Liebe findet uns - J. P. Monninger - E-Book

Liebe findet uns E-Book

J. P. Monninger

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Beschreibung

Liebe sucht, Liebe träumt, Liebe findet uns

Es ist der eine letzte Sommer nach der Uni, bevor das echte Leben beginnt. Heather reist mit ihren zwei besten Freundinnen durch Europa. Sie liest Hemingway, lässt sich durch die Gassen der Altstädte treiben. Dass sie Jack begegnet, hätte sie nicht erwartet. Und schon gar nicht, dass sie sich unsterblich in ihn verliebt. Er folgt Stationen aus dem alten Reisetagebuch seines Großvaters. Es ist sein Ein und Alles, und Jack beginnt die Schätze daraus mit Heather zu teilen. Die beiden besuchen die unglaublichsten Orte und verbringen die schönste Zeit ihres Lebens. Bis Jack völlig unerwartet verschwindet. Heather ist verzweifelt, wütend. Was ist sein Geheimnis? Sie weiß: Sie muss ihn wiederfinden.

»Romantisch und unvergesslich« – Nicholas Sparks

»J. P. Monningers Zeilen haben ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit in mir geweckt. Ich habe mich wieder und wieder in diese Geschichte verliebt.« – Jamie McGuire

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Das Buch

Liebe sucht, Liebe träumt, liebe findet uns

Es ist der eine letzte Sommer nach der Uni, bevor das echte Leben beginnt. Heather reist mit ihren zwei besten Freundinnen durch Europa. Sie liest Hemingway, lässt sich durch die Gassen der Altstädte treiben. Dass sie Jack begegnet, hätte sie nicht erwartet. Und schon gar nicht, dass sie sich unsterblich in ihn verliebt. Er folgt Stationen aus dem alten Reisetagebuch seines Großvaters. Es ist sein Ein und Alles, und Jack beginnt die Schätze daraus mit Heather zu teilen. Die beiden besuchen die unglaublichsten Orte und verbringen die schönste Zeit ihres Lebens. Bis Jack völlig unerwartet verschwindet. Heather ist verzweifelt, wütend. Was ist sein Geheimnis? Sie weiß: Sie muss ihn wiederfinden.

»J. P. Monningers Zeilen haben ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit in mir geweckt. Ich habe mich wieder und wieder in diese Geschichte verliebt.« Jamie McGuire

Der Autor

Aus dem Amerikanischen

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ISBN 978-3-8437-1595-9

Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Juli 2017

© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017

Titel der amerikanischen Originalausgabe: THE MAP THAT LEADS TO YOU

Copyright © 2017 by Temple Hill, LLC

Published by arrangement with St. Martin’s Press, LLC. All rights reserved.

Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka

Titelabbildung: Trevillion Images / © Dylan Kitchener (Paar);

shutterstock / © Feaspb (Feuerwerk); shutterstock / © creaPicTures

Für Andrea und Christina

»Ich würde gerne überall, wo ich glücklich war, etwas Kostbares vergraben. Dann kann ich später, wenn ich hässlich, alt und trübsinnig bin, zurückkommen, es ausgraben und mich daran erinnern.«

Prolog

Abschlussfeier

Ausgerechnet deine Mutter macht bei der Abschlussfeier am Amherst College in Massachusetts das perfekte Foto von dir und deinen beiden besten Freundinnen. Dabei weiß jeder, dass deine Mutter nicht mit der Kamera umgehen kann und es hasst, wenn man sie fragt, ob sie kurz ein Bild machen könne.

Doch bevor du für immer in die Erwachsenenwelt entschwindest, gelingt es ihr mit Hilfe einer besonderen mütterlichen Gabe dennoch – während das offizielle Blitzlichtgewitter es nicht schafft. Es ist keins der klassischen Bilder, die sich Eltern wünschen, keins der typischen Motive bei Abschlussfeiern: du auf dem Weg zum Podium oder ihr drei gemeinsam, junge Frauen, vor denen die ganze Welt liegt, Diplomkopien in die Höhe gereckt, Talare im sanften Neuenglandwind wehend, im Hintergrund die grünen Eichen von Amherst, die sich nach der Sonne recken. Nichts dergleichen. Kein Bild mit deinen Eltern oder mit den kleinen Cousinen deiner Freundin Constance, die so süße Sommerkleidchen tragen. Nicht der Schnappschuss bei der Diplomübergabe oder beim Händeschütteln mit dem Collegepräsidenten, nicht die letzte Szene, wenn die dummen schwarzen Hüte in die Luft geschleudert werden, so dass man die anderen mit den viereckigen Wurfgeschossen fast am Auge verletzt.

Nein, was das Foto zeigt, ist gleichzeitig weniger und mehr. Ihr drei im Profil, auf Klappstühlen, in die Sonne blinzelnd, die Gesichter leicht nach oben gereckt, um den Rednern zu lauschen. Meistens tun die Leute, als merkten sie nicht, dass sie fotografiert werden, doch in eurem Fall ist es wirklich so. Deine Mutter hat sich das Foto wie eine Ninjakämpferin gestohlen, bis heute weißt du nicht, wie. Im Vordergrund sitzt die blonde Constance. Ihr Gesicht ist voller Hoffnung, ein so lieber, argloser Ausdruck, dass du jedes Mal einen Kloß im Hals bekommst, wenn du sie betrachtest. Daneben Amy, immer der Mittelpunkt; witzig, albern, große Klappe, überschäumende Energie, Leck mich und Scheiß drauf und die allzeit offene Freundlichkeit, die in ihren Augen wohnt. Auch Amy schaut hoch.

Und dann du. Du siehst dir dieses Mädchen an, dieses Bild von dir, zehnmal, hundertmal, und versuchst, deinen Gesichtsausdruck zu deuten. Du willst verstehen, wer dieses Mädchen ist, diese Marketingabsolventin, die zwei Sommerpraktika hinter sich hat und am Ende der Ferien einen gutbezahlten Job als Investmentbankerin antritt. Du erkennst sie kaum; in den letzten vier Jahren hat sie sich verändert, sie ist nachdenklicher, vielleicht auch klüger geworden, kein Mädchen mehr, sondern eine Frau. Gleichzeitig ist es unerträglich, sie anzusehen, denn du spürst ihre Verletzlichkeit, ihre Schwächen, ihr Bemühen. Du bist die dritte in der Reihe der Freundinnen, diejenige, die anpackt, die einen kleinen Kon­trolltick hat, aber auch diejenige, die losgeschickt wird, um Amy zu bremsen oder Constances ätherischen Hang zum Schönen zu erden. Deine Haarfarbe liegt zwischen dem blonden Ton von Constance und dem Wolfsbraun von Amy. Du bist die Zutat, die euer Dreierlei abrundet. Du bist der Knochen für ihre Sehnen, die Schwerkraft für ihr Schweben.

Ein Moment aus vier Jahren. Er fängt alles ein. In wenigen Wochen werdet ihr drei auf Rundreise durch Europa gehen, die Grand Tour, wie man sie früher nannte, ihr werdet euch die alte Welt ansehen und die Länder aufmischen, aber dort, auf dem Foto, habt ihr diesen Schritt noch vor euch. Und das hat deine Mutter gemerkt und festgehalten, und jedes Mal, wenn du dieses Foto auch nur kurz ansiehst, spürst du, dass eure Herzen miteinander verbunden sind und es für jede von euch in dieser wirren Welt zwei Fixpunkte gibt, zwei klare, ewige Punkte, auf die ihr euch heute und für alle Zeit verlassen könnt.

Es ist der letzte große Moment, bevor er in dein Leben tritt, aber das weißt du noch nicht, kannst es nicht wissen. Später jedoch wirst du dir vorstellen, wo genau er in diesem Moment war, als er aufbrach und seine Reise zu dir antrat, und du zu ihm, ohne dass die Welt um euch herum etwas davon mitbekam. Dein Leben wird sich ändern, aber das wartet alles noch auf dich, das liegt noch in der Luft, Schicksal, Zufall, Unvermeidlichkeit. Jack, dein Jack, deine große Liebe.

ERSTER TEIL

1.

Es ist so: Das alles wäre nicht passiert, wenn es im Zug nach Amsterdam nicht so voll gewesen wäre. Er war absolut überfüllt, alle rangen um einen Platz, genervt, dass es so eng war und immer mehr Leute zustiegen. Sobald ich einen Sitz ergattert hatte, senkte ich den Kopf und versuchte, nicht mehr hochzusehen. Ich las Fiesta, ein Klischee, klar: Mädchen mit druckfrischem Collegeabschluss liest auf ihrer ersten Europareise Hemingway. Aber das war mir egal. Ich hatte Constance und Amy schon gezwungen, mit mir im Les Deux Magots Kaffee und Cognac zu trinken, war durch die Rive Gauche in Paris geschlendert und hatte mich zu den Tauben in den Jardin du Luxembourg gesetzt.

Ich hatte Paris nicht verlassen wollen. Ich wollte die breiten Boulevards nicht missen, die Männer, die in den Tuilerien Boule spielten, die Cafés, in denen man den starken Kaffee hinunterkippte, das fröhliche Hupen der Motorroller, die Kunstwerke, Museen und sättigenden Crêpes. Ich wollte die Morgenstunden nicht hinter mir lassen, wenn die Kellner das Kopfsteinpflaster fegten und den Außenbereich ihrer Cafés mit silbernem Wasser aus schwarzen Schläuchen abspülten. Auch nicht die Abende, wenn es nach Rauch oder Kastanien roch, wenn alte Männer auf dreibeinigen Hockern ihre madenbestückten Köder an langen ­Angeln in die Seine warfen. Ich wollte nicht auf die Buchhändler entlang dem Fluss und ihre muffigen Stände mit den vergilbten Büchern verzichten. Genauso wenig auf die Landschaftsmaler, die ihre Ölfarben auf Leinwänden verteilten und festzuhalten ver­suchten, was nicht festgehalten, sondern nur angedeutet werden konnte, eine Ahnung dessen, was diese Stadt ausmachte. Ich wollte die englische Buchhandlung Shakespeare & Co. nicht missen, das mächtige Echo von Hemingway und Fitzgerald, die Geschichten vom nächtlichen Bad in öffentlichen Brunnen oder vom kurzsichtigen Joyce, der sich wie eine lesehungrige Maus durch seine Prosa nagt. Auch die Wasserspeier wollte ich nicht zurücklassen, die mit wachsamen Steinaugen furchteinflößend von den Kathedralen starrten, von Notre-Dame und hundert anderen Kirchen, und deren weiße Gesichter manchmal geheimnisvolle schwarze Spuren trugen, als könnten Steine Tränen speichern und über Jahrhunderte hinweg abgeben.

Es heißt, Paris kann man nicht verlassen; die Stadt verlässt dich, wann sie es will.

Ich habe versucht, Paris mitzunehmen. Ich hatte Paris, ein Fest fürs Leben, In einem anderen Land und Tod am Nachmittag gelesen. All diese Bücher waren auf meinem iPad, meiner tragbaren Mini-Bibliothek. So war ich zwar mit Constance und Amy unterwegs, aber Hemingway reiste immer mit.

Und so las ich. Es war spät. Ich war in Europa, schon seit zwei­einhalb Wochen. Im Zug nach Amsterdam. Constance war neben mir eingeschlafen – über einem Buch mit Heiligenlegenden, auf ihrer eigenen spirituellen Reise. Constance wollte jede Statue, jedes Bildnis eines Heiligen sehen und so viel darüber erfahren, wie es zu wissen gab. Hagiographie war ihr spezielles Interesse und das Thema ihrer Abschlussarbeit. Amy drehte sich nach hinten um und quatschte einen jungen Polen namens Victor an. Er roch nach Sardinen und trug eine Armyjacke, trotzdem stieß sie mich jedes Mal unauffällig mit dem Ellenbogen an, wenn er etwas sagte, das sie niedlich fand. Ihre Stimme verfiel in einen neckenden Singsang, wie immer, wenn sie das Lasso nach einem Typen auswarf, den sie sich vorknöpfen wollte. Victor sah gut aus, war charmant und hatte eine Stimme, die ein bisschen nach Dracula klang. Ich merkte, dass Amy sich Hoffnungen machte.

So war die Lage, als Jack auftauchte.

»Könntest du mal halten?«, fragte er.

Ich reagierte nicht. Mir war nicht klar, dass er mit mir sprach.

»Entschuldigung?«

Er drückte seinen Rucksack gegen meine Schulter.

Ich schaute hoch und sah Jack zum ersten Mal.

Unsere Blicke trafen sich und ließen einander nicht mehr los.

»Was?«, fragte ich zurück. Eigentlich hätte sich längst einer von uns abwenden müssen.

Er sah sehr gut aus. Ehrlich gesagt: umwerfend. Er war groß, ungefähr eins neunzig, und athletisch gebaut. Zu einem olivgrünen Fleecepulli trug er eine Jeans. Bei ihm war diese Kombination das coolste Outfit, das je ein Mensch getragen hatte. Seine Nase war wohl mal gebrochen gewesen und etwas schief verheilt. Er hatte gleichmäßige Zähne und ein Lächeln, das von den Grübchen in seinen Wangen angekündigt wurde, bevor es sich richtig breitmachte. Jack hatte dunkle Locken, aber nicht afromäßig, sondern wie im Club der toten Dichter. Auch seine Hände fielen mir auf: groß und kräftig, als hätte er keine Probleme mit körperlicher Arbeit. Ein bisschen, nur ein ganz kleines bisschen – weil sich das selbst in meinen Ohren albern anhörte –, erinnerte er mich an Hugh Jackman als Wolverine. Der Typ sah nonchalantaus, ein seltenes Wort, das dennoch zutraf. Ein Mann, der gerne zwinkerte, um zu zeigen, dass er den Witz verstanden hatte, dass er eingeweiht war, alles aber nicht so ernst nahm und das auch von dir erwartete. Was für ein Witz das war oder was er für dein Leben bedeutete, war nicht ganz klar, dennoch zogen sich meine Mundwinkel zur Andeutung eines Lächelns hoch. Ich ärgerte mich darüber, dass er mich dazu brachte, auch wenn es nur ein Reflex gewesen war, und wollte den Blick wieder senken, doch das ließen seine Augen nicht zu. Der Typ belauerte mich mit einem angedeuteten Grinsen, und ich war gespannt, was er als Nächstes sagen würde.

»Könntest du den mal kurz halten, damit ich da hochsteigen kann?«, fragte er und hob den Rucksack in die Höhe, den Blick unverwandt auf mich gerichtet.

»Wo hoch?«

»Da. Auf die Gepäckablage. Zeig ich dir gleich.«

Er hievte mir seinen Rucksack auf den Schoß. Und ich dachte: Den kannst du doch in den Gang stellen, Wolverine. Dennoch verfolgte ich, wie er seinen Schlafsack in der freien Gepäckablage gegenüber von mir ausbreitete, und musste dabei ungewollt seine Geschicklichkeit bewundern. Auch sein Hinterteil und sein mus­kulöser Rücken entgingen mir nicht, und als er nach seinem Rucksack griff, senkte ich ertappt den Blick.

»Danke«, sagte er.

»Kein Problem.«

»Jack«, sagte er.

»Heather.«

Er lächelte. Dann stemmte er den Rucksack als Kopfkissen auf die Ablage und kletterte hoch. Zuerst schien er zu groß zu sein, doch er quetschte sich hinein und holte einen Gurt heraus, den er um die Streben spannte, damit er nicht hinausfiel, wenn sich der Zug in die Kurve legte.

Er sah mich an. Wieder hielten sich unsere Blicke fest.

»Ich mach mal die Augen zu«, flüsterte er.

»Schlaf gut«, sagte ich.

2.

Es klingt verrückt, aber man kann viel daran ablesen, wie ­jemand im Schlaf aussieht. Ich führte da eine Art Studie durch. Manchmal machte ich Fotos von schlafenden Menschen, die Constance meine nachtschlafende Serie nannte. Jedenfalls schielte ich immer wieder kurz zu Jack hinüber, wenn zwischendurch Licht von draußen hereinfiel und sein Gesicht beleuchtete, wie Szenenbilder im Film. Man kann am Gesichtsausdruck im Schlaf erkennen, ob sich jemand viele Sorgen macht oder nicht, ob er ängstlich oder mutig ist, eher locker oder ernsthaft.

Jack schlief ruhig, auf dem Rücken ausgestreckt. Hin und wieder bewegten sich seine Augen unter den Lidern im REM-Schlaf. Er hatte dicke Wimpern, sehr dicht, wie eine Raupe. Seine Lippen waren leicht geöffnet, so dass ich seine Zähne sehen konnte, die Arme hatte er vor der Brust verschränkt. Er war wirklich schön. Zweimal stand ich auf, um mich zu recken und ihn verstohlen zu betrachten. Das Licht von draußen verwandelte ihn in ein Schwarzweißbild, wie in einem Fellini-Film.

Während ich ihn ansah, klingelte mein Handy. Es war der ­Mamisaurus.

»Wo ist meine kleine Abenteurerin gerade?«, fragte Mom, und ich hörte den Morgenkaffee in ihrer Stimme. Ich stellte mir vor, wie sie in unserer Küche in New Jersey saß, ihren Kaffee trank und auf einem kleinen Teller ihr Low-Carb-Frühstück zu sich nahm, während ihr Outfit für den Tag oben auf einem Bügel wartete.

»Im Zug nach Amsterdam, Mom.«

»Oh, wie aufregend! Du bist also nicht mehr in Paris. Wie geht es den anderen beiden?«

»Gut. Und wo bist du?«

»Zu Hause. Trinke gerade einen Kaffee. Daddy ist ein paar Tage geschäftlich in Denver. Er hat mich gebeten, dich anzurufen, weil hier ein Stapel Briefe von der Bank of America liegt. Sieht aus wie von der Personalabteilung, ich denke mal Versicherung, Krankenkasse und so weiter, aber wahrscheinlich müsstest du sie selbst lesen.«

»Ich melde mich bei denen, Mom. Hab schon mit den Leuten aus der Personalabteilung gesprochen.«

»Ich geb’s ja nur weiter. Daddy ist da speziell, weißt du doch. Er hat so was gerne erledigt, und du arbeitest schließlich bald für einen Freund von ihm.«

»Ja, Mom«, sagte ich, »aber der hätte mich bestimmt nicht eingestellt, wenn er Sorge hätte, dass ich mit der Stelle überfordert bin. Ich habe in Amherst die Bestnote bekommen und hatte noch drei weitere Jobangebote. Ich spreche Französisch und Japanisch, kann mich schriftlich gut ausdrücken und habe beim Bewerbungsgespräch einen guten Eindruck gemacht …«

»Natürlich, mein Schatz«, unterbrach mich Mom, weil sie das wusste, sie wusste alles, ich spielte mich nur so auf, um von meinem Versäumnis abzulenken. »So meinte ich das doch nicht.«

Ich holte tief Luft und versuchte, ruhig weiterzusprechen.

»Ich weiß, dass noch einiges zu machen ist, aber ich habe noch Zeit, bevor ich im September anfange. Sag Daddy, er braucht sich keine Sorgen zu machen. Das erledige ich schon. Ich habe alles unter Kontrolle. Du weißt doch, dass ich keine bin, die so was lange liegen lässt. Er soll sich keine Sorgen machen. Wenn überhaupt, bin ich bei so was eher zu genau.«

»Ich weiß, Spätzchen. Ich schätze, er ist hin- und hergerissen, mehr nicht. Auf der einen Seite freut er sich, dass du in Europa bist, aber er weiß auch, dass deine Stelle eine richtig große Sache ist. Investmentbanking, Schatz, das ist …«

»Ich weiß, Mom«, unterbrach ich sie und stellte sie mir als ­Tyrannosaurus Rex vor, der mich mit zappelnden Beinen ins Maul nimmt und hochhebt. Ich wechselte das Thema. »Wie geht’s Mr Periwinkle?«, erkundigte ich mich nach meinem Kater.

»Heute Morgen habe ich ihn noch nicht gesehen, aber er muss irgendwo in der Nähe sein. Er ist ziemlich steif geworden und hat mehrere Knötchen, aber er hat immer noch guten Appetit.«

»Gibst du ihm ein Küsschen von mir?«

»Ich kann ihn für dich streicheln. Er ist schmutzig, Mäuschen. Richtig dreckig. Ich weiß nicht, was er alles im Fell hat.«

»Mom, er gehört seit fünfzehn Jahren zu unserer Familie.«

»Das weiß ich auch! Ich habe ihn schließlich jahrelang gefüttert und bin mit ihm zum Tierarzt gefahren, schon vergessen?«

»Nein, Mom.«

Ich drehte mein iPad um, weil ich nicht gerne mein Gesicht im Display sah, während ich telefonierte. Regte ich mich wirklich im Zug nach Amsterdam wegen meines Katers auf? Das war schon ziemlich schräg. Zum Glück rettete mich Amy, indem sie aufstand und sich an mir vorbeidrückte. Vielsagend wackelte sie mit den Augenbrauen. Victor folgte ihr den Gang hinunter, wohin auch immer. Bald würde Polen erobert werden.

»Hör mal, Mom, wir fahren jetzt in Amsterdam ein«, flunkerte ich. »Ich muss meine Sachen zusammensuchen. Sag Daddy, dass ich mich um den Papierkram kümmere, sobald ich nach Hause komme. Versprochen. Er soll sich keine Sorgen machen. Ich habe den Kollegen im Büro gemailt, für September ist alles geregelt. Alles gut. Die sind, glaube ich, echt froh, dass ich bei ihnen ­anfange, und sie finden es gut, dass ich vorher noch eine Reise mache. Sie haben mir sogar zugeredet, weil sie wissen, dass ich erst mal keine Zeit mehr habe, wenn ich da arbeite.«

»In Ordnung, Spatz. Wie du willst. Pass auf dich auf, ja? Versprochen? Hab dich lieb! Gib den beiden Mädels einen Kuss von mir!«

»Mach ich, Mom, alles gut! Hab dich auch lieb.«

Die Verbindung wurde unterbrochen. Der Mamisaurus stapfte zurück ins Jura, die riesengroßen Pfoten hinterließen tiefe Abdrücke im Stein. Ich schloss die Augen und versuchte zu schlafen.

3.

Was liest du da?«

Es war spät. Ich konnte kein Auge zumachen. Amy war noch nicht zurück. Constance hingegen schien sehr gut zu schlafen. Ich ließ mich von Hemingway nach Spanien entführen, wo ich Stierkämpfe besuchte und zu viel trank. Fiesta. Flüsse voller Forellen in den Bergen. Ich war so in das Buch versunken, dass ich nicht merkte, dass Jack sich auf den Platz neben mir setzte.

»Was?«, schreckte ich auf und drückte das iPad an meine Brust.

»Da oben auf der Gepäckablage sind meine Beine eingeschlafen. Nicht sofort, aber hinterher doch. Immerhin konnte ich ein bisschen dösen. Willst du es auch mal versuchen? Ich kann dir hochhelfen.«

»Wenn ich wollte, würde ich selbst klettern.«

»Das war nur ein Angebot, keine Beleidigung.«

»Wenn meine Freundin zurückkommt, musst du aufstehen. Das ist ihr Platz.«

Er lächelte. Keine Ahnung, warum ich so zickig war. Wahrscheinlich ein Verteidigungsmechanismus. Jack sah so gut aus – und wusste es auch –, dass ich ihn automatisch ein bisschen ausbremsen wollte. Ich bekam einen roten Hals. Der verriet mich immer. Wenn ich nervös oder aufgeregt war und unter Druck stand, lief mein Hals rot an. Bei den Prüfungen in Amherst sah ich aus wie ein Ringfasan. Ich trug gerne Rollkragenpullis, um das zu kaschieren, doch die Wärme machte es nur noch schlimmer.

»Du hast gelesen, nicht?«, fragte Jack. »Hab gesehen, wie du umgeblättert hast. Liest du gerne E-Books? Ist nicht so mein Ding.«

»Dadurch kann ich ganz viele Bücher mitnehmen.«

»Wahnsinn!«, spottete er, aber auf eine nette Art.

»Unterwegs ist das praktisch.«

»Ein Buch ist doch auch ein Begleiter. Man kann es an besonderen Orten lesen, zum Beispiel im Zug nach Amsterdam. Dann nimmt man es mit nach Hause, stellt es ins Regal, und selbst Jahre später erinnert es einen daran, wie es damals war, im Zug, als man jung war. Es ist wie eine kleine Reise in die Vergangenheit. Wenn man das Buch mag, kann man es verleihen. Und man kann es immer aufs Neue entdecken, wie einen alten Freund. Mit einer Datei geht so was nicht.«

»Da bist du wohl konservativer als ich. Kann genauso gut sein, dass man es ins Regal quetscht, beim nächsten Umzug einpackt, wieder auspackt und irgendwann wieder einpacken muss. Zigmal. Ein iPad enthält mehr Bücher als sämtliche Regale in allen Wohnungen, die ich je haben werde.«

»Ich verlasse mich nicht auf technische Geräte. Ich finde, das sind Spielzeuge für große Kinder.«

Doch kaum hatte er das ausgesprochen, griff er nach meinem iPad und drehte es um. Es ging so schnell, dass ich nicht reagieren konnte. Mir war bewusst, dass die Situation typisch fürs Zug­fahren war: niedlicher Kerl, ruckelnde Bahn, Lichter, Essens­­gerüche aus dem Speisewagen, fremde Sprachen, Abenteuer. Außerdem grinste Jack. Er hatte ein umwerfendes, verschwörerisches Lächeln, das zu sagen schien: Ich bin zu jeder Schandtat bereit, komm mit, zusammen macht es mehr Spaß.

»Hemingway?« Er überflog die Seite. »Fiesta. Wow, dich hat’s aber schwer erwischt.«

»Wie: erwischt?«

»Na, die Ernie-Nostalgie: Paris, alte Frauen in Billigbordellen, Wein, Impressionisten, der ganze Kram. Die Romantik der alten Garde in Europa. Vielleicht willst du sogar im Elfenbeinturm leben und Schriftstellerin werden? Ich dachte, Hemingway wäre bei ­modernen Frauen unten durch.«

»Ich mag seine Traurigkeit.«

Jack sah mich an. Das hatte er nicht erwartet, spürte ich. Er lehnte sich sogar leicht zurück, um mich besser betrachten zu können. Ein abschätzender Blick.

»Ostküste«, sagte er dann zögernd, als müsste er sich zwischen zwei Eissorten entscheiden. »Vielleicht New Jersey oder Connecticut? Dein Vater arbeitet mit Sicherheit in New York. Könnte auch Cleveland sein, vielleicht sogar ein nobler Vorort davon, glaub ich aber nicht. Bin ich nah dran?«

»Woher kommst du denn?«

»Aus Vermont. Du hast nicht gesagt, ob ich richtig oder falsch liege.«

»Rat weiter! Erstell ein vollständiges Profil von mir!«

Wieder betrachtete er mich, nahm vorsichtig mein Kinn in die Hand. Das schien mir eine ziemlich effektive Art des Flirtens zu sein, selbst wenn er daneben liegen würde. Jack drehte mein Gesicht langsam nach links und rechts und musterte mich eingehend. Er hatte wunderschöne Augen. Mein Hals glühte, als würde er in Flammen stehen. Schnell sah ich zur Seite, ob wir Constance mit unserem Gespräch geweckt hatten, doch sie schlummerte noch immer tief und fest. Sie würde selbst einen Hurrikan verschlafen.

»Du bist gerade mit dem College fertig. Und jetzt fährst du mit deinen Freundinnen durch Europa – kennt ihr euch aus einem Verein? Nein, wahrscheinlich nicht. Dafür bist du zu pfiffig. Vielleicht habt ihr zusammen die Collegezeitung rausgegeben. War ein gutes College, nicht? Ostküste, also vielleicht St. Lawrence, Smith oder so was.«

»Amherst«, verriet ich.

»Uuuuh, also auch noch schlau. Heutzutage kommt man nicht mehr einfach so nach Amherst. Höchstens mit guten Beziehungen. Stimmt’s? Wie schlau genau, hm? Wollen wir mal sehen. Du liest Hemingway auf der Reise durch Europa, das ist entweder beeindruckend oder ein absolutes Klischee.«

»Du bist echt übel, weißt du das? Total herablassend. Von der schlimmsten Sorte.«

»Das ist ein Balztanz, um dich kennenzulernen. Es ist nämlich so: Ich mag dich. Du hast mir von Anfang an gefallen. Wenn ich Federn hätte, würde ich sie aufstellen und rumstolzieren, um dir mein Interesse zu zeigen. Wie mache ich mich bisher? Funktioniert es wenigstens ansatzweise? Schlägt dein Herz ein klein bisschen schneller?«

»War besser, bevor du den Mund aufgemacht hast. Deutlich besser.«

»Okay, Punkt für dich. Mal sehen … Deine Mutter ist ehrenamtlich unterwegs, engagiert sich hier und da. Dein Vater ist ein ganz hohes Tier. Angestellt, keine eigene Firma. Ist aber nur geraten. Jedenfalls eine Menge Kohle. Du liest Hemingway, das heißt, du hast eine künstlerische Ader, kannst aber nicht viel damit an­fangen, weil sie … na ja, weil sich damit nichts verdienen lässt. Hemingway gehört bei dir zum Bildungskanon, richtig?«

Ich holte tief Luft und nickte bestätigend. Dann begann ich zögernd:

»Du bist ein Spinner aus Vermont, der sich als grüner Welt­verbesserer ausgibt, nie aufhört zu reden, wahrscheinlich auch liest – doch, denke ich schon – und der einen netten kleinen Treuhandfonds hat. So kannst du es dir leisten, durch die Welt zu gondeln, Mädels aufzureißen und sie mit deiner Bildung, deinem Witz und deiner Weisheit zu beeindrucken. Die Sache ist die: Dir geht’s gar nicht darum, Frauen ins Bett zu kriegen, auch wenn du nichts dagegen hast. Nein, die Mädels sollen sich in dich verknallen und bewundern, wie toll du bist. Das ist deine große Schwäche. Deshalb machst du Anspielungen auf Hemingway, als wärt ihr dicke Kumpels, aber der gute alte Ernest hat das alles tatsächlich erlebt. Er hat etwas gesucht, was du niemals verstehen wirst, denn du tust nur so. Und jetzt gehst du besser, denn meine Freundin kommt gleich zurück.«

Jack grinste. Falls ich ihn gekränkt hatte, verriet es sein Blick nicht. Dann tat er, als zucke er zusammen.

»Bist du grausam! Zieh das Messer doch bitte wieder raus!«

»Tut mir leid, Jack.« Ich konnte es mir nicht verkneifen, seinen Namen etwas übertrieben auszusprechen, um ihn zu ärgern. »Aber hat dir schon mal jemand gesagt, dass du wie Hugh Jackman in einer schlechten Rolle aussiehst?«

»Als Wolverine?«

Ich nickte.

»Ich gebe auf. Du hast gewonnen. Gnade!«

Er wollte aufstehen, dann griff er plötzlich nach meinem ­Kalender, der unter dem iPad lag.

»Wahnsinn, ein Smythson! Smythson von der Bond Street? Du liebe Güte! Der teuerste, edelste Timer, den es gibt. Sag nicht, dass er dir gehört!«

»Hab ich zum Collegeabschluss bekommen. Und er war re­duziert. Gab’s irgendwo dazu, war also praktisch umsonst.«

»Ich überlege gerade, was für ein Mensch so einen protzigen Timer braucht, um sich vorzumachen, dass er keine Probleme hat.«

»Ein pünktlicher Mensch. Ein Mensch, der keinen Termin verpassen will. Der etwas erreichen will im Leben.«

»Ah, und so ein Mensch bist du?«

»Versuche ich zumindest zu sein.«

»Wie viel kostet so ein Teil überhaupt?«

»Das geht dich nichts an! Komm, such dir jemand anderen, den du nerven kannst!«

»Du lieber Gott«, Jack legte mir den Kalender auf den Schoß, »glaubst du wirklich, dass es im Himmel einen großen Kühlschrank gibt, wo du die ganzen Einser mit Sternchen dranpappen kannst, die du für deine Hausaufgaben bekommst? Dass irgendwo eine Übermami steht, die deine tollen Arbeiten aufhängt, und alle stehen davor und klatschen?«

Ich hätte ihm am liebsten eine reingehauen. Ich war kurz davor.

»Jack, ich kann dir prophezeien, dass du als zynischer Säufer in Kneipen herumhängen und die Leute langweilen wirst, wenn du als arme, verlorene Seele durch Europa ziehst.«

»Wow«, sagte er. »Und du bist nur hier, damit du es in deinen Lebenslauf schreiben kannst. Damit du irgendwann auf einer Cocktailparty erzählen kannst, dass du mal in Paris warst. Warum machst du dir überhaupt die Mühe, wenn Reisen für dich nur Mittel zum Zweck ist?«

»Für mich hat Reisen mehrere Zwecke, Jack. Aber armselige kleine Hipster, die ungefähr hundert Jahre zu spät kommen und in Paris noch die Vorkriegsromantik suchen, die tun mir einfach nur leid. Es gibt eben Menschen, die an das glauben, was sie tun. Die etwas machen. Ja, die kaufen sich vielleicht einen Kalender auf der Bond Street, um ihren Tag besser organisieren zu können. So was nennt man Fortschritt. Sie benutzen Autos und Flugzeuge, sogar iPads und iPhones. Ob du willst oder nicht, Jack aus Vermont!«

Er grinste. Fast hätte ich zurückgegrinst. Ich musste zugeben, dass es Spaß machte, mit ihm zu streiten. Ich glaubte nicht, dass er es besonders ernst nahm. Das Einzige, was er ernst zu nehmen schien, waren unsere Blicke, die sich immer wieder ineinander verfingen.

»Gut gekontert. Muss ich zugeben. Ich mag deine Leidenschaft. Braucht nicht viel, und du wirst zur kleinen Widerspenstigen, hm?«

»Was Besseres fällt dir nicht ein? Soll das heißen, ich muss gezähmt werden, Jack? Tja, ich verstehe deine Anspielungen! Ich bin nämlich etwas länger aufs College gegangen und hab sogar aufgepasst. Jetzt lass mich in Ruhe, Jack Vermont! Denk noch ein bisschen über die große Bedeutung deines Lebens nach oder entwirf den nächsten Roman, den du nie schreiben wirst. Such dir ein Café, wo du rumsitzen und affektierte, aufgeblasene Gespräche mit anderen angeblichen Auswanderern führen kannst, die sich gerne einbilden, dass sie das Menschsein besser begreifen als wir armen, kurzsichtigen Businessleute. Damit du dich allen über­legen fühlen kannst. Dann kannst du aus deiner windigen Höhe auf die anderen hinabschauen und Blitze auf sie schleudern.«

»Aus meiner windigen Höhe?« Wieder grinste Jack. Er wollte mich zum Lachen bringen, und ich musste mich zusammenreißen, um ernst zu bleiben.

»Soll ich weitermachen? Oder hast du begriffen, worauf ich hinauswill?«

»Hab ich.« Langsam stand er auf. »Ich finde, das war ein richtig gutes Gespräch. Und du?«

»War super.«

Betont umständlich drückte er sich an mir vorbei in den Gang. Er hatte einen wirklich wohlgeformten Körper. Dann schwang er sich hoch auf die Gepäckablage. Als er sich hinlegte, wartete er, bis ich ihn ansah, dann streckte er mir die Zunge heraus. Ich tat das Gleiche.

4.

Das war es erst mal. Mein Hals brannte, und ich hatte Pro­bleme, gleichmäßig zu atmen. Ich schlug die Hände vors Gesicht und zählte bis zehn, um mich zusammenzureißen. Es störte mich, dass ich so leicht zu durchschauen war, denn ich kam wirklich aus New Jersey, mein Vater arbeitete tatsächlich in einer Firma in New York, und meine Mutter war ehrenamtlich bei der Junior League tätig. War ich wirklich so ein Durchschnittsmensch, dass jemand wie Jack nach wenigen Minuten wusste, wie er mich einzuschätzen hatte? Das nervte mich. Außerdem regte es mich auf, dass ich so zickig gewesen war. Allerdings hatte er eine Grenze überschritten. Ich betrachtete ihn im flackernden Schein der Lichter von draußen. Seit Monaten war ich Single, seit der Trennung von Brian, meiner großen Collegeliebe. Ich begriff es noch immer nicht, dass ich Brian mit nach Hause gebracht, sogar den Weihnachtsbaum meiner Eltern mit ihm geschmückt hatte, nur um dann herauszufinden, dass er noch eine Woche vorher mit einem Mädchen geschlafen hatte, und zwar wegen einer Wette. Er war betrunken gewesen, das Mädchen hatte in einer Bar gearbeitet, eine künstliche Blondine mit dicken Haaren und breiten BH-­Trägern. Seine Freunde hatten ihn angetrieben, hatten gejohlt: Feigling, Feigling, Feigling, haha, traust dich nicht! Noch ’ne Runde! Also war er mit ihr ins Auto gestiegen, in seins oder ihres, keine Ahnung, vielleicht waren sie auch in eine dunkle Ecke gegangen, auf eine schnelle Nummer. Natürlich hatte das nichts zu sagen, klar, da waren sich alle einig, aber ich sah noch vor mir, wie Brian auf der Trittleiter stand und die Tannenbaumkugeln entgegennahm, wie ich auf seine Kordhose schaute, mein Vater uns in der Bar neben dem Wohnzimmer Drinks mixte und meine Mutter, der T-Rex, im Haus rumorte, einen dünnen Pulli wie ein Cape über die Schultern gelegt und eine dreihundert Dollar teure Hose von ­Eileen Fisher bis unter die Achselhöhlen hochgezogen. Auf Pandora lief Musik, Musik mit dem dämlichen Bing Crosby, und ich musste gestehen, dass ich die verträumte Romantik wirklich genoss, Weihnachten auf dem Lande, Schneetreiben, das Musical im Fernsehen und der ganze Mist. Bis ­Brians Freund Ronnie Evers ein Foto bei Facebook einstellte, auf dem Brian die Zunge rausstreckte wie der Gitarrist einer Hardrockband und seine Hand hinten in der engen Jeans der Kellnerin Brenda hatte, die wie ein Cowgirl im Hohlkreuz den Unterkörper an ihn presste.

Nachdem ich mir die Geschichte mit Hilfe von Twitter, Facebook und ein paar Fotos zusammengereimt hatte, kam es zu einer stillen kleinen Szene zwischen Brian und mir im ehemaligen Partykeller, wo unsere Stimmen zischten wie kaputte Heizungen:

Wie konntest du nur? So eine! Hast du mit ihr gevögelt?

Das war doch kein Ernst. Eine Wette! Ich war betrunken.

Mensch, Brian, hör auf mit dem Scheiß!

Ist doch nicht so schlimm … Mann, stell dich nicht so an, Heather! Wir sind doch nicht verlobt, oder?

Leck mich, Brian.

Doch wir waren aus unserem kleinen Garten Eden ver­trieben worden. Am nächsten Tag trennten wir uns, und Brians Tasche landete polternd im Kofferraum seines alten Volvos. Dann fuhr er los, immer der Weihnachtsbeleuchtung nach. Als ich mich zum Haus umdrehte, entdeckte ich unseren betagten Kater ­Mr Pe­riwinkle, der mich aus dem Fenster im ersten Stock ­be­obachtete.

Jack also. Constance schlief noch immer. Amy war noch nicht zurück. Im Wagen hatte sich diese unruhige Stille ausgebreitet, die in bewegten Räumen herrscht, wenn man versucht zu schlafen, aber immer wieder aufwacht. Aus dem Speisewagen hinter uns roch es nach Kaffee. Hin und wieder hörte man die Geräusche, die ein Zug macht, wenn er über eine Weiche oder an einem ­Nebengleis entlang fährt. Wie in einem Film noir. Ein Doppler­effekt, wusste ich noch aus dem Physikunterricht.

Ich beschloss, einen Kaffee trinken zu gehen. Und entschied, dass Jack Wolverine in Ordnung war, so dass ich im Vorbeigehen mit dem iPhone schnell ein Foto von ihm schoss. Er wachte nicht auf. Danach kam ich mir mies vor, weil ich ihn beleidigt und beschimpft hatte, deshalb bestellte ich einen Latte für ihn mit. Falls er ihn nicht wollte, würde ich ihn schon anderweitig loswerden. Während der Zugschaffner das Getränk zubereitete, betrachtete ich das Foto. Selbst im Tiefschlaf sah Jack phantastisch aus. Er schlief wirklich so fest wie ein Zombie. Ich überlegte, woran das liegen mochte. Brian hatte immer nur leicht geschlummert, ein Unruhegeist, der nicht erwarten konnte, dass es wieder losging. Jack versank ganz tief, wenn er schlief.

Ich trug die Becher zurück zu meinem Platz, einen in jeder Hand, was sich als komplizierter erwies, als man denken würde. Neben Jack blieb ich stehen und fixierte ihn kurz in der Hoffnung, er würde davon aufwachen. Es funktionierte tatsächlich. Vielleicht spürte er meine Gegenwart, keine Ahnung, jedenfalls sah er mich plötzlich an und lächelte, ein unschuldiges Strahlen, wie es an seinem zehnten Geburtstag vielleicht seine Mom gesehen hatte.

»Hab dir einen Milchkaffee mitgebracht«, sagte ich. »War das Mindeste, was ich bei deinem kaputten Leben tun konnte.«

»Moment, muss erst mal wach werden.«

Ich blieb stehen und wartete. Jack reckte sich genüsslich und ließ sich dann nach unten gleiten. Zum ersten Mal stand ich neben ihm; mir gefiel, wie sich seine Nähe anfühlte. Breite Schultern, kräftige Muskeln – ein Schutzschild von einem Mann.

»Sollen wir den Kaffee in dem Verbindungsstück zwischen den Wagen trinken?«, schlug er vor und rückte sein Gepäck so zurecht, dass es niemanden störte. »Ich könnte ein bisschen frische Luft gebrauchen, bin schließlich ein armseliger, lahmarschiger Trottel mit Treuhandfonds aus Vermont.«

Ich nickte. »Stimmt«, sagte ich. »Traurig, aber wahr.«

Er nahm mir seinen Becher ab. Als ich ihm zum Verbindungsteil zwischen den Wagen folgte, fragte ich mich, ob man das Flirten nannte, was ich gerade getan hatte.

5.

Tut mir leid, wenn ich mich eben scheiße benommen habe«, sagte er. »Manchmal übertreibe ich es.«

»Frauen gegenüber?«

»Ja.«

»Trägst du immer so dick auf?«

»Nur bei Frauen, die so schön sind wie du.«

»Was ist das denn für ein lahmer Spruch?«

»Gar nicht lahm. Ist mein Ernst. Zufällig finde ich dich wirklich schön. Wie groß bist du eigentlich?«

»Eins fünfundsechzig.«

»Das ist die perfekte Größe, weißt du das? Trapezkünstler dürfen höchstens eins fünfundsechzig sein. Und menschliche Kanonenkugeln. Also Menschen, die sich aus Kanonen schießen lassen. Die sind auch maximal eins fünfundsechzig.«

»Das ist doch Blödsinn!«

»Nein, das ist Fakt. Allgemein bekannt. Wenn du dich auf einem Jahrmarkt bewirbst, fragen sie dich zuerst nach deiner Größe. Selbst Löwenbändiger dürfen höchstens eins fünfundsechzig sein.«

»Hast du auf dem Jahrmarkt gearbeitet?«

»Klar.«

»Aber du bist größer als eins fünfundsechzig.«

»Das ist die Richtgröße für Frauen. Bei Männern ist es egal, wenn sie nicht auf der Bühne stehen. So wie ich. Hab die Leute bequatscht, Bälle auf Flaschen zu werfen. Ich war Kirmesschreier.«

»Ich glaube dir kein einziges Wort.«

»Doch! Ich … ich wurde sogar mal von einem Löwen gebissen. Das glaubst du mir bestimmt auch nicht. Voll in den Oberschenkel! Richtig ins Fleisch. Ich hab geschlafen, und auf einmal war sie da, eine Löwin namens Sugar. Jeder wusste, dass sie unberechenbar war, aber ich hatte nie ein Problem mit ihr. Als sie zubiss, hat sie mir in die Augen geguckt, als wollte sie sagen, tut mir leid, aber so bin ich nun mal. Ich war nur ein Snack für sie.«

»Du redest so einen Scheiß, aber ich könnte dir stundenlang zuhören.«

Achselzuckend trank Jack seinen Latte. Wir standen uns zwischen den Wagen gegenüber, den Rücken an die Wand gelehnt. Unter uns flogen die Schienen dahin. Schwach stiegen mir Ge­rüche in die Nase – Heufelder, Asche, eventuell Regen und etwas Elektrisches von einem Motor. Doch schnell lösten sie sich durch die Bewegung des Zuges wieder auf.

»Ich habe mich oft gefragt, warum Sugar irgendwann losgelassen hat. Das verfolgt mich bis heute.«

»Vielleicht hast du ihr nicht geschmeckt. War das in Vermont?«

»Nein, in Istanbul. Ist eine lange Geschichte. Sorry, aber wenn ich nervös bin, rede ich immer zu viel. Dann übertreibe ich es. So wie eben. Ein fataler Fehler, leider.«

»Fatal würde ich nicht sagen. Ein normaler Fehler.«

»Hab irgendwie gehofft, du würdest in mir einen Byron’schen Helden sehen.«

»Wenn du das hoffen musst, bist du keiner. Ipso facto.«

Er sah mich an und nippte an seinem Becher. Der Caffè Latte war nicht besonders gut.

»Ipso facto? Heißt das überheblich auf Latein?«

»Nein, das heißt aufgrund dieser Tatsache oder im Um­kehrschluss. Der Feind meines Feindes ist ipso facto mein Freund.«

»Du bist echt Frau Oberschlaumeier, was?«

»Hast du ein Problem damit?«

»Nein, aber du bist eine Streberin. Deshalb hast du auch einen Kalender von Smythson. Was war die schlechteste Note, die du je bekommen hast? Außer in Sport, meine ich.«

»Glaubst du, ich hab in Sport keine Eins gehabt?«

»Ich glaube, bei Völkerball wurdest du als Erste gewählt, und dann haben alle aus der anderen Mannschaft versucht, dir den Ball an den Kopf zu werfen, weil du so eine Oberstreberin bist. Ipso facto.«

»Weißt du immer sofort über jeden Bescheid? Oder ist das nur bei mir so?«

»Ach, ich kenne Leute wie dich. Du bist der Typ Klassensprecherin. Du hilfst vor der Party mit, den Saal mit Luftschlangen zu schmücken. Du bist das Mädchen auf der Leiter. Das Mädchen mit dem Klebeband.«

»Und du bist der coole Außenseiter, der sich in seinem eigenen Mythos suhlt.«

»Den Spruch finde ich gut: Ich suhle mich in meinem eigenen Mythos. Siehst du? Du hast Potential.«

»Oh, ein Lob von dir! Da blühe ich ja regelrecht auf!«

Er sah mich über seinen Kaffeebecher hinweg feixend an.

»Was für Schwächen hast du?«, fragte er. »Fatale wie normale?«

»Warum sollte ich dir das verraten?«

»Weil wir im Zug nach Amsterdam sind und über irgendwas sprechen müssen. Und weil du dich unglaublich zu mir hinge­zogen fühlst. Du hast die Möglichkeit, mit mir zu flirten. Das willst du nämlich insgeheim, würdest es aber niemals zugeben.«

»Du leidest nicht gerade an einem zu kleinen Ego, was?«

»Ich nehme nur an, dass du dich zu mir hingezogen fühlst, weil ich dasselbe für dich empfinde. Außerdem sind unsere Blicke ganz tief, wenn wir uns ansehen. Weißt du, was ich meine? Ja, das weißt du, Heather aus den nordischen Wäldern.«

Ich schüttelte den Kopf. Doch er hatte recht, mit allem. Dass er sich so sicher war, machte mich nervös.

»Was für Schwächen du hast, hab ich gefragt«, hakte er nach. »Das ist übrigens eine Schwäche von mir. Dass ich so schlecht lockerlassen kann.«

»Meine Schwäche ist schwer in Worte zu fassen.«

»Versuch’s!«

Ich holte tief Luft und fragte mich, warum man manchmal bereit war, fremden Menschen im Zug Geheimnisse anzuvertrauen, die man sonst niemandem verraten würde. Doch ich sprach weiter.

»Wenn ich ein Flugzeug sehe, hoffe ich, dass es abstürzt. Ohne nachzudenken. Ich weiß gar nicht, ob ich mir das ausdrücklich wünsche oder ob es nur ein kranker Impuls ist. Aber wenn ich es in der Luft sehe, hoffe ich es. Ich stelle mir manchmal vor, dass ich auf ein Feld laufe, wo ein Flugzeug abgestürzt ist, und die Leute rette.«

»Das ist keine Schwäche. Das ist eine Wahnvorstellung. Du brauchst Hilfe. Du brauchst umfangreiche psychologische Unterstützung.«

Ich trank einen Schluck. Laut ratterte der Zug über eine Pfeiler­konstruktion.

»Und wenn eine Braut zum Altar geht«, fuhr ich fort, »dann wünsche ich mir, dass sie stolpert. Meine Mutter sorgt immer dafür, dass ich bei Hochzeiten nicht direkt am Gang sitze, weil sie Angst hat, dass ich der Braut ein Bein stelle.«

»Hast du das schon mal gemacht?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Noch nicht, aber eines Tages tu ich es. Eigentlich geht es mir bei jedem offiziellen Anlass so. Hauptsache, alle sind schick ­an­gezogen. Ich lauere darauf, dass es eine Essensschlacht gibt oder einer in die Torte fällt. Ich kann nichts dagegen tun. Ich warte ­immer sehnsüchtig darauf, dass eine wilde Studentenparty entsteht.«

»Weil du im Grunde eine Anarchistin bist, deshalb. Wahrscheinlich wirst du bis zum Alter von ungefähr vierzig Jahren eine vorbildliche Bürgerin sein, dich dann einer militanten Randgruppe anschließen und in Uniform mit einer Machete durch die Straßen marschieren. Hast du eine Schwäche für Macheten?«

»Mehr, als du ahnst.«

»Dann musst du nach Südamerika gehen.«

»Na, wenn das kein Vorurteil ist! Alle Südamerikaner haben eine Machete?«

»Na klar! Wusstest du das nicht?«

»Welche Waffe bevorzugst du denn?«

»Heckenscheren.«

»Heckenscheren? Und warum?«

»Weil ich sie für unterschätzt halte.«

»Du bist die ganze Zeit knapp davor, mich tierisch zu nerven, weißt du das? Du kriegst immer noch gerade so die Kurve.«

»Es gibt Leute, die finden so was interessant. Oder geistreich. Je nachdem.«

Jack trank wieder aus seinem Becher und schielte über den Rand. Ein Teil von mir wollte ihn küssen, ein anderer ihm den Latte in das selbstgefällige Gesicht schütten. Doch nichts an ihm ließ mich kalt, und das war mal was anderes.

»Wie alt bist du überhaupt?«, fragte ich. »Du müsstest doch eigentlich arbeiten. Hast du keinen Job?«

»Für wie alt hältst du mich denn?«

»Für zehn.«

Er sah mich eindringlich an. »Ich bin siebenundzwanzig«, sagte er. »Und du?«

»Ein Gentleman fragt nicht nach dem Alter einer Dame.«

»Hältst du mich für einen Gentleman?«

»Ich halte dich für alles andere als geistreich.«

»Das ist nicht die Antwort.«

»Zweiundzwanzig«, sagte ich. »Bald dreiundzwanzig.«

»Wurdest du mit Verspätung eingeschult?«

»Nein!«

»Wahrscheinlich doch, bloß haben deine Eltern es dir nicht verraten. So was kommt vor.«

»Ich war gut in der Schule. Hast du doch selbst erkannt.«

»Du warst gut, weil deine Eltern dich erst ein Jahr später eingeschult haben und du dadurch ein Jahr älter und reifer als die anderen in der Klasse warst. Ich kenne solche wie dich. Eigentlich ist es total ungerecht. Dadurch hattest du die ganze Zeit einen Vorteil in der Schule.«

»Und du hast immer in der letzten Reihe gesessen, stimmt’s? Hast so getan, als wärst du ein Maler oder ein missverstandener Dichter. Das ist so ein Klischee, dass ich Zahnschmerzen kriege.«

»Wie sah ich denn aus?«

»Oh, wo soll ich anfangen? Natürlich bist du in Jeans rum­gelaufen. Dazu ein T-Shirt mit einem Ortsnamen drauf. Nein, nein … ich sehe was Technisches. Einen Trecker. Oder vielleicht Baumarktwerbung. Was Zweckmäßiges … oder Proletarisches. Du hattest lange Haare, so wie jetzt, nur hast du dir wahrscheinlich noch zusätzlich eine Locke in die Stirn gezogen, weil du … genau, weil du so tief versunken in deine lyrischen Gedanken warst. Stimmt’s? Du warst der Normalo, der Bauernsohn mit der großen Seele. Gab’s dich als Bausatz? Oder warst du schon fertig zusammengesetzt?«

»War nicht nötig.«

»In der Schule hattest du im Durchschnitt eine Zwei. Vielleicht auch Zwei minus. Ordentlich, aber nicht überragend, manchmal fehlten die Hausaufgaben, hättest dich mehr anstrengen können, aber du hast viel gelesen, und das fanden die Lehrer gut. Freundin? Hmmm. Das ist schwierig. Wahrscheinlich ein Mädchen, das Schafe gezüchtet hat. Oder Ziegen, Ziegen sind besser. Sie roch nach Parfüm und Mist, aber zum Glück las sie auch viel und liebte Lyrik. Ein Typ wie Sharon Olds.«

»Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Erschreckend, was du für eine Menschenkenntnis hast.«

»Ich könnte mir vorstellen, dass sie einen botanischen Namen hatte … oder den einer Jahreszeit. Summer! Oder vielleicht Flora? Oder Rose. Wie wär’s mit Blaumeise?«

Eine Weile schwiegen wir. Ich wusste nicht, ob ich zu weit gegangen war. Dann trafen sich unsere Blicke wieder. Der Zug wankte, Jack hob den Becher und trank ihn aus. Konnte es sein, dass wir uns gleich küssen würden? Ein richtiger Kuss? Ich mochte ihn, merkte ich. Dann kam ein Mann und zündete sich eine Zigarette an, was völlig verboten war, ihn aber nicht interessierte. Er sagte etwas auf Englisch, das wir wegen der Zuggeräusche nicht verstanden. Er sah aus wie ein Radfahrer, hatte drahtige Beine und trug eine Baseballkappe mit kurzem Schirm. Ich wurde nicht ganz schlau aus ihm.

Zwei seiner Kumpel kamen dazu, die ähnlich angezogen waren. Ich nahm an, dass sie zu einer Gruppe oder Mannschaft gehörten, und Jack schaute mich an. Wieder blieben unsere Blicke aneinander haften. Er lächelte, ein liebes, aber auch mattes Lächeln. Es verriet mir, dass der magische Moment zwischen den Wagen vorbei war, dass wir ihn genutzt hatten, solange er währte. Oder so ähnlich.

»Fertig?«, fragte er und wies mit dem Kinn auf unseren Wagen.

Ich nickte. Und das war’s.

6.

Kurz vor Amsterdam kam Amy ohne Victor zurück. Jack war im Speisewagen.

»Wo ist Graf Dracula?«, fragte ich.

»Oh, mein Gott«, stöhnte sie und rutschte neben mich.

»Wurde Polen erobert?«

»Sagen wir so: Die europäischen Staaten sind um einen reichen Schatz ärmer.«

»Vor dir ist echt keiner sicher.«

»Man muss nehmen, was man kriegen kann, Heather.«

Sie sang irgendwas Albernes und tanzte dabei auf ihrem Sitz herum. Davon wurde Constance wach, die sich aufsetzte und ­orientierungslos umsah. Offenbar wusste sie nicht, wo sie sich befand. Ihr Nackenkissen hatte einen Abdruck auf ihrer Wange hinterlassen. Als ihr klarwurde, dass sie im Zug saß und Amy neben ihr herumhampelte, stöhnte sie und ließ den Kopf auf die Knie sinken.

»Nicht schon wieder«, sagte sie müde.

»Graf Dracula hat was drauf«, sagte Amy. »Er ist echt süß.«

»Du hast mit Dracula rumgemacht?« Constance rieb sich den Schlaf aus dem Gesicht. »Hat jemand Wasser da?«

»Hier.« Amy wühlte in dem Rucksack neben ihren Füßen her­um und holte eine Wasserflasche heraus. »Wer hat Hunger?«

»Ich habe Käse und Äpfel«, bot ich an, weil ich auf dieser Reise mehr oder weniger für die Verpflegung zuständig war. Ich hatte immer etwas zu essen dabei. Wie ich Jack erzählt hatte, war ich manchmal zu gut organisiert, ein Erbe des Mamisaurus.

»Kommst du da leicht dran?«

Ich kramte ebenfalls in meinem Rucksack herum. Amy zog ein birnenförmiges Schneidebrett hervor, das wir uns nach der ersten Woche zugelegt hatten. Es passte gut in den Rucksack und diente uns als Behelfstisch. Wir holten unsere Schweizer Taschenmesser heraus, ich fand Äpfel, ein Stück französischen Cheddar, zwei Stangen Sellerie und Erdnussbutter. Nach dem Baguette, das ich aus Platzgründen entzweigebrochen hatte, musste ich ein bisschen tiefer graben. Ich legte es neben die Äpfel.

»Wie lange habe ich geschlafen?«, wollte Constance wissen.

Sie strich Erdnussbutter auf eine Apfelscheibe und stopfte sie sich in den Mund.

»Vielleicht drei, vier Stunden«, sagte ich.

»Was habe ich verpasst? Wer genau ist Graf Dracula?«

»Der Pole, der hinter uns saß«, erklärte Amy. »Er heißt Victor. Sein Nachname klingt so ähnlich wie Hatschi. Er hat uns auf eine Party in Amsterdam eingeladen. Ich hab die Adresse aufgeschrieben.«

»Wo ist er überhaupt?« Ich richtete mich auf und schaute über die Rückenlehnen. »Hast du ihn zu Tode gevögelt?«

»Es war ein ausgeglichener Kampf.«

»Den Typen will ich sehen«, sagte Constance. »Als wir rein­kamen, hab ich ihn gar nicht wahrgenommen.«

Ich nahm ein, zwei Stückchen Brot, schnitt mir etwas vom Käse ab und aß ihn dazu. Amy teilte den ersten Apfel in drei Schnitze. Ich knabberte mein Drittel. Eine gute Minute lang saßen wir schweigend da, und ich war glücklich. Ich betrachtete Constance. Ihr Gesicht war ernst und konzentriert, die blonden Haare schimmerten im gedämpften Licht des Abteils. Sie war die Hübscheste von uns, interessierte sich aber am wenigsten für das andere Geschlecht. Constance war ein Bücherwurm, las aber nicht wie ich ständig Hemingway. Sie bevorzugte Sachbücher. Für sie waren die Heiligen eine Großfamilie, die sie besuchen konnte, wann immer ihr das Leben zu langweilig wurde. Wenn man wissen wollte, wen ein Bild zeigte oder eine Statue darstellte, fragte man Constance. Sie aß mit Anmut, schnitt alles in kleine Stücke, die sie zu Portionen zusammenstellte, während die üppigere Amy dick Erdnussbutter auf alles schmierte und mit einem Appetit futterte, der ihrer allgemeinen Lebenseinstellung entsprach. Ich hatte die beiden bei der Erstsemestereinführung in Amherst kennengelernt, war ihren Eltern vorgestellt worden, war dabei gewesen, wenn sie Liebeskummer hatten, sich betranken, Bestnoten bekamen, wenn ihr Ausweis in Bars überprüft wurde oder wenn sie tanzten, bis sie nicht mehr konnten. Ich hatte zugesehen, wie Amy teuflisch gut Lacrosse spielte und Constance auf ihrem himmelblauen Schwinn über den Campus radelte, die Bücher im Lenkradkorb, wie sie ihren leicht kurzsichtigen Blick über die Schönheit der Eichen und Arkaden schweifen ließ. Als ich die beiden nun im sanft flackernden Licht des Zuges neben mir sah, wie sie aßen, lächelten und einfach nur gute Freundinnen waren, spürte ich plötzlich, wie sehr mir die beiden am Herzen lagen.

»Ich hab euch so lieb«, sagte ich, weil ich es in dem Moment spürte. »Danke, dass ihr mit mir zusammen reist. Nein, eigentlich danke ich euch für alles. Ich wünsche mir, dass wir uns niemals aus den Augen verlieren. Versprecht ihr mir das?«

»Wie kommst du denn jetzt darauf?«, fragte Amy mit vollem Mund.

Constance nickte mir zu und nahm meine Hand. Amy zuckte mit den Achseln und legte dann ihre Hand auf unsere. Die drei Musketiere. Diese Geste machten wir seit einem Abend im ersten Studienjahr, als wir betrunken vor dem Lord Jeffery Inn gestanden und gemerkt hatten, dass wir Freundinnen waren, richtige Freundinnen.

»Einer für alle und alle für einen«, sagten wir, unsere geheime Parole. »Un pour tous, et tous pour un.«

Der Zug wurde langsamer. Wir fuhren in Amsterdam ein.

7.

Wisst ihr schon, wo ihr in Amsterdam wohnt?«, fragte Jack.

Wir standen im Gang und warteten darauf, dass die Leute ausstiegen. Amy und Constance waren weiter vorn, doch ein Mann zwei Sitze vor Jack hatte Probleme, seine Tasche von der Gepäckablage zu wuchten. Allein weil ich einfach neben Jack stand, glühte mein Hals schon wieder feuerrot.

»Wir haben in einem Hostel reserviert«, erklärte ich. »Es heißt Cocomama. Cooler Name, fand ich.«

»Machst du die gesamte Organisation?«

»Nicht komplett. Aber ich hab gerne alles geregelt.«

»Sagte das Mädchen mit dem Timer von Smythson.«

Ich zuckte mit den Achseln. Er hatte nicht ganz unrecht.

»Wir gehen vielleicht zu einer Party, von der dieser Victor Amy erzählt hat. Soll direkt im Zentrum von Amsterdam sein, an einem Kanal.«

»Mein Freund Raef ist Australier, aber er kennt hier viele Leute. Eigentlich kennt er überall welche. Ich selbst bin ja schon weit gereist, aber Raef, der ist ein richtiger Marco Polo. Ihr werdet ihn mögen. Eigentlich ist er Schafzüchter. Er spart sein ganzes Geld und gibt es für Reisen aus. Sag mir doch, wo die Party ist, dann kommen wir vielleicht auch vorbei. Ich würde dich gerne wiedersehen.«

»Dein Freund hört sich interessant an. Ich weiß nicht aus­wendig, wo die Party stattfindet, also die genaue Adresse, aber Amy hat sie aufgeschrieben. Ich frag sie, wenn wir ausgestiegen sind.«

Einen Moment schwiegen wir. Irgendwann gelang es dem Mann vor uns, seine Tasche von der Gepäckablage zu ziehen. Die Leute hinter uns klatschten. Amy und Constance waren bereits draußen.

»Hör mal«, sagte Jack mit tiefer Stimme und so leise, dass nur ich ihn hören konnte. »Ich hab eine Idee. Wenn wir aus dem Zug steigen und von unten kommt eine große Dampfwolke, du weißt schon, wie in einem alten Film, dann sollten wir uns auf dem Bahnsteig das erste Mal küssen. Wir haben doch sicher beide schon darüber nachgedacht, also lass uns die Chance nicht verpassen.«

Ich musste grinsen. Die Reisenden vor mir setzten sich in Bewegung. Ohne mich umzudrehen, rückte ich langsam weiter. Mein Hals leuchtete puterrot.

»Super Vorschlag!«, erwiderte ich. »Glaubst du echt, ich will dich küssen? Was Besseres fällt dir nicht ein?«

»Komm! Die Geschichte können wir noch unseren Enkelkindern erzählen. Und falls es nicht funktioniert, falls wir uns heute Abend nicht auf der Party wiedersehen, was ist dann Schlimmes passiert? Lediglich ein Kuss.«

»Wie lang soll der Kuss denn dauern?«

»Also, er sollte schon in Erinnerung bleiben.«

»Du hast irgendwie Charme, so schwer mir das auch fällt zuzugeben.«

»Ich wollte dich nicht wegen Hemingway aufziehen.« Jack senkte die Stimme und wurde ernster. »Ich finde es wichtig, in Europa Hemingway zu lesen. Echt. Es gefällt mir, dass du ihn liest und seine Traurigkeit interessant findest. Ich wollte nur irgendwas sagen.«

»Was ist, wenn der Kuss die totale Enttäuschung wird? Nicht jeder erste Kuss ist super.«

»Unserer schon. Ich habe die leichte Ahnung, dass du das auch glaubst. Also, bist du einverstanden?«

»Unseren Enkelkindern zuliebe.«

»Hoffentlich gibt es viel Dampf. Wenn wir Glück haben, regnet es sogar.«

»Ich hab eben Erdnussbutter gegessen, nur dass du Bescheid weißt.«

»Ist notiert.«

Es war erstaunlich, wie lange es dauerte, eine halbe Wagenlänge zurückzulegen. Ich traute mich nicht, Jack anzusehen. Mein Rucksack drückte mir auf die Schultern. Ich bückte mich leicht und sah durchs Fenster Amy und Constance auf dem Bahnsteig warten. Beide hielten Ausschau nach mir. Ich winkte ihnen zu, sie winkten zurück. Jack war jetzt hinter mir. Ich hatte einen Kloß im Hals und fühlte mich seltsam. Eigentlich war so was untypisch für mich. Ich war nicht spontan. Kein Mädchen, das einen Jungen küsste, den sie gerade im Zug nach Amsterdam kennengelernt hatte.

Dennoch tat ich es. Als ich aus dem Zug stieg, drehte ich mich zu ihm um. Er sprang herunter, groß und athletisch, und nahm mich in die Arme. Ich war nicht vorbereitet auf die Kraft seines Körpers, als er mich an sich zog. Zuerst war es albern, wir beide wie Schildkröten mit den schweren Rucksäcken auf dem Rücken, dann änderte es sich. Entfernt bekam ich mit, dass Amy und Constance ungläubig und belustigt zugleich mit offenem Mund zuguckten. Jacks Lippen drückten sich fester auf meine, und ich schloss die Augen.

Eigentlich sollte es ein Scherz sein. Und nur einen kurzen Moment dauern. Aber es war ein sagenhafter Kuss, wahrscheinlich der beste meines Lebens. Keine Ahnung, warum oder was er mit mir machte, aber als wir uns voneinander lösten, wollte ich Jack nicht mehr gehen lassen.

Schließlich drehte ich mich nach den Mädels um. Beide hatten ihre Handys gezückt, um Fotos zu machen. Als sie die Geräte sinken ließen, lachte ich über ihre verwunderten Gesichter.

»Was, bitte schön, war das denn?«, fragte Amy.

»Wie ist das passiert?«, wollte Constance wissen.

Jack lächelte nur. Amy erholte sich so weit von ihrem Schock, dass sie ihm die Adresse der Party geben konnte. Wir tauschten Handynummern aus.

»Vielleicht sehen wir uns heute Abend«, sagte Constance, höflich wie immer, um Ruhe reinzubringen.

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