Libellen auf der Autobahn - Jennifer Kersten - E-Book

Libellen auf der Autobahn E-Book

Jennifer Kersten

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Beschreibung

Die größte Autobahnkreuzung der Welt steht im chinesischen Chongqing. Unzählige Abzweigungen auf fünf Ebenen bilden ein schier undurchdringbares Dickicht. So oder so ähnlich lassen sich die laufenden Gedanken, Gefühle und Empfindungen von Intensivsensiblen beschreiben. Um für Intensiv- wie auch Normalsensible mehr gegenseitiges Verständnis und damit ungeahnte Möglichkeiten zu eröffnen, bedarf es eines gegenseitigen Umdenkens. Jeder Mensch ist sensibel! Wir alle kommen sensibel auf die Welt und haben verschiedene Strategien, unsere sensible Seite zu schützen. Menschen mit dem Phänomen der Hochsensibilität können keine Mauern bauen oder sich ein dickeres Fell wachsen lassen. Für sie geht es ohne jeglichen Schutz in unsere Arbeitswelt: Erfolg und Leistung ohne Rücksicht auf Verluste um sich am Ende im Stau wiederzufinden, wie auf einer Autobahn. Aber muss das so sein?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Jamie Lee

Inhalt

In Dankbarkeit

Vorwort

Ein künstlerisches Talent

Das Beste ist nicht gut genug

Ein neuer Versuch

Der klassische Weg

Eine Herausforderung

Das Gespräch

Arbeit, die willkommene Ablenkung

Tränen dürfen sein

Der Bürosegen hängt schief

Zeit für Veränderungen

Der neue Job

Das neue Team

Die Entscheidung

Vergangenheit und Zukunft

Man wächst mit seinen Aufgaben

Der Entschluss

Epilog

Interview mit Ulrike Hensel

Interview mit Professor Pelz

Nachtrag – Gedankenautobahn

Kennst du Futsal? Gedanken von Sam

It’s not a Bug. It’s a Feature

Weiterführende Informationen

Anmerkungen

»Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts.«

Sören Kierkegaard

1

In Dankbarkeit

Vor ziemlich genau zwei Jahren gab mir eine Freundin ein blaues Buch, auf dem ich das erste Mal bewusst das Wort »Hochsensibilität« las. Was ich in diesem Buch las, war meine Lebensgeschichte. – Das war ich!

Nach der Lektüre verfiel ich in einen Rausch der Wissbegierde. Ich las in den darauffolgenden Monaten unzählige Bücher zum Thema Hochsensibilität und machte gefühlt jeden verfügbaren Onlinetest, den ich fand. Dabei lag ich mit meinen Antworten ausnahmslos in den oberen zehn Prozent der möglichen Hochsensibilitätspunkte.

Jetzt – nachdem ich mich sehr ausführlich mit diesem Thema und mir beschäftigt habe – schreibe ich diese Zeilen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Menschen, den normalsensiblen und den hochsensiblen, den bekannten und den fremden und denen aus der Reihe der Führungskräfte, von ganzem Herzen für ihre Unterstützung bei der Realisierung dieses Buchprojekts bedanken!

Die Liste der Unterstützer ist wirklich lang und mir ist es wichtig, zu betonen, dass ich jedem Einzelnen von Herzen dankbar bin, auch wenn ihr Name hier nicht zu lesen ist.

Nur zwei Personen möchte ich hier namentlich erwähnen, weil ihre aufschlussreichen Interviews im hinteren Teil des Buches zu finden sind:

Prof. Dr. Waldemar Pelz und Ulrike Hensel, Expertin für Hochsensibilität.

DANKE!

Ich freue mich und ich bin dankbar, dass Du dieses Buch liest! DANKESCHÖN!

»Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste, zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste und drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.«

Konfuzius

2

Vorwort

Dieses Buch erzählt – wie viele seiner Artgenossen – eine Geschichte. Es ist die Geschichte von Vanessa Schmidt, einem 19 Jahre alten Mädchen aus »gutbürgerlichem Hause«. Es beginnt seinen Weg in die Arbeitswelt und hat dabei verschiedene, wenn auch nicht alltägliche Erlebnisse, die sie immer wieder fühlen lassen »da stimmt doch was nicht mit mir«. Sie kann am Vormittag drei Stunden in Ihrem Zimmer sitzen, um zu malen, um danach mit ihren Freunden auf ein Rammstein-Konzert zu gehen. Vanessa ist ein junges Mädchen, das gerne Spaß mit ihren Freunden hat – viel mehr männliche als weibliche, aber was soll‘s? Sie lacht gerne, meistens zu laut und versteht es, andere durch ihre warme und ehrlich freundliche Art in ihren Bann zu ziehen. Es ist die Zeit der frühen 90er Jahre. Für die jüngeren Leser sei hier also angemerkt: »Die Zeit vor Google!« Vanessa hat alles, um ins Leben zu starten. In diesem Buch erleben wir gemeinsam die Startphase, die ersten Bruchlandungen und das Immer-Wieder-Aufstehen.

Dieses Buch ist kein weiteres Buch aus der Kategorie »Mutmacher«, denn davon sind bereits viele ausgezeichnete geschrieben worden. Es verfolgt eher den Ansatz des Brückenbauens und des Schaffens gegenseitigen Verständnisses. Aus diesem Grund wird der Begriff der Hochsensibilität in diesem Buch zwar verwendet, aber für die Dauer der Lektüre soll er umdefiniert werden. Aus hochsensibel wird intensivsensibel.

Dieser Begriff trifft es zum einen genauer und zum anderen wird die Wertigkeit des Wortteils »Hoch« entfernt. Es geht nicht darum, dass die eine Ausprägung höher und damit besser ist als die andere. Beide haben ihre Berechtigung und wenn die Lehren aus dieser Geschichte von beiden Seiten mit Sorgsamkeit und Verständnis gezogen werden, sind ungeahnte Möglichkeiten zu erreichen. Davon bin ich überzeugt.

»Was würde ich meinem früheren Ich bei all seinen Herausforderungen in der Arbeitswelt sagen?«

Dieser Blick bedeutet für die heutige Arbeitswelt, dass sich noch einiges ändern darf. Schon Heraklit erkannte: »Nichts ist so beständig wie der Wandel.« Es geht mir um ein besseres Verständnis und um das Erkennen, was die »Ressource Hochsibilität« für ein Unternehmen bedeuten kann und natürlich auch für den intensivsensiblen Angestellten selbst.

Für dieses Buch wurden erlebte und erfundene Begebenheiten in eine Geschichte mit ausgedachten Personen geschrieben. Die vermittelten Werte behalten dennoch ihre Gültigkeit. Zwischen den Romanepisoden befinden sich Abschnitte ähnlich einem Sachbuchteil, die zum Perspektivwechsel bewegen wollen. Wenn Du Deine Gedanken mit mir teilen möchtest, freue ich mich über Deine Nachricht. Und nun; Viel Spaß beim Lesen!

»Meine einzige bange Sorge ist: Wie kann ich nützlich sein in der Welt? Kann ich nicht irgendeinem Zweck dienen und zu etwas gut sein?«

Vincent van Gogh

3

Ein künstlerisches Talent

»Willst du als brotlose Künstlerin irgendwann auf der Straße sitzen?«, Vanessas Mutter hatte wenig Verständnis für die Studienwünsche ihrer Tochter. Sicher, Vanessa war anders als andere junge Frauen in ihrem Alter, das hatte die Mutter seit ihren Kindertagen gewusst. Sie lebte gewissermaßen in ihrer eigenen Welt – einer Welt, die der Mutter oftmals verschlossen und fremd vorkam.

Vanessa war einfühlsam, konnte sich so richtig in ihren Herzensprojekten verlieren und alles um sich herum vergessen. Wenn sie sich auf eine Sache eingeschossen hatte, ging sie vollkommen darin auf. So auch in ihrem liebsten Hobby, der Kunst. Stunden über Stunden verbrachte sie in ihrem Zimmer und war glücklich damit, zu malen, neue Techniken auszuprobieren oder auch berühmte Ölgemälde zu studieren. Dabei hatte sie einen Blick für die kleinen Details, konnte sich auf fast traumwandlerische Weise in die Gefühlswelt des Malers hineinversetzen und machte so an vielen Tagen kleine Zeit- und Weltreisen.

Wenn sie sich in diese Welt begab, schöpfte sie Kraft in der Stille. Es war so, als würde sie ihre Akkus wieder aufladen und dabei konnte sie enorm produktiv und kreativ sein. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wäre sie am liebsten eine Künstlerin geworden oder hätte wenigstens Kunst oder Kunstgeschichte studiert. Aber das, so wusste sie, würde sie bei ihren Eltern niemals durchkriegen ...

Sie war immer eine intelligente und fleißige Schülerin gewesen, die die ihr anvertrauten Aufgaben mit großer Sorgfalt erledigte und so hatte es niemanden überrascht, dass Vanessa das Abitur mit hervorragenden Noten bestand. Sie hatte also alle Möglichkeiten und jetzt wollte sie ernsthaft Künstlerin werden?

Vanessas Mutter befand sich in einem Zwiespalt. Einerseits wusste sie natürlich, dass ihr Kind klug und sensibel war. Sie kannte auch den tiefsitzenden Drang ihrer Kleinen, sich selbst zu verwirklichen. Zweifelsohne hatte Vanessa Fleiß, Kreativität und die Gabe, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. All das war der Mutter klar. Andererseits, selbst wenn sie damit außergewöhnliche Kunstwerke schaffen würde, wäre das noch immer ein ungewöhnlicher und damit indiskutabler, weil nicht solider Lebensplan. Damit schied für sie diese Variante schon mal aus, weil nicht sein darf, was nicht sein kann.

Und überhaupt … war denn ein derart unsicheres Leben für eine so zartbesaitete Person wie Vanessa überhaupt das Richtige? Nein! Vanessas Mutter hatte somit die notwendigen Argumente zusammen und sah sich folglich in der Pflicht, ihre Tochter zu ihrem Glück zu zwingen. Nicht nur, weil es sich einfach nicht gehörte, so einer brotlosen Kunst nachzuhängen. Das Thema Schutz, Sicherheit und Solidität spielte eine zentrale Rolle. Die Mutter hoffte einfach, dass Vanessa im System eines größeren Unternehmens mit einem sicheren und festen Arbeitsplatz gut »aufgehoben« sei. Das würde sie schon irgendwann mal verstehen.

Vanessas Mutter war nicht sonderlich gut darin, ihrer Tochter ihre Beweggründe so gefühlvoll und emotional verständlich offenzulegen, dass Vanessa es verstanden hätte. Die Mutter war sich sicher, dass es einfach das Beste für ihr Kind sei: Eine kaufmännische Ausbildung sollte der Einstieg in Vanessas Arbeitsleben werden.

Vanessa war traurig darüber, ihren Traum begraben zu müssen. Doch gegen die Autorität ihrer Mutter anzukämpfen lag ihr nicht. Sie war schon immer ein harmoniebedürftiger Mensch gewesen. Ihre Mutter war eine bodenständige Person, die sich in dem System, das sie sich geschaffen hatte, sicher fühlte und klare Vorstellungen davon hatte, wie die Dinge zu laufen hatten. Was nicht in dieses traditionelle System passte, gab es auch nicht. Teil dieses Systems war auch Vanessas Vater, der – des lieben Friedens willen – nichts Gegenteiliges sagte oder er war nur ein handfester Realist, der ebenfalls seine kleine Träumerin vor Enttäuschungen als freischaffende Künstlerin schützen wollte.

Zum Verständnis

Die gesellschaftliche Struktur besteht aus geschätzt 15 bis 20 Prozent hochsensiblen Menschen (HSM), davon sind ca. 70 Prozent introvertiert, wie Vanessa.

Ihre Eltern symbolisieren den Großteil der Gesellschaft, die mit einem meist zurückhaltenden, fast schon schüchternes bis hin zu einem »mimosenhaften« Temperament, welches vielen hochsensiblen Persönlichkeiten (HSP) nachgesagt wird, wenig bis gar nichts anfangen können.

»Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«

Antoine de Saint-Exupéry

4

Das Beste ist nicht gut genug.

So begann Vanessa in den nächsten Tagen, Bewerbungen zu schreiben. Sie bewarb sich für eine Ausbildung bei verschiedenen Banken und Versicherungen und wurde kurz darauf tatsächlich eingeladen. Aber nicht, wie sie gedacht hatte, zu einem Vorstellungsgespräch.

»Somit freuen wir uns, Sie am 14.06. zu unserem Assessment-Center einladen zu dürfen«, las Vanessa den Brief ihren Eltern vor. Dabei stutzte sie etwas und wiederholte die Worte »Assessment-Center« noch einmal ganz langsam, wobei sie jede Silbe betonte. Sie legte die Stirn in vertikale Falten, die sie etwas skeptisch aussehen ließen und kniff die Augen kaum merklich zusammen. Sie überlegte. Dann endlich fragte sie etwas verdutzt und mehr zu sich selbst: »Was ist das denn?«

Vanessas Mutter zuckte mit den Schultern. Auch ihr Vater hatte den Begriff zwar schon gehört, konnte seiner Tochter aber nicht wirklich auf verständliche Art und Weise erklären, was es mit diesem Begriff, der anscheinend immer mehr in Mode zu kommen schien, auf sich hatte. Vanessa beschloss also, etwas zu tun, worin sie absolut nicht gut war: Sie ließ es auf sich zukommen. Das war in etwa genauso bescheiden für sie, wie sich überraschen zu lassen. Wo kein Plan, da keine Sicherheit.

Die Zeit bis zum Assessment-Center bei einer großen deutschen Versicherungsgesellschaft verging schneller, als es Vanessa lieb war. Entgegen des Vorsatzes, es auf sich zukommen zu lassen, hatte sie jeden befragt, der nicht bei drei auf dem Baum gewesen war. Sie hatte von Freunden und Bekannten einiges gehört, was ihr aber nicht weiterhalf. Da es – so die einhellige Meinung der Befragten – kaum möglich war, sich vorzubereiten, war einer der wahren Alpträume von Vanessa Wirklichkeit geworden. Sie musste ohne Vorbereitung eine Herausforderung meistern.

Dann war der Tag gekommen. Gegen Mittag stützte Vanessa in einer kurzen Pause den Kopf in beide Hände und atmete einmal tief durch. Den ganzen Vormittag über hatte sie mit unzähligen anderen Bewerberinnen und Bewerbern nicht enden wollende Formulare ausgefüllt. Sie hatte das Abitur mit Bravour bestanden, doch viele der hier gestellten Fragen und Aufgaben konnte sie schlicht nicht beantworten. ›Wenn ich das alles schon wüsste, müsste ich ja keine Ausbildung machen‹, schoss es ihr zwischendurch durch den Kopf. Doch sie wollte durchhalten, auch wenn sie die Anforderungen mehr als übertrieben fand.

In der Schule war die junge Frau immer unter den Besten gewesen. Hier ging sie einfach in der Menge unter und hatte das Gefühl, von den vielen neuen Eindrücken überrannt zu werden. Wenn sie sich links und rechts so umschaute, kam es ihr sogar so vor, als würden alle anderen es besser machen als sie und sich mit der Beantwortung der Fragen leichter tun. Mehr noch: Die anderen Bewerberinnen und Bewerber schienen sich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, dass sie eben nicht alles wussten. Den Gedanken, dass die Anderen eben doch alles wussten, hatte Vanessa schon vor zwei Stunden gehabt und dann ganz schnell in der hinterletzten Schublade ihres Verstandes versteckt.

Langsam überkamen der jungen Frau Zweifel, ob sie dieser Aufgabe überhaupt gewachsen war. War sie nicht vielleicht doch zu still? Zu in sich gekehrt und trat einfach nicht laut und selbstbewusst genug auf, um ihre Fähigkeiten in den Fokus zu stellen? Wie sollte sie es schaffen, aus dieser homogenen Masse herauszustechen und viel mehr noch, wollte sie das überhaupt?

Nach der Mittagspause wurde die Hälfte von Vanessas Mitstreitern verabschiedet. Vanessa beobachtete angespannt, wie immer mehr der vorher so selbstsicheren und von sich überzeugten Anwesenden den Saal verlassen mussten. Sie rechnete schon damit, die Nächste zu sein. Tja, falsch gedacht! Sie durfte bleiben.

Als Vanessa klar war, dass sie es in die nächste Runde geschafft hatte, hätte sie erleichtert sein können. Sie hätte tief durchatmen und sich selbst auf die Schulter klopfen können, denn offensichtlich war sie doch intelligent, gebildet und fähig genug, um zumindest zu den besseren 50% zu gehören. In Vanessas Innenleben jedoch spielten sich gerade vollkommen andere Dinge ab. Gedankenkarussell! Die Gedanken kreisten immer und immer wieder um die selbstkritische Erkenntnis: ›Sie haben mich vergessen ...!‹ Vanessa fühlte sich wie eine Hochstaplerin, die sich irgendwie hier eingeschleust hatte und deren Verbleib in der zweiten Runde nur einem Fehler der Personalmanager geschuldet war.

Statt stolz auf sich zu sein, hatte sie jetzt noch größere Angst davor, dass man entdecken würde, dass sie doch nicht auf die Stelle passte. Insbesondere, weil ihr die nächste Aufgabe den Boden unter den Füßen wegriss.

»Wir machen jetzt ein Rollenspiel«, verkündete eine Frau mittleren Alters mit schulterlangen blonden Haaren in einem eleganten Businesskostüm fröhlich. Die verbleibenden Bewerberinnen und Bewerber schauten sich ratlos um.

»Sind wir hier beim Improtheater ...?«, hörte Vanessa irgendwo hinter sich einen jungen Mann murmeln. Doch ihr war jetzt so gar nicht nach Scherzen. Jetzt wünschte sie sich umso mehr, dass sie bereits in der ersten Runde ausgesiebt worden wäre. Obwohl die 19-Jährige wirklich kreativ war und sich gerne im Geiste in die Positionen anderer Menschen hineinversetzte, gehörte es zu den schlimmsten Herausforderungen für Vanessa, vor anderen Menschen zu sprechen oder etwas vorzuführen. Man könnte sagen, im Mittelpunkt zu stehen war einfach nicht ihr Ding.

Sie zog die Schultern etwas an und senkte den Blick, um nicht aufzufallen. Zunächst schien diese Strategie auch zu funktionieren. Andere Teilnehmende wurden zuerst aufgerufen, um vor der Gruppe und den Personalern zu sprechen. Die Aufgabe: Sie sollten sich in ein Gespräch zwischen einer achzigjährigen Oma und ihrem achtjährigen Enkel hineinversetzen und beide Figuren abwechselnd spielen.

Nachdem fast alle dran gewesen waren und die Darbietung mal besser und mal schlechter über die Bühne gebracht hatten, war schließlich auch Vanessa an der Reihe. Es ließ sich nicht vermeiden.

Mit weichen Knien und der Gewissheit, ihre Stimme würde jeden Moment versagen, begann sie das etwa dreiminütige Rollenspiel, das ihr selbst wie eine Ewigkeit erschien. Danach war sie vollkommen durchgeschwitzt, doch irgendwie erleichtert. Sie hatte keine Ahnung, ob ihre Darbietung gut oder schlecht gewesen war und wie sie sich im Vergleich zu den Mitbewerbern geschlagen hatte. Sie war jetzt einfach froh, dass sie es hinter sich hatte und dass sie zum Glück doch nicht die hellblaue Bluse angezogen hatte, die ihre Mutter am Tag davor liebgemeint für sie gebügelt hatte. ›Gemessen daran, dass ich so etwas noch nie gemacht habe, kann ich dann doch irgendwie ganz zufrieden mit meiner Leistung sein, oder?‹, war ihr nächster Gedanke. Das wollte bei Vanessa schon etwas heißen!

»Vielleicht reicht es nicht, aber so schlecht war es auch nicht ...« So oder so ähnlich würden wohl alle Menschen nach einer solchen Prüfungssituation denken. Nicht so Vanessa. Sie hatte es einfach hinter sich gebracht. Mehr nicht.

In dieser Sekunde riss sie der Applaus der Prüfer aus ihren Gedanken.

»Was war das denn?«, fragte einer der anwesenden Personalchefs. Vanessa zuckte zusammen. Nun erwartete sie schon, dass er als Nächstes ansetzen würde, sie für ihre Unsicherheit vor den Anwesenden zusammenzustauchen und ihr zu sagen, dass sie ein wenig selbstbewusster und lauter auftreten müsse, wenn sie sich in der Ausbildung behaupten wolle.

Die Innenwelt

HSP können häufige und heftige innere Konflikte erleben mit Selbstkritik und Ängsten, weil sie sich gemessen an ihrem eigenen Ideal als unzulänglich fühlen. So beschrieb es bereits der Psychologe Kazimierz Dabrowski.

Das Gegenteil war der Fall. Die blonde Frau im eleganten Businessdress schaute applaudierend abwechselnd zu ihrem Kollegen und dann zu Vanessa: »Das war großartig! Noch nie hat sich eine Bewerberin so authentisch und einfühlsam in die beiden Figuren hineinversetzen können!«, sagte sie anerkennend und Vanessa spürte, wie sie rot wurde. Sie mochte es generell nicht, im Mittelpunkt zu stehen und jetzt das Zentrum der Aufmerksamkeit und des Lobes zu sein, fühlte sich irgendwie unecht an. Sie erlaubte sich für ein paar Augenblicke, stolz auf sich zu sein. Dann jedoch zog sich ihre Gedankenwelt auf die Einstellung zurück, dass sie ja eigentlich gar nichts so Herausragendes gemacht haben konnte.

Doch nun wusste auch Vanessa, dass sie aufgrund dieser Aufgabe in die letzte Runde kommen würde und fast verspürte sie auch schon ein bisschen Zuversicht, dass sie sich erfolgreich durch das Assessment-Center kämpfen und damit dem Ausbildungsplatz nichts mehr im Wege stehen würde.

Inzwischen war es später Nachmittag und die Prüfungssituationen und Gespräche waren beendet. Die Personalverantwortlichen hatten sich zu Beratungen zurückgezogen, dann schon einmal wieder ein paar Bewerber nach Hause geschickt und Vanessa war inzwischen mit noch vier anderen verblieben und wartete darauf, zum Abschlussgespräch und der Verkündung der Entscheidung aufgerufen zu werden.

Dann war es soweit. Sie nahm im Besprechungsraum Platz. Es war ein heller Raum mit einem großen weißen Konferenztisch, an dem hellgraue stoffbezogene Stühle standen. In zwei Ecken des Raumes befanden sich jeweils ein riesiger Kübel mit üppigen Pflanzen. An der einen Wand hing eine Schwarz-Weiß-Fotografie, so groß wie ein Poster. Vanessa überlegte beim Betrachten der Aufnahme »Über den Dächern von Berlin«, von wo aus man so fotografieren könnte?