Light Years - Die Gefährten - Kass Morgan - E-Book

Light Years - Die Gefährten E-Book

Kass Morgan

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Beschreibung

Die Quatra-Flotten-Akademie ist die absolute Eliteschule des Universums. Um Angriffe der mysteriösen Sylvaner abwehren zu können, öffnet sie erstmals die Tore für Studenten aller Planeten. Darunter ist die kluge Vesper – Tochter der Direktorin und unter dem ständigen Druck, sich beweisen zu müssen. Doch im entscheidenden Test wird sie vom Außenseiter Cormak geschlagen. Dass Vesper Gefühle für ihn entwickelt, macht sie nur noch wütender. Zum Glück freundet sie sich rasch mit den beiden weiteren Mitgliedern ihrer Einheit an: Arran und Orelia. Nach außen sind die vier bald das perfekte Team im Kampf gegen die Sylvaner. Doch zwei von ihnen verbergen ein dunkles Geheimnis ...

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Seitenzahl: 375

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Das Buch

Die Quatra-Flottenakademie auf dem Planeten Tri ist die absolute Eliteschule der Galaxis. Nur Tridianer werden zum Studium zugelassen – bis jetzt. Denn die Menschen stehen ihrem bisher schlimmsten Feind gegenüber: den Sylvanern, die mit ihren unheimlichen Geisterschiffen Schlacht um Schlacht gewinnen. Deswegen öffnet die Flottenakademie nun ihre Tore für Studenten von allen Planeten. Unter den Neuzugängen ist die kluge Vesper, die als Tochter der Direktorin unter dem ständigen Druck steht, sich beweisen zu müssen. Doch im entscheidenden Test wird sie von dem Außenseiter Cormak geschlagen, und dass Vesper Gefühle für ihn entwickelt, macht sie nur noch wütender. Zum Glück freundet sie sich rasch mit den beiden anderen Mitgliedern ihrer Einheit an: Arran und Orelia. Nach außen sind die vier bald das perfekte Team im Kampf gegen die Sylvaner. Doch zwei von ihnen verbergen ein dunkles Geheimnis …

Die Autorin

Kass Morgan studierte Literaturwissenschaft an der Brown University und in Oxford. Noch vor dem Erscheinen ihres ersten Buches, Die 100, konnte sie bereits die Rechte an der Serienverfilmung verkaufen. Die 100 schaffte es auf Anhieb auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, und auch mit den Folgebänden der Serie, Die 100 – Tag 21, Die 100 – Die Heimkehr und Die 100 – Rebellion, knüpfte Kass Morgan an ihren sensationellen Erfolg an. Mit Light Years – Die Gefährten beginnt die Erfolgsautorin nun ihre zweite große Science-Fiction-Saga, und zusammen mit Danielle Paige schreibt sie zudem an der Urban-Fantasy-Serie Der Club der Rabenschwestern. Kass Morgan arbeitet als Lektorin und freie Autorin, sie lebt in Brooklyn.

Mehr über Kass Morgan und ihre Romane erfahren Sie auf:

KASS MORGAN

DIE GEFÄHRTEN

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Urban Hofstetter

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel Light Years bei Little, Brown and Company, New York

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Deutsche Erstausgabe 09/2021

Copyright © 2018 by Alloy Entertainment

Published by arrangement with Alloy Entertainment, LLC

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München, nach einem Originalentwurf von Sasha Illingworth und Angela Taldone; Umschlagmotive: iStockphoto (lambada, Paffy69, Yuri_Arcurs); shutterstock (AJR_photo)

Jacket © 2018 Hachette Book Group, Inc.

Redaktion: Uta Dahnke

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-22005-1V001

www.diezukunft.de

1

CORMAK

Zischend öffnete sich die Luftschleuse, und Cormak schoss in die glühend heiße rosarot gefärbte Luft hinaus. Während sein Motorrad über den karstigen roten Untergrund raste, machte er ein paar flache Atemzüge, bis er sicher war, dass seine Gasmaske funktionierte. Dann stieß er die Luft aus und schaltete den Roader in einen höheren Gang. Gleichzeitig beugte er sich vor, um mit seinem Körper so wenig Widerstand wie möglich zu bieten. Nachdem er die ganze Nacht lang in den Luxustürmen von Sektor2 H2O ausgeliefert hatte, war er erleichtert, wieder draußen zu sein. Die Luft in den Türmen mochte ja vierfach gefiltert sein, aber sie kam ihm erstickender vor als die vergiftete Atmosphäre des Planeten.

Wasser war auf Deva so streng rationiert, dass die meisten Siedler kaum genug zu trinken hatten, geschweige denn mehr als einmal pro Woche duschen konnten. Aber wer bereit war, einen hohen Preis dafür zu bezahlen, und keine Angst vor Bestrafung hatte, konnte es auf dem Schwarzmarkt kaufen, von Leuten wie Sol, Cormaks Boss. Cormak lieferte das Wasser nun schon seit zwei Jahren in die Luxustürme, doch deren wohlhabende Bewohner beäugten ihn immer noch so skeptisch, als wäre er etwas, was in den Filtern hätte hängen bleiben sollen. Er hatte auf die harte Tour gelernt, nichts in ihren Wohnungen mit begehrlichen Blicken zu betrachten – weder das Obst, das in den Terrarien wuchs, noch die Filme, die auf den Bildschirmen liefen, und schon gar nicht die Bücher, die in durchsichtigen Kisten aufbewahrt wurden, in denen sie vor der alles zersetzenden Luft geschützt waren. Denn wenn es jemanden gab, dem reiche Leute noch mehr misstrauten als einem staubigen Devak, dann war das ein staubiger Devak, der gern las.

Heute herrschte einigermaßen gute Sicht, und in der Ferne ragten die Türme von Sektor 23 aus dem blassrosa Dunst. Cormak lebte im einunddreißigsten Stockwerk von Turm B, einem der sechs riesigen Betongebäude, die das Panorama seiner wunderschönen Heimat prägten. Wenn er Glück hatte, würde er noch ein paar Stunden schlafen können, bevor Sol ihn wegen der nächsten Lieferungen anrief.

Cormak schaltete sein Helmradio an und schlug sich ein paarmal mit dem Handschuh seitlich gegen den Kopf, bis das statische Rauschen nachließ.

»… offizieller Seite heißt es, dass bei der Explosion vierzehn Minenarbeiter ums Leben gekommen sind«, erklärte eine fröhliche Stimme. »Und nun zum Wetter.«

»Es ist jetzt 27:40 Uhr am Vormittag. Wegen eines Sturms in der Mesosphäre sind die Bedingungen für den Flugverkehr derzeit nicht optimal. Heute rechnen wir mit Höchsttemperaturen von 212 Centis. Die Tiefstwerte liegen voraussichtlich bei 199 Centis. Laut den aktuellen Atmosphärendaten kann man mit ungefilterter Luft zwei Minuten und vierzig Sekunden lang überleben. Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen Tag!«

Cormak fluchte, als er in eine Spurrille geriet. Diese Lieferfahrten waren Gift für seinen Roader, aber er hatte keine Wahl. Für Sol zu fahren, war immer noch besser, als vierzehn Stunden pro Tag in einer der verbliebenen Minen zu arbeiten. Auch wenn es bedeutete, dass er für das größte Arschloch auf Deva tätig war.

Er streckte die Beine durch und richtete sich auf, um weiter sehen zu können. Der Weg vor ihm schien frei zu sein, abgesehen von aufgegebenen Minengerätschaften – darunter einige rostige Bohrer, riesige leckgeschlagene Fässer – und Teilen von Tanklastzügen, welche die Plünderer verschmäht hatten, nachdem die Mine stillgelegt worden war.

Das eintönige Stimmengemurmel im Radio wurde von einem Hinweis unterbrochen. »Jemand versucht, Sie zu erreichen … Cormak, du gehst besser dran, oder ich reiße dir den Arsch auf … Möchten Sie den Anruf annehmen?« Cormak seufzte. »Annehmen.«

»Was zum Teufel hast du dir bloß dabei gedacht«, fuhr ihn eine vertraute Stimme an, »eine Kundin zu beleidigen?«

»Wovon sprichst du, Sol?«, fragte Cormak müde.

»Was du zu Rella Hewitt gesagt hast, geht gar nicht! Und wieso hast du Ware gestohlen, für die sie gezahlt hat?«

Cormak unterdrückte ein Stöhnen. Auf dem Weg in das Gebäude, in dem die Hewitts wohnten, war er an einem erschöpft aussehenden Mädchen vorbeigekommen, das gerade die Böden wischte – ein weit verbreiteter Anblick auf Deva, wo die Kinder oft mit der Schule aufhörten, wenn ihre Eltern zu krank wurden, um zur Arbeit zu gehen. Cormak hatte ihr einen winzigen Schluck H2O angeboten, gerade mal so viel, dass sie nicht zusammenbrach, bevor ihre Schicht endete. Dabei hatte er allerdings vergessen, dass die ebenso neugierige wie gelangweilte Rella Hewitt häufig die Feeds der Sicherheitskameras in ihrem Gebäude verfolgte, um zu jeder Tages- und Nachtzeit zu wissen, was ihre Nachbarn so trieben. Als er an ihrer Tür angekommen war, hatte sie ihn volle fünf Minuten lang angeschrien, bevor Cormak ihren Wutausbruch mit ein paar wohlgewählten Worten beendete.

»Weißt du, Sol, es fällt mir schwer, Mitleid mit reichen Leuten zu haben, die für ihre exotischen Pflanzen mehr übrighaben als für die Kinder der Siedler.« Im Gegensatz zu den Siedlern, deren Vorfahren sich bereits vor vielen Generationen auf Deva niedergelassen hatten, waren die meisten Wohlhabenden erst in jüngster Zeit von Tri, dem Hauptplaneten der Quatra-Föderation, hergezogen.

»Ach, willst du mir jetzt etwa mit Moral kommen, du Arschloch? Dein Job ist es, abzuliefern und das Maul zu halten. Hast du das verstanden?«

»Verstanden«, murmelte Cormak.

»Du kannst von Glück reden, dass ich so verständnisvoll bin. Ich gebe dir noch eine Chance. Heute Abend holst du etwas für mich ab, 29° 22’ nördlicher Länge und 99° 48’ westlicher Breite … Wieso höre ich nicht, wie du anhältst und das aufschreibst?«

»29° 22’ nördlicher Länge und 99° 48’ westlicher Breite«, wiederholte Cormak gelangweilt. »Verstanden, Chef.« Er vergaß niemals Koordinaten. Cormak hatte ein Talent für Zahlen und konnte in Gedanken sehen, wie sie die verschiedensten Kombinationen eingingen. Daher war es ihm möglich, selbst komplexe Gleichungen innerhalb weniger Sekunden im Kopf auszurechnen. Allerdings hatte ihm das bislang wenig genützt. Da er seine Lösungswege nicht darlegen konnte, gingen seine Lehrer regelmäßig davon aus, dass er bei den Mathetests betrog. Seinen Bruder Rex hatte ihr Misstrauen jedes Mal zur Weißglut getrieben, aber Cormak war es eigentlich egal. Gute Noten waren nur für Menschen wie Rex wichtig – jene seltenen Schüler, die schlau genug waren, um die Aufmerksamkeit der Lehrer zu erregen, und gleichzeitig so liebenswert, dass alle Verantwortlichen nicht nur den endlosen Papierkram auf sich nahmen, sondern sich auch zu den Gefälligkeiten und Bestechungen bereitfanden, die nötig waren, um diese Schüler an einer Universität oder in einem Ausbildungsprogramm auf einem anderen Planeten unterzubringen. Obwohl letzten Endes nicht einmal Rex es geschafft hatte, von Deva wegzukommen.

»Wenn du das versaust, wird es dir leidtun. Hast du kapiert, Cormak?«

»Alles klar. Ich werde heute Abend dort sein.« Die Koordinaten bezeichneten einen Ort in Sektor 22, an dem Sol einen Kontakt hatte, der gestohlene Nanotechnologie von Tri importierte. Obwohl Sol sein Geld hauptsächlich mit Wasser verdiente, hatte er seine Finger auch im Waffengeschäft und interessierte sich leidenschaftlich für interstellaren Kryptohandel. Gerüchten zufolge hatte er es sogar geschafft, die tridianische Bank zu hacken.

»Scheiße!«, stieß Cormak hervor, als sein Roader erneut in eine Spurrille geriet und vom Boden abhob. Er schaffte es, das Motorrad abzufangen, landete jedoch so hart, dass er die Vibrationen im ganzen Körper spürte. Rasch sah er an sich hinunter, um zu überprüfen, ob seine Hose immer noch fest in den Stiefeln steckte. Durch unbedeckte Hautporen konnte die giftige Luft in den Körper einsickern, was innerhalb weniger Stunden zum Tod führen würde.

Die Atmosphäre von Deva war für Menschen toxisch. Der Planet war in eine dicke Gasschicht gehüllt, die aus Stickstoff, Kohlendioxid und gerade mal genug Sauerstoff bestand, um ihn herauszufiltern und in vakuumversiegelte Gebäude zu pumpen. Außerdem gab es auf Deva große Vorkommen von Terranium, einem Metall, aus dem früher die meisten Gebäude auf dem Planeten Tri errichtet worden waren.

Vor hundert Jahren hatten die tridianischen Minenbetreiber und Metallexporteure gar nicht schnell genug ihren Anspruch auf diese Abbaustätten anmelden können. Zum Schutz vor der tödlichen Atmosphäre hatten sie damals ihre gemütlichen Häuser in riesige Blasen gehüllt und waren in eigens für sie angefertigten Zippern mit zusätzlichen Sauerstofffiltersystemen zur Arbeit geflogen. Anschließend hatten sie Türme errichtet für die Arbeiter, die sie mit der Aussicht auf ein hohes Einkommen und ein neues Leben zu Hunderttausenden nach Deva lockten. Die Türme standen so dicht an den Minen, dass die Kumpel mit den firmeneigenen Gasmasken zu Fuß durch den rosa Nebel zur Arbeit gelangen konnten. Diese Masken hatten natürlich keine zusätzlichen Filtersysteme.

Vor zwanzig Jahren war der Markt für Terranium dann von einem Tag auf den anderen komplett zusammengebrochen, weil Bauunternehmer auf dem Planeten Chetire ein noch widerstandsfähigeres Metall namens Fyron entdeckt hatten. Die meisten Minen wurden geschlossen, aber natürlich hatten die Arbeiter damals bereits so viel Zeit unter Tage verbracht, dass ihre inneren Organe völlig zerfressen waren. Cormaks Vater war im reifen Alter von neununddreißig Jahren gestorben, mit mehr Tumoren in der Lunge als Münzen im Geldbeutel.

Vor Cormak schimmerte etwas am Horizont. Ein Pol in einem Zipper. Fluchend bog er scharf von der Straße ab und fuhr über das holprige, von Gräben durchzogene Brachland. Er hatte zwar nichts verbrochen – zumindest nichts, was von der Luft aus zu sehen gewesen wäre –, aber ein Pol brauchte keinen Grund, um jemanden anzuhalten und ihm das Leben schwer zu machen.

Wenn der hier ihn stoppte und das Wasser bei ihm fand, hatte Cormak ein Riesenproblem. Die meisten Leute, die auf Deva verhaftet wurden, erhielten keine Vorladung und wurden auch nicht vor Gericht gestellt, sondern man hörte schlichtweg nie wieder etwas von ihnen.

Cormak gab Gas und hielt geradewegs auf den Canyon zu, den die Minenarbeiter vor langer Zeit ausgehoben hatten. Er war zu eng für den Zipper und so dunkel, dass die Gesichtserkennung Cormak aus größerer Distanz nicht würde identifizieren können.

Über das Röhren seines Motors hinweg hörte er das unverwechselbare Summen des Polizeizippers. Cormak zwang sich dazu, ruhig zu atmen, da die Maske bei jedem Zug nur eine bestimmte Menge Luft filtern konnte.

»Bleiben Sie stehen und steigen Sie von Ihrem Fahrzeug ab«, dröhnte eine laute Stimme von oben herab. »Sie sind in ein Sperrgebiet eingedrungen und müssen sich ausweisen.«

Sperrgebiet, sehr witzig. Der Canyon war bereits seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gesperrt. Das war bloß eine dieser Ausreden, die Pols sich aus den Fingern saugten, wenn sie jemanden filzen wollten. Cormak legte sich flacher auf den Roader, um möglichst alles an Tempo herauszuholen. Zu beiden Seiten seines Gefährts stieg roter Staub auf, und jedes Mal, wenn er über einen Stein oder ein Loch fuhr, hob das Motorrad vom Boden ab.

Cormak näherte sich dem Eingang des Canyons, einem schmalen Spalt in dem hoch aufragenden schmutzig roten Hügel vor ihm, durch den der Zipper auf keinen Fall passen würde. Wenn Cormak es unbehelligt bis dorthin schaffte, würde der Pol die Verfolgung aufgeben müssen.

»Bleiben Sie stehen und steigen Sie von Ihrem Fahrzeug ab!«, befahl die Stimme. »Dies ist die letzte Warnung.«

Der Canyon war noch hundert Mitons entfernt. Jetzt noch neunzig. Cormak gab noch mehr Gas. Siebzig. Er blickte über die Schulter zurück und stieß einen Fluch aus. Warum drehte der Zipper nicht ab?

Der Eingang zum Canyon war immer deutlicher zu erkennen. Vierzig Mitons trennten ihn noch von ihm. Dann dreißig. Mit ihren sieben Mitons Breite bot die Schlucht kaum genug Platz für zwei nebeneinander fahrende Roader und schon gar nicht für einen Zipper. Der Pol würde jetzt jeden Moment hochziehen müssen. Ihm blieb gar keine andere Wahl.

Ein plötzlicher heißer Luftstoß warf Cormak fast vom Motorrad. Der Zipper war tiefer gegangen und flog nun dicht über dem Boden neben ihm her. »Halten Sie an!«, brüllte der Pol.

Anstelle einer Antwort kauerte Cormak sich noch weiter zusammen und beschleunigte den Roader bis zum Anschlag. Während er auf den Eingang des Canyons zuraste, hielt er den Atem an und hoffte inständig, dass der Pol nicht versuchen würde, ihn zu überholen und den Weg zu blockieren. Denn damit würde er sie beide töten.

Cormak tauchte in den Schatten der Schlucht ein und blickte gerade noch rechtzeitig über die Schulter zurück, um zu sehen, wie der Zipper scharf nach links ausscherte. Ein paar Sekunden später hörte er knirschendes Metall, gefolgt von einem dumpfen Schlag.

Cormak bremste so stark, dass das Heck des Roaders ausbrach und gegen die Felswand knallte. Einen Moment lang sackte er keuchend zusammen und versuchte, das schmerzhafte Pochen im Bereich seiner Rippen zu ignorieren. Erst als er sah, wie sich der Umriss des Pols von dem zerstörten Zipper entfernte, stieß Cormak einen Seufzer aus. Der Typ hatte nun keine Chance mehr, ihn einzuholen. Cormak setzte sich aufrecht hin und ließ lächelnd den Motor aufheulen, um die Verwünschungen des Pols zu übertönen, die von den Felswänden widerhallten.

Als Cormak bei Turm B eintraf, war es beinahe Mittag, und damit blieben ihm nur wenige Stunden Schlaf, bevor er wieder aufbrechen musste. Sobald die Luftschleuse hinter ihm zugegangen war, riss er sich so heftig den Helm vom Kopf, dass der Schweiß aus seinen Haaren in sämtliche Richtungen spritzte. Erst dann schloss er seinen Roader ab und begann den mühsamen Aufstieg in den einunddreißigsten Stock. Mittlerweile sah er nicht einmal mehr nach, ob der Aufzug endlich repariert war.

Antares sei Dank lief ihm keiner der Nachbarn über den Weg. Rex’ Tod war mittlerweile zu lange her für weitere Beileidsbekundungen, aber Cormak merkte, dass sie es auch nicht schafften, sich normal mit ihm zu unterhalten. Eigentlich sollte man doch meinen, dass die Menschen an einem Ort wie Sektor 23, wo die Trauer zusammen mit der gefilterten Luft endlos zirkulierte, wissen müssten, wie man mit Verlusten umging. Er persönlich kannte keine einzige Familie, die von Schicksalsschlägen verschont geblieben war.

Wie üblich sah das kleine Wohnzimmer zugleich kahl und unaufgeräumt aus. Auf dem Boden und der abgewetzten Couch lagen leere Nährstoffriegel-Verpackungen verstreut, und über sämtlichen Stuhllehnen hing Schmutzwäsche. Als Rex noch gelebt hatte, war die Wohnung zwar auch schäbig, aber makellos sauber gewesen. Obwohl sein Bruder nur drei Jahre älter gewesen war als Cormak, hatte er häufig die Rolle eines Elternteils übernommen. Nach dem Tod ihres Vaters war Rex es gewesen, der um die Höhe der Miete gefeilscht und gelegentlich auf dem unzuverlässigen Gasherd warme Mahlzeiten zubereitet hatte. Außerdem hatte er Cormak auch dann noch dazu gedrängt, die Hausaufgaben zu machen, als die Lehrer es schon längst aufgegeben hatten.

Cormak schloss die Augen und spürte den vertrauten Schmerz. Bis zu der Nachricht von Rex’ Tod war ihm gar nicht bewusst gewesen, dass sein Bruder in der Mine in den Hobart Barrens gearbeitet hatte. Sein Bruder hatte eine sichere Anstellung als Hausmeister im Shuttleport gehabt und sich gleichzeitig auf die Zulassungsprüfung an der Pilotenschule vorbereitet. Warum hatte er das alles aufgegeben und einen befristeten Job in einer der gefährlichsten Gegenden auf Deva angenommen? Nur wer völlig verzweifelt war, arbeitete in den Hobart Barrens, einem riesigen Krater, in dem Erdbeben die Schächte zum Einsturz brachten und kochend heiße Dampffontänen aus dem rissigen Boden aufstiegen.

Anfangs hatte sich Cormak noch keine Sorgen gemacht, als Rex nicht auftauchte. Sein Bruder hatte immer wieder Extraschichten übernommen und war oft tagelang nicht nach Hause gekommen. Nach dem vierten Tag ohne ein Zeichen von ihm war Cormak dann aber doch allmählich nervös geworden. Und am siebten Tag war die Nachricht eingetroffen, die ihm das Herz gebrochen hatte. Rex war tot. Nie wieder würde Cormak sein ulkiges Gelächter hören, das einzige Geräusch, das laut genug gewesen war, um das unaufhörliche Winseln der Luftfilteranlage zu übertönen. Und er würde auch nie wieder Rex’ starke Hand auf seiner Schulter spüren und hören, wie er »Alles wird gut« zu ihm sagte, was Cormak immer tröstlich fand. Auch wenn es sich inzwischen als Lüge erwiesen hatte.

Cormak stützte sich an der Wand ab und zwang sich dazu, gleichmäßig zu atmen, bis der Schmerz nachließ. Vor seiner nächsten Fahrt würde er dringend noch ein paar Stunden schlafen müssen. Doch als er in Richtung Bett ging, knurrte sein Magen protestierend. Wenn er nicht noch etwas aß, würde die Arbeit am Abend eine Qual werden, aber die Küche war leider komplett leer. Er ärgerte sich immer noch darüber, dass er am Vortag ein Ersatzteil für seinen Roader hatte kaufen müssen. Nachdem er tagelang kein passendes Fahrzeugwrack zum Ausschlachten gefunden hatte, war ihm schließlich nichts anderes übrig geblieben, als Geld dafür hinzulegen. Und jetzt hatte er nicht mehr genug, um sich etwas zu essen zu besorgen. Er musste irgendetwas verkaufen. Allerdings hatte er während der vergangenen Monate bereits alle seine wertvollen Habseligkeiten zu einem Pfandleiher gebracht: die Armbanduhr, die er von seinem Vater geerbt hatte, den antiken Roader seines Großvaters und auch das einzige Schmuckstück, das seine Mutter, die kurz nach seiner Geburt gestorben war, je besessen hatte. Es gab nur einen einzigen Raum, den er bislang noch nicht geplündert hatte.

Cormak starrte die Tür an, die er seit Rex’ Tod nicht mehr geöffnet hatte. Bei der Vorstellung, die Sachen seines Bruders zu durchwühlen, wurde ihm ganz anders. Aber Rex würde ausrasten, wenn er erführe, dass Cormak Hunger litt, nur weil er nichts, was ihm gehört hatte, zu Geld machen wollte.

Mit ein paar zögerlichen Schritten betrat Cormak das zweite winzige Schlafzimmer der Wohnung. Die Luft darin war so muffig wie in einem Grab, und Cormak merkte, dass er den Atem anhielt.

Hier war alles perfekt aufgeräumt, abgesehen von zwei Stiefeln, die nur wenige Zentimitons voneinander entfernt in der Nähe der Tür auf dem Boden lagen. Mit einem neuerlichen Anflug von Trauer stieg er über sie hinweg, sorgsam darauf bedacht, sie nicht zu berühren. Ihre Anordnung wirkte so zufällig und geradezu lebendig, als ob die Person, die sie von den Füßen geschüttelt hatte, jeden Moment zurückkehren würde.

Das Bett war natürlich gemacht. Als Rex zum letzten Mal aufgestanden war, hatte er die Laken feinsäuberlich unter die Matratze gestopft. Hatte er etwa geahnt, dass er sterben würde, und daher besonders darauf geachtet, alles ordentlich zu hinterlassen?

Cormak ging zur Kommode und ließ die Hand einen Moment lang über dem Griff der obersten Schublade verweilen, bevor er sie aufzog. Sie enthielt die gesammelten Modellflugzeuge seines Bruders, die Rex Cormak früher immer zum Spielen gegeben hatte. Daneben lag ein Stapel alter T-Shirts. Zitternd fuhr Cormak mit den Fingerspitzen über den Stoff.

Er schob die Schublade sanft wieder zu und öffnete die zweite. Sie war leer, genau wie die unterste. Cormak empfand ein eigenartiges Gefühlsgemisch aus Frustration und Erleichterung, während er sich im Zimmer umsah, und er wollte gerade wieder gehen, als sein Blick an etwas auf Rex’ Kopfkissen hängen blieb. Während er darauf zuging, merkte er, dass es sich um zwei verschiedene Gegenstände handelte: eine Ausweiskarte und einen verkratzten tragbaren Link.

Zuerst nahm Cormak den Ausweis in die Hand und zuckte leicht zusammen, als er in das lächelnde Gesicht seines Bruders sah. Warum hatte Rex den nicht mitgenommen? Er legte ihn zurück und griff nach dem Link. Rex war so stolz gewesen, als er das gebrauchte Gerät gekauft hatte. Eine Zeit lang hatte er es sich immer an den Gürtel geschnallt. Aber der Empfang auf Deva war so schlecht, dass er den Link irgendwann nicht mehr mitgenommen hatte.

Überrascht stellte Cormak fest, dass das Nachrichtenlicht blinkte, und aktivierte mit einer Berührung den Bildschirm. Ein paar der Nachrichten waren Spam – Anzeigen für ermäßigte Shuttletickets, die sich Rex niemals hätte leisten können, und »aufregende Jobangebote« von Firmen auf anderen Planeten, die seit fünfzig Jahren niemanden von Deva mehr eingestellt hatten. Außerdem entdeckte Cormak mehrere Nachrichten von alten Freunden und Bekannten, die wohl noch nicht von Rex’ Tod erfahren hatten, sowie von ein paar Leuten, die zwar Bescheid wussten, ihm aber trotzdem eine Abschiedsnachricht geschrieben hatten.

Er wollte den Link schon wieder abschalten, als er eine ungelesene Nachricht mit der Betreffzeile»Für Cormak«entdeckte. Mit zittrigen Händen öffnete er sie und begann zu lesen.

Hallo C,

entschuldige bitte, dass ich einfach abgehauen bin, ohne dir Bescheid zu sagen, aber ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Dieser Job in den Barrens dauert nur zehn Tage, und du würdest es nicht glauben, wenn ich dir verriete, wie viel sie uns dafür zahlen. Wenn alles läuft wie geplant, wirst du diese Nachricht nie lesen, weil ich wieder zurück sein werde, bevor du anfängst, in meinem Zimmer herumzuschnüffeln. Aber für den Fall der Fälle wollte ich dir etwas hinterlassen.

Du fragst dich wahrscheinlich, warum ich diese Arbeit angenommen habe. Nun, da ist noch etwas, was ich dir bislang noch nicht gesagt habe: Ich bin an der Quatra-Flottenakademie angenommen worden. Krass, oder? Ich habe dir nichts von meiner Bewerbung erzählt, weil ich mir ziemlich sicher war, dass nichts daraus werden würde. Und als es doch geklappt hat, wollte ich nicht, dass du dir Sorgen machst, du müsstest ohne mich auf Deva versauern. Und genau deswegen mache ich diesen Job. Dabei verdiene ich genug Geld, um dich auch von hier wegzuschaffen. Du kannst die Universität von Tri besuchen, die Pilotenschule auf Chetire – oder was auch immer du sonst tun möchtest. Ich weiß, dass du mir das nicht glauben willst, aber du bist ein verdammtes Genie, C. Du bist viel klüger als ich, und dir stehen sämtliche Möglichkeiten offen. Wir werden also beide diesen Drecksplaneten verlassen, statt hierzubleiben und zu verrotten wie Dad.

Diese Arbeit ist längst nicht so gefährlich, wie alle behaupten, und ich bezweifle, dass dabei irgendetwas schiefgehen wird. Aber wenn du das hier liest, ist es wohl doch passiert …

Ich hoffe wirklich, dass du diese Nachricht nicht entdecken wirst.

Falls ich nicht nach Hause komme, gibt es etwas, was du für mich tun kannst: Ich möchte, dass du meinen Platz an der Akademie einnimmst. Ich habe meinen Ausweis auf das Kopfkissen gelegt. Du bist schlauer als alle Tridianer zusammen, und ich kann es gar nicht erwarten zu sehen, wie denen ein Devak zeigt, wo der Hammer hängt. Denn ich werde dich beobachten, C, auch wenn wir nicht wissen, von wo aus.

Ich muss jetzt aufhören, weil ich allmählich ziemlich rührselig werde und nicht möchte, dass du mich völlig aufgelöst siehst, wenn du nach Hause kommst. Du wirst diese Zeilen nie lesen. Da bin ich mir ganz sicher. Ich werde in ein paar Tagen wieder da sein. Aber falls nicht, dann pass auf dich auf, Cormak. Ich hab dich lieb.

Rex

Cormak bekam weiche Knie und sackte zu Boden, seine Sicht verschwamm. Rex war seinetwegen in die Barrens gegangen. Sein Bruder hatte lieber sein Leben riskieren wollen, als ihn allein zurückzulassen. Cormak versuchte zu atmen, aber es fühlte sich an, als wären seine Rippen eingedrückt, und er bekam kaum Luft. »Nein«, flüsterte er und zog die Knie an die Brust. »Nein, Rex!«

Mit geschlossenen Augen durchlebte Cormak in Gedanken noch einmal die letzten Stunden, die er mit Rex verbracht hatte: ihr letztes gemeinsames Abendessen, ihre letzte Partie Treppenball – ein Spiel, das sie vor langer Zeit miteinander erfunden hatten. Dabei hatten sie genauso laut gelacht wie damals als Kinder. Während der letzten fürchterlichen Monate war diese Erinnerung ein Trost für ihn gewesen, aber jetzt nicht mehr, da er wusste, dass Rex die ganze Zeit dieses Geheimnis mit sich herumgetragen hatte.

Wenn er den Link nur früher gefunden hätte! Wenn er Rex’ Sachen gleich durchsucht hätte, als sein Bruder verschwunden war, hätte Cormak vielleicht noch etwas unternehmen können. Er hätte per Anhalter oder als blinder Passagier in die Barrens fahren und Rex dazu überreden können, wieder nach Hause zu kommen. Er hätte seinem Bruder das Leben retten können.

Cormak zitterte immer noch, als er die Nachricht zum zweiten Mal las. Diesmal spürte er neben dem Schmerz jedoch auch einen kleinen Funken Stolz. Er konnte es gar nicht glauben – Rex hatte es tatsächlich an die Quatra-Flottenakademie geschafft, die elitärste Schule im ganzen Sonnensystem, an der viele legendäre Offiziere der Quatra-Flotte ihren Abschluss gemacht hatten. Bis vor Kurzem waren dort nur Tridianer zugelassen gewesen. Cormak hatte zwar mitbekommen, dass die Aufnahmebedingungen geändert worden waren, aber er hatte dem Ganzen keine große Beachtung geschenkt. Die Vorstellung, ein Devak könnte an der Akademie studieren, erschien ihm völlig absurd. Dennoch hatte Rex es geschafft.

Rex hätte also nicht nur Pilot, sondern sogar ein verdammter Offizier werden können.

Aber jetzt war der Traum geplatzt. So lief das immer auf Deva. Egal wie hart man arbeitete, und selbst wenn man zur Abwechslung mal Glück hatte – irgendetwas lief immer schief. Es war so frustrierend. Rex, der großherzigste und klügste Mensch, den er kannte, hatte die Chance seines Lebens bekommen – und dann dieses Leben viel zu früh verloren.

Cormak holte aus und schleuderte den Link gegen die Wand. Mit Genugtuung vernahm er das Knacken.

Anschließend stieß er gründlich den Atem aus und holte erneut Luft. Als endlich wieder Sauerstoff in seiner Lunge war und er sich ein wenig entspannter fühlte, erhob er sich ganz langsam und griff nach dem Ausweis auf dem Kissen. Während Cormak das lächelnde Gesicht seines Bruders betrachtete, dachte er an das, was in der Nachricht gestanden hatte: Falls ich nicht nach Hause komme, gibt es etwas, was du für mich tun kannst: Ich möchte, dass du meinen Platz an der Akademie einnimmst. Das war natürlich Schwachsinn. Cormak konnte nicht einfach anstelle seines Bruders die Akademie besuchen. Niemand wusste, wo sie sich befand, da das ein streng gehütetes Geheimnis war. Man konnte unmöglich eben mal mit einem falschen Ausweis dort auftauchen. Wenn Cormak erwischt wurde, würde er in einem Gefängnis der Föderation oder an einem noch schlimmeren Ort landen. Und selbst wenn er es irgendwie schaffte, sich in die Akademie hineinzuschmuggeln, würde er gemeinsam mit den cleversten Jugendlichen im ganzen Sonnensystem studieren. Da würde es sicher nicht lange dauern, bis irgendwem auffiel, dass er dort nichts zu suchen hatte.

Cormak strich mit dem Finger über das Ausweisfoto. Er kannte dieses Lächeln genau, und er konnte kaum glauben, dass er es nie mehr in echt sehen würde. Du bist schlauer als alle Tridianer zusammen, und ich kann es gar nicht erwarten zu sehen, wie denen ein Devak zeigt, wo der Hammer hängt. Als Rex das schrieb, hatte er sicher genau so gelächelt.

Was er da von Cormak verlangte, war geradezu selbstmörderisch. Tausenderlei Dinge konnten dabei schiefgehen, und die Vorstellung, dass ausgerechnet sein verantwortungsbewusster und gesetzestreuer Bruder ihn zum Identitätsbetrug anstiftete, war absolut absurd. Allerdings glaubte Cormak gerade deswegen, dass es ihm wirklich ernst damit gewesen war. Rex hatte so sehr gewollt, dass sein kleiner Bruder diese Chance bekam, dass er dafür sogar bereit gewesen war, ihn diesem Risiko auszusetzen.

Es war Cormaks einzige Möglichkeit, von Deva wegzukommen. Wenn er hierblieb, würde er bald entweder an zahlreichen Tumoren oder durch die Kugeln eines Pols sterben. Zum ersten Mal seit acht Monaten empfand Cormak etwas anderes als Wut, Trauer und Verzweiflung; etwas, womit er gar nicht mehr gerechnet hatte: Er spürte Hoffnung. Zwar konnte er Rex damit nicht wieder zum Leben erwecken, aber vielleicht wäre es ihm so in gewisser Weise möglich, doch noch seinen Traum zu verwirklichen. Und wenn er seinen großen Bruder stolz machen konnte, war ihm dafür kein Preis zu hoch.

2

ARRAN

Warte! Iss das nicht!«

Als Arran den Kopf hob, bemerkte er ein Mädchen mit violett gesträhnten Locken, das ihn alarmiert ansah. Er erwiderte ihren Blick, ebenso erschrocken über ihr plötzliches Auftauchen wie über die Sorge in ihrer Stimme.

Arran war fast zwei Stunden zu früh am Shuttleport eingetroffen und wartete seither auf einer der gepolsterten Sitzbänke. Aus Sicherheitsgründen waren sämtliche kommerziellen Flüge des Tages gestrichen worden. Die Einzigen, denen noch Zugang gewährt wurde, waren Kadetten der Quatra-Flotte und deren Familien. Daher war das kreisrunde Atrium so gut wie leer gewesen – und fast völlig still, abgesehen von dem quietschenden Reinigungsroboter, der die Böden wischte, und den fröhlichen Stimmen, die aus den Lautsprechern an den Monitoren drangen. Die Werbespots wurden so oft wiederholt, dass Arran sie mittlerweile auswendig mitsprechen konnte.

Begeben Sie sich auf die Reise Ihres Lebens! Nur einen Parsec entfernt, können Sie die Berge von Urud erleben!

Genießen Sie das Traumwetter auf Loos, dem Planeten, der unserer Sonne am nächsten ist!

Alle drei oder vier Minuten verschwanden die exotischen Urlaubsbilder, wurden ersetzt durch eine friedliche Ansicht des Weltalls, begleitet von Entspannungsmusik, die das Funkeln der Sterne sanft untermalte. Nach einer Weile wurde die Musik dann jedes Mal schrill und drängend, während im Hintergrund ein riesiges Kriegsschiff auftauchte, gefolgt von einem zweiten und dann von einem dritten. Sobald das erste den gesamten Bildschirm ausfüllte, feuerte es eine gewaltige Salve explodierender Bomben ab. Die Geister kommen. Möchtest du ihnen widerstandslos alles überlassen? Die Quatra-Flotte braucht dich!

Obwohl der letzte Angriff – der Arrans Heimatplaneten Chetire gegolten hatte – zwei Jahre her war, galt als sicher, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Geister erneut auftauchen würden. Doch beim nächsten Mal würde Arran sich nicht mehr zu Hause verstecken, denn bis dahin würde er gelernt haben, wie man kämpft.

Arran bemerkte, dass das Mädchen mit den violetten Strähnen ihn immer noch beobachtete, und sah auf das Brötchen hinunter, das seine Mutter ihm am Morgen in die Tasche gesteckt hatte. »Warum soll ich das nicht essen?«

»Weil du dich sonst übergeben musst, sobald wir Fluchtgeschwindigkeit erreichen.«

»Ach ja, stimmt.« Arran errötete und wickelte das Brötchen wieder vorsichtig in die Stoffserviette ein. Es war die mit den blauen Blumen, seine liebste. Er fragte sich, ob seine Mutter sie ihm wohl absichtlich als kleines Andenken an zu Hause mitgegeben hatte.

»Keine Sorge.« Das Mädchen lächelte freundlich. »Das ist auch mein erster Shuttleflug. Ich habe mich nur ein bisschen über interplanetare Reisen schlaugemacht.«

Arran stand auf und fuhr sich mit den Händen durchs Haar – ein nervöser Tick, den er einfach nicht ablegen konnte. »Das war eine gute Idee.« Er war erleichtert, dass er nicht der einzige weltraumkranke Neuling sein würde. Bisher hatte er noch nicht einmal das F-Territorium verlassen, die entlegenste Provinz auf Chetire, geschweige denn den Planeten selbst. In seiner Familie waren seit jeher alle Minenarbeiter gewesen, und als die Zulassungspapiere von der Akademie eingetrudelt waren, hatte er gerade kurz davor gestanden, einen Zehnjahresvertrag bei der Bergbaufirma zu unterschreiben. Dann hätte er zehn Jahre lang zwölf Stunden am Tag vierhundert Mitons tief unter der gefrorenen Oberfläche schuften müssen. Er konnte sein Glück immer noch nicht ganz fassen. Arrans größte Angst war immer gewesen, in den Minen zu enden. Und er hatte nie geglaubt, diesem Schicksal entrinnen zu können. Wer auf Chetire geboren wurde, blieb auch dort.

Bis jetzt.

Warum hatte er nicht selbst vorab ein paar Informationen eingeholt? Arran war es gewöhnt, immer derjenige zu sein, der alles wusste. Immer wieder war er nach der Schule drangsaliert worden, weil er »dumme Fragen« gestellt hatte, die den müden Lehrer davon abgehalten hatten, den Unterricht vorzeitig zu beenden. Einmal, als seine Mutter gerade wieder Salbe auf eines seiner geschwollenen Augenlider auftrug, hatte sie vorsichtig angemerkt, dass er sich seine Fragen vielleicht doch besser für die Bibliothek aufsparen sollte. Aber er hatte gewusst, dass das nicht funktionieren würde. Sobald eine Sache seine Neugier geweckt hatte, konnte er an gar nichts anderes mehr denken … nicht einmal daran, wie schnell er sich blaue Flecken holte.

Ein blasses Mädchen näherte sich der Violetthaarigen und Arran. »Seid ihr auch zur Akademie unterwegs?«, fragte sie ein wenig nervös.

»Ja.« Arran neigte den Kopf zu dem auf Chetire üblichen Gruß unter Gleichrangigen. »Ich heiße Arran.«

Sie erwiderte die Geste. »Mhairi.«

Nachdem sich das Mädchen mit den violetten Haaren als Sula vorgestellt hatte, sah sich Mhairi besorgt nach einem Mann und einer Frau um, die in mehrere schneebedeckte Kleiderschichten gehüllt waren und in der Nähe der Wand standen. »Ich sollte mich wohl besser mal von meinen Eltern verabschieden. Es müssen ja nicht alle mitbekommen, dass sie mich hierher begleitet haben.«

Sula lächelte. »Meine wären auch gekommen, wenn sie es sich hätten leisten können. Schließlich brechen nicht jeden Tag die ersten Chetrier zur Quatra-Flottenakademie auf.«

»Das klingt, als würdest du aus deinen Memoiren vorlesen«, sagte Arran, aber betont freundlich, damit sie sich nicht von ihm verspottet fühlte. Vielleicht hatte Sula ja recht. Obwohl es sich ziemlich wichtigtuerisch anhörte, wenn man es laut aussprach, schrieben sie tatsächlich Geschichte. Er hoffte nur, dass sie dabei niemanden enttäuschen würden.

Jahrtausendelang war Tri der einzige bewohnte Planet im Sonnensystem gewesen. Doch als die Technik des Terraformens weit genug fortgeschritten war, hatten die Tridianer die ersten Siedlungen auf dem tropischen Loos errichtet und schon bald darauf Minenkolonien auf dem giftigen Planeten Deva und dem eisigen Chetire gegründet. Die armen Tridianer, die als Arbeiter auf diese Planeten emigriert waren, hatte man als Siedler bezeichnet. Nach ein paar Generationen waren die Siedler den tridianischen Unternehmern zahlenmäßig so weit überlegen gewesen, dass sie Selbstbestimmung und Unabhängigkeit für sich gefordert hatten. Auf Loos waren diese Auseinandersetzungen ergebnislos, aber friedlich verlaufen, während sie auf Chetire und Deva zu erbitterten Kämpfen geführt hatten.

In der Folge hatte die Quatra-Föderation strenge Gesetze erlassen, um weitere Aufstände zu verhindern. Den Siedlern war es weder gestattet zu wählen noch tridianische Universitäten zu besuchen noch Unternehmen zu gründen. Es war ihnen nicht einmal möglich, juristisch gegen Tridianer vorzugehen. Außerdem durften sie zwar bei der Infanterie dienen, aber keine Posten in der Quatra-Flotte einnehmen. Vor allen Dingen aber wurden sie nicht an der Akademie angenommen.

Doch im Vorjahr hatte der Kommandeur der Quatra-Flotte mit neuen Bewerbungsrichtlinien für Aufsehen gesorgt, denen zufolge sich alle Siedler zwischen sechzehn und achtzehn Jahren für einen Platz an der Akademie qualifizieren konnten. Zynische Stimmen auf Chetire behaupteten, dass sich der Kommandeur nur deswegen plötzlich so weltoffen zeigte, weil seit den Geisterangriffen der Bedarf an Offizieren gestiegen war. Doch Arran hatte Commander Stepney geglaubt, als der in seiner mittlerweile berühmt gewordenen Rede gesagt hatte, dass Soldaten ihren vorgesetzten Offizieren vorbehaltloser trauen würden, wenn diese von ihren Heimatplaneten stammten, und dass es zudem im gesamten Sonnensystem noch viele bislang ungenutzte Talente gab.

Doch nicht jeder war mit diesen Neuerungen einverstanden. Gerade auf Tri hatte es heftigen Widerstand gegeben, insbesondere, nachdem verkündet worden war, dass in Zukunft nicht mehr wie bisher achtzig neue Tridianer pro Jahr die Akademie besuchen würden. Stattdessen sollten von jedem der vier Planeten jeweils zwanzig Kadetten zugelassen werden. Am vehementesten hatte sich ein Admiral namens Larz Muscatine gegen die Beschlüsse ausgesprochen und behauptet, dass es die Quatra-Flotte schwächen würde, wenn man die Akademie von nun an auch für die Siedler öffnete.

Arran freute sich schon darauf, ihm zu zeigen, dass er sich irrte.

Im Verlauf der folgenden halben Stunde trafen auch die restlichen chetrischen Kadetten ein. Ein paar stammten aus der Hauptstadt Haansgaard, aber die meisten hatten es offensichtlich ziemlich weit bis zum Shuttleport gehabt. Ein Junge zitterte so heftig, dass die anderen zunächst annahmen, er hätte unterwegs schwere Erfrierungen erlitten. Aber als ihm alle ihre Mäntel anboten, stellte sich heraus, dass er nur nervös war.

»Wisst ihr, wann wir unseren Staffeln zugeteilt werden?«, fragte Mhairi, die zusammengesunken zwischen ihren Taschen auf einer Bank saß. Arrans Körper prickelte vor Aufregung. Lange, bevor er auch nur davon geträumt hatte, der Akademie beizutreten, hatte er Geschichten über das Turnier gehört, einen intensiven Wettkampf zwischen den Kadetten. Dazu wurden die Schüler in Viererstaffeln aufgeteilt und mussten sich – nach einer bekanntermaßen sehr strengen Eignungsprüfung – entweder als Captain oder als Pilot oder als Technik- beziehungsweise Nachrichtenoffizier beweisen. Über die siegreiche Staffel wurde stets im gesamten Sonnensystem in den Nachrichten berichtet, und ihre Mitglieder ließen sich als die nächste Generation von Helden feiern, die für den Kampf gegen die Geister trainierte.

»Keine Ahnung«, erwiderte Sula. Zum ersten Mal seit ihrem Auftauchen klang auch sie ein wenig aufgeregt. »Aber ich möchte auf jeden Fall Pilotin werden.«

»Ehrlich?« Mhairi wirkte beeindruckt. »Bist du denn schon einmal geflogen?«

Sula schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich glaube, dass ich nach der Eignungsprüfung …«

Ein blasser Junge mit schulterlangem braunem Haar fiel ihr schnaubend ins Wort. »Du kannst von Glück sagen, wenn du die Eignungsprüfung überhaupt komplett schaffst.« Er hatte als Einziger von ihnen einen Link dabei und sah nicht auf, während er sprach. Arran hatte eigentlich gehofft, der Junge würde ihm den Link kurz leihen, damit er seiner Mutter schreiben konnte, dass er heil in Haansgaard eingetroffen war. Aber nachdem er ihm nun zugehört hatte, überlegte er es sich anders.

»Wie bitte?«, fragte Sula mit erhobenen Augenbrauen.

»Nimm es nicht persönlich«, sagte der Junge und blickte endlich von seinem Gerät auf. »Aber wir müssen uns nun mal mit der Tatsache abfinden, dass wir überhaupt keine Chance haben. Schließlich bereiten sich die Tridianer von Geburt an auf diese Eignungsprüfung vor.«

Einige der Kadetten sahen einander nervös an, während Sula dem Jungen einen vernichtenden Blick zuwarf, der Arrans positiven Eindruck von ihr noch verstärkte. »Man kann sich auf diese Prüfung gar nicht vorbereiten, weil sie das angeborene Talent misst.«

»Ach, ist das so? Und warum heuern die besonders reichen Tridianer dann Lehrer von der Akademie als Tutoren für ihre Kinder an? Mein Onkel hat früher auf Tri gearbeitet und es selbst gesehen. Du hast doch keine Ahnung, mit wem wir es zu tun bekommen.«

»Für dich mag das ja gelten«, sagte Sula mit vorgerecktem Kinn. »Ich freue mich jedenfalls darauf, diesen tridianischen Snobs ihre Grenzen aufzuzeigen.«

Die meisten anderen ließen zustimmendes Gemurmel hören, und trotz des flauen Gefühls in seinem Magen nickte auch Arran. Er durfte sich keine Angst machen lassen. Nicht nach all der Mühe, die es ihn gekostet hatte, so weit zu kommen. Seine Mutter hatte jeden Tag vierzehn Stunden lang Fußböden geschrubbt, um ihn zu unterstützen, und er hatte oft bis tief in die Nacht gelernt.

Aufgrund des Zeitunterschieds war es im F-Territorium bereits Abend. Arran stellte sich seine Mutter vor, wie sie gerade allein in ihrer kleinen Hütte saß und sich die Hände an einer Tasse Tee wärmte, während die klappernde Heizung das Zimmer mit mehr Lärm als Wärme füllte. Was hatte sie zu Abend gegessen? Traurig malte er sich aus, wie sie für sich allein den Tisch gedeckt hatte – mit einem Teller, einer Gabel, einem Messer und einer sorgfältig gefalteten Stoffserviette. Wie würde sie den Rest des Abends verbringen, da sie nun keinen mehr hatte, mit dem sie sprechen konnte? Sie hatte sich nie mit irgendwelchen Nachbarn angefreundet, da ihr neben ihren langen Schichten als Putzkraft im Hauptquartier der Fyron-Bergbaugesellschaft kaum Zeit blieb, jemanden kennenzulernen. Arran hatte seine Mutter immer nur erschöpft erlebt. Doch als er ihr vorgeschlagen hatte, dass er das Stipendium sausen lassen und stattdessen zu Hause bleiben könnte, war sie ganz außer sich gewesen. Sie hatte leicht gezittert, als sie ihm die Hand auf den Arm legte. »Nein, du musst dorthin gehen. Du verdienst etwas Besseres als das hier.« Dabei hatte sie mit einer ausladenden Geste auf die gesamte zwar saubere, aber kärglich eingerichtete Hütte gewiesen.

»Und was ist mit dir? Wirst du dich nicht einsam fühlen?«

»Ach was«, hatte sie mit einem gezwungenen Lächeln geantwortet. »Wie könnte ich denn einsam sein bei all den wunderschönen Gedanken, die ich mir machen kann? Ich muss doch nur zum Himmel hinaufschauen und mir vorstellen, wie du an der Akademie lernst, ein Held zu sein.«

Nun sah sich Arran unter den neuen Kadetten um. Ein paar waren sichtlich nervös, andere gaben sich gleichgültig und taten so, als machte es ihnen gar nichts aus, an Bord eines Shuttles zu gehen und an den geheimen Ort zu fliegen, an dem sich die Akademie befand. Wieder andere standen steif und mit gestrafften Schultern da, als ob sie jeden Moment mit einer Inspektion rechneten. Womöglich würden ein paar von ihnen ja wirklich Helden sein, wenn es zum nächsten Kampf mit den Geistern kam. Und vielleicht – Arran erschauderte bei dem Gedanken – würden ein paar von ihnen das größte Opfer bringen und als Namen auf der Gefallenenliste enden.

»Wer ist denn der da?«, flüsterte Sula und zeigte auf einen Jungen, der auf der anderen Seite des ansonsten leeren Shuttleports mit einem Mann in Quatra-Flottenuniform sprach. »Wir sind doch schon zu zwölft.« In den Nachrichten war viel Aufhebens um die zwölf Chetrier gemacht worden, die zur Akademie aufbrechen sollten. Ihre Identität war allerdings geheim geblieben.

Arran sah, wie der Neuankömmling nickte und sich dann auf den Weg zu ihnen herüber machte. »Vielleicht haben sie ja kurzfristig noch jemanden aufgenommen.« Doch bald war klar, dass der herannahende Junge kein Chetrier war. Während die anderen neuen Kadetten sich entweder staunend oder mit geheuchelter Lässigkeit im Shuttleport umsahen, wirkte er aufrichtig entspannt. Und statt mehrerer Schichten Wolle und Pelze trug er eine dünne schwarze Jacke, die offenbar aus Thermoskin bestand, einem Material, das hundertmal wärmer war als ein Pelz und ungefähr tausendmal so teuer. Der hiesige Mineneigentümer trug eine ähnliche Jacke, wenn er einmal pro Jahr von Tri anreiste.

Arran versteifte sich unwillkürlich und machte sich auf das verächtliche Gehabe gefasst, das die meisten Tridianer an den Tag legten, doch zu seiner Überraschung lächelte der Junge freundlich, als er die Gruppe erreichte. Er hatte eine helle Haut, glatte dunkle Haare und – wie Arran feststellte, als er neben Sula stehen blieb – tiefgrüne Augen. »Wollt ihr alle zur Akademie?«, fragte er.

»Ja« antwortete Sula, die zwar lächelte, aber ihren Argwohn nicht ganz verbergen konnte.

»Das ist gut. Ich dachte schon, ich wäre zu spät dran. Ich heiße Dash.«

»Sula.« Sie neigte den Kopf, doch Dash hielt ihr die Hand hin. Sula starrte sie bloß an, da sie die Geste nicht verstand.

Dashs freundliches Lächeln geriet ein wenig ins Wanken, und ein Ausdruck von Verwirrung huschte über sein Gesicht. Arran fiel ein, dass auf Tri andere Umgangsformen herrschten als auf Chetire, weil dort niemand Tag für Tag bis zum Ellbogen in einer giftigen Masse stehen musste, die sich aus Fyron und einem Gas zusammensetzte, mit dem die Minenarbeiter das Metall aus dem Boden holten.

»Ich heiße Arran«, sagte er und ergriff die Hand des Jungen.

»Es freut mich, dich kennenzulernen«, erwiderte Dash. Er lächelte neuerlich, und seine grünen Augen leuchteten. Arran wurde ein wenig flau im Magen, da er es nicht gewohnt war, von Jungen angelächelt zu werden, die wie Dash aussahen.

»Woher stammst du?«, wollte Sula wissen. Sie versuchte zwar offensichtlich, einen Ton höflicher Neugier zu wahren, aber es gelang ihr nicht ganz, das Misstrauen aus ihrer Stimme herauszuhalten.

»Aus Evoline, auf Tri«, entgegnete Dash. »Ich war zum Pilotentraining hier, an einer Schule im chetrischen Ödland.« Er sah in die Runde, und als keiner reagierte, fügte er hinzu: »Dort gibt es nicht so viel Flugverkehr.«

Ein paar von den chetrischen Kadetten wechselten nervöse Blicke, während der Junge mit dem Link selbstzufrieden lächelte.

»Wolltest du dir einen kleinen Vorsprung verschaffen?«, fragte Sula.