Lieber wütend als traurig - Alois Prinz - E-Book

Lieber wütend als traurig E-Book

Alois Prinz

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Beschreibung

Mit Anfang Dreißig hatte Ulrike Meinhof erreicht, wovon andere nur träumten: Sie war eine renommierte Journalistin, wohnte mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in einer Villa in Blankenese und gehörte zur linken Partyszene in Hamburg und Sylt. Vielen galt sie als Vorbild ihrer Zeit, und ihr Grundsatz lautete 1962 noch: »Schießenderweise verändert man nicht die Welt, man zerstört sie.« Doch 1970 ließ sie dieses Leben hinter sich, um in den Untergrund zu gehen und mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin die Rote Armee Fraktion zu gründen. Von nun an galt sie als »Stimme der RAF« – und als »Staatsfeind Nr. 1«.
Alois Prinz folgt ihren Lebensspuren von der Kindheit im »Dritten Reich«, dem Engagement in der Friedensbewegung, der Auseinandersetzung mit der Schuld der Deutschen für die Naziverbrechen, der Karriere als Journalistin bis zu ihrem Tod in Stammheim. Er erzählt von einem ungewöhnlichen Leben, das auch ein Stück deutsche Geschichte ist.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Alois Prinz Lieber wütend als traurig

Die Lebensgeschichte

der Ulrike Marie Meinhof

Suhrkamp

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2025 Der vorliegende Text folgt der 9. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 3725 © Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2025 Die Erstausgabe erschien 2003 bei Beltz & Gelberg, Weinheim Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor. Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Umschlaggestaltung: Göllner, Michels, Zegarzewski Umschlagfoto: Ulrike Meinhof in den »konkret«-Redaktionsräumen, 1955 © ullsteinbild – Max Ehlert eISBN 978-3-518-78185-2www.suhrkamp.de

Inhalt

Prolog

I. Vom Widerstand

»Die Geister, die sich am 20. Juli 1944 schieden, sind heute noch getrennt.«

II. Kinder des Kriegs

»Ich glaube, ich muss den Bubi heiraten, der schützt sich so an mir.«

III. Fast wie ein Engel

»Wenn du recht schwer betrübt bist, so tue jemand etwas Gutes, und gleich wird’s besser.

«

IV. Die Unberatene

»Wahr sein wollen und ehrlich.«

V. Liebe, Atom und Politik

»Wir wollen uns nicht noch einmal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gott und den Menschen schuldig bekennen müssen. «

VI. Rikibaby

»Ihr seid etwas, das ich nie verstehen werde.«

VII. Wider das Vergessen

» Wie wir unsere Eltern nach Hitler fragen, so werden wir eines Tages nach Herrn Strauß gefragt werden.«

VIII. Revolutionskasper

»Man zwingt mich, Dinge lächelnd zu sagen, die mir bluternst sind.«

IX. Ulrike Meinhof und die Brandstifter

»Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht.«

X. Wahrheit und Wirklichkeit

»Das ist so schön. Warum kann man nicht so leben?«

XI. Der Sprung in ein anderes Leben

»Ich habe keine Lust mehr, ein Autor zu sein. «

XII. Drachenblut

»Entweder du bist ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung. Dazwischen gibt es nichts.«

XIII. Kampf im Knast

» Was ist, wenn das Alte dominant wird – auch wenn man es nicht will?«

Epilog

Zeittafel

Bibliographie

Quellenverzeichnis

Prolog

Man besucht Orte, weil dort ein berühmter Mensch gelebt hat. Wie ist es aber, wenn man den Lebensspuren einer Frau folgt, die in den 70er Jahren die terroristische »Rote Armee Fraktion« mitbegründet hat, die der Bundesrepublik Deutschland den Kampf angesagt hat und des mehrfachen Mordes angeklagt war? Ist es immer noch so, wie es der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter beklagte, dass bereits »das bloße Verstehen-Wollen« als ein geheimes Einverständnis mit den Taten der RAF-Täter gewertet wird?

Ich fuhr über Frankfurt. Der Zug folgte seit Gießen dem Flusslauf der Lahn. Die schneelose Winterlandschaft verengte sich allmählich zum Flusstal mit steilen Hängen. »Nächster Halt: Weilburg«, tönte es dann aus dem Lautsprecher im Abteil.

Nur ein paar Leute stiegen mit mir aus dem Zug. Auf dem Bahnsteig wehte ein kalter Wind. In der Wartehalle waren alle vier Schließfächer belegt. Ärgerlich. Ich musste also wohl oder übel meine schwere Reisetasche mit mir herumschleppen. An den Bushaltestellen vorbei ging ich die Bahnhofstraße entlang Richtung Stadtzentrum. Die Wolken hingen tief und verstärkten noch das Gefühl der Enge, das man in diesem Flusstal hat. Bald lag der Gebirgsstock vor mir, um den die Lahn eine Schleife zieht und auf dem die Altstadt liegt. Über dem Steilhang erstreckte sich die breite, ockerfarbene Ostfront des Weilburger Schlosses.

Einem befreundeten Kunsthistoriker hatte ich erzählt, dass ich nach Weilburg fahren wolle, und er hatte gemeint, ich dürfe ja nicht versäumen, das Renaissanceschloss anzuschauen. Ich folgte seinem Rat und ging über die alte Steinbrücke und dann weiter eine schmale Straße bergan in die Altstadt. Durch enge Gassen mit Kopfsteinpflaster, vorbei an Fachwerkhäusern erreichte ich das Schloss und stand in dem wunderbaren Innenhof, der seit seiner Fertigstellung Mitte des 16. Jahrhunderts fast unverändert geblieben ist. Im Sommer soll dieser Hof efeuumrankt sein und es finden hier Konzerte statt. Es leuchtete mir jetzt ein, dass ein Maler namens Otto Ubbelohde für seine Illustration der Grimm’schen Märchen die Geschichte vom Dornröschen in das Weilburger Schloss verlegte. Aber ich war ja nicht wegen Dornröschen hier, sondern wegen Ulrike Meinhof.

An der Orangerie vorbei und durch den Schlossgarten kam ich auf den Stadtplatz. Ich fragte eine junge Frau nach dem Weg zum alten Gymnasium. Sie deutete auf eine Gasse und meinte, dort entlang und dann links, es sei nicht weit. In der Mauerstraße stand ich dann vor dem alten Schulhaus, über dessen Eingang immer noch mit vergoldeten Buchstaben die Inschrift »GYMNASIUM« steht, obwohl hier seit 1965 kein Unterricht mehr gehalten wird. Weiter außerhalb hat man ein neues Gymnasium gebaut. Heute befinden sich in der alten Schule die Stadt- und Kreisbücherei sowie die Büros von Anwälten und Steuerberatern. Das Gebäude ist über zweihundert Jahre alt und sieht aus wie die Gymnasien in Vorkriegsfilmen. Hier und zeitweise auch in dem gegenüberliegenden, so genannten »Komödienbau« war Ulrike Meinhof also zur Schule gegangen, vom Herbst 1952 bis zum März 1955. Sie war eine gute Schülerin, außer vielleicht in Mathematik und Latein. Sie spielte Geige im Schulorchester und gründete mit anderen eine Schülerzeitung. Sie muss sehr offen und auch lebenslustig gewesen sein. Mitschüler erinnern sich, dass sie Pfeife und selbst gedrehte Zigaretten geraucht und manchmal bis zur Erschöpfung Boogie-Woogie getanzt hat. In einer Beurteilung der Schule heißt es, sie sei ihren Klassenkameradinnen an geistiger und menschlicher Reife weit überlegen, »menschlich unkompliziert, offen, ehrlich und schlicht«. Und die Gespräche im Unterricht lenke sie »ins Ernsthafte«. Zu diesem Ernst gehörte für Ulrike auch, dass man eine Haltung einnimmt und sich darin nicht so leicht beirren lässt. Einmal soll sie sogar einen brüllenden Lehrer in die Schranken gewiesen haben. Aber das gehört vielleicht schon zur Mythenbildung. Ziemlich sicher bin ich mir, dass sie etwas Besonderes darstellte in ihrer Klasse. Sie war Vollwaise und lebte allein bei ihrer Pflegemutter, einer Professorin, und genoss Freiheiten, auch geistige, die in normalen Familien dieser Zeit nicht selbstverständlich waren. Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass sie auch sehr unsicher und sensibel war. Engere Freundschaften ging sie nur wenige ein. Sie zog sich gern zurück und las viel.

Das war so ungefähr das Bild, das ich von der Schülerin Ulrike Meinhof hatte, als ich vor ihrer alten Schule stand. Ein Bild mit vielen Widersprüchen und großen Lücken, gerade in den Jahren ihrer Kindheit und Jugend, als sie noch keine öffentliche Person war.

Ich ging weiter die Mauerstraße entlang, den früheren Schulweg von Ulrike Meinhof. Rechts, in den Bebauungslücken, hat man einen Blick hinunter auf die Lahn und auf das gegenüberliegende steile Ufer mit dem Hauseley-Felsen. Zu Zeiten von Ulrike Meinhof war im Erdgeschoss des dreistöckigen Fachwerkhauses neben der Schule das Buch- und Schreibwarengeschäft des Willi Hindersin. Hier kauften Generationen von Schülern ihre Stifte, Hefte und Bücher. Wahrscheinlich auch Ulrike Meinhof. Sie las viel und sie schwärmte von den Büchern Hermann Hesses.

Die Mauerstraße ist eng und schwere Lastwagen donnern nah an einem vorbei. Vom Schleppen der Taschen war mein Nacken schon ganz verspannt. Und weil ich auch hungrig und durchgefroren war, ging ich in das nächste Café. Ich setzte mich an einen Tisch am Panoramafenster, mit Aussicht über das Lahntal, und bestellte mir eine Suppe und später Kaffee und Kuchen. Hinter den großen Fenstern hingen Meisenknödel an langen Schnüren vom Dach. Draußen begann es in dicken Flocken zu schneien.

Mir kamen Zweifel an meiner Reise nach Weilburg. Was wollte ich hier finden? Eigentlich doch eine Antwort auf die Frage, wie aus einem mehr oder weniger normalen Mädchen später eine gesuchte Terroristin werden konnte, die Banken überfiel und es vertretbar fand, »Bullenschweine« abzuknallen. Wahrscheinlich steckt schon im Versuch, diese Frage zu beantworten, eine große Gefahr. Man findet immer leicht Zusammenhänge, wenn man ein Leben von seinem Ende her betrachtet. Alles scheint auf das Spätere hinzudeuten. Aber nichts ist zwangsläufig. Das Spätere kann das Frühere höchstens erhellen, daraus ableiten lässt es sich nicht. Das konkrete Leben spielt sich nun einmal in der Gegenwart ab und die lässt immer viele Türen offen.

Durchaus vorstellbar, dass Ulrike Meinhof bis heute eine Journalistin geblieben wäre, eine erfolgreiche und bekannte, mit eigener Talkshow im Fernsehen. Oder es hätte sie in die Politik verschlagen und sie wäre heute Spitzenfrau in einer Partei. Alles denkbar. Allerdings waren diese Möglichkeiten mit dem Sprung aus dem Fenster der Bibliothek in Berlin zunichte gemacht. Damals, als sie bei der gewaltsamen Befreiung von Andreas Baader mit dabei war. Schon am nächsten Tag hing ihr Steckbrief an den Litfaßsäulen und sie war zum »Staatsfeind Nr. 1« erklärt. Viele mit den gleichen Erfahrungen und der gleichen politischen Einstellung wie sie haben diesen Sprung nicht gemacht. Warum gerade sie? War dieser Sprung ein bewusster Entschluss? Oder doch nur eine Kurzschlusshandlung? Ging diesem Sprung eine Entwicklung voraus, die weit zurückreicht? War für sie die Weilburger Zeit nur ein Dornröschenschlaf, aus dem sie erst später erwachte?

Ich bezahlte und fragte die Bedienung nach dem Weg zu den Gebäuden der Neuen Kaserne, wo Ulrike Meinhof mit ihrer Pflegemutter gewohnt hatte, und zum neuen Gymnasium, wo ich mit dem Direktor verabredet war. Sie holte gleich einen Stadtplan, damit ich mich ja nicht verirrte, und erklärte mir ausführlich, welche Straße ich nehmen und welche ich nicht nehmen solle, bis ich jede Übersicht verlor. Als sie aufblickte und mein fragendes Gesicht sah, faltete sie den Plan wieder zusammen und meinte, ich könne ihn behalten.

Draußen schneite es leicht. Ich ging durch das alte Stadttor und dann weiter die Frankfurter Straße entlang, die schnurgerade und ansteigend stadtauswärts führt. Das war auch der Weg, den Ulrike Meinhof von der Schule nach Hause nehmen musste. Der imposante, denkmalgeschützte Gebäudekomplex der Neuen Kaserne erstreckt sich im rechten Winkel zur Frankfurter Straße. Früher hatte er als Unteroffiziersschule und Höhere Landwirtschaftsschule gedient. 1945 war dann das Institut für Lehrerfortbildung eingezogen, an dem Ulrikes Pflegemutter Renate Riemeck als Professorin tätig war. Jetzt ist hier eine Technikerschule untergebracht. Wie damals sind in den Seitenflügeln Dienstwohnungen eingerichtet. Auch Renate Riemeck bewohnte hier eine geräumige Wohnung, mit großen, hohen Räumen. Ulrike hatte ihr eigenes Zimmer, in dem sie oft nächtelang las und die Zigaretten ihrer Pflegemutter rauchte.

Von der Frankfurter Straße bog ich links ab und musste noch lange marschieren, bis ich zum neuen Gymnasium, dem Philippinum, kam. Es ist einer jener modernen Flachdachbauten, die in den 60er und 70er Jahren entstanden sind, und es erinnerte mich an meine eigene Schule. Mein Gymnasium in einer niederbayerischen Kleinstadt hatte einen Pausenhof mit Brunnen, und dort stand ich mit Freunden an jenem sonnigen Maitag im Jahr 1976, als von irgendwoher die Nachricht kam, dass Ulrike Meinhof sich in ihrer Zelle im Stammheimer Gefängnis erhängt habe.

Ich weiß noch, dass diese Nachricht unter uns, die wir da um den Brunnen standen, Verlegenheit und Ratlosigkeit auslöste. Dass es da irgendwo eine »Bande« gab, die unserem Staat und der Generation unserer Eltern den Kampf angesagt hatte, das war ziemlich unfassbar und beunruhigend. Wollten die nicht eine bessere Welt, ein sinnvolleres Leben und eine gerechtere Gesellschaft? So viel immerhin wusste man von ihren Motiven und das konnte man gut mit eigenen Träumen und Sehnsüchten verbinden. Schließlich führten auch wir unsere kleinen Rebellionen, selbst wenn die nur darin bestanden, sich am Wochenende zu besaufen oder einem Lehrer freche Antworten zu geben. Diese Leute aber, so schien es, mochten sich nicht mehr mit den kleinen Fluchten zufrieden geben. Sie wollten sich nicht mehr mit leeren Versprechungen abspeisen lassen. Sie wollten alles oder nichts. Sie machten Ernst und riskierten dabei Kopf und Kragen.

Allerdings riskierten sie nicht nur ihren eigenen Kopf. Auf ihrem Weg gingen sie über viele Leichen. Und diese zwei Seiten konnte ich nicht zusammenbringen. Es blieb eine Verstörung, eine Frage, die ich nicht einmal richtig ausdrücken konnte und die sich auch nicht beruhigen ließ durch Formeln wie »Kein Ziel heiligt alle Mittel« oder »Gewalt ist nie ein Weg«. Da war einerseits diese Sehnsucht nach einem größeren, besseren, wilderen Leben. Und andererseits dieses kalte Morden und dieser unversöhnliche Hass.

Der Direktor des Weilburger Gymnasiums empfing mich in seinem Büro. Er hatte schon am Telefon gesagt, er hätte da etwas für mich in seinem Tresor. Nun holte er tatsächlich aus einem Wandsafe einen Stapel Bücher und Blätter und legte ihn auf den niedrigen Tisch, an dem ich saß. Es waren Artikel aus dem Weilburger Tageblatt und Beiträge von Ulrike Meinhof aus der Schülerzeitung Spektrum. Weilburg sei verständlicherweise nicht sehr stolz darauf, dass Ulrike Meinhof einige Jahre hier gelebt hat, erzählte der Direktor. Aber auch an die eigene Geschichte im Dritten Reich werde man nicht gern erinnert. Die Stadt sei relativ früh vom Nationalsozialismus »infiziert« worden, und man habe Wert darauf gelegt, schnell »judenfrei« zu werden. Noch heute stoße man manchmal auf Schwierigkeiten, wenn man an das Schicksal der Juden in Weilburg erinnern wolle.

In der Bibliothek der Schule machte ich Kopien von den Unterlagen. In einem Zeitungsartikel war ein Bild der Schülerin Ulrike Meinhof abgedruckt, mit fast noch kindlichen Gesichtszügen, zurückgekämmtem Haar, dunklen Augen und nachdenklichem Blick. In der ersten Nummer der Schülerzeitung Spektrum lässt sie das neue Blatt mit ihrer Stimme sprechen. »Ich bin das Spektrum«, schreibt sie. »Ich bin da, und wenn euch das nicht erschreckt, verwundert, erstaunt, ja dann ... dann ... dann bin ich trotzdem da und ihr habt euch mit mir abzufinden.« Und am Ende des Artikels schreibt sie: »Und noch eines: Ich bin subjektiv. Was wären die schönsten Farben des Spektrums, wenn es keinen gäbe, der sie anschaut? Wenn es keinen Menschen gäbe, der sich daran freuen oder verwundern kann? Endgültiges aussagen zu wollen widerspricht dem endlichen, d. h. begrenzten Wesen des Spektrums.«

Ich fragte einen schweren Mann mit schwarzem Vollbart, der mit zwei Fingern auf die Tastatur eines Computers einhackte, nach den Jahreschroniken. Es stellte sich heraus, dass er Deutschlehrer war und sich nebenbei um die Bibliothek kümmerte. Er brachte mir einige großformatige Bände. In der Kladde von 1954/55 fand ich eine alphabetische Liste der einundzwanzig Reifeprüflinge für das Abitur, acht Mädchen und dreizehn Jungen. Bei »Meinhof, Ulrike« stand unter dem Beruf des Vaters »Museumsdirektor«, obwohl der damals schon seit fünfzehn Jahren tot war. Unter »in Aussicht genommener Beruf« war angegeben: »Philologie«. Im Abituraufsatz hatte sie sich für einen Gedichtvergleich entschieden und nicht für die Beantwortung der Frage, ob das Leben »von geistigen oder von materiellen Kräften« bestimmt werde.

Mit meiner Umhängetasche voll kopierter Blätter verließ ich die Schule. Es schneite nun stärker. Auf dem freien Feld um die Windhofkaserne wurde der Schneefall so dicht, dass im Nu alles weiß war. Ich kramte nach dem Straßenplan, den mir die Frau im Café gegeben hatte. Ich muss einen ziemlich hilflosen Eindruck gemacht haben. Eine Frau kam auf mich zu und fragte, ob sie mir helfen könne. »Ach ja, die Ulrike Meinhof«, sagte sie dann gar nicht überrascht, »von der will man hier nicht mehr viel wissen.« Das hatte ich nun schon öfter gehört. Die Straße, zu der ich wollte, lag auf ihrem Weg, und sie bot mir an, mich zu begleiten. Sie führte mich auf Schleichwegen und über Treppen durch eine Siedlung und an einem Friedhof vorbei. Dabei versuchte sie angestrengt, sich an die Namen von Leuten zu erinnern, die Ulrike Meinhof gekannt hatten und heute noch in Weilburg lebten. An der Frankfurter Straße verabschiedeten wir uns voneinander wie alte Bekannte.

Ich bog in eine kleine Seitenstraße ein und stand vor einem Hanghaus mit blauem Schornstein. Herr G., ein älterer Herr mit weißem Haar und Jackett, öffnete und musste bei meinem Anblick lachen. Ich sah wohl aus wie ein Schneemann und wir klopften gemeinsam den Schnee von Mantel und Taschen.

Im Wohnzimmer standen schon Kaffee und Plätzchen auf dem Tisch und ich setzte mich mit feuchter Hose und nassen Haaren auf das Sofa. Herr und Frau G. waren schon über achtzig Jahre, aber unglaublich rüstig und geistig frisch. Sie hätten Ulrike Meinhof und Renate Riemeck gut gekannt, erzählten sie. Herr G. hat sogar ein Buch von Renate Riemeck illustriert. Einmal haben sie eine gemeinsame Reise nach Frankreich gemacht. Ulrike sei manchmal ein stilles Kind gewesen, dann aber auch wieder sehr »burschikos«, spontan und lustig. Sehr spartanisch sei sie von ihrer Pflegemutter erzogen worden, die selber nie Kinder gehabt habe und so manches an dem Teenager Ulrike nicht habe verstehen können.

Auf schönes Aussehen und Luxus legten beide keinen Wert. Dafür umso mehr auf lange Gespräche und auf die »Einstellung«. Die Einstellung sei überhaupt das Wichtigste für Ulrike gewesen. Man müsse Werte haben und sie vertreten, dieser Auffassung war sie. Später, nach dem Abitur, sei sie nur noch einmal nach Weilburg gekommen, zu einem Klassentreffen. Danach schrieb sie einen Brief, den mir Frau G. zeigte. »Mein Klassentreffen war prima«, heißt es darin. »10 Jahre und aus allen ist irgendwie was geworden. Was Redliches, Tüchtiges, gut Gemeintes wenigstens, wenn nicht mehr. [...] Die Mädchen – von uns kam bestimmt nicht das Fräuleinwunder – sind Hausfrauen. Aber gescheit genug, um diese doofe Existenz so mies zu finden, wie sie ist. Mit Recht neidisch, dass ich mir zum Beruf die Kinder leiste, und zu den Kindern – vom Erzeuger ganz zu schweigen – den Beruf.« Damals war Ulrike Meinhof schon eine erfolgreiche Journalistin, verheiratet mit dem Herausgeber der Zeitschrift konkret, Klaus Rainer Röhl, und Mutter von Zwillingen, Bettina und Regine.

Es folgten noch einige Briefe mit Einladungen nach Hamburg und Berlin. Dann brach der Kontakt ab. Die radikale Wende im Leben von Ulrike können die G.s nicht nachvollziehen. Eine Zeit lang, als Ulrike gesucht wurde, hatten sie Angst, dass sie eines Tages vor ihrer Tür stehen und um Unterschlupf bitten würde. Sie hätten ihr ein Bett und Essen gegeben, aber dann versucht, mit ihr zu reden und sie zum Aufgeben zu bewegen.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden und ich hatte noch keine Bleibe für die Nacht. Die G.s empfahlen mir ein Hotel garni in der Nähe und ich ließ mir telefonisch ein Zimmer reservieren.

In meinem Hotelzimmer war es eiskalt. Ich verkroch mich angezogen ins Bett und zappte mit der Fernbedienung durch die Fernsehprogramme. Auf dem Kanal Phoenix wurde die Bundestagsdebatte über die Sponti-Vergangenheit von Joschka Fischer wiederholt. Der Außenminister hatte nach dem Tod von Ulrike Meinhof an Demonstrationen teilgenommen, bei denen auch ein Polizist schwer verletzt worden war. Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl hatte Fotos veröffentlicht, die beweisen sollten, dass Fischer damals ein gewalttätiger Linksradikaler war. Sie wollte endlich Schluss machen mit der Verklärung und Verharmlosung der radikalen Rote Armee Fraktion (RAF) und besonders ihrer Mutter.

In der Debatte im Bundestag bekannte Joschka Fischer, mit Steinen geworfen und in Prügeleien mit Polizisten verwickelt gewesen zu sein. Er habe allerdings schon wenig später eingesehen, dass der Weg der Gewalt falsch sei. Politiker der Opposition hielten ihm daraufhin vor, dass solche Gewalttaten unverzeihlich seien und Veränderungen in der Politik nur mit friedlichen Mitteln herbeigeführt werden dürften. Daraufhin warf der Bundeskanzler der Opposition vor, sie wolle die ganze Generation der »68er« verdammen. Eine Abgeordnete der Grünen meinte, »68« sei eine »Bleilast« für die Generationen danach und man müsse »68« ein bisschen vom Sockel holen. Aber nicht zu begreifen, was »68« war, das sei »bodenlos naiv«. Ein Abgeordneter der CDU fand es empörend, dass ein bekannter Journalist kürzlich in einem Leitartikel geschrieben hatte, Ulrike Meinhof könnte heute Familienministerin sein.

Am nächsten Morgen brach ich gleich nach dem Frühstück auf. Zurück nach Frankfurt wollte ich eine Verbindung über Limburg nehmen. Der Zug fuhr durch den Eisenbahntunnel ins wildromantische Lahntal, vorbei an einem Camping­platz, an steilen Hängen mit morschen Baumstämmen und Felsen. Im engen Tal wurde der ganze Zug vom Dieselrauch der Lokomotive eingehüllt, der einem noch im letzten Wagen in der Nase hing. Erst nach Runkel weitete sich das Tal, und der Zug hielt an Orten mit Namen wie Niederbrechen und Oberbrechen, die aussahen, als würden sie nur aus Einfamilienhäusern bestehen. An eine Betonwand war mit roter Farbe gesprüht: »Oberbrechen ist zum Kotzen«.

Ulrike Meinhof verließ Weilburg wenige Wochen nach dem Abitur. Sie kam nur noch einmal in diese Stadt zurück, zehn Jahre nach dem Abitur zum Klassentreffen. Waren die Jahre in dieser Stadt mit dem Märchenschloss für sie doch nur wie ein Dornröschenschlaf, aus dem sie dann aufgewacht ist? In einem handschriftlichen Lebenslauf, den sie im November 1954 verfasst hat, schreibt sie über ihre Zukunftspläne: »Ich beabsichtige, im Frühjahr 1955 Abitur zu machen, und möchte dann die Fächer Pädagogik, Psychologie und Germanistik studieren, um später in einen Lehrberuf einzutreten. – Angeregt wurde ich zu diesem Studium selbstverständlich durch Renate Riemeck, außerdem durch meine Begegnung mit der katholischen und der Waldorfer Schulpraxis; die Erziehungsaufgabe beider ist zurückzuführen auf ein weltanschaulich begründetes Menschenbild. Dies veranlasst mich zu dem Wunsch, in die tieferen Probleme der Menschenbildung einzudringen.«

Der Theologe Helmut Thielecke hat den Bruch in Ulrike Meinhofs Leben als »luziferischen Absturz« bezeichnet, weil sie anfangs für Frieden und Gerechtigkeit gekämpft, aber dann Hass und Gewalt gepredigt habe. Thielecke wollte allerdings den Abscheu, den viele Zeitgenossen gegenüber dieser Frau empfanden, nicht teilen. Und Gustav Heinemann, der frühere Bundespräsident, meinte, als er von ihrem Tod erfuhr: »Mit allem, was sie getan hat, so unverständlich es war, hat sie uns gemeint. «

I. Vom Widerstand

»Die Geister, die sich am 20. Juli 1944 schieden, sind heute noch getrennt.«

Dem französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus zufolge ist der Mensch das einzige Geschöpf, das sich weigern kann zu sein, was es ist. Das ist die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch zum Rebellen wird. Er kann rebellieren gegen Unterdrückung und Not. Er kann rebellieren gegen ein Leben, das ihm sinnlos oder unwürdig erscheint. Immer wenn ein Mensch zum Rebellen wird, ist eine Grenze des Erträglichen überschritten. Er scheint zu sagen: Bisher konnte ich es noch ertragen, aber jetzt ist Schluss, ich werde mich wehren. An diesem Punkt wird auch deutlich, dass ein Rebell nicht nur immer und ausschließlich gegen etwas ist. Es ist ihm auch an etwas gelegen, das er schützen möchte, weil es ihm wertvoll ist. Wer Ungerechtigkeit anklagt, möchte Gerechtigkeit. Wer sich gegen Sinnlosigkeit wehrt, verlangt nach einem Sinn. Ohne es vielleicht zu wissen, ist jeder Rebell auf der Suche nach der Liebe, nach einer Moral oder etwas Heiligem. Er kennt also neben dem Nein immer auch ein Ja.

Diese zwei Seiten jeder Rebellion können auch zum Widerspruch werden, dann, wenn der Rebell in der Verneinung zu Mitteln greift, die seine Prinzipien leugnen, etwa wenn er Gewalt mit Gewalt bekämpft oder Lüge mit Lüge. Nur »mittelmäßigen Herzen«, so Camus, falle es leicht, diesen Konflikt zu lösen. Für »hochgespannte Herzen« sei dies ein »schreckliches Problem«, aus dem sie oft keinen Ausweg finden, auch wenn es sie in den eigenen Tod treibt.1

Ulrike Meinhofs Namen verbindet man oft mit der 68er Bewegung, die als ein Aufstand von Studenten, eine Rebellion der jungen Generation gilt. Dabei vergisst man leicht, dass Ulrike Meinhof damals nicht mehr jung war. Sie gehörte einer älteren Generation an, und man muss, wenn man an den Anfang ihrer Lebensgeschichte kommen will, weiter zurückgehen, vor die Entstehung der Bundesrepublik Deutschland, noch vor den Zweiten Weltkrieg, in das Jahr 1934. Am 7. Oktober jenes Jahres wurde sie geboren.

Man könnte sagen, dass Ulrike Meinhofs Leben begann, als in Deutschland die Demokratie zu Grabe getragen wurde. Das geschah durch einen politischen Umsturz, der sich selbst auch eine Revolution nannte, die »nationalsozialistische Revolution«. Der erste entscheidende Schritt dazu war die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 gewesen. Schon im März war das Ermächtigungsgesetz in Kraft getreten, das die Demokratie in Deutschland abschaffte und Hitler zum Diktator machte.

In der deutschen Bevölkerung regte sich gegen die nationalsozialistische Machtergreifung kein nennenswerter Protest. Die meisten waren froh, dass endlich das Experiment der Weimarer Republik beendet war, ja, weite Kreise der Bevölkerung hatten sich geradezu danach gesehnt, endlich von der Demokratie erlöst zu werden. Nach der Erniedrigung durch den Versailler Vertrag und nach der Weltwirtschaftskrise wollte man wieder ein großes, starkes Deutschland, und man wollte eine populäre Führergestalt, die durchgriff und Ordnung schaffte. Hitler schien diese Erwartungen zu erfüllen, und dafür war man gewillt, über seine mehr als fragwürdigen Methoden hinwegzusehen. Schließlich kehrten nach dem so genannten Röhm-Putsch wieder ruhigere Zeiten ein. Es kamen die »guten« Nazi-Jahre: Die Massenarbeitslosigkeit wurde überwunden, ein wirtschaftliches Wachstum setzte ein, man galt wieder etwas in der Welt.

Diese – oft nur scheinbaren – Erfolge täuschten leicht darüber hinweg, dass man in einem Terrorregime lebte, mit Pressezensur, Versammlungsverbot, Tausenden von politischen Gefangenen und Konzentrationslagern. Auf jede Abweichung oder gar Widerstand reagierten die Machthaber mit Einschüchterung und Gewalt.

Und trotzdem gab es diesen Widerstand. Ulrike Meinhof hat später jene Menschen sehr bewundert, die ihr Leben riskierten, weil sie an den Verbrechen der Nazis nicht mitschuldig werden wollten, die nicht mitmachten, sich wehrten. Diese Pflicht zum Widerstand durfte für Ulrike Meinhof nach 1945 nicht aufhören. Sie verlängerte die damit verbundene Gewissensfrage in die eigene Gegenwart. 1964, zum 20. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf Hitler, schrieb sie: »Es ist an der Zeit zu begreifen, dass der Kampf der Männer und Frauen des 20. Juli im Widerstand gegen Unrecht und Gewalt noch nicht endgültig gewonnen ist. [...] Die Geister, die sich am 20. Juli 1944 schieden, sind heute noch getrennt.«2

Für die Journalistin Ulrike Meinhof war es eine wichtige Aufgabe, diese Geister zu scheiden. Es durfte nicht sein, dass sich die »Fronten« verwischen und man nicht mehr sagen kann, was gut und schlecht, wer eigentlich Freund und Feind ist. Beide Seiten sollten so klar geschieden sein, wie es für sie damals, im Dritten Reich, der Fall gewesen war. Sie war auch stolz darauf, dass ihre Eltern auf der richtigen Seite gestanden hatten. Sie erzählte oft davon, dass sie Gegner der Nazis gewesen waren und sich Widerstandskreisen angeschlossen hatten.

Sind die Seiten aber immer so genau auseinander zu halten? Kann man immer so genau trennen zwischen den Schuldigen und den Unschuldigen? Wie kann Widerstand aussehen?

Der Schriftsteller Hermann Lenz hat diese Zeit um 1933 als junger Mann erlebt und sie später in Büchern geschildert, in denen sein literarischer Doppelgänger Eugen Rapp im Mittelpunkt steht.3 Dieser Eugen Rapp ist ein Einzelgänger, der an die große Sendung Deutschlands nicht glauben mag, dem das großspurige Auftreten der Braunhemden zuwider ist und der lieber allein spazieren geht, als in Reih und Glied zu marschieren. So einer lebt in diesen Zeiten gefährlich.

Weil er nicht weiß, was aus ihm noch werden soll, fängt Eugen an, Kunstgeschichte zu studieren, in München, dann in Heidelberg. Das Studium gehört eher zu seiner Tarnung. Er will nicht mehr als nötig auffallen. Darum gibt er auch dem Druck seiner Eltern nach und tritt dem nationalsozialistischen Studentenbund bei. Kurz darauf tritt er wieder aus, aber nur, weil er eine Krankheit vorschützen kann. Eugen schafft es immer, nie allzu verdächtig zu werden. Das ist ein gewagtes Spiel. Wenn er Glück hat, lässt man ihn links liegen, schlimmstenfalls wird er als Volksfeind denunziert und landet in einem der Lager, die nun überall entstehen.

Ist Eugen Rapp ein Held? Nein, eigentlich nicht. Er ist aber auch kein Mitläufer, eher etwas dazwischen. Wenn es stimmt, dass ein Rebell immer Nein und Ja sagt, dann ist Eugen Rapp einer, der nur sehr leise Nein sagt. Sicher, er bewundert Menschen, die nicht nur »schwatzen«, sondern auch etwas tun. Aber er ist nicht der Typ zum Handeln. Als auf einer Gesellschaft eine Radierung herumgereicht wird, die einen Mann mit einer Bombe in der Hand zeigt, soll Eugen Rapp etwas dazu schreiben. Erst auf dem Heimweg fällt ihm ein Gedicht ein: »Ich beneide diesen nackten Mann, / Weil er Bomben werfen kann. / Hätte Bomben öfters gern geschmissen, / Habe aber drauf verzichten müssen.«

Die Wahrheit ist, dass Eugen Rapp unfähig zur Gewalt ist. Er windet sich durch die »Schwindelzeit«. Das ist seine Art des Widerstands. Nach außen bleibt er möglichst unauffällig. Sein einziger kleiner Protest besteht darin, dass er sich immer bürgerlich schick kleidet und seine Haare wachsen lässt.

Hinter dieser Tarnung erhält er sich einen Freiraum, in dem er machen und denken kann, was er will. Zu dieser Nische gehören seine Freunde und dazu gehören seine Dachstube und sein Tagebuch, in dem er seine täglichen Erfahrungen festhält. Das Sammeln dieser Beobachtungen ist ihm wichtig, weil es das »Gemüt« schärft. So notiert er auch, dass ein Dozent an der Universität vor 1933 schulterlanges Haar hatte, englische Anzüge trug und einen Stock mit Silberknauf. Jetzt ist er plötzlich glatzköpfig, tritt in Uniform auf und hält Seminare über das Schrifttum der deutschen Bewegung.

Eugen Rapp ist kein Träumer. Obwohl diese Zeit Mitte der 30er Jahre nicht die seine ist, verschließt er sich ihr nicht. Man könnte sagen, er bleibt für die Wirklichkeit offen, auch wenn er mit seiner Zeit nicht einverstanden ist. Wenn man ihn fragen würde, ob auch in diesen dunklen Zeiten noch ein Leben möglich ist, würde er Ja sagen.

Mit ähnlichen Fragen und Problemen musste sich wahrscheinlich auch Werner Meinhof auseinander setzen. Er war zur Zeit von Hitlers Machtergreifung allerdings über zehn Jahre älter als Eugen Rapp alias Hermann Lenz, also zweiunddreißig. Außerdem war er verheiratet und hatte eine kleine Tochter namens Wienke. Werner Meinhof hatte auch Kunstgeschichte studiert, aber im Gegensatz zu Eugen Rapp hatte er sein Studium zu Ende gebracht, mit einem Doktortitel, und war nun Assistent des Direktors des staatlichen Museums in Oldenburg.

Werner Meinhof trug also Verantwortung für eine Familie und er stand am Anfang einer viel versprechenden Karriere. Vielleicht war es die Sorge um seine Familie und seine berufliche Zukunft, die ihn dazu bewog, schon am 1. Mai 1933 in die NSDAP einzutreten.4 Oder tat er diesen Schritt auch aus Gründen der Tarnung wie Eugen Rapp? Jedenfalls kann man nicht sagen, dass Werner Meinhof der Typ des angepassten Mitläufers war. Sein Lebensweg verlief alles andere als geradlinig. In seiner Jugend muss er sogar ein ausgesprochener Querkopf gewesen sein.

Sein Vater Johannes Meinhof war Superintendent, also evangelischer Dekan, in Halle. Er und seine Frau Mathilde hatten zehn Kinder, und Werner, im Oktober 1901 geboren, war das jüngste. Als er sieben Jahre alt war, starb seine Mutter und der Vater heiratete erneut, die junge, damals erst vierundzwanzigjährige Dorothea Schmitz. Werner Meinhof überwarf sich später mit seinem Vater und seiner Stiefmutter, er verließ das Gymnasium und ging nach Hamburg, um als einfacher Handwerker sein Geld zu verdienen. Nach eineinhalb Jahren kehrte er nach Halle zurück und machte eine Ausbildung als Schlosser in verschiedenen Betrieben. Anscheinend gelang es seinem Vater dann, ihn zu überreden, seine Schulausbildung doch fortzusetzen.

Werners Handwerkerpläne passten so gar nicht in die Tradition der Familie. Seit Generationen waren die männlichen Meinhofs evangelische Pfarrer gewesen, hauptsächlich in Württemberg, und die weiblichen hatten Pfarrer oder Arzte geheiratet oder waren, wie eine Schwester Werner Meinhofs, Missionarin geworden. Natürlich gab es Ausnahmen, aber zumindest erwartete man in dieser Familie einen akademischen Beruf.

Pfarrer wollte Werner Meinhof nicht werden. Wenn schon ein Studium, dann wollte er sich mit Kunst beschäftigen. Zunächst aber besuchte er ein Lehrerseminar in Osterburg in der Altmark und holte anschließend, im Mai 1924, seine Reifeprüfung an seinem Hallenser Gymnasium nach. In Osterburg lernte er auch den Schulinspektor Johannes Guthardt kennen, zu dem sich Werner gleich hingezogen fühlte, weil er einer Handwerkerfamilie entstammte und Mitglied der SPD war. Guthardts einziges Kind war ein noch sehr junges Mädchen, Ingeborg mit Namen, die sich in den acht Jahre älteren Werner Meinhof verliebte. Nach seinem kunstgeschichtlichen Studium, nach seiner umfangreichen Doktorarbeit über ostfälische Schnitzaltäre und nach seinen ersten Anstellungen als Volksschullehrer in Halle und als Zeichenlehrer an einem Danziger Realgymnasium heiratete Werner Meinhof 1928 Ingeborg Guthardt. Sie war erst neunzehn Jahre alt und hatte gerade ihr Abitur gemacht.

Das junge Paar zog nach Oldenburg, wo Werner Meinhof als Assistent am neu eröffneten Landesmuseum arbeiten sollte. Schon nach wenigen Monaten konnte er diese Arbeit für fast ein Dreivierteljahr unterbrechen. Er hatte nämlich ein Stipendium erhalten und durfte mit seiner jungen Frau nach Florenz reisen und am Kunsthistorischen Institut studieren. Ein Jahr nach ihrer Rückkehr nach Oldenburg, am 10. Juli 1931, bekam Ingeborg Meinhof ihr erstes Kind. Es war ein Mädchen und sie nannten es Wienke. Drei Jahre darauf, am 7. Oktober 1934, kam das zweite Kind zur Welt. Es war wieder ein Mädchen und sie tauften es auf den Namen Ulrike Marie.

Der Vater Werner Meinhof muss ein sehr liebenswürdiger, kontaktfreudiger und vielseitig interessierter Mensch gewesen sein. Ein Bekannter aus seiner Studienzeit nennt ihn einen » jolly good fellow«, klug, voller Ideen und »den Himmelsfragen weit offen«.5 In der Tat war Werner Meinhof, trotz des Zwistes mit seiner Familie, ein sehr gläubiger Mensch. Der Glaube ging ihm über jede Politik, und es muss ihn empört haben, wie sich gerade die evangelische Kirche den Nationalsozialisten anbiederte. Schon im Herbst 1933 übernahm man den Arierparagraphen, der nun auch für den Kirchendienst alle »nichtarischen« Personen ausschloss. Kurz darauf »übergab« der neue Reichsbischof Müller dem »Führer« Adolf Hitler die gesamte evangelische Jugend, was hieß, dass alle Jugendverbände zwangsweise in die Hitlerjugend eingegliedert wurden. Die »Neuen Christen« wollten auch ihre Lehre dem neuen Zeitgeist anpassen. So forderte man einen »arischen« Jesus ohne allen jüdischen Ballast und eine »Germanisierung« des Glaubens, und allen Ernstes wollte man die Offenbarung mit dem Jahr 1933 beginnen lassen.

Gegen diese totale Unterwerfung unter die neuen Machthaber begann sich innerhalb der Kirche Widerstand zu regen, der sich dann in der Bekennenden Kirche organisierte. Gerade in Oldenburg gab es viele Anhänger dieser oppositionellen Kirche, die auch dann noch auf ihre Unabhängigkeit pochten, als man anderswo unter dem Druck der Nazis den Widerstand aufgab. Werner Meinhof schloss sich nicht der Bekennenden Kirche an, sondern einer kleinen freikirchlichen Gemeinde, die sich »Hessische Renitenz« nannte und strikt gegen jede Einmischung des Staates in religiöse und kirchliche Fragen war. Diese »Renitente Kirche« geht zurück auf das Jahr 1873, als Preußen versuchte, die Gemeinden in Kurhessen-Waldeck und Hessen-Nassau unter staatliche Kontrolle zu bringen.

Sicher war es nicht ungefährlich, sich in Nazi-Deutschland zu einer Kirche zu bekennen, die den Widerstand gegen den Staat schon in ihrem Namen trug. Und Werner Meinhof hatte am Beispiel seines Schwiegervaters sehen können, wie schnell man missliebige Personen ins Abseits stellte. Johannes Guthardt hatte wegen seiner politischen Ansichten seine Stelle als Schulinspektor verloren und musste sich nun als Handelsvertreter durchschlagen. Werner Meinhof erwuchsen aus seiner christlichen Gesinnung offenbar keine Nachteile. Jedenfalls tat es seiner Karriere keinen Abbruch. Er bewarb sich auf die Stelle des Direktors des Stadtmuseums in Jena und die Wahl fiel auf ihn. Im Frühjahr 1936 zog die Familie in die thüringische Universitätsstadt, die auch für ihre optische Industrie bekannt war.

Die Meinhofs fanden eine Doppelhaushälfte am Rande der Stadt, in der Beethovenstraße. Die Straße lag an einem Hang, und die umliegenden Häuser waren von Obstgärten umgeben, die im Frühjahr weiß und rot blühten. Auch das efeubewachsene Haus der Meinhofs hatte einen großen Garten, in dem die Kinder spielten und auf die Bäume kletterten.

»In Jene lebt sich’s bene«, sagte ein Sprichwort über das schöne Jena. Doch auch in Jena hatte sich das Leben geändert. Im August 1933 hatte auf dem Jenaer Marktplatz eine Bücherverbrennung stattgefunden und entsprechend dem Gleichschaltungsgesetz waren in der Stadtverwaltung und an der Universität die Stellen mit regimetreuen Personen besetzt worden. Jüdische Professoren und Studenten begann man aus der Universität zu entfernen. Bürgermeister war nun der NSDAP-Kreisleiter Armin Schmidt.

Die Universität Jena war bis 1934 nach dem Gründer der ersten rein protestantischen »Hohen Schule« Johann Friedrich Hanfried benannt gewesen. Zum Schiller-Jahr 1934 war die Universität in »Friedrich-Schiller-Universität« umbenannt und Friedrich Schiller zum »Kampfgenossen Adolf Hitlers« erklärt worden. Studenten hatten an das Hanfried-Denkmal in der Stadt ein Schild gehängt, auf dem stand: »Ich heiße Friedrich Schiller«. In Jena lachte man über diesen Scherz, der offenbar ein harmloser Scherz war, denn die braunen Machthaber nahmen daran keinen Anstoß. Ansonsten aber verstanden sie nicht viel Spaß – und offene Kritik vertrugen sie schon gar nicht.

Das zeigen die Erfahrungen der Schriftstellerin Ricarda Huch, die im gleichen Jahr wie die Meinhofs nach Jena zog. Die bereits zweiundsiebzigjährige Dame folgte ihrer Tochter Marietta und deren Mann, Dr. Franz Böhm, der an der Universität einen Jura-Lehrstuhl übernehmen sollte. Ricarda Huch gefiel es anfangs gar nicht in der neuen Umgebung. Die Stadt kam ihr »reizlos« vor und fast nur bevölkert von »Zeissianern«, also Arbeitern der Zeiss-Werke, und diese »bequeme Mittelmäßigkeit«, so schrieb sie einer Freundin, sei ihr nun einmal nicht angenehm.6

Noch wesentlich unangenehmer fiel für sie der erste Kontakt mit Vertretern der Universität aus. Anfang Mai 1937 war sie zusammen mit ihrem Schwiegersohn und ihrer Tochter zu einem Jura-Professor eingeladen. Im Laufe des Abends kam das Gespräch auch auf die Juden, und der Gastgeber behauptete, die Juden könnten »nicht organisch denken« und wären »nicht produktiv«. Ricarda Huch wollte so eine Behauptung nicht einfach stehen lassen und verwies auf die vielen jüdischen Nobelpreisträger. Ihr Gesprächspartner ließ sich aber von seinen Vorurteilen nicht abbringen. Und weil auch Ricarda Huch und ihr Schwiegersohn nicht zu den Leuten zählten, die höflich schwiegen und klein beigaben, wurde die Unterhaltung immer hitziger, bis dann der Professor erbost meinte: »Ich sehe, Sie sähen lieber das deutsche Volk vernichtet und die Juden herrschen.«7

Für Ricarda Huch und Franz Böhm sollte dieser Abend noch böse Folgen haben. Unter den Gästen war nämlich auch ein Hauptmann a. D. gewesen, ein alter Nazi und Rassenfanatiker, der an der Jenaer Universität einen Lehrauftrag für Wehrpolitik hatte. Dieser Hauptmann Richard Kolb berichtete dem zuständigen Ministerium und der Gestapo von den skandalösen Ansichten der greisen Schriftstellerin und ihres Schwiegersohns. Damit war die akademische Laufbahn von Franz Böhm beendet. Gegen ihn wurde ein Verfahren wegen Vergehens gegen das »Heimtückegesetz« eingeleitet und schließlich entzog man ihm die Lehrerlaubnis und versetzte ihn in den vorläufigen Ruhestand.

Auch Ricarda Huch sollte vor ein Sondergericht gestellt werden. Sie hatte es wohl ihrem großen Ansehen, auch im Ausland, zu verdanken, dass es nicht so weit kam. Trotzdem wurde sie in den folgenden Jahren schikaniert und mehrmals vernommen. Bei einer dieser Vernehmungen wagte sie es nochmals, vorsichtig darauf hinzuweisen, dass Juden doch unleugbar auch gute Eigenschaften hätten. Der Vorsitzende schnitt ihr barsch das Wort ab und meinte: »Allerdings leugnen wir das. Juden haben keine guten Eigenschaften.« Den letzten Satz wiederholte er zweimal, und zwar mit Nachdruck.

Nach diesem Erlebnis gab Ricarda Huch es auf, mit ihren Anklägern diskutieren zu wollen. Ein offenes Gespräch konnte sie nur noch in einem Freundeskreis führen, der sich regelmäßig traf. Dieser »Zirkel« war so etwas wie eine »innere Emigration«. Man konnte frei miteinander plaudern, erzählte sich politische Witze, aber man blieb unter sich und hütete sich davor, Aufmerksamkeit zu erregen. Schließlich waren die meisten Teilnehmer Professoren, man hatte also etwas zu verlieren.

Auch Werner Meinhof hatte etwas zu verlieren. Aber in den Unterlagen im Jenaer Stadtarchiv gibt es keine Hinweise dafür, dass er jemals bei seinen Vorgesetzten unangenehm aufgefallen wäre. Im Gegenteil wird seine Arbeit für das Stadtmuseum und seine loyale Haltung ausdrücklich anerkennend erwähnt. Andererseits hat er seinen christlichen Glauben nicht verheimlicht. Dieser Glaube war für ihn aufs Engste mit seiner Kunstauffassung verbunden. Neben seiner Arbeit als Museumsdirektor war er noch Dozent an der Kunstakademie im nahe gelegenen Weimar. In seinen Vorträgen sprach er besonders gern über christliche Kunst und er begann sogar ein Buch zu schreiben über den »christlichen Glauben im Zeugnis alter und neuer Bilder«.

Durch seine vielfältigen Tätigkeiten lernte Werner Meinhof viele Leute kennen und der Bekannten- und Freundeskreis seiner Familie wuchs. Darunter waren viele Künstler wie etwa Otto Dix. Oft besuchte man am Wochenende die Familie des Künstlers Franz Lenk, der im nahen Orlamünde wohnte. Die kleine Ulrike spielte dann mit Thomas, dem nur ein Jahr älteren Sohn der Lenks. Ulrike war sehr lebhaft, und Thomas Lenk musste manchmal seine Spielsachen vor ihr in Sicherheit bringen, damit sie nicht zu Bruch gingen. Die Freundschaft zwischen den beiden sollte in späteren Jahren noch eine Fortsetzung finden.

Die Meinhof-Kinder waren sehr unterschiedlich, das fiel jedem sofort auf. Während Wienke ein eher ernstes, zurückhaltendes Mädchen gewesen sein muss, wird Ulrike als übermütig, unternehmungslustig und kontaktfreudig geschildert. Sie plapperte viel und wie es ihr gerade in den Sinn kam und sie konnte Erwachsene mit ihrer offenen Art becircen.

Die Erziehung im Hause Meinhof scheint nicht besonders streng gewesen zu sein. Die Kinder waren nicht übermäßig behütet und vor allem Ulrike trieb sich viel im Freien herum und war häufig mit den Kindern aus der Nachbarschaft zusammen. Im Sommer zogen sie in Banden umher, um Kirschen, Apfel oder Pflaumen von den Obstbäumen zu klauen. Die kleine Ulrike tat sich schon bald hervor, weil sie besonders draufgängerisch und überhaupt nicht weinerlich war. Sogar wenn sie sich das Knie oder den Ellbogen aufgeschlagen hatte und die Tränen ihr vor Schmerz die Wangen herunterrollten, konnte sie noch lachen.8 Einmal soll sie sogar vom Baum gefallen sein und sich das Nasenbein gebrochen haben.

Trotz dieser Freiheiten legte doch besonders ihr Vater Wert auf eine christliche Erziehung. Wienke und Ulrike lernten Instrumente, es wurde Hausmusik gemacht und man sang Kirchenlieder. Sonntags besuchte man den Gottesdienst und selbstverständlich wurde vor dem Essen gebetet.

Im dritten Jahr in Jena, 1939, scheint die Ehe zwischen Werner und Ingeborg Meinhof einen tiefen Riss bekommen zu haben. Ingeborg Meinhof lernte einen anderen Mann kennen und hatte eine kurze, aber heftige Affäre mit ihm. Ulrike Meinhof wusste später von diesem Seitensprung ihrer Mutter und hat der Journalistin Christa Rotzoll davon erzählt.9 Werner Meinhof muss sehr verletzt und enttäuscht gewesen sein über den Treuebruch seiner Frau, und den beiden blieb auch nicht mehr viel Zeit, sich wieder zu versöhnen.

Im Herbst, als Hitlers Truppen in Polen einfielen und der Zweite Weltkrieg begann, wurde Werner Meinhof krank. Die Ärzte fanden lange keine Ursache und vermuteten ein Magengeschwür. Die Behandlungen bewirkten keine Besserung. Werner Meinhof wurde zusehends magerer und kraftloser und gegen die unerträglichen Schmerzen halfen bald keine Spritzen mehr. Viel zu spät erkannte man, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte. Sein Vater Johannes Meinhof kam nach Jena, um dem Todkranken beizustehen. Und am 7. Februar 1940 mittags teilte Johannes Meinhof dem Bürgermeister der Stadt mit, dass sein Sohn um 10 Uhr vormittags verstorben sei.

Die fast neunjährige Wienke konnte vielleicht schon verstehen, was passiert war. Aber wie sollte ein fünfeinhalbjähriges Mädchen begreifen, dass der Vater nun tot ist? Die Verwandten wunderten sich, wie scheinbar gleichgültig Ulrike den Tod des Vaters hinnahm. Sie hatte auf der Straße gespielt, als man sie ins Haus holte und ihr die traurige Nachricht sagte. Ja, hatte sie gesagt, ach ja? Und dann war sie wieder nach draußen gegangen und hatte weiter Ball gespielt.

Auf Wunsch seines Vaters sollte Werner Meinhof in Halle beerdigt werden. Doch vorher fand am 10. Februar im Jenaer Stadtmuseum eine große Trauerfeier statt. Alles, was in Jena Rang und Namen hatte, war anwesend. Den Sarg schmückte ein Kranz mit Hakenkreuzschleife und dem Aufdruck: »Ihrem Museumsleiter Dr. phil. Werner Meinhof, die dankbare Universitätsstadt Jena«.

Für Ingeborg Meinhof war die Situation nach dem Tod ihres Mannes prekär. Werner Meinhof war kein Staatsbeamter gewesen, sondern Angestellter der Stadt. Aus diesem Grund bekam sie keine Beamtenpension. Alles, was ihr zustand, war eine kleine Rente von 72,50 Reichsmark monatlich aus der Angestelltenversicherung und ein Witwen- und Waisengeld von 18 Reichsmark monatlich. Davon konnte Ingeborg Meinhof unmöglich leben. Sie musste ihren weiteren Lebensunterhalt selbst verdienen. Aber wie? Sie hatte zwar Abitur, aber sonst keine Ausbildung.

In dieser Notlage verhielt sich die Stadtverwaltung von Jena sehr großzügig. Sie gewährte der jungen Witwe Unterstützung aus städtischen Mitteln, was ihr ermöglichen sollte, drei Jahre zu studieren und einen Beruf zu ergreifen. Außerdem erhielt sie noch ein Stipendium aus der »Opitz-Behrends-Stiftung«. Ingeborg Meinhof gab an, wie ihr verstorbener Mann ein kunstwissenschaftliches Studium absolvieren zu wollen, um später als Lehrerin zu arbeiten.

Auch mit dieser finanziellen Hilfe war Ingeborg Meinhofs Lage schwer genug. Sie musste zwei Kinder versorgen und erziehen und nebenbei noch ein Studium bewältigen. Außerdem war Krieg. Und obwohl in Deutschland große Euphorie und Siegesgewissheit herrschten, wusste doch keiner, wie alles enden wird.

II. Kinder des Kriegs

»Ich glaube, ich muss den Bubi heiraten, der schützt sich so an mir.«