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Eigentlich wollte Merle spätestens mit dreißig einen festen Job, einen Mann und eine gemeinsame Wohnung haben. Aber davon ist sie weit entfernt, seit Jahren wohnt sie in einer WG, unter anderem mit Ex-Punk Dose. Ihren Freund sieht sie nur alle paar Tage. Heirat ausgeschlossen. Immerhin: Die Sache mit dem Job hat geklappt. Als junge Lehrerin braucht Merle Nerven wie Drahtseile, was ihr auch privat zugute kommt, denn plötzlich steht ihr neuer Nachbar Philipp vor der Tür. Groß, gutaussehend - und leider ein totaler Schnösel. Er beschwert sich über den Lärm in der WG. Geht's noch spießiger? Doch als der Vermieter versucht, die Hausbewohner zum Auszug zu zwingen, erweist sich Philipp als Retter in der Not. Hat Merle sich in ihm getäuscht? Und wieso ist sie plötzlich so kurzatmig, wenn sie ihm im Hausflur begegnet?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Das Buch
Merle ist zweiunddreißig und wohnt noch immer in einer Berliner WG. Nicht gerade erwachsen. Dabei hatte sie sich das immer anders erträumt: spätestens mit dreißig einen festen Job, einen Mann und eine eigene Wohnung. Das mit dem Job hat geklappt, sie ist Konrektorin an einer Grundschule. Das mit dem Mann – na ja. David ist zwar ihr fester Freund, blockt aber jeden Vorschlag, gemeinsam in eine eigene Wohnung zu ziehen, ab. Und weil Merle Lehrerin ist, bleiben natürlich sämtliche organisatorischen Belange der WG an ihr hängen. Zu allem Überfluss hat die WG auch noch einen neuen Nachbarn: Philipp aus der Wohnung über ihnen. Der sieht auf den ersten Blick wie eine Bereicherung für die Nachbarschaft aus (attraktive Erscheinung, nettes Lächeln, angenehme Stimme), erweist sich aber leider als spießiger Snob, der bei jedem Mucks vor der Wohnungstür aufschlägt, um sich über die Lärmbelästigung zu beschweren. Aber als klar wird, dass die Hausbewohner aus ihren Wohnungen verdrängt werden sollen, ist er der Erste, der Merle und ihrer Truppe zur Seite steht. Manchmal ist ein vermeintlicher Snob eben doch der Traummann …
Die Autorin
Pia Kühn, geboren 1983 in Essen, ist Schriftstellerin, Hörspiel- und Drehbuchautorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin, wo sie ihrer früheren Studenten-WG hin und wieder nachtrauert.
PIA KÜHN
Roman
Ullstein
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ISBN 978-3-8437-1753-3
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, MünchenTitelabbildung: © www.buerosued.de
E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Der Toast hüpfte aus dem Toaster. Merle fing ihn auf und legte ihn in den Brotkorb. Sie drehte sich zum gedeckten Tisch um. Es war alles da: Aufschnitt, Butter, Marmelade. Sie sah auf die Uhr. Wo blieben die anderen denn? Merle trank einen Schluck Kaffee, stellte ihre Tasse ab und steckte ihren Kopf aus der Küche.
»Hey!«, rief sie in den Flur. »Wir hatten sieben Uhr gesagt, ihr Schlafmützen!«
Simons Tür öffnete sich. Mit finsterem Blick sah er sie an. »Ich hasse dich.«
»Du hasst alles«, entgegnete Merle ihrem Mitbewohner lächelnd. »Die Welt, das Wetter, deinen Job, uns.«
»Nein, meistens seid ihr in Ordnung«, widersprach er. Seine Haare waren bereits frisiert, sein Hemd war gebügelt und auch die beige Chino zeigte keine Falte. Wie immer sah er mehr nach München aus als nach Berlin. Seine Fingernägel waren gepflegter als die seiner weiblichen Mitbewohner zusammen, und das, obwohl er Florist war. Sein Blick blieb finster. »Aber heute kann ich dich wirklich nicht leiden, Merle.«
»Jetzt komm frühstücken.«
Während Simon an ihr vorbeischlurfte und sich keine Mühe machte, der einen furchtbar quietschenden Diele des Holzbodens auszuweichen, klopfte Merle an die Zimmertüren ihrer restlichen Mitbewohner. »Aufstehen. WG-Frühstück.«
Simon sank auf seinen Stuhl am Fenster und seufzte schwer. Er sah nicht halb so verschlafen aus, wie er es gern gehabt hätte.
Merle drückte auf den Startknopf der Kaffeemaschine, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllte die Küche. Sie hatten eine Padmaschine und eine alte Filterkaffeemaschine, aber Letztere benutzte nur einer von ihnen.
Aus dem Augenwinkel sah Merle, wie Simons Miene sich angesichts des Dufts aufhellte. Es war nur kurz, er merkte, dass sie ihn beobachtete, und ließ seine Mundwinkel wieder nach unten sinken. Sie stellte ihm die Tasse hin, er griff danach, aber sie ließ nicht los und sah ihn abwartend an.
»Vielen Dank«, brummte er.
Sie gab die Tasse frei. »Bitte, gern.«
»Ja, du machst alles gern. Immer gut gelaunt, immer wach …«
»Trink deinen Kaffee.«
»Ja, Mama.«
Sie grinste ihn an. »Trink ihn schweigend, wenn du nichts Nettes zu sagen hast.«
»Ich sag was Nettes, sobald die Welt auch nur ein einziges Mal nett zu mir war.«
Merle verdrehte die Augen, während sich draußen im Flur eine Tür öffnete. Dann fiel die Wohnungstür ins Schloss, das alte Treppenhaus knarzte unter Schritten, die man bis in die Wohnung hören konnte. Überhaupt konnte man in diesem alten Haus eigentlich alles hören.
Merle setzte sich und nahm eine Scheibe Toast, sie bestrich sie mit Frischkäse und sah auf die Uhr. In einer Viertelstunde musste sie los. Die Wohnungstür öffnete sich wieder, die laute Diele knarzte – und dann stand Dose in der Küche.
Eigentlich hieß er Daniel, aber seit seiner frühen Jugend nannte man ihn Dose. Er war Punk gewesen, was seine Spuren hinterlassen hatte. Er trug ein T-Shirt mit Löchern und eine alte, schwarze Lederhose. Seine Haare waren schwarz gefärbt und standen in alle Richtungen ab. Von Natur aus war er eher dunkelblond, zumindest vermutete Merle das. Sie hatte seine echten Haare noch nie gesehen. Vielleicht waren sie auch schon grau, Dose war Mitte vierzig. Das Schwarz jedenfalls machte ihn sehr blass. Ein Effekt, den Dose aber natürlich erzielen wollte.
»Sie haben sie mitgenommen«, schimpfte er und riss die Packung Kaffeefilter aus dem Schrank. Er stopfte einen Filter in die Maschine und bewarf ihn mit Kaffeepulver, dann schlug er mehr auf die Maschine ein, als dass er den Knopf drückte. »Schon wieder.«
»Das tut mir leid«, sagte Merle und biss in ihren Toast.
»Das waren die konservativen Säcke aus der vierten Etage.«
»Was sollen die denn mit deiner linken Zeitung anfangen, Dose?«
»Sie verbrennen.«
»Ich glaube nicht, dass die beiden Manager aus der fünften Etage mitten in der Nacht runter zum Briefkasten schleichen, um dein linkes Kommunistenblatt zu klauen und es dann oben auf ihrem Balkon zu verbrennen.«
»Oder dieser Schnöselarzt. Die haben einen Kamin in ihren Scheißkapitalismuswohnungen. Die haben alles da oben.«
»Aber doch nicht deine Zeitung. So eine Mühe machen die sich im Leben nicht, Dose«, sagte Merle und sah wieder auf die Uhr. »Sie wissen bestimmt nicht mal, dass der Rote Anzeiger existiert.«
»Niemand weiß, dass der Rote Anzeiger existiert«, sagte Simon.
Dose baute sich vor ihm auf. »Das ist ein sehr wichtiges Blatt mit großer Reichweite.«
Simon hob die Schultern und nippte an seinem Kaffee. »Trotzdem sinnlos. Als würde eine Zeitung was ändern.« Er schnaubte. »Als könnten Politiker was ändern.«
»Wie bitte?«, fragte Dose empört und atmete tief ein. Bevor er zu einem seiner Vorträge über die Macht und Verantwortung jedes Bürgers ansetzen konnte, stand Merle auf und sagte schnell: »Das könnt ihr später alles in Ruhe besprechen. Der Neue kommt heute.« Sie drehte den Kopf und sah in den Flur. »Ich wünschte wirklich, dass Tinia aufstehen würde.«
»Und ich wünschte, ich hätte ausgeschlafen«, sagte Simon. »Oder dass ich Tinias Schlaf hätte.«
»Das ist nur eine Frage der richtigen Pillen. In der richtigen Dosierung«, sagte Dose.
»So oder so«, Simon seufzte, »ich hab die falsche Dosierung.«
»Ja, ja. Genug gejammert jetzt.«
»Ich jammere nicht«, widersprach Dose. »Ich kämpfe.«
Merle verdrehte die Augen. »Aber nicht beim Frühstück.«
»Doch immer.«
Merle rieb sich die Augen und sah erschrocken auf ihre Finger. Sie hatte ihre Wimperntusche verschmiert. »Verdammt, jetzt muss ich mich noch mal neu schminken. Ihr macht mich fertig.«
»Und wenn du schon dabei bist, kannst du die Frisur auch noch mal überdenken«, sagte Simon und belegte ein Brot mit Käse.
Dose schlürfte Kaffee. »Du solltest dich eh nicht schminken. Ich sag nur: Tierversuche.«
»Nur?« Simon lachte. »Wann hast du je nur ein einziges Wort gesagt?«
Dose stützte sich auf den Tisch und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Simon. »Wenn du deinem Leben endlich eine politische Richtung geben würdest, dann wärst du auch nicht immer so schlecht gelaunt.«
»Ich bin schwul. Ich bin eine Minderheit. Das ist genug Politik für mein Leben.«
»Papperlapapp. Du bist eine faule Sau.«
Merle sank gegen den Türrahmen und stieß mit ihrem Kopf leicht gegen das alte Holz, an dem der Lack absplitterte. Eigentlich müssten sie streichen. Und zwar alle Tür- und Fensterrahmen in dieser heruntergekommenen Altbauwohnung, aber keiner von ihnen konnte sich dazu aufraffen.
Und eigentlich wollte Merle auch besprechen, wann der neue Mitbewohner kam und was zu tun war. Sie hatte Pläne für heute Abend, die sie ungern verschieben wollte. Aber Dose und Simon diskutierten über den Sinn des Lebens und zeigten wenig Interesse an akuten Fragen.
Es klingelte.
»Wer ist das denn?«, fragte Simon.
Dose hob die Schultern und goss sich Kaffee nach. Merle ging zur Tür. Sie öffnete und sah eine große Umzugskiste. Jemand lugte darüber und sah sie fröhlich an.
»Hi. Merle? Richtig?«
»Ja«, sagte sie und starrte den jungen Typen an. Er hatte einen albernen Undercut, genau so, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Er sah betont hip und extra stylish aus, was sie ebenfalls so abgespeichert hatte. Woran sie sich nicht erinnerte, war dieses wahnsinnig attraktive Lachen. Das war ihr beim Mitbewohnercasting irgendwie entgangen.
»Ich bin Fridolin. Der Neue«, erklärte er. Wohl, weil sie ihn verständnislos ansah. »Ich ziehe heute ein.«
»Jetzt schon?«
»Klar, das habe ich Dose doch gesagt. Und er meinte, das sei gar kein Problem, ihr wärt alle früh wach und könntet mir beim Reintragen helfen.«
»Meinte er das?«
Fridolin nickte.
»Dose!«, rief Merle den Flur entlang.
Er kam angelaufen, Simon folgte ihm langsam und gähnend, seine Kaffeetasse noch in der Hand.
»Hast du Fridolin gesagt, dass er um sieben Uhr kommen kann und wir ihm beim Reintragen helfen?«
»Dafür bin ich nicht passend angezogen«, murmelte Simon.
»Wahrscheinlich. Ich weiß nicht mehr«, sagte Dose leichthin. Er hob die Schultern. »Ist doch alles kein Problem.« Er nahm Fridolin die Kiste ab, ging über den Flur und stellte sie in das leere Zimmer. »So. Siehst du, Merle. Kein Grund, großes Aufheben darum zu machen. Wir gehen da jetzt alle runter und räumen sein Auto leer.«
»Nein, ich fahre in die Schule. Heute ist der Erste, schon vergessen?«
»Ach ja. Du bist ab heute ja Konrektorin.« Simon hob seine Kaffeetasse prostend an. »Glückwunsch.«
»Danke.«
»Heißt das, du kannst nicht helfen?«, fragte Dose.
»Ganz genau. Ich muss in die Schule. Ich muss an jedem Werktag in die Schule. Der Unterricht beginnt um 8:05. Das weißt du doch.«
»Zu früh.« Dose schüttelte missbilligend den Kopf. »Es ist nicht gut für die Kinder, wenn man sie zum Lernen zwingt. Schulen dürfen keine Institutionen mit militärischer Disziplin sein. Du weißt, ich halte gar nichts davon. Auch diese Diktatur des frühen Aufstehens ist die reine Qual für die freie Entfaltung der Kleinen. Jedes Kind sollte zur Schule kommen, wenn ihm danach ist.«
Merle sah ihn fassungslos an.
»Und die Lehrer auch«, schob Dose nach.
»Du hast da immer noch ganz viel Wimperntusche.« Simon zeigte auf ihr Gesicht. »Das machst du aber weg, bevor du losfährst, oder? Könnte sonst peinlich werden.«
»Und mach dir keinen Kopf um den Einzug«, sagte Dose. »Ist ja schon halb erledigt.«
»Na ja …« Fridolin räusperte sich. »Also, einen Helfer hab ich noch unten …«
Merle setzte ein Lächeln auf. »Fein. Das klingt nach sehr guter Organisation. Viel Spaß.« Sie eilte ins Bad und warf die Tür hinter sich zu. Nachdem sie abgeschlossen hatte, atmete sie erst mal tief durch. Sie hatte es kommen sehen, genau das. Deshalb hatte sie das frühe Frühstück angesetzt und alles besprechen wollen. Dose hatte gestern Abend wie immer im Roten Piraten gekellnert, und Simon hatte seit drei Wochen Spätschicht. Heute Morgen war der einzige Zeitpunkt gewesen, um alles zu besprechen. Es wäre der einzige Zeitpunkt gewesen, verbesserte sie sich in Gedanken. Denn genutzt hatten sie ihn ja nun nicht gerade. Abgesehen davon, dass Tinia mal wieder schlief, bis alles erledigt war. Aber das war eine andere Baustelle …
»Ich muss doch auch zur Arbeit«, rief Simon draußen auf dem Flur, aber Merle hörte nicht mehr, ob jemand antwortete und was. »Du hast alles getan, was in deinen Möglichkeiten liegt«, sagte sie sich zwei Mal halblaut vor und sah in den Spiegel.
Ihre dunkelblonden Haare waren locker am Hinterkopf zusammengesteckt, die Frisur saß noch immer. Simon konnte sagen, was er wollte.
Sie nahm einen Wattepad und schminkte sich schnell ab. In Windeseile trug sie neuen Lidschatten und neue Wimperntusche auf. Dann noch ein Lidstrich, dann rumste es draußen laut, als wäre etwas umgefallen, und dann entschied Merle, dass es genug war.
Alles war genug. Die Wohnung und diese Lebenssituation.
Sie war zu alt für diesen spontanen Kinderkram. Sie war zweiunddreißig. Welche vernünftige Zweiunddreißigjährige lebte denn noch in einer WG mit einem Dauerdepressiven, einem Kommunisten und einer Partymaus, die die Sonne wahrscheinlich das letzte Mal gesehen hatte, als sie vierzehn war?
Und der Neue? Allein schon Fridolins alberne Frisur ging ihr auf die Nerven. Und der war noch der Erwachsenste von all den Kandidaten gewesen, die sie sich angesehen hatten. Wenn David heute Abend wieder davon anfangen würde, dass sie doch zusammenziehen könnten, dann würde Merle Ja sagen. Sie würde jubeln.
Sie eilte aus dem Bad und wich den Kisten tragenden Umzugshelfern aus. Sie griff ihre Handtasche von der Kommode und eilte die zwei Stockwerke nach unten auf die Straße. Dort wäre sie fast mit Fridolin zusammengestoßen. Er lächelte sie an.
»Hey, ein Kumpel von mir arbeitet an einer super Zeitersparnis-App. Wenn du magst, kann er dich in die Liste der Testuser eintragen, dann kriegst du die Betaversion.«
»Beta … User … Was?« Sie verstand nur Bahnhof. Sie keuchte ein wenig und strich sich eine Haarsträhne zurück.
»Ja, die App ist der Hammer. Wenn du die einmal hast, dann rennst du nie wieder. Du bist dann einfach nicht mehr zu spät.«
»Ah«, antwortete Merle. »Ich muss jetzt wirklich los.« Sie zwängte sich zwischen ihm, ein paar Umzugskisten und dem Sprinter hindurch und lief bis zur Kreuzung, wo ihr Auto stand.
Mit jedem Meter, den sie sich von ihrer Chaos-WG entfernte, fühlte sie sich besser, kontrollierter. Sie unterrichtete an einer Grundschule am Stadtrand und war Klassenlehrerin einer Dritten. Und die Kinder dort waren nichts gegen den Trubel bei ihr zu Hause.
Sie dachte an David und musste unwillkürlich lächeln. Es würde sich viel besser anfühlen, den Kollegen in der Schule zu sagen, dass sie mit ihrem Freund zusammenwohnte, als immer von ihrer WG zu sprechen wie eine Studentin. Ja, es war wirklich Zeit.
***
Zwei Dutzend Fäuste klopften artig auf die Tische. Tinia nahm ihre Tasche vom Boden, ließ den Block darin verschwinden und bahnte sich einen Weg zwischen ihren Kommilitonen hindurch zur Tür. Sie strich ihre pinken Haarsträhnen zurück und schlüpfte in den Gang hinaus. Ihr Magen knurrte, sie hatte nicht gefrühstückt. Sie war bis zur letzten Sekunde liegen geblieben, hatte dann einfach ein Kleid von ihrem Schreibtischstuhl gezogen, war hineingeschlüpft und ins Bad geeilt. Sie hatte ihre Zähne geputzt, die Wimpern getuscht und war zur Uni gerannt.
Das Seminar war überstanden. Sie ging durch lange, hohe Gänge mit Linoleumboden und Treppengeländern aus den Siebzigern. Sie zog ihr Handy aus dem Jutebeutel. Eine SMS von Merle, dass man sie heute Morgen vermisst habe. Tinia verdrehte die Augen. Sie würde nicht um sechs Uhr aufstehen, nur weil Merle jetzt gefühlte achtzig Stunden die Woche arbeitete. Sie liebte Merle über alles, aber Tinia brauchte ihren Schlaf. Was auch immer zu klären war, musste nach zehn Uhr morgens geklärt werden.
Merle wollte das nicht wahrhaben und setzte hin und wieder solche WG-Treffen an, aber Tinia ignorierte sie einfach. Irgendwann würde Merle schon begreifen, wann mit Tinia zu rechnen war. Sie sah auf die Uhr auf dem Handydisplay. Kurz nach zwölf, die Mensa hatte schon auf. Sie ließ das Handy verschwinden und hüpfte leichtfüßig die Treppe hinunter.
Sie hielt sich am Handlauf fest und schwang auf halber Treppe um die Ecke – und blieb abrupt stehen. Am Fuß des nächsten Treppenabsatzes stand er. Elias. Er war unfassbar lässig mit seinen halblangen Haaren und den breiten Schultern. Er trug irgendein Band-T-Shirt, ganz ähnlich dem, was Tinia ihm neulich ausgezogen hatte …
Sie ließ den Handlauf los und ging betont lässig die letzten Stufen hinunter. Sie wollte beiläufig Hallo sagen, aber Elias redete gerade mit jemandem aus seiner Band und schien sie nicht mal im Augenwinkel wahrzunehmen.
Also blieb Tinia bei ihnen stehen und lächelte.
»Hi«, sagte sie laut und bestimmt und alles andere als beiläufig.
Der Typ aus der Band hob eine Augenbraue. »Hi?«
»Hallo«, sagte Elias. »Tina, richtig? Die pinke Tina.«
Es war ein Schlag in die Magengrube. »Tinia«, verbesserte sie und strich sich eine ihrer rosa Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Mit zwei I. Das macht es besonders, weißt du noch?«
Er lachte. »Äh, ja, klar, ich erinnere mich dunkel.«
Sie schluckte. Dunkel? Sie sah die gemeinsame Nacht im hellsten Licht, und er erinnerte sich dunkel? Sie erinnerte sich ganz genau an seine Küsse, seine Haut und überhaupt alles. Elias hatte ihren Namen »besonders« genannt. Es waren seine Worte gewesen, nicht ihre.
Sie rang sich ein weiteres Lächeln ab. »Also, wollen wir mal einen Kaffee trinken gehen? Oder so?«
»Klar«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Warum nicht? Aber jetzt hab ich Probe.«
Dann drehte er sich um und ging mit seinem Kollegen davon. Tinia starrte ihnen nach. Um sie herum strömten Studenten in alle Richtungen, sie lachten und plauderten. In Tinia war es still. So hatte sie sich das alles nicht vorgestellt. Wirklich nicht. Und erst als Elias verschwunden war, wurde ihr bewusst, dass er ihre Telefonnummer gar nicht hatte. Und sie seine auch nicht.
»Hey, Tinia, hier bist du.«
Sie wandte den Kopf, als wäre sie gerade aufgewacht. »Lisa?«
Lisa verschränkte die Arme vor der Brust. Auf ihrem Kopf tanzte ein sehr hoher, fransiger Pferdeschwanz in Weißblond. Sie musterte Tinia. »Wie siehst du denn aus? Hast du einen Geist gesehen?«
»Ich weiß nicht«, antwortete Tinia.
»Letztes Wochenende war super, oder?«
Ja, antwortete Tinia im Stillen. Bis eben dachte ich das auch noch.
»Hallo? Tinia?« Lisa lachte und schnipste vor ihrem Gesicht mit den Fingern. »Bist du überhaupt wach?«
»Klar. Voll.«
Lisa schüttelte den Kopf und kramte in ihrem Turnbeutel. Dann holte sie ein Plastiktütchen hervor und ließ es in Tinias Jutetasche verschwinden. »Hier. Dann geht’s wieder.«
Tinia nickte.
»Mensa?«
Tinia nickte wieder. Dann folgte sie ihrer Freundin, aber eigentlich hatte sie gar keinen Hunger mehr.
***
Simon nahm eine Rose aus dem Eimer, dann Schleierkraut und dann rosa Dahlien. Er knallte sie auf den Tisch und ließ den Blick wieder über die Schnittblumen wandern. Schließlich nahm er doch noch zwei weitere Rosen. Er stellte sich hinter den Tisch und seufzte.
Die Türklingel läutete. Simon hob erwartungsvoll den Kopf und ließ ihn dann enttäuscht wieder sinken.
»Ach, du bist’s.«
Tinia schlenderte an der Deko vorbei, die Simons Chefin seit Jahren zusätzlich anbot. Kerzenständer, Schalen und kleine Figurinen aus Keramik. Je nach Saison zum Beispiel Weihnachtswichtel oder putzige Sommertiere. Momentan boten sie Sommertiere an. Simon wusste nicht, was genau Sommertiere waren. Schließlich lebten Kaninchen, Füchse und Mäuse auch im Winter, aber seine Chefin nannte die kleinen Tierchen nun mal Sommertiere.
»Ich freu mich auch, dich zu sehen«, sagte Tinia. »Ich dachte, du magst Besuch auf der Arbeit.«
Simon hob die Schultern und arrangierte die drei Rosen. »Ach, ich hatte nur gehofft, dass du vielleicht ein Kunde bist, der Totenkränze bestellt.«
»Totenkränze?«
Simon legte die Dahlien um die Rosen herum. »Ich liebe Beerdigungen, und man wird ja wohl noch hoffen dürfen. Andererseits rate ich von Hoffnung dringend ab. Wird nur enttäuscht. So wie gerade.«
»Ich bin also eine Enttäuschung.«
»Ja. Außer jemand in deiner Familie ist gestorben.« Er sah auf. »Jemand, den du liebst.«
»Äh, nein.«
Er nahm das Schleierkraut und band es außen um die Dahlien. »Blöder Geburtstagsstrauß. Ich hasse Geburtstage.«
»Ja, ich weiß«, antwortete Tinia und lehnte sich an den Tresen. »Du, sag mal, erinnerst du dich an den Typen von der Party am Freitag?«
Simon schnitt die Stängel des Straußes auf eine Länge. Und ob er sich erinnerte. Er strahlte Tinia an. »Elias?«
»Ja, von der Band.«
Simon stellte den Strauß in einen Eimer neben der Kasse und zupfte noch ein paar Mal an den Blättern herum.
»Woher kommt denn deine gute Laune plötzlich?«, fragte Tinia.
Er beugte sich zu ihr über den Tresen und flüsterte verschwörerisch: »Ich bin mit ihm nach Hause gegangen.«
»Was?«, fragte sie entgeistert.
»Ja, klar. Du warst mit deiner Freundin Lisa auf dem Klo.« Er tippte sich an die Nase. »Und ich bin mit diesem schnuckeligen Typen … Er ruft bestimmt bald an.«
Simon dachte an Elias’ schöne Augen, er spürte noch einmal seine Küsse und konnte seine Haut riechen. Es war eine der leidenschaftlichsten Nächte gewesen, die Simon je erlebt hatte. Er wollte Tinia gerade im Detail davon erzählen – das taten sie oft – , aber ihr Gesichtsausdruck schreckte ihn ab.
Tinia war plötzlich ganz blass um die Nase. »Simon«, sagte sie heiser, »ich bin am Samstag mit Elias nach Hause gegangen.«
»Wie bitte?«
Sie nickte. »Ich war am Samstag in der Mehlfabrik, da war er auch, und dann bin ich mit ihm mit.«
»Wie? Mit ihm mit?«
»Na, so, wie man das nach Partys halt so macht?«
Er schluckte. »Du hast mit ihm geschlafen?«
»Ja, du nicht?«
»Doch.«
Sie sahen einander schweigend an. Vor Simons innerem Auge formierten sich jetzt Bilder von Tinia mit dem süßen Elias. Simon wurde schlecht. Er griff unter den Tresen nach seinem Handy und sah auf das Display. Nichts. Hatte Elias den Zettel mit seiner Telefonnummer nicht gefunden?
»Und?«, fragte Tinia lauernd. »Hat er sich gemeldet?«
Simon schüttelte den Kopf und legte das Handy weg. »Bei dir?«
»Nein, aber wir wollen bald Kaffee trinken gehen.«
»Bald?«, fragte Simon angsterfüllt. »Wann?«
»Steht noch nicht genau fest«, sagte sie schnell und warf ihre pinken Haarsträhnen zurück, als wär sie eine Diva. »Hast du seine Nummer?«
»Nein«, brachte er durch zusammengepresste Lippen hervor. »Und wenn ich sie hätte, würde ich sie dir nicht geben.«
»Aber er meldet sich doch eh nicht bei dir.«
»Wird er schon noch.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Und wenn nicht?«
»Dann meldet er sich vielleicht bei dir. Oder auch nicht«, antwortete Simon schnippisch und nahm den Blumenstrauß aus dem Eimer. »Und jetzt entschuldige mich. Ich hab zu tun.«
Mit diesen Worten drehte er sich um und rauschte ins Hinterzimmer. Dort stand er dann mit dem blöden Strauß in der Hand. Vorne im Verkaufsraum hörte er die Türklingel. Tinia war weg.
Simon stand verloren zwischen der Kaffeemaschine und den Mitarbeiterspinden und hielt sich an einem Blumenstrauß fest, den er nicht leiden konnte.
Elias war bi? Und stand auf Tinia? Wie um alles in der Welt konnte ein Mensch gleichzeitig auf die glitzernd pinke Chaotin Tinia und ihn abfahren? Wie war das möglich?
Dass überhaupt jemand auf Tinia stand, erschien Simon mit einem Mal auch sehr unwahrscheinlich. Plötzlich hasste er sie. Sie gingen jedes zweite Wochenende zusammen feiern oder wenigstens auf einen Drink in irgendeine Bar. Er hatte immer gedacht, dass sie seine Freundin war. Aber jetzt hatte sie ihn betrogen. Hinter seinem Rücken.
Und zu allem Übel wohnten sie auch noch zusammen.
Merle rieb sich vorsichtig die Augen. Sie war müde, aber sie wollte ihre Wimperntusche nicht noch mal verschmieren. Sie war ja noch verabredet. Schnell öffnete sie ihre Handtasche und suchte nach dem Schlüssel. Eigentlich sollte sie den endlich irgendwo festmachen. Es gab doch diese Handtaschen, in denen innen Karabinerhaken waren, an die man die Schlüssel haken konnte. Dann fand man sie immer sofort. Das ewige Suchen war ja auch kein Zustand. Merle fand sich furchtbar unorganisiert. Es war ein langer Tag in der Schule gewesen und jetzt stand sie vor der Haustür und suchte ihre Schlüssel seit gefühlt zehn Minuten.
Andererseits war so ein Haken wahrscheinlich spießig. Wollte sie wirklich immer alles parat haben? Na ja, vielleicht nicht alles, aber wenigstens den Schlüssel. Du könntest auch eine kleinere Handtasche nehmen, hörte sie David in ihrem Kopf sagen, aber sie war Lehrerin, sie konnte nicht nur mit Handy, Geldbeutel und Schlüssel zur Arbeit gehen. Sie würde die ersten drei Schulstunden nicht überleben. Ganz zu schweigen von ihren neuen Aufgaben als Konrektorin.
Während sie sich innerlich ein wenig über das aufregte, was David in dieser Situation wahrscheinlich sagen würde, aber gar nicht gesagt hatte, sah sie etwas silbern aufblitzen.
»Ha!«, triumphierte sie laut und griff nach dem Schlüsselbund. Sie steckte den Schlüssel erleichtert ins Schloss und wollte ihn umdrehen, als die Tür bereits nachgab und sich öffnete.
Irritiert schob Merle sie auf. Der Schlüssel ließ sich nicht drehen, der Türbolzen zeigte sich nicht. Eigentlich logisch, dass in diesem heruntergekommenen Haus schon wieder was kaputt war, aber musste es ausgerechnet die Haustür sein? Merle schob sie hinter sich zu, sie schloss natürlich nicht. Großartig, dachte sie und drehte sich zum Briefkasten.
Sie holte die Post der WG raus und fand Werbung für Tinia, zwei Schreiben von Simons Versicherung und einen Brief für Philipp Schmidt. Merle seufzte, drehte sich um und ging die Treppe hoch. Sie ging an ihrer Wohnung vorbei in den vierten Stock und klingelte bei Schmidt.
Sie hörte knarrende Dielen und Schritte, die näher kamen. Es dauerte lang und gab ihr Zeit, die beschmierten Wände zu betrachten. Fast war es gut, dass der Putz überall abblätterte, denn so verschwanden wenigstens die Zeichnungen und Schriftzüge von den Wänden. Es war nicht gerade so, dass sich hier bedeutende oder aufstrebende Künstler ausgetobt hatten. Vielmehr hatten sich alle pubertierenden Bewohner hier verewigt, die dieses Haus in den letzten vierzig Jahren beherbergt hatte. Aber nun bröckelte der Putz von den Wänden und zeigte, dass nichts für die »Ewigkeit« war, schon gar nicht in diesem Haus.
»Ja«, bellte eine tiefe Stimme und riss sie aus ihren Gedanken.
Merle zuckte zusammen und sah in Philipps grimmiges Gesicht. Er hatte dunkle Locken und dunkle Ringe unter den Augen. Ein Poloshirt spannte über seinen breiten Schultern. Merle betrachtete die Brustmuskeln und dachte unwillkürlich, dass er vielleicht eine Nummer größer tragen sollte. Aber dann sah sie seine schmalen Hüften und nahm wieder Abstand davon – und dann riss sie den Blick von seinem Körper los.
»Hi, ich wohne unter dir«, sagte sie schnell. »In der ersten Etage.«
»Und?«, kam es knapp zurück. Dann gähnte er.
»Hab ich dich geweckt?«
»Ja.«
»Okay, tut mir leid. Hier«, sie hielt ihm den Brief hin. »Der Postbote hat Dose und dich wieder durcheinandergebracht. Er heißt ja auch Schmitt, also anders geschrieben … aber jedenfalls: hier. Schon lustig, diese Verwechslungen, oder?«
»Nein.«
Sie räusperte sich verlegen. »Ja, der Postbote sollte wirklich mal lesen lernen.«
Er zeigte auf einen Zettel, der an seiner Tür klebte und auf dem stand: Nicht vor 22 Uhr klingeln. »Nicht nur er sollte lesen lernen. Bist du nicht Lehrerin? Wo? Auf der Sonderschule?«
Philipp nahm den Brief und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.
Unten in ihrer WG stellte Merle seufzend die große Handtasche in ihr Zimmer. Auf dem Weg in die Küche kam Dose ihr entgegen. Er schlürfte schwarzen Kaffee.
»Du hast einen Brief bekommen«, sagte sie und zeigte auf die Anrichte neben der Tür. »Und stell dir vor, wir hatten schon wieder Post von dem anderen Schmidt bei uns im Kasten, dem von oben. Hab ich ihm hochgebracht.«
»Wieso?«, fragte Dose und trank Kaffee.
»Wie? Wieso? Willst du seine Post aufmachen?«
»Nee, aber du kannst seinen Kram doch einfach in seinen Briefkasten werfen. Dafür sind Briefkästen doch da.«
Merle wollte etwas erwidern, aber sie wusste nicht was. Dose hatte recht. Daran, die Post einen Kasten weiter links einzuwerfen, hatte sie einfach nicht gedacht.
»Besonders, weil der ein Arschloch ist«, fügte Dose an.
»Arschloch?«
»Sag nicht, dass der zu dir freundlich war.«
»Nein, das kann man so nicht sagen«, antwortete Merle und spürte Wut im Bauch. Philipp war ein arroganter Schnösel. Sonderschule? Das war nicht mal originell.
»Er hält sich für was Besseres. Wohnt da allein auf hundert Quadratmetern, der feine Herr Doktor. Was ist der überhaupt für’n Arzt? Wahrscheinlich Schönheitschirurgie. Und wir wohnen hier zu fünft. Zu fünft!«
»Also, seine Wohnung ist in der Mitte oben, die ist doch kleiner als unsere.«
»Aber nicht viel, ich war da mal drin, bevor der eingezogen ist. Das ist ein Palast.«
Merle lachte. »Nichts in diesem Haus ist ein Palast, schon gar nicht eine einzelne Wohnung.«
»Merle, es geht mir hier um das Prinzip.«
Sie grinste. »Und wann geht es dir nicht darum?«
»Ja, du lachst. Weil du von unserem Staat gut dafür bezahlt wirst, kleine Kinder zu Gesellschaftssklaven des Kapitalismus zu machen. Dir geht es einfach zu gut. Und ein einzelner Mann auf hundert Quadratmetern, während in Marzahn die Hochhäuser überquellen, das ist politisch falsch.«
Merle machte ein ernstes Gesicht und nickte. »Ja, natürlich, Dose. Natürlich. Und wann waren du und dein Engagement das letzte Mal in Marzahn?«
Dose hob verzweifelt die Arme. »Warum verteidigst du den eitlen Fatzke da oben? Der wählt doch CDU. Oder schlimmer.«
»Du weißt doch gar nicht, was der wählt.«
»Und ich werde ihn auch nicht fragen, denn ich habe Angst vor der Antwort und davor, was ich dann mit ihm mache. Also, früher, also es gab Zeiten, da hab ich … ich will das gar nicht aussprechen.«
»Was? Dass du die Mülltonne seiner Eltern angezündet hättest?«
»Pah.« Dose schnaubte. »Von so einem Kinderkram rede ich nicht.«
Sie verdrehte die Augen. »Aber was anderes hast du nun mal nicht gemacht, Dose.«
»Was?« Seine Gesichtszüge entglitten ihm. »Für was hältst du mich?«
Merle schluckte und suchte nach Worten. Sie wollte ihm nicht sagen, dass er immer mehr ein Punk-Darsteller als ein Punk gewesen war. Sie mochte ihn und wusste, nichts würde ihn mehr verletzen.
»Ich habe sehr viel mehr angezündet. Ich habe mich geprügelt, ach was, ich war im Krieg gegen Konsum, Korruption und Kapitalismus. Ich war …« Er verstummte und sah sie nachdenklich an. »Vielleicht hätte ich wirklich mit härteren Bandagen kämpfen sollen.«
Merle lächelte und klopfte ihm auf die Schulter. »Quatsch, du hast deinen Mund aufgemacht, als viele geschwiegen haben. Machst du heute noch. Mach dich nicht verrückt, Dose. Du bist ein guter Mensch.«
Dose seufzte, nahm die Schultern zurück und nickte. »Besser als der feine Herr Doktor da oben. Überhaupt sollten wir die Post von dem auch verbrennen.«
Merle hob eine Augenbraue. »Und was soll das bringen?«
»Der muss auch lernen, dass er nicht alles haben kann. Nicht alles!«
»Ah«, machte Merle sprachlos. Sie bezweifelte das Philipp Schmidt alles hatte. Sie glaubte viel mehr, dass er unglücklich und deshalb mies drauf war. Nicht dass er ihr leidtat, dafür war er wirklich zu arrogant. Aber Merle stellte sich jemanden, der »alles hatte«, einfach glücklicher vor. Netter.
Er wohnte noch nicht lange hier und hatte nie auch nur »hallo« gesagt. Merle wartete eigentlich bis heute darauf. Nicht dass es wichtig war. Warum sie ihm die Post allerdings unbedingt persönlich hatte hochbringen müssen, war auch ihr ein Rätsel. Merle lief jedes Mal bis in den vierten Stock und überbrachte die Post persönlich.
»Was hast du heute Abend vor?«, fragte Dose. »Wollen wir ihm eine Überraschung in den Briefkasten legen?« Er zwinkerte. »Überraschung … du verstehst?«
»Nein, nicht ganz, und ich will das auch nicht so genau wissen.«
»Dabei hätte ich Ideen, das glaubst du nicht … Bist du sicher, dass du keine Zeit hast?«
»Ja, David kommt.«
Dose gähnte. »Na, ob das die richtigen Prioritäten sind.«
Merle lachte. »Das sind sie sicher. Besonders, wenn ich bedenke, dass deine Idee wahrscheinlich irgendwas mit Fäkalien zu tun hat.«
»Mit Sicherheit hat sie das.«
»Dose, bitte tu das nicht«, sagte Merle noch, aber da war er schon sehr geschäftig in sein Zimmer gegangen. Sie atmete tief durch. Kurz befürchtete sie, Dose würde wirklich Kacke oder so was in Philipps Briefkasten werfen. Das wäre ihr entsetzlich peinlich gewesen. Außerdem war das kein politischer Protest, sondern dumm und albern. Aber das war auch Dose bewusst, er würde so etwas niemals durchziehen. Er redete viel, wenn der Tag lang war. Und sonst auch. Merle wusste das, und es tröstete sie.
Aber dennoch wollte sie einfach nicht mehr zu jemandem sagen, dass er bitte nicht in einen Briefkasten kacken solle. Wie alt waren sie denn alle? Sie wollte ihre Zeit nicht mit solchen Sätzen oder Befürchtungen verbringen.
Nein, es war schön hier in dieser WG gewesen, aber es war Zeit zu gehen. David würde sich sicher freuen, dass sie endlich so weit war.
***
»Na? Was machst du?«, fragte David und umarmte Merle von hinten. Sie erschrak leicht und drehte sich auf ihrem Schreibtischstuhl zu ihm um.
»Ich hab dich gar nicht reinkommen hören.«
»Dose hat mir aufgemacht. Deine Tür war angelehnt. Und unten war eh offen.«
»Ach ja. Das Schloss … Da muss ich auch noch bei der Hausverwaltung anrufen.«
»Du?«
»Glaubst du, das macht irgendjemand anders in dieser Wohnung?«
»Vielleicht jemand anders im Haus.«
»Hoffentlich.« Sie lächelte und küsste ihn. »Ist ziemlich chaotisch da draußen, was?«
Er hob die Schultern und ließ sich auf ihr Bett fallen. »Ich find’s witzig.«
»Aber da stehen immer noch Kartons. Der Neue besitzt kaum was, aber seine paar Kartons stehen immer noch im Flur, weil Fridolin sie nicht auspacken darf, bevor Dose ihm nicht erklärt hat, was es mit unserer Mülltrennung auf sich hat.«
David lachte. »Ihr seid echt zum Schießen.« Er klopfte neben sich aufs Bett. »Komm her.«
David hatte sehr kurze Haare, was sein markantes Kinn betonte. Seine Augen blitzten, wenn er lachte, was auf Merle immer ansteckend wirkte. Aber jetzt lächelte sie bedauernd. »Gleich, ich muss das erst noch fertig machen.« Sie zeigte auf ihren Schreibtisch.
»Was du dir immer alles mit nach Hause nimmst …« Er schüttelte gespielt tadelnd den Kopf. »Man wird doch nicht Lehrer, um nach 13 Uhr noch zu arbeiten.«
Merle runzelte die Stirn. Sie wusste, dass David einen Witz machte, aber sie wusste auch, dass ein kleiner Teil von ihm wirklich so dachte.
»So ist der Lehrerberuf schon lange nicht mehr. Und ich bin jetzt Konrektorin.«
»Ja, Schatz, aber …« Er räusperte sich und setzte sich auf. Er sah sie ernst an. »Ist das wirklich, was du willst?«
»Wie meinst du das?«
»Das ist doch nur noch mehr Arbeit, ohne irgendeine Verbesserung.«
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