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Etwas Bedrohliches braut sich in der Welt der jungen Hexe Ella Morgenstern zusammen. Dunkelheit umhüllt das Land. Mysteriöse Unfälle bei denen Menschen spurlos verschwinden, geben der magischen Welt Rätsel auf. Aber nicht nur die Welt der Hexen und Magier gerät durcheinander, auch die Vampire, die unter uns leben, machen sich Sorgen. Und in Mitten der rätselhaften Ereignisse erwacht die Liebe zwischen der jungen Hexe Ella und dem Vampir Robert. Eine Liebe, die eigentlich nicht sein darf. Oder doch?
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2015
2015 Susanna Herrmann
Umschlag, Illustration: Gabi Schnoobs
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-7288-1
Hardcover
978-3-7323-7289-8
e-Book
978-3-7323-7290-4
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Licht und Dunkelheit
Die Schattenkönigin
Susanna Herrmann
Inhalt
Begegnungen
Geheimnisse
Schottland
Prüfungen
Willkommen zu Hause
Das Schloss - Roberts Geschichte
Vorbehalte
Warten
Stimmen
Die Gartenparty
Zweifel
Das Ritual der ewigen Verbundenheit
Andor
Das Meeresvolk
Die Zentauren
Überschlagene Ereignisse
Nach Hause
Unterwegs nach Süden
Die Schattenkönigin
Verbündete
Auf in den Kampf
Vergangenheit und Zukunft
Begegnungen
„Ella, Elllaaa, dein Bus fährt in zehn Minuten. Sieh zu, dass du aus dem Bett kommst!“ Die verärgerte Stimme meiner Mutter riss mich aus dem Schlaf. Der Blick auf den Wecker verriet, dass ich wieder verschlafen hatte. Verdammt, das war das dritte Mal in dieser Woche. Na ja, heute ist es vermutlich nicht so dramatisch, am letzten Schultag vor den Sommerferien. Im nächsten Jahr würde ich Abitur machen, und dann wollte ich eh das ruhige Studentenleben genießen, irgendwo weit weg. Ich stöhnte. Sommerferien. Das bedeutete lernen, lernen, lernen. Ich würde in einer Woche nach Schottland fliegen, um mich bei Tante Ethna auf die große Hexenprüfung vorzubereiten.
„Ella Morgenstern, nun mach schon!“ Die Ungeduld meiner Mutter war deutlich zu hören. „Ja, ja, ich komme ja schon.“ Der Aufenthalt im Badezimmer war entsprechend kurz, ich schnappte meinen Rucksack und rutschte am Geländer hinunter ins Erdgeschoss. Meine Mutter Cornelia stand genervt mit einem Brötchen in der Hand bereits im Flur. „Für unterwegs“, sagte sie etwas sanfter. „Danke.“ Ich hielt inne. Ich hörte, wie der Bus an der Haltestelle hielt, es waren fünf Minuten zu Fuß in normaler menschlicher Geschwindigkeit, ich würde es nicht schaffen. „Ich nehme das Fahrrad.“ Meine Mutter starrte mich genervt an. „Gut, am besten du fährst durch den Wald, dann bist du schneller. Aber pass auf, dass dich keiner bemerkt. Und deine Haare! Kind, steh einfach früher auf, dann hast du mehr Zeit.“ Sie hob ihre Hände und machte eine Bewegung, als ob sie in der Luft meine roten, in alle Richtungen stehenden Locken glatt kämmen wollte. Sie war eine wirklich gute Hexe, ich merkte, wie sich meine Haare an meinen Kopf legten und locker auf die Schulter fielen. Ich würde vermutlich zur ersten Stunde zu spät kommen, aber Hauptsache, die Haare liegen. In diesem Moment stand völlig geräuschlos Nora hinter mir. „Sie kann mit mir fahren, es wird gleich anfangen zu regnen.“
Nora war schon zweiundzwanzig und studierte bereits in London. Sie hatte gerade Semesterferien und besuchte uns für zwei Wochen. Ich würde nächste Woche mit ihr gemeinsam fliegen, ein paar Tage bei ihr verbringen und dann weiter nach Schottland fahren. Nora konnte sich perfekt durch Zeit und Raum bewegen. Versuchte ich es, erklang immer ein lautes Plopp. Und sie konnte ungefähr zwei Stunden in die Zukunft sehen. Diese Gabe musste sie von unserem Vater, ein meiner Meinung nach durchschnittlicher Zauberer, aber sehr guter Seher, geerbt haben. Jaron, so hieß mein Vater, war ein großer stattlicher Mann mit jugendlichem Aussehen. Er betrieb unten im Dorf eine kleine Kfz-Werkstatt. Er sah die Dinge auf sich zukommen und wusste bereits morgens, ob es ein langer oder kurzer Tag wurde. Heute war er bereits in der Werkstatt, also würde er wohl viel zu tun haben. Meine Mutter Cornelia war eine beliebte Heilpraktikerin. Sie hatte eine kleine Praxis in der naheliegenden Stadt. Ihre Zaubertränke waren heilend, schmeckten aber widerlich. Wir führten ein normales Leben auf dem Land. Eben so normal, wie man als Hexenfamilie sein kann. Unser Haus lag etwas außerhalb am Waldrand, so konnten wir ungestört im Haus hexen, zaubern, Zaubertränke brauen und brauchten uns nicht zu verstellen. Außerdem hatte meine Mutter eine Schutzzone um unser Haus gelegt, sodass wir vor jedem Besucher rechtzeitig gewarnt wurden. Meine besondere Gabe war, ich konnte Gedanken lesen. Es war noch nicht perfekt, ich musste mich in einer Menschenmenge stark konzentrieren, um die richtigen Gedanken zu hören. Normalerweise können wir das nur untereinander, wenn wir es zulassen, aber ich konnte das auch bei Menschen. Sie konnten nicht ihre Gedanken verschließen, sie dachten einfach immer und das sehr laut. Manchmal war es sehr hilfreich, vor allem in der Schule, aber es war auch nervig. Tante Ethna hatte mir schon früh beigebracht, einfach abzuschalten und mein Gehirn vor der Reizüberflutung der Gedanken anderer zu schützen. Mittlerweile beherrschte ich das ganz gut.
Nora fuhr mich mit dem kleinen Lupo, den ihr unser Vater zum Abschluss geschenkt hatte, in die Schule. Ich hoffte, dass ich ihn in einem halben Jahr, wenn ich endlich achtzehn werden würde und meinen Führerschein bestanden hätte, fahren durfte. Wir verstanden uns gut, so wie sich Schwestern eben verstehen. Wir ergänzten uns. Obwohl sie so weit weg war, waren wir doch eng miteinander verbunden.
Sie lächelte mich an. „Viel Spaß heute, nach der zweiten Stunde habt ihr Schluss. Und denk daran, es regnet nachher, also verpasse nicht wieder den Bus.“
Tatsächlich, in der ersten Stunde bekamen wir unsere Zeugnisse, in der zweiten Stunde sahen wir uns ein Musikvideo an, und dann konnten wir gehen. Meine Freunde wollten noch ins Café in die Stadt und zum Abschluss des Schuljahres ein Eis essen. Unsere Clique bestand aus drei Mädels und mir. Da war zum einen Nadine, ich fand sie wunderschön, sie hatte lange blonde Haare, war schlank und hatte immer ein Strahlen im Gesicht. Ich hatte sie noch nie traurig oder böse gesehen. Sie hatte bereits einen Freund, Marcel. Er war nett, groß, schlank und sportlich. Er hatte gerade sein Abitur gemacht und wollte nun ein soziales Jahr in einem gemeinnützigen Verein beginnen. Sarah war klein, brünett und etwas kräftig gebaut, aber lustig und mütterlich. Sie war Single genau wie ich. Sie war ziemlich altmodisch und wartete noch immer auf den Richtigen, die eine wahre Liebe. Ich bezweifelte, ob es sie je gab. Tja, und Susanne, sie war unsere Draufgängerin. Sie hatte drei Brüder und war die Jüngste zu Hause. Sie bastelte an Motorrädern und fuhr mit ihrer Crossmaschine heimlich nachts über die Felder. Sie war ein Adrenalin-Junkie. Ich bewunderte sie dafür. Mir selbst würde vermutlich schlecht werden.
Wenn ich an die ganzen Hexengeschichten dachte … Hexen, die auf einem Besen durch die Luft fliegen, was für eine absurde Vorstellung. Wir saßen draußen unter der Markise des Cafés und bestellten uns Eiskaffee. Nadine wollte in den Ferien mit Marcel zu ihrer Tante nach München fahren, Sarah fuhr mit ihren Eltern an die Ostsee, und Susanne wurde ins Ferienlager nach Polen geschickt. Sie hatte überhaupt keine Lust, aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Ihr großer Bruder Florian leitete dieses Ferienlager, und ihre Eltern dachten, es kann nicht schaden, wenn sie unter Beobachtung war. Die Polizei hatte sie erst vor zwei Monaten beim Schwarzfahren erwischt, und das gab mächtig Ärger. Tja, alle hatten Pläne, ich würde bald nach Schottland fahren. Der Magen drehte sich mir um. Es war dort so einsam. Weite Felder, Hügel und mittendrin das Schloss, in dem Tante Ethna seit vielleicht hundert Jahren lebte. Hexen wurden ungefähr dreimal so alt wie Menschen. Ich glaube, die älteste Hexe ist dreihundert Jahre alt geworden, eh sie die Kräfte verlassen haben. Sobald die Magie verschwunden ist, werden wir menschlich und sterben. Das ist auch der Grund, weshalb es kaum Mischehen zwischen Hexen und Menschen gibt. Wir leben länger. Außerdem fühlen wir uns nur zu unseresgleichen hingezogen. Das behauptet zumindest meine Mutter. „Du wirst ihn finden, wenn die Zeit gekommen ist“, sagt sie immer.
Es fing an zu regnen. Ich musste lächeln. Auf Noras Vorhersagen konnte man sich verlassen. Trotzdem blieben wir draußen sitzen. Es war nicht kalt, und Susanne hatte sich von ihrem Bruder Jacob das Rauchen abgeschaut. Und so blieben wir sitzen, Susanne rauchte, Sarah schimpfte, und Nadine lächelte. So unterschiedlich wir vier doch waren, so verband uns doch eine enge Freundschaft seit dem Kindergarten.
Im Augenwinkel sah ich einen Jungen, nein, keinen Jungen, er war älter, vielleicht zwanzig. Er stand auf der anderen Straßenseite, hielt inne und schien zu uns herüberzuschauen. Ich musste meinen Kopf drehen, um ihn genau sehen zu können. Es war nur so ein Gefühl, ein vertrautes Gefühl, kannte ich ihn? Ich wollte ihn nicht anstarren, also versuchte ich, mich auf ihn zu konzentrieren. Vielleicht konnte ich ja seine Gedanken hören. Nein, nichts, ich musste ihn ansehen. Ich drehte meinen Kopf, er war weg. Da stand niemand. „Habt ihr jemanden gegenüber stehen sehen?“ Alle drei drehten ihre Köpfe. „Nein. Wen meinst du, wie sah er aus, es war doch ein Er?“ Sarah schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, ich hab mich sicher geirrt.“ Wir wandten uns wieder den wichtigen Dingen in unserem Teenagerdasein zu. Wer mit wem, wann, warum und wieso.
Dieser Blick. Er beschäftigte mich noch auf dem Heimweg. Hätte ich mich doch nur umgedreht, um ihn genau anzuschauen. Mich hatten noch nie Jungs interessiert, hin und wieder hat mich mal einer angesprochen, aber ich konnte mich immer herauswinden. Ich mochte die Jungs in meinem Alter und an meiner Schule nicht besonders. Sie benahmen sich so albern, ihre Gedanken drehten sich nur um Mädchen flachlegen, Autos und Alkohol. In Marcels Gedanken konnte ich das erste Mal wahre Gefühle für Nadine erkennen, daher freute ich mich für die beiden. Aber er schien die Ausnahme zu sein.
Es hatte aufgehört zu regnen, als ich zu Hause war. Meine Eltern waren noch nicht zu Hause, und Nora lag auf ihrem Bett und hörte Musik. Sie war verliebt, das konnte ich deutlich spüren, und sie brannte darauf, zurück nach London zu fliegen. Sie wusste, dass ich es wusste. Wir verstanden uns ohne Worte. Es war noch eine Liebe in den Anfängen, sie würde es unseren Eltern sagen, wenn es was Ernstes wurde. Ich schnappte mir mein Lieblingsbuch „Bis(s) zum Abendrot“, meinen Rucksack mit einer Decke und marschierte los in Richtung Wald. Mitten im Wald auf der Bergkuppe standen keine Bäume. Es war eine große breite Lichtung mit einem einzigen Baum in der Mitte. Das war mein Baum. Hierher kam ich, wenn ich allein sein wollte. Auf der einen Seite der Wald, aus dem ich kam, auf der anderen Seite Felder. Weit entfernt stand ein altes Schloss mit einem grünen Kupferdach. Ich konnte es sehen. Es stand ganz verlassen mitten in den Feldern, nur ein paar alte Eichen standen davor. Es schien unbewohnt zu sein. Ich hatte mir um das Fleckchen Erde im Wald rund um den Baum einen Schutzzauber gelegt, damit ich vor ungebetenen Besuchern und vor der Glaskugel meiner Mutter sicher war. Ich würde hoffentlich auch eine bekommen, wenn ich die Prüfung zur Junghexe erfolgreich bestanden hätte. Gedankenlesen war schon toll, aber in die Ferne sehen, sehen, was auf anderen Kontinenten passiert, war bestimmt noch cooler. Meine Mutter nutzte die Kugel vorrangig, um mit ihrer Freundin in Afrika zu kommunizieren. Es war viel besser als ein Bildtelefon.
Ich legte mich auf die ausgebreitete Decke und begann zu lesen. Ich liebte diese Liebesgeschichte zwischen Bella und Edward. Vampire … was für faszinierende Wesen, dachte ich. Ich war mir sicher, dass es sie irgendwo gab, schließlich gab es mich auch, aber ich werde wohl nie einem begegnen. Als kleines Mädchen liebte ich, sehr zum Missfallen meiner Mutter, die Geschichten vom kleinen Vampir. Er hatte einen Jungen als Freund und lebte mit seiner Familie in einer Gruft. Er war ein guter Vampir, so wie Edward. Ich fragte meine Mutter damals, ob es wirklich Vampire gibt, und ich bekam eine heftige Reaktion zu spüren. „Nein!“, sagte sie bestimmt. „Für uns nicht!“ Mehr habe ich nie erfahren. Aber Tante Ethna hatte Bücher, viele Bücher. Auch Bücher über die Geschichte der Hexen. Leider fand ich nie die Zeit, um das richtige Buch zu suchen. Während meiner Aufenthalte in Schottland war ich mit Gedankentraining, Zaubertränke brauen und Zaubersprüche laut und in Gedanken formulieren beschäftigt. Ich hatte keine Zeit für mich. Der Gedanke schmerzte in meinem Kopf. Vier lange Wochen erwarteten mich. Am Ende stand die Prüfung.
Ich versank in meinem Buch und saugte jedes Wort ein. In meinem Kopf pochte es. Ich konnte von jemandem die Gedanken hören. Ich sah mich um. Der Schutzzauber konnte doch nicht seine Wirkung verloren haben? Normalerweise wurden die Gedanken der Menschen, die sich diesem Ort näherten, unterbrochen, und ihnen fiel auf der Stelle etwas Wichtiges ein, was sie unbedingt erledigen mussten. Keiner konnte mich hier bemerken, ausgeschlossen, selbst die Tiere machten einen Bogen um meinen Baum. Aber die Gedanken, die ich hörte, sie drehten sich um mich.
Da ist es wieder, das rothaarige Mädchen aus der Stadt. Ihre Haare, sie leuchten in der Abendsonne, wie Feuer funkeln die Locken. Sie sieht hübsch aus. Diese Magie, die sie umgibt. Es ist lange her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe. Es war in Schottland vor fünf Jahren. Sie besuchte ihre Tante im Schloss. Eine Hexe. Grrr. Hexen. Wir mochten Hexen nicht besonders, deshalb sind wir auch ziemlich schnell weitergezogen. Aber diese kleine Junghexe, sie hatte mich irgendwie angezogen. Aber sie war zu jung. Viel zu jung. Was für ein Zufall, sie wiederzusehen. Sie sieht so reif aus. Wie alt sie wohl ist, siebzehn oder achtzehn?
Der Duft ihrer Haare, ich konnte sie riechen, der Wind stand günstig. Eine Mischung aus Vanille und Kokos. Und ihre grünen Augen. Nie habe ich diese grünen klaren Augen vergessen. Was liest sie da? Ach „Bis(s) zum Abendrot“, wie passend. Ja, die Cullens. Ich musste innerlich lachen. Die Fantasie der Menschen war erstaunlich. Eine Eigenschaft, die ich vermisste. Wobei ich mir nicht sicher war, vielleicht kannte die Autorin tatsächlich einen Vampir, die Beschreibung kam uns doch schon sehr nahe, wenn auch nicht ganz richtig. Das Mädchen, es bewegt sich. Wieso schaut sie sich um? Da ist niemand. Ich kann keinen sehen. Sie schaut zu mir, ob sie mich hört? Ich meine, ich habe schon Außergewöhnliches gelesen über Hexen, aber kann das sein? Kann sie aus dieser Entfernung meine Gedanken hören?
Erschrocken wich ich zurück. Ich traute mich nicht, noch einmal ans Fenster zu gehen. Die Abendsonne verschwand langsam. Es wurde dämmrig. Arthur und Helen würden sich bald aufmachen. Arthur war ein Physiker und gab Abendkurse an der Uni. Helen war Nachtschwester im Krankenhaus. Sie waren so etwas wie meine Eltern. Sie haben mich erzogen, mich trainiert, mir ein besseres Leben gezeigt. Wir sind erst vor zwei Wochen hierhergezogen. Arthurs letzter lebender Großonkel war verstorben, und so konnte Arthur als verschollener Großneffe den einstigen Familiensitz übernehmen. Niemand forschte nach, dass Arthur eigentlich seit zweihundert Jahren als verschollen galt. Helen hingegen stammte aus Polen. Sie musste ihre Heimat verlassen, fühlte sich aber in Deutschland sehr wohl. Ich glaube, sie sind meinetwegen hierher zurückgekehrt. Auch ich bin ein Deutscher. Ich ging in die große Bibliothek, um mir ein neues Buch zu suchen. Ich liebte es, nachts in den Bäumen zu sitzen und zu lesen. Wie gesagt, ich beneidete die Menschen um ihre Fantasie.
Es wurde dunkel. Es war still. Die Stimme war weg aus meinem Kopf. Vielleicht hatte ich sie mir nur eingebildet. Vielleicht lag es an der Geschichte. Die Stimme kam aus Richtung Schloss. Aber, und da war ich mir sicher, selbst wenn dort jemand war, so war er doch viel zu weit weg, als dass ich seine Gedanken hätte hören können. Und doch war der Klang der Stimme so vertraut, als ob ich sie schon mal gehört hätte. Ach was, Ella. Sei nicht albern. Die Aufregung und der Stress der letzten Wochen spielten mir einen Streich. Hier war niemand weit und breit. Es wurde zu dunkel zum Weiterlesen. Ich stand auf und marschierte nach Hause. Ich lief langsam. Der Wald, er hörte sich anders an, wenn es dunkel war. Beruhigend, das Rauschen der Bäume, der Wind, er war frisch, die Luft so klar und sauber. Ich war ein Naturfreak. Schon als kleines Kind nahm mich meine Mutter immer mit in den Wald, wenn sie ihre Kräuter zusammensuchte. Es war der schönste Ort, den es für mich gab auf der Welt. Die Nacht war ruhig und traumlos wie immer. Hexen träumten nicht, und das war auch gut so. Wenn ich mir vorstellte, im Traum vielleicht einen Zauber auszusprechen. Was hätte das für verheerende Folgen. Aber Hexen hatten im Zeitpunkt des Aufwachens immer einen ersten Gedanken. In den letzten Wochen war der erste Gedanke immer der gleiche gewesen. Prüfung. Ich stöhnte. Ich erinnerte mich noch gut an Noras Prüfung. Oder besser gesagt, wie es war, als sie zurückkam. Blass, teilnahmslos und geschockt. Sie brauchte eine Woche, um sich davon zu erholen, und nie hat sie darüber gesprochen. Auch meine Mutter verstummte, wenn ich versuchte, ihr irgendetwas zu entlocken. „Sei du selbst und beachte immer die wichtigste aller Regeln. Offenbare dich niemandem. Unsere Existenz muss verborgen bleiben!“ Toll. Was soll ich damit anfangen?
Das Frühstück verlief ruhig. Niemand sagte etwas. Mein Vater war noch da, also würde es ein ruhiger Tag in der Werkstatt werden. Wenn ich mit ihm darüber sprechen könnte, vielleicht würde ich von ihm etwas herausbekommen, was mich erwarten würde. Ich werde ihn wohl in der Werkstatt besuchen. „Liebes, das brauchst du nicht. Ich kann dir dazu nichts sagen. Meine Kräfte sind eher bescheiden im Vergleich zu den euren. Wir männlichen Hexen“, und jetzt grinste er, „wir können sehen und die Geschicke der Menschen leicht begünstigen, aber wir spielen nicht im Ansatz eine solche Rolle wie ihr. Meine Prüfung bestand lediglich in Geschichte der Zauberei und ein paar Wettervorhersagen. Ich bin kein Harry Potter.“ Und jetzt musste er lachen. Offensichtlich hatte er gesehen, was ich vorhatte. „Lenk dich ein bisschen ab, Kind. Alles wird gut gehen. Du bist ein Naturtalent.“
Meine Mutter bemühte sich, aber doch konnte ich ihr nicht richtig glauben. Sie ließ mich nicht ihre Gedanken lesen. Ich wusste nicht, was sie tatsächlich dachte. Auch Nora hatte den Blick starr auf ihrem Teller. Also gut. Ich stand auf, räumte den Tisch ab und verzog mich in mein Zimmer. Meine Freunde waren alle bereits in den Ferien, und was sollte ich machen?
Nora und ich würden erst in fünf Tagen nach London fliegen. Ich beschloss, ein paar Bücher einzupacken und den Tag an meinem Lieblingsort zu verbringen. Es war schon fast Mittag, als ich ankam. Der Wald hörte sich anders an, und auch an meinem Baum war etwas anders. Da war etwas in der Baumkrone. Ich konnte es deutlich sehen. Es war ein bedeckter Tag, die Luft roch feucht. Wie konnte das sein? Ich hatte nachgelesen, gestern, bevor ich eingeschlafen war. Einen Schutzzauber konnte nur die Hexe aufheben, die ihn gesprochen hatte. Aber da war jemand. Ich konnte wieder diese Stimme hören.
Oh, sie kommt. Ich hatte gehofft, dass ich ihr heute begegnen würde. Die Magie an diesem Ort brennt auf meiner Haut, aber es ist nicht unangenehm. Die ganze Nacht hatte ich darüber nachgedacht und dann doch beschlossen, ich muss sie wiedersehen, ich muss sie kennenlernen. Sie zögert. Warum zögert sie? Soll ich auf sie zugehen? Es war bewölkt. „Du brauchst nicht zu zögern. Ich möchte mich dir vorstellen.“ Ich sprach laut und deutlich. Auf ihrer Stirn standen noch immer Fragezeichen. „Du kannst mir vertrauen. Wir kennen uns. Ich bin Robert.“ Ich versuchte zu lächeln. Jetzt kam sie näher. Vorsichtig, aber doch bestimmt. „Wie kommt es, dass du hier an diesem Ort bist? Und woher kenne ich dich? Wie ist das möglich?“ Sie stand jetzt vor mir. Die Augen so grün, so klar. Sie ist es, nach der ich gesucht hatte. Sie musste es sein. Alles war so vertraut. Die Nähe, der Geruch. Wie damals, als sie noch ein Mädchen war. Aber jetzt ist sie eine Frau, eine so schöne Frau.
Ich sah ihn an. Robert also. Er sah anders aus als die Jungs, die ich kannte. Und er kam mir tatsächlich bekannt vor. Er stand vor mir. Groß, schlank, seine Haut war zartrosa, sein Brustkorb bewegte sich langsam auf und ab. Seine blonden Locken fielen ein bisschen ins Gesicht. Ich verspürte den Drang, sie ihm aus dem Gesicht zu streichen, um in seine tiefblauen Augen zu blicken. Konnte das sein? War er es, nach dem ich mich sehnte? Ich hatte einmal gelesen, dass nur die einzige wahre Liebe die Magie einer Hexe durchbrechen konnte. Märchen, dachte ich. Wie soll das gehen? Aber da stand er vor mir, hier an diesem geschützten Ort, den nicht einmal meine Mutter durchbrechen konnte. Ich versuchte langsam einzuatmen, es war, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Robert fing mich auf. Er sah mich an. Es war ein neugieriger Blick, und zugleich war es so vertraut. „Vor fünf Jahren, weißt du noch? In Schottland im Sommer. Es war auch so ein bewölkter Tag wie heute. Die Luft, sie war so schwer. Du bist in den Wald geritten, weißt du noch? Wir sind uns begegnet am Bach. Du warst noch so jung. Ich wusste, eines Tages wärst du alt genug, und dann würde ich dich wiedersehen.“ Ja, es stimmt. Als er es aussprach, kehrte die Erinnerung zurück. Es stimmte. Deshalb bin ich bei jedem Besuch bei Tante Ethna in den Wald geritten. Deshalb führte mein Weg immer wieder zu diesem Bach. Ich hatte ihn gesucht. Wieder und wieder hatte ich gehofft, auf etwas zu stoßen, jemanden zu finden. Er war es. Ihn hatte ich gesucht. Ich hatte ihn nur gesehen. Wir hatten uns vielleicht eine Minute angeschaut. Ich war gerade dreizehn, eine pubertierende Junghexe, und er war schon so alt. Für mich damals zu alt. Vielleicht zwanzig. Aber jetzt sah er noch genauso aus wie damals. Er hatte sich nicht verändert. Ich mich schon. Ich war schließlich fast achtzehn. Mit Bestehen der Hexenprüfung verlangsamt sich unser Alterungsprozess, weil wir dann die Endstufe der Magie erreicht haben. Erst im Laufe der Jahre, wenn die Magie nach und nach verschwindet, würden wir altern. Deshalb sah meine Mutter mit immerhin schon einhundertzwanzig Jahren noch aus wie fünfunddreißig. Und mein Vater hatte sich ein paar graue Schläfen zugelegt, um älter als vierzig zu wirken. In Wirklichkeit war er einhundertachtzig.
Robert sah mich an: „Was denkst du? Sag mir deinen Namen, bitte“, bat er. „Ella!“ Mein Mund war trocken. Ich war noch immer überwältigt von diesem Augenblick. „Wie konntest du mich finden?“ „Ich bin ein Vampir, ich folgte deiner Spur, nicht bewusst, aber irgendwie doch.“ „Wieso sagst du das? Ein Vampir, aber ich dachte, nein, das ist falsch, ich weiß, dass es euch gibt. Aber ich kann es nicht glauben.“ Er lachte. „Nun, ich denke, es ist nur fair, dir gleich zu sagen, was und wer ich bin, ich weiß schließlich auch, dass du eine Hexe bist. Es ist die Magie, die dich umgibt. Ich spüre sie mit jeder Sehne meines Körpers. Es sollte mich abschrecken, aber ich fühle mich, seit ich dich das erste Mal sah, zu dir hingezogen.“
Mittlerweile saßen wir im Schatten des Baumes. Ein paar Sonnenstrahlen kamen hervor. „Die Sonne, macht sie dir nichts aus? Ich meine …“ Ich sah auf mein Buch. Ich wusste nichts über Vampire. Wie gesagt, das Thema wurde bei uns zu Hause nie aufgegriffen, alles, was ich glaubte zu wissen, stand in diesen von Menschen geschriebenen Büchern. Mir war klar, dass es sich hierbei um Fantasygeschichten handelte, aber doch hatte ich immer gehofft, dass sie einen wahren Hintergrund hatten. Ähnlich wie es bei den Hexengeschichten war. Meine Mutter nannte es Imagepflege, damit die Menschen keine Angst vor uns hatten, aber dennoch den nötigen Abstand beibehielten. Es war so was wie eine Gehirnwäsche für Menschen. Keiner würde uns auf der Straße erkennen. Wir entsprachen nicht den Hexen in den Geschichten, es war nur ein gewisses Maß an Wahrheit verflochten, nicht zu viel, aber doch genug. Ich sah ihn lächeln. „Na ja, es fühlt sich ein bisschen so an wie Sonnenbrand. Wir halten uns lieber im Schatten auf. Ich muss gehen.“ Blitzartig erhob er sich und starrte in Richtung Schloss. „Wohnst du dort? Hast du jemanden gehört? Eigentlich kann mich hier niemand finden. Wie hast du das gemacht? Wie konntest du meinen Schutzzauber umgehen?“ Die Fragen brannten mir im Kopf. Er war im Begriff zu verschwinden. „Warte, Robert. Wann sehe ich dich wieder?“ Jetzt drehte er sich um und sah mir tief in die Augen. Seine blauen Augen sahen aus wie das Meer, wild und unzähmbar, dann wurden sie weicher, hellblau würde ich sagen, wie ein klarer ruhiger See. Es waren seine Gedanken, die in meinem Kopf widerhallten. Jetzt, da ich dich endlich gefunden habe, werde ich dich so schnell nicht wieder gehen lassen. Bis bald, Ella. Ich blinzelte nur eine Sekunde, die Sonnenstrahlen trafen auf mein Gesicht. Weg war er. Ich ließ mich in das weiche Gras fallen. Ein Tagtraum? Ich versuchte, seinen Gedanken zu folgen. Vergebens, er war weg. Ich blieb bis zum Abend, aber er kam nicht wieder. Ich spürte es, er musste es sein, mein Seelenverwandter, meine zweite Hälfte, das fehlende Stück. Aber konnte das sein? Ich starrte auf mein Buch. Als er mich vorhin berührte, nur eine Sekunde lang, er war nicht so kalt, wie ich es erwartet hätte, er war auch nicht hart wie Stein. Nein, er war anders, er war wie ich, menschlich.
Geheimnisse
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war mein erster Gedanke: Robert. Ich war leicht beschwingt und war sogar die Erste am Frühstückstisch. Meine Mutter runzelte die Stirn. „Du hast Ferien und stehst als Erste auf?“ „Ja, ich will in den Wald, ich muss noch mal die heimischen Kräuter durchgehen. Du weißt, wegen der Prüfung, ich will vorbereitet sein. Ich werde den ganzen Tag damit verbringen, mich auf mein Abschlusssemester in Schottland vorzubereiten.“ Sie nickte zufrieden. Nora saß plötzlich am Tisch. Seit sie eine „richtige“ Hexe war, weigerte sie sich strikt, im Haus wie ein normaler Mensch zu laufen. Sie apparierte überall hin. Lautlos und schnell. Sie war gut. Sie sah mich mit einem durchbohrenden Blick an. Ahnte sie etwas? Ich hatte meine Gedanken an Robert fest verschlossen. Sie konnte sie nicht sehen. Aber wir waren Schwestern, wir waren verbunden. Sie lächelte und wandte sich ihrem Frühstück zu.
Kaum waren wir fertig, machte ich mich auf den Weg. Ich hoffte, ihn wiederzusehen. Warum war er gestern nur so schnell verschwunden? Ich hatte nur noch ein paar Tage Zeit, dann würde ich für vier Wochen nach Schottland fliegen. Jetzt kam es mir noch schlimmer vor, so lange von zu Hause fort zu sein. Jetzt, wo er mich gefunden hatte. Mein Herz hüpfte, von Weitem sah ich ihn dort stehen, angelehnt an meinen Baum. Ich musste lachen. Es war wohl jetzt unser Baum. Er freute sich, mich zu sehen. Heute konnte ich seine Gedanken nicht hören. Aber der Gesichtsausdruck verriet mir, was er dachte.
„Erzähl mir alles über dich“, bat ich. „Das hatte ich befürchtet, dabei habe ich auch viele Fragen an dich, aber gut, wir haben ein bisschen Zeit, was willst du wissen? Oder warte, lass mich raten. Ob ich Blut trinke, ob ich ein blutrünstiger Jäger bin?“ Er lachte, ich nickte. „Also ehrlich, du solltest nicht alles glauben, was du liest. Ja, wir trinken Blut, aber kein Menschenblut. Es ist nicht so verlockend, wie es in den Büchern beschrieben wird. Menschen tragen viele Krankheitserreger in sich, nehmen viele Medikamente, und außerdem ist die Haut oft parfümiert. Es ist das Tierblut, was uns stark und schnell macht. Tiere vereinen so viele Eigenschaften. Ein guter Mix ist perfekt. Schnell wie ein Gepard, stark wie ein Stier und Augen wie ein Lux. Menschen sind sehr arrogant. Sie glauben, es dreht sich alles um sie. Sie sind die klügsten und stärksten Geschöpfe, alles muss sich ihnen unterordnen. Dabei sind sie so manipulierbar, so einfach.“ Er klang etwas verbittert.
Nach einer kurzen Pause wurde sein Ton wieder weich, und er erzählte weiter: „Wir jagen nicht. Es gibt genug Schlachthöfe auf der Welt, woher wir unser Blut beziehen. Menschen sind die wahren Mörder. Sie töten die Tiere, um sich zu ernähren, wir trinken nur ihr Blut. In gewisser Weise teilen wir unsere Beute.“ „Wie beruhigend. Ich dachte schon, ich müsste um mein Leben fürchten.“ Ich versuchte, spaßig zu sein. „Ach was, aber doch nicht in der Nähe eines Vampirs. Es sind die Menschen, vor denen wir uns fürchten sollten. Sie haben so einen Hang zur Selbstzerstörung. Sie können so grausam sein. So gefühllos, so kalt.“ Er sah wieder verbittert aus. Seine Miene schien sich zu verfinstern. Ich wollte ihn ablenken. „Und du lebst in diesem alten Schloss da hinten?“ Ich wollte, dass er weitererzählt, er hatte eine so beruhigende Stimme. „Ja, mit Arthur, meinem Ziehvater, und Helen, meiner Ziehmutter, wir wohnen erst seit zwei Wochen hier. Arthur hat das Anwesen sozusagen geerbt. Deutschland ist unsere Heimat, und Helen fühlt sich hier sehr wohl.“ Er erzählte mir alles über Arthur, der versuchte, in seinem Labor ein Ersatznahrungsmittel für Vampire herzustellen. Robert musste sich ein paarmal schütteln, als er von dem letzten Trank, den ihm Arthur zum Probieren gegeben hatte, erzählte.
Ich erzählte ihm von meiner Mutter Cornelia, die die beste Zaubertrankmixerin in ganz Deutschland war. Wir mussten beide über die Parallelen zu unseren Eltern lachen. Es war so ein schöner Tag. Ich konnte den Blick nicht von ihm lassen. „Darf ich dich anfassen?“ Meine Frage schien ihn zu überraschen. „Willst du wissen, ob ich kalt und hart wie Stein bin?“ Er lächelte, und ich kam mir ein bisschen dumm vor. Ich musste an Edward, die Figur aus dem Roman, denken. So hatte ihn die Autorin beschrieben. Robert nahm meine Hand. „Nur zu. Aber ich dachte, das hätte Zeit bis zum dritten Date?“ Wieder lachte er leise. Langsam strich ich ihm über das Gesicht. Es war so weich, nicht kalt, aber auch nicht warm. Es war glatt und schön, jugendlich. Seine Arme waren nicht sonderlich muskulös, eher dünn, wenn ich da an die Typen aus meiner Schule dachte, die bereits im Fitnessstudio ihre Körper formten. Robert war anders, seine Haut war rosa oder beige, hell, aber nicht weiß, einfach nur schön. „Wie alt bist du?“ „Siebenundsechzig.“ „Oh, siebenundsechzig, dafür hast du dich ziemlich gut gehalten. Wie alt warst du, als du ein Vampir wurdest?“ „Das war 1945, zwei Tage nach meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag.“ Er wirkte betrübt. Offensichtlich sprach er nicht gern darüber. „Wie bist du zum Vampir geworden? Warum?“ Er ließ meine Hand fallen und drehte sich um. „Ich muss gehen, Arthur ruft nach mir. Bis morgen?“ „Ja, bis morgen, unser drittes Date?“ Er lächelte mich an. „Ja, unser drittes Date.“ Ein Augenaufschlag und er war weg.
Als ich nach Hause ging, umgab mich ein seltsames Gefühl. Ich blickte noch einmal Richtung Schloss. Ich war sicher, er würde hinter einem der Fenster stehen und mir nachsehen. Es fühlte sich an wie Heimweh. Er fehlte mir. War das Liebe? War ich verliebt? Es war so ein schönes Gefühl, mich mit ihm zu unterhalten. Er wusste, wer ich war, ich brauchte mich nicht zu verstecken, ich konnte frei reden. Endlich hatte ich ihn gefunden.
„Wo warst du?“ Arthur sah mich fragend an. Ich wusste, er musste gleich los, Helen war bereits zum Dienst gegangen. Sie hatten ohne mich gegessen oder besser gesagt getrunken. Mein Becher stand noch an meinem Platz. Sicher war er kalt. „Draußen.“ Ich versuchte, so belanglos wie möglich zu klingen. „Triffst du dich mit jemandem?“ Sein Blick durchbohrte mich. Er versuchte, in meinen Gedanken zu lesen, aber ich hatte sie fest im Griff. Ich musste sie bislang nicht verschließen, aber ich wollte nicht, dass Ella zu tief hineinsah, daher hielt ich es für angebracht, es nicht länger zuzulassen. Auch nicht für Arthur. Ich wusste noch nicht genau, wie er reagierte, wenn er von ihr erfahren würde. Ich scheute mich noch vor dem Gedanken. Irgendwann würde ich sie mitbringen, irgendwann. „Nein, ich streune nur ein bisschen herum, um die Umgebung kennenzulernen. Ich war vorher nie im Thüringer Wald. Die Natur, sie gefällt mir.“ Sein Gesicht entspannte sich. Er wollte, dass ich mich unter die Menschen mischte, allerdings immer mit dem sicheren Abstand. Keine engen Bindungen. Wir mischen uns nicht mit ihnen, das gibt nur Schwierigkeiten. Er sprach offensichtlich aus Erfahrung. In gewisser Weise erfüllte ich seine Anweisungen. Ella war kein Mensch, sie war eine Hexe. „Du solltest dich an der Uni einschreiben. Ich habe dir die Formulare mitgebracht. Ich muss los. Trink was, du siehst blass aus.“ Er grinste und verschwand.
Ich hatte keinen Hunger. Ella, sie ging mir nicht aus dem Kopf. Der Gedanke an sie ließ mein langsam schlagendes Herz ein bisschen schneller werden. Sie hatte so viele Fragen, doch konnte ich sie alle beantworten? Auch ich hatte viele Fragen. Wie viele von ihnen gab es? Konnten sie durch die bloße Kontrolle der Gedanken Vampire in den Tod treiben? Arthur hatte eine große alte Bibliothek mit vielen jahrhundertealten Büchern. In einigen wenigen stand etwas über Hexen. Die Beschützer der Menschen. Sie lebten so nah bei ihnen, waren mit ihnen befreundet, und sicher gingen sie auch Liebesbeziehungen mit ihnen ein. Aber Hexen und Vampire, durfte das sein?
Ich hatte einmal eine Geschichte gelesen, eine wahre Liebesgeschichte aus unserer Mittelzeit. Sie war nicht gut ausgegangen. Es war einst eine Hexe, die sich den Menschen offenbarte, um ihnen zu helfen. Aus Angst vor dem Unnatürlichen verbrannten sie sie auf dem Scheiterhaufen. Es war die Kirche, die glaubte, den Einfluss zu verlieren, wenn die Existenz der Hexen bekannt würde. Und es war ihr Geliebter, ein Vampir, der als Vergeltung das ganze Dorf niedermetzelte. Es war der Beginn der größten Hexenverfolgung der Menschheit. Aber es waren nicht die Hexen und Vampire, die auf dem Scheiterhaufen landeten. Es waren die Menschen selbst, die sich gegenseitig umbrachten. Menschen waren so dumme einfache und manipulierbare Geschöpfe. Es war ein dunkles Kapitel der Menschheit, das Mittelalter. In der Geschichte der Vampire las man immer über die Mittelzeit. Um die Menschheit vor sich selbst zu schützen, wurden Regeln aufgestellt. Eine lautet, du darfst kein Menschenblut trinken, eine weitere, du darfst keinen Menschen töten. Was für eine Ironie. Der Lauf der Zeit hat gezeigt, dass es nicht die Vampire sind, die die Menschen in ihrer Existenz bedrohten. Es sind die Menschen selbst, die sich durch Kriege, Umweltverschmutzung und Globalisierung zugrunde richten.
Ich mochte die Menschen nicht, es widerstrebte mir, mich in einer Uni einzuschreiben und mich unter ihnen zu bewegen. Es war nicht verwunderlich, dass meine Seelenverwandte ausgerechnet eine Hexe war. Arthur war der Meinung, es sind nicht die Menschen, die uns gefährlich werden. Sie sind nur einfache Geschöpfe ohne besondere Fähigkeiten. Das Aufregendste an ihnen waren die Träume und die Fantasien. Ich hatte seit vielen Jahren nicht mehr geträumt. Eine menschliche Gabe, die man als Vampir nicht mitnehmen konnte. Aber es hatte auch sein Gutes. Ich hatte seit 1945 keine Alpträume mehr. Es wurde sich an die Regeln gehalten über Jahrhunderte hinweg. Wir konnten in ihrer Welt leben, aber wir waren allein. Es gab vielleicht tausend Vampire in der Welt. Wir konnten keine Kinder kriegen, daher hielt sich unsere Population annähernd konstant.
Es gab nur fünf Vampire, die Menschen zu solchen verwandeln konnten. Es waren Vampire der Mittelzeit, die sich als Tribunal zusammenschlossen und die Regeln der Vampirgemeinschaft aufstellten. Sie nannten sich der Hohe Rat. Wer sich nicht daran hielt, wurde vernichtet. Einer von ihnen war Arthur. Es hatte sich viel geändert in den vielen Jahren. Die Bücher erzählten von blutrünstigen Vampiren, die in Kriegen an der Seite der Menschen mordeten. Sie erzählten von Vampiren, die sich nur in der Dunkelheit aufhielten an versteckten, geheimen Orten und die töteten, um zu überleben. Vielleicht war das tatsächlich mal so, aber im Laufe der Zeit mischten sie sich immer mehr unter die Menschen, tranken Tierblut und gingen nicht mehr jagen. Der moderne Vampir brauchte nicht durch Wälder zu jagen und Tiere zu töten. Es gab Schlachthöfe und Unmengen von Blut.
Wir lebten unter den Menschen eine friedliche Koexistenz. Arthur und Helen, sie lebten es richtig aus, sich unter sie zu mischen. Aber ich? Meine menschliche Vergangenheit war so unerträglich, es schmerzte, daran zu denken, wer oder besser was ich war. Ich grübelte viel darüber nach. Aber seit ich Ella gesehen hatte, unter dem Baum sitzend, und ihre Magie spürte, die sie umgab, seit diesem Tag konnte ich den Schmerz vergessen. Etwas anderes breitete sich in meinem Körper aus. Es fühlte sich warm an. Mein Herz schlug jedes Mal etwas schneller, wenn ich sie ansah, diese leuchtend roten Haare, die grünen Augen, der Duft ihrer Haut. Ich hatte das Gefühl, sie ist die Einzige. Sie ist die Richtige, sie ist mein zauberhaftes Geheimnis.
Auch am nächsten Morgen war mein erster Gedanke: Robert. Mein zweiter: noch drei Tage bis zum Abflug nach London. Die Prüfung rückte näher. Ich hatte weder Zaubertränke gelernt noch das Hexenbuch durchgelesen. Ich würde das alles nachholen in Schottland. Immerhin sollte ich noch vier Wochen Zeit haben vor der Prüfung. Die Prüfung. Der Gedanke bereitete mir an diesem Morgen keine Übelkeit. Es war vielmehr ein Gefühl der Befreiung. Wenn ich sie bestanden hätte, wäre ich frei. Ich würde nicht mehr unter Beobachtung stehen. Ich bräuchte keinen sicheren Ort mehr, der von einem Schutzzauber umgeben war. Ich konnte Robert überallhin folgen. Vielleicht würde er mit mir nach dem Abitur in eine andere Stadt ziehen, die Uni besuchen. Es ergaben sich für mich ganz neue Möglichkeiten. Meine Mutter würde ihn akzeptieren müssen, ich wäre ein volljähriges Mitglied der Hexengemeinschaft. Ich würde warten, bis ich die Prüfung bestanden hätte, und dann würde ich Robert der Familie vorstellen. Bis dahin blieb er mein Geheimnis.
Meine Mutter riss mich aus meinen Gedanken. „Ella, steh auf, wir wollten doch noch ein bisschen bummeln gehen, bevor du nach Schottland fliegst.“ Mist, das hatte ich verdrängt. Bummeln mit meiner Mutter, das bedeutete, es lag eine Odyssee vor mir. Ich wurde in jeden Laden geschleift, wurde genötigt, alle Umkleidekabinen zu benutzen und mir die Analysen der Verkäuferinnen anzuhören. Und dann verfiel meine Mutter in eine Art Kaufrausch und kaufte mir alles, einfach alles, bei dem SIE dachte, dass es gut an mir aussehen würde. Ich hasste es. Mein einziger Grund, weshalb ich zugestimmt hatte, war Nora. Sie wollte mitkommen und mich vor den schlimmsten Geschmacksverirrungen unserer Mutter bewahren.
Mein ganzer Schrank war voll mit Klamotten, die ich doch nie angezogen hatte. Ich liebte meine Jeans und meine Pullis, Sommer wie Winter. Noch ein Grund, weshalb ich meine Schwester in London beneidete. Das blieb ihr erspart. Sie musste sich auch nicht ständig rechtfertigen, weshalb sie nicht die „schönen“ Sachen anzog. Bei Nora hatte es meine Mutter vor ein paar Jahren aufgegeben, sie als Anziehpüppchen zu sehen, Nora trug eigentlich immer Schwarz. Ich hoffte, dass der Tag bei mir auch irgendwann kommen würde, aber noch ließ sie mich nicht vom Haken.
„Ella, nun komm schon, die Läden machen um 10 Uhr auf, ich will nicht so spät los, ich muss noch in die Praxis.“ Kann der Vormittag nicht schon vorbei sein? Ich stöhnte und rappelte mich hoch. Na gut, ich lass es einfach schnell über mich ergehen, und dann konnte ich zu Robert. Ob er es auch kaum erwarten konnte, mich zu sehen?
Der Vormittag ging tatsächlich schnell vorbei. Nora konnte unsere Mutter doch überreden, es bei einer kurzen Jeans und einem T-Shirt zu belassen. Als Trost durfte sie Nora ein schwarzes Kleid kaufen. Wir aßen noch eine Pizza, und dann trennten sich unsere Wege. Nora wollte noch ein Geschenk für eine Freundin kaufen, und meine Mutter musste zu ihren Patienten. Ich fuhr also mit dem Bus nach Hause und ging gleich zur Lichtung, um zu sehen, ob er schon auf mich wartete. Und er tat es. Mein Herz hüpfte. Wir saßen den ganzen Nachmittag nebeneinander, und er erzählte mir von seiner Familie. Von seinem Vater Arthur und seiner Mutter Helen. Er erzählte so liebevoll von ihnen, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie anders waren als meine Eltern. Ich schloss die Augen und lauschte einfach nur seiner Stimme.
Er konnte so gut erzählen, es war so entspannend, ihm zuzuhören. Unser drittes Date. Es war wundervoll. Als er aufstand, sah ich ihn erschrocken an. „Was ist?“ Er lachte: „Ella, es ist bereits sieben, du wirst sicher zu Hause erwartet.“ Ich sah auf die Uhr. Tatsächlich, ich hatte nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verging. „Heute ist unser drittes Date, hast du gesagt.“ „Ja?“ Er sah mich prüfend an. Ich wusste nicht so recht, wie ich es anstellen sollte. Ich war aufgeregt, mein Puls ging schneller. Nervös sprang ich auf und sah etwas angestrengt auf den Boden. Er kam auf mich zu, ich konnte seinen Atem auf meinem Gesicht spüren. „Sieh mich an, Ella. Möchtest du, dass ich dich küsse?“ Ich wollte überrascht schauen und es abstreiten, aber ich war erleichtert, dass er es erraten hatte, und nickte nur stumm. Er lächelte, nahm meinen Kopf in seine Hände und berührte sanft meine Lippen mit den seinen. Es war wie ein elektrischer Impuls, der mir durch den Körper schwang. Ich schloss die Augen, schlang meine Arme um seinen Körper und erwiderte diesen langen leidenschaftlichen Kuss.
Der nächste Morgen. Mein erster Gedanke: Robert. Ein Lächeln huschte mir übers Gesicht, als ich an gestern dachte. Mein erster Kuss. Ein ungekanntes Glücksgefühl durchströmte meinen Körper. Dann der Blick auf den Kalender an der Wand. Ernüchterung machte sich breit. Noch zwei Tage bis zum Abflug. Ich schaute auf den Wecker. 8 Uhr. Die Geräusche im Flur verrieten mir, dass meine Eltern bereits fertig waren, bereit zum wöchentlichen Großeinkauf. Die Tür fiel ins Schloss, weg waren sie. Ich stand vor meinem Bett. Heute werde ich ins Bad apparieren, überlegte ich kurzerhand. Schließlich musste ich das üben. Ich konzentrierte mich, legte die Arme an meinen Körper, schloss die Augen und stellte mir den Ort vor, den ich als Ziel ausgesucht hatte. Konzentration. Plopp. Ich öffnete die Augen. Immerhin, ich bin unter der Dusche gelandet. Nora stand vor dem Waschbecken und grinste: „Plopp? Kannst du dich nicht leise rüberbeamen? Hätte ich dich nicht kommen sehen, hättest du mich erschreckt.“ Sie klang belustigt. „Mach dich nur lustig. Du hast diese blöde Prüfung ja schon hinter dir. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Wie machst du das?“ Sie sah mich durch den Spiegel an. „Stell dir etwas Leises vor. Ich denke immer an eine Feder, die langsam durch die Luft fliegt. Versuch’s doch mal. Aber du kannst auch erst duschen, jetzt wo du einmal da bist.“
Keine schlechte Idee. Ich überlegte mir, an was ich denken könnte. Etwas Leichtes. Vielleicht ein Blatt im Wind? Oder vielleicht Schneeflocken, die lautlos auf die Erde fallen. Ich trocknete mich ab und versuchte es noch einmal. Plopp! Verdammt. Ich fluchte innerlich. „Wieso kann ich es nicht?“ Ich saß nun neben Nora am Tisch. Sie lachte und gab mir ein Brötchen. „Das wird schon.“ Ich ärgerte mich. So viel Zeit blieb mir nicht mehr.
Als ich später zur Lichtung lief, siegte die Vorfreude auf Robert, und mein Ärger war augenblicklich verflogen, als ich ihn sah. Er saß da mit einem Buch in der Hand und wartete bereits auf mich. „Was liest du?“, wollte ich wissen. „Faust.“ Er klappte das Buch zu und strahlte mich an. „Aber jetzt bist du da.“ Diesmal hatte ich keine Angst. Ich zog ihn an mich und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss, als wäre es das Normalste auf der Welt. „Mhmm, du schmeckst noch genauso wie gestern. Ich hab dich vermisst.“ Ich spürte, dass auch er glücklich war. Heute hielt er mich die ganze Zeit im Arm. Wir lachten und erzählten. Er hatte doch tatsächlich die Vorstellung, Hexen würden auf Besen durch die Luft fliegen. „Kannst du dir gar nicht vorstellen, wie unbequem das sein muss? Du solltest auch nicht alles glauben, was man über Hexen liest“, sagte ich vielleicht etwas zu streng. „Nein, das tue ich nicht“, versicherte er mir. Er war genauso neugierig wie ich. Ich erzählte ihm alles, was er wissen wollte. Als ich ihm von meinen Freundinnen in der Schule erzählte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er mochte Menschen offensichtlich nicht. „Sie sind ein Teil in meinem Leben. Du musst sie nach den Ferien kennenlernen. Du wirst sie sicher mögen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist. Ich bin ein Vampir, schon vergessen?“ „Du hast gesagt, vor dir braucht man keine Angst zu haben, schon vergessen?“ „Aber Ella!“ Ich sah ihn fragend an: „Was? Es sind meine Freunde, sie gehören zu meinem Leben, und du bist jetzt auch Teil meines Lebens.“ Er sah mich lächelnd an: „Ich bin jetzt Teil deines Lebens? Ehrlich? Würdest du mich auch deiner Familie vorstellen?“ Damit hatte ich nun nicht gerechnet, er wollte, dass ich ihn meiner Familie vorstellte. Etwas krampfte in meiner Magengegend. Ob ich das konnte? Einen Vampir mit nach Hause bringen? Warum eigentlich nicht? „Ich denke schon. Wenn es dir ernst ist mit mir, dann stell ich dich meiner Familie vor. Aber lass mir noch ein bisschen Zeit, ja? Zeit mit dir allein. Du musst wissen, wenn meine Mutter weiß, dass es dich gibt, wird sie möglicherweise ausflippen.“ Jetzt musste ich lachen bei dem Gedanken, wie sie in der Küche wie Rumpelstilzchen um den Herd sprang. Auch Robert musste lachen. „Du hast recht, wir warten noch. Ich bin vermutlich nicht der Traumschwiegersohn einer Hexe.“ „Und ich? Bin ich die Traumschwiegertochter einer Vampirmutter?“ Er sah mich lächelnd an: „Sie werden dich lieben!“
Den Rest des Nachmittags verbrachten wir damit, aneinander gelehnt zu lesen. Er las mir aus Faust
