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Dieser Mann hatte ein Trump-Syndrom. Wo er hinkam, musste er siegen. Rücksichtnahme, das Wort war ihm fremd. Der Erfolg gab ihm recht. Bis er zusammenbrach. Über Nacht wurde er, wie durch Fingerschnipsen, zurückgestuft. Von groß und wichtig zu nichtig und klein. Auch privat fand er keinen Halt mehr. Im Rückblick sieht er seinen Zusammenbruch als Durchbruch. Als wichtigen Augenöffner. Narzissten und Karrieregetriebene möchte er an Hand seiner Beichte wachrütteln. Frisch reformiert, erzählt er mit Selbstironie und unverblümter Ehrlichkeit, wie er heute Frauen sieht.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2018
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18. 6. 2016
Es war nicht die Art von Vertrauensseligkeit, die sich beim dritten Bierchen einstellt, wenn Männer vereinsamt auf Geschäftsreisen einer interessierten, Anteil nehmenden Zuhörerin gegenübersitzen. Auch das leicht lächerlich wirkende Imponiergehabe, gepaart mit ungeschickten »Allgemeinschmeicheleien« wie: »Was macht eine schöne Frau wie Sie…«, die manche Männer aus ihrem »Komplimente-Reservoir« bedenkenlos verstreuen, wandte er nicht an. Mir gefiel seine unbeschwerte Art, wie er distanziert wie ein Beobachter von seinen heiklen, teilweise prekären Lebensepisoden erzählen konnte. Ja, seine Art, Selbstkritik zu üben, der nichts von einem säuerlichen Katzenjammer oder von halbherzigen Untreuegeständnissen anhaftete, ließen mich ahnen, dass er einen schicksalhaften Reifungsprozess durchlaufen hatte. Es schien mir bereichernd, von seinen »Im-Job-mächtig-in-der-Liebe-ohnmächtig-Erfahrungen« zu hören.
Ich bin seit 18 Jahren Kommunikationstrainerin und Coach, deshalb von Beruf wegen mit Klagen und Beichten sehr wohl vertraut. Dabei habe ich erfahren, wie spärlich die Bereitschaft zur »Selbstreformation« ist, selbst bei Männern, die sich bereits in der heftigsten Krise befinden. Ehrliche Selbstreflexion setzt in vielen Fällen erst nach dem Zusammenbruch ein.
Das, was Charly (so stellte er sich mir vor) bei seinem dann bis in die Morgenstunden ausgedehnten, in keiner Weise ermüdenden Lebensbericht auszeichnete, war sein Humor. Es war geradezu spritzig, wie er seine Höhenflüge und Tiefgänge, beruflich wie privat, in heiter verpackten Geschichten von sich gab. Wie er sich als Eroberer auf allen Feldern empfand. Wie er sich mit »Immer nur treu sein, wer kann das schon« selbst freisprach. Oder wie er den guten Menschen in sich darin erkannte, dass er Familie und Freundin versorgte.
Seine »private Welt« teilte seine Selbstzufriedenheit nicht. Es gab Zeiten, da forderten die Kinder nur noch. Seine Frau stresste zu viel. Sie wollte immer öfter das »eine« und er konnte immer seltener. Da lag es in seinem damaligen Selbstverständnis auf der Hand, dass nur ein Wechsel neues Glück bringen konnte. So brach er mehr als dreimal auf »Zu neuen Ufern«.
O-Ton Charly: »Was ich anpackte, tat ich immer total, ob Frauen (auf Reisen besonders häufig), die ich ›rumkriegte‹, oder Probleme, die ich knackte, nie tat ich etwas halb. Dabei machte ich immer gute Stimmung – wo ich eintraf, war was los. Beliebt zu sein war mir wesentlich.«
Er war im Job »der Indianer, der keinen Schmerz mehr kannte«, und privat ein »Schwerenöter«, der seine Männlichkeit immer wieder durch die Huld attraktiver Frauen bestätigt haben wollte. Dennoch meint er keinen höheren Wert als wahre Liebe zu kennen. Wie oft er verliebt war, konnte er nicht mehr zählen. Er schwor Liebe, er litt an Liebe.
Unser Gespräch empfand er so offen und ehrlich, dass er das Gefühl hatte, ungeniert »laut denken« zu dürfen. Er meinte, er würde sich bei seinen Reflexionen, auch wenn er noch so »locker vom Hocker« erzähle, so präzise auf einzelne Szenen und seine damaligen Kommentare konzentrieren können, dass er sich dabei innerlich noch in den verschiedensten Tönen sprechen wie auch lachen höre. Er glaubte, sich zu erinnern, dass es dabei Situationen gab, wo er noch lachte, als es wahrlich nichts mehr zu lachen gab. Der Grund dafür, so fand er heraus, war, dass Lachen für ihn bedeutete, alles im Griff zu haben. Und das sah er in sämtlichen Lebenslagen als eine Art Grundverpflichtung an.
Aber wie er lachte, wie viele verschiedene Töne Lachen haben kann, das ging ihm erst bei unserem nächtlichen Gespräch auf. Durch die Töne seines Lachens konnte er die Gefühle, die er damals wirklich hatte, erkennen. Hart, überlegen, ironisch, gekünstelt, dröhnend, schallend, verschämt und noch ein Dutzend andere Lachvarianten waren im Spiel. Er konnte sich bewusst machen, was er damals wirklich gefühlt hatte und wo er sich selbst belog. Er fand heraus, dass die Art des Lachens darauf beruht, welche Gefühle man gerade verspürt. Gefühle kannte er eigentlich bis zu seinem physischen und psychischen Zusammenbruch nur in zwei konträren Varianten: als gut, ausgezeichnet (nichts zu beanstanden) oder als das Gegenteil, das er mit einem Fäkalwort bezeichnete.
Das änderte sich während seines freiwilligen Aufenthalts in der psychosomatischen Kurklinik. Dort machte er eine entscheidende Wandlung durch. Er bekam Unterstützung bei der Aufarbeitung seiner verdrängten Realität. Er verlor die Ansicht, dass er damals ein unwiderstehlicher Hecht war. Er sah sich vielmehr im Rückblick als einen Herzensbrecher mit Herzinfarktrisiko und Potenzschwund. Er hatte geglaubt, er wäre begehrenswert gewesen. Die Wahrheit war, dass er für einige Frauen nur »Behelfsmann« für ihre Jobverbesserung oder Versorgung war. Sein Herrscherverhalten wäre vielleicht noch vor ein paar 100 Jahren vertretbar gewesen, aber mit der Emanzipation war es nun wirklich nicht kompatibel. Für sein »Umdenken« hätten nicht Glöckchen läuten dürfen, für sein Aufwachen hätte die Alarmanlage seines Porsches nicht ausgereicht. Was hart und unnachgiebig macht, macht nicht gleichzeitig stark. Er begriff, dass es seine unsensiblen Verhaltensnormen, seine vermeintliche Gefühlsresistenz war, die ihn kontinuierlich in den psychischen und physischen Crash steuerten. Im Nachhinein, aus seiner heutigen Sicht betrachtet, war das Debakel unausweichlich.
Um künftig Rückfälle in seine totalitären Verhaltensweisen zu vermeiden, wurde er in der Therapie mit einer speziellen Burn-out-Prävention vertraut gemacht. Starthilfen für ein harmonischeres Berufs- wie Privatleben kamen dazu. Er ist heute überzeugt, dass der Zusammenbruch in Wahrheit sein Durchbruch war.
Zu Beginn unseres Gespräches, als er sich als Charly M., Anwalt im Bankenrecht, gebürtig in Gelsenkirchen, vorstellte, machte er auffallend schnell, gleich im Anschluss, den Hinweis: »Heute bin ich glücklich mit meiner zweiten Frau wieder vereint und dafür bin ich dankbar.« Auf meine Frage, wie oft er vorher nicht glücklich war, meinte er: »Zweimal misslungen mit Trauschein und einmal mit Lebensabschnittsgefährtin.« Heute genießt er, wie er sagt, entspannte Liebe. Er ist froh darüber, dass er zu seiner jetzigen Frau ein so inniges Verhältnis hat und ihr die Liebe nicht täglich neu schwören muss. Durch die erfrischende Art, wie er lachen kann, wenn er über sein jetziges Leben spricht, sieht er die wirklich positive Wende in seinem Leben noch einmal bestätigt.
Der humorvolle Umgang mit seinen schwer zu entschuldigenden Partnerschaftseskapaden machte mir Spaß. Mit dieser Methode versuche ich auch in meinen Seminaren, schwierige Aussagen, die als Angriff auf die Persönlichkeit gewertet werden könnten, zu entschärfen. So gefiel mir die im Laufe dieses Abends aufkeimende Idee, ein Buch über den »Überflieger« zu schreiben, eindeutig gut: Eine Lektüre, die auf den »erhobenen Zeigefinger« verzichtet und denselben auch nicht schonungslos in die Wunde legt, eine individuelle, wahre, aber prototypische Geschichte mit hohem Wiedererkennungseffekt für viele betroffene »berufliche Profis, aber private Amateure«.
Charly und ich beschlossen noch am selben Abend, diese Idee zu verwirklichen. Er, der geläuterte Schwerenöter, ist das perfekte Fallbeispiel. Dass er sein Lehrgeld gut angelegt hat, lässt sich hinter seinen Aussagen spüren. Er sagt Bescheid, ohne besserwisserisch zu sein. Er hat gelernt, wie blockierend schmerzvolle Lieben und private Trennungen sich auf die berufliche Tatkraft auswirken. Was da noch von »mächtig erfolgreich« übrig bleiben kann, ist für ihn mehr als fraglich. Seine Geschichte ist nicht nur spannend, sie ist der beste Weg zu zeigen, welche Fettnäpfchen des Beziehungslebens auf uns – Männer wie Frauen – heute warten und wie man dennoch zu einer reifen Partnerschaft gelangen und in der Liebe »mächtig« glücklich werden kann. Uns gefiel der Gedanke, Charly einfach erzählen zu lassen und den Leser dabei – mitempfindend, sich wiederfindend? – mitzunehmen auf seiner Reise ins Tal der Einsamkeit und daraus hinauf auf den Gipfel einer neuen, entspannten und erfolgreichen Ausgeglichenheit.
Und noch ein Gedanke gefiel uns: Lachen als Indikator für die Befindlichkeit, und sei es, dass es der Rest Galgenhumor war, der polternde Töne von sich gab. Und: Die Fähigkeit zu lieben ehrlich auf den Prüfstand zu stellen, und sei es, dass die Wahrheit war, dass sich keine Spur mehr von ihr zeigte. Leser, die über Humor oder Selbstironie verfügen, möchten wir beflügeln, mit einem Satz ihre eigenen Erfahrungen zu kommentieren, still und ungestraft nach oder beim Lesen ihre Erlebnisse zu vergleichen und zu reflektieren und dadurch selbst manche Gefahren zu vermeiden. Die Kombination von Lieben + Lachen, unser Li-La Prinzip, überschreibt jede neue Station in Charly’s Werdegang wie ein Wegweiser – wertvoll für alle, die wissen, dass sie ohne Liebe nicht leben möchten, die Lebensleichtigkeit und Verantwortung weise kombinieren wollen.
Veronika Zickendraht
PS: Einige Tage später beschlossen wir, auch Charly’s frühere Frauen, seine Töchter und seine Sekretärin, die ihn über 14 Jahre begleitet hat, zu Wort kommen zu lassen.
Erziehung prägt
Von nichts kommt nichts
Kein Indianer fällt vom Himmel
Worauf meine Mutter stolz war
Sturm-und-Drang-Zeit
Hoch-Zeit
Die Energie, die zur Überzeugung führt
Für immer und ewig?
Damals, als ich noch ethische Ziele hatte
Einfühlungsverlust
Was ich wollte, wusste ich, was sie wollte, interessierte mich nicht
Ich glaubte zu wissen, was Frauen wollen
Zuhören – das musste ich im Job schon genug
Wahrnehmungsverlust
Der Verdrängungspanzer
Hurry-Seekness – die neue amerikanische Krankheit
Verlernte Sinnlichkeit
Sex und seine Anstrengung
Wärmeverlust
Verliebtheit, die nicht über die Schwelle kam
Was es zu Hause nicht gibt, gibt‘s das woanders?
Unter weiblichen Röcken
Beziehungsverlust
Partnerschaft – was ist das?
Emotionale Intelligenz – ein Fremdwort
Dabei wollten wir nur das eine
Sinnkrise
Nichts ist mehr, wie es war
Diese Art von Ruhe wollte ich nie
Konflikte hatte ich nur noch im Büro
Wo gehöre ich hin?
Durchschaut ist halb getötet
Ich wollte nie ein Roboter sein
Rien ne va plus – nichts geht mehr
Der Absturz in die Ohnmacht
Ich war groß und wichtig – und wurde winzig und nichtig
Den Verstand verloren
Hatte Gott mich verlassen oder ich ihn?
Als die lichteste Stunde anbrach
Die Zeit danach
Wie ich mich selbst fand
Was ich verstand
Was mich heilte
Die Leichtigkeit des Seins
Verdreifachte Energie
WasLiebewar, konnte er noch nicht wissen; was beliebt macht, begann er bereits zu steuern. Kindlich überschwänglichesLachenist unwiderstehlich.
Der Beschluss, ein gemeinsames Buchprojekt zu starten, war getan. Und ich begriff meine Chance darin, Charly umgehend in seiner ausgezeichneten Stimmung, herausgefordert mit klugen und gezielten Fragen, zu interviewen. Mit Verschwörerblick deutete ich auf die Ecke mit den schwarzen Korbstühlen, wo wir unser Gespräch intimer fortsetzen konnten. Zwischen Salzmandeln und Gin Tonic integrierte ich leicht verdeckt mein Diktiergerät und legte mir meinen Notizblock auf die Knie. Charly breitete seine Arme aus und kam mir etwas näher. Dabei flüsterte er in erotischem Ton: »Ich bin Ihr Fall, greifen Sie zu.« Als er meine Schüchternheit bemerkte, milderte er sein Angebot ab: »Wo packen wir‘s an?«, worauf ich spontan antwortete: »Am besten bei Ihren allerersten Erinnerungen.« So kamen wir auf die Badewannen-Story.
»Früh übt sich, wer ein ›Macher‹ werden will. Kaum aus den Windeln raus, begann ich mit kindlicher Instinktsicherheit an meinem Beliebtheitsgrad zu feilen. Mein erstes Kunststückchen war herauszufinden, wie sich meine Mutter steuern ließ.
Unbewusst, aber kindlich geschickt, so erzählte meine Mutter gerne, musste ich mit drei, vier Jahren schon erkannt haben: ›Nichts kommt von ungefähr.‹ Wenn ich mehr als Gleichbehandlung wollte, musste ich entsprechend nachhelfen. Eines meiner ersten Manipulationskunststückchen erprobte ich, allabendlich, im Badezimmer, wenn sie Key und mich in der Wanne sauber schrubbte. Ich liebte es, wenn Mama mir mit dem hellblauen Plastikbecher warmes Wasser über die Schultern plätschern ließ. Ich lachte, quiekste und strahlte. Sie liebte mich als ihren Wonneproppen und ich wusste genau, was ich zu tun hatte, um noch mehr Wasserspaß zu bekommen. Lachen kam gut an.
Sonnig, so bis zu den Ohren grinsend, das hob mich von meinem Bruder Key ab. Maulig und weinerlich, wie er war, konnte er bei meiner Mutter keinen Stich machen. Wenn er vor oder nach mir geschrubbt wurde, guckte er sie mit einem Kuhblick forschend an, um gleich, wenn sie ein bisschen zu hart zugriff, in seinen Jammertönen loszuwimmern. Er wurde gewaschen wie Dienst nach Vorschrift. Das Genüssliche war eindeutig für mich bestimmt.
Meine Ausgelassenheit, mein unbeschwertes Lachen gaben meiner Mutter das Gefühl, dass wenigstens bei mir alles zum Besten stand. Ich wiederum lernte daraus eine einfache Formel: Wenn‘s einem gut gehen soll, muss man sich so verhalten, als wäre es bereits so weit. Heiterkeit suggeriert, dass alles gut ist.«
Sichtlich belustigt fügte Charly hinzu: »30 Jahre später versuchte uns so ein oberschlauer Kommunikationsguru beim Tagesordnungspunkt Kanzlei-Expansion einzupauken: Die zu erzielenden Umsatzsteigerungsraten lassen sich nur dann verwirklichen, wenn die Mentaleinstellungen diesbezüglich absolut positiv sind. So zu denken, so aufzutreten und so zu handeln, als wenn das zu Erzielende bereits geschafft wäre. ›Das, meine Herren‹, sagte er, ›das ist der Schlüssel aller Erfolgsstra¬tegien. Neudeutsch: Selffulfilling Prophecy.‹ Guten Morgen, Mann, dachte ich nur, das habe ich mir vor dem Kindergarten selbst beigebracht. Wie man richtig manipuliert, das habe ich schon in der Grundschule an meinen Kameraden studiert.
Dass ich mich dabei auch selbst betrog, indem ich mir vorlog, es sei alles paletti, das ist mir allerdings erst 40 Jahre später bewusst geworden. Dass ich in der gleichen unehrlichen Brühe schwamm wie die anderen, die ich als wenig klug bewertete, war mir damals nicht klar. Ich habe mir lange und reichlich Glimmer in die Augen gestreut, mit meinem initiierten Heiterkeitsgetue.«
Lachen ist ansteckend. Heiteres Kinderlachen überträgt auf Erwachsene dasselbe Gefühl von Unbeschwertheit. Das individuelle Verhaltensmuster für Partnerschaft und Arbeitsauffassung wird früh durch Erfahrungen entwickelt. Frühe Prägung bestimmt ein Leben lang.
Beliebtist, wer die meisten um sich schart. Der Sieger hat dieLacherauf seiner Seite.
Hier schien mir der Zeitpunkt, einen neuen Aspekt anzusprechen: »Nicht selten haben Manager Selbstanforderungen, die an alte Hollywood – Indianerhäuptlinge erinnern. Schmerz und dergleichen kennt man nicht. Entwickelt man durch die ständigen Druck- und Kampfsituationen unweigerlich diese verhärtete, unnachgiebige Wesensart?«
Charly rückte sich aufrechter in seinem Stuhl zurecht und meinte nachdenklich: »In der Tat, dieses Bild passt auch gut auf mich.« Mit vertraulichem Augenzwinkern fragte er leicht amüsiert: »Sie wollen wissen, warum ich auch wie ›Winnetou‹ sein wollte? Ganz einfach, weil stark zu sein bzw. sich stark zu geben mir schon sehr früh ein Ausweg aus Miseren zu sein schien.
Gehen wir vielleicht noch einmal zurück zu meinen Kindheitserinnerungen«, fuhr er fort. »Meine Mutter empfand ich als schwach. Ich habe eine intensive Erinnerung daran, dass sie ein geducktes, devotes Mäuschenverhalten gegenüber meinem polternden, grobschlächtigen Stiefvater zeigte. Ich verstand nie, warum sie sich eigentlich so zu Dank verpflichtet fühlte und zu ihm aufschaute. Ganz früh, ich war vielleicht fünf, schnappte ich auf, wie sie zu einer Freundin sagte: ›Mit einem Mann an der Seite ist alles anders, da hat man auch als Frau einen anderen Stellenwert.‹ Ihre Freundin war etwas anderer Meinung: ›Das kommt auf den Mann an, deinen könnte ich nicht als Lottogewinn betrachten. Dann noch der Balg im Schlepptau, das Schicksal hat dir wirklich nichts geschenkt.‹ Und sie hatte Recht mit dem, was sie sagte – nicht schmeichelhaft, aber die Wahrheit. An ihren besseren Stellenwert als Ehefrau konnte meine Mutter nicht wirklich geglaubt haben. Sie hatte eine Art, als wäre sie immer zu kurz gekommen. Leicht schräge Kopfhaltung, wenn Lächeln, dann säuerlich und immer ängstlich besorgt, selbst da, wo es sie nichts anging. Mein richtiger Vater (der vielleicht mal ihre Liebe war) verabschiedete sich schon vor meiner Geburt. Gezeigt hat er sich nie wieder, bezahlt hat er ebenso wenig. Ich möchte nicht wissen, wie oft meine Mutter mehr oder weniger durch die Blume von meinem Stiefvater zu hören bekam, dass er für mich aufkam, gnädig, als Lückenbüßer. In unangenehmen Anspielungen war er wahrlich nicht zimperlich.
Wir waren so etwas, was man heute eine Patchworkfamilie nennt. Ich würde sie ehrlicher als eine unbefriedigte Notgemeinschaft bezeichnen. Meine Mutter und der Mann, den ich verlogenerweise Vater nannte, machten keineswegs den Eindruck, als ob Befriedigung in irgendeiner Form bei ihnen stattfinden würde. Mein Stiefbruder Key war für mich wie ein aalglatter Fisch, sich überall rauswindend und schleimig. Stellung beziehen, so was kannte er nicht. Seine Lieblingsworte waren: ›Weiß ich nicht.‹ Geschwisterbeziehung, Freundschaftsverhalten – nein, da lief gar nichts. Vorteilhaftes an ihm? Da fällt mir nur ein: Er war einen halben Kopf kleiner als ich, in Deutsch etwas besser und – ja, er hatte später kaum Pickel im Gegensatz zu mir. Gott, was war der flach und belanglos. Wenn ich so nachdenke, musste ich einfach etwas tun, um mich abzuheben. Das Gegenteil von ihm konnte nur gut sein. Unser Stiefvater und meine Mutter taten sich zusammen, als ich zwei war, da gab es noch nichts mitzureden. Egal, unsere gegenseitige Ablehnung hätte die beiden auch nicht beeindruckt.
Stichwort Indianer! Einer in dieser Familie musste doch ehrenwert sein, Rückgrat haben, ein Mann ein Wort sein. Außer mir sah ich damals keinen in Familie und Verwandtschaft, der dies hätte verkörpern können.
Gut, dass es Fernsehen gab! Sie können ruhig lachen, aber wo sollte ich denn die Anregungen zur echten Männlichkeit, so nannte ich das im Stillen, herhaben. Wenn ich noch an die Winnetou-Filme Mittwochnachmittag im Fernsehen beim Nachbarn Siebers denke ... Winnetou ringend mit Old Shatterhand. Wie die beiden archaische Kämpfe austrugen, geschmeidig, kraftstrotzend und am Ende wahrhaftig und stolz sich die Hände reichend. Was für Männerfreundschaften, was für Charaktere, solche gab es bei uns in der Straße nicht. Das hat uns als Kinder mächtig gefesselt. Ich denke, wir alle haben noch heute eine solche Ursehnsucht nach sauberen Beziehungen. Stärke zieht immer an.
Ich muss der Ehrlichkeit halber noch etwas hinzufügen. In meiner ganz frühen Kindheit, so bis drei, soll ich gar nicht so proper gewesen sein. Meine Mutter hatte ihre liebe Not mit mir. Ich zog alle Kinderkrankheiten förmlich an. Gleich nachdem wir eine ›Familie‹ wurden, hatte noch das Baby Key das Sagen. Er konnte die erste Geige spielen, weil meine Mutter möglicherweise noch in der Phase des Verliebtseins war, das heißt, dass sie es meinem Vater und seinem Sohn natürlich besonders recht machen wollte. Da konnte Key noch Frust ungestraft an mir ablassen. Ich erinnere mich noch, wie ich des Öfteren im Hof in der Ecke stand, mir die Tränen verbeißend, und wie ich ausgelacht wurde. Wer weiß, wahrscheinlich brauchte ich diese Schule.«
Charly kratzte sich am Hinterkopf, schmunzelte, trank genüsslich einen Schluck von seinem Jever und meinte ganz vertraulich: »Das war nicht aller Tage Abend. Wollen Sie wissen, wie das war, damals, als der Knoten platzte?
Mein höfliches Betragen, auf das meine Mutter Wert legte, war eher abträglich für meine Akzeptanz in der Klasse. Ich war ein Nobody in den ersten beiden Schuljahren. Ziemlich klein für mein Alter und einer, der mitlief, ein Indianer, der nichts zu sagen hatte. Sonnig sein zählte nicht bei Schulkameraden, ebenso wenig wie Manieren. Doch meine Noten, das nur nebenbei, waren immer gut.
Ich spüre es förmlich noch körperlich, wie das war, als ich damals über die Speisesaalbänke sprang und austeilte. Ich wurde nicht nur wild, ich wurde rasend. Meine von Stiefvater und Key immer belächelten (von Mutters Taschengeld abgesparten) Judostunden kamen voll zum Einsatz. In Sekunden wechselte die prekäre Lage und mein Ansehen:
Ich war in der dritten Klasse, die erste Klassenfahrt, das erste Mal weg von zu Hause. In der Nacht passierte es. Ich muss geträumt haben. Als ich aufwachte, lag ich im Nassen. Das war mir zum letzten Mal am Tag vor der Einschulung passiert. Ich weiß noch, wie verzweifelt ich war, wie fieberhaft ich überlegte, wie ich mich trockenlegen und – am wichtigsten – alles vertuschen konnte. Ich schlich im Dunkeln zum Spind, holte meinen Rucksack und verteilte alle Kleidungsstücke, die ich zur Verfügung hatte, auf dem Bett, weil ich dachte, so könnte ich die Blamage aufsaugen und unsichtbar machen.
Mein Zimmernachbar Anton, einer, der selbst viel gehänselt wurde, musste mitbekommen haben, wie ich verzweifelt herumhantierte. Am nächsten Morgen im Speisesaal entging mir nicht, dass einige zu mir herübersahen und unverschämt grinsten. Ich wich ihren Blicken nicht aus. Meine Blicke schickte ich ihnen wie Pfeile zurück. Das nützte nichts, immer mehr wollten wissen, warum Hedi und Anton so hämisch lachten. Ich wusste, dass sie wussten, dass ich ins Bett pisste. Ich hörte buchstäblich das Blut in meinen Ohren rauschen, da waren keine Überlegungen mehr möglich. Was dann folgte, glich einer Explosion.
Dass Angriff die beste Verteidigung ist und wie man punktet, habe ich in diesen Augenblicken begriffen und voll umgesetzt. Es dauerte keine fünf Minuten, dann waren die Karten neu gemischt. Keiner hatte mehr das mitleidige Grinsen im Gesicht. Belächeln war nicht mehr. Als ich Anton am Genick hochzog und ihm mein Knie förmlich in seine Rippen klopfte, stieß ich, ich höre mich noch, eine Mischung von Überheblichkeitslaut und Befreiungsschrei aus.
Mir wurde blitzschnell klar, ich gehörte von diesem Augenblick an nicht mehr zur Meute, ich war über ihr. Plötzlich war ich Häuptling. Von Judo hatte sonst keiner eine Ahnung. Alle waren überrumpelt und ihnen war klar, mit mir zu spaßen kann nur blutig ausgehen. Was nicht um bringt, soll härter machen!
Mit neuneinhalb war ich Boss. Ich begriff, welche Stärken gefragt waren und wie ich Schwächen nutzen konnte. (Schwach konnte man andere machen, wenn man Dinge wusste, die peinlich für sie waren, z. B.: Leben von der Sozialhilfe, Mutters Freund, der mit dem Porsche fuhr, ist abgehauen.) Ich war mir nicht zu schade, alles auszunützen, was mich hervorhob.«
Indianer gibt es viele, Häuptlinge nur einen. Wenn der Häuptling lacht, lachen alle anderen mit. Der Häuptling erwartet das. Nicht mitzulachen würde bedeuten, die Zustimmung zu verweigern. Wer dazugehören will, muss an den gleichen Dingen Spaß haben. Spaßverderber kommen ins Abseits.
Liebehat Bedingungen, dachte er und fand heraus, wie die Zuneigung zu seiner Mutter zu lenken war. Erlachtegenüsslich bei dem Gedanken, wie er alle Hinweise umsetzte.
