, und tut so, als hätte man es damit erklärt.

Ganz so oberflächlich sprechen die meisten Menschen gewiss nicht von (inneren) «Aggressionen». Denn jeder kennt aus eigenem Erleben, was gemeint sein kann: nämlich Gefühle, die dazu drängen, sich verletzend oder zumindest laut und grob gegenüber anderen zu verhalten – eben aggressive Gefühle. Das wäre dann immerhin schon ein Stück Erklärung: Das sichtbare Verhalten wird auf bestimmte Gefühle zurückgeführt.

Allerdings müsste man sich noch genauer darüber verständigen, welche Gefühle als «Aggressionen» gelten sollen. Hat jemand «Aggressionen», der… auf einen anderen wütend ist?… einen anderen Menschen hasst?… in gereizter Stimmung ist?… Unmut über eine Nachlässigkeit empfindet?… Groll gegen einen Übeltäter hegt?… auf einen Rivalen neidisch ist?… über eine Ungerechtigkeit empört ist?… mit Vergnügen Tiere quält?… bei einem Bankraub Geiseln nimmt?… einen Angreifer mit einem Faustschlag abwehrt?

Wenn all dies (und vielleicht noch mehr) mit «Aggressionen» gemeint sein kann, ist das Wort reichlich vage; es differenziert nicht zwischen verschiedenartigen Emotionen. Wenn aber nur ein Teil dieses Spektrums gemeint ist, wäre es besser, gleich präzise zu sagen, worum es geht, z.B. Hass oder Unmut oder sadistische Lust.

Tafel 4: Einige populäre Vorstellungen zu (inneren) «Aggressionen»

«Aggressionen» sind Gefühle, die aggressives Verhalten erklären können.

«Aggressionen» sind psychische Energien, die verbraucht werden können.

Sie bilden ein latentes Potenzial.

Sie verschieben sich nach hydraulischen Gesetzen.

Sie können den Körper verlassen.

Viele Menschen meinen mit «Aggressionen» aber offenbar nicht nur aktuelle Gefühle, sondern auch ein latentes Potenzial – der Ausdruck «Aggressionspotenzial» ist recht geläufig–, und zwar in der Bedeutung von schlummernden Impulsen und psychischen Energien, die etwas bewirken. Diese Vorstellung spricht aus Aussagen wie: «Aggressionen» haben sich «angestaut», oder «Aggressionen» können durch sportliche und andere Aktivitäten «abgebaut» bzw. «verbraucht» werden. Nach dieser Vorstellung können «Aggressionen» also etwas sein, was man nicht einmal als Ärger oder ähnliche Emotion verspüren muss.

Der stete Plural «Aggressionen» legt übrigens nahe, dass sie wohl so etwas wie kleine psychische Partikel sind, die im Körper herumschwirren – und vielleicht nicht nur dort. Denn manche Menschen stellen sich offenbar vor, dass sich die «Aggressionen» sogar wie Viren ausbreiten und Menschen infizieren können. So hörte ich nach den Anschlägen vom 11.September 2001 einen Journalisten im Fernsehen mutmaßen, dass hier wohl «frei flottierende Aggressionen» in den Attentätern ihre Opfer gefunden hätten. Nicht fern von solchen Vorstellungen waren ältere Aggressionstheorien wie die vom «Kreislauf der Aggression» nach Hacker (s. hierzu Kapitel 4, S.51).

Vermindern lassen sich «Aggressionen» nach volkstümlicher Redeweise aufgrund einer weiteren interessanten Eigenschaft: Sie können den menschlichen Körper verlassen. Diese Annahme spricht aus Ausdrucksweisen wie «rauslassen», «ableiten» oder «kanalisieren»; sie alle enthalten räumliche Vorstellungen. Die «Aggressionen» gelangen von innen nach außen, so wie etwa Dampfmoleküle aus dem Topf drängen oder Wasser aus einem Stausee in einen Kanal fließt. Eine solche Ortsveränderung soll also auch den «Aggressionen» möglich sein.

Zusammengenommen entsteht aggressives Verhalten also in der Vorstellung vieler Menschen nach Art eines hydraulischen Energiemodells: Aggressive Energien können hierhin oder dahin verschoben werden und brauchen ein Ventil, um zu verschwinden. Wie verbreitet solche Vorstellungen sind, zeigte sich auch in einer eigenen Umfrage unter etwa 100Personen (Lehrer/​-innen und nichtakademische Berufe): 92Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu: «Wenn man Aggressionen verspürt und zurückhält, äußern sie sich später an anderer Stelle.»

Aus diesem hydraulischen Energiemodell ergibt sich auch ein oft propagierter Weg zur Aggressionsverminderung, nämlich die Energien in harmlose «Kanäle» zu leiten. Verwandte Ausdrucksweisen sind die vom «Abreagieren» oder «Ausleben von Aggressionen». Auch darin steckt die Annahme, dass man durch bestimmte Aktivitäten die Energien «rauslassen» oder aber «verbrauchen» könne. Breit ist jedenfalls die Zustimmung (78%) zu der Aussage: «Aggressionen kann man durch Sport, Holzhacken usw. abreagieren.»

Kommentar: Die Ausdrucksweise «Aggressionen» ist ziemlich unbestimmt und mehrdeutig. Denn als innere Vorgänge können, wie dargelegt, verschiedene Emotionen oder auch nicht gefühlte Energien gemeint sein. Und es kommt ja noch die ganz andere Bedeutung hinzu, nämlich aggressive Verhaltensakte bzw. Handlungen (im Plural). Diese Ebene des sichtbaren Verhaltens ist in der empirischen Psychologie fast ausschließlich gemeint (s. S.14ff.) und in der Alltagssprache teilweise auch.

Der Gebrauch desselben Wortes für verschiedene Sachverhalte erzeugt nicht nur Missverständnisse, sondern suggeriert überdies, dass aggressives Verhalten immer aus aggressiven Gefühlen oder Energien entsteht oder dass doch zumindest ein enger Zusammenhang zwischen beiden Ebenen besteht. Dies wird erheblich zu relativieren sein (s. insbesondere Kapitel 8). Und nicht zuletzt: Wissenschaftlich völlig unhaltbar ist die mit dem Ausdruck «Aggressionen» häufig verbundene Vorstellung von einem hydraulischen Energiemodell und die Annahme, «Aggressionen» könnten «rausgelassen» oder in Kanäle geleitet werden (hierzu ausführlich Kapitel 11).

Um fragwürdige Konnotationen zu vermeiden, scheint es mir nach alledem am besten, auf das deutsche Pluralwort «Aggressionen». (im Sinne innerer Kräfte) ganz zu verzichten oder es immer in Anführungszeichen zu setzen.

2.2Weitere geläufige Vorstellungen

Fragt man Menschen, warum es so viel Aggression in der Welt gibt, so erhält man besonders viele Antworten zur großen Kategorie «negative Erfahrungen»: vor allem unerfreuliches Verhalten von Mitmenschen, aber auch Überforderungen, Einengungen, mangelnde Selbstverwirklichung oder schlechte materielle Lebensbedingungen. In der erwähnten eigenen Umfrage bezogen sich fast 80% der frei formulierten Erklärungen auf solche negativen Faktoren. Somit sind Vorstellungen, die in der Psychologie der Frustrationstheorie nahe kommen, weitaus am populärsten. Dieser Trend wird auch durch eine Untersuchung von Langfeldt & Langfeldt-Nagel (1990) bestätigt. Immer wieder werden negative externe Bedingungen oder, auf der subjektiven Seite, negative Gefühle als Erklärungen genannt. – Bezogen auf die volkstümliche Rede von «Aggressionen» wäre also zu ergänzen, dass diese nach verbreiteter Auffassung offenbar vornehmlich durch negative Erfahrungen unterschiedlicher Art entstehen.

Eine viel geringere Rolle in den populären Erklärungen spielt das Lernen (von Verhalten, Einstellungen, Denkweisen usw.). In freier Beantwortung jedenfalls werden selten Gedanken geäußert, die mit Lernen zu tun haben. Nur wenn man (anstelle offener Antworten) verschiedene Erklärungen anbietet, finden auch die lernbezogenen durchaus viel Zustimmung, so etwa unzureichendes Erlernen von nichtaggressiven Verhaltensweisen, Gewaltdarstellungen in den Medien und aggressive Vorbilder in der eigenen Umwelt.

Dies besagt allerdings nicht viel, da vorgegebene Erklärungen meistens große Zustimmung erhalten, falsche Erziehung ebenso wie ein Aggressionstrieb. Die lenkende Wirkung von Hinweisen zeigte sich auch in der Studie von Langfeldt & Langfeldt-Nagel (1990). Sollte nämlich nicht allgemein «aggressives Verhalten», sondern «aggressives Verhalten von Jugendlichen in Gruppen» erklärt werden, so rückten gruppenpsychologische Aspekte (Gruppenstrukturen, Gruppennormen u.a.) nach vorne, und überdies gewannen auch Lernaspekte (z.B. Nachahmen) sowie die soziale und familiäre Umwelt ein wenig an Gewicht. Des Weiteren wurden durch die Instruktion, Ursache-Wirkungs-Beziehungen durch Richtungspfeile darzustellen, auch vermehrt komplexere Erklärungen versucht.

Nach meinen Eindrücken aus vielen Gesprächen suchen Laien von sich aus jedoch selten differenzierende und spezifische Erklärungen, sondern fragen meist ganz allgemein «Wie entsteht Aggression?» oder «Wie entsteht Gewalt?», obwohl durch Rückfragen oft herauskommt, dass sie eigentlich an ganz bestimmte Beispiele denken und für diese eine Erklärung suchen.

Zu der Frage, was sich für die Verminderung von Aggression unter den Menschen tun ließe, werden von Laien Vorschläge gemacht, die überwiegend zu den bereits genannten Erklärungen passen. Weit vorne in der eigenen Umfrage steht ein besserer Umgang mit anderen Menschen, unter anderem gutes Zuhören, Verständnis, Rücksichtnahme usw. – also alles, was das Zusammenleben «weniger negativ» macht. In ähnliche Richtung gehen Vorschläge wie: bessere materielle Lebensbedingungen, mehr Selbstverwirklichung, weniger Stress.

Bei Vorschlägen zur Aggressionsverminderung kommt auch der Faktor Lernen insgesamt stärker zur Geltung als bei den Erklärungen. Dabei wird allerdings überwiegend an Kenntnisse und Einsichten gedacht (Bewusstmachen von Aggressionsursachen, Aufklärung für Eltern usw.), nur selten hingegen an emotions- und verhaltensbezogenes Lernen.

Bei einer vorgegebenen Liste von Vorschlägen zur Aggressionsverminderung ergeben sich wiederum fast immer hohe Zustimmungsquoten. Es stehen dann Lernmöglichkeiten und die Verminderung negativer Bedingungen etwa gleichwertig nebeneinander. Aber auch das «Ausleben» aggressiver Energien durch Sport, Holzhacken usw. findet, wie erwähnt, große Zustimmung.

Kommentar: Insgesamt wird Aggression in alltagspsychologischen Erklärungen vorwiegend als ein reaktives Geschehen verstanden, genauer: als Reaktion auf negative Erfahrungen. Wie die folgenden Kapitel zeigen werden, ist diese Vorstellung zwar nicht falsch, aber recht einseitig. Provokationen, Frustrationen und andere Ereignisse sind sicher wichtige Aggressionsanreger, aber sie haben nicht ein so überragendes Gewicht, wie in der Alltagspsychologie gewöhnlich angenommen wird. Und eins kommt hinzu: Laien sehen negative Ereignisse, z.B. Arbeitslosigkeit, schulische Misserfolge oder Zurückweisung durch andere, meist lediglich als Ursache für aggressives Verhalten. Übersehen wird gerne, dass umgekehrt die negativen Ereignisse häufig die Folge aggressiven Verhaltens sind, dass z.B. jemand aufgrund seines aggressiven Verhaltens seine Lehrstelle, seinen Arbeitsplatz oder seine Freunde verliert.

Zu kurz kommt weiterhin die Möglichkeit, dass aggressives Verhalten nicht nur eine Reaktion, sondern auch eine «Aktion» ist, die von ihren Effekten bzw. vom Lernen am Erfolg lebt. Überhaupt spielt das Lernen in den spontan geäußerten Laienvorstellungen, anders als in der modernen Psychologie, nur eine geringe Rolle. Die Annahme eines Aggressionstriebes hat zwar ebenfalls nur untergeordnete Bedeutung. In ihrer Wirkungsweise werden die sog. «Aggressionen» jedoch, wie schon dargestellt, meist sehr triebähnlich gesehen, nämlich als Energiedruck, der einen Abfluss braucht.

Was die Verminderung aggressiven Verhaltens betrifft, so ist die Reduzierung negativer Anregungsfaktoren auf vielfältigen Ebenen tatsächlich eine wichtige Aufgabe. Auch in diesem Buch wird davon die Rede sein (Kapitel 12). Aus psychologischer Sicht ist dies aber nicht der dominierende und aussichtsreichste Ansatzpunkt. So wird auch die Rolle positiver Anreize zur Sprache kommen und vor allem das breite Spektrum der Lernmöglichkeiten – nicht nur hinsichtlich Wissen und Einstellungen, sondern auch hinsichtlich der Veränderung von Emotionen und vor allem von Handlungsweisen.

3Erklärung und Verminderung: Vorschau

Wie kann man aggressives Verhalten von Menschen psychologisch erklären? Und was sind nützliche Wege zur Aggressionsverminderung? Hierzu gibt dieses Kapitel eine Vorschau, die es erleichtern soll, die nachfolgenden Kapitel in eine Gesamtstruktur einzuordnen.

3.1Was zu erklären ist: Kernfragen

Warum schlagen, beschimpfen, schikanieren, quälen oder töten Menschen? Will man hierauf eine Antwort geben, sollte man zunächst einmal klären, was mit «warum» eigentlich gemeint ist. Worauf genau soll man eine Antwort geben?

Wenn die grundsätzliche Frage «Warum gibt es überhaupt Aggression?» gemeint ist, wird der Fragesteller vermutlich wissen wollen, ob «der» Mensch ein angeborenes Aggressionsbedürfnis hat, welche Rolle die Erziehung spielt, ob Aggression etwas Reaktives oder Spontanes ist etc. Im Alltag begegnet uns die Warum-Frage meist in viel konkreterer Form, etwa so: «Warum schreist du mich so an?», oder: «Warum haut Moritz seine kleine Schwester?» Ausführungen über die Natur des Menschen würden den Fragesteller hier sicher enttäuschen, wenn nicht gar verärgern.

An einem Beispiel lassen sich die verschiedenen Warum-Aspekte ordnen und illustrieren: «Warum schreit Herr A seinen Mitarbeiter an?» Eine erste Antwort dürfte sein, dass er «verärgert» sei. Häufig wird man dies bereits voraussetzen und eher wissen wollen, warum er denn verärgert ist. Hier erwartet man dann vermutlich eine Auskunft über einen Anlass (z.B. dass der Mitarbeiter einen wichtigen Termin versäumt hat) – das wäre ein zweiter Erklärungsaspekt. Eine vollständige Erklärung wäre es aber noch nicht. Denn andere Menschen würden den Mitarbeiter bei demselben Anlass möglicherweise nicht anschreien. Erfahren wir nun, Herr A sei «reizbar», «tyrannisch» oder dergleichen, so entspringt sein Verhalten offenbar nicht einer zufälligen Laune, sondern ist in gewisser Weise typisch für ihn. Eine solche Aussage über die Person wäre dann ein dritter Erklärungsaspekt. Man könnte aber noch, viertens, die Frage anschließen, warum Herr A so reizbar, so tyrannisch usw. ist, ob er vielleicht von Vater oder Mutter ein «labiles Nervenkostüm» geerbt hat, ob er in seiner Kindheit sehr verwöhnt wurde usw.

Zu all diesen Erklärungsebenen gelangt man bereits, wenn man den Blick nur auf Person A und den unmittelbaren Anlass für ihr Verhalten richtet. Sinnvoll ist es aber, zusätzlich auch Erklärungen im interpersonalen Bereich, also zwischen Herrn A und dem Mitarbeiter, zu suchen: Ist das Anschreien z.B. nur eine neue Stufe in einem eskalierenden Wortwechsel, oder besteht zwischen den beiden schon seit langem eine feindselige Beziehung?

Man sieht: Jede Antwort kann weitere Warum-Fragen nach sich ziehen. Die verschiedenen Erklärungsaspekte lassen sich dabei zu einem Gefüge wie in Tafel 5 ordnen, und zwar nicht nur für das vorgetragene Beispiel und nicht nur für aggressives, sondern für jedes andere Verhalten auch (vgl. Nolting & Paulus 1999). Man kann es erklären durch:

Aussagen über die momentanen inneren Prozesse unmittelbar «hinter» dem Verhalten von Person A: über ihre Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Motivationen (Bedürfnisse, Ziele).

Aussagen über die Situationsfaktoren: Bei welchem Anlass, in welcher Umgebung, gegenüber welchen Personen tritt das Verhalten auf? Solche externen Faktoren bestimmen die inneren Prozesse samt dem sichtbaren Verhalten mit.

Aussagen über die Person: Was für Einstellungen, Empfindlichkeiten, Kompetenzen usw. bringt dieser Mensch mit? Auch diese Dispositionen bestimmen die momentanen Prozesse mit.

Aussagen über die Entwicklungsbedingungen: Wie kommen die personalen Dispositionen zustande? Wieweit sind sie z.B. erziehungsbedingt oder genetisch bedingt? (Die darin enthaltene Zeitperspektive– Vergangenes erklärt Gegenwärtiges – wird in der Tafel durch die vertikale Richtung dargestellt.)

Dies sind Gesichtspunkte, aus denen das Verhalten eines einzelnen Menschen zu erklären ist. Wenn aber mehrere Menschen zusammenkommen, wenn es um interpersonales Verhalten geht – und aggressives Verhalten ist interpersonal – empfiehlt es sich, die beteiligten Personen nicht nur einzeln, sondern auch gemeinsam zu betrachten. Denn weitere nützliche Erklärungen liegen in

Aussagen über die interpersonale Beeinflussung und Bezogenheit, konkreter: über die aktuelle Interaktion (z.B. Eskalation), die aktuelle Kommunikation (z.B. Missverständnis) und die schon bestehende Beziehung (z.B. Rivalität).

Diese 4 + 1Grundaspekte sind der Wirklichkeitsausschnitt, mit dem sich die Psychologie beschäftigt. Man könnte noch weitere Fragen stellen, mit denen sich andere Fächer befassen, z.B. Fragen nach gesellschaftlichen Bedingungen der familiären Erziehung (Soziologie, Kulturanthropologie) oder nach den stammesgeschichtlichen Ursprüngen allgemein-menschlicher Anlagen (Biologie, Anthropologie). Solche Aspekte sind nur am Rande Gegenstand dieses Buches; sie kommen aber zwangsläufig mit ins Spiel, wenn man das Ziel verfolgt, aggressives Verhalten «des» Menschen zu erklären.

Aber «den» Menschen gibt es nur als abstrakte Größe. Gewöhnlich suchen wir Erklärungen zu bestimmten Geschehnissen in unserer Umgebung oder an anderen Plätzen der Welt, und dann müssen wir bedenken, dass nicht alle Menschen gleichermaßen aggressiv handeln und dass niemand es jederzeit und überall tut. Um konkrete Ereignisse erklären zu können, brauchen wir daher Antworten auf zwei Kernfragen:

Wann tritt aggressives Verhalten auf? Antworten auf diese Frage kommen vor allem aus Grundaspekten «Situation» und «interpersonale Bezüge». (Interaktion etc.).

Welche Personen zeigen aggressives Verhalten, genauer: zeigen es eher als andere Menschen? Hier geht es um die individuelle Aggressivität, und Aussagen dazu kommen aus den Erklärungsebenen «Person» und «Entwicklungsbedingungen».

Tafel 5: Grundlegende Aspekte zur Erklärung eines aktuellen (aggressiven) Verhaltens

Der Grundaspekt der inneren Prozesse fließt in beide genannten Kernfragen mit ein: Wann nämlich treten aggressionsrelevante Gedanken, Gefühle etc. auf? Und: Welche Personen sind zu diesen Prozessen besonders disponiert?

Die Grundaspekte bilden einen Rahmen für die Suche nach Erklärungen, aber sie führen noch nicht zu einer bestimmten Aggressionserklärung (etwa mit Aussagen darüber, welche Gefühle oder welche situativen Faktoren besonders bedeutsam sind), und sie lassen auch offen, ob überhaupt eine bestimmte Erklärung zu erwarten ist. Eben hierum geht es in einer weiteren grundsätzlichen Frage:

Lässt sich aggressives Verhalten einheitlich erklären? Oder ist es sinnvoller, verschiedene Aggressionsarten zu unterscheiden und unterschiedlich zu erklären?

Der folgende Abschnitt skizziert, worum es bei dieser Frage geht, und er führt zugleich in sog. Aggressionstheorien ein.

3.2Viele Aggressionsphänomene – eine Erklärung?

Aggression gibt es in vielfältigsten Erscheinungsformen. Trotz der Unterschiede fallen sie alle unter denselben Begriff der «Aggression», weil sie gemeinsam das Definitionsmerkmal des intendierten Schädigens erfüllen. Wenn Phänomene denselben Namen tragen, gehen wir gerne davon aus, dass sie auch eine gemeinsame Erklärung haben müssen – in unserem Fall: Wie kann man «die» menschliche Aggression erklären?

Doch könnte es nicht sein, dass der gemeinsame Name eine Gleichartigkeit vortäuscht, die gar nicht besteht? Ist ein Wutausbruch über einen Verkehrsrowdy psychologisch dieselbe Aggression wie eine Geiselnahme? Ist das Vergiften des reichen Erbonkels dasselbe wie die Rache für die Tötung eines Stammesgenossen? Ist der in Notwehr abgefeuerte Schuss dem Spottgedicht eines Kritikers vergleichbar? Ist das Quälen von wehrlosen Menschen oder Tieren dieselbe Aggression wie das Ausklinken von Bomben durch einen Piloten?

Wohlgemerkt, es geht nicht um die Unterschiedlichkeit der Handlungen; die ist offensichtlich. Es geht um das, was sich «dahinter» abspielt; es geht um die psychologischen Erklärungen. Handelt es sich also immer um dieselben inneren Prozesse? Sind diese immer in demselben Maße person- bzw. situationsabhängig? Usw.

Klassische Ansätze

Die «klassischen» Aggressionstheorien der Psychologie beanspruchen zunächst einmal, jeweils auf ihre Weise, «die» menschliche Aggression zu erklären. Lange Zeit wurde die Debatte dabei von drei Ansätzen bestimmt: Nach der Triebtheorie gibt es im Organismus eine angeborene Quelle, die fortwährend aggressive Impulse produziert. Nach der Frustrationstheorie entstehen aggressive Impulse nicht spontan, sondern als Reaktion auf störende, unangenehme Ereignisse. Dabei gehen sowohl die Trieb- als auch die (ursprüngliche) Frustrationstheorie von einer Art hydraulischem Energiemodell aus, nach dem die Impulse in der einen oder anderen Form zum Ausdruck kommen. Gemäß der Lerntheorie beruht aggressives Verhalten hingegen gar nicht auf speziellen Impulsen, sondern es wird wie jedes andere Verhalten von Lerngesetzen bestimmt, vom Lernen am Erfolg, vom Lernen am Modell, von kognitivem Lernen.

Diese Kurzbeschreibungen vereinfachen notwendigerweise, um die zentralen Unterschiede hervorzuheben. Genau besehen stehen die drei Theorie-Namen für Strömungen mit verschiedenen Varianten, die sich um einen gemeinsamen Kern gruppieren. Und heute vertritt kaum noch jemand eine reine Lehre. Keine seriöse Aggressionsforschung versucht noch, mit einem der drei Kernbegriffe «Trieb», «Frustration» und «Lernen» auszukommen, um die Vielfalt aggressiver Erscheinungen zu erklären. Die Gegenüberstellung dieser drei Positionen als «Aggressionstheorien» hat insofern nur noch historische Bedeutung.

Die Triebtheorie hat ohnehin ausgedient; sie spielt in der heutigen Psychologie praktisch keine Rolle mehr. Und die beiden anderen Ansätze haben sich so stark fortentwickelt und dabei so viele Zusatzaspekte aufgenommen, dass sie von einer eindimensionalen Erklärung, wie die Begriffe «Frustration» und «Lernen» es suggerieren, weit entfernt sind.

Heutiger Trend

Die moderne, empirisch begründete Aggressionspsychologie hat sich also überwiegend zu multikausalen Erklärungsmodellen hinbewegt. Auch die sozial-kognitive Lerntheorie (vor allem Bandura 1979, 1986), an der sich viele Forscher orientieren und von der auch dieses Buch inspiriert ist, besitzt nur dann umfassende Erklärungskraft, wenn sie Aspekte mit einbezieht, die nicht oder nicht direkt unter den Begriff des Lernens fallen:

Hierzu gehören erstens die angeborenen Grundlagen. Nichts entwickelt sich ohne sie, auch Lernen ist ohne sie nicht möglich. Eine andere Frage ist, was unter optimalen Bedingungen lernbar und welche Grenze unüberwindbar ist. Und wiederum eine andere Frage ist es, wie weit individuelle Unterschiede auf genetischen bzw. auf Umweltunterschieden beruhen.

Zweitens ist aggressives Verhalten im interpersonalen Bezug zu sehen. Es wird, wie dargelegt, häufig erst verständlich, wenn man auch das Zusammenspiel der Beteiligten betrachtet (einschließlich der Opfer, eventueller Mittäter und Zuschauer) oder sie als Teile eine vernetzten Interaktionssystems (z.B. Familie, Kollegium) begreift. Im Übrigen vollziehen sich auch die Lernprozesse zum großen Teil aus der Interaktion und Kommunikation heraus.

Drittens ist auch immer nach der Motivation hinter aggressivem Verhalten zu fragen (Ebene der inneren Prozesse). In allen klassischen Positionen und multikausalen Konzepten stellt sich die Frage: Was ist das «eigentliche» Bestreben, worin liegt die Befriedigung, die durch aggressives Verhalten erreicht wird? Ohne eine Aussage hierüber bleibt eine konkrete Handlung unverständlich. Lerntheoretische Erklärungen legen nahe, dass vielfältige Motivationen (statt «aggressiver Impulse») möglich sind.

Die letzten beiden Aspekte sind auch für eine Differenzierung von Aggressionsphänomenen von großem Interesse. Hinsichtlich der Motivation ist beispielsweise eine Vergeltungsaggression etwas ganz anderes als eine gewaltsame Bereicherung. Und aus dem Aspekt des interpersonalen Zusammenspiels ergibt sich die wichtige Unterscheidung zwischen individueller und kollektiver Aggression. Es ist z.B. ein erheblicher Unterschied, ob ein Vater zu Hause seinen Sohn verprügelt oder ob er als Teil einer hoch organisierten Armee fremde Städte verwüstet.

Fazit: Für die Erklärung eines konkreten Aggressionsphänomens braucht man stets eine Synthese verschiedener Faktoren, allerdings nicht stets dieselbe, sondern eine differenzierende. Es scheint nicht sinnvoll, für die Vielfalt aggressiver Erscheinungen eine einheitliche Erklärung zu suchen. Dies bedeutet auch, dass die zuvor erwähnten Rahmenaspekte «innere Prozesse», «Situation», «Person» und ihre «Entwicklung» sowie «interpersonale Bezüge» von Fall zu Fall unterschiedlich auszufüllen sind. Eine Differenzierung in verschiedene Arten der Aggression und ihre jeweilige Erklärung durch eine Integration mehrerer Aspekte scheint mir heute ergiebiger als der Versuch, alle Erscheinungen auf einen gemeinsamen theoretischen Nenner zu bringen.

3.3Aggressionsverminderung: Warum und wie?

Aggressives Verhalten vermindern zu wollen, bedarf für viele Menschen keiner Begründung. Zu offenkundig erscheint das verursachte Leid. Aber nicht selten ist auch die Frage zu hören: Ist aggressives Verhalten wirklich immer problematisch, und hat es nicht sogar gute Seiten?

Begründungen

Um es vorwegzunehmen: Die Botschaft dieses Buches lautet nicht: Niemand darf sich aggressiv verhalten. Ich spreche daher auch nicht von Aggressionsabschaffung (die ohnehin weltfremd wäre), sondern von Aggressionsverminderung. Was