Liebe, stärkste Macht auf Erden - Nadine C. Felix - E-Book

Liebe, stärkste Macht auf Erden E-Book

Nadine C. Felix

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Beschreibung

Firmenchefin Valerie fühlt sich zu ihrer Geschäftsführerin Emma hingezogen – und wehrt sich gleichzeitig dagegen, da sie doch eigentlich nicht auf Frauen steht. Zumal sie mit der Liebe nach einigen schweren Schicksalsschlägen sowieso schon abgeschlossen hat. Eine unfreiwillig gemeinsam im Büro verbrachte Nacht und ein schwerer Unfall bringen sie und Emma einander näher. Doch erst die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit, bei der Valerie beinahe alles verliert, zeigt ihr endgültig, dass sie Emma und der Macht ihrer Liebe nicht länger widerstehen will.

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Nadine C. Felix

LIEBE, STÄRKSTE MACHT AUF ERDEN

Roman

© 2016édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-194-0

Coverillustration: © Viktoriya Sukhanova – Fotolia.com

Die stärkste Macht ist Liebe Es heißt, es würde nichts außer Asche bleiben. Doch wenn zwei Herzen füreinander schlagen, es zwei Menschen gibt, die füreinander bestimmt sind, kann sie nichts mehr trennen. Nicht einmal der Wind, der ihre Asche verweht.

1

Valerie stand am Fenster ihres Büros im sechsten Stock und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Wo blieb sie nur? Eine halbe Stunde wartete sie nun schon, doch von ihren bestellten Unterlagen war weit und breit nichts zu sehen. Sie fuhr sich mit einer Hand übers Haar und spürte die kalte Luft, die durch die gekippten Fenster hereinwehte.

Die Abenddämmerung brach herein, und die fernen Lichter der Stadt begannen schillernde Reflexe zu erzeugen. Ein letztes Mal ließ sie ihren Blick über die Stadt und den Hafen gleiten, aber ohne das atemberaubende Panorama wirklich wahrzunehmen. Dann wandte sie sich seufzend ab, ging über den dicken, dunkelroten Teppich zu ihrem Schreibtisch und drückte auf einen Knopf, der die Fenster automatisch schloss.

Mit schnellem Schritt verließ sie ihr Büro und blieb im Vorzimmer vor dem Schreibtisch ihrer Ersatzsekretärin stehen, die sie gar nicht bemerkte, weil sie in ein Telefongespräch vertieft war. Stirnrunzelnd betrachtete Valerie die von der Zeitarbeitsfirma bereitgestellte Bürokraft. Frau Robiné war für Sefora eingesprungen, ihre langjährige Sekretärin. Sefora hatte es sich einfach nicht ausreden lassen, ihr Baby ausgerechnet jetzt zu bekommen. Valerie vermisste ihre langjährige Sekretärin, die ständig und äußerst kompetent damit beschäftigt war, ihre zahlreichen Termine zu koordinieren und ihre Unterlagen zu sortieren. Wie kompetent, war ihr erst heute wieder bewusstgeworden, als sie nach einer wichtigen Geschäftsverhandlung in ihr Büro zurückgekehrt war. Sie hatte wie immer damit gerechnet, die zuvor angeforderten Papiere zuoberst auf dem Stapel der wichtigen zu bearbeitenden Unterlagen vorzufinden, doch dort lagen sie nicht.

Sie hörte Frau Robiné schüchtern in ihr Handy lachen. Hörte, wie sie fast schon melodisch meinte, dass sie noch nie so verliebt gewesen sei.

Innerlich schüttelte Valerie den Kopf. Sie war froh, verschont zu bleiben von diesem Wahnsinn, der sich Liebe nannte. Schrecklich!

Genervt verdrehte sie die Augen über diese Gefühlsduselei. Und noch nerviger war, dass ihre Hoffnung, die dringend erwarteten Unterlagen wenigstens jetzt auf dem Schreibtisch von Frau Robiné zu finden, sich gerade aufgrund des dort vorherrschenden Chaos zerschlug.

Sie räusperte sich laut.

Frau Robiné zuckte zusammen, legte eine Hand über das Handy, ließ es sinken und drehte sich langsam mit angstvoller Miene zu ihr um. Leise kam ein »Ja, Frau Burghaus?«

Kurz ließ Valerie ihren Blick aus dem Fenster schweifen, um sich zu sammeln und die Sekretärin nicht anzuschreien. Dann sah sie Frau Robiné durchdringend an. »Ich brauche die Unterlagen, die ich vor dem Meeting angefordert habe. Würden Sie also jetzt bitte Ihr Gespräch beenden und sie mir geben?«

Frau Robiné sackte etwas in den Stuhl. Sie nahm die Hand vom Handy, drehte sich etwas von Valerie weg, murmelte etwas in das Gerät und steckte es in ihre Handtasche. Dann hob sie sichtlich nervös etliche Stapel Papiere vom Schreibtisch hoch, bis sie die Unterlagen gefunden hatte und sie Valerie reichte. »Hier. Ich bitte um Entschuldigung.«

Valerie verdrängte ihren zunehmenden Frust. Mit einer derart unprofessionellen Sekretärin hatte sie nicht gerechnet. Ohne ein weiteres Wort zog sie sich in ihr geräumiges Büro zurück, ließ sich in ihrem Ledersessel nieder und blickte über den großen, dunklen Holztisch zum Fenster.

Seit fünf Jahren hatte sie ihre Firma, die sie als Ein-Personen-Unternehmen gegründet und seither stetig vergrößert hatte. Sie entwickelte eine Robotik-Software, mit der sich komplexe Bewegungen und Aufgaben eines Roboters schnell und intuitiv programmieren ließen. Die Software war auf die neueste Generation flexibler Industrieroboter abgestimmt und hatte in der Fertigungsindustrie eine Lücke geschlossen, so dass Valerie schnell einen großen und treuen Kundenstamm gewonnen hatte. Konkurrenzunternehmen, die sie hätte fürchten müssen, gab es keine. Und auch sie selbst musste nicht um ihren Posten bangen. Als Hauptentwicklerin der Software hatte sie sämtliche Vorgänge im Blick und überdies großes Geschick darin, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, was sie ihrem kühlen, sachlichen und logischen Verstand zu verdanken hatte.

Sie atmete tief ein und dachte an die Konferenz von heute Morgen. Und an . . . Sie riss die Augen auf, stöhnte leise und legte den Kopf in ihre Hände. Am besten wäre es, solche Situationen in Zukunft zu vermeiden, dachte sie. Doch das ging leider nicht.

Sie schüttelte heftig den Kopf, stand auf, ging in das anliegende kleine Badezimmer und betrachtete sich im Spiegel. Ihre Augen blickten sie leer an. Ich sehe alt aus, schoss es ihr grimmig durch den Kopf. Sie schnitt sich selbst eine Grimasse. Eigentlich hätte die Zeit doch alle Wunden heilen sollen. Sagte man nicht so? Aber irgendwie schien das in ihrem Fall nicht zuzutreffen. In den letzten Jahren hatte sie einen schmerzhaften Prozess durchmachen müssen, und auch wenn es Fortschritte gegeben hatte – die Schmerzen schienen nicht weniger zu werden. Zuerst war sie viel zu erschüttert gewesen, um etwas anderes zu tun als zu weinen. Dann war die Verdrängung gekommen. Dann die Wut. Wut auf das Schicksal, das sie so betrogen und ihr so viel genommen hatte. Schließlich hatte sie akzeptiert, und die Tage wurden erträglicher. Zum Glück hatte sie die Firma, in die sie sich hatte hineinknien können. Die Arbeit hatte sie abgelenkt, und mit ihrem Können und Auftreten hatte sie sich eine Position auf dem glatten Parkett der Geschäftswelt erkämpft. Wenn dieser Kampf auch nicht immer einfach gewesen war.

Erneut schüttelte sie den Kopf. Sie wollte nicht mehr weiter nachdenken. Zu unangenehm, zu schmerzhaft waren die Erinnerungen. Sie beschloss, die restliche Arbeit bis morgen liegen zu lassen. Außerdem wollte sie nicht zu spät kommen. Sie hatte es fest versprochen.

Sie nahm ihren Mantel vom Haken und wickelte sich den Schal um den Hals, während sie ein letztes Mal aus dem Fenster schaute. Die schöne Aussicht über die Stadt, in deren dunkler Silhouette jetzt überall Lichter funkelten, entlockte ihr ein winziges Lächeln. Sie nahm ihre Handtasche aus der untersten Schublade ihres Schreibtisches und langte nach der Aktentasche, die neben dem Tisch stand. Dabei fiel ihr Blick auf das Foto ihrer Eltern.

Ihr Vater sah direkt in die Kamera, während ihre Mutter liebevoll den Vater anschaute. Das Bild zeigte beide auf dem Höhepunkt ihres Lebens, sie strahlten Stärke und Vitalität aus. Dennoch beschlich Valerie bei diesem Anblick ein Gefühl der Verlassenheit. Zu allem Überfluss erblickte sie eine Minute später, auf dem Weg zum Fahrstuhl, genau die Person, die sie jetzt zuallerletzt sehen wollte: Emma Sanders, ihre Geschäftsführerin.

Frau Sanders gehörte zu den Frauen, die man immer und überall bemerkte. Nicht nur wegen ihres ebenmäßigen Gesichts und der unglaublichen Figur, sondern auch wegen ihrer Haltung, die Sicherheit und Selbstvertrauen verriet.

Emma Sanders strahlte Valerie aus ihren großen, blauen Augen an, als sie an ihr vorbeiging, sagte aber keinen Ton. Ihr Blick hatte etwas Sündiges.

Am Fahrstuhl drückte Valerie auf den Knopf, der ihr hoffentlich schnell den Weg zur Entspannung öffnen würde. Doch während sie auf das Bing des Aufzugs wartete, schob sich Emma Sanders schon wieder in ihr Blickfeld.

Groß. Dunkelhaarig. Verwegen. Diese Frau hatte die Geschmeidigkeit eines schwarzen Panthers, der nur seine eigenen Gesetze kannte. Valeries Hoffnung auf Entspannung war somit gerade wie eine Seifenblase geplatzt. In der Nähe eines Raubtiers musste man auf der Hut sein.

»Ich hoffe, Sie müssen nicht zu lange warten.« Blaue Augen sahen Valerie fest an.

Die tiefe Stimme traf Valerie so unerwartet wie der durchdringende, funkelnde Blick. Doch sie erwiderte ihn unbewegt und antwortete ruhig: »Das hoffe ich auch.«

Vor gut zwei Jahren hatte sie sich dafür entschieden, jemanden mit ins Boot zu nehmen. Und so erschien vor eineinhalb Jahren Emma Sanders auf der Bildfläche. Frau Sanders hatte seitdem einen außerordentlich guten Job gemacht. Im Laufe der Jahre hatten sich nämlich einige Faulenzer, Langsamdenker und Zeitverschwender in der Firma eingenistet. Frau Sanders gehörte nicht zu ihnen. Ganz im Gegenteil hatte sie mit ihren neuen Ansätzen große Wellen geschlagen und mit ihren Ideen, wie man Teamstruktur und Aufgabenverteilung ändern könnte, um effektiver zu arbeiten und effizienter zu wirtschaften, genau ins Schwarze getroffen. Sie war bekannt für ihren lässigen Führungsstil, war fleißig, clever und geistreich. Und im Gegensatz zu Valeries eigener Person war sie bei allen Mitarbeitern sehr beliebt. Was Valerie aber nicht davon abhielt, Emmas berufliche Leistungen anzuerkennen. Auch wenn ihr manchmal Frau Sanders’ Humor und ihre direkte Art ziemlich zu schaffen machten.

Doch seit einiger Zeit war da noch etwas anderes. Wenn sie aufeinandertrafen, lag etwas in der Luft, das Valerie nicht einordnen, geschweige denn verstehen konnte. So hatte sie noch nie gefühlt.

Nicht bei einer Frau.

Emma trat einen Schritt auf sie zu. »Ich hätte da einen Vorschlag zu machen, wenn Sie Zeit hätten. Oder kann da jemand nicht auf Sie warten?« Beim Lächeln entblößte Emma ihre makellosen weißen Zähne.

Valerie hielt ihrem Blick weiterhin regungslos stand. In Gedanken jedoch verdrehte sie die Augen und schoss tausende Pfeile gleichzeitig auf sie ab. Was erlaubte sich diese Frau? Für Emmas Spitzfindigkeiten war sie jetzt wirklich nicht in Stimmung. Dennoch konnte sie nicht leugnen, dass plötzlich ein seltsames Knistern zwischen ihnen zu spüren war.

Das ersehnte Bing ertönte, und die Türen des Fahrstuhls glitten zur Seite. Mit einem überlegenen Lächeln beantwortete Valerie Emmas Frage: »Wissen Sie, Frau Sanders, ich habe es tatsächlich eilig. Wenn Sie mich also entschuldigen würden. Ihr Anliegen muss bis morgen warten.« Doch dabei schlug ihr das Herz bis zum Hals.

Emma trat amüsiert zur Seite. »Sie sollten lieber nicht nach unten fahren, wenn Sie mich fragen«, meinte sie milde lächelnd. »Fahrstühle können manchmal einfach so stecken bleiben. Und der Gedanke, Stunden darin festzusitzen, ist nicht gerade berauschend, wenn man eilig nach Hause zu seinem Geliebten möchte. Abgesehen davon ist Laufen doch auch noch immer gesünder.« Ein seltsamer, geradezu gefährlicher Glanz trat in ihre Augen.

Valerie brach den Blickkontakt. Er gab ihr das beunruhigende Gefühl, in eine endlose Tiefe zu fallen. Dieser Schimmer in Emmas blauen Augen war elektrisierend, wie hypnotisierend.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Burghaus, dann . . .«

Aber Valerie ließ Emma nicht aussprechen. »Doch! Ich habe etwas dagegen. Die Sache muss warten, Frau Sanders.« Sie straffte sich und schritt, das heitere Grinsen auf Frau Sanders’ Gesicht gezielt ignorierend, in die Aufzugkabine.

Kurz schoss ihr durch den Kopf, wie gut Emma Sanders heute wieder aussah. Und als sich die Aufzugtüren hinter ihr schlossen, stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Sie verstand nicht, wie diese Frau sie auf einmal so durcheinanderbringen konnte. Sie hatte Gänsehaut am ganzen Körper, und das lag nicht etwa daran, dass ihr kalt gewesen wäre. Seit wann fühlte sie sich in Emmas Nähe nur so . . . so . . . Sie fand keine Worte dafür, was sie in Emmas Gegenwart empfand.

Jedenfalls war es schleichend gekommen.

Sie schnaubte. Warum beschäftigte sie sich überhaupt mit Frau Sanders? Sie tat ja gerade so, als sei sie an ihrer Geschäftsführerin auch persönlich interessiert. Was sie nicht war. Sie stand nicht auf Frauen! Da konnte Frau Sanders noch so unglaublich attraktiv, selbstbewusst und, ja, arrogant sein.

Im Erdgeschoss angekommen sammelte sie sich einen Moment, bevor sie durch die Tür zum hausinternen Parkplatz trat. Aber plötzlich tauchte wie aus dem Nichts Emma Sanders neben ihr auf. Vor Schreck blieb Valerie fast das Herz stehen. Emma musste die Treppe genommen haben, und das nicht gerade im Schneckentempo.

Oh, bitte nicht! Valerie beschleunigte ihren Schritt, begann fast zu rennen, so gut es sich eben in fünf Zentimeter hohen Absätzen und bei diesem frierenden Wetter rennen ließ, ohne auszurutschen. Sie hatte fast die kleine Treppe zum Parkplatz erreicht . . .

»Haben Sie es so eilig, zu entfliehen?«, fragte Emma spöttisch einige Meter hinter ihr.

»Sie haben es erfasst, Frau Sanders. Auf Wiedersehen«, rief Valerie über die Schulter und lief weiter. Nur noch wenige Meter bis zu ihrem Wagen. Sie trat auf die kleine, vereiste Treppe, die zum Parkplatz hinunterführte – und geriet sofort ins Rutschen, als sie die zweite Stufe nahm.

Ihre Augen folgten der Aktentasche, und ihre Hände versuchten die Handtasche zu greifen, die hinter Tasche Nummer eins herflog. Entsetzt schrie sie auf und suchte verzweifelt nach einem Halt. Sie ruderte wild mit den Armen, um das Gleichgewicht wiederzufinden. Gleich würde sie hart auf den Stufen aufschlagen . . .

Doch in letzter Sekunde hielt sie ein Paar Arme davon ab, der Treppe mit dem Gesicht hallo zu sagen.

»Wohin so schnell des Weges?«, flüsterte Emma ihr von hinten ins Ohr.

Valeries Herz schlug rasend schnell. Blitzartig überprüfte sie im Geiste ihre Körperteile und stellte erfreut fest, dass sie das Ganze offenbar unbeschadet überstanden hatte. Nur der sinnliche Duft von Emmas Parfüm, der ihr warm in die Nase stieg, machte ihr sofort das Atmen schwer.

Wieso reagierte sie nur so auf diese Frau?

»Sie können mich jetzt loslassen«, presste Valerie zwischen den Zähnen hervor, als Emma nach langen Sekunden keine Anstalten machte, ihren Griff zu lockern. Über ihre Schulter hinweg funkelte sie Emma an. »Und wo ich hinmuss, geht Sie ja wohl nichts an.« Sie war froh, dass ihre Stimme so kühl und selbstbeherrscht klang wie immer.

Emma verzog ihren atemberaubenden Mund zu einem kleinen, unglaublich bezaubernden Lächeln und löste ihre Hände von Valerie. »Sie müssen sich nicht bedanken«, sagte sie nur und bückte sich, um Valeries Sachen vom Boden aufzuheben.

Valerie hatte sich umgedreht und Emma zuerst mit eisigem Blick beobachtet, aber nun beugte sie sich schuldbewusst hinunter, um ihr beim Aufsammeln zu helfen. Zum Glück hatte sie ihren Laptop nicht dabei.

»Verzeihung«, nuschelte sie. »Ich bedanke mich, dass Sie mich vor eventuellen schmerzhaften Brüchen bewahrt haben.«

»Kein Thema«, sagte Emma locker. Sie reichte Valerie ihr Handy und warf alles, was sie so auf dem Boden verteilt gefunden hatte, wieder in die offene Handtasche. »Und selbst wenn, ich hätte Sie schon versorgt.« Sie lächelte. Es war ein verführerisches Lächeln.

Diese Frau hatte etwas an sich, was in Valerie sämtliche Schutzmechanismen mobilisierte. Ungehalten nahm sie Frau Sanders ihren 3-in-1-Make-up-Stick aus der Hand, warf ihn in die Handtasche, die sie ihr ebenfalls aus der Hand riss, und hob ihre Aktentasche vom Boden auf, als sich plötzlich – natürlich – auch deren Inhalt vor ihnen auf den eisig-feuchten Asphalt ergoss.

Valerie stöhnte auf über so viel Pech.

Der Verschluss musste sich geöffnet haben, als die Tasche nach ihrem Sturz auf dem Boden aufgeschlagen war. Nun lagen ihre Unterlagen ebenso verstreut herum wie zuvor die Utensilien aus ihrer Handtasche. Heute war definitiv nicht ihr Tag.

»Frau Sanders, wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte Valerie gereizt. »Sie haben bestimmt einen Grund, mich von meinem verdienten Feierabend abzuhalten. Oder irre ich mich da?«

Emma grinste. »Hätten Sie mich im Aufzug mitgenommen, hätte ich Sie nicht so überfallen müssen. Aber Sie haben mich ja nicht ausreden lassen, und so musste ich die Treppe runterspurten.« Ihre Augen nahmen Valerie gefangen.

Valerie wurde es schlagartig heiß unter diesem intensiven, endlos tiefen Blick. In ihrem Innern flogen Abertausende Schmetterlinge gleichzeitig los. Aber sie riss sich zusammen.

»Also?«, fragte sie ungeduldig.

Emma ging erneut in die Hocke, hob die Papiere auf und hielt sie Valerie hin. Die schwieg argwöhnisch. Was mochte Frau Sanders wohl im Schilde führen?

»Ich war gerade auf dem Weg in Ihr Büro«, begann Emma. »Gut, ganz ursprünglich wollte ich meinen Vorschlag per Mail schicken, aber ich dachte so bei mir, dass es bestimmt interessanter sei, wenn ich es Ihnen persönlich mitteile. Ich wusste ja nicht, dass Sie heute früher nach Hause gehen.« Sie grinste breit, als sie endlich mit ihrer Mitteilung herausrückte: »Ich habe ein Gebäude gefunden, das perfekt als neuer Firmensitz dienen könnte.«

»Wie bitte?« Valerie sah sie nur an. Neuer Firmensitz? Sie wüsste nicht, dass sie nach einem solchen gesucht hätte. Zumindest nicht in letzter Zeit.

»Na ja, warum überteuerte Miete zahlen, wenn man genauso gut ein Gebäude sein Eigen nennen kann? Mir ist eines eingefallen, das wir eventuell ins Auge fassen können. Was halten Sie davon? Ihr eigenes Firmengebäude.« Emma sah sie offen an, ihre Stimme klang freundlich. Es schien ein ernst gemeinter Vorschlag zu sein.

»Ich glaube nicht, dass ich mir ein ganzes Gebäude leisten kann«, meinte Valerie kühl.

»Wieso denn nicht? Wir haben so ein gutes Geschäftsjahr hinter uns, da müsste der Gewinn mehr als reichen.« Emma machte eine kurze Pause und betrachtete Valerie mit großen, weichen Augen. »Und es wäre eine sehr gute Investition.«

Valerie schüttelte ungläubig den Kopf. »Also wirklich . . . Wissen Sie, wie hart es war, diese Firma aufzubauen? Ich habe kein Geld, um es aus dem Fenster zu schmeißen. Und schon gar nicht für ein ganzes Gebäude. Wissen Sie nicht, wie immens teuer die Immobilien hier sind?« Über ein eigenes Firmengebäude hatte sie sich schon lange keine Gedanken mehr gemacht. Das hatten in den ganzen letzten Jahren ihre Finanzen nicht zugelassen, und sie hatte diesen Wunschtraum irgendwann begraben. Sie runzelte abschätzig die Stirn.

Emmas Miene verriet jedoch eisige Entschlossenheit. »Doch, ich weiß, wie teuer die Immobilien sind. Deshalb hätte ich da ja einen Vorschlag. Es wäre eine gute Gelegenheit. So günstig werden wir hier nie wieder an ein Gebäude kommen, glauben Sie mir. Ein echtes Schnäppchen. Und die Firma vergrößert sich stetig. Wir bräuchten nicht mehr wie die Hühner auf der Stange in einer einzigen Etage zusammengepfercht zu sitzen. Großraumbüros sind doch das Letzte. In dem neuen Gebäude hätte jede Abteilung ihre eigenen Büros, und niemand würde sich mehr beschweren können, dass kein Platz vorhanden ist. Wie finden Sie das?«

Du liebe Güte! Das war doch unvorstellbar. Oder etwa nicht? Valerie musterte Emma eine Weile und sagte schließlich ungehalten: »Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür.«

Emma räusperte sich. »Denken Sie wenigstens darüber nach. Es wäre wirklich eine lohnenswerte Anschaffung.«

»Ich wette, Sie haben das alles schon so gut durchdacht, dass Sie es schriftlich niederlegen könnten«, meinte Valerie. »Also müssen wir das jetzt hier nicht weiter diskutieren.«

Emma Sanders fuhr sich durch ihr dichtes, dunkles Haar. »Na ja, schriftlich nicht. Aber es ist alles bereits hier drin.« Sie klopfte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

Warum stehe ich eigentlich noch hier?, dachte Valerie. Sie hätte diese Unterhaltung schon vor Minuten beenden sollen. Ihr Stolz verlangte, dass sie jetzt endlich losging. Schlechte Laune überfiel sie wie ein heftiger Sturzregen, dabei wusste sie nicht einmal, warum.

Mit geröteten Wangen und zornig funkelnden Augen stellte sie sich kerzengerade hin und sagte mit ihrer autoritärsten Stimme: »Ich finde, dass wir bisher sehr gut zurechtkommen, auch mit wenig Platz.«

Emma sah sie ruhig an. »Ja, wir schon. Wir haben ja auch Chefbüros, die wir mit niemanden teilen müssen.«

»Wenn Sie so viele Bedenken haben, Frau Sanders, dass unsere Mitarbeiter nicht genügend Platz haben, dann können Sie ab morgen ja damit beginnen, Ihr Büro zu teilen. Wie finden Sie das? Löst das eventuell Ihr Platzproblem?«

Emmas Endlosgrinsen schien unverrückbar. »Also gut«, meinte sie, »ich sehe schon, so kommen wir nicht weiter. Was halten Sie davon, wenn wir bei einem Feierabenddrink noch einmal darüber reden?« Sie strahlte Valerie an. »In der Havanna-Bar?«

Emmas Körper warf die Angel aus, an der als Köder eine unglaubliche Anziehungskraft hing, die ungefragt und unleugbar auf Valerie wirkte. Emmas blaue Augen zwangen sie nahezu in die Knie. Sie hing am Haken, taumelte hilflos in einen Emma-Sog hinein. Unter Aufbietung all ihrer Willenskraft tat sie einen Schritt von Emma zurück. »Unmöglich! Das geht nicht.« Die Worte rutschten ihr heraus, bevor sie auch nur darüber nachdenken konnte. Doch sie ließ sich ihre eigene Überraschung nicht anmerken. »Außerdem habe ich keine Zeit.«

Emma lächelte. Für einen Moment glaubte Valerie etwas wie Enttäuschung durch das Lächeln hindurchschimmern zu sehen. Doch Emmas Augen blitzten.

Valerie blickte auf die Papiere, die Emma immer noch festhielt, und hielt ungeduldig die Hand auf. »Darf ich?« Sie wollte weg, nur noch weg.

Etwas zögerlich gab Emma ihr die Unterlagen.

Valerie rang sich ein kurzes Lächeln ab und ließ den Packen Papier in ihre Tasche gleiten. Mit einem trockenen »Bis morgen, Frau Sanders« drehte sie sich um und stolzierte zu ihrem Wagen.

2

Valerie warf einen Blick in den Vorgarten und verspürte plötzlich den Drang, dem Treffen den Rücken zu kehren.

Sie saß im Auto auf dem Parkplatz vor dem Haus ihrer besten und einzigen Freundin Anni und überlegte allen Ernstes, einfach wieder wegzufahren.

Wahrscheinlich saß Anni jetzt gerade da und legte sich voller Vorfreude zurecht, was sie ihr über ihre neue Flamme erzählen sollte. Nicht, dass Valerie ihr das Glück nicht gönnte. Das tat sie durchaus. Aber sie musste davon ja nicht unbedingt so viel hören, schon gar nicht, wie es bei Anni meistens der Fall war, in allen Einzelheiten.

Sie gab sich einen Ruck und stieg aus dem Wagen.

Anni und sie kannten sich seit zwölf Jahren, aus der Studienzeit. Anni war wie sie fünfunddreißig und seit zweieinhalb Jahren alleinstehend. Eines Tages war sie auf die Idee gekommen, dass erotische Kunst ein wirksames Mittel sei, diesen Zustand zu beenden. »Da der Markt für Erotik zurzeit doch so boomt, wäre es eine Schande, keinen Gebrauch davon zu machen«, hatte Anni gemeint und Valerie erklärt, dass man durch die Lektüre erotischer Literatur oder entsprechende Filme nicht nur einiges lernen, sondern im Austausch mit anderen Liebhaberinnen dieser Kunstrichtung auch gleich feststellen könnte, ob man im Bett dieselben Vorlieben teile. Dann hatte sie Valerie zum Mitmachen aufgefordert. »Was bei Frauen hilft, kann für Männer auch nicht schlecht sein«, hatte sie lachend gesagt.

Valerie kam eigentlich gut allein zurecht. An die Liebe glaubte sie sowieso schon lange nicht mehr, und nur für ein wenig unpersönlichen Sex wollte sie nicht mit irgendeinem x-beliebigen Mann ins Bett springen. Sie hätte auch nicht gewusst, was die erotische Kunst der Lesben bei einem Mann gebracht hätte.

Doch sie hatte Anni nicht vor den Kopf stoßen wollen, schließlich musste sie sie oft genug vertrösten, wenn Anni gemeinsame Unternehmungen vorschlug. Also hatte sie eingewilligt und in den vergangenen Wochen mehr lesbische Filme und Serien angesehen, als sie sich je hätte träumen lassen. Auch diverse Bücher hatte sie gelesen, die Anni ihr zukommen ließ und zu denen sie ihre Meinung hören wollte. Doch sie war nie wirklich eine gute Beraterin für Anni gewesen.

Sie klopfte an die Tür, und Sekunden später zog Anni sie überschwänglich in ihre Arme. Sie bedeutete ihr, schon mal ins Wohnzimmer zu gehen, und drückte ihr wenig später ein Glas Sekt in die Hand.

»Auf die Liebe«, rief sie vergnügt aus. »Es hat tatsächlich geklappt.« Sie lächelte glücklich und hielt Valerie ihr Smartphone hin, auf dem ein Foto ihrer neuen Eroberung zu sehen war. »Ich habe dir ja von der Frau erzählt, die ich im Chat für erotische Kunst kennengelernt hatte. Wir haben über unsere Vorlieben gechattet, und letztes Wochenende haben wir uns dann getroffen, uns unterhalten, und . . . Es hat bumm gemacht, Valerie. Und ich meine, so richtig.« Anni strahlte übers ganze Gesicht. Ihre roten Wangen glühten förmlich.

Valerie setzte sich auf die Couch und schüttelte sich innerlich. Ihre rundliche, sommersprossige, rothaarige, Schlabberrock tragende Freundin mit dem gutmütigen Gesichtsausdruck hatte sich nun also auch eine Frau geangelt. War denn jeder auf der Suche nach Liebe und Zusammengehörigkeit? Wo waren all die glücklichen Singles dieser Stadt? Sie blickte endlich auf das Handy in ihrer Hand. »Ja, sieht nicht schlecht aus«, murmelte sie und reichte Anni das Smartphone zurück.

Anni sah sie mit unschuldigem Augenaufschlag an. »Jetzt komm schon. Freu dich gefälligst mal ein wenig für mich.« Sie hob ihr Glas.

Valeries Lächeln war gezwungen, als sie Annis strahlenden Blick erwiderte. Langsam hob sie ebenfalls ihr Glas und leerte es dann in einem Zug.

»Darüber zu lesen oder es sich anzuschauen, ist das eine«, sagte sie und hievte sich etwas aus der tiefen Couch, um ihr Glas auf dem Tisch abzustellen. »Dadurch dann auch jemanden zu treffen, um es in die Tat umzusetzen, etwas anderes.«

»Aber bei mir hat es doch geklappt«, wandte Anni ein.

»Hmm . . . wer weiß, vielleicht ist das bei euch Lesben leichter. Und selbst wenn nicht – ich kann das nicht. Und ich will es auch überhaupt nicht.«

»Solltest du aber«, erwiderte Anni und fragte streng: »Wie lange ist es her, seit du das letzte Mal Sex hattest?«

»Hallo? Das geht dich ja wohl nichts an.« Valerie war empört, grummelte dann aber doch: »Achtzehn Monate.«

»Au Backe!« Anni setzte sich neben sie. »Dass es so lange her ist, wusste ich nicht. Du Arme.«

Valerie schluckte laut. Was hieß denn hier du Arme? Sie starb ja nicht. Es gab schließlich Schlimmeres, als längere Zeit keinen Sex zu haben.

»Was?«, fragte sie genervt, als sie Annis nachdenklichen Blick auf sich ruhen sah.

»Du solltest es auch tun«, meine die Freundin. »Es würde dir mehr als guttun. Die Entdeckung sexueller Vorlieben verleiht einem Flügel. Das habe ich in der letzten Zeit zur Genüge erleben dürfen. Und selbst wenn du in keiner Beziehung landest, kannst du die Flügel trotzdem gut gebrauchen.«

Anni grinste Valerie breit an und erzählte dann frei von der Leber weg, dass ihre neue Geliebte über Tantra- und SM-Erfahrung verfüge. Dass jegliche Ausdrucksweise im Bett erlaubt sei und sie es noch nie so wild getrieben hätte.

Super. Valerie verdrehte die Augen. Wollte sie das alles wirklich hören? Aber sie musste sich eingestehen, dass sie ihre Freundin noch nie so offen und ungehemmt hatte erzählen hören und sie auch selten so übersprudelnd glücklich gesehen hatte. Die neue Beziehung schien ihr tatsächlich sehr gutzutun.

»Und wenn du willst«, schloss Anni ihre schwärmerischen Ausführungen, »dann lese und schaue ich jetzt mit dir Hetero-Erotik.«

Valerie verdrehte erneut die Augen. »Danke – aber nein, danke. Ich verzichte.« Darauf hatte sie nun wirklich keine Lust. Mit diesen Frauen aus Büchern oder Filmen, die nur darauf warteten, dass die richtige Frau oder der richtige Mann ihr Herz eroberte, konnte sie sich ohnehin nicht identifizieren. Das fand sie lächerlich und mehr als unrealistisch.

Und sie wollte auch gar nicht, dass jemand ihr Herz eroberte. Denn es war schon einmal erobert worden – doch außer Kummer und Schmerz war ihr nichts geblieben. Sie schluckte den dicken Kloß im Hals hinunter und sah mit leerem Blick zu Anni, deren Lippen sich schon wieder ununterbrochen bewegten. Nur vernahm Valerie keinen Ton, da sie mit ihren Gedanken jetzt weit weg war, auf einer Reise in die Vergangenheit.

Magnus und sie hatten sich bei einer Veranstaltung kennengelernt, waren ins Gespräch gekommen, und eins hatte zum anderen geführt. Er hatte sie lange und ausgiebig nach allen Regeln der Kunst umworben, unglaublich hartnäckig – so dass ihr damals, vor zehn Jahren, gar nichts anderes übriggeblieben war, als sich in ihn zu verlieben. Am Anfang war alles sehr schön. Zu Beginn ihrer Beziehung war Magnus ein sanfter, liebevoller Mann gewesen. Doch dann hatte ihn eine Fehlinvestition fast sein ganzes Vermögen gekostet. Damit kam er nicht zurecht und begann zu spielen und zu trinken. So schmolz sein kleines restliches Vermögen immer mehr, und das Leben mit ihm wurde immer unerträglicher. Er hatte Valerie ausgenutzt, bis sie fast selbst in Geldnot geriet. Und das war nicht einmal das Schlimmste gewesen, was er ihr angetan hatte. Zunächst noch mehr oder weniger sorglos, war sie von einem Moment auf den anderen ohne Boden unter den Füßen gewesen. Die letzten beiden Jahre waren das reinste Gefängnis, in dem Magnus der Wärter war. So hatte ihre Beziehung vor fünf Jahren ein unschönes Ende genommen. Sie war zwar frei, aber all ihre Hoffnungen, all ihre Träume waren zunichtegemacht worden, zerquetscht und weggeworfen wie eine leere Konservendose.

Zu ihrer eigenen Überraschung fühlte sich dieser Tag in ihrer Erinnerung noch immer so frisch an, als hätte sie ihn gestern erst durchlebt. Kälte durchströmte sie und jagte ihr Gänsehaut über den Rücken. Seit jenem Tag war sie nicht mehr dieselbe Frau. Seit jenem Abend behielt sie ihr Herz sorgsam unter Verschluss. Noch einmal würde sie es nicht riskieren, sich wegen einer Liebe selbst aufzugeben. Das hatte sie sich geschworen.

Tränen drängten sich in ihre Augen, und plötzlich spürte sie Annis Hand auf ihrem Bein.

»Valerie, was ist denn?«, fragte sie. »Du wirkst irgendwie, als seist du nicht wirklich anwesend.«

»Nein, nein, alles bestens. Erzähl nur weiter.« Die Tränen zogen sich zurück. Wenn Anni nicht wäre . . . Sie war Valerie zu einer unverzichtbaren Freundin geworden. In all den Jahren war sie immer für sie da gewesen. Es war also nur fair, ihr nun auch ein offenes Ohr zu schenken.

Anni schwärmte weiter, wie sinnlich ihre neue Frau sei. Worauf Valerie unvermittelt an Emma denken musste. Sie zog tief die Luft ein, und ihre Gedanken schweiften erneut ab, diesmal aber in eine andere Richtung.

Unglaublich, wie verräterisch sie heute auf Emma Sanders reagiert hatte. Und nach wie vor verstand sie es nicht. Sicher, sie hatte Bedürfnisse. Aber eine Frau? Nein!

Vielleicht sollte sie doch mal wieder in eine Bar oder eine Disco gehen, um sich einfach irgendeinen fremden Mann zu schnappen und mit ihm zu schlafen. Eigentlich waren One-Night-Stands überhaupt nicht ihr Ding, und sie hatte auch keine Erfahrung damit. Aber vielleicht würde sie dann nicht mehr so empfindlich reagieren. Das musste es sein. Sie war ausgehungert, was Sex betraf – doch das ließ sich ändern. Danach würde sie wieder sie selbst sein, und Emma Sanders’ Nähe würde sie nicht mehr durcheinanderbringen.

Grüne Augen schoben sich in ihr Gesichtsfeld. »Was ist los? Langweile ich dich?«, erkundigte sich Anni.

Valerie starrte sie schuldbewusst an. »Nein. Um Gottes willen, nein. Verzeih mir. Ich war nur ein wenig . . . abgelenkt. Ich habe nachgedacht . . .«

Anni ließ sich in die Couchkissen zurücksinken. »Ja, das dachte ich mir fast. Aber dieser Ausdruck in deinem Gesicht . . . der ist neu.«

»Es ist nur . . . Irgendwie ist jeder um mich herum verliebt. Und ich . . .«

Anni verzog den Mund und seufzte tief. »Magnus, nicht wahr? Ich erzähle dir hier von meiner neuen Eroberung und erinnere dich damit ungewollt an ihn.«

Valerie sah zu Boden. »Die Verletzung sitzt eben zu tief.«

Anni schüttelte den Kopf und sagte mit Nachdruck: »Vergiss endlich diesen Kerl. Er ist nicht mal in deiner Nähe und saugt dich immer noch aus. Warum? Es sind so viele Jahre vergangen.«

»Nein . . . ja . . . Nein, so ist es nicht. Es ist . . .« Doch Anni hatte ja recht. Das konnte Valerie nicht abstreiten. Magnus beherrschte nach wie vor ihre Gefühlswelt, er hatte nach wie vor Macht über sie.

Plötzlich kochte Wut in ihr hoch. Wut auf alle, die mit einem Holzhammer durchs Leben marschierten und damit anderer Leute Hoffnungen und Herzen zerschlugen, nur um an ihre eigenen selbstsüchtigen Ziele zu gelangen.

Sie sah Anni fest an. »Ich denke, ich werde es tun. Ich werde mir einen Mann für eine Nacht suchen.«

Anni schien gleichermaßen erfreut wie reserviert. »Bist du dir da sicher?«

»Ja, das bin ich. Und nach dem Sex werde ich ihn eiskalt abservieren. Männer sehen doch sowieso nur die äußere Hülle. Ihnen ist es doch egal, was eine Frau fühlt, Hauptsache, sie kriegen, was sie wollen. Warum sollte ich das nicht auch tun?«

Anni musterte Valerie forschend über den Rand ihres Sektglases hinweg. »Rache stand hier aber nicht im Vordergrund. Und dass das nach hinten losgehen kann, weißt du schon, oder?«

»Was soll da schon nach hinten losgehen? Ich mache schließlich die Regeln.« Valerie nippte an ihrem Sektglas, das Anni inzwischen nachgefüllt hatte.

Verwundert zog Anni die Stirn zusammen. »Was ist nur los mit dir? So gemein kenne ich dich gar nicht.«

Im tiefsten Innern musste Valerie ihr zustimmen. Auch sie selbst erkannte sich kaum wieder, und das nicht nur im Hinblick auf ihre Pläne als männermordende Rächerin. Doch sie schob diese Gedanken kategorisch von sich und richtete den Blick auf ein Bild an der Wand. »Ich bin nicht gemein. Ich bin nur ehrlich. Ich weiß, was ich brauche, also hole ich es mir. Und warum soll ich die Männer nicht auch so behandeln, wie Magnus mich behandelt hat?«

»Weil Gleiches mit Gleichem zu bestrafen noch nie irgendwas gebracht hat, außer Ärger. Und was kann der eine dafür, was dir ein anderer getan hat?« Jetzt klang Anni regelrecht bestürzt.

Valerie schnaubte verärgert. »Oh, komm, werde jetzt nicht philosophisch.«

»Ich werde nicht philosophisch. Das sind ganz normale Fragen, die ich mir stelle – Fragen der Fairness und des guten Stils. Wen hast du dir denn für deinen Feldzug auserkoren? Wer ist der Glückliche, der in deine Gunst kommen darf?«

»Das weiß ich noch nicht«, antwortete Valerie betont lässig. »Aber er wird sich schon finden.«

»Mhm, klingt verführerisch«, kommentierte Anni und schüttelte ironisch den Kopf.

Unterdessen waren Valeries Gedanken schon wieder bei Emma Sanders hängengeblieben. Ob sie Anni davon erzählen sollte? Von diesen merkwürdigen Empfindungen, die Emma seit kurzem in ihr auslöste? Sie druckste etwas herum, dann meinte sie: »Du kennst doch meine Geschäftsführerin, Emma Sanders.«

Anni nickte. »Sicher. Was ist mit ihr?«

»Ich glaube, sie ist lesbisch.«

»Wirklich?« Anni tat erstaunt. »Hat sie dir das gesagt?«

»Nein, das nicht. Aber sie . . . so wie sie sich verhält . . . wie sie sich mir gegenüber in der letzten Zeit benimmt . . .«

Anni sah sie mit großen Augen an. »Belästigt sie dich?«

»Was? Nein!« Valerie schüttelte entgeistert den Kopf. »Aber . . . ich weiß nicht.« Sie rutschte in die Kissen zurück und blickte vor sich hin ins Leere. »Kann man über Nacht lesbisch werden?«

Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, bereute sie sie auch schon. Das war ja lächerlich. Natürlich bestand die Erklärung nicht darin, dass sie selbst plötzlich das Ufer gewechselt hätte.

Anni lachte laut auf. »Du bist ja süß.« Immer noch lachend rückte sie näher zu Valerie heran. »Jetzt hör mal. Keiner wird einfach so über Nacht mal schnell lesbisch. Ich kenne jedenfalls keine und habe auch noch von keiner gehört. Sicher gibt es Frauen, die erst später zu ihrer Neigung stehen oder erst spät herausfinden, dass sie lieber Frauen als Männer mögen. Aber meiner Erfahrung nach bedarf es da schon einer kleinen Anlaufzeit. Wieso?« Sie unterbrach sich. Ihre Augen wurden größer und größer. »Sag bloß, du hast dich in eine Frau verguckt. In diese Emma etwa?«

Erneut schüttelte Valerie heftig mit dem Kopf. »Nein. Ich habe mich nicht in sie verguckt. Ich habe mich nur kurz gefragt, wie es wohl mit einer Frau sein würde . . . mit ihr sein würde. Aber ich stehe nicht auf Frauen. Weißt du doch.«

»Ja. Aber offensichtlich auch nicht auf Männer, oder warum hast du keinen Sex?«

Valerie winkte ab. »Ach, du bist doof, Anni.«

»Ich mag vielleicht doof sein, aber ich bin diejenige, die Sex hat. Und zwar verdammt guten Sex.« Anni zwinkerte ihr schelmisch zu. »Ich schätze eher, dass du durch die ganze lesbische Kunst auf den Geschmack gekommen bist. Was ja auch für mich völlig okay ist. Probier es halt aus. Ich kann nur für dich hoffen, dass du bei Frauen bleibst.« Grinsend kniff sie Valerie in die Seite. »Wir Lesben fahren auf Frauen, wie du eine bist, unglaublich ab. Hast du ja selbst lesen und sehen können. Du bist stark, erfolgreich und wunderschön. Gut, vielleicht bist du etwas unnahbar, aber für den Spannungsbogen ja schon mal nicht schlecht.« Sie lachte.

»Ha, ha«, brummelte Valerie. »Mach du dich nur über mein Elend lustig. Du schwimmst ja geradezu im Glück und sexuellen Hormonen.«

»Bist wohl neidisch?«, neckte Anni sie.

»Ach, Quatsch. Emma ist nur . . . so . . . Ich kann sie außerdem nicht mal leiden. Gut, körperlich mag sie ja vielleicht ein wenig auf mich wirken. Aber ich schätze auch, dass das von deiner ganzen lesbischen Kunst herrührt. Wer wäre nicht empfänglich dafür, wenn er sich Woche für Woche alles einverleibt, was der lesbische Erotikmarkt so hergibt.«

Wie aufs Stichwort stand Anni von der Couch auf und ging zu ihrem ansehnlichen und gut gefüllten DVD-Regal. »Den kannst du dir auch noch ansehen«, rief sie über die Schulter und kam mit einer DVD in der Hand zurück. »Hier.« Sie hielt Valerie den Film hin.

»Tausend Arten, wie man es einer Frau besorgen kann«, las Valerie und musste husten. »Geht’s noch? Das schau ich mir bestimmt nicht an.« Sie legte den eindeutigen Film auf den Tisch.

»Gut. Dann nicht.« Achselzuckend ließ Anni sich wieder in die Couchkissen fallen. »Aber meine neue Flamme meint, dass man davon echt noch was lernen kann.«

»Das ist fein. Wirklich toll . . . für euch! Nicht für mich. Das Thema ›lesbisch‹ mit all seiner erotischen Kunst habe ich abgehakt. Du bist am Ziel, und ich kann zurück in meine langweilige Heterowelt.«

»Wie ist Emma so?«, wollte Anni wissen, völlig ungerührt von Valeries Beteuerungen.

»Sie ist wie eine der Frauen, die für euch unerreichbar scheinen. Perfekt in allem, was sie tut«, gab Valerie zähneknirschend zur Antwort. Und in ihrer Nähe fühle ich mich irgendwie ohnmächtig. Aber das behielt sie für sich.

Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Sie sah Emmas ebenmäßige Gesichtszüge und glaubte sogar, ihren Duft wieder in der Nase zu spüren. Ein Seufzer entwich ihr.

Als sie die Augen öffnete, bemerkte sie, dass in Annis Blick etwas aufblitzte. Sie wollte nachfragen, aber da erkundigte sich Anni schon:

»Wann siehst du Emma wieder? Ihr lauft euch doch bestimmt ständig über den Weg.«

»Nicht wirklich«, murmelte Valerie müde. »Sie ist mehr im Außendienst tätig. Und stell dir vor, sie kam heute mit dem Vorschlag, dass die Firma in einem eigenen Gebäude besser aufgehoben wäre.«

»Oh, diese Teufelin, pfui. Wie konnte sie nur so einen ungeheuerlichen Vorschlag tätigen. Ich verstehe natürlich, warum du sie nicht leiden magst.« Anni lachte und schenkte ihnen neuerlich Sekt in die Gläser.

»Anni, du bist wirklich doof«, beschwerte sich Valerie. »Ich kann das Geld nicht einfach so zum Fenster hinauswerfen. Wer weiß schon, wie das nächste Jahr laufen wird. Ich habe sehr hart dafür arbeiten müssen, dass meine Firma da steht, wo sie nun mal steht. Da kann ich nicht so ein Risiko eingehen.«

Anni wischte den Einwand vom Tisch: »Du nagst nicht mehr am Hungertuch, wenn ich dich erinnern darf. Deiner Firma geht es blendend. Erst recht, seit du Emma an deiner Seite hast. Findest du nicht, dass du da ein wenig dankbarer sein könntest? Du hast sie eingestellt, weil sie die Beste auf ihrem Gebiet war. Und das hat sich doch mehr als bestätigt, oder? Hör dir also wenigstens an, was sie zu sagen hat. Du weißt, es ist verdammt schwer, in dieser Stadt an Immobilien zu gelangen. Wenn sie ernsthaft ein Objekt ins Auge gefasst hat, dann wird es sich bestimmt lohnen, darüber nachzudenken. Für die monatliche Miete, die du zahlst – und wir wissen beide, dass auch die völlig überteuert ist –, kannst du dir auch ein geeignetes Firmengebäude leisten. Am Ende rechnet es sich. Das Gebäude ist irgendwann abbezahlt, Miete zahlst du ewig. Also komm ihr zumindest entgegen.« Dann lächelte sie verschmitzt: »Vielleicht auch körperlich. Wer weiß, vielleicht seid ihr das neue Traumpaar des Jahrhunderts. Wer es nicht probiert, kann es nicht wissen.« Nun lachte sie laut.

»Ach, du.« Valerie machte eine abwehrende Handbewegung. »Was habt ihr Lesben nur davon, immer eine Hete umdrehen zu wollen? Wir haben doch beide jetzt mehr als einmal sehen und lesen können, dass das meistens nach hinten losgeht. Du spinnst doch.«

Ungefragt stahl sich der Gedanke in ihr Hirn, dass sie Frauen schon immer ästhetischer gefunden hatte als Männer. Aber deswegen war man ja noch lange nicht lesbisch. Oder? Hatte nicht jeder im Leben eine Phase, in der er sich ausprobieren wollte? Gehörte da nicht auch dazu, sich sexuell mal in die eine, mal in die andere Richtung zu wagen?

Valerie schüttelte diese Überlegungen ab und schloss: »Ich suche mir lieber einen Mann für eine Nacht.«

»Ja, also dann . . . wünsche viel Spaß«, meinte Anni zurückhaltend.

Es war schon später Abend, als Anni Valerie nach draußen begleitete.

»Mann, ist das kalt«, sagte sie, wickelte ihren Poncho fester um sich und rieb sich die Oberarme, während sie in den sternklaren Himmel blickte. »Es soll glatt werden. Du kannst auch hier übernachten.« Sie sah Valerie besorgt an. »Du hast auch einiges an Sekt getrunken.«

Valerie winkte ab. »Schon gut. Ich schaffe das schon. Telefonier du nur schön mit deiner neuen Flamme.«

Anni lächelte, dann betrachtete sie Valerie prüfend. »Und? Hast du noch immer Lust, eine Bar unsicher zu machen, um dir einen Mann zu krallen?«

»Ich weiß nicht. Mal sehen.« Valerie zuckte mit den Schultern.

»Wenn ja, dann immer schön daran denken, Blickkontakt herzustellen. Flirte. Du wirst es zwar nicht für möglich halten, aber du bist eine unglaublich schöne Frau. Jedenfalls irgendwo unter deinen steifen Klamotten und der furchtbaren Frisur. Tu mir bitte einen Gefallen und zieh dich, wenn du weggehst, so an, wie du dich früher gekleidet hast, als du noch . . . na ja, als du eben noch sexuell aktiv warst.« Jetzt lächelte Anni lieb. »Und lass dein Haar offen.«

»Ja, ja«, gab Valerie gelangweilt von sich. Dann gab sie Anni einen Abschiedskuss und lief Richtung Wagen.

»Und danke, dass du meine Bestellungen abholst«, rief Anni ihr nach. »Du weißt, wenn ich selbst in die Stadt käme, würde ich dich nicht darum bitten, aber diese einebesondere DVD brauche ich zum Wochenende. Es soll ein Geschenk für meine neue Liebe sein.« Frech grinsend ging sie ins Haus.

3

Es war ein frischer Winterabend, und Valerie fröstelte. Der Mantel war einfach nicht warm genug. Sie bemühte sich sehr, die Kälte zu ignorieren, und ging eilig über das Parkdeck zum Eingang des Einkaufscenters. Immerhin: Wenigstens körperlich spürte sie noch etwas. Alle anderen Gefühlsregungen hatten sich schon vor langer Zeit verabschiedet.

Sie überlegte noch einmal, ob sie sich wirklich darauf einlassen wollte, mit einem fremden Mann ins Bett zu gehen. War die ganze Sache nicht doch hirnlos und total unüberlegt – abgesehen davon, dass es eigentlich überhaupt nicht zu ihr passte? Was Anni dazu gesagt hatte, war bei näherer Betrachtung nicht ganz falsch.