Litersum - Lisa Rosenbecker - E-Book

Litersum E-Book

Lisa Rosenbecker

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Beschreibung

*Litersum Das Universum aller Buchwelten ist nur eine Tür weit entfernt *Malou Winters hat sich damit abgefunden, dass ihr Anti-Musen-Kuss die Ideen angehender Autoren auslöscht und sie diese Gabe zum Wohle des Litersums einsetzen muss.Als der junge Detective Chris Lansbury von Scotland Yard sie jedoch verdächtigt, zwei Autoren ermordet zu haben, will sie das nicht auf sich sitzen lassen. Zusammen begeben sie sich über zwei Universen hinweg auf die Suche nach dem wahren Täter und stoßen dabei auf allerhand Lügen und Widerstände. Malous Verständnis vom Litersum wird auf den Kopf gestellt und bald weiß sie nicht mehr, wem oder was sie glauben soll.Und dann ist da noch dieses verwirrende Herzklopfen, sobald sie sich in der Nähe des attraktiven, aber grimmigen Lansbury aufhält.Ob auch das mit einem Kuss ausgelöscht werden kann?-Band 1: MusenkussSpin-Off: Musenfluch (März 2020)"Musenkuss" ist eine überarbeitete Neuausgabe des Titels Malou Diebin von Geschichten.Sowohl Musenkuss als auch Musenfluch sind in sich abgeschlossen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB



Litersum

Musenkuss

Lisa Rosenbecker

Copyright © 2019 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Natalie Röllig, Lektorat Bücherseele

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-920-3

Alle Rechte vorbehalten

Musenkuss ist eine überarbeitete Neuausgabe des Titels

Malou – Diebin von Geschichten.

Für die beste Mama der Welt

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Danksagung

Kapitel Eins

Mein Name ist Winters, Malou Winters, und ich habe die Lizenz zum Küssen.

Schmunzelnd streifte ich durch den Buchladen Westwords und amüsierte mich über den Gedanken. Da hatte ich wohl einen James-Bond-Film zu viel gesehen. Doch ich fühlte mich wirklich ein bisschen wie eine Geheimagentin, als ich hinter dem brusthohen Bücherregal stand und einen Blick zu meiner »Zielperson« warf. Eva – so hieß die junge Frau auf dem Bild, das ich in der Hand hielt – hatte sich verändert, seit das Foto aufgenommen worden war. Ich verglich es mit der echten Version: Ihre langen weizenblonden Haare trug sie zu einem Bob, der deutlich besser zu ihr passte. Das stark geschminkte Gesicht machte sie älter als Mitte zwanzig, was ich schade fand. Sie strahlte eine natürliche Schönheit aus und hätte den dunkelgrauen Lidschatten und den rosa Lipgloss nicht gebraucht, um ihre mandelförmigen Augen und die vollen Lippen zu betonen. Doch sie war die Richtige, daran gab es keinen Zweifel.

Vorsichtig schob ich das Foto in ein Seitenfach meiner Hand­tasche, damit ich es später unversehrt in die Akte zurücklegen konnte, aus der ich es entnommen hatte. Dabei streiften meine Finger den Glücksbringer, den ich immer bei mir trug. Es handelte sich um einen alten Schlüsselanhänger aus behauenem Stein, so groß wie mein kleiner Finger. Er war geformt wie das flache Profil eines Mannes, der lächelnd nach links blickte; die Kontur seines Hinterkopfes wirkte, als wäre dort etwas abgebrochen. Auch an der Nase fehlte eine kleine Ecke. Ich warf einen kurzen Blick darauf und strich über das unebene Material. Der Anhänger war das einzige Andenken an meinen Vater, den ich nicht kannte. Wegen ihm wiederum stand ich in diesem Moment hier und musste etwas … Trauriges tun. Ich verbot es mir, mein Vorhaben als »böse« zu bezeichnen. Denn das war es nicht.

Es erfüllt einen wichtigen Zweck.

Ich biss mir auf die Lippe. Nun wiederholte ich schon Mrs Pattons Worte, um mich zu motivieren. So weit war es also gekommen. Mein Humor, mit dem ich diese Situationen zu meistern versuchte, ließ mich im Stich.

Ich drückte den Anhänger ein letztes Mal und atmete tief durch. Es war Zeit für einen Plan. Als ich aufsah, wurde Eva von einer Kundin angesprochen, die eine Buchempfehlung brauchte. Die beiden wandten sich dem Regal vor ihnen zu und Eva zeigte der Kundin verschiedene Titel. Das würde sicherlich noch einen Moment dauern. Sobald Eva wieder allein war, würde ich handeln.

Bis dahin zog ich gedankenverloren ein paar Bücher aus dem Regal, besah sie kurz und schob sie an ihren Platz zurück. Ein Cover, auf dem der skurrile Titel ›Zeigen Sie mir Ihre Katze und ich sage Ihnen, wer Sie sind‹ prangte, hielt meine Aufmerksamkeit länger gefangen. Ich schnaubte.

»Wenn man sich Sheldon ansieht, bin ich vermutlich Fern­bedienungsdrücker und Napfauffüllmensch«, murmelte ich. Mein Kater Sheldon brauchte mich hauptsächlich, damit er seine Lieblingsserien – bevorzugt mit Superhelden – sehen konnte und um Futter zu schlemmen, während er das tat. Ansonsten war er eher der unabhängige Typ. Von der einen oder anderen Krauleinheit einmal abgesehen. Und natürlich musste ich auch sein Katzenklo säubern, wenn er wieder kläglich miauend in der Wohnung auf und ab lief, weil im Katzenstreu ein winziger nasser Klumpen war. Pingelig, das war er. Aber ich liebte meinen Sheldon, und allein der Gedanke an ihn brachte mich zum Lächeln. Mein Herz zog sich vor einem Funken Heimweh zusammen.

Ich schreckte aus der Tagträumerei auf und legte das Buch über Katzen und ihre Herrchen beziehungsweise Frauchen wahllos ins Regal zurück. Glücklicherweise war Eva wieder allein und sortierte Bücher ein. Fünf Jahre arbeitete sie schon bei Westwords und war unter anderem für die Chick-Lit-Ecke zuständig, die sich vor uns erstreckte. Helle und weibliche Farben brachten die Regale zum Strahlen, gepaart mit Titeln, die in mir einen Mix aus Fremdscham und Belustigung hervorriefen. Seit drei Monaten schrieb Eva in jeder freien Minute an einem eigenen humorvollen Liebesroman, dessen Thema ich nicht einmal schlecht fand. Und doch würde ich gleich dafür sorgen, dass ihre Geschichte es niemals in das Regal dort schaffen würde.

Der Gedanke ließ mich schlucken. In solchen Momenten hasste ich es, eine Anti-Muse zu sein. Jemand, der mit nur einem einzigen Kuss Buch-Ideen und damit gleichzeitig Lebensträume auslöschen konnte.

Und ausgerechnet du studierst Literaturwissenschaften, höhnte meine innere Stimme. Sofort meldeten sich die Bauchschmerzen wieder. Gerade waren Ferien und ich brauchte keine Ausrede, um meinen Kursen und meinen Kommilitonen aus dem Weg zu gehen, aber sobald das Semester wieder losging … Ich schüttelte den Kopf. Darüber konnte ich mir Gedanken machen, wenn es so weit war.

Seufzend setzte ich mich in Bewegung, weil das Hinauszögern es letztendlich nur schlimmer machte. Wie ein normaler stöbernder Kunde lief ich zu Eva hinüber und stellte mich neben sie. Sie lächelte mich an, und mein Magen zog sich zusammen.

»Kann ich Ihnen helfen?« Ihre Stimme war hell und fröhlich.

»Nein danke. Ich schaue mich nur um.« Ich deutete auf die Bücher vor mir. Aus der Nähe waren die vielen Farben geradezu überwältigend grell.

»Dabei kann man unerwartete Schätze finden«, antwortete sie und zwinkerte. Wenn ich es jetzt nicht tat, würde ich es nie übers Herz bringen. Ich zog ein blau-gelbes Taschenbuch auf Augenhöhe so ungeschickt aus dem Regal, dass es mitsamt seinen Nachbarn herunter auf den Boden fiel. Das Flattern des Papiers und das dumpfe Geräusch, mit dem die Bücher aufprallten, taten mir in der Seele weh.

»Oh nein! Entschuldigung«, rief ich und ging in die Knie.

»Kein Problem, das kann passieren. So eng, wie die Bücher hier manchmal stehen«, erwiderte Eva noch immer lächelnd und half mir, die Bücher aufzusammeln. Ihr Gesicht war nah an meinem und wir befanden uns außerhalb der Sichtweite von anderen Kunden. Ich warf einen kurzen Blick über meine Schulter, dann sah ich zu Eva zurück. Mit der linken Hand auf dem Teppichboden abgestützt, beugte ich mich zu ihr hinüber. Wie immer, kurz bevor ich einen Autor küsste, spürte ich die Magie in Form einer grauen Wolke in meinem Kopf aufwallen, wie ein Gedanke, der sich nur in einer dunklen Farbe äußerte. Meine Lippen prickelten, als ich ihrer Wange immer näher kam. Eva erstarrte. Auch das war Teil meiner Gabe. Einige Herzschläge vor und nach dem Kuss verharrten die Autoren an Ort und Stelle, unfähig, sich zu rühren. Das bot mir zwei Vorteile. Erstens boxten sie mich nicht im letzten Moment ins Gesicht und zweitens gewann ich dadurch genug Zeit, um mich anschließend in aller Ruhe von den Geküssten zu entfernen. Wenn sie wieder zu sich kamen, würden sie sich nicht an den Zwischenfall erinnern. Und auch nicht an mich. Als hätte es mich nie gegeben, ähnlich wie die Ideen, die ich ihnen nahm. Ich drückte meine Lippen vorsichtig auf ihre Haut. Die Wolke in meinem Kopf waberte, nahm eine dunklere Farbe an, als würde sie jeden Moment Blitze abschleudern. Wie von einem unsicht­baren Sturm bewegt veränderte sie ihre Form und wurde größer. Sie griff nach Evas Idee, nahm die Elemente auf, die damit verbunden waren. Vor meinem inneren Auge sah ich die Charaktere, Momente der Geschichte und Textfetzen aufblitzen. Ich würde sie noch ein paar Stunden mit mir herumtragen, bevor sie in dem Dunkel der Magie verschwanden. Für immer.

Nach dem Kuss zog ich mich zurück und ging zu dem Regal, von dem aus ich Eva anfangs beobachtet hatte. Aus dem Augenwinkel sah ich dabei zu, wie sie wieder zu sich kam und etwas verwirrt dreinschaute. Sie blinzelte und starrte ins Leere. Dann zuckte sie mit den Schultern und richtete sich auf, die eingesammelten Bücher hielt sie im Arm. Behutsam strich sie über die Einbände, ehe sie sie an ihren Platz zurückstellte. Damit war meine Aufgabe erledigt. Eva würde heute Abend nach Hause kommen, den Laptop hochfahren, ihr Manuskript betrachten und sich wenige Minuten später dazu entschließen, es in den virtuellen Papierkorb zu schmeißen. Der Drang zu schreiben ging bei den geküssten Autoren nie verloren, nur mit dieser einen, ganz bestimmten Idee war es vorbei. Mission erfüllt, 00Kuss. Mein rechter Mundwinkel zuckte, als mein Humor wieder zum Leben erwachte. Das war gut. Denn ohne ihn hätte ich das hier schon längst aufgegeben.

Das Katzenbuch, das noch dort lag, wo ich es zurückgelassen hatte, fiel mir wieder ins Auge. Aus einer Eingebung heraus nahm ich es mit, als Geschenk für Sheldon, über das er sich nicht wirklich freuen würde. Den Spaß war es mir aber allemal wert. Ich bezahlte das Buch an der Kasse und verließ Westwords. Vor der Tür empfingen mich die Sonne und das energiegeladene Londoner Stadtleben. Wuselnde Menschen aus aller Herren Länder streiften durch die Stadt, fotografierten rote Busse und schwarze Taxis und wedelten mit ihren Selfiesticks herum, als wären sie moderne Musketiere. Ich konnte ihre Begeisterung nachvollziehen. Man wollte es kaum glauben, aber auch London hatte schöne Frühlingstage mit strahlend blauem Himmel. Überladene Blumenkübel hübschten die Bürgersteige auf und verliehen der Stadt noch mehr farbenprächtige Fülle, als ohnehin schon vorhanden war. Ich liebte die Vielfalt der Menschen, ihre unzähligen Sprachen, die in meine Ohren drangen und mir das Gefühl gaben, London wäre nicht nur eine Stadt, sondern eine Welt, in der es immer etwas zu entdecken gab.

In der Sonne wurde mir warm und ich zog meinen schwarzen Hoodie aus, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Zu Fuß waren es nur zwanzig Minuten und bei diesem Wetter bot sich ein kleiner Spaziergang an. In einem Café um die Ecke bestellte ich mir noch einen schwarzen Kaffee to go, den ich mir in meinen mit Minions bedruckten Mehrwegbecher füllen ließ. Das kam in manchen Stadtteilen einer Sünde gleich. London war – hier stimmten die Klischees – voller Teetrinker, die sich nur ungern eingestanden, dass Tee niemals so hip sein würde wie Kaffee, der aufgepeppt mit Sirup, Schoko­streuseln und Bildern aus Kakao auf dem Milchschaum außerdem ein ziemlicher Hingucker war. Die meisten Engländer hielten ihn für eine Modeerscheinung, deren Hype hoffentlich bald vorüberging. Doch da konnten sie lange warten. Solche Londoner wie ich, die diesem Getränk verfallen waren, hielten sich wacker. Mal ganz abgesehen von den vielen Touristen, die meistens ebenfalls Team Kaffee waren. Zumindest machte es auf mich den Eindruck.

Als ich an unserer Wohnung ankam und die Tür aufschloss, wartete Sheldon bereits. Er empfing mich empört miauend, tappte schnurstracks in die Küche und blieb demonstrativ vor seinem leeren Napf stehen. Napfauffüller, ich sagte es ja.

»Dickerchen, der Arzt meinte, dass du abnehmen musst. Die nächste Portion gibt es erst heute Abend. Tut mir leid.«

»Hrmpffff«, machte Sheldon, ein wirklich ungewöhnlicher Laut für einen ebenso ungewöhnlichen Kater. Er teilte sich gern der Welt mit und das auf unterschiedlichste Art und Weise. Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, tapste er zur Couch, sprang hinauf und ließ sich auf seinem Lieblingskissen nieder. Ähnlich wie sein Namensvetter aus der bekannten TV-Serie saß er immer auf demselben Platz. Deswegen der Name. Er hatte das schon gemacht, als er gerade mal ein paar Tage bei uns gewesen war.

Nun erwartete er von mir, dass ich mich zu ihm auf die Couch lümmelte, um gemeinsam mit ihm Captain America aus The Avengers anzuschmachten. Das wäre der Job als Fernbedienungsdrücker, an den ich zuvor gedacht hatte. Doch auch darauf musste er verzichten. Ich ließ mich neben ihm auf das Sofa sinken und kramte das neue Buch aus der Tasche, um es ihm vor die Nase zu halten.

»Heute befassen wir uns mit Bildungsprogramm anstatt Super­helden«, sagte ich. Sheldons Begeisterung hielt sich in Grenzen. Da er die Fernbedienung aber nicht mit den Pfoten bedienen konnte, fügte er sich seinem Schicksal und rollte sich neben mir zu einer Kugel zusammen. Ich schlug die erste Seite auf und las vor, während ich Sheldon mit der anderen Hand hinter den Ohren kraulte. So konnte ich die Bilder der noch immer in mir kreisenden fremden Idee verdrängen, bis die Wolke sie endgültig schluckte.

Am Ende des Buches war ich um die Erkenntnis reicher, dass verrückte Katzen meist auch verrückte Herrchen oder Frauchen hatten … Ich schielte zu Sheldon, der ein wahrlich gutes Beispiel für einen verschrobenen, aber liebenswerten Kater darstellte. Wenn dasselbe auch für mich galt, konnte ich gut damit leben.

Die alten Musen, die ursprünglichen neun, hatten jede ein Artefakt, das stellvertretend für sie stand, ähnlich einem Symbol oder Pikto­gramm. Manchmal stellte ich mir vor, dass Sheldon so etwas wie meines war. Malou, die Anti-Muse der miauenden Künste. Ja, das hätte was.

Kapitel Zwei

Einen Tag später fand ich mich vor Matthews Books wieder. Die alte, aber sehr gemütliche Buchhandlung lag nur zwei Straßen von unserer Wohnung entfernt. Das dunkelgrüne Holz der Fassade, in die zwei große Rundfenster und eine etwas nach hinten versetzte Tür eingelassen waren, glänzte im Sonnenlicht. Über dem Eingang prangte das von Mr Matthew selbst gemalte Schild mit dem stilisierten Bild einer Teetasse, die auf einem Buch stand. Engländer. Tee, Tee und nochmals Tee. Vermutlich würden sie eher ihre charakteristischen Taxis und Busse aufgeben, bevor sie auch nur im Entferntesten daran dachten, auf ihr geliebtes Heißgetränk zu verzichten. Das für die Teeliebe verantwortliche Gen musste in meiner Familie allerdings schon lange verloren gegangen sein. Denn Grandma, Mom und ich, die alle in England geboren und aufgewachsen waren, hatten nie zu den Teetrinkern gehört. Aber Kaffee … Mit dem ersten Schluck war es um uns geschehen gewesen. Was Grandma wohl dazu sagen würde, wenn sie mich jetzt sehen könnte? Ihre Ratschläge fehlten mir. Ich wischte mir eine Träne aus dem Auge und warf einen Blick durch das Fenster des Buchladens.

Im Innenraum sah ich nicht nur Bücher, sondern auch viele lesende Teetrinker, die sich auf Sofas und Sesseln lümmelten. Mr Matthew servierte jeden Tag eine andere Sorte des Heißgetränks mitsamt passendem Buchtipp. Vielleicht sollte ich ihn fragen, ob er das auch mal mit Kaffee machen wollte. Dann würde vielleicht sogar ich endlich wieder die Ruhe und Stimmung finden, um ein gutes Buch zu lesen. Das letzte Mal war viel zu lange her. Von dem Ratgeber über Katzen mal abgesehen. Ich brauchte einen dicken Fantasy-Schinken, in dem ich mich stunden-, wenn nicht sogar tagelang verlieren konnte. Mit der Hand auf der Türklinke geriet ich kurz in Versuchung, den Laden zu betreten und zu stöbern. Früher hatte ich viele Stunden an den Regalen entlangschleichen und durch Bücher blättern können. Doch seit ich von meinem Erbe als Anti-Muse wusste, fiel mir das schwer. Für jedes Buch, das ich in die Hand nahm, kamen mir drei weitere in den Sinn, die ich am Erscheinen gehindert hatte. Und damit verpuffte jegliche Lust zu lesen. Nein, auch heute würde sich das nicht ändern. Ich würde tun, wozu ich ursprünglich hergekommen war, und in die Londoner Zwischenweltbibliothek, kurz ZwiBi, gehen.

Ich drückte die goldene Klinke herunter und flüsterte: »Hesiod.« Es war der Name des Schöpfers der ersten Buchwelt, der damit den Grundstein für das Litersum gelegt hatte, das Universum aller Geschichten. Hesiod hatte die Welt um die griechische Göttin Mnemosyne und ihre neun Töchter, die ursprünglichen Musen, in seinem Werk Theogonie erschaffen. Die Musen waren daraufhin aus ihrer Buchwelt in die echte Welt ausgeströmt und hatten Künstler aller Art mit einem Kuss bedacht. Daraus waren unter anderem weitere Buchwelten entstanden, die im Litersum zum Leben erwachten. Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung und von manchen auch das Gedächtnis genannt, wachte seitdem über das Litersum. Die ZwiBi, den Knotenpunkt sowie die Agentur, welche die Kuss-Aufträge regelte, hatte sie mithilfe ihrer Töchter erschaffen, um Ordnung in das Chaos zu bringen und für die Buchcharaktere ein möglichst einfaches Wandeln durch die Welten zu ermöglichen. Nur dank Mnemosyne und ihren Töchtern erwartete mich hinter der Tür von Matthews Books etwas, das die Vorstellungskraft der meisten Menschen bei Weitem überschritt. Deswegen war es auch besser, dass fast keiner von ihnen vom Litersum wusste.

Die Tür glitt nach hinten auf, und auf der anderen Seite empfing mich die schwere, aber heimische Luft der Bibliothek in der Zwischenwelt, die die echte Welt mit dem Rest des Litersums verband. Altes Papier und Leder, Holz und Staub kreierten den für diese Bücherei ganz eigenen Geruch. Der dunkle, polierte Laminatboden, der sich durch das gesamte Gebäude zog, war mir mittlerweile so vertraut wie der in unserer Wohnung. Doch über die unzähligen Regalreihen, die sich rechts und links von mir erstreckten, staunte ich wie immer. Die Regale waren bestimmt zehnmal so groß wie ich und wirkten wie Türme aus dunkelbraunem Holz, die ihre Schätze nur mutigen Eroberern preisgaben. Buchdeckel an Buchdeckel standen die Bücher auf den Brettern, jedes von ihnen gab es nur ein einziges Mal. Die Sammlung in diesen Räumen umfasste jedes existierende Buch, das von einem Autor aus London geschrieben worden war oder das in London spielte. Und die Hauptstadt Englands erfreute sich großer Beliebtheit bei Autoren aus allen Zeiten und allen Ländern, weshalb der Bestand hier riesig war. Egal ob Fantasy-Geschichten, historische Romane oder Krimis – sie alle wurden hier aufbewahrt. Und nicht nur das. Von der Londoner ZwiBi aus gelangte man in all diese verschiedenen Londoner Buchwelten, die nebeneinander im Litersum existierten. Die Charaktere aus jenen Geschichten waren ihrerseits in der Lage, in die ZwiBi zu kommen und in anderen Büchern und sogar in deren Welten zu stöbern. Das störte den Ablauf ihrer eigenen nicht. Denn ihre Welten würden für alle Ewigkeit so bestehen wie am Ende ihres Buches oder ihrer Reihe. In ihren Geschichten herrschte Stillstand, der nur minimale Entwicklungsmöglichkeiten für das weitere Leben der Buchcharaktere ließ. Vor allem auf emotionaler Ebene gab es noch Raum für Veränderungen. Sie konnten inner- und außerhalb ihrer Bücher neue Freundschaften schließen, sich verlieben und umherreisen, so viel sie wollten, aber sie blieben immer in derselben Gestalt, unsterblich, solange das Litersum bestand.

Die einzige Ausnahme stellten Menschen wie ich dar. Die Kinder von echten Menschen und fiktionalen Charakteren, deren Existenz sich jeglicher Logik entzog und die es trotzdem gab. Wir waren das Bindeglied zwischen den zwei ungleichen Universen. Trotzdem fühlte ich mich nur in einem von ihnen zu Hause – in dem echten.

Die Aufsicht über die Londoner ZwiBi führte Mrs Badham. Sie war der Inbegriff einer Bibliothekarin und wie alle anderen Angestellten hier ein Buchcharakter aus einer Welt, die sich ebenfalls in einem der Regale versteckte. Mrs Badham musste als Vorlage für all die Klischees einer Bibliothekarin hergehalten haben, oder aber ihr Charakter war von ebenjenen beeinflusst. Denn ihr strenges Reglement sorgte dafür, dass trotz all der Buchcharaktere in der ZwiBi kein Chaos ausbrach. Die Leute unterhielten sich nur gedämpft miteinander, nirgendwo lag ein zurückgelassenes Buch herum und zu keiner Zeit bestand die Gefahr, dass auch nur eine Seite Papier durch Nahrungsmittel oder Getränke beschmutzt wurde. Mrs Badham sah alles. Ihr Dutt auf dem Hinterkopf war wie ein drittes Auge und das wussten alle, die hier ein und aus gingen. Aber sie verrieten es einem nicht. Schon gar nicht mir. Ich hatte es erst herausgefunden, als ich in den Fokus ebenjenes dritten Auges geraten war und fast zu Tode erschrak, weil Mrs Badham plötzlich mahnend meinen Namen gerufen hatte. An jenem Tag hatte ich mich erdreistet, einen Kaffee in meinem Mehrwegbecher mit in die ZwiBi zu bringen. Ein Fehler, den ich kein zweites Mal beging.

Lediglich in der Sitzecke hinter ihrem Pult war es erlaubt, Speisen und Getränke zu verzehren. Man durfte sogar etwas zu lesen dorthin mitnehmen, wenn man sich in der Vergangenheit als würdig und reif genug erwiesen hatte. Einer, dem diese Ehre zuteilwurde, war Tom, mein Mentor, mit dem ich mich jetzt traf.

Wie erwartet saß er in der Sitzecke am hintersten Ende in einem rostbraunen Sessel. Vor ihm auf dem Tisch stand eine Tasse Tee, in der Hand hielt er ein dickes Buch, in das er tief versunken schien. Seine Finger strichen behutsam über den Buchschnitt, während seine Augen schnell die Zeilen überflogen. Tom war ebenfalls ein Buchcharakter. Er entstammte einer frühviktorianischen Geschichte und war dementsprechend gekleidet. Eine braune Weste über einem grauweißen Hemd, dazu eine Anzughose aus dunkelgrauem Stoff, die schon bessere Tage gesehen hatte. Viele der Londoner Charaktere liefen so herum – es war mit Abstand das beliebteste Zeitalter, wenn es um Bücher rund um die Metropole ging.

Toms rotblonder Haarschopf war verwuschelt, weil er die Gewohnheit hatte, beim Lesen unbewusst damit herumzuspielen. Mit seinen vierundzwanzig Jahren war er mir zwar nur fünf Jahre voraus, aber er sah deutlich älter aus als die echten Männer in seinem Alter. Seine Haut war fahl und stellenweise bereits von tiefen Falten durchzogen, die Haare dünner und glanzlos. Auch das war eine Begleiterscheinung des viktorianischen Zeitalters, sei es nun real oder erfunden. Es zehrte an den Menschen, und ich schätzte mich jedes Mal glücklich, dass ich in eine andere Epoche hineingeboren worden war. Tom seinerseits beschwerte sich nicht. Er war ein ruhiger und genügsamer Charakter, der keine Energie darauf verschwendete, sich über Dinge zu ärgern, die er ohnehin nicht ändern konnte. Darum beneidete ich ihn manchmal, ich selbst legte in vielen Situationen nicht so viel Geduld an den Tag. Wie jetzt, als ich an den versammelten Buchcharakteren vorbeilief, um zu Tom zu kommen. Die Gespräche verstummten, sobald ich nur noch wenige Schritte entfernt war, und ich spürte die bösen Blicke, die sie mir zuwarfen. Wie immer, wenn ich hier war.

Als Anti-Muse verhinderte ich die Entstehung neuer Welten und neuer Charaktere. In den Augen der Buchcharaktere war ich … böse. Meine Hände wurden feucht und ich wischte sie an meiner Hose ab. Mit dem Blick auf Tom gerichtet lief ich ruhig weiter. Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie nervös mich die plötzliche Stille machte.

Tom bemerkte mich erst, als ich mich ihm gegenüber auf einem Stuhl niederließ. Er hob den Kopf und ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Denn Tom, im Gegensatz zu fast allen anderen im Litersum, redete trotz allem mit mir.

»Malou, schön, dich zu sehen!« Er klappte das Buch zu und legte es nach einem letzten sehnsüchtigen Blick beiseite. »Möchtest du etwas trinken?« Er griff nach einer Wasserflasche, die auf dem Tisch stand.

»Nein, vielen Dank«, sagte ich und rückte meinen Stuhl so, dass ich alle anderen im Rücken hatte. Langsam und leise nahmen sie ihre Gespräche wieder auf. Tom beeindruckte die schwankende Stimmung nicht. »Was liest du denn?«, wollte ich von ihm wissen.

Seine haselnussbraunen Augen leuchteten auf, noch immer lag eine Hand auf dem dunklen Hardcovereinband. Er tippte mit dem Finger darauf. »Es ist ein Kriminalroman, der in der Zukunft spielt. Äußerst spannend. Solltest du unbedingt lesen.«

»Für Krimis hatte ich noch nie viel übrig.« Es reichte, mit einer Mom zusammenzuleben, die bei dem im New Scotland Yard residierenden Metropolitan Police Service, auch liebevoll The Met genannt, arbeitete. Da kamen genug gruselige und blutige Geschichten zusammen.

»Banause«, witzelte Tom und lachte. Ich rollte amüsiert mit den Augen, weil er mir das jedes Mal vorwarf, wenn ich eine seiner Empfehlungen ausschlug.

Tom war mir vor eineinhalb Jahren von der Musenagentur als Mentor und Vermittler zugeordnet worden. Gemeinsam mit mir kümmerte er sich um die Aufträge, die ich zugeteilt bekam. Denn es gab einige Ecken im Litersum, die mir vorenthalten wurden. Unter anderem der Knotenpunkt, von dem aus man in die Buchwelten anderer Länder gelangte, und die Agentur, die man über diesen erreichte. Dorthin ging Tom für mich. Und das war mir ganz recht. Denn auch wenn ich neugierig auf das Litersum war, so wollte ich doch nicht zu tief darin eintauchen, um nicht Gefahr zu laufen, die lauernde Finsternis in mir zu erwecken. Ja, das klang dramatisch, aber wenn der eigene Vater einer Tragödie entstammte, konnte man gar nicht vorsichtig genug sein.

Ich fischte Evas Akte aus meiner Handtasche und legte sie vor Tom auf den Tisch. »Auftrag erfolgreich ausgeführt.«

Tom zog den Klappordner aus Papier zu sich und nickte zufrieden. »Ich werde sie gleich morgen früh in die Agentur bringen. Mrs Patton wird sich freuen.«

»Und das ist das Wichtigste, nicht wahr?«, sagte ich und versuchte nicht einmal, den Spott und das Missfallen in meiner Stimme zu verbergen.

Mrs Martha Patton, die gemeinsam mit ihrem Mann Robert die Musenagentur leitete, war die Sorte Frau, die zum Lachen in den Keller ging. Seit sie meine Mom und mich an meinem achtzehnten Geburtstag aufgesucht hatte, um mir von meiner Musengabe zu erzählen, konnte sie mich nicht ausstehen. Sie war mir gegenüber immer unfreundlich, fauchte mich regelrecht an, wenn ich eine Frage stellte, und sie hatte mir von Anfang an klargemacht, dass ich im Knotenpunkt und in der Agentur nichts zu suchen hatte. Vielleicht dachte sie, dass ich alle guten Musen küssen und den Ruf ihrer Agentur ruinieren könnte. Falls es möglich war, dass meine Gabe bei ihnen irgendetwas ausrichtete. Vielleicht passte ihr auch mein Gesicht nicht. Ich hatte es noch nicht herausgefunden, trotzdem hielt ich mich an ihre Ansagen und stellte nicht zu viele Fragen. Das war besser für uns alle.

»Vom Stirnrunzeln bekommst du Falten«, tadelte mich Tom spielerisch und wedelte mit einer Hand vor meinem Gesicht herum.

»Ich habe gerade an Mrs Patton gedacht«, gestand ich und rieb mir über das Gesicht, um mich zu entspannen. Es half nicht viel.

»Ah, verstehe«, sagte er und zwinkerte. Um seinen Mund lag ein mitfühlender Zug. Er kannte meine Meinung über sie. Obwohl er es aus Höflichkeit nicht zugab, wusste ich, dass er sie insgeheim genauso wenig mochte. Auch er spannte sich in ihrer Anwesenheit an und atmete erleichtert auf, wenn Mrs Patton uns den Rücken kehrte. Ihr Mann war wohl um einiges netter, aber ihn hatte ich noch nie persönlich kennengelernt und musste mich deshalb nur auf das verlassen, was Tom mir von ihm erzählte. Hätte doch bloß er uns damals aufgesucht und mir eröffnet, dass ich Ideen auslöschen konnte. Vielleicht wäre es dann ein kleinerer Schock gewesen. Aber er übernahm andere Aufgaben in der Agentur.

Tom seufzte und trank einen Schluck Tee. »Jedenfalls werde ich die Akte zurückbringen und mich melden, wenn ich einen neuen Auftrag für dich habe. Mittlerweile kann ich sogar SMS schreiben!« Er richtete sich stolz auf.

»Das will ich sehen!«

Tom kramte das für unsere Verhältnisse steinzeitliche Handy hervor, das die Agentur ihm zur Verfügung gestellt hatte, um sich über die unterschiedlichen Welten hinweg mit mir in Verbindung zu setzen, und tippte los. Mein Pendant dazu war mit Touchscreen und Internetempfang um einiges moderner. Ich zog es aus meiner Handtasche und wartete. Wie genau die Verbindung zwischen den Welten über die Handys funktionierte, wusste ich nicht, es war auf jeden Fall Magie im Spiel. Die Agentur hatte sich bestimmt in einer Buchwelt bedient. Der Austausch zwischen den Welten war wie alles andere streng reglementiert, aber nicht grundsätzlich verboten. Vor allem nicht für Mnemosyne und ihre Agentur, die man quasi als Regierung des Litersums bezeichnen konnte.

Und tatsächlich, eine Minute später piepte mein Handy und kündigte eine SMS an.

Hallo Malou.

»Sehr gut«, lobte ich Tom und steckte das Gerät weg. »Wenn der nächste Auftrag steht, melde dich auf diesem Weg. Dann kannst du noch ein bisschen üben und wirst schneller.«

Doch Tom hörte mir nicht mehr zu. Er schielte sehnsüchtig auf seinen Krimi.

Ich grinste. Diesen Blick kannte ich. Zumindest wusste ich, wie er sich fühlte. Neid pikte mich in der Brust. »War wohl gerade sehr spannend, was?«

Er seufzte, sah aber nicht auf. »Kann man so sagen. Was aber nicht heißt, dass ich dich loswerden will«, erwiderte er entschuldigend und schaffte es doch noch, den Blick zu heben.

»Schon okay. Ich verstehe das. Es geht nichts über ein gutes Buch. Dann lasse ich euch beide mal wieder allein.« Ich erhob mich und schob den Stuhl an den Tisch zurück. Stell dich niemals zwischen einen Leser und sein Buch, sagte Emma, eine Freundin von mir, immer. Das geht meistens nicht gut aus.

Tom grinste und klemmte sich wieder hinter seinen Krimi. »Bis bald!«, presste er noch hervor, und schon war er wieder in der Geschichte verschwunden. Bildlich gesehen, nicht wortwörtlich. Dafür musste man nach wie vor durch Türen gehen.

Ich hatte gerade die Sitzecke verlassen und steuerte auf den Ausgang zu, als jemand meinen Namen rief.

»Malou, warte!« Bevor ich mich der Stimme hinter mir zuwandte, sah ich noch, wie sich Mrs Badham in meine Richtung umdrehte und einen sauertöpfischen Gesichtsausdruck aufsetzte. Laute Rufe mochte sie gar nicht gern. Über meine Schulter hinweg funkelte sie die Schuldige bitterböse an und richtete die Aufmerksamkeit wieder auf ihren PC. Aua, der Blick musste wehgetan haben. Doch als ich mich umwandte, schmunzelte ich. Es war Emma Holmes, die nach mir gerufen hatte. Als hätte mein Gedanke von eben sie heraufbeschworen.

Wenn es einen Menschen auf der Welt gab, der sich von Mrs Badham nicht beeindrucken ließ, dann Emma. Genau wie ich war sie seit knapp eineinhalb Jahren als Anti-Muse unterwegs. In Wirklichkeit hieß sie nicht Holmes, sondern Miller. Aber Emma war der größte Sherlock-Holmes-Fan, den ich kannte, und sie eiferte ihm nach, wo sie nur konnte. Das ging so weit, dass sie manchmal viktorianische Klamotten und eigentlich immer einen Deerstalker-Hut trug, unter dem ihre blonden Locken hervorlugten. In dem halben Jahr, in dem ich sie kannte, hatte ich sie nie ohne dieses Accessoire gesehen. In ihrer Handtasche steckte eine Lupe und sie hatte sich mittlerweile einen Namen als Detektivin gemacht, die Fälle aller Art in der Buch- und Menschenwelt löste.

Ihre Eltern, oder genauer gesagt ihre Mom und ihr echter Stiefvater, betrieben eine Privatdetektei, in der Emma ebenfalls arbeitete. Die Millers waren Consultants für The Met, und auch Emma mischte bei dem einen oder anderen Fall mit.

Sie war quasi von klein auf mit Rätseln aufgewachsen und unglaublich gut darin geworden, sie zu lösen. Sie wohnte wie ich noch bei ihren Eltern und studierte Forensische Wissenschaften. Sobald sie damit fertig war, wollte sie als vollwertiger Partner in der Detektei einsteigen.

»Hey, Emma«, grüßte ich sie. »Bist du gerade geschäftlich unterwegs?« Sie umarmte mich und schien außer Puste. Emma war immer in Bewegung und der Typ Mensch, der Espresso eher zum Runterkommen trank. Wenn sie sich nicht ganz und gar dem Earl Grey verschrieben hätte. Ihre Wangen waren leicht gerötet, der Deer­hunter-Hut hing etwas schief und sie rückte ihn zurecht.

»Jep«, sagte sie und grinste. »Ich bin einem gestohlenen USB-Stick auf der Spur.«

»Sind da wichtige Unterlagen drauf?«

»Seeehr wichtige«, flüsterte sie übertrieben dramatisch. »Darauf befinden sich ganz viele Fotos von Cupcake.«

»Will ich wissen, wer Cupcake ist?«

»Nein, ich glaube nicht. Das tut jetzt auch nichts zur Sache. Ich wollte dich fragen, ob du Lust hättest, nächste Woche ins Kino zu gehen.« Ihre Augen strahlten.

»Welcher Film?«

Ihr Grinsen wurde noch breiter und ich ahnte, worauf es hinauslief. Ich hob eine Hand.

»Okay, sag nichts. Entweder es ist etwas mit Benedict Cumberbatch, Sherlock Holmes oder … einem der Hemsworth-Brüder, richtig? Aber egal, was es ist, ich bin dabei.«

»Sehr schön.« Emma klatschte in die Hände. »Lass dich überraschen. Ich schick dir die weiteren Infos. Jetzt muss ich los. Mach’s gut!« Und schon war sie an mir vorbeigesaust und auf dem Weg zum Hauptausgang, dem Verbrecher dicht auf der Spur. Die Buchcharaktere konnten Anti-Musen wie Emma und mich nicht ausstehen, aber sie waren dennoch pragmatisch genug, um Emma um Hilfe zu bitten, wenn sie sie brauchten. Denn ab und an kam es vor, dass Figuren Regeln brachen und Gegenstände aus anderen Buchwelten mit in ihre eigene nahmen. Das war eigentlich strengstens verboten, aber da es keine Polizei oder Ähnliches im Litersum gab, mussten die Bestohlenen einen anderen Weg finden, um ihre Besitztümer zurückzuerlangen. Emma hatte das erste Mal, als einer der Charaktere sie angesprochen hatte, ablehnen wollen, dann jedoch erkannt, wie wertvoll eine solche Zusammenarbeit sein konnte. Statt mit Geld, das wir von den Buchcharakteren ohnehin nicht hätten annehmen dürfen, ließ sie sich mit Informationen über das Litersum bezahlen. Dadurch hatte sie schon eine beachtliche Sammlung an Wissen erlangt. Manche Informationen waren gewichtiger als andere, aber für Emma kam jedes Puzzlestück des Litersums Gold gleich. In dieser Hinsicht unterschieden wir uns grundlegend. Sie wollte so viel wissen wie möglich, ich nur so viel wie nötig.

Ich schlenderte noch eine Weile durch die Regalreihen, genoss den wohligen Geruch von Papier und Tinte. Es gab so viele Bücher, dass man tatsächlich die Qual der Wahl hatte, wenn man auf der Suche nach Lesestoff war. Ohne hinzusehen, strich ich mit den Händen im Vorbeigehen über die Buchrücken und zog zufällig eines heraus. Dem Einband und Titel nach handelte es sich um einen Fantasyroman. Der Klappentext klang vielversprechend. Ich las ein paar Sätze des ersten Kapitels, ehe sich mein schlechtes Gewissen wieder regte. Diese Idee war nur entstanden, weil nicht jemand wie ich sie zerstört hatte. Ich sah auf die nun leere Stelle im Regal, aus der ich das Buch herausgezogen hatte. Dort klaffte ein Loch, das den Auswirkungen meiner finsteren Magie ähnelte, die Ideen auf ewig verschluckte. Ich schob den Roman vorsichtig zurück an seinen Platz und ging nach Hause.

Kapitel Drei

Genau eine Woche später war ich mit einem neuen Auftrag unterwegs. Nachdem Tom mich angesimst und wir uns zur Aktenübergabe in der ZwiBi getroffen hatten, machte ich mich direkt auf den Weg zu Edward Evens, dem angehenden Autor, der von mir geküsst werden sollte. Eigentlich hatte ich vorgehabt, die neue Staffel von Lucifer durchzusuchten und mich erst morgen dem Auftrag zu widmen, mich dann aber dazu entschieden, erst die Arbeit zu erledigen. So viel Selbstdisziplin kannte ich gar nicht von mir. Das musste an dem schwarzen Kaffee liegen, den ich mir nach dem Besuch in der ZwiBi geholt hatte. Ein Wundermittel, wie immer.

Laut der Akte war Edward Evens ein Stubenhocker mittleren Alters, der seit nun fast fünf Jahren versuchte, eine Idee für einen Science-Fiction-Roman zu Papier zu bringen. Vielleicht war mein Einsatz ein Akt des Mitleids, mit dem man ihn endlich von seinem Wahn befreien und ihm die Chance geben wollte, sich ein neues Projekt oder Hobby zu suchen. Vielleicht nahm seine Buchidee aber auch Formen an, die Mnemosyne und die Agentur nicht duldeten. Denn manche Ideen, so hatte Mrs Patton mir erklärt, waren zu gefährlich oder zu schädlich, um sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wie genau sie das definierten, wusste ich nicht.

Genauso wenig, wie ich wusste, woher die Musenagentur ihre Informationen über die Autoren eigentlich bezog. Mrs Patton blockte alle Fragen, die Emma ihr in diese Richtung stellte, ab. Ich vermutete, dass Mnemosyne da ihre Finger im Spiel hatte. Die Buchcharaktere hatten dazu keine Infos, denn sie hatten noch weniger Ahnung über die Agentur als wir. Zumindest war das Emmas Meinung nach ihren Erfahrungen mit der »Bezahlung« ihrer Einsätze.

Aus welchen Gründen auch immer stand ich nun also vor dem Zuhause von Edward Evens. Er lebte in einem Apartmentgebäude in der Mitte Londons, einem dieser recht alten, aber sehr schicken Häuser voller Schnörkel und Stuck, mit hohen Decken und knarzenden Treppen. Das Haus lag in einer engen Seitengasse, in der keine Autos Platz hatten und die man nur zu Fuß erreichte. Der Nachteil dieser Bauten waren die fehlenden Aufzüge. Ich musste die Stufen bis in den obersten Stock zu Fuß erklimmen.

Mit einer Pizza in der Hand wollte ich mich als Lieferantin ausgeben, die sich in der Tür irrte, um so mit dem Autor ins Gespräch zu kommen. Wenn Mr Evens mir aufmachte und ich ihn nach der richtigen Wohnung fragte, würde ich die Chance nutzen und ihm einen Kuss auf die Wange drücken. Dann würde ich mich mit meiner Pizza davonstehlen und sie zu Hause genießen. Diesen Trick hatte ich schon einige Male angewandt und bisher hatte es immer hervorragend funktioniert. Es war unauffällig, kaum jemand schenkte mir Beachtung, und als Belohnung wartete am Ende des erfüllten Auftrags noch eine leckere Pizza auf mich. Sie würde kalt sein, bis ich daheim ankam, aber so mochte ich sie am liebsten. Egal ob morgens, mittags oder abends. Allein bei dem Gedanken lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Ich stöhnte, als ich das Treppenhaus betrat und an den Aufstieg dachte. Sport gehörte wahrlich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Ich schleppte mich die Stufen hoch und nur der Ausblick auf die zum Dahinschmelzen lecker riechende Pizza trieb mich an. Als ich um die Ecke der Treppe bog, die den dritten und vierten Stock verband, fand ich mich plötzlich einem Polizisten in Uniform gegenüber. Er hielt am unteren Treppenabsatz Wache und versperrte mir die letzten sieben Stufen zur Wohnungstür von Mr Evens, die schon in Sichtweite war. Sie stand einen Spaltbreit offen, dahinter hörte ich Schritte. Verdutzt blieb ich stehen. Der Mann mit dem unglaublich prächtigen Schnäuzer sah mich abschätzig an und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Hallo«, sagte ich.

»Guten Abend, Miss …?«

»Winters«, beendete ich den Satz, bevor ich darüber nachdachte, ob es klug war, meinen echten Nachnamen zu nennen. Doch es widerstrebte mir, die Polizei zu belügen. Das war nie eine gute Idee. Der Beamte hatte eine angenehme Stimme und sein Oberlippenbart bewegte sich beim Sprechen. Wie kleine Ärmchen, die mir zuwinkten. Mit Mühe und Not unterdrückte ich ein Lachen und konzentrierte mich auf seine Schultern. Das Rangabzeichen auf seiner Uniform wies ihn als Constable aus. »Und Sie sind Constable …« Ich brach ab, damit er mir seinen Namen verriet.

»Detective Constable Piper«, korrigierte er mich. Detective? Nur Beamte der Kriminalpolizei trugen diese Bezeichnung. Ich warf einen Blick zur Wohnungstür. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. »Miss Winters«, fuhr er fort, ohne weiter auf meinen Fehler einzugehen, »wohnen Sie in diesem Gebäude?«

»Nein«, gab ich wahrheitsgemäß zu und richtete meine Augen auf ihn. Wackelnd hielt ich den Pizzakarton in die Höhe. »Ich habe eine Lieferung für Mr Evens.« Aus der Wohnung drang Gemurmel zu uns in das Treppenhaus, leider verstand ich kein Wort.

»Da muss ich Sie leider enttäuschen. Mr Evens wird sie nicht in Empfang nehmen können. Sie sollten gehen, Miss.« In seinen Augen lag eine Spur von Traurigkeit, seine Worte aber waren voller Nachdruck. Doch so leicht wurde er mich nicht los.

»Wieso nicht? Ist etwas passiert?«

Der Mann schluckte und zögerte einen Moment. Dann sagte er: »Er ist tot.«

Ich schnappte nach Luft und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Tot? Das konnte nicht sein. Ich dachte an das Foto von Mr Evens, das in meiner Handtasche in der Akte steckte. Darauf wirkte er zwar etwas müde, aber sehr lebendig.

»Ist er einem Verbrechen zum Opfer gefallen?«

»Mehr darf ich Ihnen leider nicht sagen, Miss. Bitte gehen Sie.« Natürlich konnte er mir nicht mehr verraten, das war ihm verboten. Doch einen Versuch war es wert gewesen. Anstatt umzudrehen, musterte ich ihn, die Tür und lauschte den Stimmen, die aus dem Inneren der Wohnung drangen. Es waren viele. Wo standen die Streifenwagen? Vor dem Haus hatte ich keine Autos gesehen, die Gasse war dazu auch viel zu eng. Vermutlich parkten sie auf der anderen Seite des Blocks und waren mir deswegen entgangen. Nichtsdestotrotz gab es eigentlich nur eine Erklärung für die Situation. Ich sah herausfordernd zu dem Constable auf.

»Da Sie hier den Wachhund spielen und dort oben«, ich deutete auf die Räumlichkeiten von Mr Evens, »so viel los ist, wird es sich wohl um ein Verbrechen handeln. Sonst liefe das hier ein bisschen anders ab.« Bei dem Wort »Wachhund« verzog er den Mund und sein Bart wirkte wie ein Männchen, das beleidigt die Ärmchen in die Luft reckte.

»Woher wollen Sie wissen, wie das hier abläuft?«, fragte er misstrauisch und stemmte die Hände in die Hüften, in der Nähe des Gürtels, an dem seine Dienstwaffe im Holster ruhte. Eindeutig eine Pose, die mich einschüchtern sollte, aber ich blieb still stehen. Er würde niemals nur wegen ein paar dummer Fragen auf mich schießen.

»Meine Mom ist Polizistin, von ihr habe ich einiges gelernt.« Das entsprach der Wahrheit, allerdings nur der halben. Sie war ein Chief Superintendent und leitete das Criminal Investigation Department, kurz CID, dem alle Kriminalpolizisten unterstanden, unter anderem der Constable vor mir, wenn ich mit meiner Vermutung richtiglag. Zwischen ihr und ihm lagen drei Dienstgrade.

Aufgrund der gruseligen Geschichten, die sie mir über ihre Arbeit und die Schattenseiten Londons erzählte, schockierten mich solche Verbrechen mit Todesopfern weniger, als es vermutlich bei anderen Leuten der Fall gewesen wäre. Ich sah darin mehr ein Rätsel als die Tragödie, die damit verbunden war. Das hatte ich von meiner Mom geerbt und über die Zeit wohl ihre Sicht der Dinge übernommen.

Doch der Constable blieb hart.

»Ich werde Ihnen trotzdem nicht mehr über den Fall erzählen«, sagte er mürrisch. Aha, es war also tatsächlich ein »Fall«. Mein Magen grummelte nicht mehr nur vor Hunger, sondern auch vor Neugierde. Und etwas Nervosität. Ich musste unbedingt mehr darüber erfahren, immerhin war Mr Evens für einen Kuss vorgesehen gewesen und damit irgendwie meine Verantwortung. Emma hätte an meiner Stelle sicher allein auf der Treppe unzählige hilfreiche Spuren gefunden. Mir hingegen sprangen nur Fusseln und Wasserflecken auf dem Holz ins Auge.

»Ich frage nur, weil ich hier diese leckere Pizza habe.« Abermals wedelte ich mit dem Karton vor seiner Nase herum. »Ohne Geld kann ich nicht zu meinem Chef zurück. Nur wenn ich eine gute Begründung liefere. Ich würde sie ja selbst essen, aber erstens mag ich keine Pizza Hawaii und zweitens ist das nicht erlaubt.« Die Notlügen kamen mir nicht leicht über die Lippen, aber es musste sein.

»Sie werden morgen einen Artikel in der Zeitung finden. Dort kann Ihr Chef nachlesen, was passiert ist.« Schnäuzermann verschränkte die Arme vor der Brust. Für ihn war das Gespräch wohl beendet. Mist, so kam ich nicht weiter. Ich überlegte, wie ich einen zweiten Versuch starten könnte, als ein Mann Ende vierzig seinen grau melierten Haarschopf aus der Wohnungstür streckte.

»Rieche ich hier Pizza?«, fragte er und fand mit dem Blick zielsicher den Karton, den ich in den Händen hielt.

Der Constable salutierte. »DetectiveChiefInspector Adams.« Er deutete mit der Hand auf mich. »Sie haben richtig gerochen.« Oho. Chief Inspector. Vermutlich wollte mir der Constable Angst machen, indem er mir aufzeigte, dass nun der Mann vor mir stand, der diesen Einsatz leitete. Da musste er sich schon etwas Besseres einfallen lassen. Ein Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Inspectors und er trat hände­reibend auf den Flur. Er trug keine Uniform, dafür eine Waffe in einem Schulterholster, dunkle Jeans und ein graues Hemd. Der Constable vor mir wollte dem Mann antworten, doch ich kam ihm zuvor.

»Ich habe eine Pizza für Mr Evens, Sir. Was ist ihm denn zugestoßen? Ihr Kollege will mir nichts verraten, aber ich brauche eine Erklärung für meinen Chef, wenn ich ohne Bezahlung in den Laden zurückkomme.« Ich setzte eine bittende Miene auf.

Der Inspector sah nicht mich, sondern den Karton in meinen Händen an, als wäre er am Verhungern. Er räusperte sich.

»Mr Evens wurde ermordet. Vor ungefähr einer halben Stunde. Die Nachbarn haben einen markerschütternden Schrei gehört und die Polizei gerufen«, sagte er und kam die Treppe herunter, wobei sich sein Blick auf mich richtete. Er kniff kurz die Augen zusammen, ehe er mich anlächelte. »Sie kommen wie gerufen. Wir mussten vor dem Abendessen zum Tatort aufbrechen. Was bekommen Sie dafür?« Mit einer Hand deutete er auf den Pizzakarton, mit der anderen kramte er in seinen Hosentaschen herum.

Damit bewies er, was ich ebenfalls für ein altes, aber wahres Klischee über die Engländer hielt: schwarzen Humor. Nur die Engländer kamen auf die Idee, die Pizza eines Mannes zu essen, der nach der Aufgabe der Bestellung ermordet worden war. Na ja, nur dass Mr Evens sie nie bestellt hatte, aber das wusste der Inspector natürlich nicht. Nun musste ich meine Pizza aufgeben, um den Schein zu wahren. Doch mittlerweile war mir der Appetit ohnehin vergangen. Der Gedanke, dass nur wenige Meter entfernt ein lebloser Mensch mit leeren Augen lag … ein Autor, den ich hätte küssen sollen … Kalt lief es mir den Rücken herunter. Der Inspector zog seine Brieftasche hervor und öffnete sie, fand darin allerdings kein Geld. Missmutig presste er die Lippen zusammen. Er drehte sich zur Wohnung um.

»Lansbury! Komm mal her!« Zu mir sagte er: »Warten Sie bitte kurz, mein Partner hat bestimmt Bargeld dabei. Wir werden Sie nicht mehr lange aufhalten.«

Ein paar Minuten blieben mir also noch. »Was ist denn vorgefallen?«, fragte ich erneut. Vielleicht machte sein Hunger den Inspector gesprächiger als den Constable. Letzterer warf mir einen warnenden Blick zu, den ich allerdings ignorierte.

»Das ist nichts für hübsche Mädchenohren«, meinte der Inspector mit einem Zwinkern, das mich allerdings nicht überzeugte. Die Ernsthaftigkeit in seinen Augen nahm seinem Spruch jegliche Leichtigkeit. Es erinnerte mich an den Ausdruck meiner Mom, wenn sie mir von Fällen berichtete. Natürlich eigneten sich die Polizeibeamten über die Zeit eine harte Schale an, um mit dem, was sie erlebten, klarzukommen, das mussten sie auch. Aber sie waren und blieben mitfühlende Menschen, an denen nicht alles spurlos vorüberging. Dieser Job war bei Weitem kein leichter.

Constable Schnäuzermann erwähnte nicht, was ich vorhin über meine Mutter gesagt hatte, und ich dankte ihm im Stillen dafür. Der Inspector kannte meine Mutter mit Sicherheit persönlich und ich wollte vermeiden, dass er mich als ihre Tochter identifizierte. Das würde die Dinge nur unnötig verkomplizieren. Ich hoffte, dass er mich nicht bei einem meiner seltenen Besuche bei New Scotland Yard gesehen hatte.

Die Tür zu Mr Evens’ Wohnung öffnete sich erneut und ein junger Mann in Zivil trat heraus. Und holla, wenn nur die Hälfte der Beamten bei The Met so gut aussah wie dieser Typ, sollte ich über einen Berufswechsel nachdenken. Ich schätzte ihn ein wenig älter als mich, vielleicht dreiundzwanzig, doch sein Gesichtsausdruck war unheimlich ernst. Er zog die dunklen Brauen zusammen und seine smaragdgrünen Augen funkelten düster in dem schwachen Licht der Flurbeleuchtung. Als sich unsere Blicke trafen, wäre ich am liebsten auf dem Absatz umgekehrt. Ein Schauder überlief mich angesichts der Kaltblütigkeit, mit der er mich musterte. Er fragte sich bestimmt, was ich hier zu suchen hatte. Dann wandte er sich dem Kollegen Adams zu und ich nutzte die Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Er war wesentlich größer als ich, was bei mir, dem laufenden Meter, jedoch nicht sonderlich schwer war. Die dunkelgrauen Jeans schmeichelten seiner athletischen Figur, das schwarze Shirt umspielte seine definierten Oberarme und der eng anliegende Waffengurt hob seine breiten Schultern hervor. Sein markantes Gesicht war zu einer grimmigen Miene verzogen, aber trotz dessen und trotz der blassen Narbe an seiner Oberlippe war er überaus attraktiv. Gut aussehend, aber schlecht drauf ‒ was für eine Verschwendung. Miesepeter waren leider gar nicht mein Typ, egal, wie überzeugend der Rest von ihnen war. Als er sprach, verfluchte ich mich dafür, dass mir auch seine tiefe Stimme gefiel. Gleichzeitig kribbelte es in meinem Magen. Das war hoffentlich nur der Hunger, der wieder zurückkehrte.

»Adams, hast du dir ernsthaft etwas zu essen an einen Tatort geordert?« Er verschränkte die Arme vor der Brust und kniff die Augen zusammen.

Adams, der Inspector, winkte ab. »Mach den Job erst mal so lange wie ich, dann wirst auch du an den unmöglichsten Orten Hunger bekommen. Mit leerem Magen lässt es sich nur schlecht denken. Aber nein, ich habe die Pizza nicht bestellt, sondern unser Opfer. Kannst du mir etwas Geld borgen?« Er streckte eine Hand aus.

Während Lansbury mit ungläubigem Kopfschütteln in seiner Hosentasche kramte, musterte ich den Inspector. Er hieß Adams? Vorhin schon hatte der Name an einer Erinnerung gekratzt. War das der Mitarbeiter meiner Mom, von dem sie mir erzählt und dabei versucht hatte, ihre geröteten Wangen zu verbergen? Interessant. Er wirkte nett. Auf seinen Lippen lag ein freundliches Lächeln, das auch seine graublauen Augen zum Strahlen brachte.

Ich übergab Inspector Adams den Karton mit der Pizza. Lansbury kam mit Geld in der Hand die Treppe herunter. Dabei starrte er ungeniert auf den Aufdruck meines Kapuzenpullovers und zog die Augenbrauen nach oben. Klar, die Minions aus Ich ‒ Einfach unverbesserlich waren nicht der Modetrend schlechthin, aber musste er seine Abneigung meiner Kleidungswahl gegenüber so deutlich zeigen? Ich hätte ihm genauso gut sagen können, dass er sich sein schwarzes Shirt offensichtlich eine Nummer zu klein gekauft hatte, so sehr, wie es über den Muskeln spannte. Die Kleiderwahl war immer noch jedem selbst überlassen. Aber Miesepeter, das wusste ich mittlerweile, fanden überall was zum Meckern.

Mit einem Mal verspürte ich das dringende Bedürfnis, ihn um keinen Preis anzufassen. Sonst würde seine schlechte Laune vielleicht auf mich überspringen und darauf hatte ich nach diesem eh schon bescheidenen Tag wahrlich keine Lust. Ich trat einen Schritt zurück und hob die Hände.

»Wissen Sie, was? Die Pizza geht aufs Haus«, sagte ich zu Inspector Adams und vergrub meine Hände in den Hosentaschen. »Geben Sie Ihrem Kollegen auch was ab. Vielleicht hebt das seine Stimmung.«

Der Inspector grinste mich an. »Danke. Gute Idee.« Ja, ich könnte ihn mögen. Ich musste meine Mom später unbedingt nach ihm fragen.

Lansbury presste die Lippen zusammen, als er das Geld wieder in die Tasche steckte und auf der vorletzten Stufe stehen blieb. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und wollte damit wahrscheinlich einschüchternd wirken, doch das würde ihm bei mir nicht gelingen. Leute mit immer schlechter Laune nahm ich nicht ernst. Vor allem nicht, wenn sie sich so aufplusterten. Vielleicht war es ihm zu Kopf gestiegen, dass er so jung schon bei der Kriminalpolizei diente. Die Ausbildung bis zum Rang des DetectiveSergeant, den er von der Kleidung her mindestens innehaben musste, war normalerweise lang und herausfordernd, die meisten schafften es frühestens mit Ende zwanzig dorthin. Er musste also ein verdammt begabter Beamter sein. Aber gut aussehend und intelligent? Konnte die Welt wirklich so ungerecht sein?

Ich funkelte ihn genauso böse an wie er mich. Sollte er doch von mir denken, was er wollte. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und stapfte die Treppen hinauf. Seine kurzen dunklen Locken wippten bei jedem Schritt auf und ab.

»Danke, Ihnen auch noch einen schönen Abend«, rief ich ihm hinterher, bevor ich es mir verkneifen konnte.

»Nehmen Sie es ihm nicht übel«, bemerkte Inspector Adams, der bereits nach dem ersten Stück Pizza griff. »Er muss sich erst noch an Anblicke wie den dort drinnen gewöhnen. Bin dann auch wieder weg. Nochmals vielen Dank für die Pizza.«

Er winkte mit dem Karton und ging zurück in die Wohnung. Urgs. Er nahm das Essen echt mit an den Tatort. Wie eklig war das denn? Mein Magen rebellierte bei dem Gedanken.

Auch Constable Schnäuzermann verzog den Mund, was wie ein Schulterzucken des kleinen haarigen Männchens auf seiner Oberlippe aussah. Was für eine Truppe, dachte ich mir. Davon musste ich meiner Mom schnellstmöglich erzählen. Und Mrs Patton. Ich schluckte und verabschiedete mich. So schnell ich konnte lief ich die Treppen hinunter und raus an die frische Luft. Ein paar tiefe Atemzüge später entspannten sich meine Muskeln und ich machte mich auf den Heimweg. Mal sehen, was meine Mom und die Zeitungen morgen zu dem Fall zu berichten hatten. Egal was, es würde Mrs Patton gar nicht gefallen. Ein toter Autor, der hätte geküsst werden sollen … Obwohl … Wenn es ihr nur darum ging, schlechte Ideen auszulöschen, würde sie auch diesen Auftrag als erfolgreich abgeschlossen betrachten. Erneut erfasste mich ein kalter Schauder und ich freute mich darauf, zu Hause meinen flauschigen warmen Kater an mich zu drücken.