Liebe knistert wie Brausepulver - Lene Hansen - E-Book

Liebe knistert wie Brausepulver E-Book

Lene Hansen

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Manchmal hilft nur Diebstahl, um ein Herz zu gewinnen …

Für Valerie könnte es nicht besser laufen: Frühlingsgefühle liegen in der Luft, und endlich hat sie ihre heiß ersehnte Beförderung erhalten. Doch der Sonnenschein in ihrem Leben erlischt jäh, als sie erfährt, dass ihre geliebte Großtante Berenike im Koma liegt. Valerie reist nach Berlin, um sich dort um Berenikes Café zu kümmern. In dem Lokal findet sie jedoch Hinweise, dass sich ihre exzentrische Tante neben Buttercremekuchen und Sahnebiskuit mit weitaus gefährlicheren Dingen beschäftigt hat …
Endlich steht Niklas auf der Seite von Recht und Ordnung. Seine Karriere als Kunstdieb hat er an den Nagel gehängt. Um den Neuanfang zu wagen, lässt er alles Alte hinter sich. Doch dann lernt er Valerie kennen, die nicht nur himmlisches Gebäck verkauft, sondern gemeinsam mit ihm Hals über Kopf in ein riskantes Abenteuer verwickelt wird …

»Liebe knistert wie Brausepulver« hat Ihnen gefallen? Dann lesen Sie unbedingt »Liebe schmeckt wie Karamell« und entdecken Sie die Geschichte um Felix, den Bruder des Protagonisten Niklas!

Die Autorin schreibt auch unter dem Pseudonym Nelly Berlin.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Für Valerie könnte es nicht besser laufen: Frühlingsgefühle liegen in der Luft, und endlich hat sie ihre heißersehnte Beförderung erhalten. Doch der Sonnenschein in ihrem Leben erlischt jäh, als sie erfährt, dass ihre geliebte Großtante Berenike im Koma liegt. Valerie reist nach Berlin, um sich dort um Berenikes Café zu kümmern. In dem Lokal findet sie jedoch Hinweise, dass sich ihre exzentrischen Tante neben Buttercremekuchen und Sahnebiskuit mit weitaus gefährlicheren Dingen beschäftigt hat …

Endlich steht Niklas auf der Seite von Recht und Ordnung. Seine Karriere als Kunstdieb hat er an den Nagel gehängt. Um den Neuanfang zu wagen, zieht er sogar um. Dabei lernt er Valerie kennen, die nicht nur himmlisches Gebäck verkauft, sondern gemeinsam mit ihm Hals über Kopf in ein riskantes Abenteuer verwickelt wird …

Autorin

Lene Hansen ist das Pseudonym des Selfpublishing-Stars Nelly Berlin. Aus Versehen in der tiefsten Provinz geboren, wuchs sie in mehreren europäischen Großstädten auf. Umgeben von vier Brüdern lernte sie früh, dass zwei Dinge das Leben entschieden leichter machen: als Erste vor Ort zu sein und immer gut gelaunt die beste Pointe im Ärmel zu haben. Bis heute bemüht sie sich um beides, sowohl als Ärztin in Berlin als auch als Schriftstellerin auf der Suche nach dem perfekten Happy End für ihre liebenswert-charmanten Romane.

Von Lene Hansen bereits erschienen

Liebe schmeckt wie Karamell

Besuchen Sie uns auch auf www.instagram.com/blanvalet.verlag und www.facebook.com/blanvalet

Lene Hansen

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstveröffentlichung 2022 in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright © 2022 by Lene Hansen

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

Redaktion: René Stein

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

Umschlagmotiv: Shutterstock.com (Elen Koss; sabri deniz kizil; Dora Deme)

DK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-25985-3V001

www.blanvalet.de

1. Kapitel

München

Zweihundert lachsfarbene Rosen! Ungläubig legte Valerie den Telefonhörer aus der Hand. Das war verrückt. Wo um alles in der Welt sollte sie diese Blumen herzaubern? Zeit blieb ihr kaum, da die Rosen schon in wenigen Stunden im Atelier ihrer Chefin stehen sollten. Nahezu fassungslos schüttelte Valerie den Kopf. Das war sogar nach den Maßstäben von Amanda Modefürst ziemlich extrem. Und ihre Chefin hatte am Telefon auch noch betont, dass die Besorgung der Blumen eine Voraussetzung für eine mögliche Beförderung wäre. Valerie stöhnte leise auf.

Warum waren Amanda die Rosen auch erst jetzt eingefallen? Es war ja nicht so, dass sie nicht schon seit Wochen das Shooting planten. Am Morgen noch war Valerie felsenfest überzeugt gewesen, dass alles dafür fertig war. Sie war sich sogar so sicher gewesen, dass sie zur Feier des Tages ein besonders extravagantes Outfit gewählt hatte. Da saß sie nun in ihrer weißen Bluse mit dem überbreiten Rüschenkragen, der ihre dunkelbraunen Locken betonte, einem hellblauen Cord-Minirock zu mauve-silber geringelten Strumpfhosen und mit den höchsten Stilettos, die sie besaß. Aber in diesen Schuhen würde sie in einer annehmbaren Zeit kaum das nächste Blumengeschäft erreichen, geschweige denn bis zu einem Laden kommen, der zweihundert lachsfarbene Rosen vorrätig hatte. Falls es so etwas an einem gewöhnlichen Freitagmittag im März in München überhaupt gab.

Valerie stützte den Kopf in die Hände und schloss die Augen. Die Rüschen an ihrer Bluse raschelten leise. Die Rosen waren ein Problem, aber wahrscheinlich noch nicht einmal das größte. Schlimmer noch war die Frage, was Amanda Modefürst unter »lachsfarben« genau verstand. Mit der Inhaberin einer großen Designfirma über Farbschattierungen zu streiten, war komplett sinnlos. Bisher war Valerie sich ziemlich sicher gewesen, was das Farbempfinden ihrer Chefin betraf. Doch seit zwei Wochen lief Amanda mit orange getönten Gläsern in ihrer breiten Hornbrille herum. Seitdem wurden ihre Farbwünsche von Tag zu Tag exaltierter, während Valerie zunehmend ins Schwimmen kam. Erst vor wenigen Tagen war es zu einer Katastrophe gekommen, als die von Valerie besorgten dreihundert Meter feinster japanischer Seide durch die getönten Gläser irgendwie anders als türkis geschimmert hatten. Ohne auch nur einmal über den Rand der Brille zu schauen, war die Chefin ausgeflippt. Auf eine Wiederholung dieses Theaters konnte Valerie getrost verzichten.

Was mache ich also?, fragte sie sich und schlug die Augen wieder auf. Normalerweise hätte sie ihre Freundin Clara in der Kreativabteilung um ein paar Farbmuster gebeten, die sie dann Amanda vorlegen konnte, aber dafür fehlte ihr die Zeit. Außerdem befand sich Clara wie der Großteil der Belegschaft gerade in einer Art Schockstarre. Denn ausgerechnet heute früh hatte Amanda Modefürst kurzerhand das gesamte Farbkonzept für die kommende Innendesign-Kollektion über den Haufen geworfen: Aus »Wälder« wurden »Sonnenwelten«. Im ganzen Haus brach Hysterie aus, und vorhin war Valerie auf dem Flur sogar einer weinenden Kollegin begegnet, die gar nicht wusste, woher sie auf einmal all die Gelbtöne nehmen sollte, nachdem sie monatelang mit Grün in allen Schattierungen gearbeitet hatte.

Für eine Sekunde sehnte sich Valerie nach der Zeit vor dem Optikerbesuch ihrer Chefin zurück. Da hatte Amanda Modefürst nur eine bewältigbare Anzahl ungewöhnlicher Wünsche geäußert – nach einem Milchkaffee ohne Milch und Kaffee, nach einer Watte, die nicht fusselte, oder nach einem Lila, das weder flieder- noch veilchenfarben war.

Doch seit dem Einzug der getönten Brillengläser wurde Valerie mit Amandas Aufträgen kaum noch fertig. Ständig war eine Farbe zu hell, zu dunkel oder schlicht nicht passend, weshalb sich die Arbeit staute und sich noch mehr unerledigte Aufgaben als sowieso schon auf Valeries Schreibtisch türmten. Jetzt läutete auch das Telefon, und für eine Sekunde hoffte Valerie, dass das Amanda war, die es sich mit den Rosen anders überlegt hatte. Doch es war der Leiter der Marketingabteilung. »Stimmt das? Alles neu und auf Gelb?« Seine hastig gesprochenen Worte ohne vorangehende Begrüßung klangen geradezu panisch.

Mitleidig bejahte Valerie, die wusste, dass es das Marketing neben der Kreativabteilung besonders hart traf. »Ich habe dir schon die ersten Farbentwürfe für das neue Konzept weitergeleitet. Ihr sollt die Werbung komplett überarbeiten, allerdings im gleichen Zeitrahmen.« Valerie hasste es, schlechte Nachrichten zu überbringen – etwas, das sie als Mitarbeiterin von Amanda viel zu oft machen durfte.

»Ist das dein Ernst? Das ist unmöglich!«

»Hm«, machte Valerie vage. In der Firma von Amanda Modefürst gehörte es schlicht dazu, das Unmögliche möglich zu machen – es war sozusagen der Normalzustand. Vielleicht hätte es einen Aufstand gegeben, wenn Amanda nicht über ein so sicheres Händchen für das Geschäft verfügt hätte. Aber sie lag mit ihren Entscheidungen immer richtig, und Valerie musste zähneknirschend zugeben, dass sich die zweihundert lachsfarbenen Rosen beim Fotoshooting sicherlich ausgezeichnet machen würden. Zumindest, wenn sie sie schnell genug auftreiben konnte.

»Ich werde mich bemühen, für gute Stimmung bei der Chefin zu sorgen, indem ich bis heute Nachmittag zweihundert lachsfarbene Rosen besorge«, erklärte sie dem Chef der Marketingabteilung. »Vielleicht kannst du dann noch einmal mit ihr wegen des Zeitrahmens für die Werbekampagne sprechen?«

Der Kollege machte ein komisches schnaubendes Geräusch irgendwo zwischen Lachen und Weinen. »Welche Farbe sollen die Blumen genau haben? Lachsfarben? Eher wie ein Wildlachs oder wie ein in Aquakultur gezogener Fisch?«

Valerie spürte einen unangenehmen Druck im Magen. Über Unterschattierungen der sowieso schon ungewöhnlichen Farbe wollte sie gar nicht erst nachdenken. Rasch verabschiedete sie sich, bevor der Marketingchef in seinem Frust noch beunruhigendere Ideen äußerte.

»Viel Erfolg mit dem Fisch«, wünschte der Kollege noch.

Den kann ich gebrauchen, dachte Valerie.

So schnell sie konnte, arbeitete sie sich durch die Seiten mehrerer Blumengroßhändler im Internet. Doch je mehr sie sah, desto unglücklicher wurde sie. Keiner der Münchner Händler hatte aktuell Schnittblumen in dieser Farbe vorrätig, es gab nur weiße und rote Rosen in so großer Anzahl.

Unwillkürlich musste Valerie an die wunderschöne türkise Seide denken, die solchen Ärger verursacht hatte. Wenn sie noch einmal bei einer Farbe so danebenlag, würden sich alle ihre Aussichten auf eine Beförderung in Luft auflösen, das hatte Amanda ihr klargemacht. Dabei hoffte Valerie so sehr darauf, die rechte Hand der Chefin zu werden, denn deren Arbeit war viel attraktiver als ihre jetzige. Als erste Assistentin wäre sie am kreativen Prozess beteiligt, könnte selbst gestalten und wäre nicht mehr nur der Ableiter für Amandas regelmäßig geschleuderte Blitze, die das Potenzial hatten, die halbe Firma in Brand zu setzen.

Nachdenklich wickelte Valerie sich eine Locke um ihren Zeigefinger, als ihr auf einmal eine zündende Idee durch den Kopf schoss. Sie könnte die Rosen doch färben! Das war schließlich das, was die Kreativwerkstatt im zweiten Stock mit der türkisen Seide jetzt auch machte.

Das ist eine super Idee, dachte Valerie glücklich. Eilig suchte sie im Internet nach brauchbaren Tipps zum Blumenfärben, während eine ständige Zunahme ungelesener E-Mails anzeigte, dass die meisten Mitarbeiter aus dem Haus Amandas neue Volte hin zu »Sonnenwelten« noch nicht verdaut hatten.

Aber darum konnte sich Valerie jetzt nicht kümmern. Gerade musste sie ihre Beförderung mit der richtigen Rosenfarbe retten! Und siehe da, es gab reichlich Anleitungen, wie man sogar mehrfarbige Rosen herstellen konnte. Zu Valeries großer Beruhigung klang es ganz einfach: weiße Rosen schräg anschneiden, Farbe in das Blumenwasser geben und dann nur noch abwarten. Besonders der Teil mit dem Abwarten gefiel Valerie, weil sie sich dann endlich um all die anderen Dinge kümmern konnte, die sich in den letzten Tagen auf ihrer To-do-Liste angesammelt hatten.

Beschwingt rief sie beim Blumengroßhandel an, wo sie zweihundert weiße Rosen in acht Eimern als Expresslieferung orderte. Dann klingelte Valerie bei Clara in der Kreativwerkstatt durch. »Ich weiß, du hast im Moment wirklich anderes zu tun, aber kannst du mir helfen und einen Lachsfarbton in flüssiger Form mischen?«

»Wird das Farbspektrum für die Kollektion schon wieder geändert?« Clara klang so, als litte sie unter Zahnschmerzen.

»Nein, nein, es bleibt bei ›Sonnenwelten‹. Ich habe hier nur so ein kleines Problem …« Kurz beschrieb Valerie ihr Dilemma mit den lachsfarbenen Rosen.

Clara versprach, allen farblichen Katastrophen in ihrer Abteilung zum Trotz ihr Möglichstes zu geben und eine passende Mischung anzusetzen, die Valerie dann ins Blumenwasser kippen konnte.

»Es ist keine Lebensmittelfarbe«, warnte sie noch.

»Aber die Blumen werden die Behandlung doch überleben, oder?«, erkundigte sich Valerie besorgt.

»Ich denke schon, nur: Will die Chefin die Rosen essen?«

»Ich hoffe nicht.« Valerie musste lachen. Allerdings traute sie Amanda so ziemlich alles zu. »Wie ich es verstanden habe, sind die Blumen nur fürs Foto.«

Nun lachte Clara ebenfalls. »Also gut, wenn sie sie isst, selbst schuld. Ich bringe dir die Farbe, so schnell es geht, hoch.«

»Du bist ein Schatz! Ich revanchiere mich mit selbstgebackenen Schokoladenbrownies«, versprach Valerie, bevor sie auflegte. Dann atmete sie einmal tief durch. Aus der großen Schachtel in ihrer obersten Schreibtischschublade nahm sie sich eine Praline, die ihr Tante Berenike aus Berlin geschickt hatte. Tante Berenike, eigentlich Valeries Großtante, war diejenige aus Valeries Verwandtschaft, die das Prädikat »liebende Angehörige« am meisten verdiente. Valeries Familie war klein, außerdem hatten sich Valeries überehrgeizige Eltern schon vor Langem disqualifiziert, weil sie sich nur um ihre Arbeit kümmerten. Nicht so Berenike. Sie konnte nicht verstehen, warum man ein Kind sich selbst überließ. Daher hatte sie früher Valerie in allen Ferien zu sich geholt und war mit ihr um die Welt gereist. Und auch jetzt noch verband die beiden Frauen eine starke Zuneigung, die sich nicht nur aus ihrer gemeinsamen Liebe zu Schokolade speiste. Denn ob heiß oder kalt, ob flüssig oder fest, ob hell oder dunkel – darin waren sich Valerie und Berenike einig: Es gab nichts Besseres. Und so versorgte Berenike ihre Großnichte mit einem nicht versiegenden Strom von Köstlichkeiten, die in schönster Regelmäßigkeit hübsch verpackt in München eintrafen.

Jetzt biss Valerie genüsslich in die krachende zartbittere Schokoladenkruste und schmeckte daraufhin eine cremige Füllung aus Gianduja.

Wunderbar, dachte sie zufrieden. So gestärkt schaute sie auf die ellenlange Liste unbeantworteter Mails, die sich in ihrem Postfach angesammelt hatten. In der folgenden Zeit beantwortete Valerie nicht weniger als sechsunddreißig Anfragen von Kollegen, die entweder irgendetwas über »Sonnenwelten« wissen wollten, sich erkundigten, ob die Chefin noch bei Trost wäre, oder um nun notwendig gewordene Budgetfreigaben baten, die Valerie alle notierte.

Ach, wenn ich doch befördert werden würde, dachte sie dabei sehnsüchtig. Dann könnte ich endlich etwas machen, das mehr Spaß macht. Der vor Kurzem frei gewordene Posten an Amandas Seite war außerdem mit großzügigen Befugnissen ausgestattet, die Valerie gern zum Wohl aller Mitarbeiter eingesetzt hätte.

Um ihre Chancen auf die Beförderung zu erhöhen, hatte sie in den letzten Wochen noch mehr gearbeitet als sonst und zusätzlich versucht, ihre Vorzüge – freundlich, belastbar, gut vernetzt – möglichst vorteilhaft in Szene zu setzen, was ihr bis auf das Debakel mit der Seide auch gelungen war. Schließlich kannte Valerie die Firma von der Pike auf, war mit allem und jedem per du und ein gern gesehener Gast in allen Abteilungen. Trotzdem wusste man bei Amanda nie …

Und dann gab es ja noch Denise aus dem Personalwesen, die zwar gerade erst in der Firma angefangen hatte, aber genau wie Valerie ein Auge auf die freie Stelle geworfen hatte. Denise war das komplette Gegenteil von Valerie. Kühl und berechnend wäre ihr niemals so eine Katastrophe wie die mit der japanischen Seide passiert, ließ sie Valerie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wissen. Denise war eine Meisterin darin, der Chefin nach dem Mund zu reden (was Valerie, die viel ehrlicher war, nicht so gut beherrschte), immer im entscheidenden Moment aufzutauchen (nachdem Valerie die ganze Arbeit gemacht hatte) und dann absolut perfekt auszusehen (während Valerie nach der ganzen Mühe meist eher derangiert wirkte). Nein, Denise gegenüber konnte und wollte Valerie sich niemals geschlagen geben.

Das mit den Rosen muss jetzt einfach klappen, entschied sie und nahm sich zur Stärkung noch eine Praline, die sich als Kaffeeschokolade mit einem Hauch von Zimt herausstellte.

Zum Glück trafen die Blumen tatsächlich kurz nach der Farbe aus der Kreativwerkstatt ein. Zweihundert Blumen in acht Eimern waren eine Menge, und es wurde ziemlich eng in Valeries kleinem Büro.

»Schwer verliebter Verehrer?«, erkundigte sich der Bote mit einem Augenzwinkern, als er den letzten Eimer ablud.

»Ich hoffe es«, antwortete Valerie mit einem Lächeln und einem Gedanken an Claas, der hoffentlich schwer verliebt und mit etwas Glück gerade auf dem besten Weg war, ihr Freund zu werden. Wenn das erst mit der Beförderung klappte, dann könnte sie doch … Claas und sie … Arbeit und Beziehung …

Mit etwas Mühe zwang Valerie sich, aus der Traumwelt zurückzukehren. »Diese Blumen sind tatsächlich für die Firma«, erklärte sie dann mit einem bedauernden Schulterzucken, bevor sie den Lieferschein unterschrieb und dem Boten als Dank eine Praline anbot.

Mit Vergnügen schaute sie auf das Blumenmeer um sich herum. Die vielen Rosen ließen sie das Büro komplett vergessen, und es sah vielmehr so aus, als wäre Valerie inmitten einer märchenhaften Blumenwiese gelandet. Die Rosen leuchteten so wunderschön weiß, dass Valerie es fast schade fand, sie umzufärben. Doch die Chefin wollte lachsfarben, und lachsfarben sollte sie bekommen.

An die Arbeit, ermahnte sich Valerie.

Kurz warf sie einen Blick auf den Zettel, auf dem sie sich alle Schritte notiert hatte, und auf die drei beschrifteten Plastikgefäße mit Claras Farbmischung. Dann legte sie los.

Als Erstes musste sie die grünen Blätter an den Stängeln entfernen, damit sie nicht so viel von dem gefärbten Wasser aufsaugten. Vorhin beim Lesen war das Valerie noch vollkommen unproblematisch erschienen, aber als sie jetzt auf die schiere Menge an Blumen schaute, wurde sie doch unsicher. Dazu kam, dass es mit den acht Eimern in ihrem Büro wirklich sehr eng geworden war. Von ihrer sitzenden Position am Schreibtisch aus griff sie nach der erstbesten Rose und betrachtete sie von allen Seiten. Sie hatte drei Blätter. Rasch rupfte Valerie diese ab, bevor sie eine zweite aus dem Eimer nahm – mit vier Blättern. Während sie weiter an den Rosen herumzupfte rechnete Valerie überschlagsweise aus, dass sie also irgendetwas zwischen sechshundert und achthundert Blätter entfernen musste. Dazu kamen die vielen Dornen, die ihr die Arbeit erschwerten. Valerie biss sich auf die Unterlippe. Außerdem sahen die Rosen ohne Blätter irgendwie kahl aus. Für einen Augenblick wurde Valerie unsicher, ob sie nicht auf dem Holzweg war.

Denk an die Beförderung, ermahnte sie sich dann jedoch und entfernte die Blätter von der nächsten Blume, wobei sie sich prompt stach.

»Aua«, murmelte sie und pustete auf ihren Finger. Ja, die Rosen waren wunderschön, aber langsam fand Valerie, dass ihre Chefin lieber Margeriten hätte bestellen sollen oder irgendeine andere Zierpflanze ohne Dornen, die es möglichst auch gleich in der richtigen Farbe gab. Mit einem winzigen Seufzer griff Valerie nach einer weiteren Rose und pikste sich abermals.

Ich sollte Gefahrenzulage für meine Arbeit fordern, überlegte sie, während sie sich an ihr halsbrecherisches Manöver vor einigen Wochen an der Zimmerdecke des Ateliers erinnerte, als Amanda unbedingt überall Zweige aufgehängt haben wollte. Und wer wusste schon, was die Chefin sich für »Sonnenwelten« alles einfallen lassen würde? Heizstrahler überall, kleine Lavaströme auf den Tischen?

Als Valerie nach zehn Minuten mit dem Abzupfen der Blätter noch nicht sehr viel weitergekommen war, spürte sie einen unwillkommenen Anflug von Nervosität. Ein Blick auf die Arbeitsanweisung zeigte ihr, dass der Farbwechsel ungefähr vier Stunden brauchen würde. Sie schaute auf ihre Uhr. So würde das nie etwas werden. Es wurde Zeit für eine Planänderung.

Ich nehme einfach mehr Farbe, und das jetzt sofort, entschied Valerie, deren Finger schon von den Dornen brannten. Kurzentschlossen öffnete sie die erste Farbportion von Clara, beugte sich hinunter und goss einen ordentlichen Schwall in den Roseneimer vor sich. Leider wurde dabei ein Teil der Farbe von den nicht entfernten Blättern abgelenkt, und es spritzte in alle Richtungen. Valerie spürte, wie mehrere Tropfen sie auf der Nase und Wange trafen. Ungeduldig wischte sie diese mit dem Handrücken weg. Beim zweiten Eimer war sie vorsichtiger und schob erst die Rosen zur Seite, wobei sie sich abermals stach.

Bringen eigentlich Dornenstiche Glück?, fragte sie sich, während sie großzügig Farbe ins Wasser kippte, das prompt eine sehr kräftige Färbung annahm. Glück könnte sie gut gebrauchen – für die Beförderung und für die Sache mit Claas, die irgendwo zwischen Himmel und wackeligem Untergrund festhing.

»Also los«, ermunterte Valerie die Blumen mit ihrer warmen Stimme. »Schön lachsfarben werden.«

Doch dann fiel ihr ein, dass sie die Rosen ja eigentlich erst noch hätte anschneiden sollen. Doch das würde ebenfalls eine Ewigkeit in Anspruch nehmen, also gab sie kurzerhand noch etwas mehr Farbe ins Wasser, bis es fast dunkel erschien.

Kein normaler Lachs sieht aus wie das Wasser, überlegte Valerie und fragte sich, ob sie die Mischung besser wieder verdünnen sollte. Doch dafür müsste sie erst etwas vom Rosenwasser abgießen, wofür sie den Eimer aus ihrem Büro bekommen müsste, zur Toilette schleppen …

Nein, entschied Valerie, das musste so gehen. Beherzt griff sie nach der zweiten Farbmischung und stand auf, um an die anderen Eimer zu kommen. Das war gar nicht so einfach, denn alles stand dicht an dicht in ihrem winzigen Büro, das so viel enger war als der luftige große Arbeitsbereich der ersten Assistentin im obersten Stockwerk.

Mit der Farbe in der Hand quetschte sich Valerie zwischen Schreibtisch und stacheligen Rosen hindurch. Plötzlich begann hinter ihr das Telefon zu läuten.

Das ist bestimmt die Chefin, dachte Valerie und drehte sich pflichtschuldig sofort um. Durch ihre hektische Bewegung riss sie die äußersten Rosen im Eimer neben sich mit, blieb an einzelnen Dornen hängen und stolperte halb, wodurch sie den Eimer zum Kippen brachte. Valerie warf sich zur Seite, um ihn aufzufangen, was ihr im allerletzten Augenblick noch gelang. Leider schüttete sie dabei den Farbtopf aus, den sie in der Hand gehalten hatte. Ein lachsfarbener Schwall ergoss sich über die Rosen, den Boden, aber leider auch über Valeries hübschen hellblauen Rock, der danach nicht mehr so hübsch und auch nicht mehr so hellblau aussah. Automatisch strich Valerie darüber, woraufhin auch noch ihre Hand lachsfarben wurde.

Währenddessen läutete das Telefon weiter, immer vorwurfsvoller, wie es Valerie vorkam. Hektisch wischte sie ihre Hand an ihrem Rock ab, wobei sie entdeckte, dass sie auch Farbe auf den weiten Ärmel ihrer hellen Bluse bekommen hatte.

Verflixt!

Das Telefon hörte auf zu klingeln.

»So ein Mist«, murmelte Valerie, während sie einhändig eine Packung Taschentücher aus ihrer Schublade fummelte. Doch so leicht, wie sie sich das vorgestellt hatte, ließ sich die Farbe nicht abwischen, weder vom Boden noch von ihr selbst. Stattdessen wurde bei ihren Bemühungen auch noch ihre zweite Hand farbig. Jetzt sah es so aus, als habe sie einen tragischen Unfall mit dem Selbstbräuner erlitten.

Aber das war egal – jetzt war das Färben der Blumen dran! Energisch verteilte Valerie den Rest der Farbe, den sie nicht verschüttet hatte, auf die übrigen Eimer, bevor sie die orangen Taschentücher und die leeren Plastikgefäße im Müll entsorgte. Dass sie dafür fast einen Spagat über die Rosen hinweg hinlegen musste, fand sie nicht so schlimm, genauso wenig wie die Farbe auf ihren Händen. Denn wenn sich die Rosen jetzt genauso kräftig verfärbten wie die Taschentücher und ihre Haut, war alles in Butter.

Valerie hatte sich gerade wieder an ihren Schreibtisch gesetzt, als eine laute, unangenehm quietschige Stimme sie aus ihren Gedanken riss. »Na, was haben wir denn da?«

Überrascht drehte Valerie den Kopf. Was wollte denn ausgerechnet Denise hier in ihrem Büro?

»Ja, bitte?«, fragte sie so freundlich wie möglich.

Normalerweise fiel es Valerie leicht, das Gute in allen Menschen zu sehen. Aber bei Denise war das anders. Schon häufiger hatte Valerie sich selbst vorgeworfen, dass sie netter zu Denise sein sollte, die ihre guten Eigenschaften wahrscheinlich einfach nur ein wenig mehr versteckte als andere. Trotzdem schaffte es Valerie nicht, Denise positiv zu sehen. Und das lag beileibe nicht nur am stets makellosen Äußeren ihrer Kollegin. Für Valerie war Denise jemand, der alles zu seinem Vorteil drehen wollte, egal was es für die anderen bedeutete. Außerdem war Denise hochnäsig. Ja, sie sah großartig aus mit ihren wallenden blonden Haaren und der mehr als schlanken Figur. Aber das änderte nichts daran, dass ihre Oberlippe schmal und ihre Nase spitz wirkten, als sie jetzt auf Valerie herabsah.

Genervt unterdrückte Valerie ein Murren.

»Also? Was machst du da?« Denise liebte es, Witze auf anderer Leute Kosten zu machen. Daher zählte Valerie die Sekunden, bis Denise sich über ihr bekleckertes Aussehen lustig machen würde. Aber als nichts kam, erklärte sie: »Ich färbe Blumen. Und was machst du hier?« Schließlich lag Denises Büro ganz woanders.

»Ich dachte, ich komme mal vorbei und spreche mit dir. Allerdings solltest du dir die Farbe aus dem Gesicht wischen.«

»Wieso?« Irritiert blickte Valerie auf.

»Nun ja, deine Kleidung, deine Hände, die seltsamen Flecken in deinem Gesicht … Du siehst aus wie das hässliche Entlein – ein orange bekleckertes Entlein, um genau zu sein.« Denise kicherte. »Dabei hättest du es so viel leichter haben können, wenn du es so gemacht hättest wie ich.«

»Wovon sprichst du?« Valerie sah zu ihrer Kollegin und musste feststellen, dass Denise eine neue Brille trug. Und nicht irgendeine, sondern eine mit orange getönten Gläsern genau wie Amanda Modefürst.

»Krass!«, murmelte Valerie unwillkürlich.

»Du sagst es«, erwiderte Denise zufrieden. »Ich bin also mit meinen zweihundert Rosen schon fertig, denn durch die Brille sehen die weißen Rosen lachsfarben aus. So habe ich Zeit, mich aufs Wochenende zu freuen.« Sie klang so selbstzufrieden wie immer.

»Wie?« Valerie hatte das Gefühl, komplett auf dem Schlauch zu stehen. Getönte Brillengläser, Wochenende …? »Du solltest auch zweihundert lachsfarbene Rosen besorgen?«, fragte sie dann.

Denise nickte, wobei sie wieder den hochmütigen Gesichtsausdruck aufsetzte, den Valerie so grässlich fand. »Ich denke, dass es so eine Art Contest zwischen uns ist.«

»Ein Wettbewerb?« Valerie brauchte all ihre Beherrschung, um nicht mit den Augen zu rollen. »Vielleicht braucht Amanda einfach vierhundert Rosen und wollte die Arbeit gerecht zwischen uns aufteilen?«

»Bist du bescheuert? Ich sitze in der Personalabteilung, warum sollte ich mich um Blumen kümmern? Außerdem, wenn schon einer von uns Rosen besorgen soll, kann er doch auch gleich die ganze Bestellung übernehmen. Na ja, außer man macht dafür so ein komisches Geplemper wie du, dann kann man wahrscheinlich vierhundert Stück wirklich nicht schaffen.« Denise Stimme bekam einen mitleidigen Unterton, der Valerie so wütend machte, dass sie am liebsten auf den Tisch gehauen hätte. Aber Denise flötete einfach weiter. »Wenn es also ein Wettbewerb ist, habe ich ihn schon gewonnen, denn deine Rosen werden durch die Brille falsch aussehen. Aber sag jetzt nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Neben dem hochkochenden Ärger in der Brust spürte Valerie einen beginnenden Druck im Magen. Stimmte das wirklich? Keinesfalls wollte sie noch einmal bei einer Farbe komplett danebenliegen.

»Aber deine Rosen sind ja gar nicht lachsfarben«, hielt sie vorsichtig dagegen.

Denise tat Valeries Einwand mit einem Schulterzucken ab. »Durch die Brille schon.«

»Aber was ist, wenn Amanda ihre Brille abnimmt?« Valerie empfand Denises Vorgehen irgendwie betrügerisch.

»Ja, genau, was passiert dann?«, fragte eine tiefe, volltönende Stimme hinter Denise, die sofort herumfuhr, während auch Valerie aufsprang.

Im Flur vor dem Büro stand Amanda Modefürst und schaute nacheinander Denise und Valerie an. Die Chefin war eine ausgesprochen eindrucksvolle Erscheinung: groß, wuchtig, resolut und schwer. Sie liebte Ketten und Armbänder und trug stets so reichlich davon, dass sie Valerie manchmal an einen überschmückten Weihnachtsbaum erinnerte.

»Also, was passiert dann?«, hakte die Chefin mit ihrer Baritonstimme nach.

Valerie bemerkte, dass Amanda tatsächlich ihre orangegetönte Brille wieder durch die mit den normalen Gläsern ersetzt hatte. Rasch schaute sie auf die Blumen und bildete sich ein, dass sich schon der erste lachsfarbene Schimmer in den weißen Blüten breitmachte.

Denise blieb erstaunlich cool. »Was man dann macht? Man gibt seiner Kollegin schnell noch die übrigen Blumen, damit sie sie auch so schön färbt.«

Wider Willen war Valerie beeindruckte. Sie selbst wäre nie auf so eine schlagfertige Antwort gekommen (nicht in einer Million Jahren), ganz abgesehen davon, dass sie nie versucht hätte, ihre Chefin so übers Ohr zu hauen (weshalb sie wahrscheinlich immer noch ihr Dasein als einfache Mitarbeiterin fristete).

Amanda brach in ein schallendes Lachen aus, das sich ehrlich amüsiert anhörte. »So wie ich unsere liebe Valerie kenne, würde sie sogar das Färben aller Rosen getreulich übernehmen.«

Valerie, die auf ihre orangefarbenen Hände geschaut hatte, blickte auf. Sie sollte noch weitere zweihundert Rosen färben? Alles nur, weil Denise dachte, sie wäre superschlau? Valeries Ärger nahm schlagartig zu, doch Amanda wiegte ihren Kopf langsam hin und her. »Denise, freuen Sie sich nicht zu früh über Ihr scheinbar cleveres Spiel. Valeries Kompetenz zusammen mit ihrer angenehmen Art sind nämlich der Grund, warum sie ab sofort meine erste Assistentin wird.«

Valerie und Denise blickten ruckartig zur Chefin, während Valerie ihr Herz schneller schlagen fühlte. Sie würde tatsächlich Amandas rechte Hand?

»Nur wegen der Rosen?« Denises unangenehme Stimme schnitt durch Valeries Glücksgefühl.

»Natürlich nicht nur deshalb«, gab Amanda unbeeindruckt zurück. »Ich werde Sie auch befördern, Denise, aber alles zu seiner Zeit. Valerie, kümmern Sie sich bitte um alle Rosen, bevor Sie in mein Vorzimmer umziehen. Aber sagen Sie mal, jetzt wo ich Sie so sehe …« Durch ihre Brille musterte Amanda Valerie eindringlich. »Sie haben so orangefarbene Flecken im Gesicht, die irgendwie ungesund aussehen. Sind Sie krank?«

2. Kapitel

Nach der Beförderung lief Valerie fast wie auf Wolken.

Vierhundert Rosen färben – ein Kinderspiel.

Lachsfarbe aus dem Bürofußboden zu bekommen – etwas schwerer, aber mit der Hilfe der Kolleginnen aus der Kreativabteilung ebenfalls zu meistern.

Das Fotoshooting mit den lachsfarbenen Rosen – eine echte Herausforderung, da der Fotograf allergisch gegen Rosen war, Amanda aber auf die Blumen bestand. Doch auch das managte Valerie. Ununterbrochen war sie auf ihren schwindelerregend hohen Stilettos im Einsatz und fühlte sich trotzdem energiegeladen und beschwingt. Ihre Beförderung war ein Grund zum Feiern!

Ihre Freude nahm sogar noch zu, als sie abends endlich in ihrem neuen Büro im obersten Stockwerk am Schreibtisch saß und durch die Glasfront hinunter auf das abendliche München schaute.

Ich bin da angekommen, wo ich schon so lange hinwollte, dachte sie glücklich. Dafür akzeptierte sie auch klaglos die zwei Seiten Anweisungen, die Amanda ihr ausgehändigt hatte.

Wasser wünschte die Chefin täglich frisch hingestellt zu bekommen, aber nur solches, das in der richtigen Mondphase abgefüllt worden war; der Kaffee durfte ausschließlich aus hell gerösteten Kaffeebohnen zubereitet werden; spezielle Kundenanfragen sollte Valerie nur in geraden Stunden, also von 10 bis 11 Uhr oder von 12 bis 13 Uhr und so weiter vorlegen, wohingegen die Zeit für betriebliche Besprechungen immer in den ungeraden Stunden lag. Als erste Assistentin hatte Valerie zu jedem Zeitpunkt Zutritt zum Atelier der Chefin, nur nicht, wenn Amanda Yoga machte. Valerie, die bis dahin nicht einmal geahnt hatte, dass sich ihre Chefin neuerdings für Yoga interessierte, prägte sich auch das ein.

Alles ist die Sache wert, entschied sie, während sie die Zettel an die Wand neben ihrem Schreibtisch pinnte, um dann weiter die wirklich spektakuläre Aussicht aus ihrem neuen Bürofenster zu genießen. Jetzt war es schon dunkel, aber im Hellen würde sie über die Häuser hinweg bis zu den Isarauen schauen und vielleicht in der Entfernung sogar den Schatten der Berge ausmachen können, zumindest wenn sie ganz fest daran glaubte. Aber auch jetzt nach Sonnenuntergang wirkte München mit seinem abendlichen Lichtermeer bezaubernd.

Perfekt, dachte Valerie zufrieden und streifte ihre Stilettos unter dem Schreibtisch ab.

Doch dann fiel ihr Blick auf die Uhr, und sie fuhr hoch. Es war schon nach acht! Der Umzug hatte viel länger gedauert, als sie geplant hatte. Gleich fand das Familienabendessen statt, und sie musste sich beeilen, wenn sie nicht zu spät eintreffen wollte. Und zu spät zu kommen war einfach keine Option – zumindest nicht, wenn sie kein Familiendrama heraufbeschwören wollte.

Außerdem würde auch Claas kommen. Claas, von dem sie träumte, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Vielleicht, ganz vielleicht könnte Valerie irgendwann darauf zurückblicken, dass sie heute nicht nur befördert, sondern auch Claas’ offizielle Freundin geworden war?

Aber jetzt konnte sie nicht in Fantasien schwelgen, jetzt musste sie schnellstmöglich aufbrechen. Rasch fuhr Valerie sich durch die dunklen Locken, warf einen prüfenden Blick auf ihren verfärbten Rock, die ehemals helle Bluse und ihre Hände, von denen sie die Farbe im Gegensatz zum Fußboden nicht komplett abbekommen hatte. Sicherlich wäre es besser, zuerst nach Hause zu gehen, sich umzuziehen und das Make-up aufzufrischen. Aber dafür war es jetzt zu spät. Also schminkte sich Valerie schnell mit den Sachen, die sie in ihrer Handtasche fand, krempelte die Blusenärmel hoch und hoffte, dass der Rest niemandem auffallen würde. Dann stieg Valerie wieder in ihre Stilettos, was viel schwerer ging, als sie zuvor abzustreifen. Aber immerhin würden ihre Beine toll darin aussehen. Die Beine, für die Claas so schwärmte.

Valerie schmolz fast dahin, wenn sie nur an ihn dachte. Claas sah phänomenal gut aus und konnte unglaublich liebenswürdig sein. Seit ihre Mutter damit begonnen hatte die Kandidaten für die Position des CFO in ihrer Firma einen nach dem anderen zu den Familienabendessen mitzubringen, hatte Valerie eine Menge sehr erfolgreicher Frauen und Männer kennengelernt. Aber keiner davon war auch nur im Entferntesten so großartig wie Claas. Offenkundig war er im Auswahlprozess eine Runde weitergekommen und war daher abermals mit von der Partie. In Valeries persönlichem Auswahlverfahren hatte er schon längst gesiegt, und sie konnte es kaum erwarten, vor aller Welt seine Freundin zu sein. Sie lächelte bei dem Gedanken. Zwar konnte Clara Claas nicht ausstehen, obwohl sich ihre Namen so ähnlich waren. Und auch Berenike hatte sich seltsam verhalten geäußert, als Valerie ihr bei ihrem letzten Telefonat von Claas vorgeschwärmt hatte. Doch schließlich konnten sich auch ihre farbbegeisterte Freundin und ihre herzallerliebste Tante mal irren, denn Valeries Gefühl stand eindeutig auf Treffer. Gut gelaunt warf Valerie ihre Schminksachen zurück in die Tasche auf den Umschlag mit dem geänderten Arbeitsvertrag, den Amanda ihr ebenfalls gegeben hatte, bevor sie die Schreibtischlampe ausstellte.

Was bedeuteten im Übrigen verfärbte Hände und Kleider im Vergleich zu einem gewaltigen Schritt nach oben auf der Karriereleiter? Ihre überehrgeizige Mutter würde endlich mal zufrieden sein, und auch ihr erfolgreicher Vater würde sich mit ihr freuen. Schnell stibitzte Valerie sich noch eine Praline aus der Schachtel von Tante Berenike und schob sie sich in den Mund.

Berenike muss ich unbedingt gleich von meiner Beförderung erzählen, überlegte sie, während sich das Aroma von Maracuja vor dem Hintergrund heller Schokolade in ihrem Mund ausbreitete. Mit dem köstlichen Schokoladengeschmack im Mund griff Valerie nach ihrem halblangen goldenen Designermantel, für den sie ewig gespart hatte, nahm ihre Tasche, ehe sie auch noch das Hauptlicht im Büro ausschaltete. Trotz ihrer unfassbar hohen Absätze lief sie schnell die Treppe hinunter, um bloß nicht noch mehr Zeit zu verlieren. In den Augen ihrer Mutter war Unpünktlichkeit eine Todsünde, und Valerie wollte den Abend lieber als glückliche Verliebte und nicht als böse Sünderin verbringen.

Eilig verließ sie das Gebäude und ging in Richtung des Restaurants, in dem sie sich immer trafen. Mit jedem Schritt, den sie machte, wurde sie beschwingter. Es war einfach herrlich, sich den abendlichen Wind um die Nase wehen zu lassen. Alles roch nach Frühling. Die Blätter an den Bäumen hatten sich in den letzten Tagen lindgrün entfaltet, und überall reckten die Blumen ihre Köpfe aus der Erde.

Valerie zog ihr Handy aus der Tasche und wählte Tante Berenikes Nummer. Jetzt war genau der richtige Moment, um ihrer Großtante die großartigen Neuigkeiten mitzuteilen. Doch obwohl Valerie es lange klingeln ließ, ging niemand ans Telefon.

Merkwürdig, dachte sie, schließlich war Berenike eigentlich immer zu erreichen. Valerie probierte es abermals, aber wieder ohne Erfolg. Daher nahm sie sich vor, es später noch einmal zu versuchen.

Während sie weiterging, kehrten ihre Gedanken wie von selbst zu Claas zurück, und nichts anderes hatte daneben noch Bestand. Valerie war selbst überrascht, dass sie den ganzen Tag so viel hatte schaffen können und nicht nur mit verliebt verdrehten Augen vor sich hin geträumt hatte.

Amanda Modefürsts Firma lag herrlich zentral, sodass Valerie weder Bus noch U-Bahn nehmen musste, sondern direkt durch den Hofgarten laufen konnte. Sie fühlte, wie der Wind ihre Locken zerzauste und ihr immer wieder einzelne Haarsträhnen ins Gesicht blies. Obwohl es dunkel war, schien die Welt trotzdem noch so wach, als hätte sie den letzten Hauch von Winterschlaf erfolgreich abgeschüttelt. Irgendwo erklang ein lautes, frohes Lachen, das Valerie wissen ließ, dass jetzt auch für die Menschen der Frühling einzog.

Sie musste an Claas’ Lächeln denken und die Art, mit der er ihr in den letzten Wochen das Gefühl vermittelt hatte, die tollste Frau der Welt für ihn zu sein. Wenn er doch nur nicht immerzu beruflich unterwegs wäre! Aber das kannte Valerie nur zu gut von ihrer Mutter. Seit Valerie denken konnte, war ihre Mutter mehr abwesend als zu Hause gewesen, etwas, das sich anscheinend auch auf ihre Mitarbeiter übertrug. Besonders auf so ehrgeizige wie Claas.

Valerie kreuzte den Odeonsplatz und ging weiter in Richtung Brienner Straße. Die Geschäfte hier waren exklusiv, die Preise fürstlich, und alles erschien königlich und nobel. Es war genau das Umfeld, das ihre Mutter liebte. Beim Gedanken an den Perfektionismus ihrer Mutter und ihre eigene orange verfärbte Kleidung stockte Valerie kurz in der Bewegung. Sollte sie sich nicht doch besser umziehen? Doch ihre Uhr verriet ihr, dass sie jetzt schon fünf Minuten zu spät dran war, mehr ging keinesfalls. Daher machte Valerie hastig die letzten Schritte, fuhr sich noch einmal durch die vom Wind durchgepusteten Haare, bevor sie die Tür des Restaurants öffnete und hineinging.

Der Maître d’hôtel erkannte sie augenblicklich.

»Guten Abend, Frau Küster«, begrüßte er sie. »Bis auf Ihren Vater sind alle schon da.«

Valerie fühlte einen kleinen Stich, dass Claas nicht draußen auf sie gewartet, sondern sich lieber schon mit ihrer Mutter an den Tisch gesetzt hatte. Jetzt sprachen die beiden bestimmt über irgendwelche Investments, Fonds und den DAX, und sie konnte ihn gar nicht mehr so herzlich begrüßen, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte.

»Sie sitzen wieder am üblichen Tisch.« Der Maître d’hôtel wies diskret durch den eleganten Raum zu einem Tisch am Fenster. »Darf ich Sie dorthin begleiten?«

»Danke, das ist nicht nötig«, erwiderte Valerie freundlich, schließlich hatte sie schon unzählige Male genau an diesem Platz gesessen.

»Darf ich Ihnen wenigstens den Mantel abnehmen?« Falls der Maître d’hôtel ihre orange verfärbte Kleidung bemerkte, ließ er es sich nicht anmerken.

»Nein, danke, ich nehme ihn besser mit.« Valerie lächelte ihm zu, bevor sie rasch durch den schlicht, aber teuer eingerichteten Raum ging.

Das Restaurant war gut besucht, es lief leise Hintergrundmusik, nur überlagert von gelegentlichem Gläserklirren, Tellerklappern und dem Gemurmel einer Vielzahl von Gesprächen. Es war ein schönes Ambiente, aber Valerie hätte zu gern mal etwas Neues ausprobiert. Doch das war mit ihrer Mutter nicht zu machen, und so trafen sie sich jeden zweiten Freitag immer in diesem Lokal, immer an diesem Tisch, immer um halb neun Uhr abends.

»Was ist dir denn zugestoßen?«, fragte Valeries Mutter scharf, kaum dass Valerie in Sicht kam. »Du siehst ja ganz orange aus!«

Valerie schaute zu ihrer Mutter, die in ihrem obligatorischen dunkelblauen Kostüm mit einer breiten Perlenkette um den Hals am Tisch thronte. Ihre glatten kinnlangen dunklen Haare waren tadellos frisiert, ihr Make-up saß perfekt, und alles an ihr strahlte Kontrolle und Effizienz aus. Dazu passte, dass sie gleichzeitig Speisekarte und Handy in Händen hielt und wahrscheinlich beidem gerade ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Valerie errötete, denn jetzt schaute auch Claas auf, der sich bis dahin über sein Smartphone gebeugt hatte. Er lächelte sie so an, dass ihr ganz warm ums Herz wurde. Seine dunklen Haare waren genauso akkurat gekämmt wie die ihrer Mutter, aber er strahlte viel mehr Lässigkeit aus. Sie bewunderte seine dunklen Augen in dem perfekt geformten Gesicht und erinnerte sich genau, wie es gewesen war, als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Damals hatte sie prompt weiche Knie bekommen. Ihre Mundwinkel wanderten unwillkürlich nach oben, und ihr Herz schlug ein wenig schneller.

»Hallo«, grüßte sie in die Runde, meinte aber eigentlich nur ihn. Dann wandte sie sich an ihre Mutter. »Das mit der Farbe ist nicht schlimm, es war nur ein kleiner Arbeitsunfall. Aber es gibt großartige Neuigkeiten: Ich bin befördert worden!«

»Bravo, Valerie!« Claas sagte es in einem Tonfall, dass sich Valerie ihm am liebsten direkt hier und jetzt an den Hals geworfen hätte.

»Na endlich, das wurde ja auch Zeit«, kommentierte ihre Mutter deutlich weniger herzlich, legte sowohl Smartphone als auch Karte beiseite und schob ihre Lesebrille nach oben.

Valerie sah, dass sich das Paar am Nachbartisch interessiert zu ihnen umdrehte. Entschuldigend lächelte sie, während sich ein seltsames Gefühl der Ernüchterung in ihr ausbreitete. Das war alles, was ihre Mutter zu sagen hatte? Kein Glückwunsch, kein Lob, dass sie es endlich geschafft hatte? Valerie hatte endlich die Position bekommen, auf die sie ihr Augenmerk gerichtet hatte, seit sie sich für die Arbeit bei Amanda Modefürst entschieden hatte. Aber anscheinend bedeutete das für ihre Mutter nichts.

Claas stand auf, kam um den Tisch herum und half Valerie aus ihrem Mantel. Sie spürte, wie er ihr dabei sanft über den unteren Rücken strich, was sie wieder mit der Welt versöhnte. Solange solche Männer wie Claas herumliefen, konnte das Leben einfach nicht schlecht sein, da mochte sich ihre Mutter verhalten, wie sie wollte. Valerie blickte auf, um Claas telepathisch ihre Gefühle zu übermitteln, aber da fuhr die Stimme ihrer Mutter quer durch ihre rosigen Gedanken. »Himmel, wie sehen denn deine Hände aus!« Der Ausruf klang so entsetzt, dass am Nachbartisch für einen Augenblick das Gemurmel verstummte. »Du siehst aus, als hättest du eure Stoffe mit den Händen färben müssen.«

»Nein, nein, das musste ich natürlich nicht. Jetzt noch weniger als je zuvor, denn ab sofort bin ich die erste Assistentin der Chefin«, versuchte Valerie, das Gespräch in seichteres Fahrwasser zu lenken. Abermals strich Claas ihr so über den Rücken, dass sich Valerie zusammenreißen musste, ihn nicht einfach hier und jetzt zu küssen.

»Wollt ihr euch nicht mal setzen? Es ist kein Stehempfang«, ließ sich ihre Mutter jedoch vorwurfsvoll hören.

»Natürlich, Frau Küster.« Claas nahm so hastig Platz, als spielten sie Reise nach Jerusalem.

Valeries Rücken fühlte sich seltsam kühl ohne seine Hand an, also setzte sie sich auch schnell auf ihren gewohnten Platz. Dabei fragte sie sich, warum ihre Mutter sich nicht einfach für sie freuen konnte. Aber Freude und Ausgelassenheit waren keine Talente ihrer Mutter; Ehrgeiz, Erfolg und Karriere schon eher.

Unter dem Tisch griff Claas nach Valeries Hand und streichelte sie sanft.

»Befördert – das ist ja sehr schön«, meinte er mit seiner tiefen Stimme, die Valerie einen wohligen Schauer über den Rücken laufen ließ. Vielleicht würde Claas jetzt erzählen, dass er sich in sie verguckt hatte, nur ihretwegen und nicht um seiner Karriere willen hier war. Vielleicht würde er auch noch hinzufügen, dass er sich ein Leben ohne sie an seiner Seite nicht mehr vorstellen könnte. Dann würden sie sich küssen, und dann würden Tauben auffliegen …

Doch es war nicht Claas’ Liebesgeständnis, sondern die wenig melodische Stimme ihrer Mutter, die Valerie aus ihren Tagträumen riss. »Wo bleibt denn nur dein Vater? Ich habe ihm extra geschrieben, dass er heute unbedingt pünktlich sein muss. Aber diesbezüglich wiederhole ich mich erfolglos seit fünfunddreißig Jahren. Wahrscheinlich brütet er wieder über einem Entwurf oder ist in die falsche Richtung gefahren.«

Valerie unterdrückte einen Seufzer. Das mussten sie doch wirklich nicht vor Claas besprechen, auch wenn ihre Mutter nicht ganz unrecht hatte. Ihr Vater stellte die Arbeit über alles andere. Beim letzten Familienessen war er erst aufgetaucht, als ihre Mutter die Rechnung schon beglichen hatte. Überhaupt entsprachen ihre Eltern nicht gerade dem, was man sich als Kind so wünschte.

Die Leute am Nachbartisch schauten mittlerweile so interessiert herüber, dass Valerie sich bildlich vorstellen konnte, wie sie am liebsten noch Popcorn dazu geordert hätten. Sie überlegte, wie man die Szene zusätzlich für sie aufpeppen könnte. Fliegende Teller? Aber dafür müssten sie erst einmal etwas zu essen bekommen, und das konnte in diesem Restaurant dauern. Heulkrämpfe? Aber wer sollte die haben? Ihre Mutter bestimmt nicht. Vielleicht lieber wilde Küsse zwischen ihr und Claas? Valerie spürte, wie ihre Wangen warm wurden. Das klang schon besser.

»Ich brauche jetzt etwas zu trinken.« Valeries Mutter hob die Hand und winkte dem Kellner.

Als der Ober kam, bestellte die Mutter kurzerhand vier Bellinis, obwohl Valerie genau wusste, dass ihr Vater kein in Alkohol eingelegtes Obst mochte. Anscheinend hatte Valeries Mutter auch gerade an ihn gedacht, denn sie wandte sich an ihre Tochter, als der Kellner gegangen war. »Ich warne dich, Valerie, such dir bloß nicht so einen unpünktlichen Partner in deinem Leben, du wirst nur unglücklich. Nimm dir an mir ein Beispiel.«

»Du bist unglücklich?« Valerie sah ihre Mutter überrascht an.

Selbst Claas schaute verblüfft. »Aber Sie haben doch den absoluten Traumjob! Ich würde alles geben, um es beruflich so weit zu bringen.« In seiner Stimme schwang mehr Herzblut mit, als Valerie es bisher je bei ihm gehört hatte, was sie aus dem Konzept brachte. Schließlich hatten der Job und das wahre Glück im Leben ihrer Meinung nach nur bedingt etwas miteinander zu tun. Für eine Millisekunde durchzuckte Valerie ein komisches Gefühl, aber dann streichelte Claas unter dem Tisch ihren Oberschenkel, sodass allein das ihre Körpertemperatur um ein Zehntelgrad hob.

»Hallo, hallo.« Zur allgemeinen Überraschung war es nun doch ihr Vater, der im Eilschritt durch das Restaurant gelaufen kam. Wie immer schien er hektisch und unter Strom. Er trug sein Hemd falsch geknöpft, und aus den Taschen seines Jacketts ragten eine Vielzahl Papiere, auf denen er alles skizzierte, was ihm gerade einfiel. Seine dunklen Locken, die er mit seiner Tochter gemein hatte, waren zu lang, und er machte einen so chaotischen Eindruck wie ihre Mutter einen sortierten. Kreativ nannte das ihr Vater, undiszipliniert ihre Mutter. Einen entspannten, harmonischen Abend zu verleben, wenn ihr Vater mit von der Partie war, schien unmöglich.

»Guten Abend«, erklärte er, als er am Tisch ankam. »Schön, euch alle zu sehen!«

Er sprach schnell, dachte schnell und war fast immer in Gedanken irgendwo, meist bei seiner Arbeit als Architekt – aber fast nie bei der Familie. Manchmal fragte sich Valerie, ob er überhaupt wirklich wusste, wer sie war.

»Du bist elf Minuten und siebenunddreißig Sekunden zu spät«, rügte ihn Valeries Mutter streng, ohne seinen Gruß zu erwidern.

»Das ist doch noch ziemlich gut für mich.« Valeries Vater setzte sich, wirkte aber so, als wollte er sofort wieder aufspringen. »Bei unserer Hochzeit war ich siebzehn Minuten zu spät. Zu unserer Goldenen Hochzeit komme ich dann vielleicht pünktlich.«

Valeries Mutter schnaubte. »Lass die albernen Kommentare. Zu spät ist zu spät.«

Interessiert musterte Claas ihre Mutter, genau wie es im Übrigen das Paar am Nachbartisch tat, stellte Valerie bei einem Seitenblick fest.

Vielleicht, wenn sie und Claas sich jetzt küssen würden …

»Hallo«, erklang eine hohe Stimme hinter Valerie, und sie fuhr herum. Denise? Was machte die denn hier? Ihre Kollegin hatte die Haare kunstvoll hochgetürmt und steckte in etwas, das Valerie nach einem Augenblick als schwarzen hautengen Catsuit identifizierte.

Das Paar am Nachbartisch schien vollkommen fasziniert, denn Valerie sah, wie die Frau den Mann am Ellbogen anstupste.

Valerie konnte es nicht glauben. Was wollte Denise ausgerechnet in diesem Restaurant?

Neben Valerie schien auch Claas fast erschüttert. Wie sonst sollte Valerie es sich erklären, dass er augenblicklich ihren Oberschenkel losließ und seine Hände so schnell auf den Tisch legte, als wollte er beweisen, dass er gerade nichts Unrechtes tat?

Sie drehte sich zu ihm und sah, dass er blass geworden war und die Lippen fest aufeinander gepresst hielt. Er starrte Denise förmlich an.

»Was machst du denn hier?«, fragte Denise, während Valerie überlegte, dass sie sie gut und gern dasselbe fragen könnte. Dann bemerkte sie jedoch, dass sich Denise nicht an sie, sondern an Claas gewandt hatte.

»Ihr kennt euch?«, fragte Valerie.

»Aber natürlich, Claas ist der Mann meiner Cousine.« Aus Denise’ Mund klang es wie das Natürlichste der Welt.

Trotzdem nahm Valeries Verstand nur langsam auf, was ihre Kollegin da gerade von sich gegeben hatte: Claas, der Mann von Denise’ Cousine?

»Ich werde ihr gleich erzählen, dass ich dich hier getroffen habe, Claas«, versprach Denise, die nichts von Valeries Schock mitzubekommen schien.

Das kann nicht sein, es muss sich um eine Verwechslung handeln, wollte Valerie protestieren, aber kein Ton kam aus ihrem Mund.

»Was für eine nette Koinzidenz«, erklärte nun Valeries Vater. »Ein Grund, Champagner zu trinken.« Hektisch winkte er dem Kellner und bestellte dann quer durch den Raum eine Flasche.

Claas ist verheiratet, wiederholte Valerie stumm, während sie fand, dass die Welt auf einen Schlag farbloser geworden war. Sie schaute zu ihm, aber er hielt seinen Blick gesenkt und starrte auf sein Handydisplay.

Unwillkürlich schlang Valerie die Arme um sich. Sie fühlte sich wie unter der Dusche, nur dass plötzlich statt angenehm warmen Wassers eiskaltes herunterrieselte.

»Und wer sind Sie?«, wandte sich Valeries Mutter nun an Denise.

Denise schürzte die Lippen. »Ich bin die Kollegin von Valerie, die sie karrieretechnisch schon noch überholen wird.«

Karrieretechnisch überholen. Der Mann von Denise’ Cousine. Was habe ich nur verpasst?, fragte sich Valerie. Sie schaute erst zu Claas, dann zu Denise und schließlich wieder zurück. Warum sagte Claas nichts? Jetzt drehte er sich auf seinem Stuhl auch noch weg von ihr. Valerie fühlte sich, als habe sie einen Schlag auf den Hinterkopf erhalten. Vielleicht halluzinierte sie ja?

»Ich schreibe gleich an meine Cousine.« Denise nahm ihr Smartphone zur Hand und tippte mit fliegenden Fingern. »Wie klein die Welt doch ist.«

»In der Tat«, antwortete Valeries Vater. »Trinken Sie ein Glas Champagner mit uns?«

Auch noch Champagner mit Denise? Valerie hatte das Gefühl, dass sich alles in ihrem Kopf zu drehen begann.

»Nein, danke, ich bin hier verabredet«, erwiderte Denise mit ihrer quietschenden Stimme.

In diesem Moment klingelte Claas’ Handy.

»Das ist bestimmt meine Cousine«, zirpte Denise. »Sag ihr schöne Grüße und einen schönen Abend noch.« Sie zeigte ihr unsympathisches Lächeln, bevor sie von dannen stolzierte.

Valerie schaute zu Claas, der auf einmal ungesund rot im Gesicht wurde. »Ich bin noch in der Arbeit«, hörte sie ihn ins Telefon sagen.

In der Arbeit, echote es in Valeries Kopf.

Der Kellner trat mit einer Flasche Champagner und fünf Sektflöten auf seinem Tablett an den Tisch.

»Nein, Schatz, du brauchst nicht herzukommen«, protestierte Claas nun lauter, während alle am Tisch inklusive des Kellners ihn anschauten. »Aber nein, nein …, jetzt warte doch mal, bitte komm nicht …« Claas sprang auf, machte einen Schritt zur Seite und stieß dabei mit dem lauschenden Ober zusammen. Der Mann rettete sich mit einem Ausfallschritt nach hinten, aber der Champagner und die Gläser gingen trotzdem zu Boden, wo sie mit einem enormen Geklirr zerschellten. Champagner spritzte in alle Richtungen. Valerie bekam etwas ab, ihr Vater auch, selbst ihre Mutter, die so geistesgegenwärtig gewesen war, die Serviette hochzureißen.

»Um Himmels willen«, rief der Kellner so laut, dass jede einzelne Person im Raum, die sich noch nicht umgedreht hatte, es jetzt nachholte.

Valerie spürte, wie ihr der Champagner aus den Haaren auf den orangeverfärbten Rock tropfte.

»Entschuldigung«, sagte Claas zu niemandem im Speziellen. »Ich glaube, ich muss jetzt gehen.«

»Papperlapapp«, erklärte Valeries Mutter. »Setzen Sie sich wieder hin.«

Claas hielt das Handy in der Hand, aus dem man seine Frau sprechen hörte, und rührte sich einen Moment lang nicht. Dann setzte er sich tatsächlich wieder.

»Dann gehe ich jetzt.« Valerie stand auf.

»Wegen der paar Spritzer Champagner?« Valeries Mutter klang gewohnt verständnislos.

»Ja«, murmelte Valerie. Mochten ihre Eltern denken, was sie wollten, aber sie würde nicht noch eine Sekunde länger hier neben Claas sitzen bleiben.

***

Wie auf Autopilot lief Valerie nach Hause. Es war eigentlich viel zu weit, um zu Fuß zu gehen, zumal auf den hohen Stilettos, aber das war ihr im Moment vollkommen egal. Die Gedanken kreiselten wie wild durch ihren Kopf, und sie hoffte, dass alles irgendwie klarer wurde, wenn sie nur lange genug durch den kühlen Abend marschierte. Doch anders als zuvor kam ihr die Frühlingsluft nicht frisch und vielversprechend vor, sondern kalt und abweisend. Außerdem drückten die Schuhe unangenehm. Irgendwann blieb Valerie stehen und zog sie aus. Auf Strumpfhosen ging sie weiter.

Als ein eisiger Hauch durch ihren Mantel fuhr, fröstelte sie. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Da hatte sie wirklich angenommen, dass sich Claas Hals über Kopf in sie verliebt hatte, obwohl er wahrscheinlich viel mehr an einem Karrierekick durch ihre Mutter als an ihr interessiert gewesen war. Mit einem Schaudern zog sie ihren Mantel enger um sich.

Du mieser Kerl, dachte sie mit einem wütenden und einem schmerzenden Herzensanteil. Sie hatte geglaubt, in Claas ihren Traummann gefunden zu haben, aber jetzt erkannte sie, dass sie die dümmste Kuh aller Zeiten gewesen war. Wie hatte sie sich nur so einlullen lassen können? Valerie spürte einen frischen Schwung Verzweiflung zusammen mit einer ordentlichen Portion Wut.

Verheiratet! Und nicht nur das, er hatte eben nichts mehr in ihre Richtung gesagt. Gar nichts. Wie konnte sie sich nur so getäuscht haben? Valerie wurde so wütend auf sich, auf Claas, auf die ganze Welt, dass sie schneller ging und nach einem Augenblick fast ins Laufen verfiel. Anders als in ihrer Arbeit hatte sie in der Liebe alles auf die falsche Karte gesetzt. Sie war so dämlich.

Oh, verdammt!

In Valeries Tasche begann das Handy zu klingeln. Nach einem Augenblick des Zögerns kramte sie es hervor. Vielleicht war es Claas mit einer wirklich guten Erklärung? Vielleicht war alles ein Missverständnis gewesen? Aber es war nicht Claas’ Bild, das auf ihrem Display angezeigt wurde, sondern eine Handynummer, die Valerie nicht kannte.

Soll ich drangehen?, fragte sie sich. Doch bevor sie sich noch entschieden hatte, hörte das Klingeln wieder auf. Unzufrieden mit sich und der Welt stopfte Valerie das Handy zurück in die Tasche. Dann beschloss sie, noch schneller zu laufen. Irgendwie musste sie die blöden Gefühle loswerden, die sich gerade in ihrer Brust ausbreiteten. Und das schnellstmöglich.

3. Kapitel

Hamburg

Mit Anlauf sprang Niklas in einem einzigen großen Satz auf die halbhohe Mauer vor sich. Wenn ihm jemand zugesehen hätte, wäre er vielleicht überrascht gewesen, mit welcher Leichtigkeit und Eleganz der großgewachsene blonde Mann das Hindernis bewältigte. Aber Niklas war sich sicher, dass ihn niemand beobachtete. Schließlich war es erst kurz nach sechs am ersten Samstagmorgen im März, und alle hier in Hamburg-Winterhude schienen noch fest zu schlafen. Außerdem hatte er sich gründlich umgesehen. Nirgends brannte Licht, und kein Vorhang und keine Jalousie hatten sich bewegt.

Auf der Mauer hielt Niklas inne, um sein Gleichgewicht auszubalancieren, bevor er mit einem weiteren gewaltigen Satz hinüber auf das Fahrradhäuschen sprang, das von den Anwohnern liebevoll »Tigerkäfig« genannt wurde. Dabei kam es ihm besonders auf die Landung an, die ihm tatsächlich geschmeidig und praktisch geräuschlos gelang.

Ganz langsam wurden die ersten Vorboten des Sonnenaufgangs am Himmel sichtbar, und es würde jetzt schnell Tag werden, aber das beunruhigte Niklas nicht. Bis es so hell war, dass man ihn ausmachen konnte, wäre er schon längst am Ziel. In der Dämmerung war er außerdem perfekt getarnt, denn nicht umsonst trug er dunkle enganliegende Funktionskleidung, einen dunklen Klettergurt, dunkle Handschuhe und einen anthrazitfarbenen Rucksack auf dem Rücken. Es war genau die richtige Uhrzeit für das, was er vorhatte.

Abermals tarierte er sein Gewicht aus und überprüfte dann noch einmal den Sitz des Klettergurts und des Rucksacks auf seinem Rücken. Doch alles saß so fest, dass nichts rutschen konnte, außerdem konnte er sein Werkzeug gut erreichen. Das war entscheidend für Niklas’ Plan. Für einen Augenblick schaute er sich noch einmal in aller Ruhe um, maß mit den Augen die Abstände. Er betrachtete die beiden parallelen Reihen von Balkonen vom ersten bis zum dritten Stock und dann das große Dachfenster im vierten Stock, das er anpeilte.

Für einen Moment schloss er die Augen und ging im Kopf die geplante Route durch, dann drückte er auf einen Knopf an seiner Uhr, ging in die Hocke, schnellte hoch und machte einen riesigen Satz wie ein Frosch. Einen Moment später hatte er mit den Füßen die Hauswand und mit den Händen den unteren Rand des Balkons im ersten Stock erreicht. Geübt zog sich Niklas sofort hoch, denn er wusste, dass er mit jeder Sekunde Untätigkeit wertvolle Energie vergeudete, die ihm dann später fehlen würde. Geräuschlos kletterte er am Eisengitter des Balkons hoch und setzte sich dann auf dessen Rand, bevor er sich ganz aufrichtete. Sein rechter Fuß machte einen kratzenden Laut.

Zu dumm, dachte Niklas unzufrieden. Es sollte perfekt klappen, und das war ein Fehler gewesen – ein kleiner Fehler, aber trotzdem. Er lauschte in das Morgengrauen, doch alles blieb still. Rasch bewegte er sich daraufhin in Richtung der Hauswand, bis er wie ein Schatten mit ihr verschmolz. Mit einer routinierten Bewegung zog er aus dem seitlichen Fach seines Rucksacks ein aufgespultes Seil mit innenliegender Metallverstärkung, das an einem Ende mit einem Ring beschichteter Widerhaken ausgestattet war. Rasch und sehr gezielt warf Niklas es hoch, bis es sich im Gitter des nächsthöheren Balkons auf der Gegenseite verhakte. Das gab ein kleines, klirrendes Geräusch, das aber nicht zu vermeiden war. Doch um ihn herum stimmten jetzt die Singvögel so richtig ihr fröhliches Morgenkonzert an und überdeckten damit alle Geräusche. Er zog am Seil, um sich zu überzeugen, dass es sicher festhing. Die Uhr an seinem Handgelenk piepte leise. Eine Minute war vergangen. Wie ärgerlich, er kam zu langsam voran.

Aus seinen Handschuhen ließ Niklas Widerhaken ausklappen, dann kletterte er behände mithilfe des rechten Beins, das er um das Seil schlang, und mit den Widerhaken an seinen Handschuhen nach oben. Zwischen zweitem und drittem Stock wiederholte er die Prozedur und befand sich dann direkt unterhalb des Dachfensters. In der ganzen Zeit hatte seine Uhr zwei weitere Male gepiept, aber Niklas hatte sich nicht davon aus dem Konzept bringen lassen. Dazu war er schon zu weit oben, und jede überstürzte Handlung konnte fatale Folgen nach sich ziehen. Im dritten Stock löste er sein Seil aus dem Gitter, warf es ein letztes Mal hoch, sodass es sich am Dachfirst verfing, dann hakte er seinen Klettergurt ein, klappte die Widerhaken an seinen Handschuhen zurück und wechselte vom Balkon an die Hauswand. Jeden Vorsprung und jede Unebenheit, die er im Mauerwerk fand, nutzte er. Seine Uhr piepte erneut und dann ein letztes Mal, als er sich seitlich des großen schrägen Fensters im vierten Stock auf das Dach hinaufzog. Lautlos atmete er dort oben einmal tief durch, bevor er sich wieder Stückchen für Stückchen herabließ, bis er direkt oberhalb des Fensters Halt fand. Die Muskeln in seinen Oberarmen zitterten vor Anstrengung, und seine Finger waren so beansprucht, dass er zunächst kaum seine Stoppuhr ausschalten konnte. Behutsam tastete Niklas das Fenster ab, bis er im Rahmen einen kleinen Vorsprung fühlte. Er drückte drauf, und es gab ein leises knackendes Geräusch, als das Fenster nach innen aufschwang.

Geschafft! Zwar hatte er eindeutig zu lange für die Strecke gebraucht, aber es hatte geklappt. Er war drin.

Nach dem waghalsigen Aufstieg bis zum Dach war es ein Leichtes für Niklas, unbemerkt durch das Dachfenster in die darunter liegende Küche einzusteigen. Mit einer einzigen fließenden Bewegung, die sein ganzes athletisches Können zeigte, wand er sich durch das Fenster und sprang auf den Küchenfußboden, der unter seinem Aufprall ganz leicht knackte. Rasch schloss Niklas das Fenster hinter sich, um bloß keine verräterischen Hinweise über seinen Zugangsweg zu hinterlassen. Draußen wurde es von Minute zu Minute heller, und die ersten Sonnenstrahlen am Horizont versprachen einen schönen Tag. Geräuschlos schlüpfte Niklas aus seinem Klettergurt und setzte den Rucksack ab. Ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten, öffnete er mit geübten Bewegungen den Rucksack und verstaute seinen Gurt und die Handschuhe darin, nachdem er eine gut gefüllte, weiße, leise raschelnde Papiertüte herausgenommen hatte. Die Tüte legte er auf einen rechteckigen Küchentisch aus Holz, der mit Farbresten verziert war. Dann schlüpfte er aus seinen Spezialschuhen, bevor er mit Rucksack und Schuhen in der Hand zwei Schritte in Richtung Tür machte. Plötzlich setzte ein lautes, schrilles Pfeifen ein, das wie eine billige Alarmanlage klang. Was war das?

Überrascht machte Niklas einen Schritt rückwärts, wandte sich dann zur Seite, versteckte seinen Rucksack hinten oben auf dem Küchenschrank und schob eilig seine Schuhe unter den Schrank. Er war gerade damit fertig, als zwei Jungen in die Küche gestürmt kamen.

»Haben wir dich, Papa«, rief der kleinere entzückt, während der größere energisch auf einer selbstgebastelten Fernbedienung herumdrückte. Das ohrenbetäubende Pfeifen verstummte.

»Was war das?« Niklas dröhnten noch die Ohren von dem unerwarteten Krach.

»Jakobs Alarmanlage.« Der kleinere Junge lächelte spitzbübisch und zeigte dabei seine neueste Zahnlücke.

»Woher hast du eine Alarmanlage?«, wandte sich Niklas an seinen älteren Sohn, der immer noch mit der Fernbedienung beschäftigt war.

»Die habe ich mit Johnny gebaut«, erwiderte Jakob. »Aus dem Baukasten von Weihnachten.«

Der kleinere, Johnny, begann, vergnügt um seinen Vater herumzuhüpfen. »Viel wichtiger ist, dass wir dich ertappt haben!«

Niklas wischte sich jede Regung aus dem Gesicht. »Wobei denn erwischt?«, bluffte er dann. »Ich war doch nur beim Joggen und Brötchenholen beim Frühaufsteherbäcker.« Er wies auf die weiße Papiertüte auf dem Küchentisch. »Milchbrötchen und Rundstücke, wie ihr sie liebt. Eine Überraschung zum Ferienbeginn. Kommt, wir …«

»Aber du bist nicht durch die Wohnungstür hereingekommen«, stellte Jakob fest, und Johnny strahlte förmlich über diese Erkenntnis.