Wo die Sonne die Wellen berührt - Lene Hansen - E-Book
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Wo die Sonne die Wellen berührt E-Book

Lene Hansen

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Beschreibung

An der funkelnden französischen Riviera wartet das Glück …

Annie hat einen herausfordernden Job als Anwältin. Für ein Privatleben – geschweige denn für Urlaub – bleibt kaum Zeit, dabei sehnt sie sich nach Sonne und Meer.
Hannah arbeitet als Innenarchitektin, ihre Entwürfe sind kreativ und spektakulär. Doch ein schwerer Schicksalsschlag lässt ihren Lebensplan zu Staub zerfallen.
Henriks Leben ist eine Erfolgsstory. Mit seinem Start-up schafft er es ganz nach oben, bis er durch eine Fehleinschätzung alles verliert.
Das Schicksal führt die drei Fremden an die Côte d’Azur – wo ausgerechnet ein Federball, der in einer Tasse landet, zum Beginn ihrer gemeinsamen Geschichte wird …

Ein Roman über Neuanfänge, die Kraft der Freundschaft und die unvergleichliche Schönheit des Meeres.

Weitere zauberhafte Geschichten von Lene Hansen:
Liebe schmeckt wie Karamell
Liebe knistert wie Brausepulver

Die Autorin schreibt auch unter dem Pseudonym Nelly Berlin.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 557

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Buch

Annie hat einen herausfordernden Job als Anwältin. Für ein Privatleben – geschweige denn für Urlaub – bleibt kaum Zeit, dabei sehnt sie sich nach Sonne und Meer.

Hannah arbeitet als Innenarchitektin, ihre Entwürfe sind kreativ und spektakulär. Doch ein schwerer Schicksalsschlag lässt ihren Lebensplan zu Staub zerfallen.

Henriks Leben ist eine Erfolgsstory. Mit seinem Start-up schafft er es ganz nach oben, bis er durch eine Fehleinschätzung alles verliert.

Das Schicksal führt die drei Fremden an die Côte d’Azur – wo ausgerechnet ein Federball, der in einer Tasse landet, zum Beginn ihrer gemeinsamen Geschichte wird …

Autorin

Lene Hansen ist das Pseudonym des Selfpublishing-Stars Nelly Berlin. Aus Versehen in der tiefsten Provinz geboren, wuchs sie in mehreren europäischen Großstädten auf. Umgeben von vier Brüdern lernte sie früh, dass zwei Dinge das Leben entschieden leichter machen: als Erste vor Ort zu sein und immer gut gelaunt die beste Pointe im Ärmel zu haben. Bis heute bemüht sie sich um beides, sowohl als Ärztin in Berlin als auch als Schriftstellerin auf der Suche nach dem perfekten Happy End für ihre liebenswert-charmanten Romane.

Von Lene Hansen bereits erschienen Liebe schmeckt wie Karamell · Liebe knistert wie BrausepulverBesuchen Sie uns auch auf www.instagram.com/blanvalet.verlag und www.facebook.com/blanvalet.

LENE HANSEN

WO DIE SONNE DIE WELLEN BERÜHRT

ROMAN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe 2023 by Blanvalet, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright © 2023 by Lene Hansen

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

Redaktion: René Stein

Covergestaltung und -motiv: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com (Northern Owl, Summer Candy, sidik, kukki, Einars)

DK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-29708-4V002

www.blanvalet.de

ANNIE

»Annie, wie gut, dass du da bist! Hier ist jetzt schon Land unter.«

»Was ist denn los?« Mit Schwung stellte Annie ihren Kaffee in dem weißen To-go-Becher aus Porzellan auf ihren Schreibtisch, legte ihre Tasche ab und ließ sich auf ihren Stuhl fallen. Gut gelaunt blickte sie Vanessa an, die sich mit einem ganzen Stapel Akten im Arm vor ihrem Schreibtisch aufgebaut hatte. Vanessa war klein, aber oho, und Annie erkannte am energischen Gesichtsausdruck ihrer Rechtsanwaltsfachangestellten, dass irgendetwas den heutigen Arbeitsplan gründlich durcheinandergebracht haben musste.

»Du hast gleich ein Meeting mit Petrus, bei dem es um irgendwelche hochdramatischen Dinge geht.« Vanessa ließ ihre Worte wie eine düstere Prophezeiung klingen.

»Bei Petrus?« Überrascht sah Annie auf. Dass sie einfach so zum Chef gerufen wurde, war eher ungewöhnlich. »Worum geht es?«

Vanessa zuckte die Schultern. »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Seine ReNo wollte mir nichts dazu sagen. Etwas merkwürdig, finde ich.«

»In der Tat.« Annie strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht. Normalerweise waren die ReNos, die Rechtsanwaltsfachangestellten der Kanzlei, hervorragend untereinander vernetzt, und besonders Vanessa wusste immer alles bis ins kleinste Detail.

Ihre Assistentin legte den Kopf schief. »Als wäre das nicht schon schlimm genug, sollst du dir danach ein längeres Zeitfenster freihalten. Wie auch immer das funktionieren soll, denn es bringt unseren ganzen Tagesablauf vollkommen durcheinander. Wenn allerdings der Chef etwas von dir will …«

Annie spürte Vanessas prüfenden Blick auf sich, als wolle sie herausbekommen, wie Annies Aktien bei der Kanzleiführung gerade standen. Annie setzte ihr Pokerface auf, obwohl sie natürlich insgeheim hoffte, dass ihre Position ganz ausgezeichnet war. Das war schließlich das, was sie brauchte, um Partnerin zu werden.

Vanessa verlagerte die Akten in ihren Armen. »Termin beim Chef hin oder her, du hast auch ansonsten noch einiges an Arbeit. Den Fall Manfeld musst du als Erstes bearbeiten. Es gab einen Fristablauf, und jetzt schieben sie Panik. Sie haben heute früh schon drei Mal angerufen.« Vanessa knallte die oberste Akte vor Annie auf den Schreibtisch. Annie zog den dicken Stapel Papier zwischen hellbeigen Pappdeckeln zu sich heran. Sie fühlte sich frisch und energiegeladen, da schreckte sie so ein kleiner Fristablauf nicht im Geringsten.

»Deinen 10.30-Uhr-Termin mit Wellguard konnte ich verschieben, aber leider bleibt uns der Fall trotzdem erhalten.« Vanessa hegte einen persönlichen Groll gegen die Firma für Plastikdächer, die es mit den Umweltrichtlinien nicht so genau nahm. »Bitte berechne ihnen eine Zulage für besonders komplexe, umfangreiche Fälle und spende die Differenz an Greenpeace«, schlug Vanessa vor und reichte Annie die entsprechende Akte.

»Gute Idee, mach ich.« Annie blätterte so schnell durch die Unterlagen, dass ein kleiner Luftzug entstand.

»Ehrlich?«, fragte Vanessa verblüfft.

Bedauernd hob Annie die Schultern. »Leider kann ich das nicht machen, aber ich versuche, dir noch irgendwie Gerechtigkeit zu verschaffen.«

»Weniger mir als der armen Umwelt! Ich verlasse mich auf dich. Wenn jemand das macht, dann du.« Vanessa lächelte sie an, und Annie lächelte zurück. Tatsächlich war Annies Wunsch nach mehr Gerechtigkeit der Grund gewesen, warum sie überhaupt Jura studiert und sich dann auf Europa- und Völkerrecht spezialisiert hatte. Allerdings war es mit der Gerechtigkeit so eine Sache, und Annie stritt sich im Namen ihrer Mandanten viel zu häufig um Kleinigkeiten herum und beschäftigte sich gegen ihren persönlichen Wunsch ständig mit der Frage, ob sie durch die großzügige Auslegung irgendwelcher rechtlichen Vorschriften ihren Mandanten nicht einen Wettbewerbsvorteil verschaffen konnte.

Kurz sortierte Vanessa die verbleibenden Akten in ihren Armen. »Diese beiden musst du irgendwie zwischendurch bearbeiten. Ich hoffe, du kannst sie am Vormittag reinquetschen.« Noch mehr Papier wechselte den Besitzer.

Dann legte Vanessa die letzten beiden Akten auf den Schreibtisch. »Die sind für die zwei Mandantengespräche heute Nachmittag.«

»Danke, Vanessa, du bist ein Schatz.« Annie musterte den Berg von Arbeit, der sich vor ihr auftürmte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich den Tag anders vorgestellt. Zumal sie gestern Abend bis nach zehn in der Kanzlei gewesen war, von vorgestern ganz zu schweigen. Ein Privatleben fand nur noch in ihrer Fantasie statt, und ihren Freund hatte sie schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Mühsam unterdrückte sie einen Seufzer. »Das sieht ja wieder mal nach einem pünktlichen Feierabend aus.«

»Weißt du überhaupt noch, wie die Welt bei Tag aussieht?« Mit zuckersüßer Stimme goss Vanessa Öl ins Feuer.

»Lass mich nachdenken …« Annie schaute aus dem eleganten Büro im zwölften Stock in den frühsommerlichen Sonnenschein vor dem Fenster. »Die ehrliche Antwort lautet Nein.«

»Zu schade. Dabei habe ich gerade so ein neues Reiseportal im Internet entdeckt. Wahnsinn, was die für wunderschöne Hotels an großartigen Orten anbieten.«

»Nur leider habe ich keine Zeit dafür.« Annies gute Laune erhielt einen winzig kleinen Dämpfer. Ja, die schönsten Orte der Welt zu sehen, das würde ihr schon gefallen, und statt ihren Kaffee eilig am Potsdamer Platz mitzunehmen, würde sie lieber mal ausführlich im Café sitzen bleiben. Aber ihr Leben war dafür zu schnell getaktet, und ihr Dasein bestand nur noch aus Terminen, Prozessen und Billable Hours. Nie hätte sie gedacht, dass sie je so erfolgsorientiert werden würde. Aber jetzt, kurz vor dem nächsten Karriereschritt, mit nur fünfunddreißig Jahren Partnerin in der renommierten Kanzlei Releger, Straub und Petrus zu werden, ordnete sie alles andere diesem Ziel unter. Urlaub und Reisen fielen ihrem beruflichen Werdegang genauso zum Opfer wie Konzertbesuche, Wochenendausflüge und … Zeit mit Alexander.

Aber das ist nur vorübergehend so, versicherte sich Annie schnell. Außerdem wusste ihr Freund ja, wie es als Anwalt auf dem Weg nach oben war, schließlich war er selbst erst letztes Jahr in dieser Kanzlei Partner geworden.

»Leider kann ich dich jetzt nicht in dem Selbstmitleid baden lassen«, holte Vanessa Annie aus ihren Gedanken. »Dafür hast du einfach zu viel zu tun. Aber ich bestelle dir heute eine Tageslichtlampe, damit du nicht depressiv wirst.«

Annies Mundwinkel wanderten nach oben. »So uneigennützig bist du doch gar nicht. Gib zu, dass du die Lampe für dich selbst haben willst.«

Vanessa setzte einen würdevollen Gesichtsausdruck auf. »Sagen wir so, wir können sie uns teilen. Ich nehme sie tagsüber, weil mein Schreibtisch nicht so viel Licht abbekommt wie deiner, und du kannst sie nach meinem Feierabend haben, wenn du abends noch stundenlang über deinen Schriftsätzen brütest.«

»Hast du zufällig schon ein Modell in Aussicht?« Annie ahnte die Antwort. Ihre Assistentin liebte es, mit Annies Kreditkarte online zu shoppen, wodurch Annies Büro das komfortabelste in der ganzen Kanzlei war. Nicht einmal Petrus’ Chefbüro konnte mithalten, und das wollte etwas heißen, schließlich war Holger Petrus einer der altehrwürdigen Gründer dieser Sozietät. Aber Vanessa war einsame Spitze darin, Annie irgendwelche Dinge zu kaufen, die ihr Leben verschönerten, wie man an dem handgefertigten To-go-Porzellanbecher von KPM sah, in dem Annie ihren Kaffee mitgebracht hatte, und dem wunderbar bequemen Kaschmirpulli, den Annie abends aus ihrer Schreibtischschublade holte, wenn es draußen vor den großen Fenstern dunkel wurde und sie etwas mehr Kuschel in ihrem Leben brauchte.

»Kauf die Lampe. Mehr Licht können wir definitiv gebrauchen.« Annie nickte Vanessa bestätigend zu.

»Mache ich. Fröhliches Arbeiten!« Damit verschwand Vanessa aus Annies Büro.

Voller Amüsement über Vanessas Spaß am Shoppen fuhr Annie ihren Laptop hoch, schlug die erste Akte auf und las sich ein. Jeden Tag passierte in der Kanzlei irgendetwas Unvorhergesehenes, das ihr Arbeitspensum noch weiter erhöhte. Jetzt stand also ein Meeting mit Petrus an. Unwillkürlich runzelte Annie die Stirn. Ob er etwas für sie hatte, das endlich für den Partnerstatus reichte? Schließlich hatte sie seit Jahren wirklich rangeklotzt, anders konnte man das nicht nennen, damit es endlich mit dem nächsten Schritt auf der Karriereleiter klappte. Außerdem arbeitete sie gern mit Petrus zusammen, der sich trotz seiner jahrelangen Tätigkeit als Rechtsanwalt noch einen Sinn für Gerechtigkeit bewahrt hatte. Zusammen mit seinem trockenen Humor war das mehr, als man über die meisten knochentrockenen Kollegen in dieser Kanzlei sagen konnte.

Annie blätterte durch die Akte. Die zugrunde liegende Causa war eine vertrackte Sache, nun in der zweiten Instanz vor dem Oberlandesgericht. Es ging um die Wasserschutzrichtlinien und das europäische Gesetzgebungsverfahren und war so komplex, dass Annie sich voll und ganz darauf konzentrieren musste. Aus der Schreibtischschublade holte sie ihren Kopfhörer, der auch Außengeräusche unterdrücken konnte, und setzte ihn auf. Meistens wählte sie die pure Stille, manchmal hörte sie beim Arbeiten auch DasWohltemperierte Klavier von Bach, von dem sie etliche Stücke früher selbst gespielt hatte. So getrennt vom Rest der Welt, tauchte sie in die verschiedenen Paragrafen und Kommentare ein, die ihr den Weg durch den Fall weisen würden. Annie verlor jedes Zeitgefühl, während sie sich vorstellte, wie die Gegenseite argumentieren würde, um dann diese Argumente von vornherein zu entkräften. Es machte ihr Spaß, ein komplexes Problem in immer kleinere Einzelteile zu zerlegen, bis sie diese dann Schritt für Schritt lösen konnte. Recht hatte viel mit Ordnung und korrekter Einsortierung zu tun, und seit Annie das verstanden hatte, machte sie ihre Arbeit erfolgreicher und mit noch mehr Begeisterung.

Als sie mit der Akte fertig war, setzte sie den Kopfhörer ab und reckte und streckte sich. Sie schaute auf ihr Handy, Alexander hatte ihr eine kurze Nachricht geschickt. Mit einem Lächeln auf den Lippen schrieb sie ihm zurück, garnierte alles mit einem Kuss und schickte die Nachricht ab. Dann zog sie die nächste Akte zu sich heran und setzte den Kopfhörer wieder auf. Diesmal tauchte sie erst wieder aus ihrer einsamen juristischen Gedankenwelt auf, als Vanessa an ihre Bürotür klopfte.

»Annie, du kannst jetzt zu Petrus gehen.«

»Gut.« Annie nahm den Kopfhörer ab und fuhr sich über die Haare, als wolle sie kontrollieren, ob ihre widerspenstigen Locken sich auch brav benahmen, was allerdings so gut wie nie der Fall war. »Hast du mittlerweile herausbekommen, was er von mir will?«

Vanessa schüttelte den Kopf. »Nur dass du direkt rüberkommen sollst. Das ist alles.«

»Okay, ich gehe sofort.« Annie zog die Manschetten ihrer weißen Bluse nach unten und griff nach ihrem Memobuch, in dem sie sich alles Wichtige notierte. Dann schlüpfte sie in ihre eleganten schwarzen Kitten Heel Mules, die sie unter dem Tisch ausgezogen hatte und die das einzig Extravagante an ihrem sonst sehr schlichten Businessoutfit darstellten.

Mit energischen Schritten durchquerte sie die Kanzlei. Am Ende des Korridors ging der breite Gang ab, in dem die Büros der Partner lagen. Wenn alles so lief wie geplant, würde sie zusammen mit Vanessa eines nicht so fernen Tages auch hierhin umziehen. Vielleicht sogar in das Zimmer neben Alexander? Annie fasste sich unwillkürlich an den Kragen ihres weißen Hemdes, während sie ein leichtes Kribbeln im Bauch spürte. Sie wusste nicht, ob das von der Aussicht kam, Partnerin zu werden oder von dem Gedanken an den tollen Mann in ihrem Leben. Auf alle Fälle mochte sie das zarte Gefühl von Verliebtheit, das Alexander in ihr auslöste. Mit ihm zusammen zu sein, gab ihr ein ungewohntes Gefühl von Leichtigkeit. Alexander war ein brillanter Kopf, und man konnte sich hervorragend mit ihm unterhalten. Außerdem war er ein attraktiver Mann, der nicht nur in Anzug und Robe ganz hervorragend aussah. Seiner Nachricht nach war er schon zurück vom Gericht, und sie konnte ganz kurz bei ihm vorbeischauen. Sie sparte sich den Umweg über seine Assistentin und klopfte leise an seiner Bürotür an.

»Herein!«, antwortete seine Stimme von drinnen, männlich und fest. Annie drückte die Klinke mit etwas mehr Kraft herunter, als nötig gewesen wäre, und stolperte dann fast ins Zimmer, als die Tür unerwartet leicht nachgab.

»Hallo«, sagte sie. »Ich wollte dich noch kurz etwas wegen eines Falls fragen. Passt es dir gerade?« Sie zwinkerte ihm zu.

Alexander saß in seinem perfekt aufgeräumten Büro vor seinem bis auf den Laptop und eine Akte leeren Schreibtisch. Niemals sah etwas in seiner Nähe auch nur ansatzweise so unordentlich aus, wie das bei Annie stets der Fall war.

Alexander lächelte, als er sie sah, stand auf und kam auf sie zu. »Ja, komm rein.«

Annie schloss die Tür hinter sich. »Ich muss zu Petrus, aber für zwei Minuten reicht es. Wie geht’s dir?«

Sie musterte ihn und stellte fest, dass er schwungvoll und fit aussah. Die regelmäßigen Tennisverabredungen mit den Richtern vom Landgericht taten ihm offensichtlich gut.

Er blieb direkt vor ihr stehen. »Es geht mir prima, aber es war gestern Abend einsam ohne dich, ich musste improvisieren.«

Annie sah ihm in die Augen und hob entschuldigend die Hände. »Es tut mir wirklich leid, aber du weißt doch, wie das in der Kanzlei ist.«

»Natürlich weiß ich das, aber ich wünschte, du würdest deine Prioritäten anders setzen.« Er beugte sich herunter und küsste sie leicht auf den Mund.

»Aber du arbeitest doch auch nicht weniger als ich«, antwortete sie, bevor sie ihn deutlich schwungvoller zurückküsste. »Erst letzte Woche hast du mir abgesagt, weil du spontan zu einem Termin nach Frankfurt musstest.«

»Das ist etwas anderes.«

»Warum ist das etwas anderes, wenn ich viel arbeite?«, fragte Annie leicht befremdet.

Doch in diesem Moment klopfte es an der Tür. »Dr. Manthey?« Das war die Stimme seiner ReNo.

Annie machte sofort zwei Schritte von Alexander weg auf den Schreibtisch zu und griff nach der einzelnen Akte, die dort lag. Sie hatte sie gerade aufgeschlagen, als die Tür aufging und die Assistentin hereinkam.

»Oh, Dr. Hauser, ich wusste nicht, dass Sie hier sind.«

Annie schaute auf, als wäre sie bis zu dieser Sekunde ganz in die Akte vertieft gewesen. »Ich bin nur ganz kurz für eine Frage zu Dr. Manthey gekommen.« Sie lobte sich innerlich, dass sie heute nur farblosen Lipgloss verwendet hatte. Roten Lippenstift auf Alexanders Lippen zu erklären wäre deutlich schwieriger gewesen. Schließlich war es Alexander sehr wichtig, dass niemand im Büro von ihrer Beziehung erfuhr.

»Kein Problem. Ich komme später wieder.« Die ReNo verließ das Büro wieder, und Lachen perlte aus Annies Bauch hoch. »Das war knapp!«

»Ja«, gab Alexander zurück, aber es klang gepresst. »Das sollten wir nicht mehr machen.«

»Aber es ist doch nicht verwerflich, oder? Wir sind ein Paar, verstehen uns blendend und verbringen gern unsere magere Freizeit miteinander.«

»Trotzdem hat Privates hier bei der Arbeit nichts verloren. Wollen wir das Gespräch heute Abend vielleicht lieber bei mir mit einem Glas Wein fortsetzen?«

»Liebend gern.« Annie seufzte. »Ich hoffe nur, dass …« Sie dachte an den Aktenberg auf ihrem Schreibtisch.

»Annie, bitte«, meinte Alexander, »ich vermisse dich! So geht das einfach nicht weiter!«

»Also gut.« Sich auf ein Glas Wein mit Alexander zu treffen war schließlich hundertmal, wenn nicht tausendmal besser, als ausufernde Fälle in der Kanzlei zu bearbeiten.

»Kommst du um neun zu mir?« Er flüsterte die Worte, als hätten die Wände neugierige Ohren.

Annie nickte, und ein Anflug von Vorfreude machte sich in ihr breit. »Ich komme, so früh ich kann.« Sie gab ihm noch einen schnellen Kuss, drückte ihm seine Akte in den Arm und verschwand dann aus seinem Büro.

Wunderbar, dachte sie glücklich auf dem Weg zu Petrus. Heute Abend würden sie es sich schön machen. Sie lächelte noch, als sie an die Tür von Petrus’ Vorzimmer klopfte. Aber das Lächeln verging ihr rasch, als dessen persönliche Assistentin sie direkt durchwinkte. Nicht warten zu müssen war kein gutes Zeichen. Als weiteres schlechtes Zeichen wertete Annie, dass gerade ein Seniorpartner mit eisiger Miene Petrus’ Büro verließ, als sie hereinkam. Das dritte schlechte Zeichen war, dass Petrus hinter seinem Schreibtisch saß und rauchte.

Annie traute ihren Augen nicht. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass Petrus diesem Laster frönte. Abrupt bliebt sie stehen.

»Noch nie eine Zigarette gesehen?«, fragte Petrus mit seiner tiefen Brummstimme. Seine sonst ordentlich gekämmten grauen Haare standen ab, und seine buschigen weißen Augenbrauen waren fest zusammengezogen. Er drückte die Kippe am Rand seiner Kaffeetasse aus und wedelte den Rauch weg. Dann winkte er Annie näher. »Setzen Sie sich, ich beiße nicht.«

»Wer dann?«, erkundigte sich Annie schlagfertig und nahm Platz.

Petrus schaute sie für einen Augenblick stumm an. Normalerweise hätte er über ihre Antwort zumindest geschmunzelt, aber gerade schien jede positive Schwingung aus diesem Büro verschwunden. »Es gibt Probleme mit Göhler Bremsen, dem großen Autoteilezulieferer. Sie hatten doch schon mal mit dem Unternehmen zu tun?«

Annie musste nicht lange überlegen. »Ja, ich habe einem Kollegen vom Wirtschaftsrecht zugearbeitet bezüglich einer EU-Regelung, die die Firma betraf. Wieso?« Das war der Fall gewesen, bei dem Alexander und sie sich nähergekommen waren. Automatisch lächelte Annie ganz leicht, und ihre Gedanken wanderten zu Alexander und dem bevorstehenden Abend mit ihm. Ach, was für ein Glück, dass es in dieser Kanzlei auch attraktive Kollegen gab!

Petrus schien Annies gute Laune nicht zu teilen. »Es gibt ein großes Problem, eine echte Katastrophe. Mit der Compliance.«

»Mit der Compliance?« Annie spürte, wie sie sich innerlich entspannte. Ein Problem mit der Compliance war nichts, das sie beunruhigen musste. Annie wusste, dass man unter Compliance Regeln des guten Umgangs in Unternehmen zusammenfasste, sowie Maßnahmen, die das rechtmäßige Verhalten aller Unternehmensbeteiligten sicherstellen sollten. Das war nicht ihr Fachgebiet.

Petrus legte die Fingerspitzen aneinander. »Göhler, der Eigentümer und Seniorchef, ist selbst Jurist, und bei Leibe kein übler. Er findet immer wieder Gesetzeslücken, und seine Steuersparmodelle sind nicht von schlechten Eltern. Ich kenne etliche Leute, die sie kopieren.«

»Ah ja«, antwortete Annie vage. Von Steuerrecht hatte sie keinen Schimmer. Kurz schaute sie an Petrus vorbei zu dem Gemälde an der Wand, das in bunten Flecken drei Menschen am Meer zeigte. Zumindest nahm Annie an, dass es das darstellen sollte. Meer wäre jetzt auch schön, dachte sie sehnsüchtig, bevor sie sich wieder auf das Hier und Jetzt konzentrierte.

»Göhler ist ein netter Mann, umgänglich, clever, wir beraten ihn schon seit Jahren.« Petrus hielt kurz inne. »Die Kanzlei hat auch seine zwei Scheidungen gemacht, aber das nur am Rande.«

Familienrecht hatte Annie das letzte Mal an der Uni gehört, das konnte also auch nicht der Grund sein, warum sie hier saß. Compliance, Steuersparmodelle, Scheidungen – nichts hatte mit ihr zu tun. Was sollte sie dann hier?

»Zurück zu den Gesetzeslücken, die er immer wieder findet …« Petrus’ Satz verhallte im Büro, und er sprach nicht weiter.

»… und die er dann mit Hilfe der Kanzlei ausnutzen möchte?«, versuchte Annie den Gedankengang nach einem Augenblick zu Ende zu führen.

Petrus nickte grimmig. »Genau darum geht es. Leider war die letzte Lücke keine Lücke, und Göhler ist voll ins Messer gelaufen. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt ist natürlich begeistert von so einer Gelegenheit, da Göhler sie permanent provoziert. Sie werfen ihm vor, mit Preisabsprachen massiv gegen das Kartellrecht verstoßen und außerdem Konkurrenten eingeschüchtert zu haben. Es ist ein großes Ding, und es geht um sehr viel Geld.«

Annie stutzte erneut, denn weder Strafrecht noch Kartellrecht hatte sie bisher gemacht, und Petrus würde sich in einer kritischen Situation mit den Besten umgeben. Außerdem, warum war er so nervös? Für ihn musste das doch dem Standardprozedere folgen, und er beschäftigte in seiner Kanzlei ein paar der klügsten Köpfe ganz Berlins. Annie wartete, dass er ihr ihre Rolle in diesem Spiel erklärte, aber er griff nur nach seiner Zigarettenschachtel, bevor er sie ungeöffnet wieder zur Seite warf. »Wir brauchen ein hervorragendes Krisenmanagement, und wir brauchen es schnell. Die entsprechende Kollegin ist gerade im Urlaub. Sie, Frau Dr. Hauser, sind auch gut darin, ich weiß, dass Sie in den letzten Jahren ein paar unschöne Geschichten elegant gelöst haben. Also werden Sie die Kampagne zur Rettung des Kanzleiimages koordinieren.«

Annies Augen verengten sich ganz leicht. »Warum denn des Kanzleiimages, ich dachte, es geht um Göhler?«

»Ach, habe ich das noch nicht gesagt? Leider wurde Göhler in diesem speziellen Fall von unseren Leuten falsch beraten, anscheinend haben sie eine Änderung in der Rechtsprechung übersehen. Wir hängen also auch mit drin.« Jetzt schüttelte sich Petrus doch eine Zigarette aus der Schachtel. »Ein echter Haftungsfall.«

»Um wie viel Geld geht es?«

»Genug, um mindestens einen Teil der Kanzlei in die Knie zu zwingen.« Petrus’ Stimme klang kühl. Es war eine Stimmlage, die seine Gegner hassten, wie Annie nur zu gut aus dem Gerichtssaal wusste. Petrus drehte die Zigarette in der Hand hin und her.

»Wer hat den Fehler zu verantworten?«, fragte Annie, ungläubig, dass jemandem von ihnen ein solch gravierender Lapsus unterlaufen sein könnte, bevor ihr klar wurde, dass Petrus ihre Frage niemals beantworten würde. Aber sie täuschte sich, sie bekam doch eine Antwort. »Zwei Partner aus dem Wirtschaftsrecht, Beltmann und Jüngster.«

»Ach du Scheiße«, sagte Annie erschrocken.

»Sie sagen es, Frau Kollegin.« Petrus zündete sich die Zigarette an und inhalierte tief. »Ich möchte in vier Stunden ein Konzept auf dem Tisch haben, wie wir das Kanzleiimage retten können. Ich weiß, dass Sie Partnerin werden wollen. Also arbeiten Sie daran, dass es noch eine Kanzlei gibt, in der Sie das können. Verstanden?«

Annie nickte.

»Und zu niemandem ein Wort. Zu niemandem.«

Zurück an ihrem Schreibtisch, schob Annie alle ihre anderen Fälle beiseite und kümmerte sich nur noch um die Angelegenheit Göhler. Sie entwickelte eine Strategie mit drei Zielen. Zum einen musste sie die Partner Carl Beltmann und Boris Jüngster aus der Schusslinie holen; dann musste sie einem möglichen Imageschaden vorbauen, der für Göhlers Autoteilezulieferbetrieb durch das Fehlverhalten des Firmeninhabers entstehen konnte. Zuletzt musste sie die Kanzlei selbst besonders gut dastehen lassen. Annie wusste, dass ihr Arbeitgeber für derartige Fehler versichert war und die Versicherung auch zahlen würde. Aber hinterher würde die Police ins Unermessliche steigen, und der Ansehensverlust, sollte je etwas davon nach draußen dringen, wäre irreparabel.

In zahlreichen Telefonaten, E-Mails und Videocalls organisierte Annie einen Krisenkommunikator und eine richtig gute PR-Beraterin für Göhler. Dann bereitete sie eine große Spende für die Stiftung Recht heute vor, die Petrus öffentlichkeitswirksam überreichen würde. Sie versuchte damit, Petrus und seinen Schwerpunkt Zivilrecht in der Welt der Großkanzleien ins Scheinwerferlicht zu rücken und dafür den Seniorpartner für Wirtschaftsrecht, Professor Straub, in den Schatten zu stellen, damit man den Wirtschaftsrechtlern der Kanzlei Releger, Straub und Petrus aktuell nicht so viel Beachtung schenkte. Aber das war schwierig, denn Detlev Straub war laut, stand gern im Licht der Öffentlichkeit und war überdies mit einer bekannten Schauspielerin verheiratet, die viel Presse bekam.

Nachdem sie das erledigt hatte, ließ Annie die Bilder und Lebensläufe von Beltmann und Jüngster von der Firmenhomepage verschwinden und legte eine Sperre nach außen an, was Informationen über die beiden anging. Sie verfasste eine möglichst beiläufig klingende E-Mail an die Belegschaft, die über Petrus’ Assistentin an alle verschickt wurde. Parallel dazu sprach sie mit den beiden selbst. Sie waren sofort freigestellt worden, und so erreichte Annie Carl Beltmann bei sich zu Hause und Boris Jüngster bei seinen Eltern auf einem Bauernhof an der Ostseeküste. Beiden schärfte sie ein, die Füße still zu halten und mit niemandem zu sprechen. Zu guter Letzt telefonierte sie mit Petrus.

»Ich würde gern noch Frau Littmann, eine Forensic Digital Consultant, engagieren, die die Verbindungen zwischen Göhler und unserer Kanzlei überprüft.«

»Was versprechen Sie sich davon? Ich bin mir sicher, es gibt ihre Leistung nicht zum Nulltarif.« Petrus’ Stimme klang scharf, und Annie hörte ihn im Hintergrund mit den Fingern auf den Tisch trommeln.

»Sie ist sogar ausgesprochen teuer und berechnet pro Stunde mehr als ich.«

»Aber?«, blaffte Petrus ins Telefon.

»Sie ist richtig gut. Sie wird sämtliche digitalen Beweise sichern und gleichzeitig schauen, dass es keine undichten Stellen gibt. Man kann nicht vorsichtig genug sein.« Das hatte Annie allerdings nicht im Krisenmanagement, sondern von Petrus selbst gelernt.

»Zitieren Sie mich?«, fragte er auch prompt.

»Sagen wir so, Sie haben ein großes Problem skizziert, ich wollte adäquat darauf reagieren.«

»Also gut, Frau Dr. Hauser, machen Sie es so wie vorgeschlagen.«

Für eine Sekunde atmete Annie durch, nachdem sie das Telefonat beendet hatte. Dann nahm sie einen Schluck von ihrem mittlerweile eiskalten Kaffee und rief Vanessa zu sich. »Könntest du bitte die Forensic Digital Consultant anrufen und ihr sagen, dass sie kommen kann?« In rasender Geschwindigkeit schrieb Annie den Namen und eine Nummer auf einen Zettel und reichte ihn Vanessa.

»Littmann – ist das diese extrem kompetente Frau, die die Kollegen vom Kartellrecht neulich dahatten?«, erkundigte sich Vanessa, als sie den Zettel entgegennahm.

»Ja, genau, die ist es«, antwortete Annie, schon mit der nächsten Sache beschäftigt.

Aber Vanessa ging nicht, sondern blieb vor dem Schreibtisch stehen. »Wen willst du denn überwachen lassen? Alexander Manthey?«

»Ich? Warum denn das?« Annie überflog ihre Liste. Hatte sie alles erledigt?

»Na ja, man weiß ja nie. Vielleicht gibt es einen Anlass?« Vanessas Stimme klang ungewöhnlich gedehnt bei ihren Worten.

Unwillkürlich schaute Annie abermals hoch und schüttelte den Kopf.

»Gibt es denn sonst jemanden, der dir besonders gut gefällt und über den du gern mehr wüsstest? Über deinen Ritter in schimmernder Rüstung vielleicht?«, fragte Vanessa.

»Nein, wieso?« Annie hatte weder Zeit noch Nerven, über ihr Privatleben zu plaudern. »Der Ritter in schimmernder Rüstung kommt im Übrigen auf seinem Pferd garantiert nicht zu uns in den zwölften Stock.«

Vanessa lächelte erst und sah sie dann nachdenklich an. »Aber gib zu, beim Thema Ritter hast du im ersten Moment auch an jemand Perfektes und nicht Herrn Dr. Manthey gedacht.«

»Du liest zu viele Liebesromane. Den perfekten Mann gibt es nicht.« Annie biss sich auf die Unterlippe, während sie sich wieder ihren Notizen zuwandte. Wen musste sie noch kontaktieren?

»Wo ist dein Sinn für Romantik geblieben?«, erkundigte sich Vanessa vorwurfsvoll.

Annie zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ich glaube, der ist zwischen meinem ersten und zweiten Jahr hier verloren gegangen.« Vanessas Mundwinkel zuckten, und Annie ließ sich für einen Moment von ihrer Belustigung anstecken, bevor sie wieder ernst wurde. »Liebe Vanessa, es tut mir leid, ich kann jetzt nicht mit dir über den perfekten Mann fantasieren, ich muss gerade diese Sache hier erledigen.«

»Ist es so ein großes Ding, das Petrus da an der Angel hat?«, fragte Vanessa gespannt.

Annie nickte langsam und nachdenklich.

»Soll ich schon mal anfangen, unsere Kisten zu packen?« Vanessa wies mit der Hand in Richtung Partnerbüros.

»Lieber nicht.« Annie hatte auf einmal ein ganz blödes Gefühl im Bauch. »Lass uns das hier erst mal hinter uns bringen.«

»Kannst du mir nicht wenigstens einen winzigen Tipp geben, was los ist?« Vanessa hatte eindeutig die Neugierde gepackt.

Aber Annie gab nichts preis, stattdessen meinte sie nur: »Leider muss ich jetzt sofort los, mein Mandant wartet schließlich schon seit Ewigkeiten.« Sie griff nach einer Akte auf ihrem Schreibtisch und rannte fast in den Konferenzraum, wo der Mandant mit Kaffee und Konfekt besänftigt worden war.

HANNAH

»Komm, Hannah, wir können jetzt los!«

Hannah fühlte sich zu schwach, um aufzustehen. Eigentlich wusste sie, dass sie es konnte, aber sie wollte lieber liegen bleiben und nichts tun.

»Hannah!« Die weiche Stimme ihrer Mutter wurde etwas nachdrücklicher.

Als wäre sie noch ein Kind, gab Hannah vor, ihre Mutter nicht rufen zu hören. Sie drehte ihr Gesicht zur Wand und starrte auf die Unebenheiten in der Tapete, die sie im wahrsten Sinne des Wortes schon wochenlang betrachtet hatte. Natürlich war ihr klar, dass es nicht normal war, als zweiunddreißigjährige Frau in ihrem ehemaligen Kinderzimmer im Bett zu liegen, aber ihr fehlte schlicht und ergreifend die Kraft, um etwas daran zu ändern. Die Ärzte versicherten ihr, dass sie alles überstanden habe, wieder gesund sei und ihr normales Leben wieder aufnehmen könne, aber sie sahen einfach nicht, dass das unmöglich war. Ihr normales Leben war an dem Tag gestorben, als sie die Diagnose Krebs erhielt, und Tote konnte man nur im Märchen wieder zum Leben erwecken.

»Hannah, wir wollten doch heute noch einkaufen gehen!« Ihre Mutter öffnete die Tür und streckte ihren Kopf herein. Hannah hörte den erschöpften Tonfall und spürte für eine Sekunde Mitleid mit ihrer Mutter, die sich die letzten Wochen und Monate wahrscheinlich auch anders vorgestellt hatte.

»Hannah, wir haben es abgemacht, jetzt komm.«

Wie ein trotziger Teenager blieb Hannah liegen, unfähig und unwillig zugleich, sich zu rühren.

Nach einer Weile schloss sich die Tür wieder, und Hannah wusste, dass sie einen winzig kleinen Etappensieg errungen hatte. Ein Sieg über all diejenigen in ihrer Umgebung, die ihr immer sagen wollten, was sie tun sollte. Aber der Sieg fühlte sich schal an.

»Lasst mich doch alle einfach in Ruhe«, sagte Hannah laut ins Zimmer hinein, aber niemand antwortete. Wer sollte das auch tun? Sie war mit ihrer Mutter alleine zu Hause am Stadtrand von Freiburg, und es gab niemanden, der sich für ihre Worte interessierte.

Plötzlich hörte sie zu ihrer Überraschung, wie draußen das Auto angelassen wurde. Sonst fuhr ihre Mutter niemals ohne sie fort, sondern wartete, bis ihr Vater nach Hause kam, damit wenigstens einer bei ihrem einzigen Kind war. Das einzige Kind, der Sonnenschein, die leuchtende Freude ihrer Eltern, das war sie gewesen. Früher waren die permanente Aufmerksamkeit und Betüddelung durch ihre Eltern, deren Leben sich komplett um sie zu drehen schien, normal für Hannah gewesen, aber jetzt fühlten sie sich wie ein Stein um ihren Hals an, eine Last, die sie nicht mehr tragen konnte. Genau wie diese verdammte Krankheit. Akute myeloische Leukämie. Hannah hasste diese elf Silben, die ihr Leben zum Einsturz gebracht und von ihrem lebensfrohen Selbst nur noch ein Wrack übrig gelassen hatten. Über Nacht hatte sich die Leukämie angeschlichen und sie gepackt, bis Hannah nichts anderes mehr übrig geblieben war, als um das pure Überleben zu kämpfen. Ja, sie hatte überlebt, sie hatte die Krankheit niedergerungen, aber um welchen Preis. Sie hatte ihren Humor, ihren Mut, ihre kleine Firma und ihren Mann verloren, sie hatte eine Bestrahlung und eine Knochenmarksspende erhalten und würde auf ewig mit einem möglichen Rückfall und dem Gefühl der Dankbarkeit der unbekannten Knochenmarksspenderin gegenüber leben müssen.

Hannah drehte sich auf die andere Seite. Wohin sie auch blickte, jede Ecke ihres Zimmers war ihr bis zum Erbrechen vertraut, und sie sehnte sich nach etwas anderem, Neuem. Doch sie traute sich nicht. Sie hatte Angst vor einer belanglosen Erkältung, sie zitterte bei der Vorstellung, sich wieder so furchtbar schwach zu fühlen, sie fürchtete das Versagen des neuen Knochenmarks genauso wie einen Angriff des eigentlich fremden Knochenmarks auf ihren Körper. Die größte Sorge aber hatte sie vor einer Rückkehr der Leukämie. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie schon Angst vor der Angst bekam, die sie auf Schritt und Tritt begleitete.

Niemand trug die Schuld an der Erkrankung, hatten ihr die Ärzte mehrfach versichert. Aber Hannah glaubte ihnen nicht, jemand musste schuld sein, und wenn sie es selbst war. Doch was hätte sie anders machen können? Nicht geboren werden? Nicht in einer Gegend aufwachsen, in der die Radonbelastung des Bodens höher als im Durchschnitt war? Im Studium nicht rauchen? Nicht so viel arbeiten? Es waren sinnlose Gedanken, Hannah wusste es selbst, doch sie konnte sich nicht davon lösen.

Schluss, sagte sie sich selbst, aber ihre Entschlossenheit hielt maximal drei Atemzüge an, dann begann die quälende Gedankenschleife wieder von vorne. Abermals drehte sich Hannah auf ihrem Bett um, doch auch davon wurde nichts besser. Also schloss sie die Augen und wartete, dass die Zeit verging.

***

»Hannah, wir müssen reden.«

Hannah liebte die warme Stimme ihres Vaters, aber gerade klang sie alles andere als herzlich oder entspannt. Augenblicklich drehte Hannah den Kopf zur Wand.

»Nein, Hannah, das mag bei deiner Mutter funktionieren, aber nicht bei mir. Schau mich an.«

Hannah kannte die Energie und die Unbeugsamkeit ihres Vaters, denn sie war genauso. Besser gesagt war sie in den ersten einunddreißig Jahre ihres Lebens so gewesen. Stur fixierte Hannah die Wand, aber irgendwann drehte sie sich doch um und blickte ihm in die Augen. Er war grau geworden, ihr unbesiegbarer Papa, und es tat Hannah im Herzen weh, ihn so zu sehen.

»Hannah, guck mich nicht so an, ich fall schon nicht gleich tot um.«

»Es bin auch eher ich, die tot umfällt.« Sie spielte ihre Trumpfkarte aus, aber ihr Vater zuckte nicht zusammen, sondern hob nur die Achseln. »Vielleicht ja, vielleicht nein, auf alle Fälle hast du deiner Mutter heute den Tag verdorben. Du weißt, Hannah-Kind, wie sehr ich dich liebe, aber wenn die Frau meines Lebens weinend bei mir im Büro steht, weil unsere gemeinsame Tochter ihr das Leben unnötigerweise schwer macht, dann hört auch bei mir der Spaß auf.«

Hannah-Kind – ihr alter Kosename. Hannah spürte eine überwältigende Trauer zusammen mit einer aufbrausenden Wut. Sie war kein Kind mehr, verdammt noch mal! Sie blitzte ihren Vater an. »Warum lasst ihr mich auch nicht einfach in Ruhe? Warum soll ich immerzu aufstehen, einkaufen gehen oder ins Café? Ich will das nicht.«

»Das habe ich wohl verstanden.« Ihr Vater ließ sich neben sie aufs Bett fallen. Anders als ihre Mutter versuchte er nie, sie moralisch zu erpressen.

»Papa, ich …«

»Du fährst jetzt erst mal in den Urlaub.«

»Ich tue was?« Hannah war so überrascht, dass sie sich unwillkürlich aufsetzte.

»Du fährst nach Südfrankreich in den Urlaub. Eine gute Freundin meiner Schwester hat dort ein kleines Hotel, und da kannst du so viel im Bett liegen, wie du magst.«

»Aber Tante Hilda lebt in London.« Hannah zog die Augenbrauen zusammen.

»Ihre Freundin ist auch Engländerin, aber sie hat trotzdem in Frankreich dieses Hotel.«

»Und ihr?« Hannah konnte kaum glauben, was sie da hörte.

»Deine Mutter und ich bringen dich hin, fliegen aber dann von Südfrankreich aus weiter nach Schottland, wohin deine Mutter schon immer mal wollte.«

Hannah schüttelte den Kopf. »Aber …«

»Es ist wunderschön an der Côte d’Azur. Es wird dir gefallen, und wenn nicht, holen wir dich nach zehn Tagen wieder ab, und du kannst hier weiter die Wand anstarren.«

»Das könnt ihr doch nicht machen, ich bin krank.« Hannah fand selbst, dass sich ihr Protest absurd und weinerlich anhörte, und sie hasste sich und ihren Vater gleichermaßen dafür.

»Das hätten wir schon längst machen sollen.« Ihr Vater stand auf. »Wenn du noch etwas für Sommer, Sand und Meer brauchst, sag mir Bescheid, ich fahre dich in die Stadt. Ansonsten geht es übermorgen früh los. Wir fahren zeitig, denn es ist ein weiter Weg von Freiburg bis ans Mittelmeer, und wir wollen unseren Flug am späten Nachmittag nicht verpassen.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»Hannah, diesmal gibt es kein Nein.«

An dem Tonfall, den sie erst ganz selten in ihrem Leben gehört hatte, erkannte Hannah, dass ihr Vater es hundertprozentig ernst meinte. Sie hatte tatsächlich keinen Spielraum mehr.

***

Alle ihre Sachen standen, in Kisten verpackt, im Gästezimmer, aber Hannah hatte sich bisher standhaft geweigert, auch nur einen dieser Kartons zu öffnen. Jetzt ging sie tatsächlich nach oben und schaute auf die neunundzwanzig Umzugskisten, die alles enthielten, was ihr Leben ausgemacht hatte. Ihre Mutter hatte sie gepackt, weinend, während sie selbst im Isolierzimmer mit dem Tod rang. So stellte sich das Hannah zumindest vor.

Nun entdeckte Hannah zu ihrer Überraschung, dass die Kisten fein säuberlich beschriftet worden waren. Sie ging hinüber, öffnete den obersten Karton und stellte verblüfft fest, dass die Dinge darin sorgfältig eingeschlagen und nicht nur panisch hineingestopft worden waren. Auf jeder Kiste stand, aus welchem Zimmer sie stammte, und obenauf lag eine Inventarliste.

»Wie hast du denn das alles in der kurzen Zeit geschafft?«, erkundigte sich Hannah bei ihrer Mutter, die nach ihr ins Zimmer kam.

»Katrin hat das gemacht.«

Ausgerechnet Katrin, ihre Schwiegermutter? Die Frau, mit der sie nicht mehr gesprochen hatte, seit Flo sie in der ersten Woche nach der Diagnosestellung verlassen hatte. Flo, der Mann, mit dem sie eigentlich bis ans Ende ihrer Tage hatte zusammenbleiben wollen. Hannah schnaubte.

»Katrin fand es furchtbar, was passiert ist, und wollte keinesfalls, dass die …«, ihre Mutter sprach nicht gleich weiter, und Hannah wusste, dass ihre Mutter die andere Frau meinte, die praktisch augenblicklich Hannahs Stelle eingenommen hatte und in die gemeinsame Wohnung gezogen war, »dass die etwas von deinen Sachen anfasst.«

»Das ist nett.« Hannah hatte nicht geahnt, dass sich ausgerechnet ihre Schwiegermutter so loyal verhalten hatte. Fast noch verblüffter war sie, als sie sah, wie sorgsam und ordentlich Katrin mit all ihren Sachen umgegangen war. So fand sie ihre beiden Badeanzüge sorgsam in Seidenpapier eingeschlagen und den Bikini ausgepolstert, damit er bloß keinen Schaden nahm. Langsam schaute Hannah die Kartons durch und entdeckte eine Menge Dinge, an die sie seit Monaten gar nicht mehr gedacht hatte. Zwischen ihren Winterpullis lagen einige Fotos im Rahmen, darunter auch das Hochzeitsfoto von Flo und ihr.

»Hätte sie das nicht wegwerfen können?«, wandte sie sich vorwurfsvoll an ihre Mutter.

»Es ist deins, du kannst es selbst wegwerfen«, erwiderte ihre Mutter ruhig. »Außerdem wusste Katrin damals noch nicht, was werden würde.«

»Du meinst, ob ich sterben würde?« Hannahs Stimme klang bissig und böse, genau wie sie sich fühlte, als sie auf dieses Bild voller Sonnenschein blickte.

»Nein, eher, ob du und Flo wieder zusammenfinden würdet.«

»Wie bitte?«, fragte Hannah abweisend und bitter zugleich.

»Es war Katrins Hoffnung«, erklärte ihre Mutter.

Hannah spürte, wie das Gefühl der Dankbarkeit ihrer Schwiegermutter gegenüber wieder ihrer Wut wich. Niemals würde sie auch nur noch ein einziges Wort mit Flo wechseln, und mit ihm wieder zusammenkommen – ausgeschlossen! Er hatte alles zerstört. Nie wieder würde sie jemandem vertrauen, keinen Mann würde sie mehr in ihr Leben lassen, schon gar nicht diesen Idioten, der sie im Stich gelassen hatte, als sie Hilfe am dringendsten gebraucht hätte.

»Katrin kann nichts dafür«, sagte ihre Mutter jetzt, und Hannah spürte prompt wieder diesen hochlodernden Zorn, den sie so oft hatte. Ein Zorn, der sie packte und schüttelte, bis sie nicht mehr geradeaus denken konnte.

»Dann hätte sie ihn anders erziehen müssen«, fauchte sie.

Sie hasste sich dafür, dass sie ihren Zorn nicht in den Griff bekam und alles nur noch als hässlich empfand.

»Es war seine eigene Entscheidung«, hielt ihre Mutter dagegen, aber sie bekam den besorgten Gesichtsausdruck wie immer, wenn Hannah wütend wurde, und den Hannah mehr hasste als alles andere auf der Welt.

»Lasst mich doch alle in Ruhe«, fuhr sie ihre Mutter laut und böse an, dann warf sie die Badeanzüge voller Verachtung auf den Stapel mit all den Sachen, die sie mitnehmen musste. Nur mit Mühe konnte sie sich davon abhalten, darauf herumzutrampeln.

ANNIE

»Alexander, es tut mir so leid.« Annie schaute aus dem Fenster in die spätabendliche Dunkelheit, bevor sie sich wieder auf das Telefonat konzentrierte. »Ich wäre nirgends lieber als bei dir, aber ich kann hier noch nicht weg.« Und eigentlich habe ich nicht einmal Zeit, mit dir zu telefonieren, dachte sie frustriert. Was für ein Mist! Und das Schlimmste war, Alexander hatte sie angerufen, weil sie ihn vollkommen vergessen hatte. Sie war ununterbrochen damit beschäftigt gewesen, Göhler und die Kanzlei vor der absoluten Katastrophe zu bewahren, was schwerer war, als sie angenommen hatte. Offenbar war Göhler in einen Kamikaze-Modus verfallen und sprach immerzu davon, wen er alles mit ins Verderben reißen würde, wenn die Staatsanwaltschaft erst mit ihren Vorwürfen gegen ihn ernst machte.

»Ich wünschte, ich wäre bei dir. Können wir das nicht nachholen?«, fragte Annie Alexander jetzt und unterdrückte ein Gähnen.

»Ich glaube so langsam, das wird nichts mehr mit uns beiden, und ich habe auch keine Lust mehr zu warten.«

Annie blickte auf. Das klang jetzt alles andere als positiv und auch nicht gerade verliebt. »Natürlich wird das etwas. Aber du weißt doch, wie es ist.« Sie schlüpfte unter dem Schreibtisch aus ihren Schuhen und bewegte ihre Zehen auf und ab. »Wir arbeiten in einem Job, der einen rund um die Uhr beanspruchen kann. Es ist ja nicht so, dass du mir noch nie kurzfristig abgesagt hättest. Dringender Fall, dringende Besprechung, und schon sind alle Pläne dahin.«

»Das mag ja sein. Aber du setzt deine Prioritäten schon sehr klar, und ich gehöre nicht dazu.«

Annie runzelte die Stirn. »Natürlich stehst du ganz oben auf meiner Liste.«

»Das Gefühl habe ich nicht. Und du bist ja nicht die einzige Frau auf der Welt.«

Annie lachte. »Das weiß ich doch. Wenn ich die einzige Frau wäre, dann sähe mein Leben definitiv anders aus.«

Aber anders als sonst lachte Alexander nicht mit ihr. Stattdessen klang seine Stimme fast gepresst, als er fragte: »Und dein Leben? Wie sind deine Pläne? Mittelfristig und langfristig meine ich.«

Annie fuhr sich über die Augen. Sie hatte gerade weder Zeit noch Muße, Lebenspläne zu schmieden.

»Es ist ganz einfach«, erwiderte sie. »Ich will gern in die Partnerriege aufsteigen, dafür muss ich jetzt arbeiten.«

Im Hintergrund hörte Annie es gluckern, als würde Alexander sich ein Glas Wein einschenken. Sie fragte sich, wie viel er wohl schon getrunken hatte.

»Fragst du dich nie, ob du etwas verpasst?«, meinte er dann.

»Natürlich tue ich das, aber eher selten«, gab Annie zu. »Wenn ich auch noch anfange, mir darüber Gedanken zu machen, was ich verpasse, werde ich verrückt.«

Alexander räusperte sich. »Das klingt fast zynisch in Anbetracht der Tatsache, dass du dir selbst freiwillig immer noch mehr Arbeit aufhalst.«

»Das tue ich nicht. Die Arbeit kommt zu mir, ohne dass ich darum bitte. Natürlich würde ich gern reisen, wieder Klavier spielen, jetzt mit dir Zeit verbringen, aber es geht nun mal nicht.« Annie unterdrückte abermals ein Gähnen. »Morgen ist ein neuer Tag, wollen wir vielleicht da besser weitersprechen?«

»In Ordnung, aber vergiss nicht: Ich werde nicht ewig warten.«

»Ist das eine Drohung?«, fragte Annie, zusehends verwirrt darüber, welche Wendung das Gespräch nahm.

»Nein, ein Fakt. Du solltest weniger arbeiten und mehr Zeit für mich haben.«

Du solltest mir nicht sagen, was ich tun soll, schließlich hast du deine Karriere auch über alles gestellt, dachte Annie – mit einer Spur Wut im Bauch.

Sie verabschiedete sich und legte auf. Dann schaute sie abermals aus dem Fenster in die Dunkelheit.

In etwas mehr als einer Stunde beginnt ein neuer Tag, dachte sie, vielleicht wird ja da alles besser.

Aber es wurde nicht besser, es wurde nur von Stunde zu Stunde schlimmer. Irgendwann um kurz nach drei Uhr nachts saßen Annie und Petrus mit Frau Littmann, der Forensic Digital Consultant, zusammen am Konferenztisch. Die Spezialistin war die Einzige der drei, die noch halbwegs munter schien. Petrus hatte tiefe Ringe unter den Augen und wirkte völlig fertig. Tagsüber hatte er noch den brüllenden Löwen gegeben, aber jetzt sah man ihm sein Alter deutlich an. Annie hatte ihren kuscheligen Kaschmirpulli übergezogen, musste aber die Augen gewaltsam offen halten.

Frau Littmann war eine kleine, schmale Frau, die ihre Tastaturen phänomenal schnell bearbeitete. Sie trug eine Brille mit getönten Gläsern und war ansonsten so schlicht in Grau angezogen, dass Annie sich in ihrer eleganten Bürokleidung und ihren extravaganten Schuhen fast overdressed neben ihr vorkam.

»Was haben Sie gefunden?«, fragte Petrus, als die Spezialistin nichts sagte, sondern weiterhin auf die drei Monitore vor sich starrte, die sie mitgebracht und nebst ihrem sonstigen Equipment hier im Konferenzraum aufgebaut hatte.

»Sie haben mir doch aufgetragen, den Spuren Ihrer Kollegen Beltmann und Jüngster zu folgen in Zusammenhang mit dem Mandanten Göhler. Da stimmt etwas nicht.«

»Ach ja?« Petrus’ Gesicht blieb vollkommen regungslos, aber Annie beobachtete, dass ein Muskel an seinem Hals zu zucken anfing.

»Die beiden hatten tatsächlich früher einmal Kontakt zu Göhler, aber schon seit Längerem nicht mehr.« Die Consultant tippte etwas ein und drehte dann den einen Monitor so, dass Petrus und Annie mit draufschauen konnten.

»Das ist die Liste der Nachrichten, Mails und Memos zu den Gesprächen mit dem Mandanten in der letzten Zeit. Nur, keines der Dokumente ist echt.«

»Wie bitte?« Die Worte rutschten Annie heraus.

»Das ist alles erst später ins System eingespeichert worden, genau wie die angeblichen Telefondaten.«

Petrus’ Gesicht versteinerte. »Wer hat das gemacht?«

»Die Accounts von Jüngster und Beltmann wurden dafür verwendet. Ich habe keinen Hinweis auf einen Einbruch in das System von außen. Aber die Log-in-Daten der beiden sind nahezu identisch. Da stimmt etwas nicht.« Frau Littmann legte nachdenklich eine Hand ans Kinn.

»Sind Sie sich sicher?« Petrus starrte an ihr vorbei auf den Monitor.

»Ich arbeite mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Sicherheiten. Und ja, den Wahrscheinlichkeiten nach wurde der gesamte Kontakt von Jüngster und Beltmann mit Göhler vor Kurzem eingefügt.« Sie tippte weiter. »Aber das ist nicht das einzige Problem.«

»Sondern?«, fragte Petrus barsch.

Annie fand, dass Petrus’ Stimme so eisig klang, als wolle er damit die Temperatur im Zimmer senken.

»Parallel sieht es so aus, als wären auf einem anderen Account jede Menge Nachrichten und Gesprächsinhalte gelöscht worden. Dass etwas gelöscht wird, ist für eine Kanzlei Ihrer Größe normal, aber es ist zu viel, und es ist in einem zu kurzen Zeitraum passiert.« Die Spezialistin wies auf zwei ihrer drei Monitore. »Ich habe Ihnen das hier mal aufgelistet.«

Annie beugte sich vor. »Das ist doch derselbe Zeitraum, in dem Beltmann und Jüngster ihre Einträge ins System eingefügt haben, oder?«

»Ja, genau.«

»Kann man die gelöschten Inhalte rekonstruieren?«, erkundigte sich Petrus.

»Die meisten schon. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, war kein Computerprofi.« Frau Littmann zeigte auf eine lange Aufstellung von gelöschten Mails und Memos, die sie wiederhergestellt hatte. »Ihr System macht regelmäßige Sicherheitsupdates, die nur dann überschrieben werden, wenn der Speicher voll ist. Wenn ich Zugriff darauf bekomme, kann ich sehen, ob ich sogar alles wiederherstellen kann.«

Annie biss sich auf die Unterlippe. So wie sich das hier anhörte, gab es zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Göhler Beltmann und Jüngster dazu bekommen, fälschlicherweise zu dokumentieren, sie hätten ihn beraten, obwohl sie das nicht getan hatten. Oder aber die beiden waren nur das Bauernopfer, und eigentlich steckte jemand ganz anderes hinter der Scharade, jemand, der wiederum alle Beweise dafür gelöscht hatte. Annie schluckte. Das war ein gewaltiger Verdacht und eine ziemliche Katastrophe. »Wissen Sie, von wem das alles gelöscht worden ist?«, fragte Annie, als Petrus nichts sagte.

»Ich kann Ihnen natürlich nicht genau sagen, wer es gemacht hat, sondern nur, wessen Account dafür genutzt wurde.« Die Spezialistin ließ eine Mail auf dem Monitor aufleuchten. Rekonstruiert stand in großen roten Lettern darauf. Annie schaute auf den Absender. Professor Detlev Straub.

»Du lieber Himmel«, dachte Annie und merkte erst nach einem Augenblick, dass sie es laut ausgesprochen hatte. Ausgerechnet der Vorstand des Bereichs Wirtschaftsrecht sollte diese ganzen Informationen gelöscht haben?

Für einen Augenblick passierte nichts, dann stand Petrus plötzlich ziemlich abrupt auf. »Sie können jetzt gehen, Frau Dr. Hauser. Genug gearbeitet.«

Annie erhob sich. Petrus’ Entscheidung, sie nach Hause zu schicken, wunderte sie, denn eigentlich gab es jetzt noch viel mehr zu tun als zuvor. Beltmann und Jüngster mussten zum Rapport kommen, Straub genauso, davor oder danach musste Petrus noch mal mit Göhler sprechen, der am Abend ja schon kurz vorm Überschnappen gewesen war. Je nach Ergebnis der Unterredung müssten die anderen Partner der Sozietät einberufen werden und … Aber vielleicht wollte Petrus das alles selbst erst noch mal durchdenken.

»Alles klar«, sagte Annie, obwohl im Grunde genommen gar nichts klar war. Deutlich war nur geworden, dass das Problem unter Umständen noch viel größer war und viel mehr Personen betraf, als sie bisher angenommen hatte.

Petrus begleitete Annie zur Tür des Konferenzraums. »Ich verlasse mich darauf, dass Sie alles absolut streng vertraulich behandeln.«

»Natürlich.« Annie verabschiedete sich und ging dann in ihr Büro, wo sie ihren Computer herunterfuhr und ihre Tasche holte. Die ganze Zeit musste sie weiter daran denken, dass Beltmann und Jüngster etwas eingefügt hatten und Straub etwas gelöscht hatte. Nur warum all der Aufwand?

Für den Heimweg leistete Annie sich ein Taxi. Während das Auto unter den gelblich leuchtenden Straßenlaternen am Reichpietschufer hindurchfuhr, erwog Annie kurz, jetzt noch bei Alexander vorbeizufahren. Dann wusste er zumindest, dass es ihr ernst mit ihm war. Annie gähnte so sehr, dass ihre Augen tränten, bevor sie sich dagegen entschied. Sie war einfach zu müde, und die Vorstellung, jetzt noch mit ihm über ihre und seine Lebensplanung zu diskutieren, überforderte sie. Also fuhr sie direkt zu sich nach Hause in ihre kleine, unaufgeräumte Wohnung am Savignyplatz, putzte sich die Zähne und fiel todmüde ins Bett. Kurz bevor der Schlaf sie übermannte, flossen alle Erinnerungen des Tages zusammen, und sie sah Alexander, Petrus und Detlev Straub vor sich. Zu viele Männer, dachte sie, aber da war sie auch schon eingeschlafen.

HANNAH

Hannah lag hellwach in ihrem Bett. Warum waren ihre Eltern auf die absurde Idee gekommen, sie an die Französische Riviera zu verfrachten? Sie wollte da nicht hin. Sie konnte da nicht hin. Aber wie sollte sie ihnen das klarmachen? Was konnte sie sagen, damit sie sie verstanden? Ich habe Angst, lasst mich hier. Ich habe Angst vor der fremden Umgebung, vor den kritischen Blicken der Leute dort, vor einem Rückfall. Aber sie konnte diese Worte nicht aussprechen, sie saßen zu fest verknotet in ihrer Brust.

Sie hatte bereits nachgesehen, wo es an der Côte d’Azur Krankenhäuser mit einer Hämatologie und Onkologie gab. Nizza verfügte über ein Universitätsklinikum, Marseille auch. Doch sie hatte kein Vertrauen zu den fremden Ärzten, die sie nicht kannte und deren Sprache sie im Übrigen nicht gut genug sprach, um sich sicher verständigen zu können. Aber das interessierte ihre Eltern ja nicht. Irgendwie hatten sie beschlossen, sie einfach so aus dem Haus zu werfen, ja, schlimmer noch, sie irgendwohin zu karren, als bräuchte sie Urlaub. Urlaub – wovon? Vom Im-Bett-Liegen? Hannah schnaubte unwillig. Dann horchte sie in sich hinein, ob sie sich nicht vielleicht ein wenig schlecht fühlte. Kratzte da etwas im Hals, pikte etwas in ihrem Ohr? Wenn sie einen Infekt bekam, konnte sie unmöglich fahren. Aber anders als vor gut einem Jahr, als es mit der Leukämie losgegangen war, fühlte sie sich körperlich gut. Sie hatte keine Halsschmerzen, keinen Schnupfen und keinen Husten. Ihre Ohren drückten nicht, und wenn sie ehrlich war, konnte sie sogar problemlos die Treppe im Haus mehrmals von unten nach oben laufen. Trotzdem …

Hannah drehte den Kopf und schaute zum Fenster, vor dem eine einsame Straßenlaterne leuchtete. Ich will nicht, dachte sie. Aber diesen Gedanken hatte sie schon so oft gehabt, und geholfen hatte er ihr nie.

ANNIE

»Ich habe gerade die Bestätigung zugeschickt bekommen«, sagte Vanessa am nächsten Morgen gut gelaunt zu Annie, die mehr hinter ihrem Schreibtisch hing als saß. »Die Tageslichtlampe wird heute noch geliefert.«

»Das ist ja mal gut.« Annie gähnte hinter vorgehaltener Hand. Sie war todmüde und hatte das Gefühl, gar nicht mehr richtig wach zu werden. Und das, obwohl sie schon mehr Kaffee als sonst getrunken hatte, aber irgendwie zeigte er nicht den gewünschten Effekt. Doch war jetzt keine Zeit zum Jammern, sie musste dringend am Fall Göhler weiterarbeiten. Dazu musste sie allerdings wissen, wie Petrus weiter vorgehen wollte. Aber er hatte sie immer noch nicht darüber informiert, und sie fühlte sich ein wenig wie ein Fisch auf dem Trockenen.

»Hat Petrus’ ReNo sich gemeldet?«, erkundigte sie sich bei Vanessa.

»Nein.«

Annie gähnte noch einmal. »Wenn das so weitergeht, brauche ich noch einen Kaffee.«

»Hole ich dir«, versprach Vanessa.

In diesem Moment ging Alexander draußen auf dem Korridor vorbei.

»Weißt du was, ich hole ihn mir selbst.« Annie sprang auf.

»Bitte sag, dass nicht er dein Ritter ist«, meinte Vanessa plötzlich hinter ihr.

Annie wandte den Kopf. »Niemand ist mein Ritter, aber ich muss mit ihm sprechen.«

Während sie Alexander in den Korridor der Partner folgte, fragte sie sich, was Vanessa wohl mit ihren ständigen Anspielungen auf irgendwelche märchenhafte Ritter hatte? Sonst war Vanessa doch auch nicht so der gefühlsduselige Typ, dachte sie. Dann schob sie den Gedanken beiseite und klopfte an Alexanders Tür.

»Herein«, kam es knapp zurück.

Annie atmete tief ein und drückte dann die Klinke herunter. »Hallo«, sagte sie zu Alexander. Mit einem entschuldigenden Lächeln ging sie auf ihn zu. »Es tut mir wirklich leid wegen gestern.«

»Ja«, antwortete er, aber sein Gesichtsausdruck blieb abweisend. Er saß an seinem Schreibtisch und schaute auf seinen Laptop.

Annie ließ die Schultern sinken. »Ich verstehe, dass du mir böse bist.«

»Das bin ich nicht, zumindest nicht mehr. Mir ist gestern Abend sehr viel klar geworden.« Jetzt drehte sich Alexander zumindest in ihre Richtung.

»Was denn?« Annie war verblüfft, denn nach neuen Erkenntnissen hatte er sich gestern am Telefon eher nicht angehört, eher nach viel Wein, Lamentieren und Selbstmitleid.

Alexander schob seinen Stuhl zurück und stand auf. »Gestern Abend habe ich erfahren, dass meine Schwester ein Kind erwartet. Da ist mir einmal mehr klar geworden, dass ich eine Frau möchte, die für mich da ist, deren einzige Zukunft nicht in einer Partnerschaft bei Releger, Straub und Petrus liegt.«

Annie neigte den Kopf zur Seite. »Ach ja?« Sie spürte, wie sich unter ihrer Müdigkeit tatsächlich ein Gefühl regte. Aber es war nicht Verliebtheit, sondern ein Hauch von Wut über Alexanders Worte. Er hatte leicht reden – er war ja schon Partner!

»Außerdem möchte ich nicht in Konkurrenz zu meiner Frau stehen.«

Annie runzelte ihre Stirn. Konkurrenz? Weil sie irgendwann einmal einen von Alexanders Fällen weiterbearbeitet hatte, als klar wurde, dass er mehr in ihre als in seine Richtung ging?

»Findest du das nicht etwas übertrieben?«, fragte sie bissiger, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte.

»Wer von uns beiden ist denn die ganze Zeit bei Petrus?«

Annies Stirn entspannte sich wieder. »Das ist doch nur aktuell so.«

»Sag mir, was da läuft.« Alexander machte zwei Schritte auf sie zu.

Die Falten auf Annies Stirn kehrten zurück. »Das kann ich leider nicht.«

»Jetzt komm schon.« Alexander blieb direkt vor ihr stehen.

»Nein.« Annie zögerte keine Sekunde.

Alexanders Gesichtsausdruck wurde abweisend. »Wenn du keine Zeit für mich hast, mir gegenüber nicht offen bist und nur noch deine Karriere im Sinn hast, sehe ich keine Zukunft für uns.«

»Wie bitte?« Annie japste die Worte fast.

»Ich habe ja nicht verlangt, dass du die Frau an meiner Seite sein musst.« Alexander gab es so nüchtern von sich, als besprächen sie gerade einen Fall.

»Wie bitte?«, wiederholte Annie. Das hatte er jetzt nicht wirklich gesagt, oder?

»Gestern Abend saß ich allein da mit meiner Flasche Wein, ohne dich, aber dafür mit einer Menge kritischer Gedanken. Auf alle Fälle habe ich beschlossen, mein Leben zu ändern. Also habe ich mir Parship, ElitePartner und wie sie alle heißen, angesehen. Und du wirst es nicht glauben, es gibt Tausende Frauen, die dieselben Vorstellungen vom Leben haben wie ich. Wirklich Tausende!«

»Ja klar.« Annies Augen funkelten. »So funktioniert das Spiel der Agenturen. Dir wird suggeriert, dass es endlos viele Optionen gibt.«

»Das siehst du falsch. Für mich gibt es diese Optionen wirklich.«

Annie fühlte sich, als wäre ein Eimer kaltes Wasser über ihr ausgeschüttet worden. »Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«

»Doch natürlich.«

»Das heißt, du und ich … wir sind kein Paar mehr?« Annie spürte, wie ihre Unterlippe vor Schock anfing zu zittern, und hätte sich dafür ohrfeigen können.

»Nein, außer du gibst das Ziel der Partnerschaft in der Kanzlei auf, beziehst mich offen in deine Fälle ein und hast Zeit für mich und eine Familie.«

»Familie?« Annie hatte das Gefühl, sich dringend setzen zu müssen. Aber sie lehnte sich nur an Alexanders wie immer extrem aufgeräumten Schreibtisch. »Das kommt jetzt aber ein bisschen plötzlich.«

»Na ja, du wirst auch nicht jünger. Und für Frauen wird der Markt mit zunehmendem Alter deutlich kleiner, das muss dir schon klar sein. Viele Statistiken belegen das, von der abnehmenden Fertilität ganz zu schweigen.«

Annie schluckte. »Du sagst mir also, ich hätte die Wahl zwischen keiner Beziehung mit dir und dem ganzen Programm als Hausmütterchen mit Familie?«

»Das ist jetzt deine Formulierung, aber im Grunde genommen stimmt es.« Alexander rückte seinen Krawattenknoten gerade, und Annie fragte sich auf einmal, wie sie ihn je als zugewandt hatte wahrnehmen können und als nett und entspannt. Sie hatte sich komplett getäuscht. Der Mann, seine Wünsche und sein Vorgehen stammten direkt aus dem Mittelalter!

»Du kannst es dir ja überlegen«, sagte Alexander.

»Das brauche ich mir nicht zu überlegen.«

Alexander zuckte die Achseln. »Ich mag dich, Annie, aber nicht so sehr, dass ich deinetwegen auf alles andere verzichten würde. Ich brauche jemanden an meiner Seite. Und wenn du das nicht willst, dann wird es eben eine andere Frau sein.«

Annie spürte ihr Herz anschwellen und ganz, ganz schwer werden. Sie blickte Alexander ins Gesicht, bevor sie zur Tür ging, wo sie sich noch einmal umwandte. Sie schaute ihn an, wie er da stand in seinem perfekt sitzenden Anzug, mit den angenehmen Gesichtszügen, die ihr auf einmal kalt und abweisend erschienen. »Dann leb wohl«, sagte Annie, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und lief direkt zurück in ihr Büro, wo sie wie betäubt auf ihren Stuhl kippte.

»Wolltest du keinen Kaffee?«, erkundigte sich Vanessa von ihrem Schreibtisch aus, aber Annie schüttelte nur den Kopf. Ein Kaffee würde sie jetzt auch nicht retten. Ihr Herz verknotete sich schmerzhaft, und Annie hatte für einen Augenblick das Bedürfnis, den Kopf auf die Tischplatte zu legen und zu weinen. Bis gerade eben hätte sie so eine Unterhaltung, wie sie sie mit Alexander geführt hatte, nicht für möglich gehalten. Natürlich hatte er ihr schon länger in den Ohren gelegen, was ihre absurd langen Arbeitszeiten anging. Und er hatte schon angedeutet, dass es seiner Meinung nach in anderen Beziehungen anders aussah. Aber ihr überzogenen Ehrgeiz und mangelnde Offenheit vorzuwerfen? Und sich gleich nach einer Alternative umzuschauen? Wenn es nicht so schrecklich wäre, hätte sie darüber lachen können, so aber blieb ihr das Lachen im Hals stecken und gesellte sich zu dem Kloß, der sich dort immer weiter ausbreitete. Annie versuchte, tief durchzuatmen. Aber das ging nur schlecht, denn auch ihre Brust fühlte sich auf einmal ähnlich eingeengt an wie ihr Hals. Erst als ein Schatten auf ihren Schreibtisch fiel, schaute sie auf. Vanessa stand mit einem Espresso vor ihr.

»Hier, du bist ein wenig blass um die Nase. Alles okay?«

Annie zwang sich zu nicken, obwohl sie viel lieber den Tränen freien Lauf gelassen hätte. Warum war das Leben nur so fies? Niemals, nicht in tausend Jahren, hätte sie Alexander an den Kopf geworfen, ihn schnell zu ersetzen in dem Fall, dass er nicht spurte oder ihr vertrauliche Informationen aus seinen Fällen vorenthielt. Wie hatte sie sich nur so in dem Menschen an ihrer Seite täuschen können? Jetzt sah sie deutlich, wie egozentrisch er war. Wahrscheinlich war er schon immer so gewesen, und sie hatte es einfach nicht wahrgenommen – oder schlimmer noch, nicht wahrhaben wollen. Annie schluckte schwer, nahm sich aber zusammen und lächelte Vanessa an. Aber es gelang ihr nur sehr halbherzig.

Vanessa sah sie besorgt an. »Es ist aber nicht wegen Dr. Manthey, oder?«

Annie wollte den Kopf schütteln, aber ihre Augen, diese Verräter, füllten sich doch mit Tränen. Sie rang um ihre Fassung. Als sie sich so halbwegs im Griff hatte, krächzte sie: »Wieso?«

»Ach, nichts Wichtiges«, wiegelte Vanessa sofort ab.

Doch auf einmal wusste Annie, was Vanessa schon die ganze Zeit mit ihren ständigen Nachfragen angedeutet hatte. »Du findest, er ist ein Idiot?«, meinte sie daher knapp. »Ein unaufrichtiger, egozentrischer, bigotter Blödmann?«

Vanessa zuckte nur mit den Achseln, aber ihr beredtes Schweigen sagte mehr als tausend Worte.