Let's be wild - Nicole Böhm - E-Book
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Let's be wild E-Book

Nicole Böhm

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Beschreibung

Mit ihrem neuen Job in der angesagtesten Influencer-Agentur New Yorks geht für Shae ein Traum in Erfüllung. Nicht nur, dass sie in die Fußstapfen ihres Onkels und Mentors tritt, sie kann darüber hinaus einen positiven Einfluss auf Social Media nehmen. So zumindest ihre Hoffnung. Doch es ist nicht so leicht wie gedacht, sich in New York zu behaupten. Das muss auch Shaes bester Freund Tyler feststellen, der gemeinsam mit ihr einen Neustart wagt. Shaes Kollegin Ariana und die Fotografin Evie versuchen in der Weltstadt ebenfalls nach den Sternen zu greifen und müssen dabei so manchen Rückschlag hinnehmen. Aber ihre Freundschaft gibt den vieren die nötige Kraft, die eigenen Träume niemals aus dem Blick zu verlieren.

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Copyright © 2023 by HarperCollins in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Covergestaltung von Alexander Kopainski Coverabbildung von Azat1976, Ihor Biliavskyi, Val_Iva, Roman Samborskyi / Shutterstock E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck ISBN E-Book 9783745703627www.harpercollins.de

Widmung

Für Nicole, von Anabelle

Für Anabelle, von Nicole

1

Shae

Montag, 08. April

»Tyler Alexander Mitchell! Wenn du nicht bald fertig wirst, schmeiße ich dich aus dieser Wohnung! Mitsamt deinen Kartons!«

Mein Leben lang hatte ich mir anhören müssen, dass ich lauter sprechen sollte – egal ob von meinen Eltern beim gemeinsamen Essen am Tisch oder dem Lehrpersonal an der Uni. In diesem Moment wären sie alle mit Sicherheit stolz auf mich gewesen, denn meine Stimme donnerte durch die Zweizimmerwohnung, die dank der vielen unausgepackten Kisten noch kleiner wirkte, als sie sowieso schon war. Über einen dieser Kartons stolperte Ty genau in dem Moment, als er um die Ecke in den Flur bog.

Vor wenigen Minuten hatte er auf mein Drängeln hin noch frech gegrinst, doch bei meinem wütenden Tonfall und der finsteren Miene, mit der ich ihm entgegenblickte, verging ihm das Lachen.

»Ich hab’s gleich, versprochen.«

Hätte er nicht gerade einen weiteren Umzugskarton geöffnet und mit beiden Händen darin gewühlt, hätte ich ihm seine Worte vielleicht abgekauft.

»Ich hab dir gestern schon gesagt, dass du dir bitte alles bereitlegen sollst.«

Es war mir egal, dass ich klang wie eine nörgelnde Mutti. Heute war ein wichtiger Tag für mich, und ich wollte auf keinen Fall zu spät kommen.

»Habe ich ja auch«, gab Ty trotzig zurück, während er sich auf den Knien ein Stück nach rechts schob und sich an dem nächsten Karton zu schaffen machte. »Aber ich habe nicht gesehen, dass die Schuhe schmutzig sind.«

»Dann nimm doch die«, sagte ich und deutete auf die beigen Sneaker, die Tyler vor zehn Minuten aus einer Kiste gezogen hatte.

»Auf keinen Fall, die passen nicht zum Outfit.«

Mit erhobenen Brauen begutachtete ich ihn. Im Gegensatz zu meiner Kombi aus schwarzer Hose, Bluse, Blazer und Pumps war er eher leger gekleidet. Ty trug eine locker sitzende Jeans, ein kurzärmeliges, dunkelblaues Shirt – und nach wie vor keine Schuhe, da auch der zweite Karton offenbar keinen Erfolg gebracht hatte. Unruhig trat ich von einem Bein aufs andere, wobei meine Heels ein leises Klackern auf dem Linoleumboden verursachten. Mein Bauch kribbelte vor Aufregung, wie so oft in den letzten Tagen, und ich warf einen Blick auf die Armbanduhr.

»Wir kommen zu spät«, sagte ich und merkte, wie die Nervosität von meinem Magen bis hoch in meine Brust krabbelte und dort einen Knoten bildete.

Tyler blickte ebenfalls auf seine Uhr und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Quatsch, wir haben noch gut vierzig Minuten.«

»Ja, aber wir müssen erst zur Subway-Station, brauchen die richtige Bahn, und dann haben wir noch fünf Blocks zum Büro zu laufen. Außerdem hab ich hohe Schuhe an. Wenn du nicht gleich in die Gänge kommst, fahr ich ohne dich. Du weißt ganz genau, wie wichtig mir dieser Tag ist.«

»Ist ja gut«, sagte Tyler mit einem Seufzen. Er stand auf und stemmte die Hände in die Hüfte.

»Ich geh jetzt.« Ich warf einen letzten kontrollierenden Blick in den Spiegel, den alte Fotos rahmten: eines mit meiner kleinen Schwester im Pool, eines mit meinen Eltern und eines, das Sinnbild dafür war, warum ich heute hier stand. Es zeigte mich im Teenageralter, breit grinsend neben Onkel Jeffrey. Er wiederum stand neben Owen Green, CEO von Greenwood & Steele. Es war kurz nach der Gründung der Agentur geschossen worden, und damals hatte ich mir kindlich naiv geschworen, einmal in Jeffreys Fußstapfen zu treten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich mein Mund zu einem Lächeln formte. Dann glitt mein Blick weiter, denn auch etwas Neues fand sich bereits an der Holzverkleidung des Spiegels: Sei bereit, jeden Morgen ein Anfänger zu sein. Ich hatte den Spruch auf der Verpackung meiner Yogamatte entdeckt, mit der meine Mom mich zum Einzug überrascht hatte – er passte perfekt zum heutigen Tag. Mit neuer Zuversicht trat ich nach draußen ins Treppenhaus. Sollte Tyler eben nachkommen. Ich hatte zu hart gearbeitet, zu viel aufgegeben, damit ich heute bei Greenwood & Steele anfangen durfte. Mit meiner wenigen Berufserfahrung eine solche Position zu landen, war ein Privileg. Diese Chance würde ich nicht sabotieren – erst recht nicht wegen Tylers Schuhtick.

»Nein! Warte!«

Ich war beinahe am Fuß der Treppe angelangt, als Tyler mich einholte, an mir vorbeitrat und mit strahlendem Lächeln die Eingangstür für mich öffnete. Ich warf einen Blick auf seine Schuhe. Er hatte doch die beigen genommen.

»Nach dir, Süße. Du siehst bezaubernd aus.«

»Dein Charme rettet dich jetzt auch nicht mehr.«

»Dabei liebst du ihn doch so.«

Ich gab ihm einen Klaps gegen die Brust und trat nach draußen in die New Yorker Frühlingsluft. Es war angenehm frisch, laut meiner Wetter-App waren es gerade einmal achtzehn Grad, und ich sog lächelnd die morgendliche Luft ein. In Phoenix, wo ich bis vor zwei Wochen gelebt hatte, wäre um diese Zeit schon die Dreißig-Grad-Marke überschritten. Anstelle der heißen Wüstenluft stiegen mir Autoabgase und Teergeruch in die Nase. Zwei Straßen weiter hämmerte ein Presslufthammer, und ein großer Bagger hob Schutt in einen Container.

Ich blickte mich um und nahm all die Eindrücke begierig in mich auf. Zwar hatten wir unsere Wohnung in Midtown Manhattan schon vor zwei Wochen bezogen, und ich hatte seitdem täglich die umliegenden Blocks erkundet – was erklärte, weshalb auch der Großteil meiner Kisten nach wie vor nicht ausgepackt war –, aber die Umgebung faszinierte mich noch immer. New York war ganz anders als Phoenix. Nicht nur von den Temperaturen her. Mir kam hier alles schneller, bunter und lauter vor als in meiner alten Heimat. Die Leute schienen es auch wesentlich eiliger zu haben, zumindest hetzten alle an uns vorbei, streckten die Arme hektisch nach einem Taxi aus und sprachen gegen den Straßenlärm an in ihr Handy.

Ich liebte diesen Trubel. Liebte das Gefühl, es endlich hierhergeschafft zu haben. Schon als Kind hatte ich unbedingt nach New York ziehen wollen, mit jedem Film, jeder Serie, in der die Stadt eine Haupt- oder Nebenrolle spielte, hatte es mich magisch angezogen, bis ich das Fernweh irgendwann beinahe physisch in meiner Brust hatte spüren können. Dabei war ich erst ein Mal hier gewesen, als ich Onkel Jeff besucht hatte, und das war Jahre her. Danach nie wieder – zumindest bis zu meinem Vorstellungsgespräch, das ich nicht digital hatte führen wollen, obwohl man es mir angeboten hatte. Als ich vor drei Monaten dann den Fuß aus dem Taxi gesetzt hatte, war ich mir sofort sicher gewesen: New York war meine Stadt. Hier würde ich mir ein neues Zuhause schaffen. Bei der Erinnerung an diesen ersten Moment, an meine Euphorie, breitete sich erneut ein Lächeln auf meinem Gesicht aus.

Ty hatte in der Zwischenzeit sein Handy gezückt, eine Weile die Gegend gefilmt, und nun sah er selbst winkend in die Kamera, bevor er sie zu mir herüberschwenkte. Ich winkte ebenfalls, wenn auch deutlich befangener als Tyler.

»TikTok?«, fragte ich.

»Yep«, erwiderte Ty, der mit seinen gewohnt ausladenden Schritten neben mir hermarschierte. Er nahm meine Hand und drückte sie. »Du wirst das großartig machen.«

Ich stieß zischend einen Schwall Luft aus. »Ich hoffe es. Ich will es wirklich nicht vermasseln. Irgendwie glaube ich immer noch, dass jemand in der Personalabteilung einen Fehler gemacht und mir den Job nur aus Versehen gegeben hat.«

Mit dem Daumen strich Tyler sanft über meinen Handrücken und schaffte es, dass ich mich tatsächlich ein kleines Stück beruhigte. »Du wirst es nicht vermasseln, und niemand hat diesen Job mehr verdient als du. Immerhin wurdest du extra dafür vorgeschlagen. Außerdem hast du sie im Vorstellungsgespräch mit deinen Pitches überzeugt. Akzeptier endlich, dass du es draufhast.«

Wenn Tyler das sagte, klang es so einfach. Aber er hatte recht. Dass mein ehemaliger Professor Mr. Pearson mich Greenwood & Steele empfohlen hatte, einer der angesagtesten und erfolgreichsten Agenturen für Influencermanagement an der Ostküste, war alles andere als selbstverständlich. Dass ich mich gegen etliche Mitbewerber und Mitbewerberinnen durchgesetzt hatte, von denen einige mit Sicherheit mehr Berufserfahrung hatten als ich, war ein weiterer Faktor, der mir eigentlich Sicherheit geben sollte. Stattdessen steigerte er meine Nervosität nur noch weiter, weil das im Gegenzug bedeutete, dass ich von Anfang an würde abliefern müssen. Doch das war es wert. Greenwood & Steele arbeitete mit den größten nationalen und internationalen Kunstschaffenden und Firmen zusammen und organisierte Events, von denen sogar meine Eltern im Fernsehen gehört hatten. Kurzum: Diese Agentur war der perfekte Arbeitgeber. Und ich durfte heute wirklich dort anfangen. Mittlerweile war aus meinem Lächeln ein ausgewachsenes Grinsen geworden.

»Na also, sie hat mir die Schuhe vergeben«, sagte Ty und stieß mir in die Seite.

»Träum weiter«, gab ich zurück, obwohl ich zugeben musste, dass wir wirklich früh dran waren. Vor uns lagen bereits die Treppen, die in den Untergrund New Yorks führten. Vor der ersten Stufe kam ich zum Halt und atmete zitternd ein und wieder aus. Von dem Grinsen auf meinem Gesicht war nichts mehr zu spüren. Ty stoppte neben mir, wodurch wir einen gemurmelten Fluch eines anderen Pendlers kassierten, doch das schien ihn nicht aus der Ruhe zu bringen. Sein Blick lag auf mir.

»Wir können auch laufen.«

»Das hätte ich mir früher überlegen müssen, da wären wir jetzt niemals pünktlich.« Ich schluckte gegen den Kloß in meinem Hals an und schüttelte den Kopf. »Nein, ich schaff das schon.«

Immerhin war mir klar gewesen, dass ich in New York Subway fahren musste. Mein viel zu schnell klopfendes Herz wirkte zwar nicht so, als wäre es vorbereitet, aber ich war es. Ich hatte das Szenario mehrere Male in meinem Kopf durchgespielt. Auch heute Morgen. Ich war mehr als meine Angst. Ich war stärker als sie.

Von irgendwoher erklang sanfte Gitarrenmusik und bahnte sich einen Weg durch meine verängstigten Gedanken.

»Ah, Wicked«, sagte Tyler.

Ich sah ihn fragend an, weil ich nicht genau wusste, was er meinte.

»Der Song.« Er deutete in Richtung des Gitarrenspielers, der vorm Eingang zur Subway saß und völlig in die Musik versunken schien. »Das ist eine Akustikversion von Defying Gravity aus Wicked.«

»Ach so.«

»Ich freu mich so drauf, das erste Musical hier zu sehen.«

Ich grinste. Tyler hatte schon immer ein Faible für Musik gehabt und war in der Highschool sogar in der Theatergruppe gewesen. Er hatte auch seine Gitarre mit nach New York gebracht, und ich freute mich schon drauf, wenn er mal wieder für mich spielte.

»Es ist wirklich schön«, sagte ich und betrachtete den blonden Mann eine Weile, bevor ich schließlich nickte. Ich war bereit.

Ich setzte den ersten Schritt auf die Stufe, hinunter in den U-Bahn-Schacht, der seit mittlerweile über hundert Jahren existierte und mit Sicherheit auch heute nicht einstürzen würde. Ich kam bis zur vierten Stufe, als Ty plötzlich meine Hand ergriff und mit dem Daumen sanft auf meine Handkante klopfte. Als er eben nach meiner Hand gegriffen hatte, hatte er meine Zweifel beruhigen wollen, nun half er mir, mit der Angst klarzukommen.

»Danke«, flüsterte ich so leise, dass ich mir unsicher war, ob Ty es über den Lärm der Stadt überhaupt hörte, doch er nickte. Dann stiegen wir die restlichen Stufen gemeinsam nach unten.

Ich ließ den Blick über die Lebensmittel- und Souvenirläden schweifen, die uns im New Yorker Untergrund willkommen hießen. Mein Herz klopfte immer noch zu schnell, und meine Handflächen schwitzten, doch es wirkte durch die vielen Läden und das rege Treiben weniger beengend, als ich erwartet hatte. So sehr unterschied es sich gar nicht von der Stadt da oben.

Die Luft war erfüllt von dem Geruch nach schalem Kaffee, jeder Menge Menschen und Dunst. Wir schoben uns durch die Massen in Richtung unseres Gleises, und ich musste mich dazu zwingen, mich nicht bei jeder Person zu entschuldigen, die ich aus Versehen anrempelte. Trotzdem fühlte es sich genau richtig an, hier zu sein.

»Ich liebe es«, meinte Ty. Ein leichtes Lächeln lag auf seinem Gesicht. »Beinahe so, als wäre man in einer eigenen kleinen Version der Stadt.«

»Das dachte ich auch gerade.«

Bei seinen Worten fiel mir ein Stein vom Herzen. Es war nicht so, dass ich mir Sorgen gemacht hatte, ob Tyler New York lieben würde. Was das anging, tickten wir ähnlich: Er liebte Partys, Trubel, Menschen und Events. Doch er hatte sich auf die Assistentenstelle in der Agentur in erster Linie beworben, damit sich unsere Wege nicht trennten. Dass er seinen gut bezahlten IT-Job in einer großen Softwarefirma aufgegeben hatte, hatte nicht nur mich verwundert. Vor allem, da er keine Sekunde gezögert und direkt beschlossen hatte, dass er mich in den Big Apple begleiten würde. Es war das erste Mal, dass ich ihn über Pläne, Phoenix zu verlassen, hatte reden hören. Mir war aufgefallen, dass das Feuer, das er anfangs versprüht hatte, sobald er von seinem vorherigen Job erzählte, irgendwann erloschen war. Ich hatte zunächst angenommen, dass sich einfach eine gewisse Routine eingestellt hatte, die selbst einer Frohnatur wie Tyler Ernüchterung brachte. Mittlerweile war ich mir nicht mehr sicher, ob das der einzige Grund war, aber da er Nachfragen stets abblockte und fast schon allergisch darauf reagierte, konnte ich nur Vermutungen anstellen. Ich hoffte von Herzen, dass der Tapetenwechsel genau das war, was er brauchte. Sorgen, dass er mit der neuen Stelle unterfordert sein könnte, machte ich mir dennoch.

Doch der Abschied von meiner Familie war bereits schwer genug gewesen. Dass ich mich nicht auch noch von dem wichtigsten Menschen in meinem Leben trennen musste, war ein Glück, über das ich nicht zu viel nachgrübeln sollte.

Etwas Hartes traf mich unsanft an der Schläfe.

»Autsch!«, rief ich gegen den Lärm der einfahrenden Subway an. Tyler stand mit erhobener Hand neben mir. »So viel zu charmant. Hast du mir gerade gegen den Kopf geschnippt?«

»Hab nur gesehen, dass deine Gedanken schon wieder kreisen, und dachte, ich lös die Spirale mal auf.«

Ich schaffte es nicht einmal, ihm einen bösen Blick zuzuwerfen. Ich war zu dankbar, dass er hier war. Bevor ich zum hundertsten Mal darüber nachdenken konnte, womit ich Tyler verdient hatte, hörte ich die Bahn rattern, und im nächsten Moment wehte sie mir die Untergrundluft durch die Haare und trieb mir den Großstadtgeruch in die Nase. Trotz der Angst, die mich bei den Menschenmassen in dem schmalen Wagen überkam, hoben sich wie automatisch meine Mundwinkel.

Ich war wirklich hier. Ich war in New York und würde heute meinen Job als Junior-PR-Managerin beginnen. Ich würde meinen Traum nicht länger nur träumen, sondern ihn leben. Zumindest, wenn ich die volle Subway überlebte.

»Na, komm«, sagte Tyler sanft. Er hielt mir seine Hand entgegen, ich ergriff sie, und die Wärme und der vertraute Druck spendeten mir genug Sicherheit, um ihm durch den Strom an Menschen in die Subway zu folgen.

Hoffentlich sah man auf der weißen Bluse keine Schweißflecken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch nervöser werden konnte als heute Morgen, aber mein Körper bewies mir gerade das Gegenteil.

»Du hast es geschafft«, sagte Ty, und ich sah den Stolz in seinen Augen, den ich nicht verdient hatte. Ich mochte die Subway überlebt haben, ja. Aber zum einen war ich nass geschwitzt, zum anderen stand ich nun panisch vor dem Fahrstuhl. Die Frau vor uns hatte bereits den Knopf gedrückt, und nun strahlte mir die sinkende Stockwerkzahl in hellem Blau entgegen. Noch sechs Etagen, die Türen würden aufgleiten, und wir würden hineingehen. Oh Gott.

»Ich nehm die Treppen«, stieß ich atemlos aus, als aus der Sechs bereits eine Drei geworden war, und wandte mich in Richtung Tür, die laut Schild zum Treppenhaus führte.

»In den zwanzigsten Stock?« Ty entgleisten die Gesichtszüge – nur für den Hauch einer Sekunde, aber ich sah es dennoch. »Okay«, sagte er dann.

»Du kannst fahren! Wir sehen uns oben.« Ich setzte ein Lächeln auf, das hoffentlich zuversichtlicher war, als ich mich fühlte. Wieso konnte ich das nicht? Ich war in New York. Arbeitete bei Greenwood & Steele. Hatte zwei Jahre Therapie hinter mir. Wieso konnte ich nicht einfach in diesen verdammten Aufzug steigen wie jeder andere Mensch? Tränen brannten in meinen Augen, die ich wütend wegblinzelte, als ich sah, wie die Türen des Fahrstuhls sich hinter der Frau schlossen. Ich war wohl doch nicht mehr als meine Angst.

»Wer zuerst oben ist.« Tyler schob sich an mir vorbei und stieß die Tür zum Treppenhaus auf.

»Was?«

»Was dachtest du denn? Dass ich dich allein gehen lasse und hinnehme, dass du einen besseren Hintern kriegst als ich?« Ty stieß ein Schnauben aus und lief voraus.

»Warte!«, rief ich und schaffte es gerade noch ins Treppenhaus, bevor die Tür ins Schloss fiel.

Zwanzig Stockwerke später verfluchte ich meine Angst noch mehr als unten, denn nun war meine Bluse definitiv verschwitzt. Mit vor Nervosität feuchten Fingern kontrollierte ich, dass sie nicht aus dem hohen Bund meiner Hose gerutscht war. Nicht der erste Eindruck, den ich hatte hinterlassen wollen.

»Du kannst knicken, dass ich das im Sommer mache«, ächzte Ty und hielt sich die Seite.

»Ich dachte, du machst Kraftsport?«, fragte ich, ebenfalls um Luft ringend.

»Scheint mehr zu bringen als dein Yoga, wenn ich mir deinen Tomatenkopf so ansehe«, stichelte er zurück.

»Oh Gott, sieht es schlimm aus?«

Ich sah in Richtung der silbern glänzenden Fahrstuhltüren, vor denen wir zum Halt gekommen waren, doch bevor ich mein Spiegelbild begutachten konnte, glitten sie mit einem sanften Ping auf, und eine schick gekleidete blonde Frau trat zu uns. Nicht leger-schick wie ich, sondern vielmehr, als wäre sie geradewegs einer Serie wie Gossip Girl entsprungen. Sie passte perfekt zu dem eleganten, in erdigen Farben gehaltenen Flur. Auf dieser Etage befand sich nur Greenwood & Steele. Ziemlich sicher also, dass es sich bei der Frau um eine unserer zukünftigen Kolleginnen handelte. Möglichst unauffällig sah ich an mir hinab. Hoffentlich würde ich mit dem Outfit nicht auffallen. Mir solche Gedanken darüber zu machen, sah mir gar nicht ähnlich, aber ich wollte heute allen beweisen, dass ich dazugehörte. Dass es kein Fehler war, mich einzustellen. Ich machte mir eine mentale Notiz, von meinem ersten Gehalt shoppen zu gehen – denn allzu viele schicke Sachen hatte ich nicht dabei, da sie bei der Lokalzeitung, bei der ich zuvor gearbeitet hatte, nur zu besonderen Anlässen nötig gewesen waren. Als ich wieder aufblickte, lächelte die Frau uns entgegen.

»Guten Morgen.«

»Guten Morgen«, erwiderten Ty und ich.

»Kann ich euch weiterhelfen?«

»Heute ist unser erster Tag. Wir haben uns nur noch kurz gesammelt«, sagte Tyler, ohne zu zögern. Ich beneidete ihn um seine Souveränität. Normalerweise war ich nicht auf den Mund gefallen, doch die Fahrt mit der Subway steckte mir nach wie vor in den Knochen.

»Oh, Tyler, richtig? Dann bist du wohl Shaelynn.« Sie sah von Ty zu mir. »Ihr wurdet im internen Newsletter schon angekündigt. Ich bin Hannah, freut mich sehr!«

»Freut mich auch!«, erwiderte ich.

»Kommt gern mit, dann bring ich euch direkt zu Olivia. Mit ihr habt ihr sicher schon Kontakt gehabt, oder?«

»Ja, sie war auch beim Bewerbungsgespräch dabei«, entgegnete ich mit einem Nicken und folgte Hannah nach rechts – bis zu der gläsernen Tür, auf der in filigranen goldenen Lettern »Greenwood & Steele« stand. Sie hielt ihren Transponder an das Feld neben der Tür, bis diese ein leises Klicken von sich gab. Dann zog sie an der Türklinke und ließ uns zuerst eintreten. »So einen bekommt ihr auch noch. Olivia zeigt euch gleich alles, aber bei Fragen könnt ihr jeden hier ansprechen. Ich sitze in dem Büro neben der Kaffeeküche bei den Grafikern und Grafikerinnen.«

Gemeinsam mit Tyler trat ich ins Innere, und wir folgten Hannah durch das längliche Foyer. Mein Blick huschte von links nach rechts, um möglichst viel aufzunehmen. An den Wänden hingen gerahmte Bilder der verschiedenen Influencer und Influencerinnen, die die Agentur vertrat. Auch einige Celebrities, die man aus Filmen oder von den Laufstegen kannte, waren darunter. Kaum zu glauben, dass ich bald mit ihnen würde arbeiten dürfen, ihnen helfen durfte, ihre Visionen und Geschichten zu erzählen. Mein Blick streifte ein mir bekanntes Gesicht, und ich schluckte gegen den Kloß an, der sich plötzlich in meinem Hals gebildet hatte. Jeffrey Steele. Erst als ich Tylers Hand sanft an meinem Rücken spürte, merkte ich, dass ich stehen geblieben war.

»Er wäre so stolz auf dich«, flüsterte Ty, und ich nickte. Das wäre er. Er hatte mich stets ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen – so wie er es selbst getan hatte, als er mit siebenundzwanzig mit seinem Studienfreund die Agentur gegründet hatte.

Ich lächelte meinem Onkel zu, straffte die Schultern, als hätte das Foto mir neues Selbstbewusstsein gegeben, und legte einen Zahn zu, um zu Hannah aufzuschließen. Diese hatte an einer länglichen Theke angehalten, die einer Rezeption glich.

»Hey, Liv. Ich hab dir jemanden mitgebracht.«

Olivia sah von ihrem Bildschirm auf und schob sich die Brille auf der Nase zurecht, bevor sie aufstand und erst mir, dann Tyler die Hand reichte.

»Herzlich willkommen«, sagte sie mit angenehm warmer Stimme. »Schön, dich wiederzusehen, Shae. Und schön, dich mal in echt zu treffen, Tyler.«

»Freut mich«, gab Ty zurück und schüttelte Olivias ausgestreckte Hand.

»Ich gebe euch beiden erst einmal eine kleine Tour, damit ihr alles findet, und liefere euch dann anschließend bei Ariana beziehungsweise bei Owen ab. Solltet ihr im Laufe des Tages Fragen haben, kommt einfach zu mir.«

Wir antworteten beide mit einem Nicken, verabschiedeten uns von Hannah und folgten dann Olivia. Ich fühlte mich ein wenig in die Schule zurückversetzt – auf jeden Fall kam ich mir ähnlich jung vor, und das Büro machte den gleichen frischen, aufregenden Eindruck auf mich. Es versprühte mit jedem Quadratmeter ein Gefühl von Neuanfang.

Eine halbe Stunde später schwirrte mir der Kopf, und ich war mehr als dankbar, mich schon vorab mit den Namen vertraut gemacht zu haben, da Olivia uns nicht nur die Kaffee-Ecke, sondern auch einen großen Teil der achtzig Mitarbeitenden vorgestellt hatte. Das Büro erstreckte sich über zwei Stockwerke, was mir bei meinem ersten Besuch überhaupt nicht aufgefallen war. Vermutlich war ich viel zu nervös gewesen, um die Wendeltreppe im hinteren Teil des Großraumbüros zu registrieren.

»Macht euch keine Sorgen – ich hab eine ganze Weile gebraucht, mir all das zu merken. Es reicht vollkommen, wenn ihr am Anfang euer Team und eure wichtigsten Kunden und Kundinnen kennt.« Olivia schenkte uns ein aufmunterndes Lächeln, das Tyler sofort erwiderte, während es in meinem Bauch vor Nervosität und Vorfreude kribbelte. Ich hatte jedoch keine Zeit, mich der Aufregung hinzugeben, da Olivia im nächsten Moment vor einer Reihe von durch Glasfronten abgetrennten Räumen zum Stehen kam.

»Und hier endet meine kleine Tour. Tyler, Owen erwartet dich schon. Er wird dir deinen Aufgabenbereich erklären, und ich habe euch für heute Mittag einen Tisch im Chef’s Choice reserviert.«

Während Tyler freundlich, aber relativ unbeeindruckt nickte, hatte ich Mühe, meine Mimik unter Kontrolle zu halten. Ich war nicht einmal von hier, doch selbst ich hatte vom Chef’s Choice gehört und wusste, wie schwer es war, dort einen Tisch zu bekommen. Ob Tyler realisierte, was für ein Glück er hatte? Und ob es unverschämt wäre, wenn er das Essen für mich fotografierte? Vermutlich.

Olivia klopfte zweimal an Owens Tür, und ich trat respektvoll einen Schritt zur Seite, damit sie Tyler reinbringen und vorstellen konnte – nicht jedoch, ohne einen Blick auf den Chef und das Gesicht von Greenwood & Steele zu werfen. Zwar sah ich es täglich auf der Fotografie am Spiegel und auf Social Media, doch es war Jahre her, dass ich ihn in echt getroffen hatte. Owen war eine Legende in der Branche. Durch den Türspalt sah ich ihn an seinem Schreibtisch sitzen. Er war komplett in Schwarz gekleidet, sein Jackett trug jedoch goldene Akzente, die sich in dem Stecker in seinem Ohr wiederfanden. Obwohl er nichts tat, außer Olivia und Tyler zuzulächeln, strahlte er eine Autorität aus, um die ich ihn beneidete. Tyler blickte noch über die Schulter und zwinkerte mir zu. Keine Minute später kam Olivia wieder zu mir heraus und schloss die Tür hinter sich.

»Und nun zu dir«, sagte sie, immer noch lächelnd, während die Aufregung schon wieder seltsame Dinge mit meinem Bauch anstellte. Ich wirkte bestimmt total verkrampft, dabei war ich eigentlich viel entspannter. Hoffentlich bekam sie keinen blöden Eindruck von mir. »Ariana hast du beim Vorstellungsgespräch ja leider nicht kennengelernt, da sie auf Dienstreise war. Sie ist deine direkte Ansprechpartnerin und unsere PR-Managerin. Außerdem ist sie fürs Networking und diverse Events zuständig und vertritt einige unserer Künstler und Künstlerinnen, von denen du jedoch nach deiner Einarbeitung ein paar übernehmen wirst. In gewisser Weise hast du ihre alte Position inne – sie wurde erst vor Kurzem befördert.«

Ich nickte, als hätte ich mir das nicht bereits online zusammengesucht. Arianas Lebensweg war beeindruckend. Sie hatte zuvor als Junior-PR-Managerin für Greenwood & Steele gearbeitet und Ende letzten Jahres mit einer nachhaltigen Weihnachtskampagne, an der Aktivisten und Aktivistinnen sowie Malende beteiligt waren, den Impact Award gewonnen – einen der begehrtesten Marketing Awards. Als Junior. Kein Wunder also, dass sie so schnell befördert und ihr Posten frei wurde. Ich hatte große Fußstapfen zu füllen. Und ich konnte nur hoffen, dass ich der Sache gewachsen war.

Olivia machte vor einem weiteren Büro halt. Die Tür war bereits geöffnet, und Ariana blickte mit einem leichten Lächeln vom Bildschirm ihres iMacs auf. Ich räusperte mich und betrat hinter Olivia das Büro.

»Hey, Ariana! Wir sind mit dem Rundgang fertig. Stephen sucht gerade noch ein längeres Display-Kabel, und dann ist auch Shaes Arbeitsplatz so weit.«

»Danke, Liv«, sagte Ariana, stand auf und umrundete den Tisch. »Es freut mich sehr, dich kennenzulernen, Shaelynn. Tut mir leid, dass ich bei dem Vorstellungsgespräch nicht dabei war. Dein Anschreiben und die Arbeitsproben haben mich wirklich beeindruckt.« Sie hatte rotblonde Haare und graublaue Augen, die das Lächeln nicht ganz erreichte. Es ließ sie nicht unsympathisch wirken, vielmehr wie eine Frau, die genau wusste, was sie wollte, und mit der man sich am besten nicht anlegte. Etwas, das ich bewunderte und gern für mich übernehmen würde – das jedoch auch dafür sorgte, dass meine Kehle trocken wurde.

»Oh, danke. Ich bin Shae«, stellte ich mich unnötigerweise vor.

»Hast du dich schon ein bisschen in New York eingelebt? Du kommst aus Phoenix, richtig?«

»Ja, genau. Es geht, unser Apartment ist noch voller Kartons, und ohne Google Maps wäre ich nach wie vor aufgeschmissen.«

»Glaub mir, das ändert sich nie wirklich. Ich finde zur Arbeit und zu meinen liebsten Restaurants, aber sobald ich in ein anderes Viertel muss …« Ariana machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich vermeide es bis heute, Touristen den Weg zu zeigen, aus Angst, sie in die falsche Richtung zu schicken.«

Ich erwiderte Arianas Lächeln und merkte, wie ich mich langsam entspannte. Sie mochte auf den ersten Blick einschüchternd wirken, schien aber nichtsdestotrotz in Ordnung zu sein.

»Wollen wir uns direkt deinen Aufgaben widmen?«

Ich nickte, ohne zu zögern, und nahm Ariana gegenüber Platz.

Sie griff einen weißen Ordner vom Rand ihres Schreibtischs und legte ihn zwischen uns.

»Gerade ist die Hölle los, weil ein großes Event bevorsteht, und natürlich fällt allen last minute noch etwas Wichtiges ein. Du kommst also wie gerufen.« Ariana zog die Mundwinkel nach oben, und dieses Mal erreichte das Lächeln ihre Augen und brachte das Blau zum Funkeln. Das Event lag ihr offensichtlich am Herzen. Neben ihrer Tastatur leuchtete Arianas Handydisplay auf, doch sie drehte das Smartphone einfach um und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Wir veranstalten jedes Jahr eine große Benefizgala zu Ehren von Jeffrey Steele – dem Mitbegründer von Greenwood & Steele. Er ist dir sicher ein Begriff, vielleicht ja auch die Gala selbst?«

Ich nickte. Jeffreys Namen zu hören, versetzte mir immer noch einen Stich, gleichzeitig war ich erleichtert, dass sie nicht wusste, dass wir verwandt waren. Auch die Gala kannte ich natürlich. Sie wurde seit Jeffreys erstem Todestag jährlich veranstaltet, und die Spenden für wohltätige Zwecke stiegen stetig. Gewöhnlich saugte ich Artikel in Magazinen darüber auf, las Website-Posts, die ich dazu fand. Ob ich dieses Jahr selbst dabei sein durfte? Mein Herz schlug gleich noch ein Stück schneller.

»Ich hätte dich gern für das Event mit an Bord. Owen, den du sicher noch treffen wirst, hat mir dieses Mal die Planung überlassen, was eine enorme Ehre ist. Fakt ist aber auch, dass das Event mittlerweile so groß ist, dass es unmöglich allein zu planen ist. Vor allem, da ich gern noch mehr mediale Aufmerksamkeit und damit potenzielle Sponsoren erreichen würde. Und da kommst du ins Spiel.«

Sie öffnete den Ordner und drehte ihn so zu mir herum, dass ich seinen Inhalt lesen konnte. Ich schluckte schwer. Sie wollte mich tatsächlich bei dem Event zu Ehren Jeffs dabeihaben. Mehr noch: Ich durfte helfen, es zu organisieren. An meinem ersten Tag. Einerseits fühlte ich mich geschmeichelt, dass sie mir das zutraute, andererseits sorgte es dafür, dass mein Herz mir nun beinahe aus der Brust sprang.

Ich setzte mich auf meine Hände, damit ich nicht weiter nervös meine Finger kneten konnte, und blickte von Ariana zur ersten Seite des Ordners.

»Für gewöhnlich war die Gala nur unseren Klienten und Klientinnen vorbehalten. Natürlich waren auch Presse und ein paar Firmen eingeladen, aber im Grunde war es eine eher kleinere, geschlossene Veranstaltung, wenig Buzz in den sozialen Medien. Das würde ich dieses Jahr gern auflockern und auch Influencer und Influencerinnen einladen, die wir noch nicht vertreten, die aber positiv aufgefallen sind. Der Networking-Gedanke soll stärker im Fokus stehen, um uns nicht nur als Management, sondern als Plattform zu etablieren. Du kannst in unserer Datenbank einsehen, mit wem wir schon kollaboriert haben, und ihnen Einladungen schicken. Was die neuen Gesichter angeht, hab ich hier …« Sie blätterte ein paar Seiten weiter und tippte mit einem perfekt manikürten Nagel auf den Ordner. »… eine Liste an Kriterien zusammengestellt, die du bei der Auswahl beachten solltest.«

Ich überflog die Liste. Die Gäste sollten keine rassistischen, sexistischen oder queerfeindlichen Äußerungen getätigt haben. Das war logisch. Sie sollten über eine gewisse Reichweite verfügen. Auch nachvollziehbar. Doch die Liste war erstaunlich lang und erstreckte sich sogar bis auf die nächste Seite. Dennoch setzte ich einen zuversichtlichen Gesichtsausdruck auf und nickte. »Alles klar.«

»Sehr gut! Melde dich gern, solltest du Fragen haben. Das ist tatsächlich erst mal das Dringendste. Danach stehen noch ein paar Dinge wie Catering und Dekoration an – denn gerade beim Essen und bei den Getränken müssen wir aufstocken. Generell mussten wir kurzfristig die Location wechseln, da natürlich mit viel mehr Gästen zu rechnen ist, aber, und das darf noch nicht nach außen dringen: Wir können ins Metropolitan Museum of Art!« Für einen kurzen Moment verpuffte Arianas professionelle Fassade, und ihre Augen funkelten aufgeregt. Kein Wunder! Ich kannte das MET bislang nur aus Serien und Filmen.

Ariana straffte die Schultern und wurde wieder ernster. »Es tut mir leid, dass ich dich direkt mit so vielen Aufgaben überhäufe. Du erhältst natürlich noch ein anständiges Onboarding, also eine Einarbeitung, und es ist gar kein Problem, wenn du den Tag erst einmal nutzt, um dich mit allem vertraut zu machen. Normalerweise planen wir viel frühzeitiger, ich konnte Owen die Idee aber leider erst letzte Woche pitchen, dadurch ist alles in Verzögerung geraten.«

»Das ist gar kein Thema, ich schaffe das.« Trotz des nervösen Kribbelns in meinem Bauch klappte ich den Ordner zu und schenkte Ariana ein Lächeln. »Dann mache ich mich direkt mal an die Arbeit und suche potenzielle Gäste raus. Klingt ja, als wäre es besser, nicht zu viel Zeit zu verlieren. Wann genau findet das Event statt?«

»In zwei Wochen.« Zum ersten Mal, seitdem ich das Büro betreten hatte, schien Ariana unsicher. Zumindest, wenn ich das schnelle Blinzeln und die verkrampften Finger korrekt deutete. »Es ist mein erstes Event«, fügte sie zur Erklärung hinzu. »Wir haben das sonst oft ausgelagert, aber langfristig fände ich es gut, wenn wir mehr Events inhouse organisieren. Und allgemein mehr in die Richtung machen. Das eignet sich auch PR-seitig für Social total – aber das brauche ich dir ja nicht zu erklären.«

Sie strich sich die rotblonden Haare über die Schulter. »Aber gut, genug davon. Hast du irgendwelche Fragen?«

»Nein, gar nicht. Olivia hat mir alles Wichtige gezeigt, und wie du schon meintest …« Ich klopfte erneut auf den Ordner. »… die Zeit rennt, also sollten wir keine weitere verstreichen lassen, richtig?«

»Richtig«, erwiderte sie und verzog ihre Lippen zu einem leichten Lächeln.

Ich wollte Ariana beeindrucken, ihr zeigen, dass ihre Entscheidung, mich einzustellen, kein Fehler gewesen war. Aber genauso sehr wollte ich wirklich loslegen. Ich würde auswählen dürfen, welche Instagrammer und YouTuberinnen bei der Benefizgala über den roten Teppich liefen – das war wesentlich mehr Verantwortung, als ich mir für meinen Einstieg erträumt hatte.

Ich stand auf und folgte Ariana hinaus aus ihrem Büro und rechts den Flur hinunter, bis sie vor einem Tisch anhielt, der nicht in ihrem direkten Blickfeld lag, aber nah genug war, dass ich nicht weit laufen müsste, sollte ich sie erreichen wollen.

»Das hier ist dein Platz.«

Ariana drückte auf den äußeren Rand der Tischplatte, und kurz darauf fuhr diese nach oben. »Du kannst ihn hier in der Höhe verstellen, falls du mal im Stehen arbeiten magst. Ansonsten müsste alles passen. Solltest du ein ergonomisches Mousepad oder so wollen, gib Tony einfach Bescheid. Er arbeitet in der IT und organisiert die Technik.«

Ich biss mir auf die Lippe, damit mein Lächeln nicht noch breiter wurde. Ich hatte einen höhenverstellbaren Tisch? Als Junior? Auf meiner alten Arbeit glich es einem Wunder, eine Bluetooth-Maus zu erhalten. Mein Blick wanderte vom Tisch, den Ariana gerade wieder in die Ausgangsposition brachte, über die technische Ausstattung. Mir war klar gewesen, dass Greenwood & Steele ein anderes Kaliber sein würde als All of Phoenix, die Zeitung, für die ich zuvor gearbeitet hatte, aber das? Das war der Wahnsinn.

»Wenn sonst etwas ist oder du eine Frage zu den Aufgaben hast: Meine Tür ist die meiste Zeit geöffnet, komm einfach rein, wenn du etwas benötigst.«

»Danke, das mach ich.«

Ariana lächelte mir noch einmal zu und lief dann schnellen Schrittes zurück in ihr Büro. Ich ließ mich auf den schwarzen Bürostuhl fallen, legte den Ordner ab und glitt mit den Handflächen bedächtig über das helle Holz der Tischplatte. Ab heute lebte ich wirklich meinen Traum. Und das Beste daran? Ich würde nicht aufwachen müssen.

2

Evie

Montag, 08. April

Jede Reise ins Unbekannte ist ein Abenteuer … Warum mir gerade jetzt dieses Zitat aus dem Kleinen Lord durch den Kopf ging, wusste ich nicht. Oder war es aus dem Kleinen Prinzen? Wie auch immer, ich fühlte mich definitiv wie in einem Abenteuer. Einem großen, schillernden, bunten, lebensfrohen und sehr lauten Abenteuer. Der Big Apple und ich hatten endlich zusammengefunden. Der Ort, nach dem ich mich sehnte, seit ich ein Kind war. Für mich war New York immer so unerreichbar gewesen wie das Zauberland Oz … und nun war ich wirklich hier. Zwar war ich nicht mit einem magischen Wirbelsturm angereist, sondern ganz banal mit dem Transatlantikflug von Frankfurt nach New York, aber es hatte ein paar heftige Turbulenzen kurz vor der Landung gegeben.

»Passt das so?«, durchbrach eine weibliche Stimme meine Gedanken. Ich zuckte zusammen und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf meine Arbeit.

»Ja, sehr gut«, sagte ich. »Jetzt dreh den Kopf in die andere Richtung, Dawn.« Ich deutete mit der Hand nach links, während ich halb über meine Kamera gebeugt hing und Dawn zusah, wie sie meine Anweisung umsetzte. Mit ihr zu arbeiten, war eine reine Freude. Sie war nicht nur fotogen mit ihren eins achtzig, den langen braunen Haaren, den wunderschönen dunklen Augen und ihrem ausdrucksstarken Gesicht, sie setzte auch sofort meine Anweisungen um. Dawn zählte nicht unbedingt zu diesen klassischen Schönheiten, die Kosmetikfirmen gern für ihre Produkte casteten. Die mit der perfekten Haut, den perfekten Zähnen, den perfekten Proportionen. Dawns Nase war ein wenig nach links gebogen, sie hatte zwei unterschiedlich große Augen, einen leicht schrägen Mund und wunderschöne Kurven, die sie durch das Raster der Schönheitsindustrie fallen ließen. Das alles störte aber überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Dawn war sich ihrer selbst sehr bewusst, hielt ihre Schultern entspannt und präsentierte ihren etwas runderen Körper mit einer Selbstverständlichkeit, um die ich sie glatt beneidete. Zum Glück bestand mein Job daraus, hinter der Kamera zu stehen und nicht davor. Ich würde mich nie im Leben so zeigen können, auch wenn ich mich eigentlich nicht verstecken musste.

»Perfekt«, sagte ich und drückte ein paarmal ab. Meine Nikon ratterte im Serienmodus runter und schoss ein Foto nach dem anderen von ihr. Wir hatten uns Brooklyn als Kulisse ausgesucht. Wie gefühlt tausend Leute vor uns waren wir in Dumbo in der Washington Street, genau an der Ecke, wo man durch die Häuser auf die Manhattan Bridge blicken konnte. Eins der bekanntesten Fotomotive der Stadt. Wir hatten sogar anstehen müssen, weil eine Gruppe vor uns da gewesen war. Dawn posierte in der Mitte der Straße, hatte ein Bein angewinkelt, das andere gestreckt, sie drehte sich, wechselte die Haltung und präsentierte sich im perfekten Winkel zur Kamera. Man merkte ihr deutlich an, dass sie das nicht zum ersten Mal machte.

»Ich glaube, das war’s«, sagte ich und richtete mich auf. Ich nahm meine Display-Lupe, mit der ich auch in heller Umgebung die Fotos auf der Kamera gut sichten konnte, und sah rasch die Bilder durch. Dawn ließ die Arme sinken, strich über ihr Kleid und kam zu mir. Der Duft nach Zitrone und Kokos stieg mir in die Nase. Ich reichte Dawn die Lupe, damit sie selbst aufs Display schauen konnte. Sie nahm sie dankend an und checkte die Bilder, die ich in den letzten zwanzig Minuten von ihr gemacht hatte.

»Wow!«, sagte sie. »Du bist unglaublich.«

»Liegt eher am Model, aber danke.«

»Schon die Bilder heute Morgen im Café, jetzt die hier … Mein Kanal wird erst mal prall gefüllt sein für die nächste Zeit. Danke, dass du das für mich machst.«

»Ich bitte dich! Ich bin diejenige, die dir danken sollte.« Dawn hatte auf Instagram über fünfhunderttausend Follower. Sie war in diesem Jahr mächtig gewachsen, was sie vor allen Dingen ihrer starken Botschaft zu verdanken hatte. Sie predigte Body Positivity, zeigte unbeschwert ihre Cellulite oder ihre Dehnungsstreifen und hatte keine Scheu davor, auf all die Punkte an ihrem Körper hinzuweisen, die nicht der Schönheitsnorm entsprachen. Dawn war ein schillerndes Beispiel dafür, was die Leute heutzutage sehen wollten. Nicht mehr die perfekten Körper und Menschen, sondern Ecken und Kanten, so wie wir sie alle haben.

Wenn sie meine Bilder auf ihrem Kanal zeigen würde, würde das auch mir einen ordentlichen Push geben – über den ich mich natürlich sehr freute. Mein Kanal war mit dreißigtausend Followern nicht der kleinste, aber wenn ich mir meine Kollegen und Kolleginnen so anschaute, die teilweise ab achtzigtausend aufwärts hatten, war noch viel Luft nach oben. Außerdem würde ich alles drum geben, diesen kleinen blauen Haken zu erhalten und so von Instagram endlich als echte Person angesehen zu werden.

»Wollen wir weiter zum Park an der Brooklyn Bridge?«, fragte ich. Das würden wir noch schaffen, dann musste ich langsam zurück zu Greenwood & Steele. Ariana und ich hatten eine Besprechung für die Gala zu Ehren von Mr. Steele, für die ich eigentlich gebucht war. Die Gala war zwar erst in zwei Wochen, aber wir steckten schon mitten in den Vorbereitungen. Das Shooting mit Dawn war lediglich ein kleiner Bonus gewesen, weil sie ebenfalls auf die Gala eingeladen war und noch Bilder für ihren Kanal gebraucht hatte. Ariana hatte mich gestern Abend angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, mit Dawn loszuziehen und das zu erledigen. Ich hatte die halbe Nacht vor Aufregung nicht schlafen können.

»Unbedingt«, sagte Dawn. »Ich hätte gern noch Bilder mit dem Hosenanzug.«

»Kein Problem. Wir gehen rasch in das Einkaufszentrum da vorne.« Ich zeigte nach links auf eine Shoppingmall. Dawn hob ihre Reisetasche vom Boden auf, in die sie ihre Wechseloutfits gepackt hatte, und ich schraubte die Kamera vom Stativ. Während wir alles zusammenpackten, überlegte ich bereits, welche Motive ich im Park einfangen konnte. Wir hatten noch knapp eine Stunde Zeit, das sollte eigentlich ausreichen.

Während wir gingen, nahm Dawn ihr Handy, rief Instagram auf und startete eine Story. Sie redete routiniert und fröhlich, bezog die Umgebung und auch mich mit ein. Ich winkte brav in die Kamera und erinnerte mich daran, dass ich das Gleiche nachher auch noch machen sollte. Nicht nur weil ich meine Follower up to date halten wollte, meine beste Freundin Christin saß bestimmt ebenfalls zu Hause am Frühstückstisch und aktualisierte minütlich den Feed. Sie war ein großer Fan von Dawn und wäre fast durch den Hörer gesprungen, als ich ihr gestern Abend noch via Facetime von dem Shooting erzählt hatte.

»Du erlebst die aufregendsten Dinge dort drüben, während ich mich gerade mit Quartalsberichten und der Betriebsversammlung rumplagen darf«, hatte sie gesagt. »Ich bin hart neidisch auf dich.«

Christin arbeitete als Vorstandsassistentin in einer großen Baufirma. Wir hatten uns vor sieben Jahren in der Berufsschule kennengelernt und uns sofort verstanden. Als wir unsere erste Prüfung geschafft hatten, waren wir erst mal gemeinsam feiern gegangen und irgendwann sternhagelvoll durch die Straßen Kölns getanzt. Am nächsten Morgen waren wir auf ihrem Badezimmerboden aufgewacht und hatten den Überblick verloren, wer wem die Haare aus dem Gesicht gehalten hatte. Ab da waren wir unzertrennlich. Christin hatte ich auch zu verdanken, dass ich überhaupt hier war.

Was als dumme Wette bei einem Kölsch angefangen hatte, hatte sich zu einer meiner größten Chancen entwickelt. Ich hatte im nicht mehr ganz nüchternen Zustand Greenwood & Steele einfach mein Portfolio geschickt, dabei viel zu dick aufgetragen und damit geprahlt, dass ich in Deutschland eine freischaffende Fotografin sei, die unter anderem für Adobe arbeitete und viele große Events begleitet hätte. Das mit dem Fotografieren stimmte zwar, aber Adobe nutzte ich wie jeder andere im Abo, das ich selbst bezahlte, und die Events waren Konzerte gewesen, auf denen ich mit Christin gewesen war und die ich einfach für mich fotografiert hatte.

»Das glauben die mir nie«, hatte ich zu Christin gesagt. »Außerdem will ich nicht lügen.«

»Du lügst nicht, du bauschst nur die Wahrheit ein wenig auf. Das machen doch alle!«

Das machen doch alle …

Irgendwas an meinen Bildern hatte Greenwood & Steele angesprochen, und so bekam ich, ein paar Wochen, nachdem ich mich beworben hatte, einen Anruf aus New York. Ich wollte ihn erst wegdrücken, weil ich dachte, es wäre ein Spam-Anruf. Zum Glück hatte ich das nicht getan, sonst stünde ich jetzt nicht hier. Wie ich im Nachhinein erfahren hatte, war Ariana die Fotografin, die sie ursprünglich für die Gala gebucht hatte, kurzfristig abgesprungen, und weil sie auch gern neuen Leuten eine Chance gaben und ihnen meine Bilder gefallen hatten, hatten sie mich gebucht. Es war vollkommen verrückt.

Dieser Auftrag war eigentlich viel zu groß für mich, aber dann war da diese Sache mit dem Unbekannten und dem Abenteuer und so.

Ich blickte mich um und atmete die New Yorker Luft ein. Es roch ein wenig nach Wasser und Salz, weil wir so nahe am Meer waren. Über dem East River kreisten ein paar Möwen und begleiteten ein Schiff, das gerade nach Norden tuckerte. In Brooklyn war zwar nicht so viel los wie in Manhattan, aber man spürte trotzdem den Puls der Stadt. Ich hatte das Gefühl, als würde sie vor Vitalität und Möglichkeiten nur so strotzen.

Dawn und ich machten einen kurzen Halt an der Shoppingmall. Während sie sich auf einer der Toiletten umzog, ging ich zum Coffee-to-go-Stand und orderte zwei Latte mit Kokosmilch für uns. Von Dawns Kanal wusste ich, dass sie Veganerin war, und ich entwickelte auch langsam eine Vorliebe für die Kokosvariante. Der Barista bereitete unsere Getränke zu, und ich nahm mein Handy heraus und checkte das erste Mal am heutigen Tag meine Nachrichten.

Die erste war von Christin, die mich ermahnte, ihr mehr Bilder und Eindrücke vom Big Apple zu schicken, die andere war von meinem Bruder, der mir ebenfalls viel Spaß wünschte, und die letzte von meiner Mutter. Ich presste die Lippen zusammen, denn ich konnte mir sehr gut vorstellen, was darin stand. Meine Eltern waren nicht begeistert davon, dass ich nach Amerika gereist war. Sie waren der Meinung, dass es die Verantwortung meines Bruders und mir war, in der Firma zu helfen, die sie gemeinsam gegründet hatten. Während mein Bruder sich seinem Schicksal fügte, fand ich es einfach nur ätzend, in einem Steuerbüro zu sitzen und Einkünfte anderer Leute so herumzujonglieren, dass sie möglichst wenig an den Staat zahlen mussten. Mir hatte es bereits alles abverlangt, diese Lehre als Bürokauffrau zu absolvieren – weil man ja was Anständiges brauchte, um später abgesichert zu sein. Meine Eltern taten meine Kunst als Spinnerei ab, die sowieso niemand sehen wollte. Und ja, es würde noch ein harter Kampf werden, bis ich wirklich in der Branche Fuß gefasst hatte, aber dazu musste ich mich ausprobieren und herausfinden, was klappte und was nicht.

Diese Reise in den Big Apple war genau das Richtige dafür. Bedauerlicherweise hatte sie aber auch meine Ersparnisse aufgefressen. Wenn das hier nichts wurde, musste ich wohl wirklich an einen Schreibtisch in der elterlichen Firma. Mein Magen krampfte, und in mir zog sich alles zusammen. Ich wischte die Nachricht meiner Mutter ungelesen weg. Der Tag war zu wichtig, um ihn mit diesem Mist zu belasten.

»Also heute erreiche ich definitiv mein Fitnessziel«, sagte Dawn, als sie zehn Minuten später wieder neben mir auftauchte. Sie hatte das Blumenkleid gegen einen dunklen, einteiligen Hosenanzug getauscht. Er war an der Taille etwas enger geschnitten, was ihr eine sehr schöne Form verlieh.

»Ja, mein Schrittekonto wächst in dieser Stadt ins Unermessliche«, sagte ich und dankte dem Barista für die beiden Kaffee. Ich gab Dawn ihr Getränk und zückte meine Kreditkarte, um zu zahlen. Als ich in New York angekommen war, hatte es mich ziemlich irritiert, dass man, selbst um so etwas Kleines wie einen Kaffee oder ein Wasser zu bezahlen, dieses Plastikding brauchte. Viele Restaurants oder Imbissbuden nahmen gar kein Bargeld mehr an. Zum Glück hatte ich dran gedacht und meine Karte eingesteckt, die in meinem Kölner Alltag in meiner Geldbörse vor sich hin dümpelte.

Der Barista zog die Karte durch, aber das Lesegerät gab ein leises Piepen von sich.

»Alles in Ordnung?«, fragte ich.

»Ja, manchmal spinnt das Gerät«, sagte er und probierte es erneut, nachdem er den Magnetstreifen mit den Fingern abgewischt hatte. Selbes Ergebnis. Die Karte wurde wieder nicht akzeptiert. »Mh«, machte er und testete es ein drittes und ein viertes Mal. »Hast du noch eine andere Karte?«, fragte er.

»Nein.«

Er versuchte es auch ein fünftes Mal, doch das änderte nichts. Die Karte wurde abgelehnt.

»Scheint gesperrt zu sein«, sagte er schließlich und reichte sie mir zurück.

»Das kann aber nicht sein.« Ich bewegte mich zwar hart an der Grenze zu meinem Dispo, aber mein Konto war definitiv noch nicht überzogen. Das hatte ich erst gecheckt.

»Ich kann es noch mal versuchen, wenn du willst.«

»Oder ich übernehm das einfach«, sagte Dawn und hielt ihm ihr iPhone hin, damit sie mit Apple Pay zahlen konnte.

»Aber ich wollte dich einladen«, protestierte ich.

»Kein Ding. Beim nächsten Mal dann.«

Ihre Zahlung wurde problemlos akzeptiert, und ich hätte am liebsten eine Schaufel genommen und mich eingebuddelt. Wie peinlich konnte man eigentlich sein? »Das ist mir noch nie passiert.«

»Oh, mir schon«, sagte Dawn und winkte ab. »Als ich noch daheim gewohnt habe, hat meine Schwester mal meine Kreditkarte überzogen, um Taylor-Swift-Karten zu kaufen. Natürlich hatte sie mir das nicht gesagt. Beim nächsten Einkauf im Supermarkt stand ich dann da, und nichts ging. Alle Ware war bereits über das Band gezogen, es war rappelvoll, und ich habe nicht zahlen können. Sie mussten erst mal die Kasse sperren und alles stornieren. Es war Thanksgiving, du kannst dir vorstellen, wie begeistert die Leute im Supermarkt waren.«

»Autsch.«

Sie reichte mir mit einem breiten Lächeln mein Getränk. »Ist jetzt gar nicht mehr so schlimm mit dem Kaffee, oder?«

»Nein.« Doch, das war es, aber ich wollte auch nicht drauf rumreiten. Ich packte meine Kreditkarte wieder ein und nahm mir vor, gleich heute Abend das Konto zu checken, wenn ich im Hotel war.

Dawn und ich verließen die Mall und setzten unseren Weg zur Brooklyn Bridge fort. Das Licht war zwar mittlerweile etwas zu hart geworden, aber daran konnten wir nichts ändern.

»Ich freu mich echt sehr auf die Gala«, sagte Dawn.

»Ich mich auch.« Gleichzeitig stieg mein Nervositätspegel mit jedem Tag an, den die Gala näher rückte. Ich hatte mir sogar noch eine Ersatzkamera gekauft, falls meine große Nikon aus irgendwelchen Gründen den Geist aufgeben sollte. »Warst du schon mal dort?«

»Nein, das ist das erste Mal, dass Greenwood & Steele die Gala öffnen. In den letzten Jahren haben sie nur enge Geschäftspartner eingeladen. So wie ich mitbekommen habe, soll es in diesem Jahr bunter und sozialer werden. Sie wollen wohl näher an die Menschen ran und mehr Aufmerksamkeit erhalten. Greenwood & Steele legen ja viel Wert auf Nachhaltigkeit und eine positive Message. Deshalb hab ich auch sofort zugesagt. Es passt perfekt zu mir und meinem Kanal.«

»Klingt aufregend.« Und ich wäre in der ersten Reihe dabei.

Wir erreichten die Brooklyn Bridge, wo gerade ein Reisebus mit Touristen angekommen war. Eine Horde Engländer stieg aus. Viele zückten bereits ihre Handys und schossen die ersten Selfies.

»Oh«, machte Dawn. »Die verderben uns jetzt hoffentlich nicht das Motiv?«

»Nein, kein Problem. Wir gehen weiter rüber, da haben wir unsere Ruhe.« Ich deutete auf die Stelle, an der ich Dawn fotografieren wollte. Wenn ich eins gelernt hatte, dann, dass man in jeder Situation improvisieren konnte. Meine besten Bilder waren auf diese Art entstanden.

Genau fünfzig Minuten später betrat ich den Wolkenkratzer, in dem sich die Büros von Greenwood & Steele befanden. Dawn hatte ich bereits in Brooklyn verabschiedet, weil sie in eine andere Richtung musste. Wir würden uns erst auf der Gala in vierzehn Tagen wiedersehen.

Im Aufzug auf dem Weg nach oben atmete ich tief durch. Meine Schulter schmerzte ein wenig, weil ich die ganze Zeit die schwere Kameratasche getragen hatte. Zum Glück war mir noch nichts geklaut worden. Das war auch eins der Dinge, die mir meine Mutter als Horrorszenario ausgemalt hatte.

»In New York wirst du bestimmt überfallen. Da treiben sich doch nur Kriminelle rum.«

Natürlich machte es mir ein wenig Angst, mit meinem fast zehntausend Euro teuren Equipment durch die Stadt zu laufen – aber was nützte es mir, ständig in Angst zu leben? Auf die Art konnte ich nichts erreichen.

Ich schüttelte den Kopf und massierte mir den Nacken, als auch schon die Aufzugtüren aufgingen. Ganz selbstverständlich bog ich nach rechts ab und betrat durch die gläsernen Eingangstüren die Agentur, als würde ich es jeden Tag so machen. Sofort überkam mich eine unglaubliche Ruhe und das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Es schien, als wäre alles, was ich bisher getan und gelernt hatte, nur da, um mich auf das hier vorzubereiten. Ich nickte Zoey, der Rezeptionistin zu, hielt meinen Besucherausweis hoch und durchquerte das Foyer.

Ich sah mich im Großraumbüro um und sog das bunte Treiben in mich auf. Jeder war mit irgendwas beschäftigt. Am Anfang hatte es mich ein wenig überfordert, weil ich von zu Hause gewöhnt war, dass jeder sein Büro hatte, das man sich höchstens mit einer anderen Person teilte, aber hier war einfach ein bunter Haufen zusammengewürfelt worden. Und es funktionierte. Genau wie die Stadt hatte auch dieses Büro seine eigene Dynamik. Es lebte und atmete, es strahlte diese unglaubliche Energie aus. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute gern hier arbeiteten und ein angenehmes Klima herrschte. War wohl auch kein Wunder, denn wer es zu Greenwood & Steele geschafft hatte, zählte zu den Besten. Diese Jobs waren heiß begehrt.

Und ich war ein kleiner Teil davon. Ich lief weiter, grüßte Liv, die mich gleich am ersten Tag sehr nett in Empfang genommen und mir alles gezeigt hatte. Zielstrebig ging ich auf Arianas Büro zu. Ich kam an einer jungen Frau vorbei, die gerade mit einem hoch konzentrierten Gesichtsausdruck hinter ihrem Computer saß und in einem wilden Stakkato auf die Tasten einschlug. Das musste die neue Managerin sein, von der Ariana mir erzählt hatte. Wie hieß sie gleich noch mal? Gott, ich war so schlecht mit Namen.

»Hi.« Ich blieb vor ihrem Tisch stehen. »Ich bin Evie.«

Die Frau blickte auf und zuckte zusammen. »Oh, hi! Ich bin Shae. Ist mein erster Tag heute.«

Shae! Richtig. Shaelynn Wright. »Freut mich sehr, dich kennenzulernen. Willkommen bei Greenwood & Steele.«

Sie sah zu meiner Fototasche. Ich strich mit der Hand darüber und lächelte.

»Ich bin auch noch nicht lange mit dabei. Bin als Fotografin für die Gala gebucht.«

Shae musterte mich kurz und schien zu überlegen, wie sie mich einordnen sollte. Den Blick war ich bereits gewöhnt. Sobald ich den Mund aufmachte und mein Akzent durchkam, überlegten die Leute, woher ich kam.

»Ich bin aus Deutschland. Aus Köln.«

Sie nickte, und ich sah ihr an, wie sich die Bausteine in ihrem Kopf zusammensetzten. »Wie aufregend. Ich war leider noch nie in Deutschland oder Europa, aber ich will unbedingt mal hin.«

»Es ist echt schön dort. Wobei ich New York tausendmal spannender finde.«

»Dein Englisch ist auch richtig gut.«

»Danke. Ich hab öfter mal Urlaub in England und Irland gemacht und dadurch einige englischsprachige Freunde.«

»Wenn du willst, können wir ja nachher gemeinsam zu Abend essen und ein paar Erfahrungen über die Stadt und die Agentur austauschen.«

»Sehr gern!«

»Cool. Ich sag meiner besseren Hälfte Ty Bescheid, dann können wir gemeinsam losziehen. Er hat heute auch seinen ersten Tag. Ty ist Owens neuer Assistent.«

»Was? Im Ernst?« Owen Greenwood war eine Legende in diesen Hallen. Schon als ich mich das erste Mal mit Ariana getroffen hatte, hatte ich gespürt, was für eine mächtige Aura der Mann in der Agentur hinterließ. Ich hatte ihn leider erst einmal kurz gesehen, als er in sein Büro gelaufen war, aber sobald er den Raum betrat, veränderte sich die Stimmung. Er strahlte diese unglaublich ruhige Autorität aus. Als wüsste er jedes Mal ganz genau, was zu tun war, als kenne er auf jedes Problem eine Antwort. Ich hoffte so sehr, dass ich noch die Chance bekäme, mich etwas länger mit ihm zu unterhalten. Er hatte bestimmt viele gute Ratschläge.

Zum Beispiel, wie ich es schaffen konnte, hier Fuß zu fassen. Als Ausländerin. In einer Stadt, in der Millionen von Menschen den gleichen Traum hatten. Ich blinzelte und rang mir ein Lächeln ab. Wenn ich zu viel darüber nachdachte, was auf dem Spiel stand, wurde ich nur verkrampft. »Ich muss weiter, hab gleich meinen Termin mit Ariana«, sagte ich.

»Ja klar. Ich muss mich auch ranhalten.« Sie deutete wieder auf den Ordner. »Ich soll Influencer und Influencerinnen aussuchen und zur Gala einladen.«

»Viel Spaß.« Ich nickte ihr zu und lief weiter zu Arianas Büro. Die Tür stand offen, ich klopfte dennoch an deren Rand und wartete auf das leise »Herein«. Mit ein wenig Nervosität im Bauch trat ich ein.

»Hi, Evie«, sagte Ariana sofort. Sie wirkte immer ein wenig angespannt, als wartete sie darauf, dass ihr jemand in den Nacken sprang und sie zu Boden riss. »Wie ich sehe, lief es ganz großartig mit Dawn.«

Ich runzelte die Stirn und nahm auf dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch Platz. Woher wusste sie das denn schon? Hatte Dawn ihr einen Bericht gegeben?

Ariana deutete lächelnd auf ihren Rechner. »Hab eben ihre Storys gesehen.«

»Oh, klar.« Es war ja schon alles im Netz. »Dawn war großartig.« Ich fasste das Shooting für Ariana zusammen und nahm schließlich meine Kamera aus der Tasche, um ihr ein paar Bilder zu zeigen. Mit angehaltenem Atem verfolgte ich, wie sie die Galerie auf der Kamera durchblätterte und meine unbearbeiteten Fotos ansah. Eigentlich machte ich das nicht so gern, weil man vor Ort nicht immer alles rausholen konnte, aber Ariana war Profi genug, um die Bilder beurteilen zu können.

»Die sind fantastisch geworden, Evie.« Sie reichte mir die Kamera zurück.

Ich atmete tief durch und nahm sie dankend entgegen.

»Kannst du mir die Fotos zukommen lassen? Ich will sie gern Owen zeigen und ein paar Dinge mit ihm besprechen.«

»Ja klar. Ich lade sie direkt von der Kamera auf eure Server, wenn ihr mir einen Zugang gebt.«

Ariana nickte. »Sprich am besten Tony an, er kann dir einen einrichten und dir einen Platz zeigen, wo du alles hochladen kannst.«

»Mach ich.«

»Da wäre allerdings noch eine Sache, die ich gern mit dir klären würde.«

Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her. Der Tonfall erinnerte mich an den meiner Mutter, wenn sie mir mitteilen wollte, was ich schon wieder falsch gemacht hatte. »Ja?«

»Sally aus der Buchhaltung hat mich angesprochen. Sie bat um eine Kopie deines Arbeitsvisums. Das braucht sie für die Unterlagen.«

»Mein … Arbeitsvisum?« Was für ein Arbeitsvisum? Meine Hände wurden schwitzig, und meine Kopfhaut begann, heftig zu kribbeln.

Ariana runzelte die Stirn und sah mich verwundert an. »Als Ausländerin benötigst du ein spezielles Visum, um in den USA Geld zu verdienen. Ich kenne mich mit den genauen Formalitäten nicht aus, aber sicher hast du das im Vorfeld geregelt.«

Was? Nein! Hatte ich nicht! Ich war auf einem gewöhnlichen Touristenvisum in die Stadt gekommen. Kein Mensch hatte mir gesagt, dass ich ein anderes benötigte.

»Ich … äh … also. Klar.« Ich lachte gequält und fasste mir an die Stirn, als wäre mir eben eingefallen, was Ariana meinte. »Natürlich hab ich das. Ich hab die Sachen in meinem Hotelzimmer.«

»Gut. Bring sie bei Gelegenheit mit, dann können wir die Formalitäten erledigen.«

»Mach ich.« Scheiße, scheiße, scheiße! Ich rang mir ein weiteres Lächeln ab, das ungefähr so echt wirkte wie das des Jokers.

»Und ich hätte noch einen Auftrag für dich, falls du darauf Lust hast.«

»Ja?«, antwortete ich zögerlich. Meine Gedanken kreisten noch um die Sache mit dem Visum.

»Für nächste Woche hat sich eine sehr spontane Sache ergeben, bei der ich eine Fotografin bräuchte. Es wird eine kleine Rooftop-Feier in Downtown. Könntest du das übernehmen? Du musst nur zwei Stunden dort sein und ein paar Impressionen einfangen. Deine Gage wäre ein Drittel von dem, was du für die Gala bekommst.«

»Natürlich!«, schoss es sofort aus mir raus. So laut, dass Ariana kurz zusammenzuckte. »Ich meine, klar. Ich freu mich. Solange ich hier bin, mach ich alles für euch. Also fast alles. Du … du weißt schon.«

Sie schmunzelte, und ich kam mir vor wie der größte Volltrottel.

»Gut, dann buch ich dich da ein und gebe Owen Bescheid.«

»Danke!« Am liebsten hätte ich über den Tisch gegriffen und ihre Hand gedrückt, aber zum Glück konnte ich mich zurückhalten. Ariana wirkte nicht wie der Typ Frau, der viel Körperkontakt zuließ. »Für alles. Auch für diese Chance.«

»Ja klar.« Ariana nickte mir zu, und unser Gespräch war beendet. Ich rang mir ein Lächeln ab, klammerte mich an meiner Kamera fest und hätte gern noch etwas gesagt. So was wie: Was mach ich jetzt wegen des Visums? Helft mir! Ich will hier arbeiten! Aber natürlich verkniff ich mir auch das. Ich nickte ihr zu, verließ das Büro und suchte Tony.

Zwanzig Minuten später luden meine Bilder auf den Server hoch, und ich stand in der Küche und zog mir einen Kaffee. Meine Nervosität hatte sich wieder ein wenig gelegt, aber dieses nagende Gefühl hatte sich in meinen Eingeweiden eingenistet. Als könnte gleich die Grenzpolizei auftauchen und mich in den nächsten Flieger nach Hause befördern. Machten die das überhaupt? Bestimmt. Dann würden sie mir Handschellen anlegen und mich in den Polizeiwagen verfrachten, wie man es in Filmen ständig sah. Ich war eine Kriminelle!

Ich schüttelte den Kopf, griff nach rechts, um mir den Zucker zu nehmen, als mich warme Finger berührten.

»Himmelherrgott!«, fluchte ich auf Deutsch. Hatte ich mich erschreckt!