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Kester Schlenz

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Beschreibung

Eine Mordserie mit Verbindungen zum Hamburger Miniatur Wunderland

Im Hamburger Miniatur Wunderland geht ein Mörder um. Zwar sind die Leichen, die er dort deponiert, keine drei Zentimeter lang und aus Kunststoff. Aber sie kündigen grausame reale Morde an, die in Hamburg an identischen Tatorten Obdachlose treffen. Die echten Opfer sind stets versehen mit der Notiz: »Lieblingsleiche«. Die zynische Inszenierung geht sofort viral, sorgt für spektakuläre Bilder. Kommissar Knudsen sieht den Ernst der Lage. Die gesellschaftliche Problematik kennt er: Hamburg ist bundesweit die Stadt mit den meisten Obdachlosen. Und womöglich, so befürchtet Knudsen, treffen die unmenschlichen Killer sogar bei manchen auf klammheimliche Zustimmung. Auch La Lotse, Knudsens Freund, wirkt wieder auf ungewöhnliche Weise an den Ermittlungen mit. Bis es im Sachsenwald vor den Toren Hamburgs schließlich zu einem dramatischen Showdown kommt ...

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Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch

Im Hamburger Miniatur Wunderland geht ein Mörder um. Zwar sind die Leichen, die er dort deponiert, keine drei Zentimeter lang und aus Kunststoff. Aber sie kündigen grausame reale Morde an, die in Hamburg an identischen Tatorten Obdachlose treffen. Die echten Opfer sind stets versehen mit der Notiz: »Lieblingsleiche«. Die zynische Inszenierung geht sofort viral, sorgt für spektakuläre Bilder. Kommissar Knudsen sieht den Ernst der Lage. Die gesellschaftliche Problematik kennt er: Hamburg ist bundesweit die Stadt mit den meisten Obdachlosen. Und womöglich, so befürchtet Knudsen, treffen die unmenschlichen Killer sogar bei manchen auf klammheimliche Zustimmung. Auch La Lotse, Knudsens Freund, wirkt wieder auf ungewöhnliche Weise an den Ermittlungen mit. Bis es im Sachsenwald vor den Toren Hamburgs schließlich zu einem dramatischen Showdown kommt …

Zu den Autoren

Kester Schlenz, geboren 1958, ist ein echtes Nordlicht. Sternzeichen Fische. Geboren in Kiel, aufgewachsen in Schleswig. Mit 16 Jahren samt Family in Richtung Hamburg gezogen. Dort auch studiert und Journalist geworden. Stationen, unter anderem: Szene Hamburg, Cinema, Brigitte und Stern. In der Stern-Kantine ist auch die Idee zum »Bojenmann« geboren worden. Denn regelmäßig wird Schlenz von seinem Kumpel Jepsen mittags im Verlag besucht. Ansonsten spielte Schlenz in seiner Jugend Schlagzeug, und zwar in einer Band, die in Hamburg-Bergedorf weltbekannt war. Der Name der Gruppe tut hier nichts zur Sache. »Sadoboys« klingt ja nun wirklich gewöhnungsbedürftig.

Jan Jepsen, geboren 1962, wurde in der Nacht der großen Hamburger Sturmflut gezeugt. Er wuchs – größtenteils in Gummistiefeln – in der ehemaligen Lotsensiedlung Övelgönne auf: »Unten am Hafen, wo die großen Schiffe schlafen.« Schon früh entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben, Reisen und die Fotografie. Sein erster Roman (»Wie die Wilden«) handelt von einer Kindheit an der Elbe und wurde von der Kritik als Hamburger Antwort auf Tom Sawyer und Huckleberry Finn bezeichnet. Auf einer gemeinsamen Reportage in Norwegen lernte er Kester Schlenz kennen. Aus Kennenlernen wurde Freundschaft, aus Freundschaft in Co-Autorenschaft ihr erster gemeinsamer Krimi »Der Bojenmann«. Das Motto der beiden: Vier Gehirnhälften schreiben (und morden) besser als zwei.

Kester Schlenz & Jan Jepsen

LIEBLINGSLEICHEN

Kriminalroman

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Originalausgabe März 2026

Copyright © btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Covergestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Shutterstock.com (Mschelhorn, anto4ka)

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

MA · Herstellung: han

ISBN 978-3-641-32676-0V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/penguinbuecher

Prolog

Wer von oben auf die ganze Welt blickt, kann sich wie ein Gott fühlen.

Das Miniatur Wunderland war, wie immer, gut gefüllt. Staunend streiften die Besucher durch diese gigantische Modellwelt, in der Züge ratterten, Autos und Busse fuhren, Schiffe schwammen und sogar Flugzeuge starteten und landeten. Zwei Brüder hatten im Jahr 2000 die Idee gehabt, die größte Modelleisenbahn der Welt zu bauen – auf einer Etage eines historischen Gebäudes in der Hamburger Speicherstadt. Sie konnten es selbst kaum fassen, dass aus der anfangs belächelten Idee schließlich eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands werden sollte – gleichauf mit Schloss Neuschwanstein. Aus der ersten, noch überschaubaren Bahn wurden nach und nach 1694 Quadratmeter Modellfläche, auf der über 1300 Züge und rund 11000 Autos durch Berge, Täler und Straßen auf verschiedenen »Kontinenten« fuhren. 292000 kleine Figuren sorgten zudem für simuliertes Leben inmitten all der Fahrzeuge.

Mehr als zwanzig Millionen Menschen hatten die Modellwelt schon besucht, die 365 Tage im Jahr geöffnet war, sogar bis spät in den Abend hinein, um des Besucheransturms Herr zu werden. Alle elf Minuten wurde es kurz dämmrig im Miniatur Wunderland, dann für drei Minuten Nacht, bis wieder der Tag anbrach. Nur die Scheinwerfer an den Zügen und Autos und zahlreiche Zugsignale und Straßenlaternen erhellten dann in der kurzen Nacht die verschiedenen Orte der Miniaturwelt. Ein magischer Moment, der insbesondere die Kinder begeisterte.

An diesem Tag blieb ein Mann im Hamburg-Teil der Anlage vor dem Modell der Speicherstadt stehen. Er trug eine Burberry-Baseballkappe mit beige kariertem Tartanmuster, die er weit in sein Gesicht gezogen hatte. Niemand sollte sich an ihn erinnern. Der Mann starrte auf die Mini-Speicherstadt, suchte einen bestimmen Ort, fand ihn und wartete, bis es wieder Nacht wurde im Miniatur Wunderland. Dann griff er in seine Jackentasche, holte einen kleinen Gegenstand hervor und legte ihn im schützenden Zwielicht der kurzen Nacht an eine ganz bestimmte Stelle.

Als es wieder hell wurde im Miniatur Wunderland, war der Mann bereits verschwunden.

Über der Speicherstadt war die Sonne untergegangen. Der weltgrößte historische Lagerhauskomplex zwischen Oberhafen und Baumwall lag nun im Dunkeln. Sechsundzwanzig Hektar konservierte Geschichte. Ein stilles Zeugnis einstiger Kaufmannsgröße. Hier wurden früher Kaffee, Tee, Kakao oder Kautschuk angeliefert, gelagert, verarbeitet und nach ganz Europa verkauft. Der gesamte Komplex aus Backsteingebäuden stand seit 1991 unter Denkmalschutz. Heute gehörte die Speicherstadt zum UNESCO-Welterbe. Zerschnitten durch Fleete, verbunden durch historische Brücken, tagsüber bevölkert von Tausenden Touristen. Zu Land und zu Wasser.

Nachts aber kehrte hier Ruhe ein. Auch das hektische Treiben gleich nebenan in der modernen Hafencity war dann verstummt. Ab und an ging noch jemand mit seinem Hund durch die leeren Straßen, in denen in dieser Oktobernacht ein ungewöhnlich warmer Wind wehte. Ansonsten hörte man lediglich das leise Summen des Verkehrs der nahen Straße »Bei den Mühren« und das gelegentliche Kreischen der Möwen.

Zeit, schlafen zu gehen. Bojan Kolev breitete seinen Schlafsack in einer geschützten Mauerecke nahe dem Genussspeicher in der Straße »Am Brook« in der Speicherstadt aus. Seine Habseligkeiten, verstaut in mehreren großen Tüten, standen dicht neben ihm. Diesen Platz hatte der obdachlose Mann aus Bulgarien, der sich seit zwei Jahren in Hamburg durchschlug, vor einer Woche entdeckt und hier bisher jede Nacht verbracht. Mehr oder weniger unbehelligt.

Kolev schlüpfte in den Schlafsack. Eine halbe Flasche Korn hatte ihm die nötige »Bettschwere« verliehen. Er sah sich noch einmal um. Keine Gefahr. Auch keine Polizei, die ihn verscheuchen könnte.

Kolev schloss zufrieden die Augen und ließ los, wollte wegdämmern. Heute Nacht würde er nicht frieren. Gut. Als schickte der Altweibersommer einen letzten Gruß.

Das Geräusch einer Autotür, die zufiel, schreckte ihn wieder auf. Wer stoppte hier um diese Zeit? Bojan Kolev setzte sich auf. Hörte Schritte. Polizei? Er blickte in die Richtung, aus der die Schritte kamen, und sah eine Silhouette. Jemand näherte sich seinem Schlafplatz. Ein Mann, der zielstrebig auf ihn zusteuerte. Kein Polizist, die waren immer zu zweit. Der Unbekannte blieb vor Kolev stehen, griff in eine größere Tasche, die er am Arm trug, und sagte, eher süffisant als mildtätig: »Entschuldigen Sie die späte Störung …«

Bojan schwieg.

»Darf ich Ihnen ein wenig Geld geben? Es muss ja furchtbar sein, hier auf der Straße zu schlafen.«

Kolev nickte verunsichert. Was sollte das? Siezen war er nicht gewohnt. Warum weckte ihn der Mann? Und warum trug er bei diesem Wetter Handschuhe? Andererseits kannte er das schon – das anfallsartige Gutmenschentum betuchter Hamburger in Gönnerlaune, wenn sie aus irgendeinem teuren Restaurant kamen und versehentlich auf dem Weg nach Hause auf die Armut trafen. Das personifizierte Elend. Bojan Kolev entspannte sich. Ein letztes Mal in diesem Leben. Sein Übergang ins Jenseits war fließend. Lächelnd zog der Fremde die Hand aus der Tasche. Kurz darauf spürte Bojan Kolev etwas Kaltes, Hartes an seiner Schläfe und hörte dann fünf Worte, genauso kalt und hart: »In Hamburg sagt man Tschüss!«

Noch in derselben Nacht schlug das Wetter um. Über dem Atlantik hatte sich ein mächtiges Tiefdruckgebiet zusammengebraut, dessen erste Ausläufer in den Morgenstunden Hamburg erreichten und heftige Schauer brachten.

Thies Knudsen und Dörte Eichhorn, die Kommissare vom LKA 12, zuständig für Kapitaldelikte wie Mord und Raub, stiegen aus ihrem Dienstwagen und wurden nass, noch bevor sie ihre Regenschirme aufgespannt hatten.

»Sauwetter«, fluchte Knudsen und umrundete eine große Pfütze. Eichhorn folgte ihm schweigend. Beide wussten, was sie erwartete. Susanne »Spusi« Diercks, die Leiterin der Forensik, war bereits mit einem Team vor Ort und hatte ihre Kollegen schon per Telefon ungewöhnlich kurz und knapp informiert. Ein Toter. Offenbar ein Obdachloser. Nein, keine natürliche Todesursache. Im Gegenteil. Mehr dann vor Ort. Und gern bald! Könnte sein, meinte Spusi, dass ihr Toter sich sonst in eine Wasserleiche verwandelte, als sie am Telefon um »bisschen Beeilung« bat. Anscheinend machte auch der ansonsten überaus auskunftsfreudigen Forensikerin der plötzliche Wetterumschwung zu schaffen.

Diercks und ihre Leute hatten den Tatort in der Speicherstadt gesichert und mit einem Zelt vor dem Regen geschützt, was bei Böen bis sieben Windstärken gar nicht so leicht war. Knudsen und Eichhorn nickten den beiden Streifenpolizisten zu, die den Tatort bewachten, betraten das Zelt und blieben erst einmal stehen.

»Brav, ihr beiden. Das war ja wirklich flott. Und nicht gleich mitten reingetrampelt in die gute Stube«, sagte Spusi anerkennend. »Aber ihr könnt näher kommen. Der Regen hat fast alle Spuren am Boden verwischt. Hier haben wir unseren Kunden.«

Knudsen sah hinunter: ein Mann. Auf dem Rücken in einem Schlafsack liegend. Seine geöffneten Augen starrten wie ungläubig an die Decke des Schutzzeltes. An der linken Seite seiner Stirn klaffte ein daumendickes Loch. Neben seinem Kopf sah man noch Spuren einer Blutlache, die der Regen bisher nicht weggespült hatte.

Eichhorn löste den Blick vom Toten und sah sich um. Plastiktüten. Ziemlich lädierte Stiefel. Ein verschlissener Rucksack. Eine halb volle Flasche Korn.

»Ich hatte es ja schon angekündigt. Offenbar ein Obdachloser«, sagte Spusi Diercks mit Blick auf Dörte und zog dann vorsichtig den Reißverschluss des Schlafsacks nach unten.

»Vielleicht eine Auseinandersetzung im Milieu, die eskaliert ist.«

Knudsen schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, Spusi. Der liegt da noch eingepackt in seinem Schlafsack. Nach Streit sieht das nicht aus. Der Mann ist offenbar überrascht worden. Er kann natürlich trotzdem von einem anderen Penner ausgeraubt und getötet worden sein.«

Eichhorn sah ihn streng von der Seite an und gab einen tadelnden Zischlaut von sich. Das Wort »Penner« gefiel ihr nicht. Wie so manch andere Ausdrücke aus einer anderen Zeit, die Knudsen immer mal wieder unbedacht rausrutschten.

»Hatten wir alles schon«, rechtfertigte sich Knudsen. »Allerdings passt die halb volle Flasche Korn nicht zu dieser Theorie. Die hätte ein anderer … Obdachloser oder Tippelbruder wohl kaum zurückgelassen.«

Eichhorn schwieg und fragte dann: »Wer hat den Toten gefunden?«

»Wissen wir nicht«, antwortete Spusi. »Anonymer Anruf heute Morgen bei 110. Eine Stimme sagte: ›Da liegt einer‹ und gab dann die Adresse durch. Der wollte wohl nicht auf dem Weg zur Arbeit aufgehalten werden. Und dann ist ein Streifenwagen da mal hingefahren.«

Spusi Diercks hatte den Schlafsack jetzt ganz geöffnet und untersuchte den Toten. »Ziemlich heruntergekommen, der Herr. Waschen war wohl nicht.«

Eichhorn runzelte die Stirn. »Wo denn auch, Spusi?«

Ihr tat der Kerl da unten auf dem Boden leid. Fast mehr noch, als hätte er da in Nadelstreifen von Hugo Boss gelegen. Ein verpfuschtes Leben. Offenbar gewaltsam beendet in der schönen, gepflegten Speicherstadt, einer Art begehbarem Denkmal für Handel und Reichtum der Hansestadt.

Spusi Diercks durchsuchte mittlerweile die Taschen des Opfers und steckte den Inhalt in verschiedene Beweissicherungsbeutel: ein Taschenmesser, einen Zettel und eine Geldbörse mit etwas Münzgeld, aus der sie einen Ausweis zog.

»Bingo. Wen haben wir denn hier?«

Diercks reichte den Ausweis an Knudsen weiter, der sich bereits Handschuhe angezogen hatte.

»Bojan Kolev aus Sofia«, las Knudsen.

»Bulgarien«, referierte Spusi.

»Was du nicht sagst«, brummte Eichhorn kopfschüttelnd. »Danke für die Schulstunde.«

»Was meinst du, Spusi?«, fragte Knudsen. »Erschossen, oder?«

»Hm, weiß nicht, ziemlich wuchtiges Kaliber, das hätte dem eigentlich den Schädel zertrümmern müssen. Irgendetwas ist auf jeden Fall – wie man unschwer erkennen kann – mit großer Wucht in seinen Schädel eingedrungen. Aber nach einer Kugel sieht das nicht aus. Genaueres wird euch die Gerichtsmedizin sagen.«

Eichhorn deutete auf eine der Beweissicherungstüten. »Was steht da auf dem Zettel?«

Diercks griff nach der durchsichtigen Tüte, drehte sie etwas und las laut: »In Hamburg sagt man Tschüss! Lieblingsleiche Nummer 1.«

»Scheiße«, sagte Knudsen und sah Eichhorn an.

* * *

Oke Andersen saß zur gleichen Zeit in Övelgönne in seinem Lesesessel und sah durch seine große Fensterfront hinaus auf die unruhige Elbe. Der starke Wind peitschte das Wasser auf. Unaufhörlich prasselte der Regen auf seinen Balkon. In den kommenden Tagen drohte laut Wetterdienst an der deutschen Nordseeküste und in Teilen von Hamburg eine Sturmflut, auch wenn der Wind zwischendurch mal etwas abflauen würde. Das dicke Ende kam also noch. Die parkenden Autos, die er von seinem Fenster aus sah, mussten irgendwann weggefahren werden. Anderenfalls würden sie absaufen.

Der Wind rüttelte an den Fensterläden. Andersens Gedanken wanderten zurück in seine Kindheit. Damals im Februar 1962 hatte es ähnlich angefangen. Viel Regen. Viel Wind. Der schließlich zum Orkan Vincinette wurde und mit 130 Stundenkilometern in der Nacht auf den 17. Februar über Norddeutschland hinwegraste, das Wasser der Nordsee in die Deutsche Bucht und dann weiter in die Elbe drückte.

Oke Andersen war acht Jahre alt, als nachts die Deiche brachen und ein Sechstel der Hansestadt überflutet wurde. 20000 Menschen mussten evakuiert werden. 315 Hamburger starben. Selten wurde der Satz: »Wasser spendet Leben – und nimmt es« so anschaulich Realität wie in jener Nacht. Besonders schwer traf es die Stadtteile Neuenfelde, Wilhelmsburg und Finkenwerder. Die Bilder von Menschen, die auf den Dächern kauerten, liefen tagelang in den Nachrichten. Zurück blieben tote Tiere, zerstörte Häuser, traumatisierte Menschen und Okes Bedenken, dass etwas Ähnliches abermals geschehen konnte.

Nach der großen Sturmflut war die Elbe für den jungen Oke nicht mehr dieselbe gewesen. Wie bei einem guten Freund, der sich brutal danebenbenommen hatte. Das Verhältnis war gestört. Selbst wenn der Fluss nichts dafür konnte, dass er in jener Nacht durch einen Sturm aus seinem Bett getrieben, ja, regelrecht gepeitscht wurde. Und dass er von den schlecht gepflegten Deichen und Hochwasserschutzeinrichtungen nicht zurückgehalten wurde.

Starkwind machte Andersen seitdem nervös, versetzte ihn in eine eigenartige Unruhe. Jeder angekündigte Sturm erweckte ein ungutes Gefühl – gerade in ihm als Seemann. Der Ex-Käpt’n ging dann in Habtachtstellung. Selbst wenn der Wetterbericht heute um einiges besser und die Deiche höher waren.

Damals gab es noch keine Wettersatelliten, und die Methodik der Wasserstands- und Wettervorhersage war noch nicht sehr weit entwickelt. Die Menschen konnten nicht vorgewarnt werden. Plötzlich eintretende Wetterverschlechterungen wurden so teilweise erst erkannt, wenn es für eine rechtzeitige Warnung schon zu spät war. Was damals versäumt wurde, fand heute im Übermaß statt, wie Andersen fand. Schon Tage vorher. Im Fernsehen, im Radio, im Internet. Heute fuhr die Polizei rum und warnte per Megafon. Jedes Hochwasser wurde gefühlt zur Katastrophe hochgejazzt, nur weil es die Elbe mal wieder bis zur Fischauktionshalle schaffte oder die Stühle in der Strandperle durcheinanderwarf.

Apropos Strandperle, dachte Andersen. Da könnten sie mal wieder einkehren, auch wenn die Preise im Laufe der Jahre so kontinuierlich stiegen wie die Elbe bei Hochwasser. Maria hatte sich angekündigt. Hatte offenbar einen Berlin-Koller. Zu viel Beton – so die Kurzversion. Die Stadt, meinte sie, könne Hamburg nicht das Wasser reichen. Buchstäblich. Elbe versus Spree. Westhafen Moabit versus Hamburger Hafen. Hauptstadt versus Hansestadt. Sie stellte alles in Frage. Suchte das väterliche Gespräch. Seinen Rat. Wollte ein paar Tage in Hamburg bleiben. Erst mal. Spielte mit dem Gedanken, sich im Rahmen ihres Studiums ein Praktikum in einer Suchtberatungsstelle zu suchen.

Fast zeitgleich hatte sich Morf Pörksen angekündigt. Ihn trieb ein Inselkoller um. Zu viel Idylle. Pörksen hatte der Polizei geholfen, einen Drogendeal zu verhindern, weil er sich selbst als Dealer schuldig gemacht hatte und wieder etwas gutmachen wollte. Seitdem fürchtete er die Rache des Verbrecherbosses Arian Guhl und war auf der Insel Föhr untergetaucht. Aber Morf war nicht der Typ für Kurort-Atmosphäre, der sich den Wind um die Nase blasen ließ und sich an der Brandung oder an Dünen ergötzte. Mal ja. Aber auf Dauer? Er sei ein Stadtgewächs. Unkraut, meinte er. Das passe nicht zu den Begonientöpfen auf der Promenade. Das sei ihm alles zu clean, die Rentner, die Fahrradfahrer, die Familien. Die ganze Urlaubsidylle ginge ihm auf den Keks. Sein Habitat sei die Gosse, hatte er gesagt. Andersen war verblüfft. Wo Morf wohl das Wort Habitat aufgeschnappt hatte?

Auch Morf wollte also für ein paar Tage nach Hamburg und musste so lange irgendwo unterkommen. Alles fast wie früher, dachte Andersen. Kleine Kinder – kleine Sorgen. Große Kinder …

* * *

Professor Prange zog im Sezierraum der Gerichtsmedizin das Tuch von Bojan Kolevs Leichnam. Neben ihm standen Dörte Eichhorn, Thies Knudsen und ein Stück dahinter Spusi Diercks. In letzter Zeit herrschte eine Art Waffenstillstand zwischen dem Leiter der Gerichtsmedizin und der Chefin der Spurensicherung. Beide waren sich ansonsten in herzlicher Abneigung verbunden. Was vielleicht auch daran lag, dass Spusi Diercks gern mal in Pranges Gefilden wilderte und bei jeder Gelegenheit Vermutungen zu Todesursachen und Tatwaffen herausposaunte, bevor Prange seine Arbeit machen konnte. Seit sich Spusi dahingehend etwas zurückhielt, war die Atmosphäre zwischen beiden deutlich entspannter geworden. Prange schien sogar Spusis Expertise und Beobachtungsgabe zunehmend zu schätzen. Eichhorn vermutete, dass der knorrige Gerichtsmediziner so milde geworden war, weil er seit vier Monaten eine Enkeltochter namens Marion hatte, die er vergötterte. Vielleicht als Antithese zu all den Toten, mit denen er zu tun hatte: das junge, blühende Leben.

»Der Mann hier«, hob Prange an, »war in einem sehr schlechten Allgemeinzustand. Zum Tod führte, wie sich unschwer erkennen lässt, aber diese Kopfverletzung hier.«

Prange deutete auf die große Wunde an der Stirnseite.

»Ich vermute«, fuhr er fort, »dass meine Kollegin Diercks schon bemerkt hat, dass es sich hier nicht um eine klassische Einschusswunde handelt.«

Er sah zu Spusi hinüber. Die räusperte sich und nickte, schwieg aber, was ihr schwerfiel, aber taktisch sehr klug war. Jetzt bloß nicht referieren, sondern Prange das Feld überlassen.

Der deutete wieder auf Bojan Kolevs Kopf. »Und es ist auch keine Einschusswunde durch eine Pistolen- oder eine Gewehrkugel. Zum einen, weil die Wunde atypisch aussieht. Um zum anderen handelt es sich hier ja nicht um einen Durchschuss. Das Projektil müsste also noch im Kopf des Opfers stecken. Wie man auf diesem Röntgenbild hier sieht, ist das nicht der Fall.«

»Und das heißt…?«, fragte Knudsen, der langsam etwas ungeduldig wurde.

»Das heißt, dass mit etwas anderem …« Prange erhob die Hände und malte mit den Fingern symbolische Gänsefüßchen in die Luft. »… geschossen wurde. Ich habe so eine Verletzung vor etlichen Jahren schon einmal gesehen. Werde ich nie vergessen. Als ich noch in Schleswig-Holstein gearbeitet habe. Damals hatte ein Schlachter seine Frau im Schlaf mit einem Bolzenschussgerät getötet, weil sie ihn verlassen wollte. Diese Wunde und der Wundkanal sehen genauso aus wie damals.«

»Wie bitte, ein Bolzenschussgerät …!?«, wiederholte Eichhorn kopfschüttelnd.

»Ja, auch Schlachtschussapparat genannt«, referierte Prange. »Das Ding wird direkt aufgesetzt und schießt mit einer Treibladung einen Metallbolzen mit rund 200 km/h in den Kopf der Tiere, die damit vor der Schlachtung betäubt werden. Im Falle unseres Opfers führte das allerdings zum sofortigen Tod. Der Bolzen ist sieben bis elf Zentimeter lang und circa einen Zentimeter breit. Und er wird mit einer Rückholfeder automatisch in das Schussgerät zurückgezogen. Das passt alles perfekt zu dieser Wunde. Man nennt so etwas penetrierender Schussapparat, weil eben der Bolzen in den Kopf des … äh … Schlachttieres eindringt.«

Prange sah hinab auf Kolevs Leiche, schüttelte den Kopf und zog das Tuch wieder über den Toten. »Ansonsten hatte der Mann noch Gelbsucht und eine beginnende Leberzirrhose. Der Bericht kommt heute noch. So lange hätte der wohl ohnehin nicht mehr gehabt.«

Knudsen, Eichhorn und Spusi verabschiedeten sich von Prange und verließen die Gerichtsmedizin. Jeder auf seine Art irgendwie erleichtert, da raus zu sein. Draußen regnete es in Strömen. Ein scharfer Wind sorgte dafür, dass die drei trotz der aufgespannten Regenschirme nass wurden, bevor sie ihr Auto erreichten.

Alle drei schwiegen, als Eichhorn den Wagen startete und sich in den Verkehr einfädelte. Es ging langsam voran. Die Stadt war mal wieder dicht. Die Scheibenwischer des Dienstwagens schafften es kaum, der Wassermassen Herr zu werden, die unaufhörlich gegen das Auto prasselten.

»Was wird das?«, brach Eichhorn schließlich das Schweigen. »Ein Obdachloser im wahrsten Sinn des Wortes abgeschlachtet und dazu dieser Zettel mit diesem zynischen Satz in der Jackentasche des Opfers.«

»Lass uns das ganze Team zusammenrufen«, antwortete Knudsen. »Ich hab ein verdammt ungutes Gefühl.«

»In Hamburg sagt man Tschüss! Lieblingsleiche Nummer 1.« Staatsanwalt Arnold Rolfing wiederholte kopfschüttelnd, was Dörte Eichhorn gerade im Konferenzraum des LKA 12 vorgelesen hatte.

»Wir haben den Zettel in der Tasche des toten Obdachlosen gefunden und deuten die Worte als Botschaft des Täters«, sagte Thies Knudsen.

Rolfing nickte. »Und was genau lesen Sie da heraus, Herr Kommissar? Ich nehme an, die gleiche wie ich, nämlich …«

»… dass dieser Mord nur der Anfang war«, ergänzte Knudsen. »Nach 1 kommt für gewöhnlich 2, der Täter will offensichtlich weitermachen.«

»… und 3 und 4, wenn wir nicht handeln. Das zu verhindern, liegt jetzt bei Ihnen, Knudsen«, erhöhte Rolfing wenig subtil den Druck.

Am Tisch saßen noch die LKA-Beamten Meral Attay, Berthold Stordel und Christiane Bott. Auch Spusi Diercks war hinzugestoßen. Jeder hatte einen Ausdruck des Obduktionsberichtes von Professor Prange vor sich liegen.

»Ich fass es nicht – mit einem Bolzenschussgerät«, sagte Attay. »Für mich spricht die Formulierung auf dem Zettel und die Tötungsart für maximale Verachtung und Brutalität.«

»Abgeschlachtet wie ein Tier«, ergänzte Eichhorn.

»Mich erinnert das an diesen Film der Coen-Brüder. Wie hieß der noch mal?«, grübelte Stordel. »Der, wo Javier Bardem diesen fiesen Killer spielt, der seine Opfer mit so einem monströsen Gerät umbringt …«

»No Country for Old Men«, warf Spusi ein, die als Filmfan bekannt war.

Stordel nickte. »Genau.«

»Also, wenn ich diesen cineastischen Exkurs jetzt mal unterbrechen darf …«, brummte Eichhorn ungehalten. »Ich wüsste nicht, wie uns dieser Aspekt jetzt weiterbringen soll. Es wird sich ja kaum um einen Film-Nachahmer handeln. Hier hat jemand gezielt und brutal getötet. Und das Opfer sozusagen mehrfach entwürdigt. Durch die Tötungsart und den zynischen Spruch.«

Knudsen ging zur Pinnwand, an dem Tatortfotos hingen.

»Ein Obdachloser wird zur Lieblingsleiche gemacht. Was soll uns das sagen?«

»Doch wohl am ehesten, dass es sich aus Sicht des Täters um unwertes Leben handelt«, antwortete Eichhorn.

»Und diese Formulierung In Hamburg sagt man Tschüss!, die soll ja sozusagen für die ganze Stadt sprechen«, ergänzte Attay. »Das klingt wie eine Art Säuberungsaktion einer vermeintlichen Autorität oder Bürgerwehr, die für die Stadt sprechen will. Zumal das Opfer auch noch Bulgare, also Ausländer ist.«

»Welcher Täterkreis also?«, fragte Rolfing und zählte gleich ein paar Möglichkeiten auf: »Nazis, Skinheads oder gelangweilte Jugendliche, die sich an Wehrlosen vergreifen?«

»Gegen Letzteres sprechen der Zettel mit dem Spruch und die Tötungsart«, warf Knudsen ein. »Hinzu kommt das völlige Fehlen von Spuren. Jugendliche haben ihre Opfer bisher in Gruppen an S-Bahnhöfen etc. attackiert. Spontane Gewaltexzesse bei Zufallsbegegnungen und meist in Verbindung mit Alkohol. Das passt hier nicht. Auch nicht der Fundort. In der Speicherstadt ist doch nachts nichts los. Da geht man gezielt hin, nicht zufällig.«

»Ich denke, dass wir auch einen Raubmord im Milieu ausschließen können«, meldete sich wieder Attay. »Im Portemonnaie war noch etwas Geld. Außerdem wird bei solchen Taten fast immer der Ausweis des Opfers geklaut, weil der sich gut verkaufen lässt. Zumindest bei EU-Bürgern.«

»Wir müssen uns trotzdem im Obdachlosenmilieu umhören«, sagte Eichhorn. »Vielleicht kennt einer den Toten. Es ist ja keinesfalls ausgeschlossen, dass es gezielt um diesen Mann ging und es ein ganz anderes Motiv als Fremdenfeindlichkeit oder so was gibt.«

»Und Spusi, check doch mal, wie man an so ein Bolzenschussgerät kommt«, bat Knudsen.

»Machen Sie das alles.« Arnold Rolfing stand auf und ging zur Tür. »Ich hoffe nur, dass es nicht bald eine Lieblingsleiche Nummer 2 gibt.«

Die im Konferenzraum zurückgebliebenen Beamten schwiegen. Alle ahnten, dass Rolfings frommer Wunsch wohl kaum in Erfüllung gehen würde.

Wo anfangen? Knudsen und Eichhorn fragten sich, wen sie überhaupt kontaktieren sollten, um etwas über Bojan Kolev und seine Situation und sein Umfeld zu erfahren. Der normale Weg, die Familie, Angehörige, Freunde oder Arbeitskollegen zu befragen, war hier so gut wie unmöglich. Die Anfrage bei den bulgarischen Behörden hatte die Auskunft »unbekannt verzogen« ergeben. Kolev war unverheiratet, hatte Dreher gelernt und war in seiner Heimat als arbeitslos gemeldet.

»Na, prima.« Eichhorn klappte ihren Rechner zu. »Ein Mann ohne Umfeld, obdachlos in Hamburg und nun tot.«

Knudsen erhob sich.

»Lass uns mal zur Diakonie in der Bundesstraße gehen, Dörte. Da sitzen die Leute, die sich in unserer Ecke um Obdachlose kümmern.«

Fünfzehn Minuten später saßen beide Ermittler im Büro von Tim Nikolai, einem von fünf Straßensozialarbeitern für den Bezirk Eimsbüttel. Straßensozialarbeiter waren die Männer und Frauen, die dahin gingen, wo die Not am größten war. Sie suchten die Menschen vor Ort auf den Straßen auf, boten »motivierende Beratung« an und leisteten niedrigschwellige Hilfe, erklärten etwa, wo die Menschen vorübergehend schlafen, sich waschen, Toiletten aufsuchen und sich ohne Krankenversicherung ärztlich behandeln lassen konnten.

Tim Nikolai, ein schlaksiger Endvierziger, sah sich Bojan Kolevs Foto an und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Ich erinnere mich nicht, dem Mann begegnet zu sein. Was aber nicht heißt, dass ich ihm nicht begegnet bin.«

Knudsen runzelte die Stirn.

»Das soll was genau heißen?«

»Dass es einfach zu viele Menschen in Not sind, die wir betreuen. Ich kann mir nicht jeden merken. Besonders bei den Männern ist das außerdem oft schwierig. Die können sich nicht jeden Morgen wie Sie und ich mit einem schönen Gillette-Drei-Klingen-Teil vorm Spiegel rasieren. Da wuchern die Bärte, und die Haare wachsen.«

»Und Ausweise?«

»Sie meinen, dass ich mir erst mal die Papiere zeigen lassen und Namen und die letzte Anschrift notieren sollte, bevor ich helfe? Ich schaue mir die Menschen an – nicht ihre Dokumente.«

»Wir wollten Ihnen nicht zu nahetreten, Herr Nikolai«, beschwichtigte Eichhorn. »Wir müssen einen brutalen Mord aufklären und uns erst mal einen Überblick verschaffen, in welchem Umfeld sich Herr Kolev aufhielt.«

»Das Umfeld kann ich Ihnen gern beschreiben. Hamburg – meine Perle. Kommt aber drauf an, aus welchem Blickwinkel man guckt. Unsere Stadt ist Hauptstadt der Wohnungslosen. Tausende Menschen irren bei uns durch die Straßen und haben kein Dach über dem Kopf.«

»Ich dachte, in Berlin wäre es noch schlimmer«, warf Knudsen in betont freundlichem Ton ein. Ihm war es unangenehm, eben wie ein unsensibler Bulle rübergekommen zu sein, auch wenn die Frage nach Ausweispapieren natürlich berechtigt gewesen war.

»Nee. Nix Berlin. Das war mal. Moment. Ich hab exakte Zahlen.«

Nikolai klickte eine Datei auf seinem Rechner an. »Also: Mit mehr als 1659 wohnungslosen Menschen pro 100000 Einwohner hält Hamburg einen traurigen Rekord unter den Großstädten. Knapp die Hälfte der Obdachlosen ist übrigens jünger als 25 Jahre. Und sie kommen zunehmend aus den ärmeren Ländern der EU, Bulgarien, und Rumänien etwa, seit es da die volle Freizügigkeit gibt. Das ist klassische Armutsmigration. Die Leute wollen meist eigentlich arbeiten. Das klappt oft nicht, dann stranden sie hier, wissen nicht, wohin, und kampieren an Bahnhöfen und Spielplätzen. Sie betteln, trinken und verwahrlosen. Diese Menschen sind Opfer und Problemfall gleichermaßen.«

»Wie häufig sind Übergriffe?«, fragte Knudsen. »Können Sie darüber was sagen? Sie sind dichter dran, und in dem Milieu kommt es ja so gut wie nie zur Anzeige, nehme ich an.«

»So sieht’s aus. Die Polizei wird auf der Platte nicht unbedingt als Freund und Helfer wahrgenommen. Und das hat Gründe. Es gibt Übergriffe. Aber die meisten Taten begehen Obdachlose an Obdachlosen. Sie finden also in der Szene selbst statt. Körperverletzung, Vergewaltigung, Raub, Diebstahl sind an der Tagesordnung. Aber es gibt auch Normalbürger, um es mal so zu nennen, die sich im Suff oder so an Leuten vergreifen, die auf der Straße leben. Meist sind das gelangweilte Jugendliche. Halbstarke hätte man früher gesagt. Aber – wie gesagt – das ist eher die Ausnahme als die Regel.«

Knudsen nickte nachdenklich.

»Ein Obdachloser, der einen anderen tötet und ausraubt, würde wohl kaum einen solchen Zettel bei der Leiche hinterlassen, oder?«

Knudsen zeigte Nikolai ein Foto der betreffenden Nachricht auf seinem Handy.

»Lieblingsleiche … wie zynisch.« Der Sozialarbeiter war entsetzt. »Nein, das ist bestimmt kein Obdachloser gewesen. Hundertprozentig nicht.«

»Aber wer dann?«, fragte Eichhorn. »Wer tötet so einen ausgestoßenen, hilflosen Menschen, und vor allem: Warum?«

* * *

Valea Popescu suchte Schutz vor dem Regen unter dem Vordach des Kaufhauses an der Mönckebergstraße. Ihr Hund Noroc drängte sich dicht an sie. Die 34-Jährige betrachtete das Tier. Ein Straßenköter wie ich, dachte sie. Noroc bedeutete auf Rumänisch Glück. Was für eine Ironie! Glück war ein Gefühl, das sie schon seit Jahren nicht mehr kannte. Außer eben in Gestalt ihres Hundes an ihrer Seite. Sie war mit ihrem Freund Adrian aus Bukarest hier nach Hamburg gekommen. Zum Arbeiten, und um sich zusammen etwas aufzubauen. Die Beziehung zerbrach. Valea geriet an die falschen Leute, nahm Drogen, verlor ihre Wohnung und lebte jetzt auf der Straße. Besser hier als in Bukarest, dachte sie. Die Hamburger gaben häufig Geld, wenn man auf der Straße hockte. Vor sich ein Schild mit der Aufschrift »Hunger«. Der Hund half. Manchmal dachte sie, dass das Geld, das man in ihre kleine Schale warf, vor allem für Noroc gedacht war. Die Leute sahen nämlich meist ihn an und nicht sie. Auch in den S- und U-Bahnen konnte man an einem Tag fünfzig Euro oder mehr einnehmen, wenn man lang genug unterwegs war und keinem anderen Bettler in die Quere kam. Was gar nicht so leicht war. Es wurden ja immer mehr. Das reiche Hamburg zog die Armen an wie die Motten das Licht. Und die Konkurrenz war groß. Auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Man musste Fahrgäste in den Waggons erwischen, die nicht gerade schon angebettelt worden waren. Sonst gaben sie nichts. Manche Obdachlose hatten »ihre« Linien, auf denen sie zu bestimmten Zeiten unterwegs waren. Und wer dort bettelte und andere Bittsteller störte, bekam Ärger. Manchmal gab es draußen auf dem Bahnsteig auch schon mal Schläge.

Valea Popescu spürte eine wachsende Unruhe. Ihr Körper begann zu vibrieren. Sie brauchte bald wieder Stoff.

Der Regen hatte etwas nachgelassen. Popescu schloss die knallrote Winterjacke, die sie von der Kleiderkammer der Bahnhofsmission bekommen hatte, griff sich ihren Schlafsack und die verschlissene Tasche mit ihren verbliebenden Habseligkeiten und lief in Richtung Hauptbahnhof. Noroc trottete hinterher. Am August-Bebel-Park vor dem Drob Inn würde sie Stoff kaufen können. Genug Geld für etwas Crack hatte sie sich zusammengebettelt. Danach wollte sie sich an der Fischauktionshalle in Altona mit einer ebenfalls obdachlosen Freundin treffen. Na, ja – was hieß Freundin … Leonie stammte aus Hamburg und war erst seit Kurzem auf der Straße. Die beiden hatten sich bei einer Tafel kennengelernt, später am Duschbus, einer Art fahrbarem Badezimmer für Obdachlose, wiedergetroffen und sich angefreundet. Leonie hatte Jura studiert, wegen krankhafter Angstzustände abgebrochen und sich in ihrer Wohnung verkrochen. Aber die Angst blieb. Angst vor anderen Menschen. Angst, bewertet zu werden. Angst, vor anderen zu sprechen. Sie isolierte sich zunehmend, meldete sich bei niemandem mehr. Dann kam die Depression, die sich wie ein siegreicher Dämon auf die Ängste setzte. Die Furcht loderte. Die Depression lähmte. Leonie betäubte beides mit Alkohol, dann mit Marihuana und Tabletten, vor allem mit dämpfenden Benzodiazepinen. Noch nahm sie keine harten Sachen, war aber kurz davor. Als Leonies Ersparnisse aufgebracht waren, verlor sie ihre Wohnung. Jetzt lebte sie auf der Straße, ließ sich ziellos treiben, bettelte, wusste nicht, ob sie leben oder sterben wollte. Eigentlich war es ihr egal. Valea hatte Leonie angesprochen, als sie wie ein Häufchen Elend vor dem Duschbus hockte. Sie teilten sich etwas zu essen und erzählten sich gegenseitig ihre Geschichte. Schwestern im Elend. Valea sprach gut Deutsch, weil ihre Mutter aus der deutschen Minderheit in Siebenbürgen stammte. Ob sie Leonie trauen konnte, wusste Valea nicht. Aber sie schien nett zu sein. Und eines war klar: Zu zweit war man nachts sicherer. Und Leonie kannte sich gut aus in der Stadt und hatte an der Fischauktionshalle in der Nähe eines Pontons einen guten, trockenen Platz zum Schlafen gefunden, den sie beide nachts nutzten. Noch war es draußen auszuhalten. Später würden sie in eine der Unterkünfte für Obdachlose gehen müssen, was keine der beiden sonderlich schätzte.

Valea näherte sich dem Drob Inn in St. Georg. Nur wenige hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt befand sich seit zwanzig Jahren die Drogenhilfeeinrichtung, in der Konsumenten in geschützten Räumen Heroin oder Crack konsumieren konnten. Den Betroffenen wurden medizinische Hilfe, Beratung und die Möglichkeit zum Duschen angeboten. Aber was gut gemeint war, um die Süchtigen von der Straße zu bekommen, wurde zu einem Alptraum für die Anwohner des Drob Inn und entsetzte Touristen, die unvermittelt nach Verlassen des Hauptbahnhofs mit dem massiven Elend konfrontiert wurden. Hunderte, zum Teil äußerst verwahrloste und nicht selten aggressive Süchtige standen oder lagen auf dem Vorplatz der Einrichtung herum, und Drogenhändler versorgten ihre »Kunden« dort fast ungehindert mit dem Stoff, den sie dann drinnen in den Schutzräumen konsumierten.

Neuerdings mit Sichtschutz. Wobei nicht klar war, wessen Blicke oder Anblicke hier eigentlich vor wem geschützt werden sollten, dachte Valea. Wollte man einen Schandfleck der Stadt in Spuckweite des Hauptbahnhofs den Passanten nicht zumuten, die sich bereits zahlreich über diese »Zombie-Zone« beschwert hatten? Oder sollte durch den Sichtschutz ein Rest Würde der Süchtigen bewahrt werden, dass ihre ohnehin schon schwierige Lage nicht mit irritierten bis angewiderten Blicken garniert wurde? Darüber gingen die Meinung so weit auseinander wie bei der Frage, ob die Süchtigen durch das Drob Inn erst angelockt und animiert oder lediglich von der Straße geholt wurden.

Valea ignorierte das Elend um sie herum und steuerte einen Dealer an, der etwas abseits unter einer Baumgruppe stand.

* * *

»So ein Bolzenschussgerät ist nicht sonderlich schwer zu beschaffen«, erklärte Spusi Diercks Knudsen und Eichhorn, während alle drei im LKA saßen und immer wieder aus dem Fenster sahen. Draußen zuckten Blitze und es donnerte.

»Soll heißen?«, fragte Knudsen.

»Bei Amazon oder Ebay kostet so was rund 200 bis 500 Euro. Man kann aber auch direkt in einen Laden für Hausschlachtbedarf gehen und das da ganz legal kaufen und in bar bezahlen. Ohne Personalausweis. Schlachtschussapparate fallen nicht unters Waffenrecht. Man muss lediglich achtzehn Jahre alt sein, um die Treibladungen zu kaufen. Zur Not klaut man das Ding bei einem Schlachter oder Bauern. Ihr müsstet mal checken, ob es da entsprechende Fälle gab. Aber ob uns das weiterbringt?«

»Na, sauber.« Knudsen schüttelte den Kopf. »Jeder Volljährige kann also so ein Ding kaufen und es zweckentfremden, um es mal so harmlos auszudrücken.«

Spusi zuckte mit den Schultern. »Kann’s nicht ändern. Ich hab an der Flasche mit dem Korn und am Rucksack übrigens noch Fingerabdrücke gefunden, die nicht zum Toten gehören. Es gab aber keine Treffer in der Datenbank. Und diese Nachricht auf dem Zettel wurde mit einem Tintenstrahldrucker gedruckt. Der ist schwerer zuzuordnen als ein Laserdrucker. Schade, oder?«

Spusi verließ fröhlich winkend den Raum.

Eichhorn sah ihr kopfschüttelnd hinterher. »Wahnsinn. Immer gut drauf, unsere Spusi. Manchmal würde ich mir wünschen, die Toten auch so sachlich sehen zu können wie sie. Als Rätsel.«

»Na, dann lass uns doch mal weiterraten … Also, was haben wir?«, sagte Knudsen. »Einen toten Obdachlosen aus Bulgarien. Das Münzgeld in seinem Portemonnaie und die halbe Flasche Korn sprechen gegen einen Mord im Milieu. Ebenso der Zettel mit der Botschaft.«

Eichhorn nickte. »Die These mit den durchgeknallten Jugendlichen auf Droge oder Alkohol hilft hier ebenfalls nicht.«

»Bleibt das fremdenfeindliche Motiv«, fuhr Knudsen fort. »Dazu passt auch der Zettel.«

»Nazis, die einen Obdachlosen töten und ihn dann Lieblingsleiche nennen? Klingt wie aus einem schlechten Film.«

»An die Morde des NSU hat auch anfangs keiner geglaubt, Dörte. Dass da zwei Männer und eine Frau in einem Wohnmobil durch Deutschland fahren, um wahllos Menschen mit Migrationshintergrund zu töten.«

Es klopfte an der Tür.

»Jo, herein«, rief Knudsen.

Ein groß gewachsener Mann in einem grauen Overall trat ein.

»Guten Tag. Firma Petersen Heizungstechnik. Krüger mein Name. Morgen sind Sie dran.«

»Soll das eine Drohung sein?«, fragte Eichhorn lächelnd.  

Krüger grinste. »Sie wissen Bescheid, oder?«

»Ja, ja, die neue Wärmepumpe. Aber ich denk, die steht im Keller.«

»Tut sie auch. Aber im ganzen Gebäude müssen die Heizkörper durch moderne mit größerer Heizfläche ausgetauscht werden. Sonst klappt das mit der Vorlauftemperatur nicht. Sie wollen es doch kuschelig hier drinnen, oder?«

»Bei dem Wetter keine Frage«, antwortete Eichhorn und sah aus dem Fenster.

»Morgen früh fangen wir in Ihren Räumen an, die alten Dinger zu demontieren und neue einzubauen. Wird nicht ohne etwas Staub und Lärm vonstattengehen. Besser, Sie weichen auf andere Büros aus.«

»Auch das noch«, stöhnte Knudsen und griff zu seiner Jacke.

Zum Glück hatte ihn Oke Andersen mal wieder zum Abendessen eingeladen. Das würde vermutlich der einzige Lichtblick an diesem beschissenen Tag sein.

»Bis morgen, Dörte. Und lass mal lieber das Joggen heute. Ich will nicht, dass dir ein Ast auf den Kopf fällt.«

»Danke für deine Fürsorge«, hörte Knudsen seine Kollegin noch sagen, als er an Krüger vorbei den Raum verließ.

Als Thies Knudsen das kleine Haus in Övelgönne direkt an der Elbe betrat, sprang ihn Oke Andersens Hund Platon voller Begeisterung an. »Ruhig, Platon«, schimpfte Andersen. »Der Herr Kommissar ist ein Kauz und mag eigentlich keine Hunde.«

»Hab ich nie gesagt«, protestierte Knudsen.

»Aber durchblicken lassen.«

»Platon mag ich. Der ist schlau. Und ich mag, dass er mich mag. Was gibt es zu essen?«

»Risotto mit Kräutersaitlingen. Dazu einen ganz hervorragenden Grauburgunder. Kannst schon mal aufdecken.«

Fünf Minuten später saßen beide am großen, ovalen Tisch in Andersens Wohnzimmer und aßen, während draußen der Regen gegen die Fensterscheiben prasselte.

Knudsen war, wie immer, begeistert von Andersens Kochkünsten.

»Oke, alte Rinde, dein Essen rettet einen beschissenen Tag.«

»Ein neuer Fall?«, fragte Andersen interessiert.

»Ja, aber du weißt ja, dass ich nicht drüber reden darf.«

»Komm, jetzt mach dich mal locker. Leg den Bullen ab, sei Mensch und pack aus. Nach allem, was wir beide durchgemacht haben, bin ich doch mittlerweile so was wie dein privater Pater Brown, nicht wahr? Und ich kann schweigen.«

Knudsen musste schmunzeln und hob sein Glas. »Na ja, kochen kannst du besser, mein Pater Oke Brown. Raushalten ist allerdings nicht deine Stärke.«

»Komm, ich bin kuriert. Ich mach das nicht mehr, Thies. Großes Indianerehrenwort. Nach meinem letzten unfreiwilligen Abenteuer ist mir die Lust vergangen, in Gewehrläufe zu gucken.«

Andersen war vor ein paar Monaten als kurzzeitig reaktivierter Lotse an Bord eines gewaltigen Containerschiffs gewesen, als das von einer zu allem entschlossenen Täterin entführt worden war. Er selbst musste den Kahn mit vorgehaltener Pistole auf Land setzen, der dann für Wochen die Elbe blockierte. Die Entführerin war schließlich von Scharfschützen erschossen worden, als sie mit Andersen als Geisel von Bord gehen wollte.

Die beiden Freunde schwiegen. Jeder dachte an das, was damals passiert war. Es war eine Vollkatastrophe für Hamburg gewesen. Erst eine Mordserie und dann die spektakuläre Schiffsentführung. Und Oke Andersen im Zentrum des Geschehens. Unfreiwillig, wie er betonte.

»Da bin ich wirklich komplett zufällig reingeraten.«

Knudsen grunzte. »Gib mir noch mal einen Schluck Grauburgunder, bitte. Aber nur ein halbes Glas. Ich kann mir nicht jedes Mal bei dir die Kante geben und dann mit dem Taxi nach Haus fahren.«

Andersen goss defensiv ein, sagte dann: »Also, Thies, was lag heute an bei euch?«

»Wir kriegen eine Wärmepumpe in den Keller gestellt und werden klimaneutral«, antwortete Knudsen.

»Und deshalb war der Tag beschissen?«

»Das auch. Macht Lärm und Dreck. Aber noch schmutziger ist der neue Fall.«

»Nun erzähl schon.«

Und Knudsen erzählte.

»Lieblingsleichen«, murmelte La Lotse kopfschüttelnd, als sein Freund geendet hatte. »Besser kann man Hass und Menschenverachtung nicht in einem Wort zusammenfassen.«

Knudsen nickte. »Wusstest du, dass Hamburg die Hochburg der Obdachlosen ist, Oke? Hab ich grad gelernt.«

»Nö, wusste ich nicht, aber wundert mich auch nicht, musst du nur mal so wie ich täglich mit dem Bus nach Altona fahren. Um den Bahnhof herum. Das nimmt gefühlt täglich zu. Ich sag nur EU-Osterweiterung.«

»Vorsicht, dünnes Eis, Oke.«

»Quatsch, so mein ich das doch nicht. Ist einfach nur ’ne Alltagsbeobachtung. Und nicht die schönste … Man schwankt zwischen Mitleid und Abscheu. Das hat ja mit dem klassischen Tippelbruder nichts mehr zu tun. Die meisten hocken da auf den Bänken mit ihren Plastiktüten und schießen sich ab, bis der Arzt kommt.«

»Was sollen die denn sonst machen, die kommen aus dem Armenhaus Europas. Aber warum gerade hierher? In keiner deutschen Metropole ist die Not so groß wie bei uns in ›happy Hamburg.‹ Wieso, Oke?«

»Keine Ahnung, da bin ich überfragt, Thies, vielleicht, weil es hier so viel Suppenküchen gibt und andere karitative Einrichtungen. Oder weil man in Bayern oder im Osten gefährlicher lebt als in Hamburg oder Berlin auf der Straße. Jedenfalls bisher.«

»Du meinst … je nachdem, wie gut ich meine Arbeit mache«, sagte Knudsen.

Andersen zuckte mit den Schultern und hielt sich vornehm zurück. Er bereute seine Anspielung. Sein Kumpel stand schon genug unter Druck. Leicht an den Rändern unter seinen Augen abzulesen. Und an seiner nächsten Bemerkung.

»Wir können ja schlecht zu jedem Obdachlosen einen Polizisten legen.«

»Wieso eigentlich nicht? Wenn St. Pauli gegen Hansa Rostock spielt, muss doch auch mit Hundertschaften aufgestockt werden. Oder beim letzten G7-Gipfel, der trotzdem völlig in die Hose ging.«

Knudsen ging nicht darauf ein, sagte dann: »Lass uns aufhören damit. Genug vom Job.«

Andersen nickte.

»Whisky?«

»Gern!«

La Lotse ging zu seinem Sideboard, holte eine Flasche Single Malt und zwei Gläser. Als er gerade einschenkte, sagte Knudsen: »Und bei dir so, Oke? Mit Maria alles gut?«

»Maria hat sich in der Suchtberatung für ein Praktikum beworben. Hier in Hamburg. Die hat gerade einen Berlin- bzw. Großstadtkoller.«

»Suchtberatung? Wo das denn? Sag nicht Drob Inn?«

»Nee, hier in Altona.«

»Verstehe, um die Ecke. Und Stichwort Sucht … Was von Morf gehört?«

»Genau das Gegenteil von Maria. Dem fehlt sein Kiez, die Schanze. Dem geht die Idylle auf den Keks.«

»Vorsicht. Der soll mal schön bleiben, wo er ist. Für den ist die Schanze tabu. Viel zu gefährlich. Wenn der von den falschen Leuten erkannt wird …«

»Er meint, er sähe jetzt so gesund aus wie ein Fischbrötchen, außerdem hat er sich einen Schnauzer wachsen lassen. Wahrscheinlich würde selbst ich ihn nicht mehr wiedererkennen. Das waren seine Worte.«

»Bezweifele ich. Cheers, Oke, und danke.«

Knudsen erhob sein Glas. »Du bist wie eine Mutter für mich.«

»Besser!«

»Besser sogar!?«

»Na klar, statt Muttermilch gibt’s einen gepflegten Single Malt.«

La Lotse erhob lächelnd sein Glas.

* * *

Gerda Fiedler und ihre beiden Kolleginnen stiegen morgens um vier Uhr aus Fiedlers altem VW-Polo und eilten wegen des starken Regens in das Gebäude Kehrwieder 2/Block D – die Adresse des Miniatur Wunderlands. Das dreiköpfige Putzteam war ein eingespieltes Trio. Jede der drei Frauen hatte ihren Zuständigkeitsbereich in der Modelleisenbahnanlage. Fußböden, Toiletten, Treppen … das Übliche. Und dann natürlich das Abstauben der Anlage selbst. Vorsichtig saugten oder wischten die Frauen mit speziellen Geräten alle Ablagerungen von Zügen, Waggons, Flugzeugen, Schiffen, Schienen, Straßen und den vielen kleinen Figuren. Bis hin zum Fürsten von Monaco, der erst kürzlich mit der ganzen Familie angereist war, um die Schrumpfversion seines ohnehin schon kleinen Staates einzuweihen. Gerda Fiedler liebte ihren Arbeitsplatz. Sie mochte es, in aller Stille den ihr anvertrauten Teil dieser faszinierenden Miniatururwelt zu reinigen. Außerdem zahlten die Betreiber sehr gute Löhne und waren faire und sympathische Chefs.

Fiedler kannte nach drei Jahren jede Ecke ihres Zuständigkeitsbereichs – all die Gebäude, Autos, Züge –, und sie wusste meist auch, wo sich welche Figur befand. Alle Figuren, die nicht in Zügen, Gebäuden oder Fahrzeugen saßen oder standen, waren mit Kleber fixiert, um sie vor Diebstahl oder Erschütterungen zu schützen.

Gerda Fiedler arbeitete jetzt im Hamburg-Teil der Wunderwelt, dem ersten und ältesten Bereich der Anlage, der zweimal in der Woche dran war, und saugte gerade vorsichtig die Speicherstadt ab. Diesen verspielten Teil des Wunderlandes mochte sie besonders. Als sie den Miniatur-Genussspeicher in der Straße »Am Brook« mit dem Sauger säuberte, musste sie sofort an den Online-Artikel der Hamburger Morgenpost denken, den sie zuvor zu Hause auf ihrem alten Tablet gelesen hatte. War hier nicht in der echten Welt ein getöteter Obdachloser gefunden worden? Sie stutzte, als sie unterhalb ebendieses Genussspeichers eine Figur liegen sah, die sie nicht kannte. Aber da war die Figur auch schon klackernd im Sauger verschwunden. Sie erschrak, als hätte sie einen echten Menschen verschluckt. Wie? Die war nicht festgeklebt? Sie stoppte den Sauger. Jedes Exemplar hatte eine Art Auffangnetz mit einem kleinen Behälter, um das versehentliche Aufsaugen von Bestandteilen der Anlage rückgängig zu machen, bevor alles im großen Entsorgungssack verschwand. Sie öffnete vorsichtig den Behälter, griff nach dem, was sie da aufgesaugt hatte, pustete den Staub weg und betrachtete den Miniaturmenschen: ein Mann. Liegend. Mit einer Flasche in der Hand. Eine Hälfte seines Kopfes war blutrot eingefärbt. Wie unheimlich …

Das Reinigungsteam war angewiesen worden, jeweils eine Notiz für die Frühschicht zu hinterlassen, wenn ihnen irgendetwas beim Putzen, wie zum Beispiel Beschädigungen, auffallen sollte. War ihr Fund so eine Notiz wert? Das war doch nur ein dummer, makabrer Scherz, oder? Egal. Als sie mit ihrer Arbeit fertig war, schrieb sie auf einen Zettel, was sie im Speicherstadt-Modell gefunden hatte, und legte die kleine Figur mit dem blutigen Kopf daneben.

* * *

Als Thies Knudsen morgens sein Büro betrat, klingelte sein Dienstapparat, noch bevor er seine nasse Jacke ausgezogen hatte. Er sah aufs Display. Ein interner Anruf. Eckart Löhr, ein Kollege, der für Betrugsdelikte und schweren Diebstahl zuständig war.

»Ecki, altes Raubein, was gibt’s?«

»Moin, Thies, wollte nur kurz was loswerden.«

»Ich höre.«

»Wahrscheinlich unwichtig. Aber man kann ja nie wissen. Ihr habt doch da diesen toten Penner in der Speicherstadt.«

»Lass das Wort bloß Dörte nicht hören. Die geht dir an die Gurgel.«

»Sorry, mein’s ja nicht so. Also die arme Sau da am Genussspeicher.«

»Ja, was ist mit dem?«

»Ich hab eben einen Anruf von meinen Freunden aus dem Miniatur Wunderland bekommen.«

Knudsen wusste, dass Eckart Löhr schon mit den Betreibern der großen Modelleisenbahn zusammengearbeitet hatte. Erst im letzten Jahr hatte seine Abteilung mit Figuren und Fahrzeugen aus dem Wunderland ein viel gelobtes Warnvideo vor Enkeltrick-Betrügern mit dem Titel »Leg sofort auf« gedreht. Seitdem waren Löhr und die Wunderland-Crew befreundet.

Trotzdem wusste Knudsen nicht recht, warum ihn ein Anruf von den Modellbauern gerade interessieren sollte.

»Schön, Ecki. Das elektrisiert mich ungemein. Haben die wieder eine neue Lok eingeweiht?«

»Nee, aber die haben am frühen Morgen was gefunden. Eine Figur, die offenbar einen toten Obdachlosen darstellen soll und die dort nicht hingehört. Die hat einer da abgelegt.«

»Hmm.« Knudsen zog mit einer Hand seine Jacke aus und begann das Gespräch langsam etwas anstrengend zu finden.

»Und rate mal, wo diese Figur lag?«

»Komm zur Sache, Ecki. Ich will meinen ersten Kaffee trinken.«

»Die lag genau an der Stelle in der Anlage, wo ihr den Toten gefunden habt. In der Speicherstadt am Genussspeicher.«

Knudsen stutzte. Das war merkwürdig. Andererseits war über die Tat schon berichtet worden.

»Bestimmt nur ein schlechter, makabrer Scherz, Ecki.«

»Wahrscheinlich. Aber ich dachte, ich erzähl’s dir mal und höre bei dieser Gelegenheit mal wieder deine engelsgleiche Stimme.«

»Du mich auch, Ecki«, antwortet Knudsen lachend. »Aber danke für den Anruf und auf bald mal.«

Als er gerade aufgelegt hatte, hörte er Gepolter vom Flur. Die Tür flog auf.

Dörte Eichhorn betrat das Büro. Gefolgt vom Klempner Krüger und drei weiteren Monteuren.

»Die Hunnen«, sagte Dörte grinsend. »Sie werden alles zerstören.«