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Krise? Welche Krise? Als Jan eines Tages vor dem Spiegel steht, trifft es ihn wie ein Schlag: Er hat die Hälfte seines Lebens bereits hinter sich. So fit und gutaussehend, wie er früher einmal war, ist er schon lange nicht mehr. Doch der Mittvierziger will das nicht einfach auf sich sitzenlassen. Schließlich kann man auch in seinem Alter noch cool sein! Egal, ob beim Yoga, auf seinem brandneuen Rennrad oder im Club – Jan setzt alles daran, die Zeit seines Lebens zu haben. Und von den beschämten Blicken seiner Frau und den harschen Kommentaren seiner Kinder wird er sich bestimmt nicht abhalten lassen! Ein Trostbuch für Männer, die auch jenseits der vierzig noch über sich lachen können, und für Frauen, die ihren Mann auf einmal nicht mehr wiedererkennen.
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2021
Jan Mathis Eick
Einsichten aus der Lebensmitte
Krise? Welche Krise?Als Jan eines Tages vor dem Spiegel steht, trifft es ihn wie ein Schlag: Er hat die Hälfte seines Lebens bereits hinter sich. So fit und gutaussehend, wie er früher einmal war, ist er schon lange nicht mehr. Doch der Mittvierziger will das nicht einfach auf sich sitzenlassen. Schließlich kann man auch in seinem Alter noch cool sein! Egal, ob beim Yoga, auf seinem brandneuen Rennrad oder im Club – Jan setzt alles daran, die Zeit seines Lebens zu haben. Und von den beschämten Blicken seiner Frau und den harschen Kommentaren seiner Kinder wird er sich bestimmt nicht abhalten lassen!
Ein Trostbuch für Männer, die auch jenseits der vierzig noch über sich lachen können, und für Frauen, die ihren Mann auf einmal nicht mehr wiedererkennen.
Jan Mathis Eick lebt in Köln. Er lehrt Drehbuchschreiben und arbeitet fürs Fernsehen.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, August 2021
Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung zero-media.net, München
Coverabbildung FinePic®, München
ISBN 978-3-644-00964-6
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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ERSTES KAPITEL, in dem ich eine erschreckende Erkenntnis mache
ZWEITES KAPITEL, in dem ich mit meinem Körper hadere
DRITTES KAPITEL, in dem ich Sport mache
VIERTES KAPITEL, in dem ich meine Beziehung reflektiere
FÜNFTES KAPITEL, in dem ich ein Abenteuerwochenende will
SECHSTES KAPITEL, in dem ich mir ein Longboard kaufe
SIEBTES KAPITEL, in dem ich voll im Trend bin
ACHTES KAPITEL, in dem ich mich besser ernähre
NEUNTES KAPITEL, in dem ich weniger trinke
ZEHNTES KAPITEL, in dem ich mir andere Freunde wünsche
ELFTES KAPITEL, in dem ich endlich mal wieder steilgehe
ZWÖLFTES KAPITEL, in dem ich date
DREIZEHNTES KAPITEL, in dem ich Sex habe
VIERZEHNTES KAPITEL, in dem ich eine Kette am Bein habe
FÜNFZEHNTES KAPITEL, in dem ich mich nicht berufen fühle
SECHZEHNTES KAPITEL, in dem ich eine Reise machen will
SIEBZEHNTES KAPITEL, in dem ich aus Versehen Survivaltraining mache
ACHTZEHNTES KAPITEL, in dem ich eine besondere Geburtstagsüberraschung erlebe
NEUNZEHNTES KAPITEL, in dem ich mich mit Achtsamkeit versuche
ZWANZIGSTES KAPITEL, in dem ich auch mal über andere nachdenke
EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL, in dem ich beinahe philosophisch werde
Letztens war ich in einem Wagen voller Anfangspubertierender unterwegs. Warum? Weil die zwölf- bis dreizehnjährigen Jungs zwar einerseits supergroß, supercool und supersuperselbständig sind, sich aber andererseits gerade mal ein Butterbrot schmieren können. Und selbst das kriegen sie nur dann hin, wenn sie daraufhin sofort ALLES liegen lassen: das aufgeschnittene Brot, das schmutzige Messer, die Butter, die Salami, den Käse, die Mayonnaise, die Marmelade. (Fragen Sie mich nicht nach dieser Kombination, aber Tatsache ist: Die essen das alles zusammen. Gleichzeitig. Mein Sohn zumindest.) Auch die Krümel und die offene Milchflasche bleiben auf der Anrichte – und zwar den ganzen Nachmittag lang. Abends haben sich dann schon die Ränder der mittlerweile grauen Salami gewellt, das Brot ist steinhart, die Krümel sind auf der Tischplatte festgewachsen, und die Milch hat sich in Richtung Käse entwickelt, der Käse selbst allerdings ist zu einer undefinierbaren Masse geworden. Und all das, weil ihre pubertierenden Gehirnzellen nur dem Befehl «Essen! Jetzt!» gefolgt sind und jede Konsequenz absolut ausgeblendet haben. Komisch, wo die Jungs in dem Alter sonst doch extrem auf Konsequenzen achten. Etwa wenn es darum geht, wie lange sie ihr Handy nutzen dürfen, wenn sie vorher das und das gemacht haben. Zum Fußball kommen sie jedenfalls nicht alleine, obwohl sie sonst jede Bahnverbindung auswendig kennen, die sie zu Footlocker, McDonald’s oder zur Eisdiele führt.
Als ich in diesem Wagen saß und vier anfangspubertierende Jungs zum Fußballspiel fuhr, stellte ich Folgendes fest: A) Nicht jeder von ihnen benutzte ein Deo. B) Mindestens einer trug seine Socken schon sehr, sehr lang. C) Sie alle hatten einen mehr als fragwürdigen Musikgeschmack. Dennoch wurde ich, während ich den Jungs so hinterhersah, wie sie über den Parkplatz liefen und meinen hilflosen Ruf «Ich hole euch um vier wieder ab! Das Spiel ist doch um vier zu Ende, oder? Hallo? Könnt ihr mal …» völlig ignorierten, auf einmal ganz sentimental. Nicht weil mein Sohn mich nicht mehr beachtet und immer mehr auf eigenen Füßen steht und bald größer ist als ich und ganz bald, es ist nur noch eine Frage von Wochen, ausziehen wird und dann nur noch einmal im Jahr zu Weihnachten nach Hause kommt und sich zwischendurch höchstens meldet, um mich anzupumpen … Äh, wo war ich?
Genau: Bei dem Bild dieser vier Jungs auf dem Parkplatz: Ihre Rücken durchgedrückt, die Köpfe erhoben, die langen, schlaksigen Beine und Arme zwar etwas unkoordiniert schlenkernd, dafür aber voller Energie. Sie bebten vor Kraft und Virilität – ohne dass ihnen das überhaupt bewusst war. Und ohne dass sie damit etwas anfangen konnten. Außer Fußballspielen vielleicht. Ihre Körper waren eine straffe und gleichzeitig elastische Materie, die im nächsten Moment explodieren und von null auf hundert in einer Sekunde beschleunigen konnte. Egal, in welche Richtung. Sie alle waren kräftig, kompakt, gleichzeitig schlank und elegant. Und voller Energie. Unter uns: Mein Sohn hat einen Eightpack! Keinen Sixpack, nein, ACHT Muskeln sind da zu sehen. Ich weiß gar nicht, wie das anatomisch möglich ist. Erst recht, wenn man sich ansieht, was der isst: Käse-Salami-Mayonnaise-Marmeladen-Butterbrot, und zwar in rauen Mengen. Natürlich nur, wenn kein Burger oder Gyros oder Nudelauflauf in der Nähe ist.
Ich betone immer, dass das Eightpack vererbt ist. Also durch mich! Nicht durch meine Frau! Na, danke für Ihr Vertrauen.
Gut, wenn wir ehrlich sind: Sabine hat den schlankeren Bauch. Und natürlich hat keiner von uns einen Six-, Four- oder auch nur Twopack. In unserem Alter haben das nur neurotische Extremsportler kurz vor der Magersucht oder Brad Pitt und Daniel Craig. Aber ich habe auch gelesen, wie sehr die sich runterhungern müssen vor dem Dreh. Für eine Oben-ohne-Szene drei Monate Selbstkasteiung! Kein Wunder, dass der Daniel Craig als James Bond aufhört. Weil der mal wieder essen will!
Als ich in dem Wagen saß und den vier Silhouetten hinterhersah und dann auf meine teigigen Finger blickte, die den Anlasser wieder betätigten, fühlte ich mich auf jeden Fall auf einmal entsetzlich alt. Und fett. Und formlos. Wie der Käse, den mein Sohn auf der Küchenplatte vergessen hatte. Und da hatte ich noch nicht mal auf meinen Bauch geschaut.
Verstehen wir uns nicht falsch: Mein Körper ist schon okay. Ich bin nie zu fett, zu groß, zu klein, zu krumm oder zu irgendwas gewesen, sondern einfach nur: normal. Klar hatte ich früher auch mal neidisch auf andere Oberarme gestarrt und mich gefragt, warum mein Bizeps so groß nicht wachsen wollte oder warum meine Schultern nicht so breit, mein Po dagegen vielleicht etwas zu breit oder die Oberschenkel zu dick waren … Doch insgesamt war das alles schon in Ordnung gewesen. Irgendwie. Aber jetzt? Mein Po, der früher mal ein Knackarsch gewesen war (das hatte nicht nur Sabine, sondern das hatten auch andere Frauen, die ich dann aber nicht geheiratet habe, mehrfach betont), rutschte formlos auf dem Autositz herum, und der Gurt schnitt in meinen Bauch.
Und dann lief auch noch Sophie vor meiner Nase vorbei! Sophie ist die ziemlich attraktive, etwas jüngere Mutter eines der Sporttalente aus der Mannschaft meines Sohnes. Ich winkte ihr zu. Lächelnd. Sophie ignorierte mich. Ich war unsichtbar.
Und zwar zu Recht.
Denn ich hatte mich heute ja noch nicht mal selbst angesehen! Oder vielmehr: In den ganzen letzten Jahren nicht! Ich hatte meinen Körper seit Ewigkeiten nicht mehr richtig angeschaut. Ich hatte ihn wahrgenommen, als wäre er, tja, so was wie das Küchenfenster. Nämlich gar nicht. Ja, man benutzt es jeden Tag. Aber man denkt nicht drüber nach, es ist einfach da. Es fällt nur auf, wenn es dreckig ist und man überlegt, es zu putzen. Was bei mir höchstens einmal im Jahr vorkommt. Hm … Moment. Wer putzt eigentlich die Fenster bei uns? Ich jedenfalls nicht. Wahrscheinlich Sabine. Oder die Putzfrau? Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Das sagt eine Menge über mich aus, oder? Ebenso über meine Beziehung. Und über die Beziehung zu meinem Körper.
Also klar, nach den Weihnachtstagen gibt es immer mal einen Scherz übers Abnehmen, Gleiches gilt für die Zeit nach Karneval, und der erste Tag im Sommerurlaub ist natürlich wirklich, wirklich schlimm. Wenn man sich viel zu blass und rotädrig in die irgendwie viel zu kleine Badehose zwängt und einem die ersten Stunden lang ganz flau ist, weil man, nachdem man aus dem Hotelzimmer/der Wohnung/dem Zelt getreten ist, die ganze Zeit panisch die Luft und den Bauch einzieht. Aber das hat doch jeder. Das ist doch ganz normal, dass man sich in bestimmten Momenten in seinem Körper etwas unwohl, zu dick oder zu formlos fühlt. Aber das gibt sich ja irgendwann auch wieder. Am zweiten Strandtag. Oder irgendwann, wenn man doch mal wieder mit seiner Frau geschlafen hat.
Aber in diesem Moment, da auf dem Parkplatz, hätte auch Sex mit Sabine kaum geholfen. Nachdem ich die Jungs beim Fußball abgesetzt hatte, fuhr ich nach Hause und betrachtete mich nackt im Spiegel. Ich sah: Formlosigkeit. Die Muskeln meiner Oberarme hingen nach unten. Die Schultern wirkten plötzlich speckig. Mein Rücken rund. Von dem Rettungsring um meine Hüften gar nicht zu reden. In diesem Moment wurde mir klar: Es geht nicht mehr weg. Dieses Gefühl, dass ich in einem Körper stecke, der irgendwie nicht mehr der meine ist. Aber gleichzeitig und leider schon derjenige, mit dem ich jetzt klarkommen muss, obwohl es echt unangenehm ist. Als ob Tante Inge nach den Weihnachtsfeiertagen sagt: So, ich bleibe jetzt hier bei euch. Ich ziehe jetzt hier ein.
Na danke.
Plötzlich hatte ich ein Körperbewusstsein. Und ein Gefühl von Endlichkeit. Zuvor hatte ich meinen Körper jahrelang ignoriert, hingenommen, kaum beachtet. Aber jetzt schob er sich erbarmungslos in mein Hirn, meine Gedanken. Mir wurde schmerzlich bewusst: Mein Körper zerfällt! Er zergeht langsam, verwandelt sich in immer mehr und immer weichere Teile. Wahrscheinlich werde ich irgendwann eine unförmige Masse sein, ein Blubb. Knapp vor der Auflösung in einen undefinierbaren Bakterienschleim.
Ich war in der Mitte meines Lebens. Das bedeutete aber auch, dass ich die Hälfte schon hinter mir hatte. Dass der Zenit überschritten war. Dass von jetzt an runtergezählt wird.
Diese Erkenntnis traf mich hart.
Also, wir werden alle irgendwann sterben. Das ist ja mal klar. Und es ist natürlich gut, das auch mal auszusprechen, sich mit den wichtigen, elementaren Themen zu beschäftigen, das Unausweichliche zu benennen. Wir sind hier ja schließlich nicht beim Töpfern. Sondern es geht ums Leben. Zur Erinnerung: Das ist das Ding, das wir täglich tun, während wir aufstehen, uns ins ungewaschene Gesicht blicken, ein trostloses Müsli in uns hineinschaufeln, zur Arbeit fahren, uns dort langweilen, ärgern, uns herausgefordert oder meinetwegen auch überfordert fühlen, den Abend mit der Familie, Freunden oder dem Bildschirm verbringen und irgendwann erschöpft zurück in die Federn sinken. Also das Ding, mit dem wir ständig unsere Zeit verbringen. Und zwar nicht nur Quality Time, sondern hundert Prozent unserer Zeit. Bis es dann vorbei ist und wir sterben. Das ist irgendwie … bitter, oder?
Wir sterben. Komisch, dass mir das nie aufgefallen ist. Na klar weiß man, dass man stirbt. Aber der Tod ist für mich immer etwas Unkonkretes gewesen, dahinten, in weiter, weiter Ferne, etwas, von dem man ahnt, dass es kommen würde, aber eben irgendwann. Und bis dahin dauert es noch ewig, insofern muss man sich nicht damit beschäftigen. Es ist ungefähr so, als würde man einem Grundschulkind seinen ersten Buchstaben erklären: Schau mal, das ist das «A». Und übrigens, das Abitur, das du in zwölf Jahren machen wirst, das fängt auch mit «A» an. Das Grundschulkind sieht den Erwachsenen mit großen Augen an und denkt sich: Zwölf Jahre sind das Doppelte meines jetzigen Lebensalters, glaubst du wirklich, ich könnte mir vorstellen, was das bedeutet, so längenmäßig? Und was habt ihr eigentlich dauernd mit eurem doofen Abitur? Ich weiß nicht, was das ist, aber okay, es ist anscheinend wichtig, und es fängt mit «A» an. Doch darf ich vielleicht überhaupt erst mal mit der Schule anfangen, bevor ich ans Ende denke?
Ich schweife schon wieder ab. Der Punkt ist: Ich begriff in diesem Moment vor dem Spiegel, dass ich sterben werde. Mal so in echt. In real. Ich weiß, dass es irgendwann vorbei sein wird. Vielleicht bald. Dafür brauchte es kein Nahtoderlebnis, keinen entsetzlich tragischen Unfall im Freundeskreis, keine dramatische Begebenheit, die mir meine Vergänglichkeit drastisch vor Augen geführt hätte, und keine blöden Losungssprüche à la carpe diem, die mir sagen, dass ich jeden Tag angehen soll, als wäre es mein letzter. Also: Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass ich heute Abend sterben werde? Ich würde sicherlich nicht zur Arbeit gehen. Ich würde nicht versuchen, diese Rechnung über den Hausratsversicherungsbeitrag nachzuvollziehen. Ich würde mir mittags die beste Flasche Wein aufmachen, die ich finden kann, ich würde definitiv Sex haben, ich würde endlich (!) wieder rauchen, und ich würde die Tafel Salzkaramell-Schokolade in einem Rutsch aufessen, die mich schon seit Wochen so verführerisch aus dem Schrank anblinzelt. Ja, ich würde sofort losziehen und noch drei weitere Tafeln kaufen. Kurz: Ich würde mir alles reinpfeifen, was geht, und so viele Glückshormone ausschütten wie möglich.
Aber das jeden Tag??? Hm, da wäre ich skeptisch, ob das funktioniert. Mein Arbeitgeber wäre bestimmt dagegen. Sabine und die Kinder wahrscheinlich auch. Ganz zu schweigen von meiner Leber und meiner Lunge.
Plötzlich begriff ich, dass ich mein Leben hinterfragen musste. Dass ich wirklich mal überprüfen musste, ob das, was ich da täglich tue, dieses Leben, eigentlich das Richtige für mich ist. Ob es nicht noch etwas anderes gibt. Etwas, das mehr Sinn macht. Das besser ist. Das mich glücklicher macht. Das mich mehr erfüllt.
Früher habe ich Leute belächelt, die das Wort «Erfüllung» benutzten. Alberner, esoterischer Scheiß. Befindlichkeitsmist. Aber wenn ich recht drüber nachdenke – so richtig ausgefüllt fühle ich mich nicht. Irgendwo ist da so ein komisches Gefühl. Eine diffuse Leere in mir. Eine Abgestumpftheit. Eine Taubheit. Gott, wie lang ist das her, dass ich mich richtig gespürt habe. Dass ich elektrisiert war, blitzend, vibrierend. Lebend.
Alles ist so langweilig. Eingefahren. Abgenutzt. Es sind die ewig gleichen Routinen. Abläufe. Regeln. Ja, es ist nicht alles schlecht, es gibt ein Auf und Ab, sicherlich. Wir bewegen uns eben wie auf den Schienen einer Achterbahn durchs Leben. Nur dass meine Achterbahn eher die Mäuse-Achterbahn für Kleinkinder ist, mit genau einer einzigen Erhöhung in der Mitte, wo es dann, hui, anderthalb Meter in den Abgrund geht. Genauso spannend und bewegt ist mein Leben.
Mir wurde klar, dass ich etwas ändern muss.
Ich beschloss also, etwas in meinem Leben zu ändern. Ich wusste noch nicht genau, was das sein würde, aber um mein angeknackstes Selbstbewusstsein aufzubauen, vereinbarte ich erst mal einen Friseurtermin. Im Gegensatz zu anderen Männern meines Alters bin ich zum Glück mit einem dichten Haarwuchs gesegnet. Ich war mir sicher: Ein frischer Schnitt (vielleicht die Seiten anrasiert?) und ich würde mich gleich besser fühlen. Ich hatte nicht bedacht, wie lange man beim Friseur vorm Spiegel sitzt.
Ich gehe seit Jahren zum selben Friseur, weil er praktischerweise in der Nähe ist und Jacques und ich eine Abmachung haben: Wir reden nur ganz kurz über Belangloses (seine Partynächte auf Ibiza, sein wechselhaftes Liebesleben, die Fußballergebnisse), dann senke ich den Kopf und lese ein Magazin. Und genieße die Ruhe. Den ungestörten Moment. Dass Jacques Jacques heißt und schwul ist und ein Friseur und das doch eigentlich ein großartiges Klischee, ist auch ein Grund, weshalb ich zu ihm gehe, wenn ich ehrlich bin.
Während Jacques sich an meinen Haaren zu schaffen machte, betrachtete ich mich im Spiegel. Schon wieder. Die Falten unter den Augen – geschenkt. Das sind Lachfalten! Ich lache halt gerne. Gut, womöglich hatte die ein oder andere Flasche Rotwein die Falten etwas tiefer gefurcht, oder eher: hineingefräst, aber na ja. Und ich habe ein paar Hautunreinheiten. Bin etwas blass. Könnte frischer aussehen. Okay, okay. Und ich habe Haare in der Nase. Die habe ich immer schon gekürzt – jetzt allerdings war es ein ganzer Dschungel geworden. Und ich habe Haare auf den Ohren! Warum da? Was ergibt das für einen Sinn??? AUF den Ohren? Allein evolutionär? Das ist doch Quatsch!
Ich sah Jacques im Spiegel an und spielte auf meine Geheimratsecken an, die sich ganz klein und leicht abzeichneten. Ich machte zwei, drei Scherze in Richtung: «Wenn die Haare auf meinen Ohren doch einfach dort wachsen würden …» Leider verstand Jacques dies nicht als Scherz und fing auf einmal an, von Haartransplantation zu schwafeln. Haartransplantation!!! Ich werde mir wohl einen anderen Friseur suchen müssen. Ich dachte, Jacques und ich wären Freunde!
Plötzlich war alles ganz schlimm. Ich begann zu recherchieren: Weil die Zellen sich langsamer erneuern, verliert die Haut ab dem dreißigsten Lebensjahr an Elastizität und Festigkeit. Rauchen und UV-Strahlungen beschleunigen den Vorgang, und irgendwann entstehen diese seltsamen Altersflecken, von denen ich auch zwei auf meinen Händen entdeckte. Als ich Sabine darauf ansprach, lachte sie und sagte, das wären Muttermale, die hätte ich schon immer gehabt. Wer’s glaubt, wird selig!
Aber der individuelle Gencocktail bestimmt, wie stark die Regenerationsfähigkeit unserer Zellen ausgeprägt ist. Also, ob wir schon mit dreißig eine Stirnglatze bekommen oder mit sechzig. Oder gar nicht. Oder – ein eher weibliches Ding – ob wir die sogenannte Orangenhaut schon mit Anfang zwanzig bekommen oder später irgendwann. Das hat halt mit dem Bindegewebe zu tun, das bei jedem anders ist. Aber bei uns allen verliert die Haut über die Jahre an Elastizität und Stabilität, das ist nun mal Fakt. Denn dessen Bausteine Kollagen und Elastin werden immer weniger.
Dafür lagert sich das Bindegewebe (zusammen mit Fettgewebe) über die Jahre immer mehr im Herzmuskel ein. Das Herz nimmt konsequenterweise dadurch zwar an Gewicht zu, die Muskelmasse nimmt jedoch ab. (Na danke.) Gleichzeitig wird seine Leistungsfähigkeit geringer. (Doppelt danke.)
Auch die Knochendichte nimmt ab, je älter wir werden. Die Knochen werden spröder, brüchiger und weniger belastbar. Das Knorpelgewebe verliert an Substanz und Elastizität und wird immer stärker abgenutzt. Daher kommt es zu Verkalkungen und Verknöcherungen, was ich heute Morgen gemerkt habe, als ich vom Sofa aufgestanden bin. Oder liegt es daran, dass meine Sehnen und Bänder an Elastizität verloren haben? Ebenfalls sehr wahrscheinlich.
Ab dreißig werden die Muskeln schwächer, da die Anzahl der Muskelfasern und die Muskelmasse selbst abnehmen. Stattdessen lagert sich mehr Binde- und Fettgewebe in den Muskeln ein. Eigentlich sind die Muskeln in meinem Alter so was wie ein aufgepumpter Bodybuilder, der zwar nach außen hin stark wirkt, aber jedem schlanken professionellen Sportkletterer unterliegen würde. Denn Letztere benutzen ihre Muskeln auch tatsächlich. Daher bestehen die nicht nur aus Protein und Luft.
Meine Muskeln … bestehen aus gar nichts. Also, außer Pudding. Wie gesagt: Der Energiestoffwechsel funktioniert ab dreißig nicht mehr so wirkungsvoll. Und das ist auch der Grund, warum die meisten von uns im Alter runder werden.
Denn mit steigendem Alter verändern sich sämtliche inneren Organe, die am Verdauungsprozess beteiligt sind, und dadurch der Stoffwechsel und die Körperzusammensetzung. Bisher war unser Körper jahrzehntelang auf Wachstum programmiert, aber spätestens ab vierzig Jahren stellt sich der Organismus um. Plötzlich erklärt er: So, das reicht. Mehr ist nicht. Ab jetzt geht es nur noch um den Erhalt dessen, was da ist. Je nach genetischer Veranlagung drosselt sich der Stoffwechsel um bis zu 15 Prozent. Der Energieverbrauch sinkt, und die Körperzusammensetzung verändert sich. Ab dem dreißigsten Lebensjahr (wenn ich diese verd%&$//§§te Zahl noch einmal höre!) verlieren wir pro Jahr etwa ein Prozent Muskelmasse! Dafür steigt der Fettanteil. Perfide ist, dass man das zunächst häufig nicht merkt. Das Gewicht bleibt erst mal konstant, aber der Energieverbrauch sinkt – denn Fettzellen verbrennen weniger Kalorien als Muskelzellen.
Die Erkenntnis, dass sich mein Körper, den ich jahrelang einfach nicht beachtet habe und der mir erst jetzt wieder so richtig bewusst geworden ist, im freien Fall befindet, traf mich hart. Alles geht zu Ende! Ich werde nie wieder zu körperlichen Höchstleistungen fähig sein, der Peak ist ein für alle Mal überschritten! Ich werde nie Ballett tanzen können. (Gut – das habe ich bisher auch nie gewollt. Aber es geht um das Prinzip!) Ich bin geschockt.
Vielleicht liegt das auch an den Hormonen? Denn auch die stellen sich um. Ab etwa vierzig Jahren sinkt der weibliche Östrogenspiegel – das begünstigt übrigens die Fetteinlagerung am Bauch. Männer produzieren ab Anfang vierzig weniger Testosteron, was zu einer Abnahme der Muskulatur führt. Der Bauch hingegen wächst. Denn mit zunehmendem Alter sinkt der Somatropin-Spiegel, das ist ein Wachstumshormon, das lipolytisch, also fettabbauend wirkt. Das gilt für beide Geschlechter. Die klassischen Wechseljahre allerdings bekommen nur Frauen. Bei den Männern gibt es etwas Ähnliches, Andropause genannt, aber das ist Pillepalle, im Vergleich. Wir kriegen nicht Hitzewallungen, Erschöpfungszustände, Herzrasen, Schweißausbrüche, Haarausfall, Scheidentrockenheit, Harnwegsinfektionen, Blasenschwäche, Schlafstörungen, Depressionen, Stimmungsschwankungen oder sind andauernd nervös. Wir müssen uns nicht damit abfinden, dass wir uns nicht mehr fortpflanzen können. Denn das ist dann endgültig vorbei. Schluss. Aus.
Apropos Endgültigkeiten: Wir müssen noch mal über Haare reden. Und zwar über graue. Ich bekomme allmählich immer mehr davon an den Schläfen, auch in meinem Fünftagebart tummeln sich immer mehr. (Ich habe leider nicht so einen starken Bartwuchs, sprich: Ich brauche fünf Tage, um das hinzukriegen, was andere bartwuchsmäßig in zwei Tagen schaffen. Oder irgendwelche südländischen Testosteron-Könige innerhalb von wenigen Stunden. Aber dafür kriegen die auch Haare auf Brust und Rücken und wirken insgesamt wie archaische Urviecher. Warum Sabine darauf steht, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Warum sie abstreitet, dass sie das sexy findet, auch. Dabei ist es doch offensichtlich.) Ich jedenfalls mag meine grauen Haare und bin jedes Mal ein bisschen enttäuscht, wenn ich von Jacques komme, der die Schläfen gekürzt und mir damit auch die grauen Haare weggeschnitten hat. Aber jetzt muss ich mir ja eh einen neuen Friseur suchen.
Ich finde, die grauen Haare geben mir etwas Männliches, Souveränes. Ja, ich sehe ein bisschen wie George Clooney aus. Als ich das Letztens zufällig beim Abendessen fallen ließ – ich war in die Enge getrieben worden, es ging um meinen Freund Marc, und Sabine meinte, er würde sich die Haare färben, und ich widersprach, und ein Wort gab das andere, und am Ende sagte ich das mit Clooney und mir, und dann herrschte einen Moment Stille am Tisch. Bis Sabine in lautes Lachen ausbrach. Ben sagte mitleidig «Chill mal, Digger», und Leonie blickte verständnislos hin und her, weil sie George Clooney nicht kennt, dann aber setzte sie an, um mich stolz zu verteidigen: «Es ist doch schön, wenn Papa aussieht wie jemand anderes. Das ist doch viel besser.» Na danke.
Besonders das laute, unkontrollierte Losprusten von Sabine hat mich geärgert. Aber wissen Sie was? Das ist der pure Neid. Denn graue Haare bei Frauen sind schwierig. Sagt man zumindest. Und wenn ich mich in unserem Freundeskreis umsehe, dann stimmt das auch. Sobald das Thema aufkommt, ziehen sich die Frauen in verschwörerische Geheimkreise zurück und tuscheln über Strähnchen, Ansatz färben, tönen und so weiter. Bei Frauen scheinen die grauen Haare erstes, deutlichstes und sichtbarstes Zeichen des Älterwerdens zu sein. Die körperlichen Veränderungen kann man unter weiten Pullis und Hosen verstecken, den Kopf nun mal nicht. Deswegen werden die grauen Haare mit einem Hass und einer Vehemenz bekämpft, die selbst gestandene Kriegsherren der Geschichte sofort eingeschüchtert hätte. Dabei ist der Kampf vergeblich.
Bei den Haaren sorgt das Farbpigment Melatonin, das durch Blutgefäße und Talgdrüsen an der Haarwurzel produziert wird, für die Farbgebung. Im Alter lässt die Produktion von Melatonin nach, weil die zuständige Aminosäure Tyrosin weniger verfügbar ist. Die Haare werden erst grau, dann weiß. Wann wir ergrauen, ist erblich bedingt. Faktoren wie Stress, ungesunde Ernährung, Krankheiten, starker Alkoholgenuss und Nikotin, Kupfermangel oder auch ein Schock können dazu führen, dass die Haare frühzeitig ergrauen. Ich habe allerdings gelesen, dass man dies aufhalten kann, indem man den Körper mit viel Antioxidanzien versorgt. Die finden sich zum Beispiel in Heidelbeeren, Rotwein und Schokolade. Inwieweit das mit der ungesunden Ernährung korreliert (lassen wir die Heidelbeeren mal beiseite), weiß ich allerdings nicht.
Irgendwo habe ich außerdem gelesen, dass mit dem Alter bestimmte Dinge auch besser werden. Das räumliche Vorstellungsvermögen zum Beispiel. Wofür auch immer man das braucht. Oder die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Oder Gesetzmäßigkeiten. Aber das war es auch schon. Wahrscheinlich hat den besagten Artikel ein Dreißigjähriger geschrieben, der irgendwas suchte, um seine Leser zu trösten. Hat nicht wirklich funktioniert.
Ich habe nachgedacht. Die Medizin beschreibt das Altern als einen unumkehrbaren Prozess, der mit dem Nachlassen von Organfunktionen zu tun hat. Anders gesagt: Altern ist ein Verlust von Möglichkeiten. Alles wird immer weniger. Das Einzige, was man tun kann: Sich dem Zerfall entgegenstemmen. Ihn aufschieben, so gut wie möglich.
Und genau das werde ich tun! Ich werde mich nicht bevormunden lassen! Ich werde das nicht hinnehmen! Jetzt, wo ich ihn gerade wiedergefunden habe, will man mir meinen Körper nehmen? Das lasse ich nicht zu. Ich werde kämpfen! Morgen gehe ich zum Sport!
Und nein, nicht zum Ballett.
PS: Während ich recherchierte, saß ich anscheinend in einer extrem problematischen Haltung vor dem Computer. Ich hoffe, der Sport morgen hilft bei meinen Rückenschmerzen.
PPS: Die problematische Haltung ist ehrlicherweise dem Umstand geschuldet, dass ich nicht mehr so gut sehe und deswegen einen genau definierten Abstand zum Bildschirm einhalten muss. Andernfalls verschwimmt alles. Ich habe Altersweitsichtigkeit! Ich habe gelesen (indem ich die Apothekenrundschau weit, weit von mir weggehalten habe), dass die sogenannte Presbyopie JEDEN betrifft. Ich bin also nicht die Ausnahme oder genetisch benachteiligt. Das könnte mich trösten, tut es aber nicht. Denn Teil zwei dessen, was ich gelesen habe: Altersweitsichtigkeit lässt sich auch mit Sport und gesunder Ernährung nicht verhindern oder gar verbessern. Es ist alles für die Katz!
PPPS: Ich werde keine Gleitsichtbrille tragen! No, Sir! Ich werde mir meinen Stolz bewahren …
PPPPS: Ben kam gerade vorbei und wollte sich mein Handy ausleihen. Als er gesehen hat, dass ich die Schriftgröße beim iPhone vergrößert habe, damit ich bequemer lesen kann, hat er einen Lachanfall bekommen …
Ich habe mich noch nie so alt gefühlt.
Als ich ein Kind war, gab es Trimm dich. Eine Kampagne, gestartet von der Bundesregierung, um die Deutschen vor der Überfettung zu retten. Nach den Wirtschaftswunderjahren mit ihren mayonnaisegetränkten Salaten und rahmsoßengetränkten Sonntagsbraten (und ohne den Einfluss der mediterranen Küche, die entdeckte man erst kurz darauf) musste dringend abgespeckt werden. Nicht, dass ich davon etwas mitgekriegt hätte. Ich war rank und schlank und ziemlich drahtig. (Ich würde mal behaupten, dass ich mindestens ein Eightpack hatte.) Kurz: Ich war ein Kind. Sport bestand daraus, dass man mit einem Ball, und sei er auch noch so klein, nachmittags irgendwo draußen rumkickte und dabei Garagentore, Nachbarnerven und die ein oder andere Kniehaut kaputt machte. Mädchen gingen reiten. Falls sie nicht Hüpfseil spielten.
Dann kamen die Skateboards. Ein Trend, dessen Klamottenmode ich mochte, dessen körperliche Beherrschung mir aber völlig versagt blieb. Ich sah jahrelang aus wie ein Skater – ohne dass ich auf einem Rollbrett stehen konnte.
In den Achtzigern kam Aerobic – und das Einzige, was mir davon in Erinnerung geblieben ist, sind irgendwelche ziemlich erotischen Videos. Aber es war nun mal der Anfang meiner Pubertät, da war ALLES erotisch. Sport habe ich keinen gemacht. Natürlich nicht. Ich hatte keine Zeit, ich musste Testosteron produzieren, mich peinlich danebenbenehmen und ständig rot anlaufen, aus vorausahnender Peinlichkeit sozusagen. Die anderen spielten Tennis.
In den Neunzigern gab es Extremsportarten wie Bungee-Springen oder Snowboardfahren – das ist für Leute wie mich, die nicht auf einem Brett mit Rollen unten dran stehen können, eine Extremsportart –, und man fuhr auf Inlineskates.
In den zweitausender Jahren kamen Yoga, Zumba und Bauch-Beine-Po-Übungen auf – zumindest alles mal Sachen, für die man keine Hilfsmittel brauchte. Na gut, fürs Kieser Training schon. Oder eben auch fürs Parcouring (wenn man Treppen, Denkmäler, Mülltonnen, ganze Stockwerke mal wegnimmt, ist Parcours eigentlich so was wie Spazierengehen).
In den zweitausendzehner Jahren gab es Cross Fit und Stand Up Paddling, dann folgten Ballett Beautiful, Aerial Yoga oder Les Mills Barre und lauter andere Dinge, von denen ich keine Ahnung habe.
Nach Jahren sportlicher Abstinenz stand ich vor ein paar Wochen also in dem Fitnessstudio, in dem ich gerade Mitglied geworden war, schaute auf den Kursplan – und hatte keine Ahnung, was sie mir da anboten. Okay, Samba Fit Dance ist wahrscheinlich eine andere Form von Zumba, Yin Yoga ist … keine Ahnung, irgendeine Form von Yoga, aber was, verdammt war Deep Work? Bodyweight Movement? Body Combat? Und, noch mal für Anfänger wie mich: Was ist Pilates? Und was der Unterschied zum Yoga?
Ich kam mir vor, als hätte ich jahrelang in einem Dornröschenschlaf gelegen und nichts mitbekommen. Gar nichts. Klar sind mir Wörter wie «Zumba», «Tinder», «Digital Detox», «Achtsamkeit» usw. immer mal wieder untergekommen, aber so richtig damit beschäftigt habe ich mich nicht. Ich war damit beschäftigt, Kinder großzuziehen, Karriere zu machen (oder, na ja, zumindest nicht zu verhungern), meine Partnerschaft zu festigen, einen Hauskaufplan aufzustellen und mich irgendwie noch ein bisschen jung zu fühlen und nicht ganz weltfremd dahinzudarben. Deswegen sagen mir diese ganzen Begriffe auch irgendwas. Aber nicht wirklich viel. Gefährliches Halbwissen nennt man das wohl. Zumindest möchte ich als Sportneuanfänger nicht plötzlich in einem hammerharten Militärrekrutentraining landen.
