Letzter Landler - Herbert Dutzler - E-Book

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Herbert Dutzler

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Beschreibung

In Altaussee schwingen neben dem Taktstock auch die Hüften. Während die Welt im Dreivierteltakt tanzt, muss Franz Gasperlmaier auf dem kriminalistischen Parkett eine gute Figur machen.   Lederhose meets Hochkultur. But do you speak English? Im Ausseerland muss der Bär nicht alleine steppen. Denn neben dem Wiener Staatsopernballett gastieren auch die kanadischen Eltern von Franz Gasperlmaiers Schwiegertochter Richelle in Bad Aussee. Statt noch schnell seine lückenhaften Fremdsprachenkenntnisse aufzupolieren, muss der bodenständige Polizist Gattin Christine ins Ballett begleiten. Am schönen blauen Altausseer See tanzt am selben Wochenende dann auch noch der Tod Landler: Eine der Musikerinnen spielt bei der Aufführung ihren allerletzten Ton. Nicht nur Gasperlmaier wird da auf Misstöne im Orchesterensemble aufmerksam. Die große Frage: Wer teilt hier neben einer Begeisterung für Musik auch das Bett … und vielleicht sogar illegale Substanzen?   Alles Walzer bei Familie Gasperlmaier Während er von den neumodischen Beziehungskonstellationen, die ihm bei seinen Ermittlungen unterkommen, am liebsten richtig viel Abstand nimmt, ist es bei Franz Gasperlmaier zuhause auch nicht unkompliziert. Das liegt aber nicht an seiner Christine, sondern daran, dass der Besuch aus Kanada einen souveränen Spagat zwischen gesellschaftlichen Pflichten (in einer Fremdsprache!), Familienzeit mit den Enkelkindern und der fordernden Polizeiarbeit verlangt. Und als wäre ein Mordfall nicht strapaziös genug, gibt's da noch einen blutjungen neuen Arbeitskollegen am Posten, der sich die Hörner abstoßen muss. Das einzig Gute an einer Mordermittlung? Die vertrauten Kolleginnen Dr. Kohlross und Emina aus Liezen sind wieder mit an Bord. Ob bei all der Aufregung noch Zeit bleibt für das ein oder andere Gläschen mit seinem Lieblingsnachbarn, dem Doktor Altmann?    Affären, Drogen und Volksmusik? Das Staatsopernballett im Salzkammergut? Dabei gibt's in Bad Aussee gar kein Opernhaus und der Kultur wird traditionell eigentlich im Festzelt gefrönt – Volkskultur im Allgemeinen und Trinkkultur im Speziellen. Herbert Dutzler versteht es, das Ausseerland in allen kontrastreichen Facetten zu portraitieren. Sei es beim Aufeinandertreffen von Neuem auf Traditionellem oder auch, wenn deutlich wird, dass auch im vermeintlichen Paradies mit dem Feuer gespielt wird und Grenzen überschritten werden. Für uns kein Grund zur Sorge, denn mit Franz Gasperlmaier und dessen Familie und Bekannten stellt uns Herbert Dutzler eine ausgesprochen charmante und liebevolle Reisegesellschaft an die Seite. Die uns in jedem Fall immer wieder neues entdecken lässt: wie den Landler (andernorts Ländler), einen Volkstanz im Dreivierteltakt. 

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Titel

Herbert Dutzler

Letzter Landler

Ein Altaussee-Krimi

Inhalt

Cover

Titel

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Dank

Der Autor

Impressum

1

Am Wochenende hatte Gasperlmaier Stress gar nicht gern, er hätte sich lieber beim Badeplatz am Kahlseneck in die Sonne gelegt und den warmen Augusttag genossen. Der See war nach den letzten sonnigen Wochen angenehm warm. Viel lieber wäre er schwimmen gegangen, als die Eltern der Richelle in Altaussee willkommen zu heißen. Und später hätte er sich beim Wirt am Kahlseneck eine Jause gekauft und dazu ein kühles Bier getrunken. Ein gemütlicher Abend auf der Terrasse wäre dann der krönende Abschluss des Tages gewesen. Und für nächste Woche war ein Wettersturz vorhergesagt, sodass man zweifeln durfte, ob danach ein Bad im See überhaupt noch möglich sein würde. Stattdessen stand er hier schwitzend in der Küche und schälte Erdäpfel. Wo man doch gar nicht recht wusste, ob die Gäste aus Kanada den Schweinsbraten seiner Christine mit Erdäpfeln und Kraut überhaupt schätzen würden.

Die Woche war bisher nicht sonderlich rund gelaufen, vor allem, weil er sich mit dem neuen Kollegen schwertat. Der hieß Kevin Raffl und war noch sehr jung. Und nach Altaussee auf seinen Posten war er gekommen, weil die Manuela, seine langjährige Kollegin, ein Kind bekommen hatte und jetzt mit ihrem sechs Monate alten Karl-Anton zu Hause saß und sich langweilte. Nach eigener Aussage, übrigens. Der Kevin war meist in angriffslustiger Stimmung, schimpfte auf alles und jeden und konnte sich mit dem Ausseerland nicht recht anfreunden. Er kam aus dem allernördlichsten Mühlviertel an der Grenze zu Tschechien und Bayern und war vor seinem Dienstantritt noch nie in Altaussee gewesen. Natürlich wusste Gasperlmaier, dass es dumm war, gegen einen bestimmten Vornamen Vorurteile zu hegen, aber der Name Kevin war ihm seit jeher unsympathisch gewesen, er konnte sich auch nicht recht erklären, warum. Und der Kevin Raffl bemühte sich redlich, diese Vorurteile beinahe täglich zu bestätigen. Gasperlmaier sehnte den Zeitpunkt herbei, an dem die Manuela in den Dienst zurückkehren würde. Sie hatte auch keinen Zweifel daran gelassen, dass es am ersten Geburtstag des kleinen Karl-Anton so weit sein würde.

Und dann war da auch noch der Besuch der Familie Frisch gewesen, der Eltern seiner Schwiegertochter Stefanie. Der Karl Frisch war ein anstrengender, sehr konservativer und stockkatholischer Jurist aus St. Pölten, der sich nach Jahren immer noch nicht damit abfinden konnte, dass seine Tochter eine Frau, nämlich Gasperlmaiers Tochter Katharina, geheiratet hatte. Für den Karl Frisch, das hatte er bei diesem Besuch deutlich genug gemacht, war jeder Tag, den die beiden zusammenlebten, ein Tag in Sünde. Dementsprechend war auch die Atmosphäre bei den gemeinsamen Essen und Ausflügen gewesen, und Gasperlmaier hatte erst wieder aufatmen können, als die Frischs abgereist waren.

In der Küche war es heiß. Zu heiß. Gasperlmaier zog sein Hemd aus. „Das schaut aber jetzt nicht gepflegt aus, wenn du da im Unterleiberl herumstehst!“, rügte ihn die Christine, die gerade damit beschäftigt war, das Kraut zu kneten. „Ja, wenn’s aber so heiß ist!“, rechtfertigte sich Gasperlmaier. „Hätten wir halt am Abend gegrillt, das wär …“ „Natürlich wär das netter gewesen, aber wir konnten ja nicht wissen, dass die Frasers ausgerechnet dann ankommen würden, wenn wir Karten fürs Ballett haben.“

Das war ein weiterer Grund, warum sich Gasperlmaier gestresst fühlte. Jeden Sommer kam das Staatsopernballett aus Wien zu einem Gastspiel nach Bad Aussee, und die Christine kaufte ihre Karten schon ein halbes Jahr im Voraus, damit sie gute Plätze bekam. Bisher hatte sie ihn damit in Ruhe gelassen und war mit Freundinnen in die Vorstellung gegangen, aber heuer hatte sie ihn verpflichtet, mitzukommen. Im Rahmen ihrer Initiative „Wir müssen mehr miteinander unternehmen, um neuen Schwung in unsere Ehe zu bringen“. So hatte sie für ihn und sich Karten für die heutige Vorstellung besorgt. Und besorgt war Gasperlmaier tatsächlich, ob er nicht nach der ganzen Hektik mit dem Mittagessen mit den kanadischen Gästen und der ganzen Familie so erschöpft sein würde, dass er im Ballett einschlief.

Mitten in der Nacht waren die Frasers angekommen, und heute Mittag wurden sie bei den Gasperlmaiers zum Mittagessen erwartet. Gasperlmaier kannte die Eltern seiner Schwiegertochter Richelle nur von Fotos und Videotelefonaten. Die mit seinem Sohn Christoph verheiratete Richelle war mittlerweile bestens integriert in Altaussee, sie arbeitete beim Tourismusverband. Christoph wiederum betrieb eine Praxis für Allgemeinmedizin in Bad Aussee. Was Gasperlmaier eigentlich sehr praktisch fand, weil man ohne große Umstände an kurzfristige Termine für diverse Wehwehchen und Rezepte für Medikamente kam. Die beiden hatte zwei Kinder, der Theo war mittlerweile fast fünf und die Elisa gut zwei Jahre alt. Der Theo sprach Englisch und Deutsch, bei der Elisa war es einstweilen mehr ein schwer verständliches Durcheinander englischer und deutscher Brocken. Und jetzt waren die Eltern der Richelle erstmals nach Altaussee gereist und hatten gleich für vier Wochen eine Ferienwohnung gemietet, weil sie vorhatten, auch die Enkelkinder zeitweise bei sich aufzunehmen und sich ein wenig um sie zu kümmern.

„So!“, sagte Gasperlmaier und stellte die Schüssel mit den geschälten Erdäpfeln auf die Anrichte. „Ich brauch jetzt eine Pause!“ „Aber bitte ohne Bier!“, ermahnte ihn die Christine. „Denk ans Ballett heute Abend!“ „Ungern!“, gab Gasperlmaier zurück, ließ ein großes Glas mit frischem Wasser volllaufen, ging auf die Terrasse hinaus und trank gierig.

Über die Eltern der Richelle wusste er nicht viel. Ihre Mutter hatte kanadische Ureinwohner unter ihren Vorfahren sowie Wurzeln, die nach Zentralasien zurückführten, und ihr Vater war halb Ire und halb Amerikaner, mit einigen Schwarzen Vorfahren in der Ahnenreihe. Wahrscheinlich, so dachte Gasperlmaier bei sich, war die Richelle deswegen so schön, weil sie Vorzüge ganz vieler verschiedener Vorfahren in sich vereinte. Zu Beginn hatte er Vorbehalte gegen sie gehabt, weil sie immer perfekt geschminkt war und sich auffallend elegant kleidete, aber mit den Jahren hatte er ihr herzliches und offenes Wesen sehr zu schätzen gelernt. Und mittlerweile beherrschte die Richelle sogar schon ein wenig Dialekt. Er selbst hatte sich in den letzten Wochen ohne große Erfolge mit einem Online-Englischkurs abgeplagt. „Could you say that again?“ war ihm gerade wieder eingefallen, falls er nicht verstehen sollte, was zu ihm gesagt wurde. Aber damit konnte man auch keine angeregte Unterhaltung führen, ganz im Gegenteil. Er war ein wenig beunruhigt, was das erste Treffen mit den Frasers anbelangte.

„Hi Dad!“ Die Richelle war auf die Terrasse getreten. Jetzt war es ihm doch ein wenig peinlich, hier im Unterleiberl herumzustehen, wo sich doch die Richelle bereits im Dirndl hübsch gemacht hatte und ihn anstrahlte. „Ich bin früher gekommen. Damit ich in der Küche helfen kann.“ „Die Erdäpfel sind schon geschält!“, prahlte Gasperlmaier. „I see“, sagte die Richelle. Das war auch etwas, das Gasperlmaier nicht verstehen konnte. Die Richelle zog nicht einmal für Hausarbeit, bei der man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schmutzig machen und schwitzen würde, alte Sachen oder zumindest was Bequemes an, sie war immer herausgeputzt. Heute eben im Dirndl, das ihr, so fand Gasperlmaier, ausgezeichnet zu ihren rabenschwarzen Haaren stand. „Meinst, ich soll mich heute in die Lederhose schmeißen?“, fragte er. „Unbedingt!“ Die Richelle lachte. „Du wirst ein großer Erfolg sein mit meiner Mum!“ Manchmal drückte sich die Richelle, obwohl sie ausgezeichnet Deutsch konnte, ein wenig seltsam aus. Sie begab sich zurück in die Küche, und Gasperlmaier sah auf die Uhr. Es war wohl das Gescheiteste, wenn er sich jetzt anzog und danach die Tische auf der Terrasse deckte. Für Sonnenschirme hatte er schon heute früh gesorgt. Damit sich die Terrasse gar nicht erst allzu sehr aufheizte.

Gasperlmaier hatte ja schon damit gerechnet, dass die Kanadier bei der Begrüßung etwas überschwänglicher sein würden, als das im Ausseerland üblich war, aber so ein stürmisches Willkommen seitens der Mutter der Richelle hatte er nicht erwartet. Sie lächelte breit, sagte „You look fantastic! Ich habe schon so viel gehört von dir und Christine!“. Sie ließ ihren ausgestreckten Arm vor Gasperlmaier von oben nach unten gleiten, um zu demonstrieren, wie sehr er ihr in Lederhose und Seidengilet gefiel. Er fühlte sich geschmeichelt. „And you, too!“, sagte sie zur Christine und umarmte sie. Offenbar, so dachte Gasperlmaier bei sich, war die Mutter der Richelle mit ihrem Online-Deutschkurs erfolgreicher gewesen als er selbst mit Englisch.

Dann stürzte sie sich in seine Arme, legte ihre Wange an seine und drückte ihn fest. „I’m Patricia!“ Um nicht unhöflich zu sein, drückte Gasperlmaier zurück. Er hatte ein bisschen Angst, dass etwas von ihrem Make-up an seinen Wangen kleben bleiben würde, denn sie war sehr farbenfroh geschminkt. „Franz“, sagte er. „Aber mich nennen alle Gasperlmaier.“ „Everyone calls him Gasperlmaier“, erklärte die Richelle. Die Patricia wollte gar nicht mehr loslassen, wiegte ihren Oberkörper samt seinem und klopfte ihm auf den Rücken. Sie roch sehr exquisit, das musste ein sehr teures Parfum sein. Sie trug ein schlichtes, blaues Kleid mit einem dezenten Ausschnitt, das Gasperlmaier aus Seide zu sein schien, immerhin war er in Patricias Reigen von Herzlichkeiten unfreiwillig auf Tuchfühlung gegangen. Der Goldschmuck, den sie um den Hals und in den Ohren trug, sah ebenfalls schlicht aus, war aber bestimmt schwer und teuer. „Jeder nennt mich PM“, sagte sie, als sie losließ. „Piemm?“, fragte er etwas ratlos. „Ja“, half die Richelle aus. „Kurz für Patricia Michelle.“ „Aha“, sagte Gasperlmaier. Das musste er sich merken. Piemm.

Er war noch ganz durcheinander, als ihn der Vater der Richelle, der ihn um fast einen ganzen Kopf überragte, ebenso fest in die Arme nahm. Er hieß Dave. Den Namen ihrer Tochter, so wusste Gasperlmaier, hatten die Eltern aus ihren zweiten Vornamen gebildet, ihrer war Michelle und seiner Richard. Gasperlmaier fand das originell. Nach dieser Methode hätten ihre Kinder Chrisanz oder auch Fratine heißen können, denn über einen zweiten Vornamen verfügten weder die Christine noch er. Da hätten die Altausseer aber geschaut und sich gewundert. Der Theo drückte sich an Gasperlmaier und klammerte sich mit beiden Armen an seinem Oberschenkel fest. „Kann ich bei dir sitzen, Opa?“, fragte er und maß den kanadischen Opa mit skeptischem Blick. Es würde nur ein paar Stunden dauern, dachte Gasperlmaier, bis er sich an die kanadischen Großeltern gewöhnt hatte, die er schließlich ein Jahr lang nicht gesehen hatte. Und ein Jahr, das war für ein so kleines Kind eine lange Zeit.

Der Dave holte etwas aus einem Plastiksack und erklärte seiner Tochter, was da drin war. „Dad hat dir Craft Beer mitgebracht. Weil er weiß, dass du so gern Bier trinkst. Es ist aus Vancouver, von der Granville Island Brewery.“ „Yes!“, sagte der Dave und drückte Gasperlmaier den Karton in die Hand. „Bier von Kanada. Spezial für unsern Franz!“ Gasperlmaier war gerührt. Der Dave hatte ebenfalls ein bisschen Deutsch gelernt, extra für diesen Besuch. Leider konnte er mit seinem „Could you say that again“ jetzt gerade nicht punkten. „Welcome!“, sagte er stattdessen. „Welcome to Altaussee. We are so happy …“ Dabei hatte er diesen Satz extra einstudiert. „… to have you here!“, flüsterte ihm die Richelle ins Ohr, er wiederholte, und alle lachten. Es fühlte sich angenehm an, nicht so, als ob er ausgelacht würde.

Die Terrasse wurde fast zu klein, als alle sich setzten. Der Theo wollte jetzt unbedingt auf seinen Schoß und verlangte, dass Gasperlmaier ihm seinen Knödel, den er vor allen anderen serviert bekommen hatte, in kleine Stücke schnitt, denn mit dem Messer konnte er noch nicht so gut umgehen. Die Elisa saß schon auf dem Schoß der PM und schien sich dort pudelwohl zu fühlen. Sie schnatterte in ihrem Kauderwelsch dahin, ohne sich darum zu kümmern, ob jemand sie verstand. Fast übertrieben fand Gasperlmaier die begeisterten Ausrufe, als die Christine und der Christoph den Schweinsbraten und die Schüsseln mit Kraut, Knödeln und Erdäpfeln auf den Tisch stellten.

„Prost!“ Der Dave hob sein Bierglas, alle am Tisch taten es ihm gleich, und man stieß an. Gasperlmaier hatte sich vorgenommen, es bei einem einzigen Bier zu belassen. Die Stefanie und die Katharina, die nach dem Besuch der Frischs noch in Altaussee geblieben waren, anstatt nach Wien zurückzukehren, begnügten sich mit Knödeln und Kraut, weil sie kein Fleisch aßen, nicht einmal das Bio-Fleisch, das die Christine besorgt hatte. Gasperlmaier war sich nicht sicher, ob die Frasers wussten, dass die Stefanie und die Katharina ein Paar waren. Aber, andererseits, irgendwann würde die Richelle sie schon über die Familienverhältnisse im Hause Gasperlmaier aufgeklärt haben. „Es ist ganz wunderbar!“, lobte die Patricia den Schweinsbraten. „We have“, erklärte der Dave zwischen zwei Bissen, „an Austrian restaurant in Vancouver. It’s called Jägerhof.“ Das hatte Gasperlmaier verstanden. Der Dave sprach aber auch extra langsam und deutlich. „We’ve had Bavarian Schweinshaxen there, once. But this!“ Er deutete auf den Braten auf seinem Teller. „Is much better. By far!“ Der David wehrte sich auch nicht dagegen, dass die Christine ihm eine zweite Portion auf den Teller lud. Wie schaffte der es nur, so schlank zu bleiben? Nach einem halben Knödel mit Bratensaft hatte der Theo genug und rutschte von Gasperlmaiers Schoß, der erst jetzt richtig zum Essen kam, wo der Braten leider nur mehr lauwarm war. Aber so war das eben mit Kindern.

Beim Kaffee war es ein wenig ruhiger, weil die erwachsenen Kinder mit ihrem Nachwuchs hinunter in den Garten gegangen waren, um zu spielen. Die Unterhaltung, fand Gasperlmaier, lief trotz der Sprachschwierigkeiten ganz gut, und er fand sogar Gelegenheit, ein paar englische Sätze anzubringen. „Wie ist Polizeiarbeit hier?“, fragte die PM ihn, nachdem sie den Marillenkuchen ausgiebig gelobt hatte. „Not so much crime here“, antwortete Gasperlmaier. „Some drunken driving, some … was heißt ‚Raufereien‘ schnell noch einmal?“, fragte er die Christine. „Fights“, half die aus. „… some fights, when there is too much beer …“ Die Patricia und der Dave lachten. „Leider wir haben viel Gewalt auf den Straßen. Und break-ins“, sagte die PM. „Wir müssen haben ein burglar alarm.“ „Alarmanlage“, nickte Gasperlmaier.

„Na“, sagte er, „dann hoffe ich, dass nicht ausgerechnet dann was passiert, während ihr hier bei uns seid!“ Er lachte, die anderen stimmten ein, aber Gasperlmaier hatte ein ungutes Gefühl, denn für seinen Geschmack hatte er in den letzten Jahren viel zu oft die Hilfe der Frau Doktor Kohlross in Anspruch nehmen müssen, die jahrelang für die Aufklärung von Kriminalfällen im Ausseerland verantwortlich gewesen war. Selbst jetzt, wo sie Frau Oberstleutnant war und vor allem Organisatorisches auf ihrem Schreibtisch in Liezen bearbeitete, wollte sie es sich nicht nehmen lassen, bei Gelegenheit mitzuermitteln.

Nach dem Kaffee stand die PM fast abrupt auf. „Wir verstehen“, sagte sie, „dass ihr heute Abend zum Ballett geht. Da wollen wir euch noch ein bisschen … peace and quiet?“ „Ein bisschen Ruhe“, half die Christine aus. „Ja“, sagte die PM. „Aber zuvor wir räumen auf die Küche!“ Die beiden gingen lachend ins Haus. Die PM hatte „Kuche“ gesagt, was Gasperlmaier irgendwie witzig fand. „Ich räume hier heraußen noch auf“, sagte Gasperlmaier, und der Dave verstand, nickte und half ihm, das Geschirr und die leeren Flaschen wegzuräumen. „Sharing the housework?“, fragte er. „Yes, yes!“, beeilte sich Gasperlmaier ihm zu versichern. Dann klappten sie noch die Stühle zusammen und verstauten sie in der Garage.

Wie befürchtet fühlte sich Gasperlmaier ein wenig erschöpft, als er sich neben der Christine am Abend ins Auto setzte, um mit ihr zusammen zum Kurhaus nach Bad Aussee zu fahren, wo der Ballettabend stattfinden würde. Inzwischen hieß es zwar „Congress Ausseerland“, aber im Volksmund war es halt immer noch das Kurhaus. „Bist schon gespannt?“, fragte die Christine. „Geht so“, antwortete er. „Ich wär halt …“ „Ja, ja!“, konterte die Christine. „Ich weiß schon. Du wärst lieber auf dem Sofa mit der Katze auf dem Bauch. Aber du wirst sehen – du wirst begeistert sein!“ „Hoffen wir’s!“, gab sich Gasperlmaier skeptisch. Er hatte eigentlich nur sagen wollen, dass er gerne weiter hinten gesessen wäre als in der zweiten Reihe, praktisch mitten in der Auslage, aber er ließ es bleiben, weil es eh egal war.

Weil noch Zeit bis zum Beginn der Vorstellung war, hatten sie sich mit den Altmanns und Gasperlmaiers ältestem Freund, dem Kahlß Friedrich, und dessen Frau unter der Schirmbar vor dem Kurhaus verabredet. „Na, Gasperlmaier, platzen wir schon fast vor Vorfreude? Wirst sehen, die Mädels, die da in der Luft herumwirbeln, die haben zwar nichts auf den Rippen, aber trotzdem sind sie wunderhübsch anzusehen!“ Der Doktor Altmann, fand Gasperlmaier, dachte wieder einmal nur an die in Aussicht stehende Augenweide. „Die Männer, find ich, haben aber auch reichlich zu bieten!“ Seine Frau, die Charlotte, stieß ihn scherzhaft in die Rippen. „Die drahtigen Körper und erst die hohen Sprünge und Drehungen in der Luft!“ Der Doktor Altmann war ein ehemaliger Richter aus Wien, der zusammen mit seiner Frau im Ruhestand nach Altaussee gezogen und Gasperlmaiers Nachbar geworden war. Die Frau Doktor Altmann war Rechtsanwältin gewesen. Gasperlmaier hatte den Einzug der Wiener ins Nachbarhaus vor ein paar Jahren mit großer Skepsis verfolgt, mittlerweile aber war zwischen den Paaren eine solide Freundschaft gewachsen, denn die Altmanns waren weder hochnäsig noch herablassend, wie Gasperlmaier sich die Wiener immer vorgestellt hatte.

Gasperlmaier hatte sich noch ein Seidel gegönnt, denn es war trotz der fortgeschrittenen Tageszeit immer noch heiß. Der Kahlß Friedrich war sein Postenkommandant gewesen, hatte aber nach einem Herzinfarkt in Frühpension gehen müssen. Bevor der diese angetreten hatte, erinnerte sich Gasperlmaier, hatte er nicht einmal mehr die Stiege hinauf in den Posten bewältigen können, ohne dass er danach mit hochrotem Kopf schweißgebadet auf seinen Sessel gesunken war. Kaum in Pension, hatte er, bisher standhafter Junggeselle, die Inhaberin eines Trachtengeschäfts in Bad Aussee geheiratet, war sportlich geworden und schien nun mit jedem Jahr jünger und schlanker zu werden. Die Ehe tat ihm ganz offensichtlich gut. Außerdem hatte er nicht nur das Ziehharmonikaspielen erlernt, sondern blies jetzt auch noch die Tuba in der Salinenkapelle. Niemals hätte Gasperlmaier den Friedrich für so musikalisch gehalten.

„Der Friedrich“, pflegte ihn die Christine zu necken, „ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass man auch in fortgeschrittenem Alter noch Neues anfangen kann! Du solltest dir an ihm ein Beispiel nehmen!“ Gasperlmaier verteidigte sich damit, dass die verschiedenen Städtereisen, die er in den letzten Jahren zusammen mit der Christine unternommen hatte, und vor allem das damit verbundene Kulturprogramm ausreichend Neues und Unerwartetes für ihn bereithielten. Die Initiative war natürlich immer von der Christine ausgegangen, aber dieses Jahr hatte er zu ihrem Geburtstag im Juni selbst die Initiative ergriffen und ihr eine Reise nach Meran geschenkt, die seine Kinder für ihn zusammengestellt hatten, denn das umständliche Suchen und Buchen im Internet, das war nichts für ihn. In den Herbstferien sollte es losgehen. Die Christine hatte sich sehr über das Geschenk gefreut, und Gasperlmaier war jetzt schon ein wenig aufgeregt. Vor allem, wenn er an das gleich mitgebuchte Törggelen in einem Weingut in Südtirol dachte.

Als sie ihre Plätze in der zweiten Reihe einnahmen, war Gasperlmaier überrascht, dass das Orchester direkt vor ihnen im Zuschauerraum saß, aber als das Programm begann, wurde ihm schnell klar, dass der Platz auf der Bühne von den Tänzerinnen und Tänzern zur Gänze beansprucht wurde. Das war schon etwas, worauf das Ausseerland stolz sein durfte – ein ganzes Orchester, das nur aus Musikerinnen und Musikern aus der Umgebung bestand. Das würde man, so vermutete er, woanders nicht so leicht schaffen. Zusätzlich zum Orchester spielte auch noch die Bradlmusi, für die seitlich auf der Bühne gerade noch Platz geschaffen worden war. Erstaunt war er, als die eine Melodie aus einem James-Bond-Film spielte, weil er gedacht hatte, dass die Bradlmusi doch eher für Volksmusik zuständig sei. Auch der Tanz dazu gefiel ihm ausgesprochen gut, und er begann, mit dem Fuß zur Melodie zu wippen. Nein, langweilig war das alles gar nicht. Später kam noch ein Schottischer, und bald darauf ein Stück, das ihm sehr bekannt vorkam. Die Christine drückte ihm das Programmheft in die Hand und deutete auf den Titel des Stücks. Es war aus „Carmen“. Er erinnerte sich, dass er die Oper schon einmal im Fernsehen gesehen hatte, und da hatte es einige bekannte Melodien gegeben. Es war halt leider so, dass er beim Fernsehen, mit dem Kater Schnurrli auf dem Schoß, oft einschlief, und so hatte ihn die Christine erst geweckt, als der eifersüchtige Liebhaber die Carmen bereits erstochen hatte.

Am Ende des ersten Teils kam ein Landler, und er war erstaunt darüber, wie leichtfüßig die Tänzerinnen über das Parkett schwebten. Fast engelsgleich, fand er. Das aber würde er vor den anderen niemals sagen, denn die würden so einen Ausdruck wohl kitschig finden. Der Ausseer Landler war ja von vornherein wesentlich eleganter und schwungvoller als sein schwerfälliges Innviertler Gegenstück. Und auch, was das Paschen im Mittelteil betraf, waren die Ausseer den Innviertlern überlegen. Sogar die Balletttänzer, fand er, waren leidlich brauchbare Pascher. Und das misstönende Innviertler Jodeln, das ging ihm sowieso nicht ab. Einige der Vierzeiler, die gesungen wurden, kannte er gar nicht. Wahrscheinlich hatte man sich auch hier um Originalität bemüht. „’s landlerisch Tanzn, das geht a weng schen. Bald machan’s an Hupfer, bald bleibn’s a weng stehn“, lautete eine der Strophen, die hauptsächlich von den Musikern gesungen wurde, denn die stammten im Gegensatz zu den Tänzern und Tänzerinnen aus der Gegend. Hupfer gab es hohe und viele zu sehen. „A landlerisch Gwandtl und an Steiermarikhuat. Mit da Kellnerin tanzn, dass’s Geld schebern tuat.“ Das war wohl eine Anspielung auf die Kostüme, die die Tänzerinnen und Tänzer trugen. Man musste sich wundern, dass die Männer ihre Hüte bei den Kapriolen, die sie tanzten, nicht verloren. Was diese Balletttruppe aus einem Landler zu machen imstande war, das war, fand er, schon äußerst beeindruckend. Donnernder Applaus beendete den ersten Teil. Gasperlmaier warf einen Blick nach oben. Sogar die Plätze auf dem Balkon des Kurhauses waren ausnahmslos besetzt.

In der Pause war der Friedrich schneller gewesen als er und hatte bereits für die gesamte Gruppe Getränke besorgt. „Du magst eh ein Seidel, Gasperlmaier?“, fragte er unnötigerweise. Gasperlmaier nickte und dankte. „Unglaublich, diese Ballettratten!“, schwärmte der Doktor Altmann. „Engelsgleich, geradezu!“ Gasperlmaier lächelte. „Hab ich mir auch gedacht!“, sagte er. „Das sind keine Ballettratten, du alter Depp!“, rügte ihn seine Frau. „Weil Ballettratten, das ist erstens abwertend und bezeichnet Ballettschülerinnen, solche, die noch nicht fertig ausgebildet sind. Hier haben wir’s mit Solistinnen zu tun!“ Der Bruno Altmann grinste. „Hört ihr, wie sie mich schurigelt, die Charlotte? Kein Wort darf ich mehr sagen!“ Die Charlotte nahm einen Schluck von ihrem Aperol Spritz und lächelte. „Du darfst sagen, was du willst. Und ich werde widersprechen, wenn mir danach ist!“ Die beiden, fand Gasperlmaier, neckten sich häufig in dieser Art, aber noch nie war ein solches Streitgespräch in ernsthafte Differenzen ausgeartet. Dennoch lenkte die Christine die Debatte sicherheitshalber in eine andere Richtung: „Das Besondere bei dieser Vorstellung ist ja, dass Choreografien aus dem klassischen Tanz zur Volksmusik einstudiert werden. Ich finde, gerade das macht den besonderen Reiz aus. Das gibt’s ja sonst nirgendwo!“ „Ja, ja!“, fügte der Doktor Altmann hinzu. „Das Staatsopernballett weiß halt auch, wo es schön ist, genauso wie wir. Es hat ja schließlich einen Grund, dass wir unseren Alterssitz nicht, beispielsweise, in Gänserndorf errichtet haben.“ „Gänserndorf“, grinste der Friedrich, „hat sicher auch seine Reize.“ Gasperlmaier erinnerte sich dumpf, dass es dort einmal einen Safaripark gegeben hatte, der aber pleitegegangen war. Sonst konnte er mit dem Ort nicht viel anfangen. Berge gab es dort sicher keine.

Leider, so stellte Gasperlmaier fest, waren die belegten Brötchen schon ausverkauft, die Schlange an der Bar war ohnehin zu lang. So würde er seinen Appetit bis nach der Vorstellung aufschieben müssen. „Na, und was sagst du? Wie gefällt’s dir denn bisher?“, fragte die Christine. „Eh gut. Sehr gut sogar!“, gab Gasperlmaier zu. „Ich hab den Franz nämlich schon ein bisschen überreden müssen“, erklärte die Christine ihren Freunden. Das, so fand Gasperlmaier, hätte es nicht gebraucht. Wie stand er denn da, wenn bekannt wurde, dass er zum Besuch des Ballettabends praktisch gezwungen worden war? „Ich find’s fantastisch“, sagte er deshalb, „was man aus einem Landler alles machen kann. Die sind ja …“, er suchte nach Worten, „… federleicht, und … das sieht fast aus, als ob sie schweben würden!“ Die Christine lächelte.

Während der zweiten Hälfte des Programms fiel Gasperlmaier eine Geigerin auf, die nur wenige Meter vor ihm hinter ihrem Pult saß. Auffällig war sie wegen ihres langen, schlanken Halses und einer ungebändigten Mähne lockiger Haare, die sich über ihre Schultern bis fast zur Sitzfläche ihres Stuhles ausbreitete. Die Haare waren so dicht, dass sie bereits an den Schultern die gesamte Breite der schlanken Frau abdeckten. Der Hals der Geigerin bewegte sich während des Spiels unablässig wie der eines Schwans, fand Gasperlmaier. Vorne am Pult schwitzte der Dirigent, weil er sich redlich abrackerte, aber die Geigerin schenkte ihm nicht einmal einen Blick, ihr schien das Notenblatt vor ihr zu reichen. So sehr faszinierten Gasperlmaier Hals und Haarmähne, dass er zeitweise darauf vergaß, den Tänzen auf der Bühne aufmerksam zu folgen. Direkt vor der langhalsigen Geigerin saß eine weitere, die der Christine in einer Pause kurz zuwinkte, als sie sie im Publikum entdeckte. „Eine ehemalige Schülerin von mir“, flüsterte sie Gasperlmaier zu. „Landertinger Sophie heißt sie. Erst 14, oder 15!“ Gasperlmaier staunte. Das Mädchen war groß gewachsen und spielte die Violine recht souverän, soweit er das beurteilen konnte. Im Gegensatz zu ihrer Nachbarin hatte sie glattes, langes Haar, das sie immer wieder mit einem Schwung des Kopfes zurückwarf.

Als die Vorstellung zu Ende war, gab es langanhaltenden Applaus. Das Publikum erhob sich von seinen Sitzen. Sogar Gasperlmaier ließ sich, obwohl dies sonst nicht seine Art war, zu einigen „Bravo!“-Rufen verleiten. Besonders, als das Orchester aufstand und die langhalsige Geigerin, samt allen anderen, sich lächelnd vor dem Publikum verneigte. Erst nach einigen Minuten ebbte der Applaus ab, und die Reihen begannen sich zu leeren.

Leider, so stellte Gasperlmaier mit Bedauern fest, war das Kurcafé Lewandofski schon geschlossen. Da musste er halt sehen, ob er zu Hause im Kühlschrank noch etwas zu naschen fand. „Ihr kommt doch noch mit zu uns?“, sagte indessen die Charlotte, als sie aus dem Kurhaus in den Regen eines abklingenden Gewitters hinaustraten. „Ich hab uns eine Gulaschsuppe gemacht!“ Die Christine spannte ihren Schirm auf. „Gerne! Aber wir wollen euch keine unnötigen Umstände machen!“ „Aber was!“, beschwichtigte die Charlotte. Gasperlmaier freute sich schon auf die Gulaschsuppe, zu der der Doktor Altmann sicherlich einen guten Rotwein entkorken würde, denn mit Bier gab sich der Doktor nicht gern ab. Und die Gulaschsuppe der Charlotte war ohnehin legendär. Sie kochte zwar selten was anderes als Gulasch oder Gulaschsuppe – zumindest dann, wenn Gäste bewirtet wurden –, aber vielleicht hatte sie es gerade deswegen darin zur Meisterschaft gebracht.

Es war schon nach elf, als sie im Wohnzimmer der Altmanns Platz nahmen. „Hoffentlich verträgt der Franz die Gulaschsuppe. So spät am Abend …“, gab die Christine zu bedenken. „Ach was“, winkte die Charlotte ab. „Der ist ja einiges gewöhnt, nicht, Gasperlmaier? Und morgen ist Samstag, da könnt ihr ja ausschlafen.“ Sie leerte noch einen zweiten Schöpflöffel in Gasperlmaiers Teller.

„Wie geht’s euch denn“, wollte der Doktor Altmann wissen, „mit euren Gästen aus Kanada? Was sagen’s denn zu Altaussee?“ „Noch nicht viel“, sagte die Christine und wischte sich den Mund mit einer Serviette ab. „Sie haben erst letzte Nacht ihre Ferienwohnung bezogen, heute waren sie bei uns zum Mittagessen und danach mit den Kindern spazieren. Viel werden sie noch nicht erlebt haben, und wir haben sie ja auch seit Mittag nicht gesehen.“ „Mein Gott“, meinte die Charlotte, „ich hab zwar im Gymnasium ganz gut Englisch gelernt, aber ich hab’s seit mehr als 50 Jahren kaum verwendet. Wie geht’s denn eurem Englisch?“ „Die Christine“, erklärte Gasperlmaier, um von sich selbst abzulenken, „kann’s fast perfekt. Die liest ja seit ihrer Schulzeit immer englische Bücher.“ Die Christine lachte. „Ja, aber Bücher lesen ist was anderes, als zuzuhören und zu verstehen, vor allem mitten im Familienchaos, wo Kinder plärren! Und der Franz“, fügte sie hinzu, „der war recht fleißig in seinem Online-Englischkurs!“ Das war Gasperlmaier peinlich. Hoffentlich kam niemand auf die Idee, ihn jetzt um eine Kostprobe des Erlernten zu bitten. Aber der Bruno erlöste ihn. „Ich hab einmal“, sagte er, „vom Lionsclub einen Amerikaner dabeigehabt, bei einer Weinverkostung in einem Weingut in der Wachau. Dem hätt ich immer übersetzen sollen, was der Winzer zu den Weinen gesagt hat. Und ich hab immer nur übersetzt, dass der Wein very good ist, weil, diese Weinsprache … das ist kompliziert! Und beim nächsten Wein hab ich halt dann ‚excellent‘ gesagt, damit er weiß, dass der noch besser als der vorige ist!“ Allgemeines Gelächter erlöste Gasperlmaier, und seine Englischkenntnisse wurden an diesem Abend keiner weiteren Prüfung unterzogen.

2

Mit dem Ausschlafen wurde es am Samstag leider nichts. Und das, obwohl Gasperlmaier sein Handy vorsorglich abgeschaltet hatte. Er wurde von lautem Klopfen geweckt. Die Christine neben ihm war auch aufgeschreckt. „Da ist wer an der Haustür!“ Im selben Moment schrillte die Türglocke. In einem nervigen Ton. Gasperlmaier hatte schon lange vorgehabt, sie gegen eine Klingel mit etwas sanfterem Geläut zu tauschen, aber er war halt bisher nicht dazugekommen. Er rieb sich die Augen, als er barfuß zur Haustür humpelte, denn wenn er so früh am Morgen aus dem Bett geschreckt wurde, waren seine Glieder immer steif. Von Geschmeidigkeit konnte keine Rede sein.

„Auf, Gasperlmaier! Einsatz! Wir haben eine Leiche gefunden!“ Vor der Tür stand der Messreiter Lois, den Gasperlmaier von der Feuerwehr kannte. Obwohl der Lois aus Altersgründen schon lange nicht mehr ausrückte. „Wo denn?“, fragte Gasperlmaier. „Bei uns oben, bei der Kalvarienbergkapelle! Zieh dir was an und komm!“ Gasperlmaier nickte, kehrte ins Haus zurück und fuhr, so schnell es ihm eben möglich war, in seine Uniform. Wie immer, wenn es eilig war, gaben sich die Schuhbänder widerspenstig. „Was ist denn los?“, fragte die Christine, die in der offenen Schlafzimmertür stand. „Der Lois hat, wie es ausschaut, einen Toten gefunden“, flüsterte Gasperlmaier. Die Christine schlug die Hände vors Gesicht. „Ein Unfall, oder?“, fragte sie. Gasperlmaier zuckte mit den Schultern. Der Waffengurt war jetzt auf dem Posten, aber den würde er wohl nicht brauchen.

Der Lois saß schon in seinem Auto. „Nimmst mich mit?“, fragte Gasperlmaier. „Weil wenn ich erst meinen Einsatzwagen holen muss, dann dauert’s länger.“ „Steig ein!“, nickte der Lois und gab kräftig Gas, noch bevor Gasperlmaier sich angeschnallt hatte.

„Die Moser Friedl hat’s gefunden“, erklärte der Lois. „Sie hat kein Handy dabeigehabt, und sie ist schon in aller Herrgottsfrüh zur Kapelle hinauf, weil sie hat beten wollen.“ „Beten?“, fragte Gasperlmaier. „Ja, sie hat einen Schlüssel, und sie kommt jahrein, jahraus um sechse in der Früh zum Beten in die Kapelle. Auch im Winter, wenn’s stockfinster ist und der Schnee meterhoch liegt.“ Meterhohen Schnee, erinnerte sich Gasperlmaier, hatten sie zuletzt vor fünf, sechs Jahren gehabt. Das war auch im Ausseerland keine Selbstverständlichkeit mehr. „Eine Frau?“, fragte er. Der Lois nickte. „Eine junge. Die ist sicher nicht von selber gestorben.“ „Wer ist’s? Kennt ihr sie?“, fragte Gasperlmaier, dem beim Gedanken, sich wieder einmal mit einer Leiche beschäftigen zu müssen, unwohl war. Der Lois schüttelte den Kopf. „Ich hab, ehrlich gesagt, gar nicht wirklich hingeschaut.“ Er bremste vor dem Fußweg zur Kapelle ab. „Ich stell mein Auto zum Haus, hier ist ja kein Platz“, erklärte er und fuhr im Rückwärtsgang den Berg wieder hinunter, nachdem Gasperlmaier ausgestiegen war. Der drückte sich seine Dienstkappe fest auf den Kopf, wie um sich gegen das zu wappnen, was ihm bevorstand. Ein wunderbarer Tag hätte das werden können, so dachte er bei sich und warf einen Blick zum Dachstein hinüber. Ein paar Wolkenreste trieben noch am Himmel, das Gras war nass vom nächtlichen Gewitter, aber die Sonne wärmte schon ordentlich, sodass er in seiner Einsatzjacke zu schwitzen begann.

Direkt vor der Kapelle lag ein Wetterfleck auf dem Boden, darunter ragten schlanke Beine hervor, die in eleganten Schuhen steckten, die sicherlich nicht dazu geeignet waren, hier herumzuwandern. Eine tote Frau also. Und die Umgebung sah jetzt nicht danach aus, als hätte die Tote gerade hier einen Unfall erlitten. Gasperlmaier seufzte. Wieder ein Mord, so war zu befürchten.

Die Friedl saß auf der Bank, von der aus man einen schönen Panoramablick über Altaussee hatte. Als sie Gasperlmaier herannahen sah, stand sie auf. Die Friedl trug ihr weißes Haar zu einem strengen Knoten gebunden, hatte ein wettergegerbtes Gesicht und trug ein etwas abgewetztes Dirndl. Gasperlmaier hatte sie noch nie in anderer Kleidung gesehen. In der einen Hand hielt sie einen Rosenkranz, murmelte vor sich hin und bekreuzigte sich, als sie einen Blick auf die Leiche unter ihrem Wetterfleck warf.

„Ich hab sie zugedeckt. Damit sie nicht ganz so … wegen der Pietät halt“, sagte die Friedl. „Ist schon gut“, sagte Gasperlmaier. „Ist dir kalt? Magst meine Jacke?“ Die Friedl schüttelte den Kopf. „Kennst sie?“ Erneutes Kopfschütteln. „Ich muss halt einmal …“, sagte er und nickte mit dem Kinn zur Leiche hin. „Ja, ja. Schau nur!“, sagte die Friedl. Gasperlmaier zog, nur widerwillig, den Wetterfleck vom Kopf der Leiche und erstarrte. Er konnte gar nicht glauben, was er da sah. Oder vielmehr wen. Es war die Geigerin von gestern, im Kurhaus. Die mit dem langen Hals und den üppigen, langen Locken. Die lagen jetzt in feuchten Strähnen auf dem Gras ausgebreitet. Am Hals hatte die Frau zahlreiche blaue Flecken, die ihm verrieten, dass jemand sie gewürgt haben musste. Sie trug noch die gleiche schwarze Bluse wie gestern beim Ballettabend. Unwillkürlich legte Gasperlmaier den Wetterfleck wieder über die Tote, trat einen Schritt zurück und faltete die Hände in stiller Andacht. Er spürte, wie ihm die Tränen kamen. Gestern Abend hatte sie noch, ganz versunken in die Musik, über die Saiten ihrer Geige gestrichen, er hatte sie ganz fasziniert beobachtet, anstatt den Tänzerinnen auf der Bühne zuzusehen, so beeindruckt hatte sie ihn mit ihrer Hingabe und ihrer ungewöhnlichen Erscheinung. Und jetzt … er trat vor die Bank, auf der die Friedl saß, schaute hinunter auf den See und bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten. Langsam, fand er, wurde er zu alt für diese Arbeit. Zu dünnhäutig. Man durfte sich als Polizist nicht zu viele Emotionen erlauben, aber in diesem Fall … Er hätte gern die Manuela dabeigehabt, sie waren einander in schwierigen Situationen immer eine Stütze gewesen, und normal wäre er nie allein hier heraufgekommen. Nur, den Kevin hatte er nicht anrufen wollen, der hätte ihm hier heroben mehr geschadet als genützt.

Der Lois kam von unten her die Straße herauf und auf sie zu. Gasperlmaier ging ihm entgegen. „Ich darf dich“, sagte er, „nicht an den Tatort lassen. Die Tatortgruppe … die kriegen jedes Mal die Krise, wenn da Leute herumgetrampelt sind.“ „Aber ich hab’s doch … ich meine, die Friedl und ich …“ „Trotzdem“, beharrte Gasperlmaier. „Ich muss die Friedl auch wegschicken. Und später müsst ihr alles zu Protokoll geben.“ Der Lois zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. „Sag, Lois, hast du heute Nacht was gehört? Ein Auto vielleicht? Oder Stimmen?“ „Ich hab nichts gehört. Ich schlaf tief. Weil seit meiner Schulter … da hab ich Schlaftabletten verordnet bekommen, und Schmerzmittel. Damit ich schlafen kann. Und dann hab ich’s mir nicht mehr abgewöhnen können.“ „Deine Frau?“ „Gesagt hat sie nichts. Aber sie ist ja noch im Bett gelegen, wie ich aus dem Haus bin, wegen der Friedl.“ Er zeigte auf die alte Frau, die sich wieder auf der Bank niedergelassen hatte.

„Friedl“, sagte Gasperlmaier, „hast irgendwas gesehen? Oder gehört? Irgendwas Ungewöhnliches?“ „Nix!“, sagte die Friedl. „Außer halt die Leich. Hat ausgeschaut, wie wenn sie einer da aufbahren wollte. An den Herrgott übergeben, oder sowas. Warum sollt denn sonst einer eine Leich ausgerechnet vor einer Kapelle hinlegen?“ „Gut beobachtet“, kommentierte Gasperlmaier. „Aber ich muss dich jetzt trotzdem bitten, dass du hinuntergehst. Wegen der Spuren. Da sind meine Kollegen ganz heikel, weißt. Ich bring dir dann deinen Wetterfleck zu dir heim.“ „Ich bin eh froh, dass ich da wegkomm“, sagte die Friedl. „Aber jedes Mal, wenn ich in Zukunft da heraufsteig, da werd ich daran denken müssen. Dass hier eine junge Frau gelegen ist, mausetot. Ich weiß nicht. Hoffentlich kommt sie mir nicht im Traum unter. Pfüat di!“

Gasperlmaier nickte gedankenverloren. Ihm kamen seine schwierigen Fälle oft im Traum unter, und diesmal hoffte er sogar, dass er noch einmal von der jungen Frau träumen würde. In seinem Traum aber sollte sie quicklebendig sein und Geige spielen, das wollte er noch einmal erleben. Er setzte sich selber auf die Bank und atmete durch. Jetzt musste er in Liezen anrufen, beim Bezirkspolizeikommando. Oder sollte er es doch lieber bei der Frau Doktor Kohlross persönlich probieren? Wenn sie nicht selber kommen konnte, würde sie zumindest alles Notwendige veranlassen. Er starrte auf den Namen und das Bild der Frau Doktor auf seinem Handy und entschloss sich, ihr noch fünf Minuten zu gönnen, bevor er sie mit der schrecklichen Nachricht konfrontierte. Eigentlich waren sie ja per du, und er nannte sie Renate, aber in Gedanken blieb sie für ihn immer noch die Frau Doktor. Vor allem, wenn es um dienstliche Angelegenheiten ging. Er setzte sich auf die Bank und sah auf den See hinunter. Eigentlich, so dachte er bei sich, wäre es ein idealer Tag gewesen, um mit den Enkelkindern baden zu gehen. Obwohl der Elisa das Wasser des Sees zu kalt war. Dem Theo aber machte das nichts aus, der planschte gern im See herum, bis seine Lippen blau waren. Daraus würde heute aber nichts werden. Morgen, so war abzusehen, wohl auch nicht.

„Servus, Gasperlmaier.“ Die Stimme der Frau Doktor klang besorgt. Kein Wunder. Wenn er so früh an einem Samstagmorgen anrief, konnte es nur eine unangenehme Nachricht sein, die er zu überbringen hatte. Gasperlmaier schluckte. „Ist was passiert?“, fragte die Frau Doktor. „Ja“, seufzte Gasperlmaier. „Eine Tote haben wir. Wahrscheinlich ermordet. Erwürgt.“ „Wo denn? Kennst du sie?“ „Bei der Kalvarienbergkapelle, oberhalb von Altaussee. Und kennen – also, sie hat gestern Abend noch im Orchester gespielt, bei der Ballettvorstellung im Kurhaus. Dort hab ich sie gesehen. Mehr aber nicht, ich weiß nicht einmal, wie sie heißt.“ Die Frau Doktor seufzte. „Furchtbar. Eine junge Frau noch dazu. Wo wir doch eh schon so viele Femizide haben. Das wird wieder ein Fressen für die Presse.“

„Wie geht’s weiter?“ „Ich schick die Tatortgruppe, die Frau Doktor Wurm und die Jovanovic. Ihr versteht euch ja eh ganz gut, oder?“ „Ja, ja“, antwortete Gasperlmaier. Das stimmte zwar, aber die Anwesenheit der Frau Doktor wäre ihm doch lieber gewesen. Aber inzwischen war sie ja Oberstleutnant geworden und musste sich hauptsächlich damit beschäftigen, Papierstapel auf ihrem Schreibtisch hin- und herzuschieben. So hatte sie zumindest im Scherz einmal behauptet. Die Jovanovic war jung, sehr sportlich und hatte eine spezielle Verhörtechnik, die Gasperlmaier gut ins Ausseerland passen zu schien. Sie hörte geduldig zu, gab den Menschen das Gefühl, sie interessiere sich auch für Dinge, die nichts mit dem aktuellen Fall zu tun hatten, und brachte sie so eher dazu, sich zu öffnen. Die Frau Doktor Kohlross war zwar mit ihrer deutlich direkteren Art auch oft erfolgreich, manchmal aber verprellte sie ihre Gesprächspartner ein wenig. Was nichts daran änderte, dass Gasperlmaier sie sehr bewunderte. Fast verehrte.

Er setzte sich wieder hin und wartete. Es blieb ihm nichts anderes übrig, er musste jetzt den Kevin Raffl anrufen, weil der sich ja schließlich wundern würde, wenn er womöglich aus dem Internet erst von dem Mord erfahren würde. „Raffl!“, meldete der sich schroff. „Ja, Kevin, ich bin … also, es hat schon einen Einsatz gegeben. Ich bin heroben bei der Kalvarienbergkapelle. Wir haben eine Tote. Erwürgt, vermutlich. Ich wart auf die Tatortgruppe.“ „Wo ist denn das?“, fragte der Kevin. „Ja, oberhalb vom Ort. Am besten, du googelst es.“ Gasperlmaier legte auf. Der Kevin rieb ihm ohnehin täglich unter die Nase, wie einfach das Recherchieren mit dem Internet war, da würde er Gasperlmaiers Standort auch herausfinden. Und wenn nicht, dann war das auch egal. Er konnte nicht ruhig sitzen und ging abermals die paar Schritte zur Leiche hinauf, verzichtete aber darauf, den Wetterfleck noch einmal anzuheben. Er hätte viel darum gegeben, die junge Frau wieder zum Leben erwecken zu können, er wollte sich mit diesem so sinnlos scheinenden Tod nicht abfinden. Aber der, der das getan hatte, der würde seine, Gasperlmaiers, Wut noch zu spüren bekommen, das nahm er sich vor.

Es dauerte nicht lang, bis sein Einsatzwagen auftauchte. Der Kevin ließ ihn einfach auf der Straße stehen, obwohl da niemand mehr vorbeikonnte. Gasperlmaier entschloss sich, zu schweigen. Sollte jemand anderer dem Kevin sagen, dass er da den Verkehr behinderte. Und wenn es nur ein Traktor war, der nach oben in den Wald wollte. „Morgen, Chef!“, sagte der Kevin, und allein das nervte Gasperlmaier schon. Er wollte nicht als Chef angesprochen werden, hatte aber vergeblich versucht, dem Kevin das abzugewöhnen, und schließlich aufgegeben. „Darf ich mal?“, fragte er und deutete auf den Wetterfleck. Gasperlmaier nickte. „Aber vorsichtig. Wegen der Spuren.“ Der Kevin begnügte sich nicht damit, den Wetterfleck über dem Kopf der Leiche anzuheben, sondern zog ihn gänzlich weg. „Vorsichtig, hab ich gesagt!“, ärgerte sich Gasperlmaier. „Eh!“, verteidigte sich der Kevin und ließ den Wetterfleck achtlos neben der Leiche ins Gras fallen. Der Rock war hochgerutscht und gab den Großteil der Oberschenkel frei. Die Frau war sehr schlank gewesen, und deswegen war es dem Täter wohl leichtgefallen, sie hierher zu tragen. „Fesche Katz“, kommentierte der Kevin. „Schad drum!“ „Und wenn sie nicht fesch wär? Wär’s dann nicht schad drum?“, ärgerte sich Gasperlmaier. „Ganz cool bleiben, Chef!“ Der Kevin drückte seine Handflächen nach unten, so, als ob er einen hysterischen Hund besänftigen wollte, was Gasperlmaier noch mehr aufbrachte. „Jetzt deck sie wieder zu!“, herrschte er den Kevin an. „Wieso?“, fragte der. „Die Tatortgruppe …“ Gasperlmaier ließ ihn nicht ausreden. „Weil ich es sage!“, bellte er. Er hasste diesen ärgerlichen Befehlston an sich selber, aber der Kevin wollte es nicht anders. Schulterzuckend breitete der Kevin den Wetterfleck wieder über die Tote. Deren Kleidung, so dachte Gasperlmaier bei sich, schien in Ordnung zu sein, niemand hatte versucht, sie zu entkleiden. Das deutete darauf hin, dass es sich wohl um keinen Sexualmord handelte. Hoffentlich. Das hätte er eigentlich gleich der Frau Doktor Kohlross sagen sollen, bevor er den Kevin geholt hatte, schalt er sich innerlich.

„Wer kommt denn jetzt? Aus Liezen, mein ich?“, fragte er. „Zuerst einmal die Tatortgruppe“, antwortete Gasperlmaier. „Und dann die Frau Gruppeninspektor Jovanovic, Emina Jovanovic.“ „Jovanovic?“, fragte der Kevin mit einem irgendwie feindseligen Unterton in der Stimme. „Eine Frau? Noch dazu, eine … von da unten?“ „Ja“, sagte Gasperlmaier. „Eine Frau. Und sie macht ihre Sache sehr gut. Ich kenn sie schon.“ „Ich weiß nicht“, sagte der Kevin. „Frauen bei der Polizei … die sind doch dem Stress nicht gewachsen.“ Gasperlmaier seufzte, verzichtete auf eine Antwort und hoffte, dass bald Verstärkung auftauchen würde, denn mit dem Kevin als alleinige Gesellschaft war es schwer auszuhalten.

Zu seinem Glück musste er das Schweigen nicht sehr lange erdulden. Der Bus der Tatortgruppe tauchte auf, und schon bald darauf erfüllte stille, aber effiziente Geschäftigkeit den Platz vor der Kalvarienbergkapelle. „Servus, Gasperlmaier!“ Er hatte gar nicht bemerkt, dass die Jovanovic bereits angekommen war. Sie drückte ihm kräftig die Hand. Sehr kräftig sogar. „Eine junge Frau?“, fragte sie. „Ist die Gerichtsmedizinerin, die Doktor Wurm, schon da?“ Gasperlmaier schüttelte den Kopf. „Ich hab sie gestern noch gesehen. Das Opfer, mein ich. Sie hat Geige gespielt, beim Ballettabend in Bad Aussee. Sie hat immer noch die gleichen Kleider an. Sonst weiß ich nichts über sie.“ Die Jovanovic nickte. „Ihre Identität werden wir also bald heraushaben.“ Sie trat zur Leiche, Gasperlmaier folgte ihr. „Offensichtlich erwürgt“, stellte die Jovanovic fest. „Da brauch ich keinen Arzt dazu.“ „Hab ich mir auch schon gedacht“, sagte Gasperlmaier. „Die Kleidung scheint an Ort und Stelle zu sein. Auf den ersten Blick, würde ich sagen, kein sexuell motivierter Mord.“ Ein Mann in weißem Overall war zu ihnen getreten. „Der Tatort kann nicht hier gewesen sein, sie muss hier abgelegt worden sein, zu wenig Fußspuren, und sie müsste sich ja auch gewehrt haben. Vor allem haben wir keine Abdrücke von ihren Absätzen gefunden.“ Er deutete auf die schmalen Absätze der schwarzen Schuhe an der Leiche. „Es hat zwar geregnet, aber wenn sie mit diesen Absätzen hier selbst herumgegangen wäre …“ Er ließ seine Schlussfolgerung offen. „Sie hatte keine Handtasche, kein Handy dabei“, sagte er noch. „Scheiße“, fluchte die Jovanovic. „Wär aber auch ein Wunder gewesen, wenn es uns der Täter so leicht gemacht hätte.“ Gasperlmaier fiel nicht mehr ein als ein resigniertes Schulterzucken.

„Müssen wir also auch noch den Tatort finden“, sagte die Jovanovic, während sie einen Moment ratlos in seine Augen starrte. Sie musste dafür nicht ihren Kopf verrenken, denn sie war gleich groß wie Gasperlmaier, schlank, aber muskulös, er wusste, dass sie früher eine recht erfolgreiche Triathletin gewesen war. „Willst du mir deinen Kollegen nicht vorstellen?“, fragte sie dann lächelnd. „Ah, das ist der Kevin!“, erklärte Gasperlmaier. Der schüttelte der Jovanovic nur zögerlich die Hand und wandte sich danach gleich wieder von ihr ab.

„Warum eine Kapelle?“, fragte die Emina. „Warum hat der Täter sich ausgerechnet eine Kapelle ausgesucht, um sein Opfer abzulegen? Was meinst du?“ Gasperlmaier hatte während des Wartens genügend Zeit zum Grübeln gehabt. „Schlechtes Gewissen vielleicht. Ich meine, er könnte so eine Idee gehabt haben, den Leichnam in die richtigen Hände … aus Reue, oder so?“ Die Emina nickte. „Kann ich mir gut vorstellen. Es gibt solche Fälle, bei Mafiamorden zum Beispiel. Da wurden die Opfer allerdings vor Kirchen abgelegt, um ein Zeichen zu setzen.“ „Welches denn?“, fragte Gasperlmaier etwas ratlos. „Zum Beispiel, dass man Macht über Leben und Tod hat. Mehr Macht als Kirche und Gott.“ Gasperlmaier kratzte sich an der Nase. „Das kommt aber bei uns eher nicht in Frage, oder?“ Die Emina schüttelte lächelnd den Kopf.

„Grüß euch!“, sagte die Frau Doktor Wurm, die zuständige Gerichtsmedizinerin. Gasperlmaier schrak auf, als sie die Hand auf seine Schulter legte. Er hatte sie gar nicht kommen sehen. Sie deutete auf die Leiche. „So hab ich’s gern! Das Gras ist schön weich, der Tau ist auch schon großteils aufgetrocknet. Gut für meine Knie, und meine Hose.“ Die Jovanovic schüttelte der Frau Doktor die Hand und nickte. „Grüß Gott, Herr Bezirksinspektor“, begrüßte sie Gasperlmaier. „Ihre Beförderung ist mir nicht verborgen geblieben!“ „Passt schon“, sagte Gasperlmaier. „Das ist der Kevin, weil, die Manuela ist ja in Karenz.“ Gasperlmaier hatte das Gefühl, als würde der Kevin auch der Frau Doktor Wurm die Hand nur widerwillig schütteln. Er zog dazu ein saures Gesicht und sagte nichts. War es möglich, dass der Kerl etwas gegen Frauen hatte? Was konnte es sonst für einen Grund für sein seltsames Verhalten geben?

Ächzend kniete sich die Frau Doktor neben die Leiche. „Was haben wir denn da?“, fragte sie, mehr sich selbst als jemand anderen. „Auf den ersten Blick sieht das nach Würgemalen aus. Von hinten. Seht ihr, so!“ Sie richtete sich auf. Gasperlmaier griff sich überrascht an den Hals, als die Frau Doktor an ihm demonstrierte, wie die junge Frau ums Leben gekommen sein könnte. Ein lautes „Öha!“ entfuhr ihm. „Nur keine Angst, Gasperlmaier“, lachte sie. „Ich hab kein Attentat vor. Schauen wir einmal weiter.“ Sie nahm die sorgfältig manikürten Fingernägel der Leiche unter die Lupe. „Sehr gepflegt“, sagte sie. „Sie war Musikerin, höre ich? Wahrscheinlich war sie sich dessen bewusst, dass man ihr bei der Arbeit auf die Finger schaut.“ Sie inspizierte die Fingernägel näher und hob dabei die Arme der Leiche an. „Schade!“, sagte sie dann und ließ die Arme wieder zu Boden gleiten. „Kein Schmutz, kein Blut, keine Hautpartikel. Zumindest, soweit ich das jetzt sehe. Sie scheint keine Gelegenheit gehabt zu haben, sich zu wehren. Das macht eure Arbeit wahrscheinlich ein bissl aufwendiger.“ „Todeszeitpunkt?“, fragte die Jovanovic. Die Frau Doktor Wurm seufzte. „Das würdet ihr natürlich gern wissen, ich versteh schon. Grobe Schätzung: Vier bis zehn Stunden, genauer geht’s noch nicht. Die Totenstarre ist spürbar, am Hals, auch teilweise in den Schultergelenken, Ellenbogen, Fingern. Aber noch nicht voll ausgeprägt. Bei dieser Temperatur … und vor allem, wo wir ja nicht wissen, wie lange sie möglicherweise in einem Raum gelegen ist, bevor man sie hierhergebracht hat … schwierig, es genauer anzugeben.“

„Wann war die Vorstellung gestern aus?“, fragte die Jovanovic. „Um Viertel nach zehn“, sagte Gasperlmaier. „Ungefähr.“ „Und um sechs Uhr früh ist sie gefunden worden.“ Die Jovanovic sah auf die Uhr. „Jetzt ist es sieben. Also nicht vor halb elf, und nicht nach drei Uhr früh, würde ich sagen. Das hilft uns schon weiter. Gasperlmaier, du telefonierst jetzt einmal herum, wegen der Identität. Das kann in diesem Fall ja nicht so schwer sein.“ Gasperlmaier nickte, begab sich zur Bank und zog sein Telefon aus der Jackentasche.

In der Verwaltung des Congress war natürlich am Samstagvormittag niemand zu erreichen. Es lief ein Band, Gasperlmaier legte gleich auf. Wen konnte er sonst anrufen, um herauszufinden, wer das Orchester leitete, das gestern Abend gespielt hatte? Er entschloss sich, es bei seiner Schwiegertochter Richelle zu probieren, die arbeitete schließlich beim Tourismusverband und hatte sicher alle nötigen Kontakte zu den Kulturschaffenden im Ausseerland. Aber auch die Richelle meldete sich nicht, wahrscheinlich war sie mit den Kindern beschäftigt. Schließlich fiel ihm ein, dass vor der toten Geigerin eine ehemalige Schülerin seiner Frau gesessen war, wie hatte sie doch gleich geheißen? Vielleicht konnte die Christine bei der nachfragen. „Na?“, fragte seine Frau, die gleich abhob. „Schlimm?“ „Noch schlimmer“, sagte Gasperlmaier. „Es ist die Geigerin, die gestern direkt vor uns gesessen ist. Die mit dem langen Hals und den dichten Locken.“ „Die, die du so angestarrt hast?“, fragte die Christine. „Das ist doch jetzt … ich brauch ihre Identität – und da war doch deine Schülerin vor ihr. Kannst du … und auf keinen Fall erwähnen, was passiert ist, hörst du!“ Die Christine seufzte. „Ich werd mein Bestes geben. Ich melde mich wieder.“ Gasperlmaier legte auf.

Inzwischen war der Bestatter aufgetaucht, der alte Strnad samt seinem Gehilfen Otto. „Otto“, mahnte Gasperlmaier und zeigte auf dessen im Mundwinkel glimmende Zigarette. „Geh noch einmal zur Straße zurück und schau, dass du dort den Glimmstängel loswirst. Weißt eh, Tatort!“ Der Otto zog ein letztes Mal kräftig an, nickte dann aber und machte kehrt. „Dürfen wir schon?“, fragte der Strnad und deutete auf die Leiche der jungen Frau, die immer noch unbedeckt im nassen Gras lag. „Ich frag gleich. Wartet noch einen Moment.“ Der Otto war schon wieder auf dem Weg zu ihnen her, hatte eine frische Zigarette im Mundwinkel hängen und zog gerade sein Feuerzeug aus der Hosentasche. „Otto!“, schrie Gasperlmaier. Der zuckte zusammen, grinste und steckte das Feuerzeug wieder weg. „Weißt eh, die Sucht!“, murmelte er entschuldigend und steckte seine Zigarette hinters Ohr. Seine Haare, so stellte Gasperlmaier fest, hingen fettig darüber. Ob die Zigarette später wohl noch brauchbar sein würde?

Noch bevor er nachfragen konnte, ob die Leiche abtransportiert werden durfte, läutete sein Handy. „Die Geigerin“, sagte die Christine, „heißt Julia Eckstein. Aus welchem Ort sie kommt, hat die Sophie nicht gewusst. Nur, dass sie in Wien Musik studiert und nur gelegentlich, in den Ferien, hier beim Orchester mitmacht. Sie ist anscheinend eine erstklassige Geigerin gewesen. Und eine vorbildliche Studentin.“ Gasperlmaier seufzte und bedankte sich. Julia also. Jetzt, wo die Tote auch einen Namen hatte, spürte er seine Trauer um dieses junge Leben noch heftiger als zuvor. Am liebsten hätte er sich ins Bett gelegt und geweint. Voller Sehnsucht dachte er an seine Pläne für die Pension. Er wollte das Schiffsführerpatent erwerben, um zumindest als Urlaubsvertretung das Linienschiff auf dem Altausseersee steuern zu dürfen. Dabei würden einen ganz sicher keine solchen schrecklichen Erlebnisse erwarten wie heute Morgen, ganz im Gegenteil. Nichts als Ruhe und Frieden.

Gasperlmaier trat an die Jovanovic heran, die sich gerade im Gespräch mit der Frau Doktor Wurm befand. „Die Identität hätten wir“, sagte er. „Julia Eckstein heißt sie.“ Er nickte mit dem Kinn in die Richtung der Leiche, von der er hoffte, dass sie bald zumindest im Schutz eines Sarges würde abtransportiert werden. „Eine Musikstudentin. Der Kevin soll uns eine Adresse rausfinden“, sagte er noch und wandte sich ab. Der Kevin stand mit einer Dose Energydrink in der Hand etwas abseits und schien sich zu langweilen. „Suchst uns alle in der Gegend, die Eckstein heißen“, trug Gasperlmaier ihm auf. „Aber keinesfalls selber dort anrufen, verstehst du?“ Der Kevin nickte. „Versteh alles, Chef!“ Achtlos ließ er die Dose zu Boden fallen. „Dort ist der Mistkübel!“, wies ihn Gasperlmaier zurecht und wandte sich kopfschüttelnd ab. Man konnte nur hoffen, dass der Kevin dazulernte oder bald wieder von der Bildfläche verschwand. Um ihn zu erziehen, dazu fand sich Gasperlmaier weder zuständig noch imstande. „Du, Chef!“, rief ihn der Kevin zurück. „Wem gehört denn der Schrotthaufen da?“ Er deutete auf den roten Ford Mustang der Emina Jovanovic. Es war ein Elektroauto, wie Gasperlmaier bereits wusste. „Der Jovanovic, wieso?“ „Ist das vielleicht so eine spinnerte Grüne?“, fragte der Kevin. „Weil, das ist ein E-Auto!“ „Und?“, fragte Gasperlmaier. „Na, mit meinem Diesel, da komm ich mit einem Tank bis nach Lignano und wieder zurück!“, prahlte der Kevin. „Ja, ja“, gab Gasperlmaier zu und wandte sich endgültig ab.

Als Gasperlmaier zur Emina Jovanovic zurückkehrte, verschloss die Frau Doktor Wurm gerade ihre Tasche, und der Strnad und der Otto hatten ihren Sarg neben der Toten abgestellt. Sanft, fast liebevoll, hoben die beiden die Julia Eckstein in den Sarg und verschlossen ihn. „Wir werden bald wissen, wo sie gewohnt hat“, sagte Gasperlmaier. „Da müssen wir dann wohl hin, oder?“ Die Emina nickte. „Ja. Das sind so Sachen …“ Sie konnte es sich sparen, ihren Satz zu vollenden. Gasperlmaier wusste, wie schrecklich es war, nichtsahnenden Angehörigen eine Todesnachricht überbringen zu müssen.

„Eckstein habe ich nur eine Familie gefunden.“ Der Kevin kam auf sie zu. „In Bad Mitterndorf. Die einzige im ganzen Bezirk.“ „Gut gemacht, Kevin“, rang sich Gasperlmaier ein Lob ab. „Bitte fahrst dann wieder auf den Posten, sobald die Straße frei ist. Ich bin mit der Frau Jovanovic unterwegs, zu den Angehörigen.“ „Mit der Batterieschaukel?“, grinste der Kevin. „Ja“, nahm die Emina ihm eine Antwort ab. „Mit der Batterieschaukel!“, bestätigte sie mit einem entwaffnenden Lächeln. „Ah, der Wetterfleck!“ Gasperlmaier bückte sich und hob das Kleidungsstück aus grauem Loden auf. Es war, ebenso wie das Dirndl der Friedl Moser, schon ein wenig abgewetzt. Wahrscheinlich Jahrzehnte alt. Gasperlmaier legte es auf den Rücksitz.

Beide schwiegen sie auf dem Weg nach Bad Mitterndorf eine Zeitlang vor sich hin. Wahrscheinlich, so dachte Gasperlmaier bei sich, fiel es der Emina genauso schwer wie ihm, einer Familie eine Todesnachricht überbringen zu müssen. Er fragte sich, ob sie vielleicht vorher was frühstücken sollten, um besser für die Begegnung mit den Angehörigen gewappnet zu sein. Sein Magen kannte da kein Pardon, auch wenn ihm – im übertragenen Sinne – schon etwas im Magen lag. „Ich brauch zuerst ein kleines Frühstück“, sagte die Emina. Die Frau konnte Gedanken lesen. „Einen Supermarkt kenn ich dort“, empfahl Gasperlmaier. „Die haben wohl auch Kaffee. Zumindest im Pappbecher.“ Die Emina trug ihrem Navi auf, sie zum Supermarkt in Bad Mitterndorf zu lotsen, und eine freundliche männliche Stimme bestätigte, genau das tun zu wollen. Gasperlmaier staunte. Sowas gab’s in seinem Auto nicht.

Als er an seinem Croissant im Vorraum des Marktes kaute, wollte er immer noch nicht über den bevorstehenden Besuch reden. „Wie geht’s denn der Frau Doktor Kohlross?“, fragte er stattdessen. „Geht so“, antwortete die Emina. „Es gibt halt immer wieder Schwierigkeiten mit dem Vater von der Sophie, er versucht an sie heranzukommen, wenn er gerade nicht einsitzt. Aber ich glaube, er hat ein Kontaktverbot. Die Sophie akzeptiert das aber nicht und ist, wie’s scheint, recht bockig. Kommt halt auch schon in die Pubertät.“ Die Sophie, die Tochter der Frau Doktor Kohlross, stammte aus einer unglücklichen früheren Beziehung mit einem spielsüchtigen Kleinkriminellen, der ihr das Leben immer wieder schwermachte. Jetzt war sie mit einem Volksschuldirektor verheiratet und hatte mit dem auch einen gemeinsamen Sohn namens Max. Vor ihrer Beförderung hatte sie in zahlreichen Fällen im Ausseerland ermittelt, natürlich mit Gasperlmaier an ihrer Seite. Der betrachtete die Frau Doktor Kohlross nicht als Vorgesetzte, sondern eher als Freundin.

„Hilft ja nichts!“, stöhnte die Emina, knüllte ihren Pappbecher zusammen und warf ihn in den bereitstehenden Mülleimer. „Bevor sie’s noch von jemand anderem erfahren …“ Minuten später standen sie vor einem unauffälligen Einfamilienhaus am Ortsrand von Bad Mitterndorf. Der Garten schien ein wenig verwildert, war aber nur dicht bepflanzt. Vor dem Haus parkte ein großer Kombi. Gasperlmaier fielen zwei Kindersitze auf der Rückbank auf. Es gab also, so schloss er messerscharf, Enkel in diesem Haushalt. Was jetzt wirklich schlimm gewesen wäre, so dachte er bei sich, wenn die Enkel Kinder der toten Julia wären. Aber die war wohl noch zu jung für zwei Kinder. Die Emina stieg die Stufen zur Haustür hinauf und läutete. Das Croissant drückte im Magen. Eine Frau, sie schien etwa Mitte 50, öffnete die Tür. Blondes, glattes Haar, Brille, Jeans und Pullover. „Ja, bitte?“ Auf ihrer Stirn erschien eine senkrechte Falte. Wahrscheinlich war sie es nicht gewohnt, dass am Samstagmorgen Fremde auftauchten. Und Gasperlmaiers Uniform war ihr sicherlich Grund genug für Skepsis. „Ist was passiert?“, fragte sie, mit bereits alarmierter Stimme.

Die Emina zeigte ihren Ausweis und stellte sich vor. „Dürfen wir hereinkommen?“ Die Frau nickte. „Werner!“, rief sie mit Blick nach oben ins Stiegenhaus. „Werner! Die Polizei ist da!“ „Mein Mann ist oben“, fügte sie entschuldigend hinzu. „Er forscht!“ Sie lächelte unsicher. „Grüß Gott.“ Der Mann, der die Stiegen herunterkam, trug einen grauen Vollbart, ein ebenso graues T-Shirt und eine karierte Pyjamahose. „Kennen Sie eine Julia Eckstein?“, fragte die Emina. „Sie hat gestern Abend in Bad Aussee beim Ballettabend Geige gespielt“, ergänzte Gasperlmaier. Die Frau schlug sich eine Hand vor den Mund, beide nickten. „Das ist unsere Tochter“, sagte der Mann.

Wenig später saßen die beiden weinend auf dem Sofa im Wohnzimmer und umklammerten einander. Die Emina und Gasperlmaier saßen ihnen auf Polstersesseln gegenüber, Gasperlmaier schluckte, um die Tränen zurückzuhalten. „Was ist denn genau …“ „Ihre Tochter“, sagte die Emina sanft, „ist gewaltsam getötet worden. Sie dürfte aber nicht lange gelitten haben.“ Gasperlmaier konnte nicht anders, als sich auszumalen, wie lange es dauern musste, jemanden zu erwürgen. Die fürchterlichen Momente, in denen es nicht gelang, Atem zu holen, bevor man das Bewusstsein verlor … Er schloss die Augen.

„Wir haben sie bisher nicht vermisst“, flüsterte schließlich stockend der Vater, „weil wir gedacht haben, dass sie bei ihrem Freund übernachtet. Entschuldigen Sie“, er stand auf und verschwand hinter einer Tür, die er geräuschvoll hinter sich zuwarf. Seine Frau nahm ein frisches Taschentuch aus einer Schachtel auf dem Wohnzimmertisch. Sie wischte sich die Augen. „Sie müssen verstehen“, sagte sie. „Sie war sein Ein und Alles. Er ist der Musiker in der Familie. Ich …“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Der Freund hat sie nicht vermisst?“, fragte die Emina. Die Frau schüttelte den Kopf. „Es ist ja erst …“ Sie sah auf die Uhr. „Halb neun. Der wird wohl noch schlafen.“ Die Emina nickte. „Dürfen wir Ihnen jemanden schicken? Als Beistand?“ Die Frau nickte. „Ich glaube schon. Ich möchte jetzt nicht allein sein. Und der Werner …“ Sie nickte mit dem Kinn Richtung Tür, vollendete den Satz aber nicht. „Julias Schwester, die hat zwei kleine Kinder und wohnt mehr als eine Stunde weg. Die kann ich jetzt auch nicht …“ Sie schüttelte den Kopf. „Frau Eckstein, ich weiß, das ist in dieser Situation schwierig. Aber wir brauchen Julias Kontakte, die Leute, mit denen sie Zeit verbracht hat.“ Die Frau Eckstein nahm ein frisches Taschentuch aus der Schachtel vor ihr und trocknete sich die Augen. „Sie war ja meistens in Wien, nur in den Ferien …“ Sie stockte. „Da war vor allem die Elisabeth Pichler. Die spielt auch im Orchester in Bad Aussee, wenn sie Zeit hat. Cello. Sie ist ein bisschen älter, aber sie kennen sich schon von der Schule, vom Gymnasium …“ Ihre Stimme brach. „Sonst?“, fragte die Emina sanft nach einer langen Pause. Die Frau Eckstein zuckte erneut mit den Schultern. „Erwähnt hat sie in letzter Zeit sonst niemanden. Sie verbringt …“ Wieder begann sie zu schluchzen, und es dauerte eine Weile, bis sie weiterreden konnte. Gasperlmaier hatte das Gefühl, als wäre es eine Qual für sie, weiterzureden. „Sie hat viel Zeit mit ihrem Instrument verbracht. Auch komponiert, und so.“ „Sonst fällt Ihnen kein Name mehr ein?“, fragte die Emina. „Es geht hier nicht darum, wen Sie verdächtigen. Nur darum, Anknüpfungspunkte zu finden, zu Leuten, die mit Julia zu tun hatten.“ Die Frau Eckstein schüttelte den Kopf.