Letzter Stollen - Herbert Dutzler - E-Book
Beschreibung

Mord unter Tage: Ausgerechnet an Gasperlmaiers Geburtstag verschwindet ein Tourist bei einer Führung im Salzbergwerk. Hat er sich im Stollen-Labyrinth verirrt, oder hat ihn jemand beiseitegeschafft? Statt zu feiern, muss Gasperlmaier ermitteln – dabei wird ihm unter der Erde ganz flau im Magen. Dass der Vermisste wenig später tot aufgefunden wird, hilft da auch nicht … Gewohnt liebenswert und ungewöhnlich heldenhaft: In seinem neuen Fall wächst der beliebteste Ermittler Österreichs über sich hinaus!

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Herbert Dutzler

Letzter Stollen

Ein Altaussee-Krimi

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
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Danksagung
Herbert Dutzler
Zum Autor
Impressum
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1

Eigentlich hatte Gasperlmaier das gar nicht gewollt. Eine kleine, feine Feier hatte er sich zu seinem Fünfziger ausbedungen, weil er nicht gerne im Mittelpunkt großer Menschenmengen stand. Er hasste es, wenn alle ihn anlächelten, fragwürdige Glückwünsche ebenso wie dumme Sprüche über das Alter ausgetauscht wurden und Dutzende Augenpaare jede seiner Regungen taxierten. Ein Fass Bier für die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr war natürlich nicht zu vermeiden gewesen, das hatte er mit Bravour schon vorige Woche hinter sich gebracht, denn bei der Feuerwehr waren Feiern zu runden Geburtstagen so häufig, dass man kein großes Aufheben davon machte. Diesmal waren es drei Geburtstagskinder auf einmal gewesen, also auch drei Fässer.

An diesem Samstagnachmittag allerdings stand er in der großen Stube beim Schneiderwirt alleine im Zentrum der Aufmerksamkeit, und die Christine, seine Frau, hatte doch mehr Leute eingeladen, als ihm lieb war. Manche davon waren eine durchaus angenehme Überraschung gewesen, wie zum Beispiel die Chefinspektorin Doktor Kohlross, der er schon mehrmals bei der Aufklärung kniffeliger Kriminalfälle unter die Arme hatte greifen dürfen. Nur symbolisch, selbstverständlich. Und natürlich freute er sich auch, dass seine Kinder Zeit gefunden hatten, zu kommen. Vor allem, wo seine Tochter gerade ein Auslandssemester in Straßburg, in Frankreich, absolvierte. Dass ihn allerdings der Christoph gerade heute mit seiner neuen Freundin konfrontieren musste, das war auch wieder ein wenig mühsam. Die war nämlich, so hatte er erfahren, aus Kanada, und er wusste nicht so recht, ob sein Hochdeutsch ausreichte, um sich mit einer Kanadierin zu verständigen. Von seinem miserablen Englisch einmal ganz abgesehen.

Er war gerade mit seinem Schnitzel zu Ende und dabei, sich den Mund abzuwischen, als die Geigenmusik einen Tusch spielte. Damit war es wohl so weit, und er würde sich in das Unvermeidliche zu fügen haben. Er wusste von früheren Anlässen her, dass die Familienmitglieder und Freunde es sich in der Regel nicht nehmen ließen, vor der Übergabe der Geschenke irgendwelche albernen Scherze mit dem Geburtstagskind zu treiben, und vor lauter Nervosität deswegen hatte er heute Nacht miserabel geschlafen. Der Begrüßungssekt und die zwei Bier, die er seither getrunken hatte, hatten ihn allerdings ein bisschen entspannt, und so hatte er auf diesen Programmpunkt beinahe schon vergessen gehabt.

„Lieber Franz!“ Der Grill Peter, sein Kollege und Postenkommandant von Bad Aussee, hielt ein großes, in braunes Packpapier gewickeltes Paket in Händen, das irgendetwas Weiches zu enthalten schien. „Du feierst heute deinen Fünfziger, und zudem bist du schon über dreißig Jahre im Polizeidienst.“ Der Peter holte tief Atem, und die versammelte Geburtstagsgesellschaft applaudierte. Die Christine deutete Gasperlmaier, aufzustehen, was ihn noch mehr in den Mittelpunkt rückte, als es ohnehin schon der Fall war. Verlegen nickte er in die Runde. Der Peter redete und redete, Gasperlmaier blickte zunächst zu Boden, dann in eine ganze Menge erwartungsvoller Gesichter, wo sein Blick an der Freundin des Christoph hängen blieb. Die war wegen ihrer großen Augen und mit ihren langen, schwarz glänzenden Haaren wirklich eine auffällige Erscheinung. Und sehr hübsch. Als sie merkte, dass Gasperlmaier sie anstarrte, zwinkerte sie ihm zu und winkte. Rasch löste er seine Blicke von ihr. „… haben wir uns gedacht, dass du ja schon die dritte Generation der Gasperlmaiers bist, die in der Uniform steckt. Und deswegen haben wir dir …“ Er öffnete das Paket und enthüllte eine alte Gendarmerieuniform samt Dienstmütze, die Gasperlmaier sehr groß, allzu groß erschien. Der Grill Peter entfaltete die Uniformhose, grau mit einem gelben Streifen, wie es damals üblich gewesen war, und Gelächter wurde laut. Die Hose, so sah Gasperlmaier, war ihm mit Sicherheit viel zu groß. Und die Jacke, das erkannte er auf den ersten Blick, war ebenfalls für einen weit beleibteren Mann geschneidert worden und trug zudem die Schulterabzeichen eines Abteilungsinspektors.

„Und so ernennen wir dich, zumindest für heute, zum Abteilungsinspektor!“ Der Grill Peter überreichte ihm die Uniformteile und Gasperlmaier konnte nicht anders, als sie entgegenzunehmen. Sonst wären die Textilien auf dem Boden gelandet. „Anziehen, anziehen!“, schrien plötzlich alle und klatschten dazu in die Hände. Ratlos sah Gasperlmaier seiner Christine in die Augen. Die nickte ihm zu. „Sei kein Spaßverderber! Das passt doch locker über dein Gewand!“ Wie es sich für einen Altausseer gehörte, war Gasperlmaier selbstverständlich in seiner Lederhose zur Geburtstagsfeier gekommen. Die war in den letzten Jahren ein wenig weit geworden und wurde mehr oder weniger nur mehr von den Hosenträgern oben gehalten. Wahrscheinlich hatte das Leder nachgegeben, denn abgenommen hatte er seines Wissens nicht. Obwohl er eigentlich nie auf die Waage stieg. Höchstens einmal nach den Weihnachtsfeiertagen, wenn er ein allzu schlechtes Gewissen wegen der Völlerei hatte. Aber da fehlten ihm halt in der Regel die Vergleichswerte.

Sein Freund und ehemaliger Postenkommandant, der Kahlß Friedrich, stieß ihn in die Rippen. „Die Uniform“, grinste er, „die wär mir selbst in meiner besten Zeit zu groß gewesen.“ Der Friedrich war vor ein paar Jahren in Pension gegangen, und bis dahin hatte er ständig zugelegt und sogar wenige Monate vor seiner überraschenden Pensionierung noch um eine größere Uniform ansuchen müssen. Seit er in den Ruhestand getreten war, hatte er sein Leben völlig auf den Kopf gestellt, war sportlich geworden, ernährte sich vernünftig und hatte es fertiggebracht, die noch recht gut erhaltene Besitzerin eines Trachtengeschäfts aus Bad Aussee zu ehelichen, die sogar ein paar Jahre jünger war als er.

Unter dem Gejohle und Applaus seiner Gäste schlüpfte Gasperlmaier in die Hose und streifte die Jacke über. Die Ärmel waren ihm zu lang, und so gelang es ihm nur mit Mühe, die Hose festzuhalten, die ihm bei der leisesten Bewegung wieder die Beine hinunterrutschte. Besondere Heiterkeit löste das Aufsetzen der Kappe aus – auch der Kopf des Abteilungsinspektors schien erheblich umfänglicher als der Gasperlmaiers gewesen zu sein. Plötzlich erscholl Musik aus einem unsichtbaren Lautsprecher, und fünf oder sechs junge Leute, alle in Grau und mit Gendarmeriekappen ausgerüstet, stellten sich vor Gasperlmaier auf. Es dauerte eine Zeitlang, bis er begriff, dass sie das Lied „Razzia“ von Rainhard Fendrich sangen. Kopien mit den Texten wurden herumgereicht, und ehe er es sich versah, sangen alle mit.

Recht polizeifreundlich war das Lied nicht, und Gasperlmaier musste seine Kappe weit zurückschieben, um mitlesen zu können. Zudem musste er mit einer Hand seine Hose festhalten. Er kam sich unglaublich dämlich vor. Warum nur hatte er sich dazu bereit erklärt, ein solches Kasperltheater mitzumachen? Hatte er sich überhaupt bereit erklärt? „A alte Frau, die alles sieht und alles hört, hat sich beschwert …“, sangen sie. Gasperlmaier musste an die Frau Haselbrunner denken, die seit Menschengedenken fast jeden Tag auf dem Polizeiposten erschien, um eine Anzeige gegen die Schulkinder vorzubringen, die auf dem Schulweg eine Abkürzung über eines ihrer Grundstücke genommen hatten.

„Tanzen!“, schallte es plötzlich von allen Seiten. „Ja, tanzen!“ Wiederum warf Gasperlmaier seiner Christine einen Blick zu, diesmal einen noch verzweifelteren. Doch die nickte wieder und fasste ihn an der Hand, während Gasperlmaier verzweifelt versuchte, seine Uniformhose am Hinunterrutschen zu hindern. Die Gäste wichen zurück, ein freier Platz tat sich auf, die Christine erkannte seine Notlage, griff ihn am Hosenbund und zog ihn schwungvoll über das Tanzparkett. Sie wusste aus langjähriger Erfahrung, wie sie ihn zu führen hatte, und er war ihr unendlich dankbar dafür. Das Lied schien kein Ende zu nehmen, doch irgendwann ließ ihn die Christine doch los, die Musik verstummte, alles applaudierte, und Gasperlmaier ließ die übergroße Uniformhose zu Boden sinken, in der Hoffnung, dass damit dem Spaßbedürfnis seiner Kollegen Genüge getan sein würde. Tatsächlich protestierte niemand dagegen, dass er sich der Uniform entledigte, unter der er bereits kräftig zu schwitzen begonnen hatte. „This is so funny!“, hörte er die Freundin von Christoph kommentieren. Hoffentlich hatte sie nicht ihn persönlich gemeint. Hatte sie am Ende „He is so funny“ gesagt? Wenn sich Gasperlmaier nicht täuschte, bestand zwischen den beiden Sätzen, was ihre Bedeutung betraf, ein gewaltiger Unterschied. Wenigstens, so glaubte er beobachtet zu haben, hatte ihn beim Tanzen niemand mit dem Handy gefilmt. Damit hatte er ja auch schon unangenehme Erfahrungen gesammelt.

Als er wieder auf seinen Platz zurückkehrte, standen der Grill Peter und die Manuela Reitmair, seine Kollegin vom Posten in Altaussee, bereits mit erwartungsvollen Gesichtern dort. „Zum Fünfziger“, lächelte die Manuela, „gibt es natürlich auch noch ein ordentliches Geschenk!“ Sie war zwar nicht aus dem Ausseerland, hatte aber ihm zu Ehren heute ein Ausseer Dirndl angezogen, und es stand ihr, so fand Gasperlmaier, ausgezeichnet. Er bemühte sich, seine Blicke nicht auffällig auf ihrem Ausschnitt verweilen zu lassen. Die Manuela schob ihm ein Kuvert zwischen die Finger, drückte Gasperlmaier fester an sich, als er das für nötig hielt, und küsste ihn auf die Wangen.

Gasperlmaier sorgte sich, dass womöglich der Grill Peter und der Kahlß Friedrich es auch für nötig halten würden, ihn anlässlich seines Fünfzigers zu küssen, doch seine Sorge war unbegründet. Der Friedrich ließ lediglich seine Pranke so kräftig auf Gasperlmaiers Schulter niedersausen, dass dieser sich wand, bereitete ihm doch die Schulter ohnehin seit geraumer Zeit etwas Sorgen. Er konnte den Arm nur bis etwa auf Schulterhöhe heben, ohne dass er Schmerzen verspürte. Und Schläge waren auch nicht gerade hilfreich.

Die Frau Doktor Kohlross, ebenfalls in der Tracht, strahlte ihm entgegen. Ihre dunklen Haare, fand Gasperlmaier, harmonierten ausgezeichnet mit dem Dirndl, aber es war ihm, als hätten sich da einige kaum wahrnehmbare graue Strähnen in die Haarpracht eingeschlichen. Die Frau Doktor hatte ihre kleine Tochter, die Sophie, auf der Hüfte sitzen, die gelangweilt an zweien ihrer Finger lutschte und Gasperlmaier skeptisch musterte. „Sag schön ‚Herzlichen Glückwunsch‘, Sophie. Der Gasperlmaier hat nämlich heute Geburtstag!“ Die Sophie schaute aber bloß finster und ließ ein wenig Spucke über ihr Kinn laufen. Umso herzlicher drückte ihn dafür die Frau Doktor an sich, was er sich gerne gefallen ließ. Zu einem runden Geburtstag konnte nicht einmal die Christine etwas dagegen haben. Deutlich spürte er die Abdrücke der warmen Lippen der Frau Doktor auf beiden Wangen. Zuletzt küsste ihn auch noch die frisch angetraute Ehefrau des Friedrich, deren Küsse aber deutlich zurückhaltender ausfielen als die der Damen zuvor. Sie schien ihn nicht wirklich zu mögen. Hoffentlich würde es ihr nicht gelingen, den Friedrich dahingehend zu beeinflussen, dass er keine Zeit mehr hatte, gelegentlich mit ihm beim Schneiderwirt einzukehren.

„Du musst jetzt das Kuvert aufmachen!“, flüsterte ihm die Christine zu. Er nahm das ziemlich große und steife Kuvert auf und steckte einen Finger unter die Lasche, um es aufzureißen. Zum Vorschein kamen ein Folder und eine Karte, die Gasperlmaier auf den Tisch fallen ließ. „Gutschein“, las er, nachdem er sie wieder aufgenommen hatte. „Für ein Wellness-Wochenende.“ „Weil du ja immer wieder jammerst, dass dir das und das wehtut“, erklärte der Friedrich. „Und dass du oft so einen Stress hast, als Postenkommandant. Das wird dir guttun!“ Gasperlmaier öffnete den Folder. Auf einem Bild war der nackte Rücken einer Frau abgebildet, auf dem, der Wirbelsäule entlang, schwarze, polierte Steine lagen. Im ebenso schwarzen Haar hatte sie eine große, rosarote Blume stecken. Ein anderes Bild zeigte eine blonde Frau, der soeben Öl oder Honig auf die Stirn gegossen wurde. Gasperlmaier hasste solchen Firlefanz, und außerdem ließ er sich nicht gerne von fremden Menschen berühren, geschweige denn begießen. „Ayurveda“, stand da, und „Klangschalen-Massage“. Er bemühte sich um ein Lächeln, denn die Kollegen hatten es sicher gut gemeint. Obwohl, der Friedrich grinste so schäbig … wahrscheinlich hatte er diese Idee gehabt und das Geschenk vorgeschlagen, obwohl er wusste, dass sich Gasperlmaiers Begeisterung über die Aussicht auf esoterische Behandlungen in Grenzen halten würde.

Er nahm einen Schluck Wein. Vor ihm standen jetzt seine beiden Kinder. Christoph, mit seinen langen Haaren immer ein wenig ungepflegt wirkend, grinste verschämt. Wenn er tatsächlich einmal Arzt sein würde, so dachte Gasperlmaier bei sich, musste diese Mähne samt dem Bart wohl weg. Seine Freundin strahlte Gasperlmaier aus ihren großen, dunklen Augen an. Die war, das musste er zugeben, schon besonders ansehnlich geraten. Irgendwie, so schien ihm, hatte sie etwas Asiatisches an sich, trotz der Augen, die dazu nicht zu passen schienen. Er musste den Christoph bei Gelegenheit fragen, ob ihre Eltern am Ende Indianer oder so etwas waren. Die Katharina hatte auch einen Begleiter mitgebracht, aber das war bloß der Florian, der mit ihr schon die Schulbank gedrückt hatte. Gasperlmaier wusste eigentlich nicht recht, in welchem Verhältnis die beiden momentan zueinander standen, aber ihm schien, als würde die Katharina die Beziehung zum Florian immer bloß dann wieder reaktivieren, wenn sie sich gerade in Altaussee aufhielt. Dass sie ihn in Straßburg vermisste, davon hatte sie nie etwas erzählt. Zumindest ihm nicht.

„Lieber Papa!“, sagte die Katharina. „Wir haben uns für dich zu deinem besonderen Geburtstag ein besonderes Geschenk ausgedacht. Hoffentlich hast du Freude damit!“ Sie schien ein wenig nervös, als sie ihm das Kuvert überreichte. Das war, so dachte Gasperlmaier, wohl wieder ein Gutschein, denn Geld würden ihm seine Kinder sicher keines schenken. Letztendlich, überlegte er, war ihr Geschenk ohnehin aus seiner oder der Christine Tasche bezahlt worden. Aber das waren unfaire Gedanken, schalt er sich, schließlich studierten beide Kinder eifrig. Behaupteten sie zumindest.

Gasperlmaier öffnete das Kuvert unsachgemäß, ebenso wie jenes davor. Auch dieses enthielt einen Folder, und schnell wurde ihm klar, dass er einen Kochkurs geschenkt bekommen hatte. Genauer gesagt, einen Grillkurs. „Weil du doch so gerne grillst“, sagte der Christoph. „Da haben wir uns gedacht, damit du ein wenig Abwechslung …“ Er brach ab. Seine Freundin flüsterte ihm irgendwas zu. „Barbecue“, sagte der Christoph zu ihr. „Dad likes barbecue. It’s his hobby.“ Gasperlmaier lächelte verlegen, drückte seine Kinder kurz an sich und überlegte, ob er auch die schöne Kanadierin küssen sollte. Die nahm ihm seine Unsicherheit ab, indem sie mit ausgebreiteten Armen auf ihn zukam, ihn umarmte und in die Luft neben seinen Wangen schmatzte. Gasperlmaier war etwas überrascht und legte zaghaft die Hände auf ihren schmalen Rücken, ohne sie an sich zu drücken. So küsste man anscheinend in Kanada. Das musste er sich merken. Wirklich überzeugt war er nicht von dieser Methode, aber man konnte ja immer etwas dazulernen. Vor allem, wenn dieses Mädchen womöglich einmal ein Familienmitglied werden würde. Mit Schrecken dachte er daran, dass der Christoph dann womöglich zu ihr nach Kanada übersiedeln würde, denn er sah Flugzeuge lieber von außen. Und nicht einmal das machte ihm besonderen Spaß.

Er drehte den Gutschein in seinen Händen, öffnete den Folder und besah sich die Bilder. Riesige Steaks und Bratenstücke waren darauf abgebildet. War das ein zarter Hinweis darauf, dass die Schweinskoteletts und Bratwürstel, die er in der Regel auf den Grill warf, nicht gut genug waren? „Danke!“, beeilte er sich zu sagen. „Danke euch allen! Ich bin schon gespannt auf den Kochkurs. Grillkurs.“ Für seine Verhältnisse war das eine ausführliche Rede gewesen. Er drehte sich zu seiner Christine um, hilfesuchend. Sie wusste immer, was als Nächstes zu tun war oder ob er vergessen hatte, irgendetwas Wichtiges zu sagen. Doch sie war verschwunden. „Wo ist denn die Mama?“, fragte er seine Kinder. „Kommt gleich!“, grinste die Katharina. Plötzlich stand die Christine wieder vor ihm und hielt einen flachen Korb in der Hand, mit einer kleinen blau-weißen Decke darin. „Und das“, lächelte sie, „ist mein Geschenk. Ich hoffe, du weißt, was das bedeutet.“ Sie drückte ihm den Korb in die Hand. Gelächter erhob sich, Freunde und Kinder grinsten verschmitzt. Er hatte keine Ahnung, was er mit dem Korb anfangen sollte. Für einen Holzkorb war er zu flach, und außerdem hatte er keinen Griff. Plötzlich hörte er aus dem Publikum ein Miauen. Immer mehr Gäste fielen ein, bis schließlich die ganze Gaststube vor sich hin maunzte. Da endlich fiel bei ihm der Groschen. Das war ein Katzenkorb. Die Christine hatte ihm anscheinend eine Katze geschenkt, die aber nirgends zu sehen war. Sie fasste ihn am Arm und küsste ihn auf den Mund. „Du hast doch schon so oft davon geschwärmt, dass du dir eine Katze wünschst, die sich am Abend auf deinen Bauch legt, wenn du vor dem Fernseher liegst, und dich wärmt!“ „Ach so!“ Gasperlmaier war verunsichert. Das hatte er doch nur so vor sich hingesagt, nicht wirklich ernst gemeint. Als Kind, als er noch bei seiner Mutter lebte, da hatten sie immer Katzen gehabt, aber seither nicht mehr. „Jetzt, wo die Katharina praktisch nicht mehr zu Hause wohnt, ist es endlich so weit!“ Die Katharina war nämlich allergisch gegen Katzenhaare, und so hatte sich die Anschaffung eines solchen Haustiers bisher von selber verboten. „Freust du dich?“, fragte die Christine, als er sich wieder setzte und auch seine Gäste an ihre Tische zurückkehrten. Gasperlmaier nickte. „Hast du denn schon so ein Vieh … ich meine, eine Katze, besorgt?“ Die Christine schüttelte den Kopf. „Demnächst, wenn es bei der Tierärztin wieder ein Findelkind gibt, schlagen wir zu. Ich hab’s schon bei der Frau Doktor Kastner deponiert, dass wir eine suchen.“

Gasperlmaier betrachtete den Katzenkorb, der jetzt vor ihm auf dem Tisch thronte. Er erinnerte sich, dass es nicht nur angenehme Seiten hatte, eine Katze zu besitzen. Manchmal gingen sie nicht auf ihr Katzenklo oder hinterließen ihre Ausscheidungen genau dort im Garten, wo man für gewöhnlich hintrat, wenn man etwa einen Bund Schnittlauch abschneiden wollte. Und es war auch vorgekommen, dass sie das, was sie zuvor gefressen hatten, ausgerechnet auf dem Teppich wieder hervorwürgten. Und dann musste man noch alle paar Wochen zum Tierarzt mit so einem Vieh. Und wenn man Pech hatte, lief es in den nahen Wald und fiel einem übereifrigen Jäger zum Opfer oder, auf dem Weg dahin, einem unvorsichtigen Kraftfahrer. Ob all das durch die bauchwärmende Funktion aufgewogen werden konnte? Er nahm einen großen Schluck Wein.

Als die Musik wieder zu spielen begann, stieß ihn die Christine in die Rippen. „Glaubst du, ich hab deine Lieblingsmusik engagiert, damit wir nur ein einziges Mal miteinander tanzen? Komm!“ Ohne dass er sich wehren konnte, zog sie ihn auf die kleine Tanzfläche. Der Christoph und seine Kanadierin wirbelten schon darauf herum. Gasperlmaier hatte gar nicht gewusst, dass sein Sohn ein so eifriger Tänzer war. Und dass man in Kanada zu Volksmusik tanzte, war ihm auch unbekannt gewesen. Allerdings, so stellte er fest, war der Stil der beiden durchaus unorthodox und sah eher den Verrenkungen ähnlich, die man in Discotheken bewundern konnte.

Jemand klopfte ihm auf die Schulter. „Ich würde ja gern mit dir tanzen, aber …“ Die Frau Doktor wies mit einem Kopfnicken auf ihre Tochter Sophie, die bereits an ihrer Schulter eingeschlafen war. Dennoch ließ sie es sich nicht nehmen, Gasperlmaier nochmals auf beide Wangen zu küssen. „Feier schön! Und das nächste Mal sehen wir uns vielleicht auf meiner Hochzeit!“ Sie zwinkerte ihm zu, winkte noch einmal und wandte sich ab. In diesem Moment endete auch das Musikstück, und Gasperlmaier sah ihr gedankenverloren nach. „Hast du das gehört?“, fragte er die Christine. Die schüttelte den Kopf. „Die Musik war zu laut. Aber dass du schon wieder ein paar Busserl bekommen hast, das habe ich gesehen.“ Sie drohte ihm scherzhaft mit erhobenem Zeigefinger. „Ach geh!“, verteidigte sich Gasperlmaier. „Sie wollte sich doch nur verabschieden! Und sie hat gesagt, dass wir uns vielleicht zum nächsten Mal bei ihrer Hochzeit sehen!“ „Schau, schau! Hat sie dir auch verraten, wen sie heiratet?“ Gasperlmaier schüttelte den Kopf.

Das war nämlich bisher ein wunder Punkt bei der Frau Doktor gewesen. Sie hatte nie jemandem verraten, wer der Vater ihres Kindes war, und wer sie ein wenig kannte, wusste auch, dass er gut beraten war, nicht danach zu fragen. Darauf reagierte sie nämlich in der Regel ungemütlich. Gasperlmaier hatte sich schon den Kopf zermartert, wer denn der Vater der kleinen Sophie sein könnte, und so nach und nach die verschiedensten Kollegen in Verdacht gehabt. Er hatte sogar darüber spekuliert, ob sie sich am Ende einmal in einen von ihr dingfest gemachten Übeltäter verliebt haben könnte. So etwas kam vor, darüber konnte man in den Zeitungen immer wieder lesen. Aber eine wirklich heiße Spur hatte er noch nicht entdeckt. Zumindest wusste man jetzt, dass die kleine Sophie schwarze Haare und braune Augen hatte. Während die Frau Doktor … womöglich waren ihre Haare in Wirklichkeit gar nicht dunkel, sondern gefärbt. Sie hatte ja früher immer orangerote Strähnen in ihrem Haar gehabt, die keinesfalls natürlichen Ursprungs waren.

Plötzlich setzte die Musik wieder ein, und der Christoph schnappte sich seine Mutter, während seine Kanadierin an Gasperlmaiers Seite übrigblieb und ihn mit erwartungsvoller Miene musterte. Er hatte leider ihren Namen schon wieder vergessen, aber es war klar, dass er nun verpflichtet war, mit ihr einen Tanz zu wagen. Ob er es auf Deutsch oder Englisch versuchen sollte? Nach zu langem Zögern – er merkte es daran, dass die Mundwinkel des Mädchens nach unten sanken – entschied er sich fürs Deutsche, sie war schon eine Zeitlang in Österreich, sie würde ihn schon verstehen. „Tanzen?“, fragte er und streckte den rechten Arm nach ihr aus. Sie lächelte, nickte eifrig und legte ihren linken Arm auf seine Schulter. Gasperlmaier stellte fest, dass sie etwa gleich groß war wie er und er damit keine Chance haben würde, während des Tanzes über sie hinweg in den Raum starren zu können. Gott sei Dank war es ein Walzer, der nun gespielt wurde, doch recht schnell bemerkte er, dass sie davon keine Ahnung hatte. Also wackelten sie nur so dahin, ohne dass ihre Schritte recht zum Takt passen wollten.

Zum Glück dauerte der Tanz nicht lange. „Kann ich die Richelle wieder zurückhaben?“ Richelle also hieß dieses hübsche Kind. Ein seltsamer Name, fand Gasperlmaier, er hatte noch nie von jemandem gehört, der so hieß. Er nickte und setzte sich wieder an seinen Platz. Die Christine ließ sich neben ihm nieder. „Schon müde?“, fragte sie. Gasperlmaier seufzte und nahm einen Schluck Wein. Er nickte. „Hast du gewusst, dass sie Richelle heißt?“ „Natürlich. Ich steh ja im Gegensatz zu dir ständig im Kontakt mit meinen Kindern. Wenn du die Möglichkeiten, die dein Handy hat, auch nutzen würdest …“ Er besaß zwar seit einiger Zeit so ein neumodisches Smartphone, aber er war froh, dass es ihm gelang, das Telefonieren und das Schreiben von SMS zu meistern, darüber hinaus sah er keinen Grund, sich mit dieser widerspenstigen Technik zu beschäftigen.

Genau in diesem Moment läutete sein Handy. Er hatte es in einer Rocktasche, und der Rock hing über der Sessellehne, sodass es eine Zeitlang dauerte, bis er es hervorgeholt hatte. „Ja?“ Im gleichen Moment begann die Musik wieder zu spielen, und Gasperlmaier verstand kein Wort von dem, was am anderen Ende gesagt wurde. Nur, dass es hysterisch klang. „Wart einen Moment, ich geh schnell hinaus! Ich bin nämlich grad bei einer Geburtstagsfeier!“ Er hatte nicht nachgesehen, wer es war, der ihn anrief. Am Ende irgendjemand, fiel ihm ein, der ihm zum Geburtstag gratulieren wollte, aber nicht zur Feier eingeladen worden war. Das konnte peinlich werden. Er verließ die Gaststube und trat vor die Haustür. „Wer spricht?“ „Roither, von den Salzwelten. Vom Salzberg. Steinberghaus.“ Gasperlmaier atmete auf und trat unter den Dachvorsprung neben der Haustür, denn es nieselte ein wenig. Kühl war es auch schon geworden, aber nach der Hitze drinnen im Saal war es recht angenehm hier heraußen. „Wir haben da ein Problem“, sagte die Frau Roither. Er konnte förmlich hören, wie sie Atem holte. „Ja, das ist aber gerade ungünstig. Ich hab ja keinen Dienst, weil ich Geburtstag … also, weil ich gerade auf einer Geburtstagsfeier bin. Und außerdem ist es ja auch Samstagabend, und …“ „Ja, aber es wär dringend. Und ich hab auch schon unseren Geschäftsführer angerufen, und der hat gemeint, wir sollten vorsichtshalber einmal die Polizei …“ Wahrscheinlich, so dachte Gasperlmaier bei sich, hatte es auf dem Parkplatz vor dem Steinberghaus einen Parkschaden gegeben oder irgendetwas ähnlich Unwichtiges. „Rufen S’ halt in Bad Aussee an, die können sicher wen schicken.“ „Das hab ich schon“, jammerte die Frau Roither, „aber die haben einen Autounfall, unten in Kainisch, und die sind auch nicht so gut besetzt am Wochenende, und da hat mir der Herr Inspektor Köberl Ihre Nummer gegeben.“ Gasperlmaier atmete tief durch. Den Köberl Alfred, den stellvertretenden Postenkommandanten von Bad Aussee, würde das ein paar Bier kosten, dass er ihn aus seiner eigenen Geburtstagsfeier herausholen ließ. „Was ist denn eigentlich passiert?“ Noch immer hoffte er, dass sich das Problem ohne seine persönliche Anwesenheit lösen lassen würde.

„Ja … verschwunden ist uns einer!“, antwortete die Frau Roither. „Wie … verschwunden?“, fragte Gasperlmaier nach. „Na, bei den Führungen im Salzbergwerk. Wir sind uns sicher, dass heute einer nicht herausgekommen ist aus dem Bergwerk. Einer von den Touristen, die halt die Führungen mitmachen.“ Gasperlmaier verstand nicht. „Zählt’s ihr denn nicht nach bei euren Führungen?“, wollte er wissen. „Ob da gleich viele wieder herauskommen, wie hineingegangen sind?“ „Normalerweise immer!“ Die Frau Roither schien Gasperlmaier den Tränen nahe. „Aber es waren so viele da! Ein paar Busse, und dann noch viele einzelne! Das haben wir immer, wenn an einem Wochenende das Wetter nicht so schön ist! Da wollen halt alle ins Salzbergwerk!“ Gasperlmaier wurde klar, dass er sich wohl zum Salzberg begeben musste, um der Sache auf den Grund zu gehen. Und wenn es nur war, um alle Einzelheiten vor Ort zu erfahren und die Frau Roither zu beruhigen. Gleichzeitig fiel ihm ein, dass er selber auf keinen Fall noch fahrtauglich war, denn zwei Bier, ein Glas Sekt, ein Schnaps und ein paar Gläser Wein ergaben sicher mehr als die erlaubten 0,5 Promille. Er seufzte. „Ja, ich schau, dass ich komm. Aber ich kann nicht versprechen, dass es ganz schnell geht. Wiederhören.“ Er legte auf und steckte sein Handy in die Hemdtasche. Ob er sich jetzt auch noch umziehen sollte, um in der Uniform am Salzberg auftreten zu können? Das war wohl weniger wichtig, zuerst musste er sich um eine Fahrgelegenheit kümmern.

2

„Kann die schon mit einem Schaltauto fahren, also einem, wo nicht Automatik …?“ Der Christoph nickte. „Weißt du, der Richelle ihr Vater, der hat ein paar Oldtimer. Und da hat sie gelernt, mit einem Schaltgetriebe zu fahren. Sonst gibt’s ja da drüben nur Automatik.“ Es hatte sich niemand außer der Richelle gefunden, der sich bereit erklärt hatte, noch ein Auto auf den Salzberg zu steuern. „Weißt eh“, hatte die Christine abgewimmelt, „ich kann ja nicht einmal nach zwei Gespritzten noch fahren. Ich vertrag nicht so viel.“ Die Katharina hatte sich darauf hinausgeredet, dass sie ihren Führerschein nicht dabeihatte, und schließlich hatte Gasperlmaier eingesehen, dass es eigentlich ein fast schon beleidigendes Misstrauen wäre, wenn man die Richelle nicht fahren ließe. „Wartet’s halt mit dem Feiern, bis wir wieder zurück sind!“, hatte Gasperlmaier sich verabschiedet.

Obwohl es schon nach neun Uhr abends war, herrschte trotz des einsetzenden Regens noch Tageslicht – es war schließlich Juni, und bald würden für Gasperlmaiers Kinder die Uniferien beginnen. Sie waren zu viert im Auto, vorne saßen die Richelle und der Christoph, der ihr den Weg zeigen sollte. Und hinten hatte neben Gasperlmaier der Kahlß Friedrich Platz genommen, um ihn bei allfälligen Amtshandlungen zu unterstützen. „Herrschaftszeiten!“, entfuhr es Gasperlmaier, als die Gangschaltung seines Autos wieder einmal ordentlich krachte. Immerhin hatte er das Auto erst zwei Jahre, und er hatte keine Lust auf eine teure Getriebereparatur. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sich ohnehin kein neues gekauft. Der alte Opel Kadett hatte achtzehn Jahre gehalten, der hätte es auch noch ein paar weitere Jahre getan. Vor allem, wo ihn Gasperlmaier so gut wie nie benutzt hatte und nur Frau und Kinder damit durch die Gegend gekurvt waren.

Weit schien es mit den Fahrkünsten der Richelle nicht her zu sein. „Papa, du machst die Richelle nervös, wenn du da hinten herumfluchst!“, ermahnte ihn der Christoph. „No, ich bin nicht nervös“, mischte sich die Richelle ein. „Nur das Road ist hier schon bissken narrow!“ Gasperlmaier tat sich schwer, das Gemisch aus Deutsch und Englisch zu interpretieren. „Schmal ist die Straße, sagt sie“, erklärte der Friedrich, der völlig gelassen hinter der Fahrerin saß, sich aber doch am Haltegriff über dem Fenster festhielt. „Ist ja auch nicht dein Auto!“, konterte Gasperlmaier. Woher der Friedrich so viel Englisch konnte? Früher hatte man davon nie etwas gemerkt, wenn man mit Touristen zu tun gehabt hatte, die kein Deutsch verstanden.

Gott sei Dank dauerte die Fahrt nur fünf Minuten, und die Richelle stellte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Steinberghaus ab. Gasperlmaier seufzte zunächst erleichtert, bevor er daran dachte, dass man die Dienste der Richelle auch beim Nachhausefahren wieder in Anspruch würde nehmen müssen. Als sie ausstiegen, kam ihnen schon eine Frau entgegengerannt, die die Altausseer Bergmannstracht trug, einen schwarzen Rock mit zahlreichen goldenen Knöpfen und eine weiße Hose. Sie streckte Gasperlmaier ihre Hand entgegen, die sich in seiner schmal, knochig und kalt anfühlte. „Wir haben telefoniert. Kommen Sie bitte mit.“ Gasperlmaier folgte ihr durch den intensiver werdenden Regen ins Innere des Steinberghauses, von dem aus ein Stollen ins Salzbergwerk hineinführte. Der Friedrich, die Richelle und der Christoph kamen hinterdrein. „Ihr zwei“, beschied ihnen Gasperlmaier, „ihr geht’s derweil ins Café, auch wenn ihr dort nichts mehr bekommt, weil schon lang zu ist.“ „Kommt nicht in Frage!“, protestierte der Christoph. „Wir bleiben bei euch.“ Gasperlmaier fiel kein wirklich triftiger Grund ein, warum nur der Friedrich mitkommen sollte, so zuckte er mit den Schultern und trat an den Schalter heran, an dem die Eintrittskarten verkauft wurden, während die Frau Roither auf ihrem Stuhl hinter dem Bildschirm Platz nahm.

„Also, jetzt erzähl halt einmal!“ Der Friedrich hatte nach alter Gewohnheit das Kommando übernommen, Gasperlmaier widersprach nicht. Der Friedrich sprach überhaupt jeden mit „du“ an, so war es seit jeher Brauch gewesen im Ausseerland. „Was ist denn eigentlich genau passiert?“ „Ja, da kommt ihr am besten gleich mit!“ Sie sprang wieder auf und führte die vier in eine Art Garderobe, in der eine ganze Menge weiße Anzüge an den Haken hingen. „Das ist die Schutzkleidung, die die Touristen kriegen“, erklärte die Frau Roither, „damit ihr Gewand nicht schmutzig wird, wenn sie sich im Stollen irgendwo anlehnen. Oder wo streifen, nicht.“ „Ja, und?“, fragte der Christoph dazwischen. Gasperlmaier maß ihn mit einem strafenden Blick, aber der Christoph sah gar nicht zu ihm her. Man konnte es ihm, fand Gasperlmaier, aber keinesfalls durchgehen lassen, dass er sich in die Amtshandlung einmischte. „Bitte, du hältst dich heraus!“, sagte er ein wenig ärgerlich. Warum hatten die beiden auch nicht im Café warten können? Der Christoph grinste und zuckte mit den Schultern. Wozu die weißen Anzüge dienten, das wusste natürlich jeder von ihnen. Außer der Richelle.

„Ja, und wie ich heute Abend durchzähl, da fehlt einer! Da fehlt garantiert einer! Und das kann nur bedeuten, dass da einer drinnen geblieben ist! Dass einer von den Touristen nicht mehr aus dem Berg herausgekommen ist!“ Gasperlmaier stöhnte. „Und wegen einem solchen Anzug rufen Sie uns an? Am Samstagabend?“ Die Frau Roither sah jetzt ein wenig verunsichert drein. „Ich hab eh so lang überlegt! Seit Stunden zermartere ich mir den Kopf, wo der Anzug geblieben sein könnte. Und dann bin ich noch einmal zurück, noch einmal nachzählen.“ „Den kann ja auch einer mitgenommen haben, nicht?“, gab Gasperlmaier zu bedenken. Der Friedrich nickte. „Als Souvenir, sozusagen. Ist das nicht denkbar?“ „Meinen Sie? Gestohlen? So was hätten wir aber noch nie gehabt. Das wär das erste Mal, dass einer wegkommt! Was sollte denn einer mit so einem Anzug anfangen?“ „Und vor allem“, fiel Gasperlmaier ein, „da wird doch sicher durchgezählt, wenn die Gruppe wieder herauskommt.“ Die Frau Roither nickte. „Natürlich. Und …“ Sie stockte. „Ja, hat jetzt einer von den Führern gemeldet, dass einer fehlt?“ Die Frau Roither schüttelte den Kopf. „Nein … es ist eben nur wegen dem Anzug … Und es waren halt heute auch so viele Leute da … da kann sich einer schon einmal verzählen, nicht?“ Gasperlmaier kratzte sich am Kopf. „Und dass Sie sich verzählt haben? Bei den Anzügen, meine ich?“ Die Frau Roither schüttelte entrüstet den Kopf. „Ich bin bekannt dafür, dass ich alles sehr genau nehme. Und da haben nicht immer alle eine Freude damit. Ich hab, glaub ich, dreimal durchgezählt. Zuerst hab ich mir sogar eingebildet, dass zwei fehlen. Aber wie ich jetzt noch einmal hergefahren bin, da hab ich alles runtergenommen, gefaltet, gestapelt, wieder aufgehängt. Es fehlt einer. Punkt.“

„Auf jeden Fall“, sagte Gasperlmaier, „ist es doch so, dass Sie niemanden vermissen. Keine Person, meine ich. Also, dass jemand abgängig ist. Von dem Sie wissen, dass er hinein ist. Und nicht wieder heraus.“ Er betrachtete das Tor, das in den Stollen führte. „Steinberg. Angeschlagen im Jahre 1319“, stand darüber zu lesen. Eigentlich unglaublich, dass hier schon seit dem Mittelalter Salz aus dem Berg geholt wurde. „Also, wenn Sie mich so direkt fragen …“ Die Frau Roither strich sich übers Kinn. „Weißt was“, mischte sich der Friedrich ein, während die Richelle und der Christoph hinter einem Kleiderständer verschwunden waren und dort kicherten. Gasperlmaier tappte verärgert mit seinem Fuß auf den Boden. „Wir machen jetzt Folgendes“, fuhr der Friedrich fort, „wir warten jetzt bis morgen. Und wenn tatsächlich einer abgeht, dann kümmert sich der Gasperlmaier darum. Dass wir eine ganze Hundertschaft anfordern, um jemanden zu suchen, das wär wohl übertrieben, weil euch ein Anzug abgeht. Und jetzt trinken wir alle zur Beruhigung einen Schnaps. Ihr habt’s sicher einen?“ Die Frau Roither nickte zögerlich. „Ich weiß aber nicht, ob unser Geschäftsführer …“ Der Friedrich winkte ab. „Gehen wir ins Café hinüber.“ Die Frau Roither sperrte, immer noch ein wenig zaghaft, die Tür zum Café auf und schaltete das Licht ein. „Wir zahlen’s eh. Morgen“, sagte der Friedrich, ging hinter die Bar und holte einen Zwetschgernen vom Regal. Sorgfältig prüfte er das Etikett. „Na, wenigstens ein österreichischer. Und ein echter Edelbrand.“ „Da wären die Stamperl“, half die Frau Roither aus.

„Die Richelle mag aber keinen.“ Die Kanadierin wedelte mit den Händen. „Ich kann nix Auto fahren, wenn ich ein Spirit trinke.“ „Eh besser. Aber Sprit ist das keiner. Das ist ein ganz guter!“, sagte Gasperlmaier. „Prost!“ „Geh, Papa! Sie meint doch nicht Sprit, sondern Spirit. Das sagt man auf Englisch zu so geistigen Getränken.“ Er deutete auf die Schnapsflasche. Gasperlmaier zuckte mit den Schultern. Woher sollte er solch feine Unterschiede kennen? Er nahm einen Schluck, während der Christoph zu seinem Missfallen das Stamperl auf ex leerte und danach vernehmlich rülpste. „Wer hat denn heute die Führungen gemacht?“, fragte der Friedrich. Gasperlmaier fand, dass dies in der Tat eine wesentliche Frage war. Die Frau Roither überlegte. „Ich bin ja nur bei der Kassa gesessen.“ Sie nahm ihre Finger zu Hilfe, um zu zählen. „Da wär einmal die Susanne. Die Susanne Hilgert. Die ist aus Bad Goisern. Sie ist eigentlich normalerweise im Büro bei den Salzwelten, aber sie hilft oft aus bei den Führungen. Sie macht das gerne, sagt sie. Dann haben wir den James. Der heißt eigentlich gar nicht James, weil er ein Chinese ist. Wissen Sie, wir haben jetzt ja so viele chinesische Touristen da, da ist es direkt ein Glück, dass wir den gefunden haben. Der kann nämlich auch noch Englisch und Deutsch.“ „Und warum nennt ihr ihn James, wenn er doch ein Chinese ist?“ „Viele Asians nehmen ein englischen Name, wenn sie leben in Canada“, mischte sich nun auch die Richelle ein. Die Frau Roither nickte. „Das hat der James auch gesagt. Wenn Sie wollen, kann ich nachschauen, wie er richtig heißt.“ Gasperlmaier schüttelte den Kopf. „Das brauchen wir jetzt momentan gar nicht.“ Die Frau Roither klappte einen dritten Finger auf. „Und dann haben wir noch den Simon. Simon Klemencic. Der ist ein Student, der während der Uniferien hier aushilft. Es ist zwar noch Juni, aber … ich weiß eigentlich nicht, warum der schon Ferien hat.“ „Der wird’s halt mit dem Studium nicht so genau nehmen!“ Der Christoph schenkte sich noch einen Zwetschkenschnaps ein. Gasperlmaier fand, dass es Zeit wurde, wieder zu seiner Geburtstagsfeier zurückzukehren. Und dafür zu sorgen, dass der Christoph keinen Alkohol mehr bekam.

„Wir könnten doch zumindest schauen, ob draußen ein Auto übriggeblieben ist“, hatte Gasperlmaier einen Geistesblitz. „Das machen wir“, nickte der Friedrich. Draußen war es nun fast völlig dunkel, der Regen hatte aufgehört, das Straßenpflaster vor dem Steinberghaus glänzte nass. Mehrere Autos, außer Gasperlmaiers eigenem, standen herum. Einige hatten noch das alte Bad Ausseer Kennzeichen, das BA, das ihnen vom Land Steiermark vor ein paar Jahren weggenommen worden war. Es war einer der Gründe dafür gewesen, dass Gasperlmaier seinen Kadett so lange behalten hatte. Jetzt musste er, nur wegen einem neuen Auto, mit dem ungeliebten „LI“, für Liezen, herumfahren. Obwohl er eigentlich mit den Ennstalern da unten gar nichts zu schaffen haben wollte. „Das ist meiner“, sagte die Frau Roither und zeigte auf einen roten Kleinwagen, ebenfalls mit Liezener Kennzeichen. „Und die anderen da sind Autos von den Bergleuten in der Nachtschicht. Die parken manchmal auch da, wenn sie von hier aus einfahren.“ Gasperlmaier nickte. „Cold!“, sagte die Richelle und schlang die Arme um ihren Körper. Skeptisch maß Gasperlmaier ihr schulterfreies Top und den dünnen Rock. Recht komische Schuhe mit hohen Absätzen trug sie auch. Ein Wunder, dass sie damit Auto fahren konnte. „Ja“, meinte der Friedrich, „die Nächte sind bei uns auch im Juni selten lau!“ „In Canada auch nicht! Aber ich hab ja nicht erwartet, outside zu sein so much!“ „Setzt’s euch halt ins Auto!“, meinte Gasperlmaier. „Please!“, sagte die Richelle, zum Christoph gewandt, und der nickte. Gott sei Dank. Gasperlmaier warf ihm den Autoschlüssel zu. Gemeinsam mit der Frau Roither machten sie sich daran, die restlichen Autos unter die Lupe zu nehmen. Es waren nur drei, zwei hatten ein deutsches Kennzeichen und eines ein holländisches. „Die Gäste von da oben“, sie deutete auf das Jugendgästehaus, das sich über dem Steinberghaus auf der anderen Straßenseite erhob, „die parken auch manchmal da. Obwohl sie eigentlich nicht dürften. Aber wenn genug Platz ist, dann sind wir nicht so.“

„Ob wir die heute noch überprüfen sollen?“, fragte der Friedrich. Zu gerne wäre Gasperlmaier wieder zu seiner Geburtstagsfeier zurückgekehrt. Wenn sie jetzt noch ins Jugendgästehaus hinaufgingen, würde es sicher eine weitere halbe Stunde dauern, bis sie herausbekommen hatten, ob die drei Autos Gästen gehörten. Und das alles wegen einem Anzug, der angeblich fehlte. Ärgerlich schüttelte er den Kopf. „Weißt was!“ Der Friedrich hatte eine Idee. „Wir geben das einfach ans Bezirkspolizeikommando weiter, nach Liezen. Das lässt sich ja auch telefonisch klären, wer die Fahrzeughalter sind. Und ob einer von ihnen abgängig ist.“ Gasperlmaier nickte, holte seinen Notizblock aus der Brusttasche hervor und notierte die drei Kennzeichen. „Ja, dann …“, sagte er und schüttelte der Frau Roither die Hand. „Komm, telefonieren kannst du während der Fahrt!“ Der Friedrich zog ihn am Ärmel zum Auto, das die Richelle schon gestartet hatte. Mit einem ärgerlichen Aufheulen des Motors.

Es dauerte fast bis zum Schneiderwirt, bis Gasperlmaier, auch wegen der teils schlechten Verbindung, den diensthabenden Polizisten in Liezen über die Sachlage aufgeklärt hatte. „Warum machst denn das nicht selber?“, gab sich der zunächst unkooperativ. „Weißt“, antwortete Gasperlmaier, „ich hab heute Geburtstag. Und ich bin eigentlich mitten von meiner Feier zu dem Einsatz, und …“ Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte. „Versteh schon. Hoffentlich bist du nicht selber gefahren, sonst …“ „Nein, nein! Und dank dir schön!“ Der Kollege wünschte ihm noch alles Gute und legte auf. Womöglich, so dachte Gasperlmaier bei sich, würde die Frau Doktor morgen Früh nachfragen, was denn in Altaussee schon wieder los gewesen sei.

Als Gasperlmaier den Schneiderwirt betrat, ging er gleich zur Schank hin und bat die Jasmin um ein Seidel. „Haben’s schon wieder einen umgebracht? Weil du von deiner eigenen Party davonläufst?“ Die Jasmin lächelte. Gasperlmaier fand ihren sächsischen Dialekt unwiderstehlich, vor allem aber liebte er ihren unaufdringlichen, immer freundlichen Stil. Man musste sein leeres Glas nur einmal kurz anheben, und die Jasmin wusste, dass man das gleiche Getränk noch einmal bestellen wollte. Sie war ihm schon richtig ans Herz gewachsen. „Die haben ohne dich prächtig weitergefeiert!“, sagte sie noch. Gasperlmaier seufzte, nahm sein Glas und machte sich auf den Weg zurück zu seiner Geburtstagsfeier.

3

Gasperlmaier blinzelte. Einen Moment lang wusste er nicht, wo er war. Seine Zunge lag pelzig im trockenen Mund, er fühlte sich etwas schwindelig. Er streckte seinen Arm nach links aus. Das Bett neben ihm war leer. Aber noch warm. War heute ein Wochentag oder … Richtig! Er erinnerte sich. Gestern war ja seine Geburtstagsfeier gewesen. Und sie hatte lang gedauert. Wie lange hatten sie eigentlich gefeiert? Irgendwie konnte er sich nicht mehr daran erinnern. Auch nicht daran, wie er heimgekommen war. Und schon gar nicht daran, dass er sich ausgezogen und die Zähne geputzt hatte. Wie spät mochte es sein? Er warf einen Blick auf den Radiowecker auf seinem Nachtkästchen. Schon halb elf! Und draußen schien die Sonne, die Regenwolken von gestern hatten sich verzogen. Er musste aufstehen, es war höchste Zeit. Vorsichtig ließ er seine Beine aus dem Bett gleiten und schob den Oberkörper hoch. Irgendwo hinter den Augen breitete sich Schmerz aus. Er hätte den letzten Schnaps vielleicht doch nicht trinken sollen. Und auch bei der letzten Flasche Wein hatte die Christine schon so missbilligend dreingeschaut. Natürlich, so dachte er bei sich, hatte sie wieder einmal recht gehabt. Aber, immerhin, es war sein fünfzigster Geburtstag gewesen. So etwas feierte man nicht alle Tage. Bei seinem Sechziger würde er vorsichtiger mit dem Alkohol umgehen, nahm er sich vor. Wenn er ihn noch erlebte.

Langsam erhob er sich und wollte sich schon auf den Weg in die Küche machen, als ihm einfiel, dass sie ja einen Gast hatten: die Richelle. Da konnte er sich natürlich nicht im Pyjama zeigen. Er schälte sich etwas mühsam aus Hose und Leibchen, die beide verschwitzt waren, und bückte sich um ein Paar Jeans, das auf dem Boden vor seinem Bett lag. Das tat ihm gar nicht gut – ein Schwindel erfasste ihn, der Kopfschmerz wurde so stark, dass er einen Moment lang dachte, er würde ihm die Augen aus dem Schädel drücken. Als er sich aufrichtete, ging der heftige Schmerz Gott sei Dank schnell vorbei. Er streifte noch ein Hemd über, das über einer Stuhllehne lag, und wollte schon hinunter, als ihm neuerlich sein Gast einfiel. Vielleicht wäre es gescheiter, sich wenigstens die Haare zu kämmen und die Zähne zu putzen, bevor er der jungen Dame gegenübertrat. Das Geräusch der elektrischen Zahnbürste verursachte in seinem Hirn einen Widerhall wie ein Presslufthammer. Vielleicht war es doch das Gescheiteste, eine Schmerztablette zu nehmen. Obwohl, es war Sonntag, eigentlich konnte er sich nach dem Frühstück gleich wieder niederlegen.

Als er die Küche betrat, saßen alle am Tisch, nur die Christine war an der Anrichte beschäftigt. Der Christoph grinste. „Brauchst ein Reparaturseidel, Papa? Schaust nicht gut aus!“ Gasperlmaier bedachte ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung. Die Kanadierin sah schon wieder aus wie aus dem Ei gepellt. Frisch frisiert und geschminkt, sodass ihre Augen noch größer erschienen, als sie es ohnehin waren. „Magst auch ein weiches Ei?“, fragte die Christine. Gasperlmaier überlegte. Eigentlich hatte er nur Durst. Der Gedanke an ein Ei und der Anblick der Wurst- und Käseplatte auf dem Tisch verursachten ihm leichten Brechreiz. „Ich trink einmal einen Kaffee!“, krächzte er. Seine Stimme hatte auch irgendwie unter der Feier heute Nacht gelitten. „Na Mahlzeit!“, meinte die Katharina. „Du klingst ja wie … wie …“ „Reibeisen!“, half der Christoph aus. „Was ist … Treibeisen?“, fragte die Richelle. „It’s just a saying“, erklärte der Christoph. „When someone has a voice like Dad.” Er zeigte auf Gasperlmaier, der nicht ganz verstanden hatte. Es schien aber nichts Beleidigendes gewesen zu sein, denn die Richelle nickte und lächelte. Gasperlmaier setzte sich, schenkte sich Kaffee aus der großen Kanne ein, nahm einen Schluck und fühlte sich gleich etwas besser. Vielleicht konnte er doch eine Semmel riskieren. Mit ein wenig Butter und Käse drauf.

„Ja, ja!“, sagte die Christine. „Ich hab dich ja gewarnt. Zumindest mit Blicken. Die letzte Flasche Wein, und der letzte Schnaps …“ Sie legte ihm einen silbernen Streifen hin, der ein paar Tabletten enthielt. Gasperlmaier nickte einsichtig. „Hast ja recht. Aber die anderen …“ Er fragte sich, wie es jetzt wohl dem Friedrich ging. Und der Manuela. Die hatten nämlich bis zum Schluss ganz ordentlich mitgehalten. „Eine müsste genügen!“ Die Christine schob ihm noch einmal die Tabletten hin, und Gasperlmaier entschloss sich eine zu nehmen. Ein bitterer Geschmack blieb zurück, als er sie mit Kaffee hinunterspülte. „Wann sind wir denn eigentlich heimgekommen?“, fragte er. „Um halb vier“, sagte die Christine. „Und du hast einen ganz schönen Lärm gemacht auf der Stiege!“, fügte die Katharina hinzu, die im Gegensatz zur Richelle noch mit zerzausten Haaren und ungeschminkt am Frühstückstisch saß. „Ich bin wegen dir aufgewacht!“ „Tut mir leid“, sagte Gasperlmaier. „Aber heute ist ja eh Sonntag!“

„Na ja“, sagte die Christine. „Ich muss sie gleich nach Salzburg bringen, damit sie ihren Bus nach Straßburg nicht verpasst.“ Die Katharina nickte. „Morgen ist wieder Uni.“ Schade, dachte Gasperlmaier. Sie war erst Donnerstagnacht angekommen, sie hatten kaum Zeit gehabt, sich über ihren bisherigen Aufenthalt in Frankreich etwas erzählen zu lassen. „Deswegen geh ich jetzt duschen“, sagte sie, stand auf und verschwand. „Hat sich eigentlich schon wer gemeldet wegen der Sache gestern mit dem verschwundenen Touristen?“, wollte der Christoph wissen. Auf den hatte Gasperlmaier völlig vergessen. Und womöglich würde es deswegen nichts werden mit dem Gleich-wieder-Hinlegen. Er zuckte mit den Schultern. „Ich hab noch nicht auf mein Handy geschaut. Ich weiß nicht einmal, ob es noch Strom hat. Aber wenn’s wirklich wichtig gewesen wäre, hätte sich wohl schon jemand gemeldet. Wahrscheinlich ist der Anzug eh wieder aufgetaucht. War ja auch ein Kasperltheater, das Ganze.“

Gerade in diesem Moment stellte sich heraus, dass Gasperlmaiers Handy doch noch Strom hatte. Man hörte es nämlich dudeln, zwar entfernt, aber unüberhörbar. Mit pochendem Schädel stieg Gasperlmaier die Treppe in sein Schlafzimmer hinauf. Noch bevor es ihm gelungen war, das Handy aus der Tasche seiner Lederhose herauszunesteln, war es verstummt. Die Manuela war es gewesen. Was konnte die heute, am Sonntag, von ihm wollen? Nach einigem Überlegen entschloss er sich, zurückzurufen. „Ja, ich wollt nur fragen, was wir in dieser Sache mit dem verschwundenen Touristen unternehmen? Sollen wir das wirklich auf sich beruhen lassen, bis es eine Vermisstenanzeige gibt? Stell dir vor, der ist da irgendwo eingeschlossen, vielleicht ist er wo abgestürzt und wartet auf Hilfe?“ Die Manuela klang wie immer – frisch, völlig erholt und voller Tatendrang. Es machte halt doch etwas aus, wenn man mehr als zwanzig Jahre jünger war. Gasperlmaier setzte sich aufs Bett. Sein Schädel pochte immer noch, und ein leises Gefühl nahender Übelkeit veranlasste ihn dazu, tief aufzuseufzen. Er kratzte sich am Kopf. „Ja“, sagte er. „Hast ja recht. Aber ich bin noch nicht … ich muss noch duschen und so …“ „Weißt du was?“, antwortete die Manuela. „Ich hol dich in einer halben Stunde ab. Nein, sagen wir in zwanzig Minuten. Dann fahren wir hinauf zum Salzberg. Und inzwischen ruf ich dort an, damit sie nicht das Gefühl haben, die Polizei lässt sie ganz im Stich.“ Gasperlmaier seufzte neuerlich. Wenn nur die Tablette endlich Wirkung zeigen würde! „Ja“, sagte er. „Ist gut. Ich beeil mich.“

Als er neben der Manuela im Streifenwagen saß, meinte er zu spüren, dass das Medikament endlich zu helfen begann. Das Pochen ließ nach, die Übelkeit jedoch blieb, vor allem, wenn die Manuela schwungvoll eine Kurve anschnitt. Er musste sich am Haltegriff über der Beifahrertür festhalten. „Wie geht’s dir denn so, heute? Habt’s ihr noch lang gefeiert?“ „Kommt drauf an, wann du gegangen bist“, antwortete Gasperlmaier. „Was, daran kannst du dich nicht mehr erinnern? Du hast mich umarmt und ganz feucht auf beide Wangen geküsst. Und mir wortreich erklärt, wie sehr du mich magst und wie froh dass du bist, dass gerade ich auf deinen Posten gekommen bin!“ Sie grinste schelmisch zu ihm herüber. Wortreich, hatte sie gesagt? Das entsprach so gar nicht seinem Wesen und seinen Gewohnheiten. Im Alltag war er eher sparsam mit Worten, überlegte und grübelte lieber, statt sich an Gesprächen zu beteiligen. Wahrscheinlich hatte er gestern unglaublichen Unsinn dahergeredet und sich gründlich danebenbenommen. Ohne dass er sich wirklich daran erinnern konnte. Hoffentlich gab das nicht noch nachträglich einen Skandal und einen Mordsärger mit der Christine. Obwohl sie heute Morgen ganz entspannt gewirkt hatte. „War ich eh nicht peinlich?“, fragte er mit einem Seitenblick auf die Manuela, die frisch und munter wirkte, so, als ob sie die ganze Nacht friedlich in ihrem Bett verbracht hätte.

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. „Lieb warst du, und ein bisschen angesäuselt. Nichts Schlimmes.“ Gasperlmaier atmete auf, ein wenig erleichtert. „Ich hab übrigens mit der Frau Roither telefoniert. Die war heute schon ein bisschen entspannter, sie hat gemeint, vielleicht hat sie doch überreagiert, weil doch kein Vermisster gemeldet ist, sondern nur ein Anzug verschwunden. Sie freuen sich aber trotzdem, dass wir eine Begehung machen, von der Führungsroute, um alle Probleme auszuschließen.“ „Und was ist mit den Autos?“, fragte er. „Die drei Kennzeichen, die du überprüfen hast lassen, gehören alle Gästen, die im Jugendgästehaus gemeldet sind. Keine Auffälligkeiten.“

Gasperlmaier hatte wenig Lust auf einen Besuch des Salzbergs. Womöglich würde er da drinnen keine Luft bekommen und Kopfschmerz und Übelkeit würden ihn wieder so heftig plagen wie heute Morgen, als er sich am liebsten gleich wieder hingelegt hätte. „Machen wir das?“, fragte er deshalb. Die Manuela nickte. „Sie haben zwar selber vor Führungsbeginn Nachschau gehalten, die Frau Roither möchte aber, dass wir einmal hineinschauen, damit sie sich nicht nachher vorwerfen lassen muss, der Sache nicht sorgfältig genug nachgegangen zu sein.“

Gasperlmaier war vor zwei, drei Jahren das letzte Mal im Bergwerk gewesen, als seine Frau eine Freundin aus England zu Besuch gehabt hatte, die natürlich, wenn sie schon einmal in Aussee war, auch den Salzberg besichtigen hatte wollen. Und vor langen Jahren, er wusste gar nicht mehr, wie lange das her war, hatten sie auch einmal ein Theaterstück besucht, das direkt im Salzberg aufgeführt worden war. Am Salzsee hatte man eine Bühne aufgebaut gehabt, und rundherum Tribünen, und das Stück hatte davon gehandelt, dass Bergleute nach einem Unglück im Salzberg eingeschlossen gewesen waren. Gasperlmaier war bei der ganzen Angelegenheit ein wenig mulmig zumute gewesen. Immerhin war man unter tausenden Tonnen Gestein mitten in einem Berg, und vorgespielt wurde einem, dass man darin ausweglos eingeschlossen sei. Irgendwann war sogar eine nackte Frau über die Bühne spaziert, erinnerte sich Gasperlmaier. Die hatte sicher elendiglich gefroren, und die Christine hatte ihm erklärt, dass es sich dabei um eine Halluzination von einem der eingeschlossenen Bergmänner gehandelt hatte. Die Nackte, die er gesehen hatte, die war aber echt gewesen und keine Halluzination, dessen war er sich sicher.

Als sie vor dem Steinberghaus ausstiegen, war es bereits so warm geworden, dass Gasperlmaier seine Uniformjacke ausziehen wollte, bevor er sich daran erinnerte, dass es im Berg kalt war. Drinnen herrschte das ganze Jahr die gleiche Temperatur, es hatte, so erinnerte er sich, höchstens zehn Grad. Er knöpfte sich die Uniformjacke zu und sie betraten das Steinberghaus, das sie erst gestern Abend nach Einbruch der Dunkelheit verlassen hatten.

„Jetzt ist es mir direkt peinlich, wo Sie doch gestern Geburtstag gehabt haben, Herr Inspektor. Das hab ich erst im Nachhinein so richtig mitgekriegt.“ Gasperlmaier wedelte abwehrend mit seiner Hand. „Macht ja nichts. Ist schon in Ordnung.“ Er fragte sich, ob man seiner Stimme immer noch die ausgiebige Feier von gestern Nacht anhören konnte. Die Frau Roither führte sie in den Raum, in dem die Besucher normalerweise ihre Schutzkleidung anlegten. „Eine Führung ist schon drinnen“, erklärte sie, „aber heute ist nicht so viel los, der Wetterbericht war gut, da haben wir nie so viel Betrieb.“ „Wann genau der Anzug verschwunden ist, da können Sie nichts dazu sagen?“, fragte die Manuela. Die Frau Roither schüttelte den Kopf. „Sie sollten auch … damit die Uniformen nicht schmutzig werden. Und drinnen ist es kalt!“ Gasperlmaier nickte. Wieder überkam ihn leichter Schwindel, als er sich bücken musste, um die weiße Hose über seine Schuhe zu ziehen. „Foto?“, fragte die Manuela grinsend, als sie schließlich in ihren Anzügen vor dem Mundloch des Stollens standen. „Ach geh!“, wehrte Gasperlmaier ab. Nach Scherzfotos in der nicht sehr vorteilhaften Schutzkleidung war ihm nicht zumute.

Dann ging es mit der Frau Roither hinein in den Stollen. Sie marschierten zwischen den Geleisen, die den Bergleuten dazu dienten, mit Lokomotive und Anhängern für Gerätschaften in den Berg und wieder heraus zu kommen. „Hier ist die Salzgrenze“, erklärte die Frau Roither nach etwa fünf Minuten Fußmarsch. „Ab hier ist das Gestein salzhaltig, Sie erkennen es an den roten und goldgelben Adern, die durch den Fels laufen.“ „Weißt du, dass ich noch nie in einem Salzbergwerk war? Eigentlich überhaupt noch nie in einem Bergwerk?“, fragte die Manuela. „Du kannst kosten“, antwortete Gasperlmaier. „Einfach mit dem nassen Finger einmal drüberfahren und dann ablecken.“ „Ist das nicht … ich meine, wenn das jeder macht?“ Die Frau Roither schüttelte den Kopf. „Hier herinnen ist alles praktisch steril. Das macht die salzige Luft. Ein Grund dafür, dass gegen Ende des Zweiten Weltkrieges hier Kunstschätze in Milliardenwert eingelagert worden sind.“ „Davon hab ich schon gehört“, sagte die Manuela. Gasperlmaier fühlte sich plötzlich, ganz im Gegensatz zu seinen Befürchtungen, frisch und munter, keine Spur mehr von Atemnot oder Übelkeit. Auch der Kopfschmerz war großteils verschwunden. Ob das die Tablette bewirkt hatte? Oder war es die gesunde, kühle Luft im Salzberg herinnen?

„Wir müssen vor allem nach Stellen Ausschau halten, wo man … also, wo man etwas verstecken könnte. Nischen, Verschläge und so.“ Gasperlmaier leuchtete mit seiner Lampe in eine Nische zur Linken. „Schurf der heimlichen Wünsche“, stand da. Wohl ein Scherz für die Touristen. „Kann man da hineinschauen?“ Die Frau Roither nickte. „Haben aber wahrscheinlich unsere Leute auch schon.“ Die Manuela kam ihm zuvor, schlüpfte unter einer Absperrung hindurch, auf der zu lesen stand: „Achtung, matte Wetter!“, und verschwand um eine Biegung. „Hier ist es schon zu Ende, da ist nichts!“ Ihre Stimme hallte dumpf durch den Stollen, bevor sie wieder auftauchte. „Was heißt das eigentlich, matte Wetter?“, fragte Gasperlmaier. „Ein bergmännischer Ausdruck für verbrauchte Luft, zu wenig Sauerstoff zum Atmen“, sagte die Frau Roither, beruhigte aber gleich mit ein paar Handbewegungen. „Keine Angst. Ist nur ein Scherz, keine Gefahr!“

So ging es weiter in den Berg hinein, während Gasperlmaier und die Manuela verschiedene Verschläge und Seitengänge ausleuchteten und kontrollierten, die den gewöhnlichen Besuchern verschlossen blieben, doch nirgends fand sich irgendetwas, das ihre Aufmerksamkeit erregt hätte. Schließlich standen sie in der Barbarakapelle, die die Bergleute in einem größeren Hohlraum zu Ehren ihrer Schutzpatronin errichtet hatten. Der Altar war aus durchscheinenden Salzsteinen gebaut und von hinten beeindruckend beleuchtet. Gasperlmaier und die Manuela sahen sich um. Er entdeckte eine Tafel, die an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Bergleute erinnerte. Viele bekannte Ausseer Namen waren darunter, wie Grieshofer, Kahlß, Köberl und andere, jedoch kein Gasperlmaier. Er hatte auch noch nie etwas davon gehört, dass einer seiner Vorfahren Bergmann gewesen war. Dass sein Name hier fehlte, musste allerdings nichts bedeuten – schon in den vergangenen Jahrhunderten waren im Ausseerland viele uneheliche Kinder zur Welt gekommen, sodass nicht auszuschließen war, dass dennoch ein Verwandter darunter war.

Sorgfältig leuchteten sie alle Nischen und Ecken aus, ohne etwas zu entdecken, das ihre Aufmerksamkeit erregt hätte. Als sie die Kapelle verließen, begegnete ihnen die Führungsgruppe, die aus nur sieben oder acht Leuten bestand, zwei davon Kinder. „Das ist der Simon“, stellte ihnen die Frau Roither den Führer der Gruppe vor, einen feschen, groß gewachsenen blonden Burschen. „Grüß euch!“, sagte der und schüttelte Gasperlmaier kräftig die Hand, während sein Blick durch die Kapelle wanderte. „Was macht denn die Polizei da herinnen?“ „Nur Routine!“, sagte die Manuela. „Wir machen halbjährlich eine Begehung. Aus Sicherheitsgründen.“ Gasperlmaier bewunderte sie dafür, dass sie so spontan und überzeugend lügen konnte. „Ich muss euch noch was zeigen“, erklärte die Frau Roither und führte sie zurück in den Gang, der zur Kapelle führte. „Gut, dass Sie denen nichts gesagt haben“, flüsterte sie. „Das braucht ja wirklich niemand zu wissen, weswegen Sie hier …“ Gasperlmaier nickte. „Selbstverständlich!“

„Schauen Sie!“ Die Frau Roither hatte sie in einen etwas größeren Hohlraum geführt und leuchtete an die hintere Wand, vor der Gasperlmaier schemenhaft etwas erkennen konnte. Kurz durchfuhr ihn ein Schrecken. Waren das nicht menschliche Umrisse, dort hinten?“ „Das sind Schinken“, lächelte die Frau Roither. „Da gibt’s einen Wirt vom Hallstättersee draußen, der macht luftgetrockneten Schinken. Wie einen Prosciutto. Und der lässt seine Schinken eine Zeitlang hier herinnen reifen. Das Klima tut den Schinken anscheinend gut.“ Erleichtert seufzte Gasperlmaier auf. „Kann man da hinauf? Wir sollten uns da einmal ein bisschen umsehen!“ Die Manuela stieg, kaum dass sie geendet hatte, den flachen Abhang hinauf, der zu den Schinken führte, und leuchtete den Boden ab. Gasperlmaier folgte ihr. Dort gab es zwar jede Menge Fußabdrücke, die mit Sicherheit nicht nur von der Manuela stammten, aber das war zu erwarten gewesen. Irgendjemand musste ja schließlich das Gestell, auf dem die Schinken hingen, aufgebaut und die Schinken aufgehängt haben. Es duftete verführerisch. Gasperlmaier leuchtete die aufgehängten Schweinshaxen ab, aber auch hier und in der unmittelbaren Umgebung war nichts Auffälliges zu sehen. Gar nichts.

„Gehen wir weiter!“, schlug er vor.

„Das ist jetzt ein relativ neuer Teil des Schaubergwerks. Eine der Lagerstätten für die Kunstschätze, von denen ich euch schon erzählt habe.“ Sie standen vor einer Art Hütte, die in einen Hohlraum des Bergbaus eingepasst war. Davor stand eine Kiste mit folgender Aufschrift: „Vorsicht, Marmor, nicht stürtzen!“ „Da waren wohl Statuen drin?“, fragte die Manuela. Die Frau Roither schüttelte den Kopf. „In diesen Kisten haben die Nazis die Bomben in den Berg gebracht, mit denen sie die gesamten Kunstschätze vernichten wollten. Wäre es ihnen gelungen, dann wäre wohl das ganze Bergwerk in sich zusammengestürzt und es wäre aus gewesen mit dem Bergbau. Auf Jahrzehnte hinaus.“ Gasperlmaier zuckte zurück, als die Frau Roither die Kiste öffnete, denn da lag tatsächlich eine Bombe  drin. „So haben die ausgesehen“, sagte sie. „Aber die ist natürlich entschärft!“ „Natürlich! Eh klar!“, spielte Gasperlmaier seinen Schreck herunter. „Da müssen wir aber schon genauer nachschauen, da drinnen!“ Die Manuela deutete auf den hüttenartigen Verschlag, vor dem die Bombe in ihrer Kiste lag.

Drinnen gab es Regale mit Kisten. Leeren Kisten. Hier also hatte man die Kunstschätze, die die Nazis in halb Europa zusammengeraubt hatten, gelagert. Damit sie nicht den Bombenangriffen der Alliierten zum Opfer fielen. Wahrscheinlich, so dachte Gasperlmaier bei sich, hatte man sie auch vor dem Zugriff der ursprünglichen Besitzer verstecken wollen. Sie leuchteten in die Kisten hinein, in jede Ecke, jede Nische, auf den Boden. Nirgends verriet irgendeine Einzelheit, dass sich hier kürzlich jemand aufgehalten haben könnte. Natürlich gab es auch hier Fußabdrücke auf dem Boden. „Kommt da öfter wer herein?“, fragte Gasperlmaier. Die Frau Roither schüttelte den Kopf. „Nicht bei normalen Führungen. Aber wenn Wissenschaftler oder Prominente kommen oder wenn wieder einmal gefilmt wird …“ Gasperlmaier nickte. Er wusste, es gab zahllose Fernsehdokumentationen über das Ausseerland, namentlich über die Geheimnisse, die das Salzbergwerk und vor allem der Toplitzsee in der Nähe des Traunursprungs bargen.

„Nichts!“, konstatierte die Manuela schließlich, und sie setzten ihren Rundgang fort. Ein Stück weiter kamen sie in einen Raum, der Fotos aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zur Schau stellte. Es gab auch ein paar Sitzbänke. „Hier zeigen wir den Besuchern ein Video über die Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Kunstschätze geborgen worden sind“, sagte die Frau Roither. „Wollen Sie es sehen?“ Gasperlmaier schüttelte den Kopf. „Aber während das Video läuft, da ist es doch finster, oder? Da könnte doch jemand aus einer größeren Gruppe verschwinden, ohne dass das gleich auffällt?“ „Ja, aber warum?“, fragte die Frau Roither. Gasperlmaier zuckte mit den Schultern. Dazu fiel ihm auch nichts ein, aber es gab ja immer wieder neugierige Zeitgenossen, die mit dem nicht zufrieden waren, was ihnen bei Führungen gezeigt wurde, und versuchten, auf eigene Faust die Umgebung zu erforschen.

„Und der Führer, wo hält sich der während des Vortrags auf?“, fragte die Manuela. „Ja, normalerweise schaltet er die Projektion ein, nicht, und bleibt dann in der Nähe. Er soll ja auch die Gruppe im Auge behalten, eben damit ihm niemand verloren geht. Manchmal sind die Leute unkonzentriert und wollen schon weiter, während der Film noch läuft. Und einmal haben wir ein paar alte Nazis dabeigehabt, die haben sich fürchterlich über den Film aufgeregt und verlangt, dass wir abdrehen. Das ist aber schon länger her.“ „Aber theoretisch könnte sich da jemand davonmachen? Und der Führer der Gruppe auch?“, bohrte die Manuela nach. Die Frau Roither wand sich ein wenig. „Schon. Ist aber sehr theoretisch. Warum sollte das jemand tun?“