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»Was denkt ihr, weshalb ausgerechnet der Apfel dazu in der Lage war, Eva im Paradies zu verführen? Keine andere Frucht lässt sich mit ihm vergleichen.«
Aus den Aufzeichnungen von Edwin Schluck, 1915
Christine arbeitet mit Feuereifer für das Familienunternehmen »Schluck-Säfte« und ist am Boden zerstört, als ihr eigener Vater ihr den verdienten Abteilungsleiterposten verweigert und stattdessen einen Fremden einstellt.
Während die Schluck-Familie auseinanderzubrechen droht und sogar das Schicksal des Unternehmens auf dem Spiel steht, reist Christine nach Sylt und bezieht eine Ferienpension, um Ärger und Sorgen für eine Weile zu vergessen. Dort trifft sie auf den attraktiven Philipp Degenhardt, der ihr durch Verhandlungen innerhalb der Firma gut bekannt ist und der seit einer Weile ein Auge auf sie geworfen hat. Auch Christine fühlt sich zu ihm hingezogen, und so kommen sich die beiden schnell näher. Doch die aufkeimende Liebe der beiden steht unter keinem guten Stern, denn Philipp hat ein Geheimnis, das nicht nur Christine, sondern auch »Schluck-Säfte« zum Verhängnis werden könnte.
»Liebe passt in jedes Herz« ist der Auftakt der Ein-Schluck-Liebe-Reihe: Packend, gefühlvoll, überraschend.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Lotte R. Wöss
Über das Buch:
»Was denkt ihr, weshalb ausgerechnet der Apfel dazu in der Lage war, Eva im Paradies zu verführen? Keine andere Frucht lässt sich mit ihm vergleichen.«
Aus den Aufzeichnungen von Edwin Schluck, 1915
Christine arbeitet mit Feuereifer für das Familienunternehmen »Schluck-Säfte« und ist am Boden zerstört, als ihr eigener Vater ihr den verdienten Abteilungsleiterposten verweigert und stattdessen einen Fremden einstellt.
Während die Schluck-Familie auseinanderzubrechen droht und sogar das Schicksal des Unternehmens auf dem Spiel steht, reist Christine nach Sylt und bezieht eine Ferienpension, um Ärger und Sorgen für eine Weile zu vergessen. Dort trifft sie auf den attraktiven Philipp Degenhardt, der ihr durch Verhandlungen innerhalb der Firma gut bekannt ist und der seit einer Weile ein Auge auf sie geworfen hat. Auch Christine fühlt sich zu ihm hingezogen, und so kommen sich die beiden schnell näher. Doch die aufkeimende Liebe der beiden steht unter keinem guten Stern, denn Philipp hat ein Geheimnis, das nicht nur Christine, sondern auch »Schluck-Säfte« zum Verhängnis werden könnte.
»Liebe passt in jedes Herz« ist der Auftakt der Ein-Schluck-Liebe-Reihe: Packend, gefühlvoll, überraschend.
Die Autorin:
Lotte R. Wöss, geboren 1959 in Graz, absolvierte nach der Matura die Ausbildung zur Diplom-Krankenschwester.
Schon als Kind schrieb und dichtete sie, es folgten Artikel und Gedichte für kleine Zeitungen, doch erst im reiferen Alter fand sie zurück zu ihrer Leidenschaft, dem Schreiben, und veröffentlichte ihren Debütroman »Schmetterlinge im Himmel« als Selfpublisherin. Mittlerweile hat sie zahlreiche Liebesromane, Krimis und auch Kurzgeschichten veröffentlicht, sowohl als Selfpublisherin als auch in Verlagen.
Ihr bevorzugtes Genre bleiben aber Liebesgeschichten mit Tiefgang. Die Entwicklung, die ein Mensch machen kann, die Möglichkeit, an sich selbst zu arbeiten und einen Reifeprozess durchzumachen – das ist für Wöss Thema Nummer eins.
Lotte R. Wöss
Ein Schluck Liebe 1
Liebesroman
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
März © 2026 Empire-Verlag
Empire-Verlag OG, Lofer 416, 5090 Lofer
Ansprechpartner: Thomas Seidl
Lektorat: Elsa Rieger
https://www.elsarieger.at
Korrektorat: Tino Falke
https://www.tinofalke.de/lektorat/
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Cover: Chris Gilcher
https://buchcoverdesign.de/
Wolfgang - 5.4.1964
Wolfgang hörte es sofort, als sich die Tür öffnete. Licht fiel herein und er blinzelte. Der unvergleichliche Duft seiner Mutter umfing ihn, er roch nach Geborgenheit und dem Apfelkuchen, den Annegret, ihre Haushälterin, heute gebacken hatte.
Er sah Mutti näherkommen, gegen das Licht der offenen Tür war sie ein dunkler Schatten. Beruhigt kuschelte er sich ins Kissen in Erwartung einer zärtlichen Geste.
Stattdessen riss sie ihn fast grob aus dem Bett. »Schnell, Wolfi, zieh deine Hose an und den Pullover.« Bevor er sich’s versah, zog sie ihm etwas über den Kopf und steckte seine Arme in die Ärmel. Aber er hatte doch seinen Pyjama drunter an? Das war noch nie vorgekommen.
»Mutti? Es ist so dunkel, warum machst du kein Licht im Zimmer?«
»Frag jetzt nicht, wir müssen uns beeilen.«
Beeilen? Weshalb? Sie stopfte seine Beine in die Hose und stülpte Socken über die Füße. Dann zerrte sie ihn hoch und schleppte ihn zur Tür.
»Wohin gehen wir? Au!« Er wollte sich ihr entziehen, doch ihr Griff blieb hart.
»Sei leise, pst.« Sie klemmte ihn unter den Arm. Er bekam kaum Luft und fühlte sich nicht wohl so fest umschlungen. In seiner aufkommenden Panik zappelte er wild.
»Halt still, um Gottes willen, Wolfi, bitte …« Sie stolperte und konnte sich gerade im letzten Moment am Treppengeländer festhalten.
»Mutti, ich hab Angst.« Wo wollte sie hin? »Lass mich los!« Er strampelte nur umso wilder, doch sie hörte nicht.
Sie erreichten die Garderobe im Flur. Zwei große Koffer standen vor der Tür. Wolfgang verstand nun gar nichts mehr. Wollten sie zu Oma Hedwig nach Berlin fahren? Aber es war doch nicht Weihnachten?
»Mutti, ich bin müde.« Er war nahe dran zu weinen.
»So nicht, Elisabeth!«, ertönte die dunkle Stimme seines Vaters.
Mutter ließ ihn abrupt los, fast wäre er gestürzt. Nun sah er den Vater oben auf der Treppe stehen, die Hände in die Seiten gestemmt. Und er sah so böse aus, noch schlimmer, als wenn er mit Wolfgang schimpfte. Der lange dunkelrote Schlafmantel erinnerte Wolfgang an das Bild vom König aus seinem Märchenbuch. Genau so schritt er die Treppe herunter.
»Du nimmst mir meinen Sohn nicht weg.« Er klang scharf, hatte seine Stirn gerunzelt und die Augen zu Schlitzen verzogen, Wolfgang zog den Kopf ein.
»Bitte, Karl, er ist mein Sohn und er braucht seine Mutter.«
»Das hättest du dir vorher überlegen sollen, ehe du wie eine läufige Hündin zu ihm gehst.«
»Du weißt, dass ich ihn immer geliebt habe.« Wolfgang sah, wie die Finger seiner Mutter mit dem Anhänger an ihrer Kette spielten. Dem herzförmigen Stein, der in tiefem Blau leuchtete.
»Und was war ich? Der Lückenbüßer, der dir ein angenehmes Leben bereiten durfte?«
Wolfgang stand nun zwischen seinen Eltern und verrenkte sich fast den Kopf, während er von einem zum anderen blickte.
»Karl, ich bin dir dankbar …«
»Dankbar.« Er schnaubte. »Du willst mich im Stich lassen, mich und dein Kind.«
»Nein, ich möchte ihn mitnehmen. Er hat in Amerika ganz andere Möglichkeiten …«
»Er bleibt da. Hier bei mir im Alten Land, das ist sein Erbe. Wenn du gehen musst, dann tu es ‒ allein. Aber glaube nicht, dass du zurückkommen kannst, die Tür ist zu.«
»Karl, bitte sei nicht so hart. Wolfi ist erst fünf. Du hast doch gar keine Zeit für ihn, bist immer nur mit deiner Arbeit beschäftigt.«
»Es hat dir nichts ausgemacht, das Geld, das ich verdiene, auszugeben. Du musst dich entscheiden. Bleib hier, in dem Fall sehe ich über deinen Fehltritt hinweg und werde es nie mehr erwähnen. Aber wenn du gehst, so sei es für immer. Mach das deinem Sohn klar.«
Wolfgang hörte seine Mutter aufschluchzen, dann hockte sie sich vor ihn. »Wolfi, ich komme dich besuchen und ich schreibe dir …«
In seinem Inneren krampfte sich etwas zusammen. »Du darfst nicht fort!« Er schlang seine Arme um sie, presste sich fest an ihren weichen Busen.
»Ich hole dich nach …«
»Niemals!«, brüllte der Vater über seinem Kopf. »Eine Mutter, die dermaßen egoistisch handelt und ihr Kind im Stich lässt, hat ihre Rechte verspielt.«
Wolfgang spürte, wie seine Mutter von Schluchzen geschüttelt wurde. Er würde sie einfach nicht loslassen. »Du musst hierbleiben.« Nun weinte auch er.
Doch sie löste seine Arme von ihr. »Ich fahre mit dem Schiff in ein anderes Land und irgendwann kommst du mich besuchen.«
»Du verstehst es immer noch nicht, Elisabeth.« Sein Vater hockte nun neben ihm und seine unerbittlichen Worte pfiffen ihm ins Ohr. »Du wirst unseren Sohn nie wiedersehen. Das werde ich mit allen Mitteln verhindern.«
»Mutti …« Er sah sie undeutlich durch den Schleier von Tränen, brachte nichts mehr heraus.
Plötzlich zog ihn sein Vater zu sich und presste ihn mit dem Rücken an die langen Beine. »Mach es kurz. Es ist ohnehin schon schlimm genug für das Kind.«
»Du bist ein Ekel.« Seine Mutter richtete sich auf. »Ein herzloser Mistkerl.«
»Entscheide dich!« Vater brüllte erneut, während er Wolfgang an den Schultern packte und an sich drückte. »Bleib oder geh für immer. Sofort.«
Kurze Zeit war es totenstill.
Seine Mutter weinte nun heftig, sie hatte das geblümte Taschentuch herausgeholt, das sie immer benutzte. »Es tut mir so leid, Wolfi, aber ich muss …« Ohne sich noch einmal zu ihm zu bücken, drehte sie sich um, griff nach ihren beiden Koffern und ging Richtung Ausgang. Dort stellte sie ein Gepäckstück ab und öffnete die Tür.
Ein Schwall kühle Frühlingsluft kam herein. Wolfgang riss sich los, rannte zu ihr hin, klammerte sich an ihren Ärmel. »Mutti, bitte, geh nicht fort …« Seine Worte waren durch Schluchzer unterbrochen. Da wurde er von hinten weggezogen, hochgehoben und er fand sich auf dem Arm seines Vaters.
»Geh zu ihm. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Verschwinde und wage es nicht, jemals wieder einen Fuß auf mein Land zu setzen.«
Die Tür fiel ins Schloss.
Wolfgang weinte nun heftiger, sein Vater trug ihn die Treppe hinauf in sein Zimmer und setzte ihn aufs Bett. Mit fahrigen Bewegungen zog er ihm Hose, Pullover und Socken aus, legte ihn hin und deckte ihn zu. Es war ungewohnt, denn das hatte er noch nie zuvor getan.
»Sie kommt doch zurück?«, fragte er zaghaft.
Sein Vater strich ihm mit bebender Hand eine Haarlocke aus der Stirn. »Wir brauchen sie nicht, Wolfi. Du wirst sie vergessen. Am besten, wir sprechen nie wieder über sie.«
»Keine andere Frucht kann so unterschiedlich schmecken wie der Apfel. Von süß bis sauer, mehlig bis fruchtig, hart bis weich, lieblich bis herb ‒ die über fünfzig Sorten sind alle auf ihre Art einmalig.«
Aus den Aufzeichnungen von Edwin Schluck, 1915
Christine ‒ 27.4.2018
Der Wecker holte Christine aus tiefstem Schlaf.
Sofort spürte sie Ricos Arm um sich. »Guten Morgen, meine Schöne.« Er knabberte an ihrem Ohrläppchen und sie strich über seinen nackten muskulösen Oberarm. Seine Bewegungen wurden inniger, mit den Fingern zog er eine kribbelnde Spur an ihren Brüsten entlang. Gern würde sie sich ihm hingeben, aber ihr fiel ein, weshalb sie den Wecker so früh gestellt hatte.
Die Verhandlungen mit der Fröhling-Kette. Philipp Degenhardt war für seine Pünktlichkeit bekannt. Widerstrebend löste sie sich von ihrem Freund und sprang aus dem Bett.
»Ist nicht dein Ernst«, kam der Protest.
»Tut mir leid, aber ich habe heute …«
»Schon klar.« Er ließ sich zurückfallen und bot einen wirklich verführerischen Anblick, Sixpack, eine blonde Locke in der Stirn und das Gesicht einer griechischen Götterstatue. Leichtes Bedauern stieg in ihr auf, doch ihr Pflichtgefühl siegte.
Zwanzig Minuten später radelte sie durch die angrenzenden Apfelplantagen. Sie liebte diesen Weg, den sie seit Beendigung ihres Studiums vor zwei Jahren fast täglich absolvierte. Einige Apfelbäumchen blühten bereits, nicht mehr lange und das Alte Land würde von Blüten übersät sein. Die Vorfreude darauf ließ sie noch schneller in die Pedale treten.
An der Wegbiegung angelangt, fuhr sie spontan geradeaus weiter Richtung Ort. Dabei kam sie beim Flohmarkt in der Mühle vorbei. Richtig, sie musste ja noch die Friesland-Porzellanschale für ihre Omi abholen. Leider öffnete der Laden erst am Nachmittag.
Minuten später stoppte sie vor dem Friedhofseingang, stieg ab, öffnete das schmiedeeiserne Tor und stellte ihr Rad auf dem Friedhofsgelände ab. Um diese Zeit traf sie niemanden.
Das Grab ihrer Mutter lag nur wenige Meter entfernt unter einem blühenden Kirschbaum. Ruhe durchströmte Christine, als sie zu dem Ort mit dem einfachen Grabstein trat. In der kleinen Vase waren frische Narzissen. Sowohl sie als auch ihre Schwester Jacqueline kamen regelmäßig hierher.
Kurz schwieg sie, ehe ihre Worte wie von selbst flossen. »Guten Morgen, Mama. Heute ist ein wichtiger Tag, die neuen Verträge mit unserem größten Abnehmer stehen an. Hoffentlich hat sich Alex alles durchgelesen, denn Philipp Degenhardt ist ein harter Verhandler. Drück uns die Daumen.« Ein warmer Windstoß erfasste sie und sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke weiter hinauf. Ein letzter Blick auf das Grab, durch den Wind waren ein paar Blüten darauf geflogen. Der Anblick gab ihr Kraft und kurz darauf radelte sie Richtung Ortszentrum und erreichte erneut die Apfelplantagen, nun von der anderen Seite. Rechts kam sie am Apfelglück vorbei, der Wirtschaft ihrer Tante Sibylle, der Cousine ihres Vaters, in der kleine Speisen, Kaffee und hausgemachte Kuchen serviert wurden. Und natürlich die Fruchtsäfte von Schluck.
»Schluck dich glücklich«, war einer der Werbesprüche.
»Moin!«
Sie blieb ruckartig stehen. Cousin Andreas trat auf die Straße. Wie immer trug er Overall und Gummistiefel. Manchmal beneidete sie ihn, weil er die Apfelplantage übernommen hatte und die meiste Zeit im Freien arbeiten durfte.
»Guten Morgen! Schon fleißig?«
»Immer.« Er schob die Kappe, sein unentbehrliches Accessoire, zurück und wischte mit dem Ärmel übers Gesicht. »Heute beginnen wir mit dem Einpflanzen der neuen Bäumchen. Wir mussten im Herbst besonders viele alte roden.«
»Zufällig weiß ich, wie gern du das tust.«
»Ertappt.« Er grinste.
»Wie geht es deiner Mutter?«
»Ihr Rücken plagt sie, aber von Ausruhen will sie nichts wissen. Kennst sie ja.« Andreas zuckte mit den Schultern. »Schönen Tag noch.« Damit ging er über die Straße zu den Apfelbäumen.
Nur wenige Minuten später lag das Backstein-Fachwerkgebäude der Firma Schluck vor ihr. Sie blieb stehen und genoss den Anblick.
Vor ihr lag der wundervoll sanierte Altbau, von ihrem Urgroßvater Leopold Schluck Anfang der 1920er-Jahre erbaut. Zwei Flügel rechts und links, im Mittelbau war die frühere Produktionsstätte gewesen. Nun diente es als Kantine für die Angestellten. Den großzügig angelegten Vorhof lockerte ein Springbrunnen auf, den Josef Jessen, ein Freund ihres Großvaters Karl, geschaffen hatte: eine große Flasche aus Stein, darunter eine Familie, die das kostbare Nass in einem Krug abzufüllen versuchte, die Tochter hielt ihre Hände zu Schaufeln geformt, während der kleine Junge sich verrenkte, um das Wasser mit herausgestreckter Zunge zu erwischen. Es war eine lebendige, Fröhlichkeit ausstrahlende Skulptur, die für das Motto der Firma stand: Lebensfreude mit Schluck-Säften.
Ihre Mama hatte sie damals oft in die Fabrik mitgenommen. Christine liebte von klein auf das Eintreffen der Äpfel mit den Lastwagen, wie sie auf das Laufband rollten und schließlich in der Presse landeten. Als Kind hatte sie Stunden in der großen Halle verbracht. Mit Vorliebe probierte sie vom Apfelkonzentrat, beobachtete das Befüllen der Glasflaschen, die in den letzten Jahrzehnten durch Tetra Pak und Plastikflaschen ersetzt worden waren.
An ihrer Faszination hatte es nichts geändert. Ihre Mutter hatte als Technikerin der Firma jede einzelne Maschine gekannt und ihr vieles erklärt. Und dann war sie zu früh verstorben, Christine war erst neun gewesen. Ihre Liebe zu Schluck-Säfte war jedoch weiterhin gewachsen und es gab keinen Platz auf der Welt, an dem sie lieber gearbeitet hätte.
Auch nach dem Tod ihrer Mutter trieb sie sich häufig in der weitläufigen Anlage herum, meist zum Ärger des Vaters, der die Kinder von den Abfüllanlagen fernhalten wollte. Dennoch fand sie immer Wege, sich hineinzuschleichen, und hatte schon sehr früh sämtliche Zusammenhänge der Fruchtsaftproduktion verstanden.
Und heute hatte sie wenig Zeit, sich dort rumzutreiben. Sie arbeitete im Verkaufsmanagement, zusammen mit ihrem Bruder Alexander, der sie schon bald als rechte Hand eingesetzt hatte.
Der Portier hob den Kopf. »Morgen, Christine! Wundervoller Tag, was?«
»Unbedingt, Walter.« Sie stieg in den Aufzug, erreichte ihr Büro im obersten Stock und gönnte sich als Erstes einen Blick aus dem Fenster. Von hier konnte sie direkt auf die Produktionsstätten sehen, die Abfüllanlagen liefen auf Hochtouren.
»Herr Degenhardt ist bereits im Haus.« Nele war, wie so oft, ohne anzuklopfen hereingekommen.
Christine sah auf die Uhr, nein, sie war pünktlich genug hier. »Dir auch einen guten Morgen.« Sie konnte den leichten Tadel in ihrer Stimme nicht verhindern. Wie oft hatte sie Nele schon erklärt, dass sie nicht einfach so in ihr Zimmer stürmen durfte. »Und Degenhardt ist zehn Minuten zu früh dran.«
»Morgen.« Keine Reue. »Ich habe ihm Kaffee gebracht, er wartet in Konferenzraum eins.« Neles Stimme kippte nun fast.
Christine wusste schon lange, dass ihre Sekretärin ein Faible für den attraktiven Verkaufsleiter der Fröhling-Kette hatte.
Aber es war Christine, die ihm zu gefallen schien, immerhin hatte er sie bereits zweimal um ein Date gebeten. Sie musste zugeben, dass sie Philipp Degenhardts Aussehen nicht kalt ließ. Noch mehr faszinierten sie sein ruhiger Umgangston, seine Fachkenntnis und Geduld.
»Ist mein Bruder schon da?« Mit Degenhardt musste sie sich früh genug auseinandersetzen. Erneut ein Blick auf die Uhr, dabei wusste sie instinktiv, dass keine zwei Minuten vergangen sein konnten.
»Leider nicht.«
Verdammt!
Alex wusste, wie wichtig das Verkaufsgespräch war. Vermutlich hatte er sich wieder durch Melodien in seinem Kopf ablenken lassen. Gestern hatte sie ihm extra noch ein Memo auf den Schreibtisch gelegt. Sie liebte ihren Bruder und schätzte es, dass er sie partnerschaftlich behandelte, offiziell war sie ja nur seine Assistentin, aber in den letzten Monaten hatte sie zunehmend eigenverantwortlich gearbeitet. Trotzdem war seine unbekümmerte Einstellung manchmal anstrengend.
»Hast du versucht, ihn zu erreichen?«, fragte sie schärfer als beabsichtigt. Nele konnte nun wirklich nichts dafür.
»Natürlich, bereits zweimal. Er meldet sich nicht.«
Christine angelte ihr Handy aus der Tasche und scrollte zu Alexanders Nummer. Wie erwartet, nahm er das Gespräch nicht an. Sie zerquetschte einen tonlosen Fluch zwischen den Lippen, am liebsten hätte sie aufgebrüllt.
Gerade zum Gespräch mit Degenhardt hätte sie es vorgezogen, ihren Bruder dabei zu haben. Der Mann irritierte sie, denn er wurde mit jedem Termin mehr zum Angriff für ihre Sinne. Bei der vorletzten Besprechung hatte er sie charmant zum Abendessen eingeladen, das letzte Mal hatte er zwei Konzertkarten aus dem Hut gezaubert. Bei diesem Angebot war sie versucht gewesen, denn sie liebte klassische Musik und ein Hörgenuss in der Elbphilharmonie wäre wunderschön gewesen.
Viel zu selten kam sie dazu, sich ein Kulturwochenende in Hamburg zu gönnen. Rico war an Kunst und Kultur kaum interessiert. Zudem hatte er noch weniger Zeit als sie, sein Studium war in der Endphase. Mit leisem Bedauern hatte sie abgelehnt, sie wollte Rico nicht hintergehen.
Nun waren es nur noch fünf Minuten. Nach vier erfolglosen Versuchen musste sie sich eingestehen, dass Alex wohl nicht mehr rechtzeitig auftauchen würde. Es war zwei Minuten vor halb neun. Seufzend straffte sie den Rücken und ging hinüber zu Konferenzraum eins.
»Entschuldigen Sie, Herr Degenhardt, dass Sie warten mussten.« Ausgerechnet heute musste der Kerl besonders anziehend auf sie wirken. Das schwarzbraune Haar verlockte dazu, mit beiden Händen hineinzufahren und noch mehr zu verstrubbeln, als es war. Wie kam sie bloß auf so unpassende Gedanken?
Philipp Degenhardt erhob sich sofort und hielt ihr die Hand hin. »Keine Ursache, Frau Schluck. Ihre Assistentin hat mich bestens versorgt«, er deutete zum Tablett mit Kaffee und Gebäck, »zudem war ich zu früh dran.«
Seine warmen braunen Augen brachten sie aus dem Konzept, in ihrem Bauch kribbelte es. Sie ergriff seine ausgestreckte Hand und hielt sie eine Sekunde länger als angebracht. Sein Blick war intensiv auf sie gerichtet. Rasch entzog sie ihm die Finger, er sah demonstrativ über ihre Schulter.
»Kommt Ihr Bruder auch?«
Erneut sah sie auf die Uhr. »Alex ist leider verhindert, er fühlt sich nicht wohl heute. Bitte, nehmen Sie wieder Platz. Sie möchten eine Änderung des Vertrags?«
»Die neuen Preise sind für uns nicht akzeptabel, tut mir leid.« Bedauern klang in seiner Stimme. »Wir wissen natürlich, dass eine Preissteigerung nötig ist, doch das sind mehr als fünf Prozent.«
Christine nickte, das hatte sie bereits geahnt. Aber sie hatte den Preis bewusst höher angesetzt, um Verhandlungsspielraum zu haben. »Nun, das hängt von der Menge ab, die Sie für Ihre Supermärkte ordern.«
Kurz darauf befanden sie sich im Verkaufsgespräch. Sie mochte es, mit Degenhardt zu verhandeln, der Mann war intelligent und aufmerksam. Nie gab er ihr das Gefühl, sie als Frau nicht ernst zu nehmen wie manch anderer, mit dem sie zu tun hatte. Im Gegenteil.
Eine Stunde später einigten sie sich.
»Es war wie immer ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen.« Um Degenhardts Mund zeigte sich ein leises Schmunzeln.
Sie hatte den Mann noch nie richtig lachen gesehen, dennoch hatte er eine charismatische Aura, die sie faszinierte. Er war ein Geheimnis. Wäre Rico nicht, würde sie versucht sein, es zu lüften.
»Frau Schluck, nächste Woche eröffnet ein Bekannter von mir ein Restaurant an der Alster. Es ist nur eine einfache Kneipe, aber das Essen ist wirklich lecker. Würden Sie mich vielleicht begleiten?« Die samtige Stimme legte sich wie Balsam auf Christines Stimmung. Sie war immer noch verärgert, dass ihr Bruder nicht erschienen war. Ihre Uhr sagte ihr, dass es mittlerweile fast zehn Uhr war.
»Herr Degenhardt, Sie wissen doch, ich bin in festen Händen.« Es klang schroffer als beabsichtigt. Christine wusste nicht, worüber sie sich mehr ärgerte: Dass er so hartnäckig war oder dass ihr Widerstand mit jedem Versuch weiter bröckelte.
»Ich könnte Sie für einen Abend ausleihen, sozusagen. Ich verbringe sehr gern ein paar Stunden in angenehmer Gesellschaft mit anregenden Gesprächen.« Es klang wirklich harmlos, dennoch würde sich Christine nicht darauf einlassen. Sie hatte ohnehin zu wenig Zeit für Rico, aus diesem Grund würde sie keine Minute mit einem anderen Mann verschwenden. So sehr gerade dieser Mann sie auch in Versuchung bringen mochte.
»Ich fühle mich geehrt, aber nein.« Sie stand auf, denn sie wollte dieses Thema nicht unnötig in die Länge ziehen.
Es klopfte und Alexander Schluck trat ein. Trotz seiner korrekten Kleidung, er trug sogar eine Krawatte, sah Christine ihm an, dass er wenig Schlaf gehabt hatte. Die dunklen Augenringe im blassen Gesicht zeugten davon, dass es spät geworden war, oder früh?
»Herr Degenhardt, es tut mir leid …«
»Geht es Ihnen besser?« Degenhardt sah von Christine zu Alex.
Hitze stieg in ihre Wangen. Lügen hatten kurze Beine und sie würde den Teufel tun, noch mal für ihren Bruder ins Fettnäpfchen zu treten.
»Es gibt zum Glück gute Medikamente heutzutage.« Ihr Bruder setzte ein breites Grinsen auf und Christine hätte es ihm am liebsten aus dem Gesicht gewischt.
»Wie wahr.« Degenhardt wandte sich nun wieder ihr zu und sein Blick ging ihr durch und durch. »Ihre Schwester und ich haben uns geeinigt, alles ist in trockenen Tüchern. Ich muss mich leider verabschieden, auf mich wartet ein weiterer Termin.«
»Ich begleite Sie noch zum Aufzug.«
»Nicht nötig, ich nehme die Treppe.«
»Für die Fitness?« Alexander schnippte mit den Fingern. »Das sollte ich auch tun, man sitzt zu viel herum.«
Christine folgte Degenhardt trotzdem hinaus, sie wollte herausfinden, ob er etwa bemerkt hatte, dass ihr Bruder keine Ahnung hatte.
Doch auf dem Gang kam ihnen überraschend ihr Vater entgegen. Er trug ein Kurzarmhemd, sein Jackett hatte er offensichtlich im Büro gelassen. »Herr Degenhardt, schön, dass ich Sie noch treffe! Konnten Sie sich mit meinem Sohn einigen?«
Es kam keine Antwort. Sie drehte sich um. Philipp Degenhardt starrte reglos auf den Unterarm ihres Vaters. Offenbar faszinierte ihn das Tattoo, eine Schlange mit einem Ball auf dem Kopf und einem Kegel im Maul.
»Herr Degenhardt?«, sprach sie ihn an. Was war los mit ihm?
Er war blass geworden und atmete heftig, doch dann griff er mit Verspätung nach Schlucks ausgestreckter Hand. »Guten Morgen, Herr Direktor«, kam es fast irritiert von ihm. Mehr jedoch nicht.
»Es ist alles in Ordnung, Papa. Die Verträge müssen nur noch von dir unterzeichnet werden«, sprang sie schließlich ein.
»Das ist erfreulich.« Schluck nickte. »In diesem Fall wünsche ich einen schönen Tag.« Er wandte sich Christine zu: »Bring mir die Papiere nachher vorbei.«
Mit zügigen Schritten erreichte er den Aufzug und verschwand darin.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie Degenhardt. Seine Gesichtsfarbe hatte sich wieder normalisiert.
»Danke.« Er gab keine weitere Erklärung ab, setzte sich langsam in Bewegung und hinkte dabei stärker als sonst.
Christine begleitete ihn zur Treppe und sie verabschiedeten sich.
Stirnrunzelnd sah sie ihm nach, wie er sich am Geländer abstützte, bis er um die erste Drehung verschwunden war. Weshalb nahm er nicht den Lift, wenn ihm Treppensteigen sichtlich schwerfiel? Und was war es, das ihn vorhin so aus der Fassung gebracht hatte? Das Tattoo, das ihr Vater immer als Jugendsünde bezeichnet hatte, war zwar nicht das schönste, aber Christine hatte schon gruseligere gesehen. Das konnte es nicht sein.
Sie kehrte zu ihrem Bruder zurück und nun gab es kein Halten mehr. Mit ihrem Finger klopfte sie auf ihre Armbanduhr. »Du hättest vor fast zwei Stunden hier sein sollen. Wo warst du? Du hast doch gewusst, dass Degenhardt heute kommt!«
»Ich wette, er war mit dir ganz zufrieden, so wie er dich anschmachtet.« Alexander grinste von Ohr zu Ohr.
»Das waren wichtige Verträge! Wenn unsere Säfte nicht mehr in den Fröhling-Supermärkten stehen, dann können wir einpacken.«
»Was regst du dich so auf, Schwesterlein? Ist doch alles perfekt gelaufen oder nicht? Ich wusste ja, dass du das top hinkriegst, wo ist das Problem?«
Natürlich fand er die richtigen Worte, ihr zu schmeicheln. Automatisch verebbte ihr Zorn. Alex war eben Alex.
»Bruderherz, was ist, wenn Papa das merkt? Du lässt dich kaum noch in der Firma blicken und ich habe Vierzehn-Stunden-Tage. Mein Privatleben ist zu einem Nichts zusammengeschrumpft, Rico beklagt sich bereits. Und mein Herr Bruder hockt in irgendwelchen Kellern und misshandelt seine Gitarre.« Sie wurde laut, ihre Wangen glühten. Ihr Temperament ging wieder mit ihr durch.
»Rico versteht das, schließlich mag er meine Musik.«
Das stimmte, ihr Freund hatte Alexander immer unterstützt, Alex war auch der Einzige in der Familie, der Rico mochte und akzeptierte.
»Mir gefällt deine Musik auch, was glaubst du, weshalb ich dir hier die Arbeit abnehme?«
»Wenn ich Erfolg habe, dann bist du hier der alleinige Boss.«
»Daran liegt mir nichts, vor allem würde Papa das niemals zulassen. Alex, lies dir den Fröhling-Vertrag wenigstens durch.« Sie hob die Mappe vom Tisch auf und hielt sie ihm hin.
»Du hast das bestimmt super ausgehandelt.« Er streckte den Daumen hoch. »Schick es mir per Mail.« Mit einem Ruck zog er die Tür auf.
»Alex, bei dem Gespräch mit den Apfelbauern bist du aber schon da?«
»Wann ist das?«
»Heute um drei Uhr.«
»Ausgerechnet heute! Wir haben unsere Probe früher angesetzt.«
»Bitte, Alex. Es ist wichtig für die Firma.«
»Klar, darum geht es doch immer. Die Firma! Du hörst dich schon an wie Papa. Und darauf habe ich echt keinen Bock. Aber okay, bleibe ich eben so lange.«
Erleichterung durchflutete sie. Gott sei Dank hatte er nachgegeben. Mit Alex konnte man schlecht streiten, er wich ständig aus. Es lief jedes Mal auf dasselbe hinaus, sie rastete aus und er blieb verstockt, war beleidigt.
Erneut ein Blick auf die Uhr. Spontan wählte sie Ricos Nummer, ein paar aufmunternde Worte konnten nicht schaden. Er nahm den Anruf nicht an, vermutlich lernte er. Es war wichtig, dass er endlich sein Studium zu Ende brachte. Lehrer wurden gesucht und ein Job an der Oberschule in Jork war ihm sicher. Dann fiele auch das ständige Pendeln nach Hamburg weg, eine zusätzliche Beeinträchtigung ihrer gemeinsamen Zeit.
Mit den Verträgen in der Hand eilte sie den Gang hinunter zum Büro ihres Vaters. Irene Schneider, seine langjährige Sekretärin, hob den Kopf, als sie eintrat.
»Guten Morgen, Christine.«
»Guten Morgen, Irene. Hübsche Frisur.«
Irene Schneider lächelte sichtlich geschmeichelt und drehte sich. »Ja, ich wollte mal etwas Neues ausprobieren. Findest du es nicht zu kurz? Und die Farbe zu auffällig?«
»Aber nein. Der Rotton steht dir.« Das war nicht einmal gelogen, der modisch kurze Haarschnitt und die kastanienfarbene Tönung gaben der Fünfundvierzigjährigen den letzten Pfiff. »Hat mein Vater Zeit?«
»Er telefoniert gerade, aber … ah, er ist fertig.« Sie drückte auf den Knopf der Sprechanlage. »Ihre Tochter ist da, Herr Direktor.«
»Soll reinkommen.« Ihr Vater klang knapp und geschäftlich.
Schwungvoll betrat Christine das weitläufige Büro mit dem großen Panoramafenster, das ihr Vater beim letzten Umbau extra hatte einbauen lassen. Er wollte über das Land sehen. Sie neidete ihm den Ausblick auf die Apfelplantagen. Zudem bezweifelte sie, dass ihr Vater oft am Fenster stand und hinausblickte.
»Was gibt es, Christine?« Er sah auf, nahm seine Lesebrille ab und lehnte sich zurück. »Ah, die Verträge mit der Fröhling-Kette?«
»Ja.« Sie legte ihm die Mappe hin, er schlug sie auf und setzte die Brille wieder auf. Während er las, trat sie ans Fenster und beobachtete Andreas’ Gehilfen beim Baumpflanzen. Minuten vergingen, sie wusste, dass sie ihren Vater nicht stören durfte.
Endlich räusperte er sich. »Sehr zufriedenstellend. Die Konditionen sind annehmbar, das hat Alexander wieder ausgezeichnet hinbekommen.«
Sie biss sich auf die Lippe. Alexander!
Warum schwieg sie? Weil er ihr ohnehin nicht glauben würde? Schließlich war sie eine Frau! Die altmodische Einstellung ihres Vaters war, dass Frauen auf der Führungsebene nichts zu suchen hatten. Am liebsten würde sie ihm eine Gleichstellungsbeauftragte an den Hals hetzen.
Doch dazu mochte sie den alten Griesgram zu sehr. Ein Greis war er freilich noch nicht. Mit seinen neunundfünfzig Jahren wirkte er aktiv und vital. Und er fehlte praktisch nie. Im Gegensatz zu Alex, der viel zu häufig schwänzte. Sie musste wirklich mit ihm reden, es ging nicht, dass ihr Bruder sich von Woche zu Woche mehr davor drückte, seine Arbeit bei Schluck-Säfte zu erledigen. Irgendwann würde Papa dahinterkommen und ausrasten. Was sie selbst betraf, ja, sie brannte für die Firma, gab alles, aber manchmal wurde es ihr einfach zu viel.
Wolfgang Schluck nahm den Hörer des Haustelefons, drückte eine Kurzwahl und Christine hörte Alexanders Stimme. »Papa?«
»Großartig, Alex. Das mit den Fröhling-Märkten hast du wieder super hingekriegt. Das sind fantastische Konditionen.«
»Danke, es war eine harte Verhandlung.«
Christine schlug die Fingernägel in ihre Handflächen. Dieser feige Kerl! Sie hörte nur mit halbem Ohr zu, wie ihr Vater die Einzelheiten des Vertrags lobte und gar nicht zu merken schien, dass Alex keine Ahnung davon hatte. Woher auch? Er war nicht dabei gewesen.
Endlich beendete ihr Vater das Gespräch, nahm einen Stift und setzte seine Unterschrift unter das Dokument. »Sag Irene, sie soll alles einscannen und ablegen, eine Kopie an Degenhardt. Und danke dir, bestimmt hast du Alexander geholfen. Ihr seid ein tolles Team.«
Christine nahm ihm die Mappe ab. Sein Lob freute sie, es kam selten. Ihren Abschiedsgruß erwiderte Wolfgang Schluck nicht, er war bereits wieder in seine Arbeit vertieft.
Als sie in ihre Abteilung zurückkam, musste sie feststellen, dass ihr Bruder sein Büro verlassen hatte. Es war noch nicht einmal Mittag! Nele hatte ihr bereits die Post auf den Schreibtisch gelegt.
Alexander war zum Gespräch mit den Apfelbauern nicht aufgetaucht. Zum Glück verlief es ohne Komplikationen. Gegen sechs, eine Stunde später, als Christine mit Rico ausgemacht hatte, konnte sie sich von der Firma loseisen und radelte beim Flohmarkt in der Mühle vorbei.
Julia, die Besitzerin, ordnete gerade einige Hosen ins Regal ein.
»Deine Porzellanschale ist hier. Ich verpacke sie dir.« Sie holte einen Karton und Seidenpapier aus der Schublade unter dem Tresen.
»Danke schön.« Die Friesland-Porzellanschale war ein verspätetes Ostergeschenk für ihre Großmutter.
»Gern.« Julia überreichte ihr die Tüte, betrachtete Christine und legte den Kopf schief. »Du siehst müde aus.«
»Ja. Manchmal könnte ich Alex erwürgen. Er lässt mich immer öfter im Stich wegen seiner Band.«
Julia grinste. »Das kenne ich noch von der Schulzeit. Er hatte schon damals stets irgendwelche Zettel dabei, vollgekritzelt mit Noten. Einmal hat ihm der Lehrer eine Frage gestellt und er hat singend geantwortet. Sogar richtig.«
Christine musste lachen. »Ja, er war so fröhlich als Kind. Hat sich geändert mit Mamas Tod.«
Zehn Minuten später erreichte sie das große Fachwerkhaus, noch von ihrem Urgroßvater errichtet. Es bot ihrer gesamten Familie reichlich Raum.
Im Erdgeschoss war die Wohnung ihres Vaters und ihrer Stiefmutter Stefanie. Julian, Lilly und Tim, ihre jüngsten Geschwister, hatten ihre Zimmer da, wobei Tim seit der achten Klasse im Haus der Athleten in Nürnberg wohnte und dort ein Gymnasium besuchte. Julian studierte in Hamburg. Jacqueline, ihre um zwei Jahre jüngere Schwester, hatte eine kleine Wohnung im zweiten Stock übernommen, zwei Zimmer, in denen früher Dienstmädchen gewohnt hatten. Seit sechs Wochen arbeitete sie im Labor von Schluck-Säfte.
Christine hatte nach Beendigung ihres Studiums vor zweieinhalb Jahren die geräumige Wohnung im ersten Stock bezogen. Ihr Opa hatte dort gewohnt, bis er knapp vor seinem Tod vor vier Jahren so dement geworden war, dass er ins Pflegeheim übersiedeln musste. Komplett renoviert und mit großteils neuen Möbeln fühlte sie sich sehr wohl. Seit knapp zwei Jahren war dann Rico mehr oder weniger zu ihr gezogen. Auch Alex hatte im zweiten Obergeschoss eine Wohnung, besaß aber zusätzlich einen schalldichten Musikraum im Keller.
Lärm empfing sie, als sie ihre Wohnungstür aufschloss, und leichter Unmut stieg in ihr hoch. Wie oft hatte sie Rico schon gesagt, dass sie keine spontanen Partys liebte.
Er kam ihr entgegen. »Chrissy, mein Schatz, endlich kommst du. Wir haben dich vermisst.« Er umarmte und drückte sie, sodass sie fast keine Luft bekam. »Heute wird gefeiert.«
»Hast du eine Prüfung bestanden?« Sie bemühte sich um Beherrschung.
Er verzog das Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen, was seine Attraktivität um einiges schmälerte. »Nicht heute, mein Schatz. Es gibt nicht immer nur die Uni.« An der Hand zog er sie ins Wohnzimmer. »Hallo, Chrissy ist endlich da.«
Lautes Gejohle rundum. Da saßen bereits seine Kumpels, ein paar kannte sie, ein paar nicht, auch Mädchen waren dabei. Hatte er die halbe Uni eingeladen? Das geräumige Zimmer war brechend voll.
Das ließ ihren Geduldsfaden nun doch reißen. »Rico, was soll das?« Sie schrie es in sein Ohr, sonst hätte sie den Lärm kaum übertönen können.
Rico lachte los. Er war ihre Wutausbrüche gewohnt und meist freute sie sich sogar, dass er ihr Feuer löschen konnte. Auch diesmal hob er sie hoch und wirbelte sie durch die Luft. »Chrissy, mein Schatz, nicht böse sein. Du wirst dich gleich mega freuen, denn es ist ein Ende abzusehen. Ich habe mich für die Abschlussprüfung angemeldet, am vierzehnten Mai. Na, was sagst du nun?«
»Wirklich?« Ihre Wut fiel in sich zusammen und zurück blieb Leere. »Du hast nur mehr eine einzige Prüfung?«
»So ist es! Na, habe ich nicht einen Kuss verdient? Und weg mit den Runzeln.« Er strich über ihre Stirn.
»Aber ich dachte, dass du noch ein paar Prüfungen ‒ mindestens …«
»Siehst du, du weißt eben doch nicht alles, mein zorniger Engel.« Er lachte erneut und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze.
»Das heißt, du bist im Mai komplett fertig?« Sie konnte es kaum glauben. »Wenn du fleißig bist …«
»Chrissy, nicht schon wieder. Heut wird gefeiert.« Er küsste sie auf die Wange. »Hüpf unter die Dusche, zieh dir was Lockeres an und komm dazu. Ich hole Döner für alle.«
Christine schluckte. Das hieß, die Kerle würden die halbe, nein, zwei Drittel der Nacht hierbleiben. Sie wand sich aus seiner Umarmung und floh Richtung Schlafzimmer.
Erst als das heiße Wasser auf sie herunterprasselte, ließ die Anspannung nach. Sie sollte das Positive sehen: Rico würde endlich seinen Abschluss machen. Noch diesen Sommer. Dann hätte ihr Vater keinen Grund mehr, an ihm herumzumeckern.
Die Badezimmertür klappte auf und Sekunden später kam Rico zu ihr unter die Dusche. »Ich helfe dir, deinen Stress loszuwerden.« Seine Finger berührten bereits ihre Oberarme und zogen Spuren bis zu den Händen.
»Und deine Gäste?«
»Sind beschäftigt.«
Dieses makellos perfekte Gesicht, an dem sie sich kaum sattsehen konnte, näherte sich ihr, dann trafen seine Lippen auf ihren Mund. Was fand so ein Adonis an ihr?
Sie schloss die Augen und überließ sich seinem Kuss.
Und mehr.
Philipp
Philipp hatte noch in Jork zu Mittag gegessen und fuhr nun Richtung Hamburg. Das Tattoo ging ihm nicht aus dem Kopf. Jahrelang hatte er geglaubt, den Mörder seines Vaters niemals finden zu können. Doch nun vibrierte alles in ihm.
Der alte Schluck musste wissen, welche Bedeutung diese Tätowierung hatte.
Sekundenlang fühlte er sich viele Jahre zurückversetzt.
Die regennasse Landstraße vor ihnen ‒ wie ein glänzendes schwarzes Band. Das Lachen seines Vaters. Plötzlich ein grelles Licht und ein schriller Knall. Die Welt, die rund um ihn explodiert. Alles dreht sich. Er kann nicht schreien, sein Körper gehorcht ihm nicht. Poltern, Krachen, Knarren. Stille.
Philipp hört Stimmen. Er blinzelt. Alles ist komisch auf den Kopf gestellt und er sieht die Straße durch ein Spinnennetz. Es dröhnt rundum, das muss der Regen sein. Wer redet da? Ja, eine schrille, helle Kinderstimme. »Das Auto liegt verkehrt herum. Die Scheibe ist kaputt!« Da guckt doch jemand rein? Durch das viele Regenwasser, das herunterrinnt, kann er kaum was erkennen. »Die sind hinüber, da ist nichts mehr zu retten. Geh wieder zum Auto, du wirst total nass.« Das Gesicht verschwindet, auf einmal sind nackte Waden in Philipps Blickfeld. Auf einer ist ein Bild drauf. Er blinzelt. Eine Schlange? Ja, eine Schlange mit etwas im Maul. Und auf dem Kopf eine Kugel.
»Vati, ruf die Rettung an.« Wieder die fiepende Stimme. »Da liegt jemand drin.« Etwas Buntes ist vor der Scheibe.
»Das hat keinen Sinn.«
»Aber wir müssen doch … lass mich los!«
Ein klatschendes Geräusch, ein Schluchzen und wiederum dieselbe harte Stimme. »Ich hab gesagt, zum Wagen! Wehe, du sagst einen Ton, dann setzt es was, verstanden?« Ein Kind weint und erneut der Mann: »Ob du verstanden hast, will ich wissen!«
»Ja.« Es klingt noch dünner.
»Die sind tot, wir können da nichts tun und du wirst niemandem was erzählen, kapiert?«
Philipp beginnt zu zittern. Was sagt der da? Er ist nicht tot, warum sieht der das nicht? Halt, nicht weggehen. Er will brüllen, die Schlange entfernt sich, keinen Ton bringt er heraus. Er windet sich, aber etwas hält ihn. Wo sind seine Beine? Er spürt sie nicht …
Philipp schüttelte sich, sein Blick klärte sich. Alles war ruhig, die Straße trocken, Sonnenlicht. Er zwang sich dazu, an etwas anderes zu denken.
Die Verhandlung war perfekt gelaufen, er wusste, dass Christine Schluck eine knallharte Geschäftspartnerin war. Komplett anders als ihr Bruder, dieses Weichei. Der interessierte sich nur notgedrungen für die Firma. Doch Christine, sie war einfach eine Wucht. Ihretwegen hatte er sich auch darauf eingelassen, das neueste Produkt von Schluck-Fruchtsäfte ins Programm zu nehmen. Kirsch-Zitrone. Sie ließ ihn ein Gläschen kosten und der Geschmack hatte ihn überzeugt. Lediglich ihre Preisvorstellungen musste er ein wenig beschneiden. Ihrem zufriedenen Gesichtsausdruck nach zu schließen, hatte sie jedoch ohnehin damit gerechnet. Ja, sie war mit allen Wassern gewaschen.
Er hatte sich schon lange eingestanden, dass es mehr als Bewunderung war, was er für sie empfand. Jedoch wehrte sie sich hartnäckig, sich auf ein Date mit ihm einzulassen. Leider schien sie tatsächlich vergeben zu sein und es nicht nur zu behaupten.
Das Tattoo! Es ging ihm nicht aus dem Kopf. Er musste einen Grund finden, noch mal herzukommen, und mit Wolfgang Schluck sprechen.
Vielleicht …
Sein Handy klingelte, er nahm den Anruf mit der Freisprechanlage an.
»Philipp, es ist aus.« Sein Kollege Gerhard von der Fröhling-Kette.
»Was meinst du?«
»Die Fröhling-Kette wurde verkauft.«
»Echt jetzt?« Natürlich waren da schon länger Gerüchte im Umlauf, aber so was? »An wen?«
»Dallmanns wird uns übernehmen, die beiden Ketten werden zusammengelegt.«
Sie wechselten noch ein paar Worte, Gerhard war höchst besorgt, dass er seinen Job verlieren könnte. Philipp beruhigte ihn halbherzig, obwohl auch er nicht wusste, wie die Zukunft aussehen würde.
Als das Gespräch beendet war, fuhr er auf eine Ausweiche und schaltete den Motor ab.
Was bedeutete das für ihn? Würden die von ihm unterzeichneten Verträge auch eingehalten?
Er wusste, dass Dallmanns nicht so sehr auf Regionalität setzte, wie es das Markenzeichen der Fröhling-Märkte war, daher war es durchaus möglich, dass Firmen wie Schluck-Säfte durch den Rost fielen.
Hatte er nicht gerade einen Grund gesucht, Kontakt mit Schluck aufzunehmen? Jetzt wurde ihm einer quasi auf dem Silbertablett serviert! Er griff nach seinem Handy und wählte die Telefonvermittlung von Schluck-Säfte.
»Verbinden Sie mich mit Direktor Schluck, es ist wichtig.«
Schluck meldete sich mit einem grantigen: »Ja?«
»Hier spricht Degenhardt.«
»Herr Degenhardt, gibt es noch ein Problem?« Schlucks Stimme war ein wenig freundlicher geworden.
»Kann man so sagen, ja.«
»Das kann ich mir kaum vorstellen?« Nun klang er eine Spur irritiert. »Vielleicht zu unserem neuen Produkt, Kirsch-Zitrone? Ich kann Sie beglückwünschen, dass Sie es in Ihr Programm aufgenommen haben.«
»Ihre Tochter war ausgesprochen überzeugend. Aber …«
»Ja, sie ist ein liebes Mädchen. Unter der Leitung meines Sohnes ist die Verkaufsleitung ordentlich gewachsen.«
»Ihr Sohn war nicht dabei«, kam es spontan aus ihm heraus.
»Sie sind ein Witzbold«, kam es von Schluck. »Aber Humor ist ja auch mal ganz gut. Auf jeden Fall bin ich froh, dass Sie und Alexander sich einigen konnten.«
»Herr Direktor, Christine hat den Deal vorbereitet und abgeschlossen, Ihr Sohn hat lediglich zum Schluss seine Unterschrift darunter gesetzt.« Er merkte selbst, wie ungeduldig er war. »Aber deswegen rufe ich nicht an, es geht um etwas Wichtiges …«
»Das haben Sie bereits erwähnt.« Schlucks Stimme klang nun ein wenig frostiger.
»Ja. Es scheint so, als wäre dieFröhling-Kette an Dallmanns verkauft worden.«
Kurz war es still. Dann ein Räuspern. »Das sind ja bedauerliche Neuigkeiten. Dallmanns wird unsere Produkte vermutlich nicht vertreiben wollen?«
»Sie haben ein anderes Konzept als die Fröhling-Ketten. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, ob meine Unterschrift auf Ihren Verträgen noch was wert ist. Tut mir leid, Herr Direktor.«
»Das bedeutet, Ihr Job ist Geschichte?«
Philipp war überrascht, dass Schluck das so rasch auf den Punkt brachte. Für Dallmanns wollte Philipp nicht arbeiten, die Firmenstrategie sagte ihm nicht zu. »Das weiß ich nicht, aber ich befürchte es.«
»Das sind schlimme Neuigkeiten.« Schluck schien ehrlich betroffen. Degenhardt wusste natürlich, dass die Fröhling-Ketteder größte Abnehmer der regionalen Säfte war.
Jeden Freitag aß Philipp mit seiner Mutter zu Abend. »Du arbeitest zu viel, Mama.« Philipp fiel nicht zum ersten Mal auf, dass sie älter geworden war.
Karin Degenhardt leitete seit vielen Jahren ihre Tanzschule, hatte vier Tanzlehrerinnen und Lehrer eingestellt, aber die meisten Unterrichtsstunden übernahm sie selbst.
Sie lächelte jenes Lächeln, das ihn damals motiviert hatte, seine Reha-Therapie nach dem Unfall nicht aufzugeben und es immer und immer wieder zu probieren. »Du hast recht«, sagte sie überraschend. Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet. »Vielleicht ist es an der Zeit, kürzerzutreten. Und es ist an der Zeit, dass du endlich loslässt.«
Er starrte sie an, sein Mund wurde trocken.
Sie beugte sich vor. »Philipp, du redest nicht mehr so oft wie früher darüber, aber ich weiß, dass dir nach wie vor im Kopf herumspukt, den Unglücksfahrer zu finden.«
»Unglück! Mama, er ist einfach davongefahren! Er hätte wenigstens die Rettung rufen können. Papa hätte vielleicht überlebt.«
Seit er das Tattoo gesehen hatte, kam es ihm vor, als wäre es gestern passiert. Er würde es ihr verschweigen, sie nicht unnötig damit konfrontieren.
Sie griff nach seinen Händen. »Papas innere Verletzungen waren zu groß. Er war vermutlich sofort tot. Falls er aber noch kurz am Leben war und man ihm gleich geholfen hätte, selbst wenn ein komplettes Intensivteam zur Stelle gewesen wäre, er wäre unter deren Händen verblutet.«
»Das weißt du nicht mit Sicherheit.«
»Es ist das, was die Ärzte gesagt haben.«
»Mama, ich habe das Tattoo gefunden.« Nun hatte er es doch gesagt! »Und vielleicht kann mich der Mann zu …«
»Philipp! Hör auf damit, du machst dich kaputt.«
Überrascht sah er sie an. So energisch sprach sie selten mit ihm. »Du musst es endlich hinter dir lassen.«
»Das kann ich nicht.« Er wurde leise. »Ich habe ihn gesehen. War eingeklemmt und hilflos. Und er ist einfach weggefahren.«
»Ich wünschte, ich hätte dir mehr helfen können. Aber Lisa-Maria war noch so klein …« In ihren Augen standen Tränen und sein schlechtes Gewissen wuchs.
Wieso hatte er den Mund nicht halten können? »Mama, du hast genug für mich getan.«
»Deine Panikattacken sind …«
»… weniger geworden. Ich kann nicht mit dem Aufzug fahren, na und? Treppensteigen ist ohnehin gesünder.« Beim Anblick des Tattoos hatte er sich gerade noch retten können.
»Ach, Philipp!« Sie seufzte. »Ich wünsche dir, dass du endlich abschließen kannst, deinen Frieden findest. Papa hätte nicht gewollt, dass du dein ganzes Leben darauf ausrichtest …« Der Küchenwecker klingelte, seine Mutter ging zum Herd. »Ah, unser Essen ist fertig. Es gibt Fisch-Lasagne.« Sie griff nach den Topflappen und öffnete das Rohr.
Verführerischer Duft stieg Philipp in die Nase.
Sein Handy vibrierte in der Hosentasche, er holte es hervor. Schluck? Was konnte der noch wollen? Wieder hatte er das Tattoo vor Augen. Er nahm das Gespräch an und verließ die Küche.
Wolfgang
Das gesamte Wochenende hatte Wolfgang hin- und herüberlegt. Noch war nichts entschieden. Degenhardt hatte er erst für den Nachmittag einbestellt. Mit Alexander würde Wolfgang reden, sobald er hier war. Aber im Grunde genommen war sein Entschluss bereits gefasst.
Er trat ans Fenster.
Normalerweise beruhigte und erdete ihn der Anblick auf das weite Land. Doch heute bot es ihm keinen Trost. Was hatte er falsch gemacht bei seinen Kindern? Würde Monika noch leben, wäre das wohl nicht passiert.
Ausgerechnet jetzt erinnerte er sich an eine Szene mit seinem Vater.
»Auf Frauen kannst du dich niemals verlassen, mein Junge«, sagte Karl Schluck damals und schob den Hebel des riesigen Saftcontainers vor, ließ ein wenig Apfelmost in einen Becher rinnen und probierte davon. »Ja, ich denke, das wird wieder ein Erfolgsjahr. ‒ Also merke dir das. Du magst jetzt zwar verliebt in deine Moni sein, aber sei auf der Hut.«
»Moni wird unsere Familie niemals so alleinlassen, wie Mama es getan hat.« Davon war Wolfgang mit überschwänglichen sechsundzwanzig Jahren überzeugt.
Doch er hatte sich geirrt, sie hatte ihn verlassen. Ihn und ihre Kinder. Verdammt, er konnte eine Firma führen, aber in puncto Kindererziehung war er ein Versager.
Er trommelte mit den Fingern gegen die Fensterscheibe. Weiter hinten erkannte er Andreas’ Traktor. Er war das einzige Kind seiner Cousine Sibylle und ein ebenso begeisterter Apfelbauer wie sein Vater, der immer noch bei der Apfelernte mithalf.
Weshalb hatte Sibylle so ein Glück?
Auch er hatte davon geträumt, dass sein ältester Sohn einmal sein Lebenswerk übernehmen würde. Doch nun schien alles den Bach hinunterzugehen. Ein einziger Telefonanruf hatte sämtliche Hoffnungen zerschlagen. Hatte Degenhardt recht? Vernachlässigte Alex seinen Posten? Oder war es Christine, die alles an sich riss?
Er konnte und wollte nicht glauben, dass sein Sohn so pflichtvergessen gehandelt hatte.
Wolfgang fühlte sich plötzlich um Jahre älter. Er fürchtete, dass Degenhardt nicht gelogen hatte. Aber das Familienwerk, das er mit Monika aufgebaut hatte, das musste weitergeführt werden.
