Unsere Liebe für immer - J. P. Monninger - E-Book

Unsere Liebe für immer E-Book

J. P. Monninger

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Beschreibung

Eigentlich wollte die Amerikanerin Kate Moreton nur eine Studienreise nach Irland machen. Doch dann begegnet sie dem eigensinnigen und äußerst faszinierenden Ozzie: Zwischen den beiden funkt es sofort, und sie geraten in einen Liebesrausch, der schon bald in einer romantischen, einsamen Hochzeit gipfelt. Ihre Hochzeitsreise soll eine Umrundung Irlands mit dem Segelboot sein, doch der Traum geht nicht in Erfüllung: Ozzie erweist sich als unzuverlässig und bringt die beiden bei einem Sturm in große Gefahr. Kate verlässt ihn und Irland genauso Hals über Kopf wie sie Ozzie geheiratet hat. Doch haben ihre Gefühle sie wirklich getrogen? Sie kommt von der Liebe zu Ozzie auch aus der Distanz nicht los. Als sie ein Jahr später eine folgenschwere Nachricht über Ozzies Verbleiben erhält, macht sie sich zurück auf den Weg nach Europa...

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Unsere Liebe für immer

Der Autor

J. P. Monninger ist Autor vieler Romane, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Er ist Professor für Anglistik an der Plymouth State University und lebt mit seiner Familie in Warren, New Hampshire. Am liebsten geht er mit seinem Sohn angeln.

Das Buch

Für Kate geht ein Traum in Erfüllung, als sie für einen Forschungsaufenthalt ins sagenumwobene Irland reist. Bei ihrer Ankunft begegnet sie Ozzie und verliebt sich augenblicklich in diesen eigensinnigen Iren. Sie verbringen Tag und Nacht gemeinsam in seinem Cottage auf den Klippen, sind berauscht von ihrer Liebe und heiraten Hals über Kopf. In ihren Flitterwochen wollen sie Irland mit einem Boot umrunden, doch nach einem Unwetter ist zwischen ihnen nichts wie zuvor. Kate verlässt Ozzie und Irland genauso blitzartig, wie sie ihn zuvor geheiratet hat. Jahre später hört sie, dass sein Boot gesunken ist. Sie kann nicht glauben, dass ihre Liebe verloren ist und macht sich erneut auf die Reise …

J. P. Monninger

Unsere Liebe für immer

Roman

Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer

Ullstein

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Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage Februar 2020© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020Copyright © 2019 by Joseph MonningerPublished by arrangement with St. Martin‘s Press.All rights reserved.Titel der amerikanischen Originalausgabe: Seven LettersUmschlaggestaltung: Sabine Kwauka, MünchenTitelabbildung: Trevillion Images / © Miguel Sobreira (Paar); shutterstock / © Lee Caine (Wellen); shutterstock / © vivairina1 (Wiese); shutterstock / © Wasant; © Sergey Nivens; © MrVander; © surachet khamsuk (verschiedene Glitzer)E-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-8437-2129-5

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Inhalt

Titelei

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

 

Prolog

Erster Teil

ERSTER BRIEF

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

ZWEITER BRIEF

13.

14.

15.

16.

17.

Zweiter Teil

18.

19.

20.

DRITTER BRIEF

21.

22.

23.

24.

25.

Dritter Teil

VIERTER BRIEF

26.

27.

28.

29.

FÜNFTER BRIEF

30.

31.

SECHSTER BRIEF

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

SIEBTER BRIEF

Anhang

Danksagung

Leseprobe: Solange der Fluss uns trägt

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Widmung

Für Susan, die am Bach lebt

Motto

Das Sonnenlicht kennt keine Bäume.

A. R. Ammons1

Das Leben ist hart, mein Schatz, aber du auch.

Anonym

Prolog

In Irland erzählen die Leute sich die Geschichte eines Mannes, der sich in eine Fee verliebte und mit ihr auf eine Insel ging, jenseits von Zeit und Leid. Sie wohnten in einem reetgedeckten Häuschen hoch über dem Meer, und nur Esel, Möwen und Hühner leisteten ihnen Gesellschaft. Sie lebten den Traum aller Liebenden, fern der Welt, unbehelligt von anderen, ihr Bett eine Insel, die jede Nacht aufs Neue entdeckt wurde. Das ganze Jahr hindurch schliefen sie unter einem großen runden Fenster, und der Wind trug den Geruch des offenen Meeres zu ihnen herein und spielte zärtlich in ihren Haaren. Jede Nacht nahm der Mann die Fee in die Arme, und sie schmiegte sich eng an ihn. Die Seehunde heulten, und ihre Lieder sanken auf den Grund des Meeres, wo sie in Muscheln überdauerten und nur bei starken Stürmen wieder hervorkamen.

Sterblich, wie der Mann war, wollte er eines Tages in seine alte Heimat zurück; die Sehnsucht, seine Lieben wiederzusehen, war einfach zu groß. Die Fee warnte ihn: Sobald er einen Fuß aufs irische Festland setze, sei er ein alter Mann. So bat er sie, einen Esel mitnehmen zu dürfen, auf dem er zu seinem Haus reiten wollte, um noch einmal zu sehen, was er zurückgelassen hatte. Obwohl die Fee wusste, wie gefährlich es war, liebte sie den Mann zu sehr, um ihm seinen Wunsch abzuschlagen, und so brach er eines Abends auf. Sein Versprechen, zu ihr zurückzukehren, brannte ihr bitter und salzig in den Ohren. Als er über die Landbrücke in Richtung Festland davonritt, sah sie ihm nach, dann drehte sie sich zu ihrem Häuschen um, denn sie kannte sein Schicksal. Sie wusste, dass jede Liebe eine Insel braucht. Sie ließ Nebel vom Meer aufsteigen und löschte alle Lichter auf der Insel.

Nach vielen Tagen erreichte der Mann das Festland. Durch ein Unglück berührte sein Fuß den Boden. Im nächsten Moment verwandelte er sich in einen Greis. Er rief nach der Fee, sie solle ihn retten, doch sie konnte ihm nicht helfen. In den Jahren, die folgten, ließ die Fee in manchen Vollmondnächten die Insel aus dem Nebel aufsteigen, sodass sie ihrem Mann und allen anderen Liebenden mit gebrochenem Herzen erschien. Dann schwieg die tosende See einen unerträglichen Moment lang und gewährte einen Blick auf das, was er so gedankenlos aufgegeben hatte. Bis ins hohe Alter lebte der Mann für diese kurzen Augenblicke, in denen er glaubte, im Brüllen des Meeres die Stimme seiner Fee zu hören, den Ruf ihres gemeinsamen Bettes, ihrer Nächte und ihrer Liebe, den Ruf seines Herzens, den Schrei der Möwen, der allen Schmerz der Welt enthielt. Jedes Mal rief er, er sei da, er warte auf sie, sein treues Herz liebe sie noch immer. Seine Tage waren voller Reue, die Insel verlassen und den Zauber gebrochen zu haben. Er flehte die Fee an, ihm sein Heimweh zu verzeihen, denn es sei der Fluch des Menschen, eine Wunde, die nicht geheilt werden könne, doch ob sie ihm wirklich vergab, wusste er nicht.

Erster Teil

DINGLE

ERSTER BRIEF

An: Dr. Fowler/PromotionsausschussVon: Kate MoretonBetr.: Befreiung von der Lehrtätigkeit

Sehr geehrter Dr. Fowler,

wie bereits besprochen, werde ich meine Lehrtätigkeit wegen einer Forschungsreise für ein Jahr ruhen lassen. Dekanin Howell hat ihre Einwilligung bereits erteilt, die entsprechenden Unterlagen füge ich bei. Sollte es noch Fragen geben, stehe ich Ihnen selbstverständlich zur Verfügung.

Die Reise wird über Mittel des Brady-Milsap-Stipendiums finanziert, die mir von der Alumni-Vereinigung des Dartmouth College zugesprochen wurden. Sie führt mich nach Irland, genauer gesagt zu den Blasket Islands an der irischen Südwestküste. Meine Dissertation beschäftigt sich, wie Ihnen vielleicht bekannt ist, mit den Erzählungen der Insulaner und ihrer Emigration von den Blaskets in die Vereinigten Staaten. Meine Absicht ist es, möglichst viele Geschichten zusammenzutragen und gemeinsam mit den bereits veröffentlichten eine endgültige Anthologie und Bibliografie aller mündlichen Narrative zu erstellen, die von der Umsiedlung der Inselbewohner in die Gegend von Springfield/Chicopee, Mass., handeln. Wie schon in meinem Promotions­vorhaben erwähnt, sind die Inseln heute unbewohnt; es gibt lediglich eine in den Sommermonaten geöffnete Cafeteria für Touristen, die die Ruinen des ehemaligen Dorfes besichtigen. Die Irish Land Commission ließ die Inseln 1953 räumen; die letzten zweiundzwanzig Bewohner wurden mit ihren Besitztümern über die Meerenge in vier neu gebaute Cottages nach Dunquin gebracht, zu denen anderthalb Hektar landwirtschaftlich nutzbare Fläche gehörten.

Soweit möglich, werde ich die Narrative der vormals irischen Bürger miteinander vergleichen, die sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts plötzlich in Amerika wiederfanden, einem ihnen völlig fremden Land. Dieses ambitionierte Projekt wäre ohne die Unterstützung der Universität nicht denkbar. Für die Dauer meines Aufenthalts in Irland wird mir eine Unterkunft an der Universität von Limerick zur Verfügung gestellt.

Die Sprache der Blasket Islander gilt vielen in der Linguistik als die reinste und älteste Variante des Irischen. Diese Reise soll meine Forschungsvorhaben abrunden. Meiner Meinung nach ist der Besuch Irlands für mein Promotionsvorhaben unerlässlich. Nur ungern lasse ich meine Lehrverpflichtung ruhen, gleichzeitig freue ich mich sehr darauf, das Stipendium anzutreten. Ich bin in der Gegend von Springfield/Chicopee in Massachusetts aufgewachsen und habe mich schon immer für die dort lebende irischstämmige Bevölkerung interessiert. Mein Leben lang habe ich davon geträumt, nach Irland zu fliegen, um meine Forschungs­themen und Interessen zu vertiefen. Das ist Teil meiner Herkunft.

Ich danke Ihnen und den anderen Mitgliedern des Promotionsausschusses für Ihre Ermutigung und bin dankbar für die Empfehlungsschreiben, die Sie und andere an den Fonds des Brady-Milsap-Stipendiums gerichtet haben. Ich bin überzeugt, dass meine Arbeit vor Ort letztlich unverzichtbar für meine Dissertation sein wird und vielleicht einen kleinen Beitrag zum Verständnis der Bewohner der Blasket Islands leisten kann.

Mit freundlichen GrüßenKate Moreton

1.

Ich hatte meine Bedenken – schließlich war es ein Touristenbus. Auch wenn ich es nur ungern zugab, hatte ich eins von diesen Monstren gebucht. Nicht mal einen schönen, wenn es so was überhaupt gibt. Nein, es war ein riesiger Koloss, blau-weiß, allein der Kühlergrill so groß wie ein Fußballtor. Als die Reiseleiterin – eine fachkundige, aber gestresste Frau namens Rosie – mit ihrem Klemmbrett auf das Ungetüm wies, wollte ich mir zuerst einreden, irgendwas sei falsch gelaufen. Mich den Blasket Islands an der irischen Südwestküste, mit denen ich mich seit Jahren beschäftigte, in so einem Fahrzeug zu nähern, schien mir ein Frevel zu sein. Den stolzen Irinnen, über die ich schrieb, wäre nichts zu einem Bus mit Fernsehern, getönten Scheiben, Klimaanlage, Toilette und Lautsprechern eingefallen, aus denen in Endlosschleife rührselige irische Musik rieselte, wie »Galway Bay« und »Danny Boy«. Ausgerechnet »Danny Boy«. Es war, als würde man mit einem Motorrad durch den Louvre fahren. Kaum vorstellbar, dass der Bus durch die schmalen gewundenen Straßen von Dingle passte.

Ich holte tief Luft und stieg ein. Mein Rucksack schrammte an der Tür entlang.

Mein Blick überflog die Reihen auf der Suche nach einem freien Platz. Die meisten waren besetzt. Ich versuchte, über die Sitzlehnen hinweg die leeren Plätze ausfindig zu machen und abzuschätzen, wer ein netter, mehr oder weniger ruhiger Reisegefährte wäre und wer allzu begierig darauf zu sein schien, dass ich neben ihm oder ihr Platz nähme. Längere Gespräche wollte ich auf jeden Fall vermeiden.

Ich war erschöpft. Erschöpft von dem Flug von Boston nach Limerick und müde auf eine Art, wie man es nur von Flughäfen und Flugzeugluft wird. Ich fühlte mich wie altes, hartes Brot, das man für die Füllung eines Truthahns brauchte.

Außerdem war mir ein bisschen zum Weinen zumute.

Nicht jetzt, mahnte ich mich und ging los.

Die meisten Fahrgäste waren alt. Meine beste Freundin Milly hätte gesagt, es sei unhöflich, so was zu denken, aber es war nun mal so. Die zwischen den Rückenlehnen aufragenden weißen Schöpfe sahen aus wie ein Feld zitternder Pusteblumen. Heiter unterhielten sie sich miteinander, offensichtlich aufgeregt, eine Reise zu unternehmen. Mehrere hoben den Kopf und nickten mir zu. Ich hatte den Bus-Blick drauf: gucken, ohne zu starren, hoffen, ohne zu wünschen.

Ungefähr in der Mitte des Busses war ein freier Platz. Sogar zwei leere Plätze. Das konnte nicht sein. Ich sah mich suchend um, achtete darauf, mit meinem Rucksack niemanden anzustoßen. Rosie war noch nicht im Bus; der Fahrer stand draußen, Kaffeebecher in der einen, Zigarette in der anderen Hand. Zwei leere Plätze? War das eine Falle? Zu gut, um wahr zu sein.

»Hier hinten, junge Frau!«, rief mir ein älterer Mann zu. »Hier ist ein Platz frei. Der da vorne ist reserviert, glaube ich. Da können Sie nicht sitzen. Bis jetzt hat den jedenfalls keiner genommen.«

Ich überlegte, ob ich einfach mein Glück probieren, mich hinsetzen und warten sollte, was passierte. Das könnte mich aber auch in eine wirklich unangenehme Situation bringen. Der ältere Herr, der mir das Angebot gemacht hatte, sah ganz normal und gepflegt aus. Ich könnte es schlimmer treffen. Also stapfte ich weiter den Gang hinunter.

»Warten Sie, ich verstaue den da oben«, sagte der alte Mann, der mir den Sitz angeboten hatte. Das Gepäckfach über ihm war geöffnet, er stopfte eine pilzfarbene Regenjacke hinein und lächelte mich an. Der Schnäuzer auf seiner Oberlippe war so breit wie ein Pflaster.

»Gerry«, sagte er und hielt mir die Hand hin. »Da habe ich aber Glück, dass ich neben einer schönen rothaarigen Colleen sitzen darf. Wie heißen Sie?«

»Kate«, erwiderte ich.

»Ein schöner irischer Name. Sind Sie gebürtige Irin?«

»Amerikanerin, aber mit irischen Wurzeln.«

»Ich auch. Schätze mal, jeder hier im Bus hat irgendeine Verbindung zur alten Scholle. Würde ich Geld drauf wetten.«

Seit meiner Landung vor wenigen Stunden war er der Erste, der den Begriff »alte Scholle« benutzte.

Er half mir, meinen Rucksack mit Schwung auf die Ablage zu hieven. Dann fiel mir ein, dass ich meine Bücher brauchte, und ich musste den Rucksack noch mal runterholen. Während ich darin herumkramte, wurde mir plötzlich bewusst, wie viele Meilen ich zurückgelegt hatte. Wie seltsam, in Boston aufzustehen und später am Tag in einem Bus nach Dingle zu sitzen, der schönsten Halbinsel der Welt!

2.

»Wie irisch sind Sie?«, fragte Gerry, als wir uns gesetzt hatten. »Ich finde, es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum sich Menschen mit Irland verbunden fühlen. Amerikaner, meine ich. Na, letztlich wohl alle Nationen. Für mich war Irland immer die Gutenachtgeschichte der Welt, sozusagen. Schwer zu erklären.«

»Meine Familie stammt aus Irland. Sogar beide Seiten. Ich glaube, ich bin die vierte Generation in Amerika.«

»Ich die zweite. Aber ich bin ja auch ein klein bisschen älter als Sie. Woher kommen Sie in den USA?«

»Aus Springfield, Massachusetts.«

»Ich stamme aus Chicago. Bin da geboren und aufgewachsen. Na, auf jeden Fall freue ich mich sehr, neben Ihnen zu sitzen. Wissen Sie, letztes Jahr ist meine Frau gestorben, und da haben die Leute gesagt, Gerry, wie kannst du ganz allein reisen? Aber ich sage Ihnen: Allein reisen ist nichts Schlimmes, sondern was ganz Besonderes! Da muss man nämlich fremde Menschen ansprechen. Man muss offen sein, sonst ist es sinnlos. Haben Sie bestimmt auch schon gemerkt, oder?«

Das wird eine lange Fahrt werden, dachte ich. Ein ganzer Tag mit Gerry. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, mich neben ihn zu setzen. Unsere Unterhaltung wurde plötzlich durch ein quietschendes Geräusch unterbrochen. Rosie erschien neben dem Fahrersitz und hastete seitwärts den Gang entlang. Die Reisenden versuchten, ihr im Vorbeigehen Fragen zu stellen, doch Rosie vertröstete sie mit erhobenem Finger auf später. Das Quietschen wurde lauter. Dann öffnete sich eine Doppeltür in der Mitte des Busses. Ein Rollstuhl wurde hochgefahren. Ich begriff, dass die Hebemechanik das Geräusch verursacht hatte. Im Rollstuhl saß eine sehr alte Frau. Sie trug eine schöne rote Walkfilzjacke, dazu eine graue Hose und schicke, zweckmäßige Pantoffeln. Ihr Gesicht wirkte unglaublich sympathisch. Offenbar war es ihr unangenehm, dass alle Fahrgäste warten mussten, bis sie in den Bus geladen wurde. Ein Pfleger half der alten Dame aus dem Rollstuhl und führte sie zu den zwei freien Plätzen. Rosie ermutigte sie unablässig, ja, ja, gut so, das klappt aber toll. Langsam setzte sich die alte Frau. Sie wirkte so zart, als würde sie jeden Moment zerbrechen. Der Pfleger nahm sich Zeit, um ihr eine karierte Decke über die Beine zu legen und an der Seite festzustecken, dann reichte er Rosie eine große Tasche mit Dingen, die die alte Dame offensichtlich brauchte. Rosie stellte sie auf den freien Sitz. Dann verabschiedete sich der Pfleger und fuhr mit dem Lift nach unten.

»Hab ich mir doch gedacht, dass der Platz reserviert ist«, sagte Gerry und nickte, als bestätigte er etwas Wichtiges. »Wertvolle Fracht.«

»Kennen Sie die Frau?«

»Noch nie gesehen. Aber sie sieht wie eine Lady aus. Keine Touristin, würde ich sagen.«

»Nein, keine Touristin«, pflichtete ich ihm bei.

Ihr Blick hatte meinen kurz gestreift, und sie hatte gelächelt.

Irland wird ja als grüne Insel bezeichnet, aber das ist falsch. Irland ist blau, violett und weiß; Schafe, Felsen und Wolken, Meer und Sand und dazu ein Grün, das fast schon künstlich wirkt. Das alles zusammen. Ich schaute aus dem Fenster, die Stirn an die Scheibe gedrückt, und ließ meine Gedanken schweifen. Gerry hatte darauf bestanden, dass ich den Fensterplatz nahm. Er meinte, bei ihm sei es Verschwendung, weil er beim Busfahren sowieso immer einschlafe. Wie sich herausstellte, hatte er recht; noch bevor der Bus seine Reisegeschwindigkeit erreichte, war Gerry eingenickt. Er schnarchte, aber nicht besonders laut. Manchmal gab er ein Geräusch von sich wie der Absaugschlauch beim Zahnarzt.

Ich überlegte, ob ich lesen sollte, aber vermutete, mich nicht konzentrieren zu können. Ich dachte an Milly, meine beste Freundin daheim in Amerika. Ich dachte an das ordentliche kleine Apartment, in dem ich seit zwei Jahren wohnte, und an den Universitätscampus von Dartmouth, wo ich unterrichtete und an meiner Dissertation arbeitete. Mir fehlten New Hampshire, Ahornsirup und Holzrauch. Sosehr ich mich auch danach sehnte, Irland zu kennen und zu verstehen, und so dankbar ich für das Stipendium war, das mich als Gastwissenschaftlerin an die Universität von Limerick geführt hatte, fehlte mir doch das vertraute Leben, das ich mir aufgebaut hatte. Ich fühlte mich allein.

Plötzlich brummte mein Handy. Ich hatte es auf Vibrations­alarm gestellt. Als ich es herausholte, sah ich Millys Namen und ein kleines Bild von ihr mit einem Sittich. Der Sittich hieß Buster Maximus. Es war schon der vierte Buster in Folge.

»Hi, Milly!«, flüsterte ich. »Ich sitze im Bus. Kann nicht richtig reden.«

»Was?«

»Ich sitze im Bus!«

Ich stand auf und quetschte mich an Gerry vorbei. Er lächelte, nickte und schlief weiter. Schlafen konnte er gut. Ich ging nach hinten und blieb zwischen den beiden Toilettentüren stehen. Nicht gerade der beste Platz, aber es war mir unangenehm, mich neben Gerry zu unterhalten. Bei Milly im Hintergrund lief Eva Cassidy. Sie liebte deren Musik und hörte sie, wann immer sie an ihren Skulpturen arbeitete.

»Kannst du mich hören?«, fragte Milly. »Ich verstehe dich kaum.«

»Ich bin in einem Bus, Mill. Runter nach Dingle. Wie geht es dir? Alles in Ordnung?«

»Guter Titel für ein Lied: Runter nach Dingle. Hört sich richtig schmutzig an.«

»Ich bin in so einem Touri-Bus. Riesenteil.«

»Erzähl mal: Was siehst du gerade?«

»Im Moment sehe ich zwei Toiletten«, sagte ich und holte tief Luft. Ich sollte Millys Kundschafterin im All sein, die von ihrer Erde abgeschickte Messsonde, die Fotos der Planeten und Asteroiden schickt, an denen ich vorbeikam. Sie liebte Geschichten, kleine Anekdoten und Details über alles, was ungewöhnlich war. Ich war zu müde für inspirierte Beschreibungen, wollte mich aber auch nicht komplett verweigern. »Ist echt wunderschön hier, Mill. Ungefähr so, wie man es sich vorstellt. Wie sich alle Irland vorstellen. Der Typ neben mir meinte, Irland wäre die Gutenachtgeschichte der Welt.«

»Ist er süß?«

»Er ist siebzig Jahre, Milly!«

»Fährst du heute noch auf die Inseln?«

»Nein, nur bis Dingle, aber von da kann man sie sehen, glaube ich.«

»Ist das aufregend! Schick mir ganz viele Fotos! Versprichst du mir das? Du machst immer viel zu wenig.«

»Ich tu mein Bestes. Wie geht es dir?«

»Gut, Süße. Keine Sorge! Ich bin fit wie ’n Turnschuh.«

»Ich mach mir schon Sorgen um dich, Mill. Das kannst du mir nicht verbieten.«

»Na, dann aber wenigstens nicht zu viele. Mir geht’s gut.«

»Ich melde mich später noch mal. Oder morgen, ja? Dann kann ich dir erzählen, was ich gesehen habe. Vielleicht können wir skypen. Falls ich noch rauskriege, wie das dumme Programm funk­tioniert.«

»Gut, Kate, dann amüsiere dich, kleine Irin! Meine kleine irische Colleen!«

»So hat Gerry mich auch genannt. Ich sehe wohl sehr irisch aus. Hab dich lieb!«

»Wer ist Gerry?«

»Der alte Mann, der neben mir sitzt.«

»Erwischt!«

Dann sagte sie, sie habe mich auch lieb, und ich legte auf. Bevor ich das Handy wegstecken und mich an Gerry vorbei an meinen alten Platz drücken konnte, sah ich, dass die alte Frau aufgestanden war. Sie wirkte unsicher und wacklig auf den Beinen, als wüsste sie nicht, wo sie hinsollte oder was sie tun wollte. Niemand schien sie zu beachten. Vielleicht schliefen die anderen Pusteblumenköpfe, so wie Gerry.

Zögernd ging ich den Gang hinunter und blieb hinter ihr stehen, bis sie sich zu mir umdrehte.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Wollen Sie das wirklich? Wir sind so lästig, wir alten Leute.«

»Aber nicht doch! Ich helfe gerne.«

»Ich müsste mal zur Toilette. Entschuldigen Sie die Umstände. Ich heiße übrigens Nora, aber die meisten nennen mich Gran.«

»Alles gut! Sagen Sie mir einfach, was ich tun kann. Ich heiße Kate.«

Sie war reizend. Manche Menschen werden im Alter freundlicher und sanfter, andere härter und mürrischer. Nora gehörte zur sanften Sorte. Sie lächelte mich an; ihre blauen Augen waren wunderschön – zart und durchscheinend wie Rauch. Nora besaß das irische Blitzen, von dem so oft die Rede war. Ihre Hand umfasste mein Handgelenk. Sie war nicht sehr kräftig.

Gran wies mich an, sie von vorne zu stützen. Ich hielt sie an den schmalen Ellenbogen fest und ging vor ihr rückwärts durch den Gang. Sie suchte Halt an den Rückenlehnen. Vor den Toiletten­türen blieb ich stehen. Die linke Kabine war frei. Ich hielt Gran die Tür auf.

»Es tut mir leid, aber ich brauche auch drinnen kurz Hilfe. Das ist mir sehr peinlich. Ich dachte, ich wäre perfekt auf die Reise vorbereitet.«

Ich war auf diese Bitte nicht eingerichtet, nickte aber und sagte, das sei kein Problem.

»Was für eine Art, sich kennenzulernen«, sagte Gran peinlich berührt, nachdem ich ihr in der Toilettenkabine geholfen hatte. »Doch letztlich ist es die natürlichste Sache der Welt, nicht wahr?«, fügte sie hinzu.

Als ich Gran zurück zu ihrem Platz brachte, lud sie mich zum Tee ein, sollte uns das Schicksal noch einmal zusammenführen. Einen Teil des Jahres lebe sie in Limerick. Sie hätte einen Iren geheiratet und ihr halbes Leben in Irland verbracht, die andere Hälfte in Manhattan.

»Versprechen Sie mir, dass Sie zum Tee vorbeikommen«, sagte sie und drängte mir eine kleine elfenbeinfarbene Karte auf, die sie aus ihrer Jackentasche zog. »Sind Sie länger hier?«

»Ein paar Monate.«

»Na, dann ist es abgemacht. Waren Sie schon mal in Dingle, meine Liebe?«

»Nein, ich bin zum ersten Mal hier.«

»Na, Sie sehen aber aus, als seien Sie hier geboren. Wo sind Sie aufgewachsen?«

»In Springfield, Massachusetts.«

Sie schaute mich durchdringend an. Dann nickte sie.

»Ja«, sagte sie, »das erklärt alles.«

Dann flüsterte sie einen Satz auf Irisch.

»Eine Tür führt zur nächsten«, übersetzte sie. Ich nahm an, es solle bedeuten, wie klein die Welt doch sei.

»Eine offene Tür hat zwei Seiten«, gab ich auf Irisch zurück.

Sie sah mich lächelnd an und tätschelte meine Hand. Dann ging ich zurück an meinen Platz.

3.

Jetzt hatte ich also zwei neue Freunde im Bus. Als ich mich wieder setzte, wachte Gerry auf. Er rieb sich die Augen und unterdrückte ein Gähnen. Dann beugte er sich ein wenig zu mir herüber und schaute aus dem Fenster. Was auch immer er dort erwartete, schien sich mit dem zu decken, was er sah. Er lehnte sich zufrieden zurück, holte ein Döschen Minzpastillen aus der Tasche und bot sie mir an. Ich nahm eine. Er schüttelte das Döschen.

»Nehmen Sie noch eine!«, sagte er.

Ich fragte mich, ob ich Mundgeruch hätte, hielt es aber für wahrscheinlicher, dass Gerry einfach großzügig war. Er selbst klopfte vier Pastillen heraus und warf sie sich in den Mund. Sie hatten einen Beigeschmack von Zimt, der auf der Zunge brannte.

»Und, sind Sie als Touristin hier, oder …?«

Er ließ die Frage offen, sodass ich nicht ausweichen konnte.

»Ich bin Doktorandin am Dartmouth College in New Hamp­shire. Ich schreibe gerade meine Dissertation über die Narrative der Frauen von den Blasket Islands.«

»Das ist ja spannend! Ich habe nur The Islandman von Tomás O’Crohan gelesen. Hatte mir eine Freundin empfohlen. Ich fand’s wunderschön. Kennen Sie das Buch?«

Ich nickte.

»Normalerweise lese ich nicht viel«, fuhr Gerry fort. »Nicht so wie andere. Ich habe siebenunddreißig Jahre Mathematik an der Mittelschule unterrichtet, bin eher der Faktenmensch. Trotzdem, ich mag gute Geschichten. War spannend zu erfahren, wie das Leben auf der Insel früher war.«

»Es ist ein wirklich gutes Buch.«

»Ja, aber auch tragisch. Sehr tragisch. Als die irische Regierung die Bewohner der Blaskets evakuierte, ging eine eigene Lebensart verloren. Kennen Sie sich damit aus?«

»Die Familie meines Vaters kam von den Blaskets.«

Gerry lehnte sich zurück, um mich neugierig zu betrachten.

»Ah, verstehe. Aber Sie sind nicht hier aufgewachsen.«

»Viele Bewohner der Blaskets sind nach Springfield gezogen. Mein Vater war bei der Feuerwehr, wie schon sein Vater vor ihm.«

»Jetzt verstehe ich allmählich. Sie haben sowohl ein persönliches als auch ein wissenschaftliches Interesse, könnte man sagen.«

Ich nickte. Nicht alle, denen ich es erklärte, verstanden mein Studienobjekt, aber Gerry hatte es sofort erfasst.

»Können Sie Irisch? Ich kann mich nicht richtig dran gewöhnen, es ›Irisch‹ zu nennen. In meiner Kindheit hieß es noch ›Gälisch‹.«

»Ja, kann ich, wenn auch nicht mehr fließend. Es wurde bei uns zu Hause gesprochen. In Springfield konnten es viele. Und ich habe es studiert.«

»Lebt Ihr Vater noch?«

»Nein, leider nicht mehr.«

Gerry tätschelte meinen Arm. Die Minzpastille mit Zimtgeschmack brannte auf meiner Zunge. Plötzlich ächzte der Bus auf und rollte in eine Parklücke. Wir waren höchstens anderthalb Stunden unterwegs gewesen. Vorne im Bus griff Rosie zum Mi­krofon. Sie zeigte nach rechts, auf einen steilen grünen Hang, an den sich mehrere steinerne Hütten klammerten. Sie sagte, diese Hütten seien vor Urzeiten als primitive Behausungen entstanden, ohne Mörtel. Historiker und Paläontologen hätten verschiedene Theorien über die Herkunft der Menschen, die diese Hütten bewohnten. Rosie gab uns eine halbe Stunde Zeit, um das Gelände zu erkunden. Wir sollten vorsichtig sein, weil die Stufen vom morgendlichen Tau rutschig seien.

Ich war dankbar für die Gelegenheit, den Bus verlassen zu können, was jedoch aufgrund des Alters und der Beweglichkeit der Fahrgäste seine Zeit dauerte. Gran machte sich gar nicht erst die Mühe, auszusteigen. Ich lächelte ihr im Vorbeigehen zu. Sie lächelte zurück.

»Brauchen Sie was?«, fragte ich, als ich fast vorbei war.

Sie schüttelte den Kopf. Ich verließ den Bus mit der langsamen Schlange der Pusteblumenköpfe. Ich war hundemüde. Während ich vor mich hin schlurfte, wurde mir klar, dass ich meine Reiseroute falsch geplant hatte. Jedes halbwegs intelligente menschliche Wesen wäre ein oder zwei Tage in Limerick geblieben, um in Ruhe anzukommen; erst dann hätte man, nicht mehr so erschöpft, eine Fahrt runter nach Dingle und zu den Klippen gebucht, von wo aus man die Blaskets sehen konnte. Aber nicht Kate Moreton. Selbst als Milly mich vor dem Jetlag gewarnt hatte, wusste ich es besser.

Das geht schon, hatte ich gesagt. Ich will die Blaskets so schnell wie möglich sehen.

Das stimmte auch. Doch als ich aus dem Bus in das neblige Morgenlicht trat, merkte ich, dass ich mich überschätzt hatte.

Vielleicht war ich auch deswegen ein wenig sentimental und überwältigt, als ich die schlichte Schönheit der clochán beziehungsweise Bienenkorbhütten bewunderte, die nur zwanzig Meter weiter am Abhang standen. Es waren Steinbauten, einfach, aber wunderschön. Hinter mir legte sich das Meer wie ein blaues Lätzchen um den Hals des Ufers, und Hunderte, nein Tausende von Schafen zogen wie aus dem Himmel gesunkene Wolken über die grünen Fluren, die zum Wasser hin abfielen – ja, das ist ein Klischee, aber genau so sah es aus –, und die Steinhäuser der Ahnen, der Vorfahren der Iren, standen stumm da und warteten darauf, von uns besichtigt zu werden. Ich weinte, weil das Land, mit dem ich mich seit Jahren beschäftigte, die Geschichten, die ich von klein auf gehört hatte, hier ihren fast magischen Ursprung hatten. Natürlich hätte ich in Limerick bleiben und mich ausruhen sollen, doch nun stand ich sozusagen am Anfang von ganz Irland, und was diese Urahnen hier geschaffen hatten, trotzte immer noch Seeluft und Morgennebel.

»Und ganz ohne Mörtel, ist das nicht unglaublich?«, sagte ein Mann mit Tweedmütze neben mir. »Ist das nicht unfassbar? Und die stehen immer noch! Seit sechstausend Jahren bieten sie den Bewohnern der Insel Schutz.«

»Überwältigend!«, stieß eine Frau neben ihm aus.

»Da kommt man doch ins Grübeln, oder?«

Die Frau nickte. Ich stieg höher, um die clochán genauer zu inspizieren. Rosie hatte recht gehabt: Durch den morgendlichen Tau waren die Stufen sehr glatt. Ich hielt mich am Geländer fest. Ich war die Einzige aus dem Bus, die sich die Mühe machte, bis nach oben zu klettern.

Bei den ersten Hütten angekommen, überkam mich ein ungewohntes Gefühl der Wehmut. Ich wurde ganz rührselig, als ich sah, wie sich die irische Landschaft vor mir ausbreitete. Das Meer schickte seine salzige Luft herauf, die Hänge begegneten ihr mit ihrer Kühle. Mein Haar wehte im Wind, und ich konnte mir ohne Weiteres vorstellen, wie Frauen durch alle Jahrhunderte hindurch von hier oben zusahen, wenn der Tag anbrach, wie sie ihr Vieh beim Grasen hüteten oder beobachteten, wie ihre Männer weit draußen auf den Booten arbeiteten. Ich fühlte tiefe Dankbarkeit in mir aufsteigen, weil man mir ermöglicht hatte, nach Irland zu reisen, weil ich genug Zeit hatte, die faszinierenden Menschen und ihre Geschichten zu studieren, weil die Steine der clochán nach so vielen Jahrtausenden noch immer wahrhaftig und treu dort standen.

Ich legte meine Hand auf die Steine der ersten Hütte und betastete sie. Sie waren dick wie Wörterbücher, aber sonst unauffällig. Ich sah mich um, wollte mich vergewissern, dass mir niemand gefolgt war, dann schloss ich die Augen und flüsterte ein Gedicht, das mein Vater früher zitiert hatte, wenn er mich ins Bett brachte. Ich sprach es auf Irisch, der alten Sprache.

»Segne die Hüter des Viehs, die Hüter von Schafen und segne die Fischer im Meer, solange wir schlafen.«

Die Glocke läutete. Der Bus war bereit für die Weiterfahrt. Ich löste meine Hand von den Steinen und stieg vorsichtig hinunter zu den Pusteblumenköpfen, die sich vor der Bustür versammelt hatten.

4.

Einen Teil der restlichen Fahrt verschlief ich. Es war ein unruhiger Schlaf. Immer wieder wachte ich auf und sah die Landschaft vorbeiziehen, und mehrmals musste ich mir in Erinnerung rufen, dass es kein Traum war, sondern dass ich wirklich in einem Bus nach Dingle fuhr. An den Hängen sah ich Felder, die seit der Großen Hungersnot von 1845 nicht mehr bestellt worden waren; immer wieder standen Bienenkorbhütten neben willkürlich verteilten Steinspeeren, die wie der Natur zum Trotz in den Hängen steckten. Als wir Slea Head umrundeten, den westlichsten Punkt Europas, sagte Gerry: »Die nächste Stadt ist Boston.« Ich lächelte, nickte, schlief wieder ein und wachte erst auf, als wir nach Dingle hineinfuhren. Die Straßen wurden enger, Nieselregen vertrieb die Sonne und brachte den Ort zum Schweigen.

»Da wären wir«, flüsterte Gerry mir zu. Sein Atem roch nach Zimt.

Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Das quietschende Geräusch des hochfahrenden Lifts hallte wieder durch den Bus. Die Pusteblumen waren alle aufgestanden, die meisten hatten die Gepäckfächer über ihnen bereits geöffnet. Rosies Stimme ertönte aus dem Lautsprecher, sie verkündete Informationen übers Mittag­essen, die Unterbringung und die Sehenswürdigkeiten von Dingle.

»Bleiben Sie bei uns?«, fragte Gerry. Er saß noch und wartete, während die anderen ausstiegen. Keine schlechte Taktik, aber ich wollte unbedingt los, mir ein Zimmer suchen, einen Teller Suppe essen.

»Nein, das kann ich mir nicht leisten.«

»Also suchen Sie ein B&B?«

»Hatte ich vor.«

»Wollte ich auch erst. Habe viel Gutes über St. Joseph gehört. Das wird von einer Mary Soundso geführt – Nachnamen weiß ich nicht mehr. Klar, Mary, wie auch sonst?«

»Danke. Es wird bestimmt kein Problem sein, was zu finden. Ist ja Nebensaison.«

Endlich hatten wir Platz zum Aufstehen. Gran war bereits ausgeladen worden. Ich beugte mich vor, um zu sehen, was aus ihr geworden war, aber sie war im Nebel verschwunden. Vielleicht war sie eine Fee. Wäre ich nicht so erschöpft gewesen, hätte mich das neugierig gemacht.

Kurz darauf stand ich schließlich auf dem Boden von Dingle, der Rucksack wog schwer auf meinem Rücken. Gerry reichte mir die Hand.

»Viel Glück!«, sagte er. »Hat mich sehr gefreut!«

»Mich auch. Gute Reise!«

»Hatte ich vor«, zitierte er meinen Satz wenige Minuten zuvor. Es dauerte einen Moment, bis ich es begriff, dann nickte ich und ging.

Ich bin da, flüsterte es in mir.

Ich hätte mir allerdings einen schöneren Tag vorstellen können. Der Wind drückte den Regen herein, salzig vom Meer. Ich hörte Milly sagen, Nebel sei gut für den Teint. Aber so fühlte es sich nicht an. Die Luft war nass und kalt, und ich ärgerte mich wieder, nicht richtig geplant zu haben. Ich hätte ein Zimmer reservieren sollen. Das man zu Fuß erreichte. Doch aus irgendeinem Grund wollte ich unabhängig reisen – eigentlich untypisch für mich. Normalerweise ging ich methodisch vor oder zumindest vernünftig. Vielleicht bot mir Irland die Chance, dem Schicksal mehr Platz in meinem Leben einzuräumen.

Unterwegs kam ich an einem netten Pub vorbei. Foxy John, tagsüber eine Eisenwarenhandlung. Eine Tasse Tee schien mir die beste Idee, um die Regenpause zu überbrücken. Außerdem konnte man mir dort vielleicht sagen, wo dieses B&B namens St. Joseph war, oder der Wirt würde mir eine andere Unterkunft empfehlen.

»Was Besseres als St. Joseph gibt’s hier nicht«, sagte der Barkeeper, ein stämmiger Ire mit gezwirbeltem Schnäuzer, als er mir den Tee brachte. »Soll ich da mal anrufen?«

»Würden Sie das tun?«

»Warum nicht? Ich kenne Mary Langley schon seit fünfzig Jahren. Ich klingel mal kurz durch. Dürfte kein Problem sein.«

Ich saß vor meinem ersten Torffeuer, und es hätte nicht gemütlicher sein können. Ich war noch immer erschöpft, aber trotzdem fühlte ich mich plötzlich wie elektrisch aufgeladen. Das Gefühl war angenehm, so ähnlich wie ein leichter Dusel von Wein. Der Tee war hervorragend. Er schmeckte dunkler und schwerer als zu Hause. Ich gab einen Schuss Sahne hinein. Sie erblühte zu einem weißen Muster, das mein Vater immer Kuhlunge genannt hatte. Ich hatte keine Ahnung, woher er den Ausdruck hatte, aber er passte.

Es dauerte nicht lang, und der Kellner kam mit der Nachricht zurück, ich sei herzlich willkommen in St. Joseph und werde erwartet, wann immer ich mich vom Feuer entfernen wolle. Ich bedankte mich und hätte den Kellner beinahe eingeladen, sich zu mir zu setzen, aber er schien beschäftigt zu sein. So nutzte ich die Zeit zum Entspannen.

Ich schrieb Milly.

Sitze in einem Pub namens Foxy John. Irischer, als du dir vorstellen kannst. Habe wahrscheinlich ein Zimmer. Schicke dir ein Bild.

Ich filmte mit dem Handy einmal in die Runde und machte ein paar Fotos. Dann beugte ich mich zum Torffeuer vor. Es roch nach Erde, Feuchtigkeit und etwas anderem, etwas Flüchtigem, schwer zu benennen. Ich kannte Kaminfeuer natürlich von zu Hause, aber dieses war anders. Es bildete seltsame Rauchwolken und verbreitete eine besondere Stimmung. Ab jetzt mochte ich Torffeuer und nahm mir vor, mich, wann immer sich die Gelegenheit ergeben würde, an ihnen zu wärmen.

Dann schickte ich die Fotos Milly, steckte das Handy in die Tasche und trank den Tee aus.

5.

Ich erwachte von einem zaghaften Klopfen an meiner Zimmertür. Zu meiner Verwunderung war ich überhaupt nicht desorientiert. Ich wusste genau, wo ich war und wer geklopft haben musste.

»Kate!«, rief Mrs Fox. »In einer halben Stunde räume ich das Frühstück ab. Ich dachte, ich sag’s Ihnen besser.«

»Danke, Mrs Fox, ich komme sofort.«

»Dann lasse ich den Tee noch stehen.«

Trotz ihres Namens erinnerte mich Mrs Fox weniger an einen Fuchs als an einen Dachs, der in einem meiner Kinderbücher abgebildet gewesen war. Eine untersetzte, pummelige Frau, die mich mit großer Willkommensgeste an der Tür von St. Joseph begrüßt hatte. Sie hatte dunkle Haare, die zu einer Art Dauerwelle gelegt waren, und fuchtelte beim Reden in der Luft herum. Mrs Langley, die Besitzerin des B&B, sei in Italien, erzählte sie mir, deshalb müsse ich mit ihr, Mrs Fox, vorliebnehmen. Sie führte mich zu meinem Zimmer und fragte mich, ob es mir gefiele. Es war zufriedenstellend, aber auch nicht viel mehr. Ich hatte mein eigenes Bad und ein Fenster, das auf den Hof ging, wo ein Vogelhäuschen schief an einer Wäscheleine hing. Das Bett war flauschig weich, ich schlief wie einen Meter unter der Erde – noch so eine Redewendung meines Vaters – und genoss den traumlosen Schlummer. Als es an meine Tür klopfte, hatte ich fast zwölf Stunden geschlafen.

Ich verspürte Hunger. Brennenden Hunger. Ich wusch mich schnell und zupfte meine Haare zurecht, bis ich wie eine Katze nach einem Elektroschock aussah, dann beugte ich mich zum Spiegel vor, um mich genauer zu beäugen. Es stimmte, ich sah tatsächlich aus wie ein irisches Mädchen, eine Colleen. Unbestreitbar. Aber mein Gesicht war schmal und kantig, hohe Wangenknochen unterstrichen die blauen Augen. Mein blasser Teint ließ andere häufig denken, ich sei still, doch in Wirklichkeit war ich sehr bestimmt in meinen Ansichten und Meinungen. Ich hatte Ähnlichkeit mit meiner Großmutter väterlicherseits. Ein viktorianisches Kleid hätte mir gut gestanden, lang fließend und hochgeschlossen. In Jeans und Fleecejacke kam ich mir manchmal wie eine Zeitreisende vor.

Ich fuhr mir noch einmal durch meine störrischen Locken, dann ging ich auf Zehenspitzen durch den langen Flur, der zu den besten Düften im Umkreis von hundert Meilen führte. Mrs Fox schob den Kopf aus der Küche und sagte, ich solle mich ins Frühstückszimmer setzen. Die anderen Hausgäste, ein deutsches Pärchen, Ingrid und Helmut, seien bereits unterwegs. Sie entschuldigte sich, mich geweckt zu haben, wo ich den Schlaf doch so dringend bräuchte, aber im St. Joseph gebe es immer nur Frühstück bis halb zehn, und sie halte sich an Mrs Langleys Anweisungen.

»Danke, dass Sie noch auf mich gewartet haben«, rief ich in die Küche und setzte mich an einen reizenden Teetisch. »Es tut mir leid, dass ich so lange geschlafen habe. Das Bett ist wunderbar.«

»Irische Luft«, rief Mrs Fox zurück und rüttelte mit einer Pfanne auf dem Herd. »Wie mögen Sie Ihr Ei?«

»Egal!«

»Egal ist achtundachtzig. Also wie?«

»Gerne als Rührei.«

Wieder klapperte es. Ich trank meinen Tee und schmierte Butter auf ein herrliches Scone. Brombeere, dachte ich. Die Butter hatte das Gelb des Sonnenuntergangs. Ich musste lächeln. Mein Vater hatte immer irische Butter gekauft, sein einziger Luxus. Er behauptete, er würde seine Heimat scheibenweise essen. Seiner Meinung nach war amerikanische Butter eine armselige knochenfahle Paste, die jedes anständige Brot entrüstet von sich weisen sollte.

»Da wären wir«, sagte Mrs Fox und wand sich mit einem Tablett vor dem Körper in das kleine Zimmer. »Eier und Speck. Auf dem Tisch stehen Kartoffeln und Scones … ah, haben Sie schon gefunden. Gut, dann frühstücken Sie mal schön. Sie haben bestimmt Hunger von der Reise.«

»Das stimmt. Danke.«

»Und schreiben Sie doch bitte ins Gästebuch! Das ist Mrs Langley ganz besonders wichtig, glauben Sie mir. Sie zieht mir die Ohren lang, wenn ich nicht darauf achte, dass jeder reinschreibt.«

»Mache ich. Direkt nach dem Frühstück.«

»Ach, fast hätte ich es vergessen …« Mrs Fox machte einen Schritt zurück ins Zimmer. »Nora Crean hat angerufen. Sie holt Sie um halb elf ab. Ich habe ihr gesagt, dass Sie noch schlafen.«

»Wer ist Nora Crean?« Ich führte ein Stück Scone zum Mund.

»Sie meinte, Sie würden sie unter dem Namen ›Gran‹ kennen. Hier kennt sie jeder.«

Ich hielt inne. Wie seltsam, so eine Nachricht von jemandem zu erhalten, dem ich gerade erst begegnet war, dazu noch flüchtig. Das gefiel mir nicht. Ich hatte nichts dagegen, Gran wiederzusehen, aber nicht an meinem ersten Morgen in Irland. Nicht jetzt, nicht hier, nicht, wo ich gerade erst angekommen war. Am Vorabend hatte ich nur noch einen kurzen Spaziergang durch den Ort geschafft. Jetzt brauchte ich Zeit, um zu lesen und zu schreiben und mir zu überlegen, wie ich meine Recherchen strukturieren wollte. Grans Einladung stellte das alles auf den Kopf.

»Hat sie vielleicht gesagt, unter welcher Nummer ich sie erreichen kann?«, fragte ich, weil ich den Termin absagen wollte.

»Nein, ich glaube nicht.«

»Ich denke, ich bin noch nicht …«

»Das kann ich gut verstehen.«

»Woher weiß sie überhaupt, dass ich hier wohne?«

»Na, das ist doch klar. Wenn man im Oktober, in der Nebensaison, nach Dingle kommt, kriegt es jeder mit. Geht gar nicht anders. Wenn Sie hier niesen, zücken sofort drei Leute ein Taschentuch.«

Mrs Fox wackelte mit ihren dachsartigen Augenbrauen und ging zurück in die Küche. Müde und genervt stopfte ich mir das Stück Scone in den Mund. Ich musste dringend duschen.

Ein stattlicher Mann in einem schwarzen Anzug holte mich ab. Er stieg aus einer eindrucksvollen Limousine und schleppte sich langsam die Stufen zur Eingangstür herauf. Er trug eine Chauffeursmütze, die so weit hinten saß, dass man glaubte, sie wolle vom Kopf des Trägers fliehen. Seine Haare, die früher einmal leuchtend rot gewesen sein mussten, sahen aus wie ein ver­blichener Herbstkranz, der seinen Kopf oberhalb seiner Ohren schmückte. Der Mann hatte ein freundliches Gesicht; die Fältchen um seine Augen sahen aus wie Sonnenstrahlen. Wenn man in Irland ist, hält man unweigerlich Ausschau nach Kobolden, und dieser Chauffeur war keine schlechte Besetzung für diese Rolle. Zwar ein älterer, etwas trägerer Kobold als in meiner Vorstellung, aber sein angenehmes Auftreten gab mir das Gefühl, dass wir uns mögen würden.

»Sie müssen Kate sein«, sagte er. »Ich komme im Auftrag von Nora Crean.«

»Gran?«

»Genau.«

»Ist sie im Auto?«, fragte ich und stellte mich auf die Zehenspitzen, um nach ihr Ausschau zu halten.

»Nein, sie hat eine Überraschung für Sie. Sie möchte, dass Ihr erster Tag in Irland etwas Besonderes ist.«

»Danke, aber ich …«

Sie hatte mich überrumpelt. Woher wusste sie, dass es mein erster Tag war? Hatte ich das bei unserer kurzen Begegnung erwähnt? Plötzlich fühlte ich mich bedrückt. Der Sinn dieser Reise bestand darin, dass ich meinen eigenen Interessen nachging. Ich hatte nichts gegen Nora Crean beziehungsweise Gran, aber ich verspürte auch kein besonderes Bedürfnis, ihr meinen ganzen Tag zu schenken.

Das alles schoss mir in Sekundenschnelle durch den Kopf. Der Chauffeur ließ mir Zeit für meine Entscheidung. Ich stieß einen langen Seufzer aus. Er lächelte. Ich fragte ihn nach seinem Namen.

»Seamus«, sagte er.

»Na, wie auch sonst?«

»Und? Kommen Sie mit, Miss?«

»Ich weiß nicht mal, ob ich richtig angezogen bin. Ich habe nur einen Rucksack dabei …«

»Das ist kein Problem, ganz bestimmt nicht.«

Wer kann schon einem Kobold widerstehen? Auch wenn seine besten Jahre offensichtlich hinter ihm lagen, wie es bei Seamus der Fall war? Ich nickte. Und nahm nur meine Handtasche mit. Ich folgte Seamus die Stufen des B&B hinunter. Er hielt mir die hintere Tür der Limousine auf. Ich stieg ein, er schloss sie leise. Ich sah mich um. Es war ein Oldtimer, vielleicht aus den Fünfzigern. Ich habe nicht viel Ahnung von Autos.

»Was für ein Wagen ist das, Seamus?«, fragte ich, als er sich hinters Lenkrad gesetzt hatte. Er nahm seine Mütze ab und legte sie aufs Armaturenbrett.

»Das ist ein Chrysler. Ein Plymouth Belvedere. Es wurden ein paar über England importiert, noch ein paar wurden in einer Fabrik in Dublin gebaut. Dieser wurde 1945 für einen britischen Diplomaten angefertigt. Nora Crean hat ihn bei einer Auktion ersteigert.«

»Wunderschön. Ich habe noch nie in so einem Auto gesessen.«

»Das ist ein Automobil, Miss. Wir wollen es doch nicht beleidigen.«

Seamus ließ den Motor an. Ich lehnte mich an das dicke Polster. Bleib ruhig, sagte ich mir. Solange ich nicht entführt wurde, konnte mir in so einem Wagen nichts allzu Schlimmes passieren, schon gar nicht mit einem Kobold hinterm Steuer. Wir tuckerten die Straße entlang, nie schneller als fünfzig. Es war seltsam, dass der Chauffeur auf der rechten Seite saß. In den ersten Minuten klammerte ich mich mehrmals an die Rückenlehne, um einen möglichen Aufprall abzufangen.

Die Landschaft vertrieb meine schlechte Laune. Dieser Landschaft würde ich wohl nie widerstehen können. Im Morgenlicht hingen die letzten Tautropfen im Gras, die Schafe – hier waren überall Schafe – grasten, ohne je den Kopf zu heben. Ich nahm an, dass wir Richtung Küste fuhren. Ich holte mein Handy heraus und tippte aufs Display, um den Kompass zu öffnen. Der Wagen bewegte sich gemächlich gen Süden, leicht westlich. Wie Gerry gesagt hatte: Als Nächstes kam Boston.