Leticia Valle - Memoiren einer Elfjährigen - Rosa Chacel - E-Book

Leticia Valle - Memoiren einer Elfjährigen E-Book

Rosa Chacel

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Beschreibung

Anfang des 20. Jahrhunderts in Simancas, einem mittelalterlichen Städtchen und Hort des Königlichen Spanischen Generalarchivs: Hier lebt die elfjährige Leticia im Haus ihrer Tante. Die Mutter ist verstorben, der geheimnisvolle Vater kehrt eines Tages als Invalide aus dem marokkanischen Feldzug zurück. Leticia – wissensdurstig, begabt, ihre Umwelt und sich selbst unerbittlich analysierend – kommt in das Haus des Stadtarchivars Don Daniel, um dort Musikunterricht bei dessen Frau Doña Luisa zu erhalten. Es entspinnt sich eine Dreieckskonstellation wechselnder Komplizenschaften, die geradewegs in die Katastrophe zu führen scheint. Rosa Chacel geht es nicht um voyeuristische Lust am Skandal. Sie vertraut ganz auf die hellsichtige Selbsterkundung Leticias, ihren leidenschaftlichen, komplexen Charakter, der die gesellschaftlichen Grenzziehungen seiner Zeit unterläuft. Ein psychologisch meisterhaftes Porträt der Künstlerin als junge Frau.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem Spanischen von Maralde Meyer-Minnemann

Mit einem Nachwort von Peter Kultzen

Die spanische Originalausgabe erschien 1945 unter dem Titel Memorias de Leticia Valle bei Emecé in Buenos Aires, die deutsche Erstausgabe 1991 im P. Kirchheim Verlag in München.

E-Book-Ausgabe 2022

© Rosa Chacel, 1945, y Herederos de Rosa Chacel

© für die deutsche Übersetzung: Maralde Meyer-Minnemann 1991 für P. Kirchheim Verlag, München

© 2022 für diese Ausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung: Julie August. Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 978 3 8031 4355 6

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3341 0

www.wagenbach.de

Am 10. März werde ich zwölf Jahre alt. Ich weiß nicht weshalb, aber seit ein paar Tagen kann ich an nichts anderes mehr denken. Eigentlich ist es mir egal, ob ich zwölf oder fünfzig Jahre alt werde. Ich glaube, ich denke daran, weil ich sonst nicht weiß, woran ich denken soll.

An alles, was vorher war, denke ich nicht; ich sehe es vor mir; jede einzelne Minute meines Lebens sehe ich vor mir, aber denken, wenn ich anfange zu denken, fällt mir nur ein: Am 10. März werde ich zwölf. Und wenn ich dann nachdenke, frage ich mich: Was wird geschehen? Nichts wird geschehen. Nur die Tage werden vergehen, bis der 10. März da ist, und an dem Tag, ja, da weiß ich, was geschehen wird. Anschließend werden die Tage wieder einfach so verstreichen.

Wenn ich zu mir selbst über das, was geschehen ist, etwas sagen will, fällt mir nur der Satz meines Vaters ein: »Das ist unglaublich, das ist unglaublich!« Ich sehe ihn dann vor mir, wie er in der Ecke in seinem Sessel sitzt, sich mit der Hand an die Stirn greift und dabei den Satz wiederholt, und ich sage aus meiner Ecke, ohne es auszusprechen, zu ihm: »Das wollte ich dir immer schon sagen. Ich konnte dir nicht sagen, daß alles, was mich betraf, immer unglaublich war, aber ich habe versucht, es dir zu verstehen zu geben, und du hast zu allem stets nur gesagt, es sei nichts Besonderes. Natürlich kommt dir das, was geschehen ist, unglaublich vor, aber doch nur, weil du immer noch glaubst, vorher habe es nichts Besonderes gegeben.«

Aber was nützt denn schon so eine Auseinandersetzung? Wir sind einander fern, wie wir es immer schon waren. Mit dem Unterschied allerdings, daß die Entfernung für mich von Vorteil ist. Sie isoliert mich, gehört mir, und außerdem ist mir nicht nach Erklärungen zumute. Früher, als ich noch über das sprach, was mich betraf, war es, als würde ich darum bitten, daß man mich davor schützte. Jetzt fürchte ich mich nicht einmal mehr vor den schlimmsten Dingen: Ich wage es, sie hier zu wiederholen, ich werde sie aufschreiben, damit sie nie aus meinem Gedächtnis verschwinden, und ich tue es nicht etwa, um mich zu trösten: Ich muß mich in ihnen wie in einem Spiegel betrachten können und mich von all den Dingen umgeben sehen, die ich geliebt habe, von all den Dingen, von denen man mich getrennt hat, als hätten sie mir geschadet. Hier können sie sie mir nicht mehr nehmen, noch können sie gelöscht werden; hier sind sie so, wie ich es will, sie können mir nichts anhaben. Ebenso wenig wie die Dinge, die mich tatsächlich umgeben; ich sehe sie, weigere mich jedoch, an sie zu glauben.

Alles in allem geht es mir damit wie mit der Efeuranke, die bis zum Rahmen meines Fensters reicht. Wenn ich sie aus dem Augenwinkel ansehe, wie sie durch die Scheibe hereinschaut, kommt sie mir vor wie eine Eidechse, die flüchten wird, falls ich näher komme. Dennoch ist sie nicht das, was sie zu sein scheint; sie kann weder fliehen noch zusammenzucken, selbst wenn ich mit den Fingerknöcheln an die Scheibe klopfe, aber trotzdem stelle ich mir gern vor, sie sei meine Gefährtin. Ihr Leben geht so langsam voran, langsamer als die Uhrzeiger, die ich oft stundenlang angestarrt habe und dabei wünschte, sie würden weiterrücken. Hier ist sie es, die meine Zeit messen wird. Wenn ich sie ansehe, wenn ich sie vergesse oder wenn ich schlafe, rückt sie vor; jetzt reicht sie beinahe bis zum dicksten Knoten im Holz, und ich weiß, daß sie bis zum 10. März eine Handbreit oder vielleicht noch mehr gewachsen sein wird.

Wieviel ich bis dahin gewachsen sein werde, wird weniger sichtbar sein. Adriana sagt, daß sich diese Hänge bald mit Schnee bedecken und wir Ski laufen werden, denn es ist schon Ende Oktober, daß ihr Lehrer jeden Augenblick kommen kann und wir im Zimmer ihrer Mutter Musikunterricht haben werden, daß ich schnell Deutsch lernen muß, damit ich mit ihr zusammen am Unterricht teilnehmen kann. Ich werde kein Deutsch lernen, nicht Ski laufen, ich werde überhaupt nichts lernen. Ich werde nicht den Weg einschlagen, den sie mir vorzeichnen, so werde ich es nicht machen. Ich werde in eine andere Richtung gehen, nach oben oder nach unten, ich werde, wo immer es möglich ist, entwischen, und sie werden es nicht merken. Sie werden mich täglich ruhig auf demselben Platz sitzen sehen, aber ich werde nicht da sein: Ich werde zurückgehen. Es ist das Einzige, was ich tun kann. Sie werden das kaum verstehen! Ich werde nichts Auffälliges tun, sie werden nicht eine einzige Bewegung meiner Hand sehen. Ich werde all meine Kraft nach innen wenden, werde zurückrennen, bis ich außer Atem bin, bis ich am Ende angelangt bin, bis ich mich verliere. Dann werde ich hierher zurückkommen und noch einmal zurückgehen.

Nein, hier werde ich nie ankommen. Es scheint mir einfacher zu sein, dorthin, bis zum Anfang, zu gelangen. Alles andere, was rechts oder links liegt, kann ich nehmen oder lassen, und ich werde nicht mehr nehmen, als ich wirklich möchte. Nicht das, was ich aus einer Laune heraus will; was ich von ganzem Herzen will, mit diesem innigen Wollen, das vom Anfang herrührt, von Gott wahrscheinlich, denn Gott ist der Anfang und das Ende aller Dinge. Auch wenn ich nicht genug weiß, um mir all das allein auszudenken, so dachte ich es trotzdem schon vor langer Zeit, als ich noch überhaupt nichts wußte. Ich habe es immer so gefühlt. Wenn ich bete, vor allem wenn ich im Dunkeln bete, wenn ich im Bett das Gesicht zur Wand drehe und die Dunkelheit mit den Blicken abtaste, die Augen in alle Richtungen wende und nichts sehe, erst wenn ich vollkommen überzeugt davon bin, daß ich nichts sehe, kann ich auch an nichts denken. Manchmal bin ich mir sogar nicht einmal sicher, ob meine Augen offen oder geschlossen sind. Dann berühre ich mich langsam, ganz vorsichtig mit der Fingerspitze, als wollte ich ein Auge überraschen, das nicht mir gehört. Und wenn ich den Augenwinkel zwischen den Wimpern berühre und mich davon überzeuge, daß das Auge offen ist, erst dann bin ich sicher, daß ich nichts sehen kann, und ich habe einen Augenblick lang schreckliche Angst, doch schließlich kann ich dann anfangen, das Vaterunser zu beten.

Ich habe ein so großes Bedürfnis, selbständig zu denken, daß ich, wenn ich es nicht tun kann, wenn ich mich in irgendeine Meinung schicken muß, die nicht von mir stammt, diese so gleichgültig hinnehme, daß ich wie ein gefühlloses Wesen wirke. Ganz besonders quälend ist es, wenn ich mir ein Bild von meiner Mutter machen will. Als ich klein war, hörte ich, wie von ihr gesprochen wurde, und sagte mir: Nein, nein, so war sie nicht, ich erinnere mich an etwas anderes. Doch was war es, an das ich mich da erinnerte? Nichts, natürlich nichts, was man aussprechen könnte, nicht einmal unverständlich. Tatsache ist, daß ich mich nie daran erinnern konnte, wie meine Mutter aussah, aber ich erinnere mich daran, wie ich mit ihr im Bett lag: Es muß im Sommer gewesen sein, und ich wachte auf und fühlte, daß die Haut meines Gesichts ganz und gar an ihrem Arm und meine Handfläche an ihrer Brust klebte. Wie viele Jahre auch vergehen mögen, diese Erinnerung wird nie ausgelöscht werden, und ich kann mich so stark in sie hineinversetzen, genauso wie damals, als sie Wirklichkeit war, daß es mir so vorkommt, als sähe ich sie nicht aus immer weiterer Ferne, sondern als könnte ich eines Tages über diese Erinnerung hinaus wieder zur Wirklichkeit gelangen. Jetzt analysiere ich sie, gehe sie immer wieder durch; früher betrachtete ich sie einfach stundenlang.

Mir schien, als fühlte ich ein Nicht-Fühlen, als sei ein Teil von mir verlorengegangen, blind. Es war, als klebte ich an etwas, das, obwohl es mir glich, doch unendlich viel größer war als ich, etwas ohne Ende, etwas so Großes, daß ich wußte, ich würde es nie ganz umfassen können, und obwohl jenes Gefühl so köstlich war, wünschte ich mir unbändig, diesem Gefühl einen anderen Ort zu geben, es zu verlassen, und ich packte mich selbst, zog mich selbst heraus, wer weiß von wo aus, und löste mich schließlich. Ich erinnere mich an das leise Geräusch, mit dem sich meine Haut von ihrer löste, das sich anhörte wie das Zerreißen von hauchdünnem Seidenpapier. Ich erinnere mich daran, wie ich ein wenig unentschlossen war, als ich mich aufrichtete, und gewiß habe ich sie dann angesehen, und sie hat mich angesehen. Ja, ich weiß, daß sie mich ansah, daß sie mich angelächelt und mir etwas gesagt haben muß. Was es war, daran erinnere ich mich nicht mehr.

Es ist eigenartig: Wenn ich mich daran erinnern kann, was ich fühlte, warum kann ich mich dann nicht an das erinnern, was ich sah? Ich glaube, das kommt daher, daß ich später wieder und wieder Dinge gesehen, jedoch etwas, was jenem glich, nie wieder gefühlt habe.

Alle, mehr oder weniger alle, werden einmal so etwas gefühlt haben, doch wenn sie es gefühlt haben, warum reden sie nicht darüber? Ich habe selbstverständlich auch nie darüber geredet, aber wenn die anderen reden, suche ich zwischen ihren Worten nach etwas, das durchschimmern läßt, daß sie es kennen, und stoße nie darauf. Man merkt, daß sie nicht dort begonnen haben. Sie reden von anderen Dingen. Sie reden von der Mutterliebe, den Dingen, die Mütter tun oder nicht tun, doch ich sage mir immer: Damals, das war die Liebe.

Ja, doch, später haben auch andere etwas für mich getan, alle haben mich geliebt, sie haben sich aufgeopfert, wie sie sagen, aber all das hat nichts mit dem anderen zu tun. Dies hier verstehe ich nicht, und ich will es auch nicht verstehen, obwohl es klar sein sollte. Das andere war wie Wasser, wie der Himmel. Es tat so gut dort zu sein! Und ich wollte da heraus, um besser fühlen zu können, wie schön es dort war.

Außer diesem einen kann ich mich an weiter nichts Gutes aus jenen Jahren erinnern. Nur das bedrückende Gefühl, Dinge lernen zu müssen, um andere verstehen zu können, denn die Leute reden normalerweise so, daß man anfangs nicht weiß; woran man sich halten soll. Mal geben sie einem für die geheimnisvollsten Dinge die dümmsten Erklärungen, mal verbergen sie sie, bemänteln sie mit einem unausstehlichen Rätsel.

Vier oder fünf Jahre lang habe ich, ohne es zu verstehen, gehört, daß mein Vater nach Afrika gegangen war, um sich von den Mauren töten zu lassen. Ich verglich den Ernst, der für mich darin lag, mit der Selbstverständlichkeit, mit der die anderen es sagten, und es gelang mir nicht, beides in Einklang miteinander zu bringen. Damals dachte ich: Entweder ist es nicht so schlimm, oder es muß so sein. Und daß ich es nicht beurteilen konnte, beunruhigte mich nicht. Daß mein Vater sterben wollte, konnte ich durchaus verstehen, aber daß er sich von den Mauren töten lassen wollte, warum nur? Außerdem: Warum sagten sie das so geheimnisvoll, mit einer so eigenartigen Betonung? Wenn ich fragte, antworteten sie mir mit einem Achselzucken oder einem Kopfschütteln, und ich schämte mich für meinen Vater oder für mich. Genau weiß ich es nicht, weil ich es nicht verstand, weil ich nicht durchschaute, was sie mir nicht erklären wollten. Die Zeitungen kamen, und ich beobachtete ihre Gesichter, wenn sie die Nachrichten lasen und zufrieden seufzten, weil sie diejenigen, die sie fürchteten, nicht vorgefunden hatten, doch dann schüttelten sie den Kopf, als wollten sie sagen: Nichts, er hat es immer noch nicht geschafft …

Ich lebte mit dem Kummer, dies nicht zu verstehen, und häufig vergaß ich es auch, doch dann fiel es mir plötzlich wieder ein, und ich hatte das Gefühl, ganz nah dran zu sein. Ich war mir derart gewiß, es von einem Augenblick zum anderen deutlich zu erkennen, daß ich rot wurde. Aber nicht, weil ich mich schämte, wurde ich rot, sondern weil ich erregt war, weil es so war, als habe mir irgendetwas einen Schrecken eingejagt. Mein Herz machte einen fürchterlichen Satz, auf meiner Stirn breitete sich eine Hitze aus, die mir die Augen vernebelte, und obwohl mir kein klarer oder neuer Gedanke kam, fühlte ich, daß ich gerade die Wahrheit berührt hatte. Mich stießen dieses Verschleiern, diese Erklärungen, diese ständigen Erklärungen über meinen Vater und meine Mutter ab. Immer diese Sprüche: »Wenn man jemanden wirklich liebt, macht man dieses und nicht jenes; die Liebe ist nicht so, sondern anders.« Und mir blieb nichts anderes übrig, als aus meiner ganzen Verzweiflung, meinem ganzen Ekel heraus in meinem Innern zu mir selbst zu sagen: »Ihr Dummköpfe, das andere, das war die Liebe!«

Zum Glück war ich die meiste Zeit mit meiner Tante Aurelia zusammen, die von allen am wenigsten gern redete. Wir lebten sozusagen allein, denn die Haushälterin und die Dienstmädchen blieben meist irgendwo im Inneren des Hauses verborgen, und kaum jemand besuchte uns. Meine Lehrerin kam zeitweilig pünktlich, dann wieder erschien sie wochenlang überhaupt nicht. Genau wie der Arzt sagte sie, ich wisse zu viel, und es sei besser für mich, spazieren zu gehen, als zu lernen. Meine arme Tante ging täglich mit mir spazieren, und wir schauten immer entweder vor oder nach dem Spaziergang bei meiner Großmutter vorbei. Dort fanden um das Bett herum lange Gespräche statt. Die Tanten machten Häkelspitzen und Lochstickerei: Das Zimmer quoll über von Körbchen und Stickrahmen. Ich bekam dort keine Luft, und das einzige Mittel, um schnell wieder herauszukommen, war, meine Großmutter zu fragen, ob sie eine Besorgung habe, die wir für sie erledigen könnten. Sie glaubte, ich täte dies, um ihr einen Gefallen zu tun und sparte sich die schwierigsten Besorgungen für uns auf. Wir mußten immer die eigenartigsten Dinge an den merkwürdigsten Stellen kaufen oder mehrere Stunden damit verbringen, zu erklären, wie sie die Dinge haben wollte, die sie extra für sich anfertigen ließ. Meine Tante übernahm die Besorgung, doch ich war diejenige, die ganz genau zuhören mußte, wenn der Auftrag erteilt wurde, denn alle vertrauten meinem erstaunlichen Gedächtnis.

Besonders gern ging ich in die Apotheke, denn meine Großmutter hatte für die Arzneien, die sie immer nahm, alte Rezepte, doch wegen all ihrer Wünsche und Anforderungen war man nur in der Militärapotheke bereit, sie für sie herzustellen. Dorthin gingen meine Tante und ich, und wir mußten ewig warten, bis wir den Apotheker allein zu fassen bekamen und ihm erklären konnten, daß die Medizin das letzte Mal zu viel oder zu wenig von diesem oder jenem enthalten hatte. Während dieser Wartezeit spazierte ich durch die Passage, in der sich die Apotheke befand.

So zu warten ist wunderbar, es scheint so, als wäre man nicht ganz für sich, als täte man etwas für jemand anderen, und doch ist man so frei.

Jene Passage am Anfang der Calle del Obispo machte in der Mitte eine Biegung, die sie in der Calle de la Sierra wieder herauskommen ließ. In dem Winkel, den sie bildete, gab es eine verglaste Kuppel mit vier Statuen, die die vier Jahreszeiten darstellten, und in der Mitte stand eine Statue Merkurs. Welch ein Licht fiel auf diesen geschlossenen kleinen Platz! Zu jeder Tageszeit, zu jeder Jahreszeit gab es dort ein Licht, das einen verstehen machte. Ich verstand dort, ich weiß nicht warum, die Geschichte. Die Geschichte, die ich aus den Büchern nicht gern lernte, erschien mir von dort aus betrachtet als etwas Göttliches. Wenn ich in diesem Licht zwischen den Statuen auf und ab ging, dachte ich mir, je nachdem was es für ein Tag war, etwas aus. Im Sommer, kurz vor zwölf Uhr mittags, war die Sonne gewaltig, beunruhigend, tragisch. Dann dachte ich an die Gladiatoren, die in Rom im Zirkus starben. Ich sah vor allem die­jenigen, die hinfielen, wenn sie auf das Netz traten, sah die Leiber, wie sie durch die Arena geschleift wurden, und auch etwas, das ich irgendwo gelesen hatte: zwei, die gleichzeitig starben, indem sie sich gegenseitig mit ihren Schwertern durchbohrten. Unter dieser Sonne, unter diesem gleißenden Licht sah ich immer diese eine Szene: zwei nackte Männer, die sich gegenseitig im selben Augenblick töteten. Während der Siesta dachte ich an Amerika, dachte an Kolibris, an Hängematten. Ich sah eine weißgekleidete Frau, die im Schatten eines Zuckerrohrfeldes schlief. Mitten auf ihrer Brust hatte sich ein schwarzer Schmetterling niedergelassen. Am frühen Morgen dachte ich an Griechenland, vor allem wenn die Passage gerade frisch mit Wasser besprengt worden war und kleine Pfützen zurückgeblieben waren, deren Kühle wie Musik war. Dann dachte ich vor allem an Narziß. Bei anderer Gelegenheit, wenn es regnete, dachte ich an den Bierkönig. Ich weiß nicht, warum ich ihn so nannte, noch wo ich diese Gestalt hernahm, aber sie bezauberte mich. Wenn das Licht grau war, und man das Geräusch des Regens auf der Glaskuppel hörte, sah ich ihn auf einem Stuhl mit einer sehr hohen Rückenlehne sitzen, in dessen Holz Weintrauben geschnitzt waren. Der Stuhl stand in einem riesigen Zimmer mit gotischen Fenstern, und in einer Ecke war ein kostbares Faß zu sehen, dessen Bauch so vollkommen war, daß es lebendig zu sein schien. Aber er! Ich wußte bereits bis in alle Einzelheiten, wie er aussah. Er war in Samt gekleidet, der nicht immer dieselbe Farbe hatte, doch immer mit Zobelfellen eingefaßt war. Ohne diese Kleider konnte ich ihn mir nicht vorstellen. Zwei pelzbesetzte Säume fielen von seinen Schultern herab und dazwischen war seine wunderbar rosige, breite Brust in einem Spitzenhemd zu sehen, das unter dem blonden Bart einen viereckigen Ausschnitt bildete. Zwischen den Barthaaren blitzte sein Mund, wenn er lachte, vor allem aber, wenn er kleine gebackene Fische aß, die er mit den Fingerspitzen an Kopf und Schwanz ergriff. In dieser Haltung stellte ich ihn mir am häufigsten vor: Wie er an einem großen Tisch saß und einen dieser kleinen Fische aß. Er biß in den Rücken, löste das Fleisch mit den Zähnen, und immer sah ich, wie er zum ersten Mal hineinbiß, in die Mitte des Fisches wie in dessen Taille. Während er ihn aß, blickte er umher mit seinen blauen Augen, die fast lächelten, ich weiß nicht wen anlächelten, denn ich sah immer nur ihn allein in dem großen Zimmer. Manchmal saß er im Schneidersitz auf einem Kissen neben dem Faß, und ich sah zu, wie ein goldener Strahl aus dem Hahn in ein Bierglas rann, und er die Augen verdrehte wie ein Kater, der gerade einschläft.

Ich weiß nicht, ob man das, was ich mir in der Passage ausdachte, die Geschichte nennen kann. Tatsache ist, daß ich das Gefühl hatte, dort sehr viel zu lernen. Denn es gab zwar überall solche Traumbilder, doch außerhalb der Passage waren sie ganz anders. Einige leisteten mir während unserer Besuche Gesellschaft, andere vor dem Einschlafen im Bett, wieder andere in der Kirche. Die bei den Besuchen handelten zumeist von kleinen Wesen, die ich plötzlich auf irgendeinem Möbelstück oder in einer Ecke sah, in der ich manchmal unvermittelt die ideale Umgebung für sie entdeckte. Meine Tante nahm mich häufig zu zwei unverheirateten Freundinnen von sich mit; sie waren Schwestern und schon älter. Die jüngere spielte Klavier und übte jeden Nachmittag ein paar Stunden. Wenn wir zu ihr nach Hause kamen, übte sie weiter, und ich blieb, während meine Tante mit der anderen im Salon redete, bei ihr in einer Ecke neben dem Wandschränkchen auf dem Teppich sitzen. Einmal fragte ich sie, was sie spiele, und sie sagte mir, sie übe die Fugen. Sie spielte sehr gut, ihre Musik war so leicht, so rein. Ich hörte nicht genau hin, dachte derweil an etwas anderes, doch manchmal trat eine Passage hervor, die meine Aufmerksamkeit ganz auf sich zog und mich überraschte, mich in Staunen versetzte, wie wenn man achtlos in den Himmel schaut, und plötzlich eine Sternschnuppe fällt.

Die Dinge, die ich in diesem Zimmer dachte, waren alle wie jene Fugen, lauter leichte, durchsichtige Dinge. Ich sah über den grünen, samtgepolsterten Sitz eines Sessels einen Schimmel laufen. Sein Fell war perlmuttfarben, die Augen schwarz, und er warf die Mähne mit einer Kopfbewegung zurück wie ein Mädchen. Manchmal sah ich, wie er stehenblieb und sich eine Haarsträhne, die ihm ins Gesicht gefallen war, aus dem Gesicht strich. Ja, mit der Hand, genauso sah ich es. Ich sah auch zwischen den Beinen des Wandschränkchens glänzende Flecken auf dem schwarzen Holz, dunkle Ecken, ein Wechselspiel von Licht und Schatten, das einer von einer schwarzen Sonne beschienenen schwarzen Welt glich. Dort waren immer zwei winzige, weiße, durchsichtige Wesen wie Elfen, die einander umarmten und sich innig liebten.

An all dem, was ich sah, war ich nicht beteiligt, obwohl ich alles Mögliche, auch die Atmosphäre, in der es sich abspielte, spürte. Bei dem jedoch, was ich mir in der Kirche ausdachte, sah ich immer mich selbst, wie ich, ganz verändert, unmögliche Sachen machte, und doch immer ganz und gar ich war.

In allen Kirchen Valladolids hatte ich meine Lieblingsbilder und -winkel, doch in San Esteban lag ein Christus auf einem weißen, goldbestickten Kissen schlafend in einem Schrein. Ich konnte ihn nie anbeten, ich mag Gebete nicht. Nur das Vaterunser – und das ist nicht an Christus gerichtet. Dort kniete ich nieder und bemühte mich, ganz nah an diesen Christus heranzukommen, weiter nichts; ich mußte dazu all meine Vorstellungskraft aufbieten. Ich trat aus mir heraus, atmete die Luft ein, die zwischen den Glaswänden, die ihn umgaben, wehte, sah seine Augen zwischen den halbgeöffneten Lidern glänzen, die Mundwinkel, von denen so etwas wie ein Duft auszuströmen schien.

Gewöhnlich setzte ich mich vor dem Schrein immer auf die Mitte der Altarstufe, die sich am Kopfende befand, aber ich schaffte es nicht immer, wirklich in den Sarg hinein zu gelangen. Ich stellte es mir vor, konzentrierte mich auf die Vorstellung, dort drin zu sein, mich ganz klein zu machen, um in den schmalen, freien Raum neben seinem Körper zu passen. Doch manchmal blieb es nicht nur bei der Vorstellung: Ich schlüpfte ganz und gar mit allen meinen fünf Sinnen dort hinein. Dann sah ich diese lila Schatten um seine Augen, auf seinen Wangen, auf seinen Schläfen, als würden sie sich bewegen. Sie waren dann nicht mehr nur eine Farbe oder ein Farbton, nicht mehr etwas, das einfach da war, sondern etwas, das auftauchte, das durch ihn hindurchging. Ich fühlte, wie er litt, versenkte meinen Blick in diese Schatten seiner Todesqualen wie in ein tiefes Wasser, das von Ewigkeit zu Ewigkeit aufgewühlt bleiben würde, und mein Herz schlug schneller, wenn ich mir den endlosen Aufruhr, die Qual ausmalte, die jene Schatten wie schwarze Flügel bewegte. Und dann hatte ich das Bedürfnis auszuruhen, zu schlafen und gleichzeitig zu sehen, wie sie sich bewegten, und meinen Kopf auf seine Brust fallen zu lassen, während die Schatten weiter wie Flügel zitterten.

Heute, wo ich versuche herauszufinden, wie weit meine Erinnerung zurückreicht, denke ich, daß dies damals kein Denken war, damals war es etwas anderes, etwas ganz anderes. Damals nannte ich das, was ich sah, nicht Schatten und stellte mir auch nicht vor, eine ganz bestimmte Lage einzunehmen: Ich fühlte mich dort, gab mich hin, vergaß mich dort, bis in mir etwas geschah, das nur mit dem Fließen von Tränen vergleichbar ist. Etwas weinte in mir, durch einen Punkt, der so etwas wie das Versteck der Seele war, schoß blitzschnell ein feiner Tränenstrahl. Niemals hätte ich das jemandem verraten: Es war wie ein schreckliches Geheimnis, obwohl es mich gleichzeitig mit Stolz erfüllte. Es zu verraten, hätte jedoch enthüllt, daß ich kein kleines Mädchen mehr war. Lange bevor ich sieben Jahre alt war, trug ich dieses Geheimnis in mir.

Als ich acht wurde, beschlossen sie, mich auf die Schule der Karmeliterinnen zu schicken, damit ich Umgang mit anderen Mädchen bekäme, und gerade dort wurde mein Geheimnis für mich erdrückend. Ich begann zu sehen, wie Mädchen waren.

Was mich betraf, so drückte sich meine Familie ebenso geheimnisvoll über mich aus wie über meinen Vater, als wüßte sie, was ich in meinem Kopf mit mir trug, und als wäre ich etwas so Ungeheuerliches, daß man es nicht beim Namen nennen konnte: Ich sollte lernen, ein Mädchen zu sein, sagten sie. Aber sobald ich Umgang mit ihnen hatte, graute mir vor ihnen, empfand ich Abscheu und Ekel. Sie waren diejenigen, die an der Krankheit litten, Kind zu sein. Einige schienen überhaupt nichts zu können. Alles, was sie versuchten, ging ihnen langsam von der Hand, als wären sie nicht ganz wach. Andere hingegen hatten schon alles gelernt, was zu lernen war. Der Unterricht war noch zu ertragen. Aber dieses ewige Äpfelzerteilen und in Portionen ordnen! In den Pausen sah ich, wie sie Kochen spielten und hätte sie am liebsten erschossen. Dennoch benahm ich mich ihnen gegenüber anständig. Ich habe mich niemals mit ihnen gestritten; ich starrte sie an, bis mir die Augen aus dem Kopf fielen, aber sie wußten nicht, warum.

Und obwohl ich sie so genau angeschaut habe, habe ich sie fast vollkommen vergessen. Nur eine war darunter, die ich nie vergessen werde. Dieses Mädchen war das einzige, das wie ich ein Geheimnis hatte. Aber wir hätten uns nie miteinander verbünden können. Wir hatten nichts miteinander gemein, mein Gott, wirklich gar nichts. Wie konnte ich es später nur glauben? Dieser Gedanke war nichts anderes als der Wunsch nach Bestrafung. Es war die Buße, die ich mir selbst auferlegte. Weil sie uns auf die gleiche Art abkanzelten, weil die Wirtschafterin, ein altes Weib voller Laster und böser Gefühle, mich mit denselben Worten treffen wollte wie die Nonne, eine ebensolche Krähe, dieses Mädchen, deshalb habe ich einmal glauben können, daß es eine Ähnlichkeit gab. Doch wie konnte das bloß sein? Ich würde sie alle gern fragen, wo denn da eine Ähnlichkeit bestand. Ich werde es nie begreifen. Und dennoch tut es mir weh, macht es mich verrückt, mich an ihre Stimmen zu erinnern, die so erfahren klangen, als sie es sagten, als sie es herausspuckten.

Ich verachtete das Mädchen, es schien zu schielen, obwohl es eigentlich nicht schielte. Alles an ihm, seine Haltung, sein Körper, seine Füße, alles schielte. Es setzte sich mit vorgeschobenem Becken hin, breitbeinig, mit nach innen gedrehten Fußspitzen. Während der Handarbeitsstunden zog es sich in eine Ecke zurück und machte keinen einzigen Stich: Es leckte die Wände ab. Ich weiß nicht, was es sonst noch in der Ecke machte, aber das habe ich deutlich gesehen: Das Mädchen leckte die Wand ab, die mit vergilbten, lackierten Brettern verkleidet war. Ich empfand ein solches Grauen, als ich das sah, daß ich von ganzem Herzen wünschte, niemand würde es sehen, doch die Nonnen hatten es zweifellos bemerkt, und es war reiner Zufall, daß ich gerade über den Korridor ging, als das Mädchen getadelt wurde. Die Superiorin schüttelte es mit ihren Worten, als wollte sie es aus seiner halb schläfrigen, halb höhnischen Pose wachrütteln, goß die ganze Hölle mit all ihren gräßlichen Qualen über ihm aus. Die Nonne, der unsere Klasse unterstellt war, jammerte nur. Sie strich ihm über den Kopf und sagte immer wieder: »Ich möchte so gern, daß du ein sauberes, nettes Mädchen wirst.« Und die andere, die sicherlich die war, die das Mädchen verraten hatte, hinkte den Korridor entlang, ohne zu merken, daß ich hinter ihr herging, und sagte immer wieder, nach rechts und nach links gewandt: »Wieviel Dreck gibt es doch auf dieser Welt, wieviel Dreck gibt es doch auf dieser Welt!«

Der Schmerz, den mir diese Worte verursachten, traf mich zutiefst. Ich ließ sie jedoch für mich nicht gelten, obwohl ich glaubte, ich täte es wegen der anderen. Wer hätte damals gedacht, daß ich später in meinem eigenen Haus durch den Korridor gehen und dasselbe würde hören müssen, und zwar auf mich bezogen, zwar leiser, dafür aber um so offener ausgesprochen. Denn die Haushälterin sagte: »Wieviel Dreck gibt es doch auf der Welt«, und der besondere Nachdruck, mit dem sie das sagte, schien zu bedeuten, daß sie, ließe man sie nur machen, nur einmal kräftig mit dem Besen auszuholen brauchte, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Nicht so die Nonne; sie sagte »auf dieser Welt«, als wäre nur die andere Welt frei davon.

Wie konnte man dasselbe angesichts zweier so unterschiedlicher Dinge ausrufen? Begreife ich denn nicht, was ich tue? Werde ich irgendwann einmal die Dinge so begreifen wie die anderen? Das wäre für mich die schlimmste Strafe. Denn obwohl sie die Welt mit solchem Ekel betrachten, leben, essen, kommen und gehen die Menschen so, als wäre nichts. Ich nicht; sollte ich die Welt jemals so sehen wie sie, werde ich daran sterben. Ich will nicht einen Tag länger leben, wenn mir das bevorsteht.

Doch was habe ich zu befürchten, wo ich doch beschlossen habe, nirgendwo hinzugehen, mich zurückzuwenden und alles zu betrachten, ohne daß sich etwas ändert.

Ich bin nur ein paar Monate in die Schule gegangen und bringe den Ablauf dieser Tage manchmal durcheinander. Ich habe nur wenige Anhaltspunkte, an denen ich mich orientieren kann: Ein Kleid, das ich zu einem bestimmten Anlaß zum ersten Mal anzog und zu einem anderen nicht wieder anziehen konnte, weil es mir zu kurz geworden war.

Alles änderte sich, als mein Vater zurückkam. In den Tagen, nachdem wir erfahren hatten, daß er verwundet war, kam Leben in beide Häuser. Die Nachricht kam aus dem Haus meiner Großmutter zu uns, meine Tante und ich begaben uns dorthin, und es schien, als hätten wir sofort alle etwas zu tun: auf ihn zu warten und ihn dann zu pflegen.

Ich hatte so sehnsüchtig auf seine Rückkehr gewartet! Ich dachte, er würde mir alles erklären, er würde mir bei allem, was mich interessierte, nah sein, ich dachte, ich würde, wenn ich ihn nur ansah, all diese Geheimnisse und Dramen begreifen, die er, wie ich wußte, in sich trug. Aber es war nicht so. Nicht etwa, weil er sich mir entzog, nein, er liebte mich sehr, wollte mich immer um sich haben, aber er wollte nicht, daß ich ihn fragte. Mein Blick, meine Beklommenheit taten ihm weh. Er hatte nicht den Mut, sich zu erinnern. Es war ihm nicht gelungen, sich von den Mauren töten zu lassen, aber seine Erinnerungen hatten sie getötet.

Die Kriegserlebnisse, sein Leiden im Krankenhaus, die Amputation, die gräßliche Behandlung gaben ihm Gelegenheit, unaufhörlich zu reden. Ich glaube, er redete so viel, damit die anderen nicht redeten, das heißt, damit man nicht mehr redete, als er wollte.

Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die alte Jagdhündin zu seinen Füßen zu haben und wollte, daß ihm alle wie sie ohne einen Mucks zuhörten. Die Hündin lag ausgestreckt vor ihm, hatte die Schnauze auf die Vorderläufe gelegt und rührte sich nicht. Sie schaute nur zu ihm auf, wenn er mit dem Finger auf sie zeigte. Denn die Hündin war eines seiner Lieblingsthemen. Jedem, der ihn besuchte, erzählte er die Geschichte von seiner armen Hündin, die sich schließlich an dieses trockene Land gewöhnt hatte, denn sie war ein sehr edler Setter. Anfangs hatte er geglaubt, sie würde ihm auf den staubigen Straßen wegsterben. Er erzählte, wie es ihm einmal gelungen war, sie bis zu einer Pfütze zu schleppen, wie er sie dort zurückgelassen hatte, weil er glaubte, sie sei tot, und wie sie ihn kurz darauf wieder eingeholt hatte. Er erzählte auch von den Schakalen, deren Geheul er nachts im Lager hörte. Denn die Mauren fingen sie mit Stricken und packten sie dann am Nackenfell und am Schwanz und warfen sie auf den Stacheldrahtverhau.