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Kindle-Bestsellerautorin Nelly Berlin schreibt als Lene Hansen!
Liebe klingt wie Frühling, Liebe fühlt sich an wie Sonnenstrahlen auf der Haut, Liebe schmeckt wie Karamell …
Lila Wolkenschön Schmidt hat zwar den ungewöhnlichsten Namen der Welt, ansonsten ist ihr Leben aber recht unspektakulär. Denn Lila mag es geregelt. Doch plötzlich verliert sie ihren Job und alles gerät ins Trudeln. Im fernen Berlin findet Lila schließlich eine Stelle in einer kleinen Bonbonmanufaktur, bei ihrer Ankunft muss sie jedoch feststellen, dass dort nichts ist, wie erwartet.
Auch Felix Wenglers Leben wird gehörig durcheinandergewirbelt, als er einen Anruf von seinem Bruder erhält, von dem er seit Jahren nichts gehört hat und der nun dringend seine Hilfe benötigt. Hals über Kopf reist Felix nach Hamburg und wird dabei nicht nur in einen Fall von Kunstdiebstahl verstrickt, sondern muss sich auch noch um seine ihm bislang unbekannten Neffen kümmern.
Weder Lila noch Felix ahnen, dass ihre Herzen sich auf Kollisionskurs befinden – und dass beide den Sprung ins Ungewisse wagen müssen, um zu ihrem großen Glück zu finden …
»Liebe schmeckt wie Karamell« hat Ihnen gefallen? Dann lesen Sie unbedingt »Liebe knistert wie Brausepulver« und entdecken Sie die Geschichte um Niklas, den Bruder des Protagonisten Felix!
Die Autorin schreibt auch unter dem Pseudonym Nelly Berlin.
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Seitenzahl: 525
Veröffentlichungsjahr: 2021
Buch
Lila Wolkenschön Schmidt hat zwar den ungewöhnlichsten Namen der Welt, ansonsten ist ihr Leben aber recht unspektakulär. Denn Lila mag es geregelt. Doch plötzlich verliert sie ihren Job, und alles gerät ins Trudeln. Im fernen Berlin findet Lila schließlich eine Stelle in einer kleinen Bonbonmanufaktur, bei ihrer Ankunft muss sie jedoch feststellen, dass dort nichts ist wie erwartet.
Auch Felix Wenglers Leben wird gehörig durcheinandergewirbelt, als er einen Anruf von seinem Bruder erhält, von dem er seit Jahren nichts gehört hat und der nun dringend seine Hilfe benötigt. Hals über Kopf reist Felix nach Hamburg und wird dabei nicht nur in einen Fall von Kunstdiebstahl verstrickt, sondern muss sich auch noch um seine ihm bislang unbekannten Neffen Johnny und Jakob kümmern.
Weder Lila noch Felix ahnen, dass ihre Herzen sich auf Kollisionskurs befinden – und dass beide den Sprung ins Ungewisse wagen müssen, um zu ihrem großen Glück zu finden …
Autorin
Lene Hansen ist das Pseudonym des Selfpublishing-Stars Nelly Berlin. Aus Versehen in der tiefsten Provinz geboren, wuchs sie in mehreren europäischen Großstädten auf. Umgeben von vier Brüdern lernte sie früh, dass zwei Dinge das Leben entschieden leichter machen: als Erste vor Ort zu sein und immer gutgelaunt die beste Pointe im Ärmel zu haben. Bis heute bemüht sie sich um beides, sowohl als Ärztin in Berlin als auch als Schriftstellerin auf der Suche nach dem perfekten Happy End für ihre liebenswert-charmanten Romane.
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Lene Hansen
Roman
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Deutsche Erstveröffentlichung 2021
by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Copyright © 2021 by Lene Hansen
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb
Redaktion: René Stein
Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de
DN · Herstellung: sam
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-25984-6V001
www.blanvalet.de
Natürlich kann man auf Süßigkeiten ausrutschen, war Lilas erster Gedanke, als sie von Frau Nipperts Unfall erfuhr. In allen Farben malte sie sich aus, wie Frau Nippert auf halbflüssiger Weingummimasse das Gleichgewicht verloren haben oder auf ausgestreutem Zucker ausgeglitten sein könnte, denn schließlich arbeiteten sie gemeinsam in einer Süßwarenfabrik. Doch in Wirklichkeit hatte sich etwas ganz anderes, deutlich weniger Spektakuläres ereignet. Denn während Lila im Sekretariat des Juniorchefs darauf gewartet hatte, die Testergebnisse der letzten Schokoladenchargen abzugeben, rutschte Frau Nippert mit ihren einhundertdreiundvierzig Kilogramm auf einem schnöden Aufkleber mit Glitzerverzierung aus, der aus unerfindlichen Gründen auf dem Boden des Süßigkeiten-Testlabors gelegen hatte. Die Folgen davon waren ein gebrochener Knöchel und ein verstauchter Ellenbogen, ein Notruf, ein Bandscheibenvorfall bei einem der beiden Rettungsassistenten, die Frau Nippert hochheben wollten, ein zweiter Rettungswageneinsatz, eine gebrochene Schraube an dem Röntgentisch, der nur bis zu einhundertfünfundzwanzig Kilogramm zugelassen war, und schließlich die Verlegung von Frau Nippert ins Klinikum nach Hamburg. Natürlich gehörte auch das Personalchaos, das daraufhin ausbrach, zu den Folgen des tragischen Sturzes, schließlich waren Lila und Frau Nippert die einzigen beiden Mitarbeiterinnen im Süßigkeiten-Labor, und Lila konnte die Arbeit beim besten Willen nicht alleine stemmen. Daher war sie zunächst auch ganz froh, als sie Unterstützung bekam, das änderte sich jedoch rasch, als sie Frau Ellenhagen kennenlernte, denn die war das genaue Gegenteil von Frau Nippert: spindeldürr, humorlos, unsympathisch. Vom ersten Augenblick an fühlte sich Lila kritisch von ihr beäugt, und Frau Ellenhagen ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um sie spüren zu lassen, dass sie sich überlegen fühlte. »Ich bin Marketing-Expertin und Spezialistin für Firmenentwicklung, Sie hingegen sind nur eine einfache Angestellte der Abteilung für Produktentwicklung und -testung«, liebte sie auszuführen.
Lila bogen sich die Zehennägel hoch, wenn sie nur an diese eine Bemerkung dachte. In Frau Ellenhagens Anwesenheit wurde Lila, die fast immer gute Laune hatte und über jede Menge Humor verfügte, still und stiller. Sie ertappte sich regelmäßig dabei, wie sie komplett abschaltete, wenn Frau Ellenhagen zu sprechen ansetzte, und dann überhaupt nichts mehr mitbekam. Stumm hoffte sie in diesen Momenten auf eine schnelle Heilung von Frau Nipperts Bein und eine noch schnellere Rückkehr in die Normalität. Doch leider schien sich – trotz der vielen Schokolade und der Gute-Besserung-Karten, die Lila fast täglich ins Krankenhaus schickte – Frau Nipperts Knöchel Zeit mit der Genesung lassen zu wollen, und Lila blieb nichts anderes übrig, als sich mit der unangenehmen Situation zu arrangieren. Gerade als sie das Gefühl hatte, dass es ihr so leidlich gelang, bat Frau Ellenhagen sie mit eisiger Miene zum Gespräch.
»Frau Wolkenschön-Schmidt, wie stellen Sie sich Ihre weitere Arbeit in diesem Unternehmen vor?«, begann sie, nachdem sie sich einander gegenüber an den runden weißen Tisch in der Ecke des Süßigkeiten-Labors gesetzt hatten.
Lila, die eine gewöhnliche Freitagsbesprechung erwartet hatte, zuckte zurück. Warum klang Frau Ellenhagen so streng, und vor allem, warum wollte sie mit ihr ausgerechnet über ihre Zukunft sprechen?
Dass Frau Ellenhagen auch noch ihren Namen vermasselt hatte, fiel ihr erst im zweiten Moment auf, schließlich war sie an Schwierigkeiten in dieser Hinsicht gewöhnt. Warum ihre Mutter sie mit zweitem Vornamen ausgerechnet Wolkenschön genannt hatte, konnte sie sich genauso wenig erklären wie die Tatsache, warum die Dame vom Amt diese exzentrische Wahl erlaubt hatte. Vielleicht wollte ihre Mutter damit ihren wenig klangvollen Nachnamen »Schmidt« kompensieren, denn wenn es nach ihr gegangen wäre, hieße Lila auch noch »Gold« mit Nachnamen, wie ihre Großmutter. Doch wenigstens in diesem Punkt hatte sich die Standesbeamtin nicht erweichen lassen.
»Ich heiße nur Schmidt«, versuchte Lila zu erklären und die Situation gleichzeitig mit einem Lächeln aufzulockern. Dann zog sie ihre hellbraunen Haare im schon halb gelösten Zopf fest, was in der Produktionshalle eine Todsünde gewesen wäre, hier im Süßigkeiten-Testlabor aber geduldet wurde – zumindest von Frau Nippert. Frau Ellenhagen warf ihr einen unangenehm stechenden Blick zu, und Lila nahm schnell die Hände aus den Haaren.
»Aber hier steht Lila Wolkenschön Schmidt«, beharrte Frau Ellenhagen und hielt Lilas Personalbogen hoch.
»Das ist mein Vorname«, erwiderte Lila und unterdrückte einen Seufzer.
»Wie, Sie heißen Schmidt mit Vornamen?«
Normalerweise hätte Lila über diese Aussage gelacht, aber gerade fühlte sie sich von Frau Ellenhagens Tonfall merkwürdig in die Ecke gedrängt. Ihre unangenehm hohe Stimme passte so gar nicht zu Schokolade und Bonbons, und für eine Sekunde schloss Lila ihre fröhlichen blauen Augen, bevor sie sie wieder öffnete und Frau Ellenhagens stechendem Blick direkt begegnete.
»Nein«, antwortete sie geduldig. »Lila Wolkenschön sind die Vornamen, und Schmidt ist der Nachname.«
»Ach so.« Frau Ellenhagen sah nicht gerade so aus, als fände sie diese Erklärung hilfreich.
»Meine Mutter hat einen Sinn für Schokolade, Eis und ungewöhnliche Namen«, versuchte Lila zu erklären, bereute es aber sofort, denn Frau Ellenhagen schaute sie nur noch verächtlicher an. Sie schlug die Augen nieder.
Frau Ellenhagen setzte sich so aufrecht hin, als habe sie einen Stock verschluckt, schob ein paar Zettel auf dem Tisch zur Seite, bevor sie ihre volle Aufmerksamkeit dann wieder Lila zuwandte. »Frau Schmidt, wir haben uns hier zusammengesetzt, um über Ihre Zukunft zu sprechen.«
Da fiel schon wieder das Wort »Zukunft«, und Lila stutzte erneut. Wie kam Frau Ellenhagen nur darauf?
Habe ich etwas verpasst?, fragte sich Lila unsicher. Dunkel erinnerte sie sich an Frau Ellenhagens Monolog vor zwei Tagen, bei dem sie nach einer Minute abgeschaltet hatte und nur noch ab und zu höflich genickt hatte. Hatte Frau Ellenhagen ihr etwa da so ein Zukunftsgespräch angekündigt?
»Ich dachte, es geht um die Testergebnisse der letzten Bonbonproduktion?«, fragte Lila vorsichtig und versuchte dabei, auf die Unterlagen zu schielen, die Frau Ellenhagen vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Doch sie enthielten nur viele Zahlen und Grafiken, die Lila von ihrer Seite aus nicht entziffern konnte.
»Nein, es geht um Ihre Zukunft in diesem Unternehmen«, widersprach Frau Ellenhagen kühl und geradezu bedrohlich. »Wie ich Ihnen ja bereits erklärt hatte, möchte ich sehen, wie Sie sich Ihre Zukunft in dieser Branche vorstellen und wie Sie sich zum Gewinn der ganzen Firma einbringen können.«
Lila sah sie an, und ein ungewohntes Gefühl von Panik machte sich in ihrem Magen breit. Wovon sprach diese grässliche Person nur?
»Gut, dann können Sie jetzt Ihre Präsentation starten.« Beim letzten Wort machte Frau Ellenhagens Stimme einen spitzen Ausschlag nach oben, und Lila wich unwillkürlich nach hinten aus.
»Meine was?« Präsentation? Um Himmels willen, seit dem Abschluss ihrer Ausbildung arbeitete sie in dieser mittelständischen Süßwarenfabrik auf dem platten Lande als Süßwarentesterin. Das war eine angenehme, fröhliche und süße Tätigkeit, aber keine Weltraumforschung. Mit einer Präsentation oder Ähnlichem hatte sie hier im Labor noch nie zu tun gehabt. Unsicher rutschte Lila auf der Stuhlkante etwas nach vorn und wäre um ein Haar von der Sitzfläche gefallen. Mit Frau Nippert hätte sie sich darüber amüsiert, aber mit Frau Ellenhagen gab es wenig zu lachen.
»Nun, ich dachte, Sie würden mir Ihre Vorschläge für eine neue Kreation mit einer Präsentation präsentieren, aber natürlich sind auch Skizzen, Zeichnungen oder Ähnliches willkommen.«
Präsentation präsentieren? Rasch warf Lila einen Blick umher, um wenigstens irgendeinen Hinweis zu erhaschen, aber auf dem Tisch vor ihr lagen nur Frau Ellenhagens Unterlagen neben ihrem zugeklappten Laptop.
»Welche Kreation?«, fragte Lila ganz vorsichtig nach.
»Na die, die Sie mir heute vorstellen sollen«, erwiderte Frau Ellenhagen kryptisch.
Verunsichert blickte Lila in ihr Gesicht. Aber dort war, wahrscheinlich dank Botox, keine menschliche Regung auszumachen. Allerdings fiel Lila auf, dass Frau Ellenhagen ungewöhnlich selten blinzelte, doch das war wohl kaum etwas, das sie jetzt anbringen konnte.
Ich muss etwas verpasst haben, dachte Lila, ja, es gab einfach keine andere Erklärung. Jetzt musste sie irgendwie schauen, wie sie heil aus dieser Situation kam. Für einen Augenblick erwog sie, sich zur Seite fallen zu lassen und dabei möglichst unauffällig den Feueralarm an der Wand neben dem Tisch auszulösen. Doch dann wurde ihr bewusst, dass das unter Frau Ellenhagens stechendem Blick kaum möglich sein würde. Also musste es anders gehen.
»Eine neue Kreation, ja genau«, begann sie ihre Ahnungslosigkeit zu überspielen, schließlich hatte sie gemeinsam mit Frau Nippert schon so manche Süßigkeit weiterentwickelt.
»Fangen Sie mit der Bonbonsparte an«, soufflierte Frau Ellenhagen.
»Bonbons sind etwas Wunderbares und für jeden Kunden ein wohlschmeckendes Produkt«, schwadronierte Lila, um Zeit zu gewinnen. »Wir stellen hier ehrliche Schokolade und einfache, aber wohlschmeckende Bonbons her.«
»Wie bitte? Ehrliche Schokolade, was soll denn das sein? Wer würde so etwas kaufen?«, empörte sich Frau Ellenhagen, und Lila ruderte mit einer besänftigenden Handbewegung sofort zurück.
»Nun, das ist die gute, einfache Schokolade aus unserem Hause für unsere Kunden«, versuchte sie, wahrheitsgemäß zu erklären. Schließlich war es in der Firma immer um simple, aber gute Produkte gegangen – zumindest unter dem Seniorchef. Bei dem Juniorchef war es eine andere Sache, denn der wollte hoch hinaus und hantierte mit Begriffen wie Design statt Verpackung und Marketing statt Werbung.
»Nun, ich denke an unsere werten Abnehmer, die die Qualitätsprodukte aus unserem Hause schätzen«, versuchte Lila es noch einmal etwas geschliffener.
Doch anscheinend war das auch nicht die richtige Herangehensweise, denn Frau Ellenhagen begann auf einmal mit ihrer Hand zu wedeln, als ob sie eine Fliege verscheuchen wollte. »Bitte vergeuden Sie nicht meine Zeit.«
»Ja, also …« Eine Haarsträhne nutzte just diesen Augenblick, um aus Lilas Zopf zu rutschen, und sie strich sie rasch hinter ihr nicht ganz anliegendes Ohr. Bisher hatte sie eher das Gefühl gehabt, dass Frau Ellenhagen ihre Zeit verschwendete, denn in dieser Woche hatte sie nur einen Bruchteil der Produkttestungen durchführen können, die sie normalerweise erledigte. Aber wenn Frau Ellenhagen nun dieses Gespräch nur als Zeitverschwendung empfand … Lila sah einen Silberstreifen am Horizont auftauchen.
»Kann ich dann jetzt gehen?«, erkundigte sie sich hoffnungsvoll mit Gedanken an die Testbatterie Zitronenbonbons, die sie noch vor Feierabend fertigstellen musste.
»Frau Schmidt, Ihnen ist offenkundig der Ernst der Lage nicht bewusst.« Frau Ellenhagen betonte jedes einzelne Wort und zog damit den ganzen Satz absurd in die Länge, was Lila automatisch wieder an Zeitverschwendung denken ließ. Trotzdem legte sie höflich die Hände vor sich auf den Tisch und versuchte, Frau Ellenhagen möglichst freundlich anzusehen.
»Doch«, bekräftigte sie und versuchte, sich nicht davon aus der Ruhe bringen zu lassen, dass jetzt auch noch auf der anderen Seite ihre glatten Haare ins Rutschen kamen. »Frau Nippert hat sich den Fuß gebrochen, und Sie und ich sollen jetzt zusammenarbeiten, bis sie wieder gesund ist.«
Frau Ellenhagen blickte sie an, als sei Lila verrückt geworden. »Wir arbeiten nicht zusammen.«
»Ach so?« Lila war sehr erleichtert, dass sie und Frau Ellenhagen wenigstens in diesem einen Punkt einer Meinung zu sein schienen.
»Meine Aufgabe ist es, für diesen Betrieb hier ein neues Portfolio aufzubauen und sicherzustellen, dass jede einzelne Arbeitskraft ihr Potenzial voll ausschöpft. Dass ich gerade jetzt im Süßigkeiten-Testlabor bin, ist ein rein logistischer Zufall«, führte Frau Ellenhagen aus, und Lila erinnerte sich vage, dass sie tatsächlich mal irgend so etwas erwähnt hatte. Doch da hatte sie selbst noch von Frau Nipperts Unfall unter Schock gestanden und anscheinend nicht gut hingehört.
Überhaupt nicht zugehört, korrigierte sie sich im Stillen. Sie wagte einen Vorstoß und lächelte vorsichtig, aber ihr Versuch kam sofort ins Stocken, als Frau Ellenhagen schmallippig und kühl zurückschaute.
»Wenn das so weitergeht, sind Sie bald keine Angestellte dieses Unternehmens mehr«, drohte Frau Ellenhagen aus dem Nichts und klappte mit Nachdruck den vor ihr liegenden Laptop auf, sodass es quietschte.
Lila runzelte die Stirn. »Was?«, fragte sie überrumpelt und erinnerte sich zu spät daran, dass ihre Tante ihr schon als kleinem Kind beigebracht hatte, »wie bitte« zu sagen.
»Es ist genau so, wie ich es gerade gesagt habe. Entweder Sie präsentieren mir jetzt eine vielversprechende neue Produktlinie, oder Sie werden hier nicht weiter beschäftigt werden.«
Lila fühlte sich, als wäre sie mit einem harten Rumms auf der Erde gelandet. »Aber ich arbeite seit Jahren hier, Sie können mir doch nicht einfach kündigen.«
Doch Frau Ellenhagen blinzelte nicht einmal, und in Lilas Bauch begann sich ein unangenehmes Gefühl auszubreiten. Automatisch legte sie ihre Hände dorthin, wo es drückte. Vollkommen ungerührt hielt Frau Ellenhagen Lila etwas unter die Nase, das wie ein offizielles Schreiben aussah. »Dies ist eine Vollmacht der Geschäftsleitung, die mir bescheinigt, dass ich alle notwenigen Personalentscheidungen für das Unternehmen treffen darf.«
»Aber ich habe einen Arbeitsvertrag.« Lila fand die Entwicklung, die das ganze Gespräch nahm, geradezu verrückt. Natürlich war die Zusammenarbeit mit Frau Ellenhagen alles andere als perfekt gewesen, und sie hatte auch keine zukunftsträchtige neue Produktlinie präsentiert, aber das war doch noch lange kein Grund, gefeuert zu werden.
Frau Ellenhagen schnaubte. »Selbstverständlich haben Sie einen Arbeitsvertrag, Schwarzarbeit gibt es in dieser Firma nicht. Dennoch gibt es immer Gründe, die eine weitere Beschäftigung unmöglich machen, das sollten Sie wissen.«
Der ungute Druck in Lilas Bauch nahm zu, während das Lächeln, das sonst eigentlich immer auf ihren Lippen lag, vollständig verschwand.
»Möchten Sie mir jetzt also Ihre Präsentation präsentieren?« Frau Ellenhagen tat so, als wäre sie besonders geduldig.
Mit einem Stirnrunzeln dachte Lila an die verschiedenen süßen Geschmäcker, mit denen sie zu Hause in ihrer Küche experimentierte. Dort entwickelte sie Dinge wie salzige Erdnuss oder Vergissmeinnicht, aber das war nichts für diesen Betrieb. Hier gab es nicht einmal die Möglichkeit, solche ausgefallenen Sorten herzustellen. Also saß sie ganz still und sah Frau Ellenhagen stumm an. Dann hob sie in einer Geste der Hilflosigkeit beide Hände.
»Also nicht?«, fragte Frau Ellenhagen scharf.
Der unangenehme Druck in Lilas Bauch nahm noch weiter zu, sodass sie am liebsten aufgesprungen und weggelaufen wäre.
»Dann stelle ich hiermit fest, dass Ihre Zeit in diesem Unternehmen abgelaufen ist«, verkündete Frau Ellenhagen. Dabei klang sie so, als hätte das Ergebnis schon vor dem ganzen Gespräch festgestanden.
»Aber …«, hielt Lila dagegen, die immer noch nicht glauben konnte, dass Frau Ellenhagen sie einfach an die Luft setzen würde. »Es muss doch eine Alternative geben!«
Frau Ellenhagen überlegte kurz. »Also gut, Sie können auch in die Produktion wechseln«, erklärte sie dann vollkommen unbewegt.
»Wie bitte?«, japste Lila. Schokolade und Bonbons abzupacken war nicht gerade das, wovon sie je geträumt hatte.
»Oder Sie nehmen zwei Monate Übergangszeit und scheiden dann freiwillig aus dem Unternehmen aus.«
»Kann ich nicht einfach hierbleiben, bis Frau Nippert zurückkommt?«, schlug Lila vor, denn das erschien ihr als die simpelste und beste Lösung.
»Frau Nippert wird nicht zurückkommen«, entgegnete Frau Ellenhagen schnippisch. »Diese Abteilung wird in der bestehenden Form nicht weiterexistieren.«
Jetzt fühlte Lila sich, als habe sie einen Schlag in die Magengrube erhalten.
»Was ist mit den Kolleginnen in der Entwicklung?«, fragte sie schwach und dachte an ihre gutgelaunten Freundinnen in der Testküche nebenan.
»Sie wurden bereits über die Umstrukturierung ihres Bereichs in Kenntnis gesetzt und haben sich für die weitere Tätigkeit in der Firmenreinigung entschieden«, erwiderte Frau Ellenhagen ungerührt. Dann legte sie mit einer großen Geste einen Zettel vor Lila hin. »Unterschreiben Sie hier, und Sie bekommen zwei Monate lang noch Ihre vollen Bezüge.«
Kurz schaute Lila auf das Papier und blickte dann in das kalte, unfreundliche Gesicht ihr gegenüber. Unwillkürlich spürte sie, wie sich ihr Hals zuzog und sie feuchte Augen bekam.
»Nein«, sagte sie mehr zu sich selbst.
»In Ordnung, Sie bekommen drei Monate lang Ihre vollen Bezüge, das ist eine großzügige Abfindung und unser letztes Angebot.« Frau Ellenhagen strich etwas auf dem Blatt durch und ergänzte eine drei.
Lila war so überrumpelt, dass sie überhaupt nicht wusste, was sie denken, fühlen oder tun sollte.
»Aber ich will nicht«, protestierte sie noch einmal.
»Dann fangen Sie am Montag in der Verpackungsabteilung an.« Frau Ellenhagen klappte ihren Laptop zu und machte Anstalten, die Unterlagen einzusammeln.
»Das können Sie doch nicht machen«, wandte Lila ein, während der Kloß in ihrem Hals immer dicker wurde.
»Es ist schon geschehen«, erwiderte Frau Ellenhagen kalt.
Lila sah sie an und erkannte augenblicklich, dass sie an dieser Hexe nicht vorbeikommen würde. Egal, was sie sagte oder tat, sie war abgeschrieben, und die Firma würde in Kürze nicht mehr das sein, was sie all die Jahre gewesen war. Unter dem alten Chef waren sie fast so etwas wie eine Familie gewesen, aber das gehörte nun eindeutig der Vergangenheit an.
Eine Welle von Panik breitete sich in Lila aus. Es schien alles verrückt, doch es war ein Irrsinn, gegen den sie nicht ankam. Ohne weiter nachzudenken, nahm sie den Kuli, den Frau Ellenhagen auf den Vertrag gelegt hatte, und unterschrieb an der angegebenen Stelle. Dann stand sie auf und lief aus dem Süßigkeiten-Labor, ohne sich auch noch ein einziges Mal umzudrehen.
***
Es dauerte ziemlich lange, bis Lila wirklich bewusst wurde, was sich ereignet hatte. Sie war schon zu Hause und hatte halbautomatisch Teewasser aufgesetzt, als die Erkenntnis sie traf, dass sie ab sofort ohne Arbeit dastand. Ausgerechnet sie, die sie immer auf Sicherheit und Stabilität gesetzt hatte. Auch als ihre Cousine Sonja, mit der sie zusammen aufgewachsen war, kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag in einem Café entdeckt wurde und es von dort aus auf den Laufsteg schaffte, entwickelte Lila keinerlei größeren Ehrgeiz, sondern blieb brav zu Hause. Sie machte die nicht gerade exotische Ausbildung zur Konditorin und nahm anschließend den sichersten verfügbaren Job in der Süßwarenfabrik des Nachbarorts an.
Jetzt dachte Lila kurz, die Küche würde anfangen, sich um sie herum zu drehen, aber das tat sie nicht. Stattdessen sah sie genauso aus wie immer, mit den verblichenen weiß-blauen Fliesen an der Wand, den angestoßenen hellblauen Küchenschränken und dem alten Elektroherd mit vier Heizplatten, von denen nur noch drei warm wurden.
Wie auf Autopilot goss sich Lila einen Tee auf, nahm eine Flasche Rum aus dem Wandschrank mit der klemmenden Tür und schüttete dann kurzentschlossen eine große Portion davon in den Tee. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Rum man für einen Grog brauchte, denn sie hatte noch nie einen getrunken; aber ihr Onkel, der sich ab und zu einen genehmigte, war zusammen mit ihrer Tante bei einem Verwandtenbesuch und konnte ihr daher keine Auskunft geben. Sicherheitshalber gab Lila noch einen weiteren Schuss dazu, bis der Teebecher randvoll war. Draußen vor dem Fenster – unweit der friesischen Küste – hatte es zu nieseln begonnen, und Lila blickte in einen grauen, fast undurchsichtigen Nässeschleier.
»Prost«, sagte sie zu sich selbst und nahm den ersten Schluck. Der Rum brannte ihr im Hals, und für einen Augenblick blieb ihr fast die Luft weg.
»Puh«, machte sie und schüttete ordentlich Kandis in ihren Becher.
Nachdem sie umgerührt hatte, ging der zweite Schluck schon etwas leichter runter, und allmählich trank es sich fast wie von selbst. Für gewöhnlich trank Lila nur wenig Alkohol, aber gerade im Moment erschien es ihr als eine hervorragende Idee, sich mit einem Grog zu stärken. Schließlich hatte sie gerade Bekanntschaft mit der eisigen Vorhölle namens Umstrukturierungsmaßnahmen gemacht und wurde das Gefühl nicht los, dringend etwas zum Aufwärmen zu brauchen.
Der Regen vor dem Fenster wurde stärker und machte kleine klopfende Geräusche auf dem Fensterbrett, was Lilas Gefühl von Einsamkeit und Unglück noch verstärkte. Warum war sie auch bei ihrer heißgeliebten Bonbonfirma geblieben, statt irgendwo in der Ferne ihr Glück zu versuchen? Auf alle Abenteuer und Großstadtromanzen hatte sie verzichtet und stattdessen hier in der Einöde geduldig Süßigkeiten getestet. Unter der Führung ihres alten Chefs, der an keiner Schokolade vorbeigehen konnte, ohne zu naschen, hatte ihr nichts gefehlt. Aber was blieb ihr jetzt? Sie saß hier im Haus ihrer Tante und ihres Onkels, ohne Zukunftsplan und noch dazu mit leeren Händen.
Überstürzt trank Lila den Becher aus und goss puren Rum nach, während der Kummer in ihr anschwoll. Wo gab es Platz für eine gelernte Konditorin mit einem Faible für ungewöhnliche Schokoladenkreationen und Know-how in der Testung von Bonbons? In diesem menschenarmen Landstrich sicher nicht.
Was soll ich nur tun?, fragte sich Lila, aber sie fand keine Antwort darauf.
Natürlich würde sie sich Arbeit suchen und vielleicht sogar etwas ganz Neues annehmen müssen.
Schrecklich!, dachte Lila entsetzt und stand überstürzt auf. Draußen heulte der Wind um das Haus. Plötzlich spürte Lila an ihren puddingweichen Knien, wie viel sie schon intus hatte, und das Zimmer begann sich nun tatsächlich um sie herum zu drehen. Rückwärts ließ sich Lila zurück auf ihren Stuhl fallen, verpasste ihn jedoch und landete stattdessen mit dem Steiß auf dem weiß-schwarz karierten Küchenfußboden.
»Auauau«, jammerte sie.
Doch es war niemand da, der sie hören und trösten könnte. Also ließ Lila ihren Kopf ganz langsam nach hinten sinken und brach in Tränen aus.
Ich bin so dumm, warf sie sich vor. Längst schon hätte ich gehen sollen. Ich hätte es wie Sonja machen sollen, die nach ihrem Ausflug auf den Laufsteg nun das Werbegesicht des größten Eiscremeherstellers der Welt war und in Los Angeles lebte. Aber dann dachte sie daran, wie sehr sie ihr Leben hier bei ihrer Tante und ihrem Onkel liebte und dass ihr bisher schlicht und ergreifend der Mut für ein großes Abenteuer gefehlt hatte. Ihre unternehmungslustige Mutter hatte ihr vielleicht die hellbraunen Haare und die blauen Augen vererbt, aber sicher nicht ihren Abenteuerdrang und ihren Expeditionsgeist, der sie immerhin bis an den Südpol geführt hatte.
Mit geschlossenen Augen lauschte Lila dem Regen, der da draußen vor dem Fenster endlos vom Himmel fiel. Alles drehte sich um sie herum, während ihre Gedanken immer langsamer wurden und sie schließlich einschlief.
***
Als jemand sanft an ihrer Schulter rüttelte, wachte sie wieder auf.
»Lila?« Es war die Stimme ihrer Tante.
»Lila, mach sofort die Augen auf«, forderte eine deutlich energischere zweite Stimme, die zu Lilas Onkel zu gehören schien.
Kurz öffnete Lila die Augen, blickte in das helle Küchenlicht über sich, bevor sie sie augenblicklich wieder fest zukniff. Mit einem Schaudern registrierte sie einen bohrenden Kopfschmerz und eine grässliche Trockenheit in ihrem Mund, in dem sich ihre Zunge fast wie ein Fremdkörper anfühlte.
»Ich glaube, wir brauchen einen Krankenwagen«, hörte sie ihre Tante besorgt murmeln.
»Ach was. Lila braucht einen starken Kaffee und zwei Liter Wasser«, entgegnete ihr Mann deutlich pragmatischer. »Zumindest, wenn sie den Rest der halbleeren Flasche Rum getrunken hat, die hier auf dem Tisch steht. Ich wusste gar nicht, dass das Kind trinkt, wenn wir nicht da sind.«
»Lila, Liebes, mach doch mal die Augen auf«, bat ihre Tante. »So schlimm kann es doch gar nicht sein.«
Doch, das ist es, dachte Lila und öffnete ihre Augen ganz langsam, fast in Zeitlupe.
»Was ist denn passiert?«, fragte ihre Tante beunruhigt.
Lila wollte antworten, aber ihre Zunge bewegte sich nicht, sondern klebte felsenfest an ihrem Gaumen.
»Hier, trink was.« Ihr Onkel hielt ihr ein halbvolles Glas mit Wasser unter die Nase.
Sehr vorsichtig und ziemlich steif setzte sich Lila auf. Ihr war flau im Magen, aber nach zwei, drei kleinen Schlucken Wasser wurde es tatsächlich etwas besser.
»Mir ist gekündigt worden«, flüsterte sie und fühlte sich dabei elend und unglücklich.
»Aber Lila, das ist doch kein Grund, eine halbe Flasche Rum zu trinken und anschließend auf dem Küchenfußboden zu schlafen«, erwiderte ihr Onkel liebevoll. »Wir haben schon gedacht, etwas Schlimmes wäre passiert …«
Voller Kummer blickte Lila zu ihrer Tante und ihrem Onkel, die zusammen mit Sonja ihre liebsten Menschen auf der Welt waren. »Aber das ist doch schlimm.« Plötzlich kam ihr ein anderer Gedanke. »Warum seid ihr überhaupt schon wieder zurück? Hattet ihr nicht geplant, erst in zwei Tagen wiederzukommen?«
Ihre Tante nickte. »Das stimmt. Eigentlich wollten wir etwas länger bleiben, aber dann ging es Tante Hildegard nicht so gut, und wir sind lieber schon zurückgekommen.«
»Genau im richtigen Moment, wie mir scheint«, erklärte Lilas Onkel halb ernst, halb belustigt und setzte sich neben Lila auf den Fußboden. »Jetzt erzähl mal, Mädchen, was sich hier in unserer Abwesenheit ereignet hat.«
Lila schilderte das unglaublich unangenehme Kündigungsgespräch mit Frau Ellenhagen.
»Jetzt hast du drei Monate frei und wirst bezahlt? Da jammerst du?« Ungläubig sah ihr Onkel sie an. »Du solltest dich vor Freude und nicht vor Kummer betrinken.« Er griff nach der Flasche Rum. »Willst du noch einen Schluck?«
Sofort spürte Lila ihren Magen auf eine unangenehme Weise aufbegehren und schüttelte den Kopf.
»Jetzt kannst du endlich etwas unternehmen, etwas von der Welt sehen, das ist doch großartig. Lilakind, du wolltest doch wohl kaum ewig bei uns hängenbleiben, oder?«, fragte ihre Tante liebevoll und lächelte sie an.
Lila, die eigentlich genau das im Sinn gehabt hatte, versuchte, gleichzeitig den Kopf zu schütteln und zu nicken, was in einer seltsamen Bewegung mündete und ihren Schädel brummen ließ.
»Ich habe mir ja fast schon Sorgen gemacht, dass du hier noch festwächst«, meinte ihr Onkel fröhlich. »Ich denke, du wirst dieser Frau Ellenhagen noch dankbar sein.«
»Warum, wollt ihr mich loswerden?«, erkundigte sich Lila beunruhigt.
»Um Himmels willen, nein, das nicht, aber Sonja …«, begann ihr Onkel.
»Herbert«, unterbrach ihre Tante und schaute ihren Mann streng an. »Nicht gerade jetzt.«
»Was hat Sonja?«, fragte Lila, die wusste, dass ihre Cousine stets über eine große Zahl lustiger Einfälle und verrückter Ideen verfügte.
»Sonja hat uns gefragt, ob wir nicht endlich mal einige Monate im Süden verbringen wollen, wovon wir immer schon geredet und geschwärmt haben. Sie würde uns dazu einladen, und jetzt, wo wir in Rente sind …«, erklärte ihr Onkel, unbeeindruckt von der Ermahnung seiner Frau.
»Aber nicht sofort, und wir wären dann auch nicht für immer fort, höchstens für ein Jahr«, milderte ihre Tante seine Worte sofort ab.
»Ein Jahr?« Lila fühlte sich vollkommen überrumpelt. »Und was ist mit dem Haus?«
»Eine ehemalige Klassenkameradin von Sonja würde es in dieser Zeit gerne mit ihrer Familie mieten, für dich alleine ist es ja zu groß«, erklärte ihre Tante. »Als Gegenleistung würde sie das ganze Haus mal so richtig aufmöbeln, und das wäre doch schön.«
Lila blickte sich in der abgewohnten Küche um und spürte, wie ihr die Tränen kamen. Sie liebte das alte Haus mit seinen drei engen Stockwerken, auf denen sie mit Sonja herumgetobt hatte, seitdem sie beide laufen konnten. Sie mochte die Ecken und Kanten, die kleinen und größeren Macken und Unvollkommenheiten, den Erker im ersten Stock mit dem Blick zu Steineckes Kuhweide, das gemütliche Wohnzimmer mit der Leseecke und die nicht gerade elegante, aber ausgesprochen wohnliche und behagliche Einrichtung.
»Trink noch etwas Wasser«, empfahl ihr Onkel und tätschelte ihr die Wange.
»Es wird bestimmt alles gut, wir finden sicher eine Lösung, die für uns alle drei passt«, verkündete ihre Tante optimistisch und lächelte aufmunternd.
Mühsam zwang sich Lila zuzustimmen, auch wenn ihr überhaupt nicht danach zumute war. Für sie klang die Vorstellung, das Haus verlassen zu müssen, noch grässlicher als die Kündigung. Dieses Haus und seine Bewohner waren schließlich ihr Hort, seit sie als Kleinkind hier untergekommen war. Ihre Mutter war als Meeresbiologin mit Schwerpunkt Polarbiologie immerzu für irgendwelche Forschungsprojekte unterwegs und hatte weder Zeit, Geduld noch Raum, sich um Lila zu kümmern. Einmal hatte sie sogar zwei Jahre auf einer Station in der Antarktis verbracht und war dort die beiden langen Winter über komplett eingeschneit gewesen. Es waren ihre Tante und ihr Onkel, die so etwas wie Eltern für sie geworden waren, neben Sonja, die mehr wie eine Schwester als eine Cousine für Lila war. All die Jahre hatte sie sich in diesem Haus aufgehoben und sicher gefühlt, während ihre Mutter um die Welt gereist war. Jetzt würde sich das alles plötzlich ändern, und Lila hätte am liebsten laut dagegen protestiert. Aber ihre Tante und ihr Onkel sahen so glücklich aus, dass sie ihnen ihre Zukunftspläne kaum zerstören konnte.
Langsam stand Lila auf. Jetzt war nicht nur ihre Arbeit futsch, nein, sie verlor auch noch ihr Zuhause.
Sei nicht albern, ermahnte sie sich streng. Du bist dreißig Jahre alt, es ist wirklich Zeit für etwas Neues. Aber tief in ihrem Herzen war sich Lila nicht sicher, ob sie wirklich in die große, weite Welt gehen wollte.
***
Früh am nächsten Morgen wurde Lila vom Läuten ihres Handys geweckt. Im stillen Haus klang das Klingeln unglaublich laut, denn das einzige andere Geräusch war das leise Knacken der Heizung. So schnell sie konnte, nahm Lila ab, bevor sonst noch jemand aus seinem wohlverdienten Schlaf gerissen wurde.
»Hallo?«
»Lila Wolkenschön, guten Morgen«, grüßte eine ziemlich resolut klingende Stimme.
»Guten Morgen, Mama«, erwiderte Lila und warf einen irritierten Blick auf ihren Wecker. Es war gerade mal kurz nach sechs. »Ist irgendetwas passiert?«
»Bei mir nicht, aber bei dir«, antwortete ihre Mutter, und Lila konnte sich vorstellen, wie sie in Gedanken ein »endlich« hinzufügte, denn ihrer Mutter war ihr bisheriger, so steter und ruhiger Lebensweg nie geheuer gewesen. Sollte sie bei der Namenswahl ein wildes, ungezügeltes Kind vor Augen gehabt haben, das ihr in puncto ungewöhnliche Lebensplanung nacheifern würde, hatte Lila sie bitter enttäuscht. Mühsam unterdrückte Lila einen Seufzer. Jetzt würde es nicht nur wie auch sonst immer Ratschläge für mehr Spannung und Aufregung in ihrem Leben hageln, ihre Mutter wusste also auch schon von den Ereignissen in der Süßwarenfabrik. Denn obwohl ihre Tante von der Art her ganz anders war als ihre Mutter, standen sich die beiden Schwestern doch unerwartet nahe. Regelmäßig sprachen sie über alles Mögliche, und anscheinend musste ihre Tante ihrer Schwester noch am gestrigen Abend die neuesten Entwicklungen in Lilas Leben übermittelt haben.
»Ja, es ist eine blöde Geschichte«, meinte Lila leise und wischte sich den Schlaf aus den Augen.
»Unsinn«, widersprach ihre Mutter sofort mit der ihr typischen Vehemenz. »Eine blöde Geschichte ist, wenn du auf der halben Strecke nach Dakar merkst, dass dir das Wasser ausgeht, oder du dich auf einem Eisfeld unvorbereitet einem hungrigen Eisbären gegenüberfindest.«
»In der Tat ist das noch blöder«, gab Lila zu und konnte sich lebhaft vorstellen, dass ihre Mutter derartige Situationen bereits erlebt und erfreulicherweise auch überlebt hatte.
Was heldenhafte Geschichten anging, konnte sie sowieso nicht mit ihrer ewig heroischen Mutter und deren hundert und einem Abenteuer konkurrieren, die Lila alle aus Erzählungen und wilden Schilderungen kannte. Dass sie dafür ihr einziges Kind bei ihrer Schwester gelassen hatte und Lila kaum mehr als eine entfernte Verwandte kannte, schien sie nicht zu stören. Auf alle Fälle war das etwas, worüber sie nie miteinander gesprochen hatten und woran sich Lila im Laufe der Jahre auch gewöhnt hatte.
Aber jetzt fragte sie sich leicht frustriert, ob es eigentlich niemanden gab, der einfach nur Mitleid mit ihr hatte. Sie zog ihre Decke höher und verkroch sich etwas tiefer darunter. Ich muss meinen Vorrat an Selbstmitleid schleunigst aufstocken, beschloss sie.
»Auf alle Fälle wollte ich dir Bescheid geben, dass wir gerade eine Hilfskraft bei uns auf der Station suchen, du könntest also herkommen«, bot ihre Mutter an.
»Wo bist du denn gerade?«, erkundigte sich Lila vorsichtig, denn sie hatte bei den vielen unterschiedlichen Projekten ihrer Mutter irgendwann die Übersicht verloren.
»In Grönland«, antwortete ihre Mutter. »Es ist schön hier, landschaftlich herausragend.«
»Ah ja«, erwiderte Lila und dachte an die Massen von Eis dort, die ihre Mutter sicherlich froh machten. Ihr persönlich reichte schon der verregnete März hier.
»Was soll die Hilfskraft für Aufgaben übernehmen?«, erkundigte sie sich trotzdem aus einem plötzlichen Funken Neugier heraus.
»Sich um die Schlittenhunde kümmern, gelegentlich Essen kochen, vielleicht angeln«, ratterte ihre Mutter herunter und schien sich dabei nicht bewusst, dass das eine eher ungewöhnliche Stellenbeschreibung war.
»Schlittenhunde? Angeln?« Lilas Augenbrauen schossen in die Höhe.
»Das mit dem Angeln war nur ein Witz.« Lilas Mutter lachte ihr volles, dunkles Lachen. »Aber wenn du möchtest, können wir dir sicher hier ab und zu ein Loch ins Eis schlagen, in das du dann einen Angelhaken halten kannst.«
Kurz fragte sich Lila, ob es die Nachwirkung vom Grog war, die sie das Ganze vollkommen absurd finden ließ.
»Ich habe keine Ahnung von Hunden«, erklärte sie und versuchte, etwas Bedauern in ihre Stimme zu legen. Mit den Füßen zog sie die Wärmflasche zu sich heran, die sie bei dem scheußlichen Wetter mit ins Bett genommen hatte. Leider war die mittlerweile eiskalt, und rasch zog Lila ihre Beine zurück.
»Den Umgang mit den Huskys kann man lernen. Unsere Hunde sind auch insgesamt ganz lieb, aber man muss ihnen natürlich Gehorsam abverlangen.«
Vor Lilas innerem Auge erschien das Bild, wie sie mitten in Eis und Schnee versuchte, ein Rudel Schlittenhunde zu bändigen, von denen nicht ein einziges Tier auf sie hörte und sie sich schlussendlich bis zum Umfallen in allen Leinen verhedderte.
»Hm«, machte sie daher unbestimmt und nicht besonders überzeugt.
»Du könntest ja erst mal für drei oder vier Monate herkommen, bald haben wir tagsüber auch Temperaturen über null Grad.« Ihre Mutter beschrieb das wie eine großartige Errungenschaft, doch Lila schauderte unwillkürlich.
»Ich werde es mir überlegen«, antwortete sie diplomatisch, obwohl eines schon felsenfest für sie feststand: Expeditions-Hilfskraft in Grönland kam als neuer Job für sie nicht infrage.
»Lass es dir durch den Kopf gehen«, stimmte ihre Mutter zu. »Es wäre ja auch schön, wenn wir mal etwas Zeit miteinander verbringen könnten.«
Mit einen seltsamen Gefühlsmix dachte Lila an die wenigen Ferienbesuche, die sie auf den verschiedenen Forschungsstationen ihrer Mutter absolviert hatte. Dort war eines immer gleich gewesen: Zeit hatte ihre Mutter nie gehabt, denn es gab immer etwas zu beobachten, zu dokumentieren oder weiterzugeben, das wichtiger als Lila gewesen war.
»Pass gut auf dich auf, und nimm dir das dumme Gerede im Dorf nicht zu Herzen«, empfahl ihre Mutter, die ebenfalls genau in diesem Dorf aufgewachsen war und mit achtzehn nicht schnell genug das Weite hatte suchen können.
»Mache ich«, versprach Lila brav und verabschiedete sich. »Mach’s gut.«
»Du auch, Lila Wolkenschön«, erwiderte ihre Mutter und legte auf.
Lila fragte sich unwillkürlich, warum ihre Mutter sie nicht wenigstens ein einziges Mal »Liebes« oder »Mäuschen« nennen konnte, statt immer diesen langen und irgendwie absurden Vornamen zu verwenden, der an Lila klebte wie Butterkaramell an den Zähnen.
Mit einem Seufzer kuschelte sie sich so tief unter ihre Decke, dass nur noch ihre Haare, ihre Stirn und ihre Nasenspitze herausschauten. Doch obwohl es sicherlich wärmer und gemütlicher als auf einer abgelegenen Forschungsstation in Grönland war, konnte Lila nicht mehr einschlafen. Irgendwie hatte ihre Mutter eine Saite in ihr zum Klingen gebracht, die sie lieber unberührt gelassen hätte. Das Dorf … Natürlich würde es sich unter den Nachbarn in Nullkommanichts herumsprechen, dass sie ihren Job verloren hatte, und es würde heftig darüber geklatscht werden. Im Nacken spürte Lila eine unangenehme Gänsehaut aufsteigen. Also musste sie sich darauf einstellen, mit vorgespieltem Mitleid überhäuft und gleichzeitig voller Neugierde ausgefragt zu werden, was denn genau passiert sei. Schließlich hatte seit Gründung der Firma bisher nur ein einziger Mitarbeiter seine Stelle dort verloren, und das auch nur, weil er in einem Anfall von Irrsinn versucht hatte, die Lagerhalle in Brand zu stecken.
Unglücklich runzelte Lila die Stirn, denn das zentrale Thema im Dorfklatsch zu sein war nicht gerade ihr größter Wunsch. Sie versuchte, sich bequemer hinzulegen, doch auch das brachte ihr die Seelenruhe nicht zurück. Je länger Lila darüber nachdachte, umso stärker wurden die negativen Gedanken in ihrem Kopf und die unangenehmen Gefühle in ihrem Bauch. Schließlich sprang sie aus dem Bett.
»Nein«, sagte sie laut zu sich selbst. »Ich will kein Mitleid.«
Rasch machte sie sich fertig. Ihre Tante und ihr Onkel schliefen noch, und Lila beschloss, ihnen zumindest ein schönes Frühstück nach ihrer verfrühten Rückkehr zu zaubern. An der Haustür zog sie ihren Regenparka und die kniehohen Gummistiefel an, die hier bei dem Mistwetter unerlässlich waren. Sie trat ins Freie und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
Immerhin öffnete die Bäckerei auch samstags bereits um sechs, und jetzt würde noch nicht so viel los sein. Lila schaute zum Himmel. Seine Farbe war genauso unerfreulich wie am Vortag, Regen von der feinen Nieselsorte fiel unablässig, und Lila drängte sich die Frage auf, ob es heute auch nur ein einziger Sonnenstrahl an den grauen Wolkenbergen vorbei schaffen würde. Sie beeilte sich, die Straße hinunter zum Bäcker zu stapfen. Wegen eines Einkaufszentrums in fünf Kilometer Entfernung hatten die meisten Läden im Ort mittlerweile schließen müssen, aber der alteingesessene Bäcker hielt sich wacker. Während die Dorfbewohner mitleidslos zugesehen hatten, wie der örtliche Tante-Emma-Laden aufgab und auch der kleine Supermarkt sich nicht hatte halten können, schworen sie eisern auf ihren Bäcker, der so etwas wie das letzte Stück eines gemeinsamen Kulturgutes war. Dafür nahmen sie auch in Kauf, dass sich das Sortiment nunmehr seit siebenunddreißig Jahren nicht verändert hatte und die Brötchen regelmäßig zu trocken gerieten; aber die Dorfbewohner schätzten es, sich hier zu treffen und zumindest etwas Anteil am Leben der anderen zu nehmen.
»Moin«, grüßte Lila, als sie den Laden betrat, die Kapuze des Regenparkas abstreifte und sich in die kurze Schlange einreihte.
»Hallo Lila Wolkenschön«, grüßte die Bäckerin zurück.
Sofort drehten sich alle Wartenden mit neugierigen Blicken um, nur der junge Familienvater mit den dunklen Ringen unter den Augen, der gerade an der Reihe war, gab unbeirrt weiter seine Bestellung auf.
»Na, Kindchen, was machst du denn für Sachen?«, fragte eine Frau, die Lila flüchtig aus dem Bridge-Club ihrer Tante kannte. »Ich habe gestern Abend läuten gehört, du hättest die Arbeit in unserer Fabrik verloren?«
»Ja, wie kann denn so etwas passieren?«, echoten zwei ältere Damen, die in Lilas Straße wohnten.
»Kommt eben vor«, gab Lila vage zurück und bereute es schon jetzt, überhaupt hergekommen zu sein. Da war der Buschfunk wieder einmal phänomenal rasch gewesen, viel schneller, als sie angenommen hatte. Kurz ließ das Interesse an ihr nach, als der nächste Kunde an die Reihe kam, doch als die beiden Damen je ein weißes Brötchen gekauft hatten, drehten sie sich erneut zu Lila um und blieben noch für ein Pläuschchen stehen.
»Der alte Schubert hat doch noch nie jemanden hinausgeworfen«, trompetete die eine, und die andere nickte heftig dazu.
»Das ist ja auch der junge Schubert, der jetzt das Heft in der Hand hat«, mischte sich die Frau aus dem Bridge-Club ein und nickte Lila voller Mitgefühl zu.
»Aber die Tochter meiner Nichte ist trotzdem geblieben und kümmert sich jetzt um die Verpackung«, erklärte eine der älteren Damen mit spitzen Lippen und warf Lila einen herablassenden Blick zu.
Lila fühlte sich plötzlich in ihrer warmen Jacke zu heiß. »Schokolade verpacken wollte ich nicht«, gab sie schließlich zu.
»Du könntest hier aushelfen«, bot die Bäckerin an. »Aber mehr als vier fünfzig zahlen wir nicht pro Stunde.«
Euro oder Mark?, wollte Lila fragen, biss sich aber auf die Zunge. Schließlich meinte es die Bäckerin nur gut – wahrscheinlich zumindest.
»Ist deine Tante noch verreist?«, erkundigte sich die Frau aus dem Bridge-Club.
»Nein, sie ist gestern zurückgekommen«, antwortete Lila und fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis sie endlich dran war und wieder verschwinden konnte.
»Immer auf Reisen, die Lütters«, meinte eine der älteren Damen, und Lila konnte ihrem Tonfall nicht entnehmen, ob sie das gut oder schlecht fand.
»Und jetzt geht es erst noch richtig los. Ein ganzes Jahr im Süden, eingeladen von der eigenen Tochter, der schönen Sonja«, erklärte die Frau aus dem Bridge-Club verschwörerisch.
Lila unterdrückte einen Seufzer. Immerhin war sie jetzt an der Reihe, bestellte rasch drei Roggenbrötchen sowie drei Milchhörnchen und legte das Geld dafür auf den Tresen.
»Oh, der Süden, das klingt ja wunderbar«, machte die eine Dame.
»Naja, wenigstens eine Tochter, die erfolgreich ist, das ist doch etwas«, sagte die andere.
»Tsss«, machte die Bäckerin, und Lila wusste nicht, ob diese leise Rüge der anderen Kundin oder ihr galt.
»Du bist ja auch nicht die Tochter, nicht wahr?«, versetzte die erste Dame und starrte Lila durch ihre Brille an.
Unwillig kniff Lila ihre Augen zusammen. Sie hasste dieses alte Thema und die Menschen, die glaubten, über ihre Familienverhältnisse urteilen zu können. Warum konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen? Vom örtlichen Zusammenhalt hatte sie geträumt? Das ist hier eher der öffentliche Pranger, dachte sie bitter. Sie griff nach ihrer Brötchentüte.
Nichts wie weg, beschloss sie.
»Einen schönen Tag noch«, wünschte sie in die Runde und sah niemanden im Speziellen an.
»Das wird schon«, sagte die Frau aus dem Bridge-Club zu ihr. »Vielleicht kann Sonja dir helfen.«
»Danke, ich werde mal sehen«, erwiderte Lila unbestimmt. Wie um alles in der Welt sollte Sonja in ihrem Jetset-Leben ihr helfen, einen guten Job auf dem Lande zu ergattern? Rasch öffnete Lila die Tür, und die beiden älteren Damen mit ihren kleinen Brötchentüten folgten ihr und ließen sich von ihr die Tür aufhalten.
Draußen zog Lila ihre Kapuze auf, grüßte kurz und ging weiter.
Sie hatte gerade zwei Schritte gemacht, da hörte sie, wie die eine zur anderen sagte: »Naja, was will man auch erwarten, bei der Mutter, ohne Vater und dann noch mit dem überkandidelten Namen, das konnte ja nichts werden.«
Lila blieb stehen und musste kurz die Luft anhalten. Ihr Name hatte nichts, aber auch gar nichts mit dieser bescheuerten Frau Ellenhagen, ihrer Kündigung und der Neuausrichtung der Firma zu tun. Sie hatte einfach nur Pech gehabt, das war alles. Für einen Augenblick erwog Lila, zu den beiden Frauen zurückzugehen und ihnen so richtig die Meinung zu geigen, aber dann ließ sie es. Stattdessen stapfte sie in ihren Gummistiefeln mit ihrer Brötchentüte in der Hand durch den Nieselregen und wurde mit jedem Schritt entschlossener. Diesen alten Schreckschrauben und den ganzen Sauertöpfen im Dorf würde sie es zeigen. Sie, Lila Wolkenschön, würde hier nicht versauern, sondern würde etwas Tolles aus ihrem Leben machen, und wenn sie dafür bis ans Ende der Welt gehen müsste – nur vielleicht eben nicht nach Grönland.
Es war in diesem Moment an dem verregneten Samstagmorgen im März, als Lila beschloss, dass tatsächlich die Zeit für eine grundlegende Veränderung in ihrem Leben gekommen war. Anders als in den kummervollen Stunden zuvor empfand sie sich nicht mehr nur hinausgedrängt, sondern sah auf einmal die Chance, die da wie die aufgehende Sonne hinter den Wolken auf sie wartete. Ungewöhnlich energisch entschied sie, sie zu nutzen, komme, was da wolle.
***
In den nächsten Tagen setzte Lila Himmel und Hölle in Bewegung. Sie fragte jeden, den sie kannte, nach interessanten freien Stellen, las unzählige Anzeigen und überlegte sogar, selbst eine Annonce aufzugeben. Verrückterweise war es ausgerechnet Frau Nippert, die in der vertrackten Situation eine passende Stelle für Lila fand. Vor Jahren war eine ehemalige Arbeitskollegin von ihr nach Berlin gezogen, um dort ihr Glück zu suchen. Das Glück war mittelgroß ausgefallen, die Kollegin besaß nun ein kleines Café in Spandau und hatte eigentlich keinen Bedarf an Hilfskräften, aber sie hatte eine Bekannte in Schöneberg, die eine Schokoladenmanufaktur leitete; an sie gab sie Frau Nipperts Anfrage weiter. Diese Bekannte hatte ihrerseits eine Freundin, die seit Jahrzehnten einen kleinen Bonbonladen mit eigener Produktion in Berlin-Charlottenburg betrieb. Diese Freundin wiederum, passenderweise Frau Schmid mit Nachnamen, klagte schon seit Längerem darüber, erschöpft und überlastet zu sein, insbesondere seit auch noch ihre einzige Angestellte in Ruhestand gegangen war. Dringend wünschte sie sich Unterstützung.
Als sie nun erfuhr, dass es eine Namensvetterin mit »T« am Ende gab, die zwar nicht bewandert in der Herstellung, aber zumindest in der Qualitätstestung von Bonbons war und außerdem auch noch Arbeit suchte, fackelte sie nicht lange und bot Lila einen Job an, ohne sie zuvor auch nur einmal gesehen zu haben. Zusätzlich buchte sie ein Zimmer in einer kleinen Pension in der Nähe und lud Lila ein, sich sofort auf den Weg zu machen.
So kam es, dass Lila tatsächlich den großen Sprung wagte, ihre beiden Koffer packte, sich von all ihren Freundinnen und ihrer Tante und ihrem Onkel verabschiedete und sich kurze Zeit später auf dem Weg nach Berlin in ein neues Leben befand.
Als Felix aufwachte, wusste er im ersten Moment nicht, wo er war. Das hatte weniger mit Spaß und Party am Vorabend zu tun als mit der Tatsache, dass sein ständiges Um-die-Welt-Jetten irgendwann seinen Tribut forderte. Gestern erst war er in Kuala Lumpur gelandet, davor hatte er jeweils drei Tage in Tokio und in Shanghai verbracht. Die Zimmer in den Luxushotels, in denen er übernachtete, ähnelten einander, und mit der Zeit verschwammen die unterschiedlichen Eindrücke seiner Zielorte zu einer einzigen Reisegefühlsmelange. Mit Sicherheit wusste er lediglich, dass es kurz vor sieben war. Wie an jedem Tag sprang Felix mit einem Lächeln aus dem Bett. Es war ein guter Morgen, garantiert würde es ein hervorragender Tag werden.
In der Firma stand die Übernahme ihres härtesten Konkurrenten unmittelbar bevor, und Felix hatte alles getan, um dieses Geschäft vorzubereiten und durchzuziehen. Tag und Nacht, Woche um Woche hatte er am Atlantis-Deal gearbeitet, war dafür fast nicht mehr zu Hause in Berlin gewesen, hatte auch alles andere hintangestellt, und jetzt war es tatsächlich so weit. Felix’ blonde Haare waren verstrubbelt, und auf seiner Wange zeigte sich noch der Kopfkissenabdruck der Nacht, aber er fühlte sich wach, fit und strahlte Abenteuerlust und Fröhlichkeit aus. Mühelos machte er wie jeden Morgen neben dem Bett siebenundzwanzig Liegestütze, dann war er startbereit für den Tag. Er liebte seinen Job und genoss die damit verbundenen Reisen, auch wenn ihm im Moment jegliche Zeit dafür fehlte, sich seine Reiseziele genauer anzusehen. Besonders seit er zum Managing Director des Unternehmens aufgestiegen war, hatte sich sein Reisetempo noch weiter beschleunigt, aber er wäre der Letzte gewesen, der sich darüber beklagt hätte. Der berufliche Erfolg machte ihn froh und verlieh ihm ein angenehmes Gefühl von Sicherheit.
Gedämpft klopfte es an der Zimmertür.
»Herein«, bat Felix mit seiner tiefen, angenehm warmen Stimme, die Selbstvertrauen zusammen mit Höflichkeit ausstrahlte.
Wie von Geisterhand öffnete sich die Tür. Auf einem Rollwagen schob ein livrierter Kellner das Frühstück herein, wobei die gestärkte Tischdecke ebenso wenig fehlte wie die rote Rose in einer weißen Porzellanvase, frisch gebrühter Kaffee und das mit einer silbernen Haube abgedeckte Rührei.
»Here are the newspapers you have ordered«, erklärte der Kellner und zeigte auf einen Stapel Zeitungen, der am Rand des Rollwagens aufgeschichtet lag. »Is there anything else we can do for you, Mr. Wengler?«
»No, thanks.« Diskret reichte Felix dem Etagenkellner ein großzügiges Trinkgeld, das der genauso diskret entgegennahm.
»Thank you, Sir.« Nachdem der uniformierte Angestellte die Vorhänge zurückgezogen hatte, verließ er geräuschlos das Zimmer.
Felix warf einen kurzen Blick aus dem Panoramafenster seiner Suite im neununddreißigsten Stock. Draußen schien die Sonne auf die imposanten Petronas Towers, die eindrucksvoll aus der spektakulären Skyline von Malaysias Hauptstadt aufragten. Direkt vor dem Hotel lag der KLCC Park mit seinen weiten Rasenflächen und den vielen tropischen Bäumen, und Felix hätte zwar Lust gehabt, dort joggen zu gehen, aber ihm fehlte schlicht die Zeit dafür. In weniger als einer halben Stunde war das erste Meeting des Tages angesetzt, und die Mitarbeiterin in seiner Firma, die seine Reisen organisierte, war ausgesprochen effizient. Wenn Felix ihr nicht vorab ankündigte, dass er eine Pause wünschte, um eine Sehenswürdigkeit zu besichtigen, blieb in seinem Tagesplan keine Lücke dafür. Immerhin bestellte sie stets ein Frühstück nach seinen Wünschen, das ihm in jedem Hotel pünktlich um sieben Uhr Ortszeit serviert wurde, egal, wo auf der Welt er sich gerade befand.
Im Stehen trank Felix den Kaffee, während er die Mails auf seinem Handy checkte. Dutzende Anfragen waren über Nacht in seinem Postfach gelandet, die meisten davon belanglose Angelegenheiten, die seine Assistentin erledigen konnte. Kommentarlos leitete er sie weiter, beantwortete mit wenigen Sätzen zwei Fragen von Kollegen und sah dann die neuesten Geschäftszahlen durch, die ihm die Controller der Firma vorgelegt hatten. Zufrieden mit dem Ergebnis stellte Felix die leere Kaffeetasse ab, aß ebenfalls im Stehen zwei Gabeln Rührei und war mit seinem Frühstück fertig, noch bevor er die Nachrichten auf seiner Mailbox abgehört hatte. Gerade wollte er sie abrufen, als sein Blick auf die oberste Zeitung fiel, die der Etagenkellner für ihn drapiert hatte. Die Schlagzeile lautete:
Spektakulärer Einbruch in der Hamburger Kunsthalle, Gerhard Richters Meisterwerke verschwunden
Augenblicklich spürte Felix ein ungutes Grummeln in seinem Bauch. Es war fast mehr eine Ahnung als ein wirkliches Gefühl, dennoch konnte er sich dem nicht ganz entziehen. Abgelenkt strich er sich durch die blonden Haare und versuchte, seine Gefühle in den Griff zu bekommen.
Das ist absurd, ermahnte er sich streng. Niemand würde zweimal Bilder von Gerhard Richter aus demselben Museum stehlen, das wäre viel zu riskant.
Irritiert von seiner eigenen Unruhe, ging Felix in das riesige Badezimmer, das mehr einem Badetraum mit Whirlpool und Regendusche glich als einer gewöhnlichen Nasszelle. Dort legte er sein Handy auf dem breiten Glasbord über dem Waschbecken ab und stieg in die Dusche. Zeit war Geld, und er hatte diese Maxime absolut perfektioniert. Sein Morgenritual folgte einem eingespielten Ablauf: Unter der Dusche wusch sich Felix die Haare, putzte sich die Zähne und rasierte sich mit einem eigens dafür angeschafften wasserfesten Rasierer. Für alles brauchte er genau siebeneinhalb Minuten, und in Eile konnte er es sogar in unter sechs schaffen. Auch heute brauchte er kaum länger, griff fertig geduscht direkt nacheinander nach dem Handtuch und seinem Handy, um sich nun doch seine Nachrichten vorspielen zu lassen. Während er sich abtrocknete und anzog, hörte Felix an, wie ein Kollege ihn um Rat in einer komplizierten Produktionsangelegenheit bat, seine Assistentin ihn daran erinnerte, den Geburtstag seiner Mutter nicht zu vergessen, und sein Chef, der gleichzeitig sein Vater war, irgendwelche Befehle in einem Tonfall auf die Mailbox brüllte, als wäre Felix am anderen Ende der Leitung und würde impertinenterweise einfach nicht antworten. Felix verdrehte die Augen und löschte den akustischen Überfall seines Vaters.
Dann folgte eine kurze Nachricht seiner Freundin, die ihrerseits beruflich gerade in Washington weilte und anscheinend mit der Zeitverschiebung völlig durcheinandergekommen war. Die letzten drei Nachrichten auf der Mailbox waren leer. Trotzdem hörte Felix sie zu Ende und stellte fest, dass auf den ersten beiden tatsächlich nichts zu hören war, auf der letzten jedoch eine Computerstimme einen achtstelligen Nummerncode aufsagte und anschließend zweimal wiederholte. Irritiert blickte Felix auf sein Telefon, doch das Display zeigte nur an, dass der Anrufer seine Nummer unterdrückt hatte. Abermals hörte Felix die Nachricht ab, prägte sich fast automatisch den Code ein und verließ dann das Mailboxmenü.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er sich beeilen musste, und er zog sich rasch fertig an. Wie jeden Tag wählte er ein gestärktes weißes Hemd und einen maßgeschneiderten Anzug, der seine Größe und seinen schlanken, aber gleichzeitig muskulösen Körperbau gut betonte. Man sah ihm an, dass er früher viel Sport getrieben hatte, und er hatte die Ausstrahlung eines glücklichen, mit seinem Leben zufriedenen Menschen. Vor dem Spiegel band er sich mit raschen, geübten Bewegungen seine Krawatte so, dass der Knoten perfekt saß. Zum Schluss warf er einen Kontrollblick in den Spiegel und war mit seinem Aussehen rundherum zufrieden. Der Anzug saß hervorragend, und man sah weder seinem Gesicht noch seinen Augen an, dass er in den letzten Wochen viel zu viel gearbeitet und viel zu wenig geschlafen hatte.
Routiniert griff er nach seiner Laptoptasche und wollte gerade das Hotelzimmer verlassen, als sein Handy klingelte. Ungeduldig blickte er auf das Display, aber die Hamburger Nummer, die angezeigt wurde, war ihm unbekannt.
»Wengler.«
»Felix, ich bin es.« Obwohl er die Stimme des Anrufers seit unglaublich langer Zeit nicht mehr gehört hatte, erkannte er sie augenblicklich. Sie löste ein Gefühlschaos in ihm aus, das er nicht für möglich gehalten hätte, und er fühlte zugleich Freude, Unsicherheit, Hilflosigkeit und ein Hauch von Reue.
Unwillkürlich stellte Felix die Laptoptasche wieder ab. »Was gibt es?«, erkundigte er sich, seine Stimme klang dabei hölzern und fremd.
»Ich brauche Hilfe«, erklärte der Anrufer. »Kannst du kommen?«
»Hamburg?«, fragte Felix und fühlte mehr, als er dachte, was das bedeuten könnte. Langsam ließ er sich auf den nächstgelegenen Sessel sinken.
Als keine Antwort kam, ahnte Felix, dass er auch nicht mehr Information erhalten würde. Er musste eine Gefühlsentscheidung treffen, die Analyse von Fakten würde ihm kaum helfen.
»Ja, ich komme«, versprach Felix nach einem Augenblick. Zwar passte es im Moment noch weniger als gar nicht, aber er hatte sich schon einmal falsch entschieden und würde es kein zweites Mal tun. Dennoch spürte er, wie seine Hand, mit der er das Handy hielt, schweißnass wurde.
»Danke«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung, und Felix konnte die mitschwingende Erleichterung bis nach Malaysia hören.
Nervös biss er sich auf die Unterlippe, denn er durfte jetzt nichts Falsches sagen. »Wo bist du?«, fragte er, obwohl er schon ahnte, wie die Antwort ausfallen würde.
»Holstenglacis 3«, lautete die lapidare Entgegnung, und Felix spürte, wie die Unruhe in seinem Bauch zunahm.
»Ich komme, so schnell ich kann«, beteuerte er leise.
Dann war das Telefonat zu Ende. Für einen Augenblick blieb Felix auf dem Sessel sitzen und starrte aus dem Fenster, ohne etwas wahrzunehmen. Dabei fühlte er sich, als wäre er wieder neunzehn und nicht Mitte dreißig.
»Aber diesmal entscheide ich mich richtig«, sagte er laut in den Raum hinein. Selten in seinem Leben war er sich einer Sache so sicher gewesen.
***
Kurz überlegte Felix, wie er am besten vorgehen sollte. Dann rief er seine Assistentin Frau Wenckerbach auf ihrem Diensthandy an. In Deutschland war es weit nach Mitternacht, aber das war ihm gleichgültig.
»Sagen Sie alle meine Termine vor Ort ab und buchen Sie meinen Flug sofort um«, trug er ihr auf, ohne sich für den Anruf um die nachtschlafende Zeit zu entschuldigen. »Die meisten Gespräche kann ich auch per video call führen, ich brauche also einen Flieger, von dem aus ich telefonieren kann. Erzählen Sie den Kunden irgendetwas, warum das nötig ist. Und, Frau Wenckerbach: Unter keinen Umständen darf mein Vater etwas davon erfahren. Kann ich mich auf Sie verlassen?«
Die Assistentin klang etwas verschlafen, aber sie versprach ihm hoch und heilig, absolutes Stillschweigen zu bewahren.
»Ihr neues Ticket kommt sofort«, versicherte sie dann, und er hörte an dem Rascheln im Hintergrund, dass sie aus dem Bett stieg.
»Ab wann kann ich denn wieder Termine vor Ort für Sie vereinbaren?«, erkundigte sie sich und klang so, als würde sie ein Gähnen unterdrücken.
»Übermorgen«, antwortete Felix in das Piepen ihres Computers hinein, das vom anderen Ende der Leitung zu hören war. Hoffentlich wird es nicht länger dauern, dachte er und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, etwas, das er sich eigentlich schon vor langer Zeit abgewöhnt hatte. Dann verabschiedete er sich und legte auf.
Anschließend wählte Felix eine zweite Nummer. Seinen Freund Paul weckte er allerdings nicht, denn der war um diese Zeit erst so richtig wach und aktiv.
»Hey Alter, das ist ja mal ’ne Überraschung, von dir zu hören, was ist los?«, erkundigte sich Paul munter.
»Paule, ich brauche deine Hilfe«, erwiderte Felix. »Es geht um Niklas.«
»Oh«, machte Paul, und in diesem Laut steckte viel Überraschung, aber auch noch etwas, das Felix nicht gleich ausmachen konnte.
»Wann hast du ihn das letzte Mal gesprochen?«
Paul schien einen Augenblick lang zu überlegen. »Vielleicht vor einer, maximal vor zwei Wochen, wieso?«
»Holstenglacis«, antwortete Felix schlicht. Er stand aus seinem Sessel auf und begann im Hotelzimmer umherzugehen.
»Ich verstehe«, sagte Paule ruhig und erstaunlich gelassen. Gleichzeitig klang er, als verstünde er wirklich. »Kann ich etwas für ihn tun?«
»Schick ihm jemanden, der ihn unterstützt, den allerbesten Anwalt, die Kosten sind mir vollkommen gleichgültig«, bat Felix und blieb kurz stehen, bevor er seine Bewegung wieder aufnahm.
»Sofort«, versprach Paul. »Hat das etwas mit dieser Hamburger Kunsthallen-Geschichte zu tun?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Felix ehrlich und erinnerte sich unwillkürlich an früher.
Einen Moment lang schwieg Paul. »Wo bist du gerade?«, fragte er dann.
»Malaysia«, erwiderte Felix knapp.
Einen Moment lang sagte keiner der beiden Männer etwas.
»Kommst du?«, erkundigte sich Paul schließlich.
»Ja«, antwortete Felix, und das Gefühlschaos fühlte sich mittlerweile wie ein Brodeln in seinem Bauch an.
»Gut«, meinte Paul. »Wer weiß, vielleicht ist er auch nur ein notorischer Schwarzfahrer.«
»Vielleicht.« Felix sagte es, aber er war sich hundertprozentig sicher, dass es nicht darum ging, sonst hätte Niklas ihn nicht angerufen. Nicht nach all diesen Jahren.
»Danke«, sagte Felix zu Paul, doch der hatte schon aufgelegt.
***
Die reine Flugzeit von Kuala Lumpur nach Hamburg betrug vierzehn Stunden. Felix blieb also mehr als genug Zeit, sich Sorgen zu machen. Natürlich arbeitete er auch, doch es fiel ihm ungewöhnlich schwer, sich zu konzentrieren, und den unangenehmen Druck in seinem Bauch wurde er auch nicht mehr los. Immer wieder drückte er auf den Klingelknopf und rief nach der Stewardess. Wenn sie herbeigeeilt kam, bestellte er einen Kaffee, ein Wasser oder eine Cola, weniger, weil er Durst hatte, sondern weil er sich unbedingt ablenken wollte. Dann starrte er erneut auf seinen Laptopbildschirm und versuchte weiterzukommen, aber es gelang ihm einfach nicht. Also blickte er aus dem Fenster in die dichte Wolkendecke unter ihnen und versuchte, sich darauf einzustellen, was ihn in Hamburg erwartete.
Aufgrund der langen Reisedauer und nur verkürzt durch die Zeitverschiebung war es bereits früher Abend, als Felix’ Flugzeug in Fuhlsbüttel landete. Draußen vor dem Flughafengebäude nieselte es, wie es in der altehrwürdigen Hansestadt nicht anders zu erwarten war. Rasch nahm Felix ein Taxi. Normalerweise hatten sie im Unternehmen einen Fahrdienst, der Tag und Nacht bereitstand, aber Felix wollte unbedingt vermeiden, dass irgendwer aus der Firma mitbekam, wohin er fuhr.
Er nannte dem Taxifahrer die Adresse.
»Anwalt, was?«, brummte der und fuhr los.
Eigentlich ist es nichts Schlechtes, für einen Anwalt gehalten zu werden, überlegte Felix, aber trotzdem wurmte ihn diese Annahme zu seiner Person aus dem Mund eines Fremden, der rein gar nichts über ihn wissen konnte. Er schwieg und blickte auf die Scheibenwischer, die mit schönster Regelmäßigkeit die kleinen Regentropfen fortwischten, die der Nieselregen mit sich brachte.
Was weiß ich überhaupt noch von Niklas’ Leben?, fragte er sich plötzlich und spürte die tiefe Verzweiflung, die es schon seit Ewigkeiten gab, an die er aber lange nicht mehr gedacht hatte. Schließlich hatte er Niklas seit fast fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen, und ihre letzte Begegnung hatte sich unter fürchterlichen Umständen abgespielt.
Wieder spürte Felix einen Druck im Magen und war kurz davor, den Fahrer zu bitten, woanders hinzufahren. Doch dann dachte er an Niklas’ Stimme und das Versprechen, das er ihm am Telefon gegeben hatte. Ich komme, hatte er gesagt.
Also werde ich das jetzt durchziehen, sagte Felix sich fest, und irgendwo in den Tiefen seines Gewissens wusste er, dass er damit diesmal die richtige Entscheidung traf.
Es dauerte eine ganze Weile, bis das Taxi schließlich hielt. Felix sah ein Stück Metallzaun und daneben einen wenig einladenden Eingangsbereich vor dem riesigen alten Klinkergebäude, das in der Dämmerung noch gewaltiger erschien und sich wie ein Riesenkrake über einen ganzen Block erstreckte.
