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Bei Live-Veranstaltungen müssen Tontechnikerinnen und Tontechniker innerhalb kürzester Zeit viele verschiedene Aufgaben erledigen – eine zweite Chance gibt es in der Regel nicht: Mikrofonieren, den optimalen Sound für die Bühne und für das Publikum einstellen, mit Bands und Veranstaltungsleitung kommunizieren sowie Mischpulte effektiv und sicher bedienen.
Nach einer praxisnahen Einführung in die Live-Tontechnik besticht dieses Buch durch seinen ungewöhnlichen Ansatz: Über 555 Fragen helfen dabei, das eigene Vorgehen beim Live-Mischen besser zu planen und die entscheidenden Aspekte zu beachten. Neulingen dienen die Fragen als umfangreiche Checkliste. Selbst erfahrenen Tontechnikern und Tontechnikerinnen können die Anregungen helfen, die eigene Arbeitsweise zu reflektieren und den Workflow zu optimieren.
Interviews mit Musikerinnen und Musikern der verschiedensten Genres über ihre Erfahrungen mit Live-Tontechnik geben außerdem einen Einblick in die unterschiedlichen Herangehensweisen und Erwartungen in Bezug auf das Live-Mischen.
Als Live-Tontechnikerin oder -Tontechniker findest du in diesem Buch jede Menge Inspiration und praktische Anregungen für deine zukünftige Arbeitsweise. Aber auch Musikschaffende und andere an der Veranstaltung Mitwirkende erhalten durch die Lektüre wertvolle Einblicke in das Live Mixing, was zu einer besseren Zusammenarbeit führt, so dass am Ende ein überzeugender Livesound entsteht.
Pressestimmen zur Vorauflage:
»Alles in allem wieder ein originelles Werk, das manherzlich empfehlen kann.« Delamar.de
»Persönliche bis subjektive Live-Ratschläge und Mixing-Hinweise, wie man sie üblicherweise vielleicht eher in einem persönlichen Gespräch oder in Live Sound-Workshops für Bands, Live-Tontechniker oder Live-Musiker geben würde […]« Production Partner
Aus dem Inhalt:
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Cover
Titelblatt
Impressum
Vorwort
Einleitung
Teil 1. Praxis des live Mischens
1. Interaktion und Kommunikation
1.1 Planung und Vorbereitung
1.2 Man muss nicht alles machen
1.3 Zuhören
1.4 Verständnis
2. Rollen, Wünsche und Entscheidungen
2.1 Aufgabenbereiche
2.2 Eine Sache der Perspektive
2.3 Visionen und Wünsche
2.4 Probleme Lösen und Entscheidungen treffen
3. Regeln und Methoden
3.1 Mischen mit den Augen
3.2 Konventionen beachten
3.3 Regeln brechen aus Prinzip
3.4 Mut zum Experiment
3.5 Abstand bedeutet nicht immer Distanz
4. Anschaffungen und Equipment
4.1 Was braucht man?
4.2 Immer was Neues
4.3 Praxiseinsatz
4.4 Limitierung
4.5 Probieren und studieren
4.6 Am Puls der Zeit
4.7 Ich packe meinen Koffer
5. Einstellen der PA
6. Mikrofonierung
6.1 Übersprechen
6.2 Einfluss der Richtcharakteristik und Position
6.3 Bändchenmikrofone
6.4 Ein Mikro für alle
6.5 Wurst-Mikrofon
6.6 Mehrere Varianten
6.7 Unterwegs hören, was die Mikros hören
7. Kompression
7.1 Arbeitsweise
7.2 Einstellungen
7.3 Kompressorvarianten
7.4 Sidechain und Ducking
7.5 Monitoring
7.6 Parallel- und Multibandkompression
7.7 Kompressor vs. Fader
7.8 In den Kompressor mischen
7.9 Zurückhaltung
8. Eigenschaften eines Mixes
8.1 Balance
8.2 Arrangieren durch den MIX
8.3 Räumlichkeit
8.4 Tiefenstaffelung
8.5 EQ
8.6 Effekte
8.7 Multiplikation und Division
8.8 Leih Dir ein Ohr
9. Soundcheck
9.1 Struktur
9.2 Vorbereitung
9.3 Ich kenne Deinen Namen!
9.4 Bühnensound
9.5 Die Bühne klingt mit
9.6 Reihenfolge
9.7 Vorgehensweise
9.8 Abschluss
9.9 Der Sound macht nicht die Musik
10. Live mischen
10.1 Letzte Vorbereitungen
10.2 Die Show beginnt
10.3 Beurteilung des Sounds für das Publikum
10.4 Dramaturgie
10.5 Live mischen
10.6 Die Ohren
10.7 Aufmerksamkeit
11. Livemitschnitt
11.1 Pegel
11.2 DI
11.3 Monitore
11.4 Raum- und Publikumsmikrofone
11.5 Busse und Fader
12. Abmischen eines Livemitschnitts
12.1 Liveatmosphäre
12.2 Vorbereitung des Mixes
12.3 Automationen
12.4 Phase, Zeit und Raum
12.5 Interpretation oder Dokumentation
12.6 Effekte
12.7 Mid-Side-EQ
12.8 Beurteilung durch den Künstler
Teil 2. Fragen
13. Vorbereitung
14. Aufbau
FOH
15. Soundcheck
Kick Drum
Snare
Toms
Hi-Hat
Overheads
Drums
Bass
E-Gitarren
Keyboards
Elektroakustische Gitarre
Andere Instrumente
Vocals
In-Ear-Monitoring
Gesamtsound
Nach dem Soundcheck
16. Showtime
17. Nachbereitung
Teil 3. Interviews
Stefan Klebingatvon UNDER THE PLEDGE OF SECRECY
Samuel Dickmeisvon MÄNNI, ANTILOPEN GANG und BONANSKA
Freddy Hauvon LUXUSLÄRM und HAUNOW
Michael Heidmannvon CAMAREL und AMIN AFIFY
Oliver Anders Hendrikssonvon YOUNG CHINESE DOGS
Markus »Bony« Hoffvon JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE (Jaka)
Dorothea »Dota« Kehrvon DOTA
Robin Konhäuservon MARATHONMANN
Markus »Onkel« Lingnervon ALLIGATOAH, OHRBOOTEN, JEANETTE BIEDERMANN u.v.a.
Heiko Mürkensvon RUMTREIBER
Henning Pietavon TAKE YOUR GUILT
Tobias Sammetvon AVANTASIA und EDGUY
Daniel Täumelvon DIE APOKALYPTISCHEN REITER
Michael Tiefenbeckvon THE SHOO-SHOOS, DAMP u.a.
Frank Thorwarthvon TANKARD
Dennis Buschvon RAUMTONKONZEPT
Fabian Hildebrandtvon DESERTED FEAR
Johannes Komarekvon mix4munich.de
Markus Manteivon SUPERNOVA PLASMAJETS
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Live mischen Mixing für einen gelungenen Livesound
Eike Hillenkötter
Live mischen
Mixing für einen gelungenen Livesound
IMPRESSUM
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-7475-0576-2
1. Auflage 2022
www.mitp.de
E-Mail: [email protected]
Telefon: +49 7953 / 7189 – 079
Telefax: +49 7953 / 7189 – 082
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Lektorat: Janina Bahlmann, Sabine Janatschek
Sprachkorrektorat: Petra Heubach-Erdmann
Covergestaltung: Christian Kalkert, www.kalkert.de
Satz: III-satz, Kiel, www.drei-satz.de
Bildnachweis: @bernardbodo/fotolia.com
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Vorwort
Mir ist es eben passiert. Obwohl ich ein wirklich bühnenliebender Musiker bin, stand ich in meinem Kopfkino-Konzert diesmal hinterm Mischpult. Von dort aus würde ich dann mit einem Lächeln im Gesicht die imaginäre Show bis ins letzte Detail abmischen.
Alles Eikes Schuld. Ich habe beim Lesen dieses Buches einfach richtig Bock drauf bekommen. Mir war es irgendwie immer schon klar, aber irgendwie halt auch nie so richtig, wie sehr die oft einfach nur »Mischer/in« genannte Person Einfluss auf das musikalische Erlebnis für den Künstler und das Publikum hat. Hinzu kommt noch die Art und Weise, auf die Eike durch unzählige praxisnahe Tipps, Anekdoten und Beispiele einem die Herangehensweisen an diese Aufgabe schmackhaft macht. Ich könnte jetzt in Lobhudeleien verfallen, aber unnötig, denn ihr werdet euch ab dem ersten Kapitel ganz von alleine in seinen sympathischen, lockeren, trocken-humorvollen Erzähl-, und Erklärstil verlieben.
So viele Aha-Momente entstehen einfach dadurch, dass er direkte Einblicke in seine Gedankenwelt rund um das Live-Mischen zulässt. Das ganze Buch ist ein einziges In-den-Kopf-Schauen-Dürfen, wo technisches Wissen auf Erfahrung trifft und in Entscheidungen und Handgriffe übergeht. Jedoch immer mit der Kontrollinstanz Ohren – oder eher die des musikalischen Herzens!? Leidenschaft und Begeisterung kann man immer wieder zwischen den Zeilen erkennen. Es geht um Musik, Emotionen und Menschen, und um die zahlreichen Möglichkeiten, die sich ergeben können. Für konkrete Schritte bietet er direkt Methoden und das nötige Wissen aus seinem Erfahrungsschatz an. Was mir aber besonders gut gefällt, ist Eikes Aufmunterung, nein, besser noch Aufforderung zum Immer-wieder-Rumprobieren.
Dabei wünsch’ ich euch ’ne Menge Spaß und verabschiede mich mit den liebsten Grüßen
Samuel IMÄNNI
Einleitung
Wie mischt man live eine Band ab?
Mein erstes Buch bestand nur aus Fragen. Fragen, die ich mir als Livemischer regelmäßig während eines typischen Konzerts stelle. Die Antworten können je nach Situation völlig anders ausfallen, deshalb habe ich sie dort auch nicht gegeben. Die Fragen laden dazu ein, sich selbst mit den Überlegungen auseinanderzusetzen, die sich hinter Handlungen und der Haltung eines Livemischers verbergen. Ich finde diese Herangehensweise immer noch sehr schön, deshalb findest Du auch eine überarbeitete und aktualisierte Version genau dieser Fragen im Mittelteil des Buches.
Viele Leute, die das Buch gelesen haben, wünschten sich aber auch Antworten.
Was ist das beste Gesangsmikrofon? Wie macht man einen guten Monitorsound? Wie stelle ich einen Kompressor ein? Wie mixt man richtig?
Es gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten, sondern lediglich Wege und Möglichkeiten. Es gibt keinen leichten Weg zu einem »perfekten« Mix, jedenfalls gibt es keine Liste von Anweisungen, die man mal eben so abarbeiten kann, damit am Ende ein Top-Mix rausfällt.
Es gibt allerdings eine Menge von Methoden, die auf völlig unterschiedliche Weise dennoch möglicherweise zu einem ähnlichen Ergebnis führen. Nicht einmal das beste Ergebnis steht fest. Es gibt mindestens so viele Arten, einen Mix anzulegen, wie es Varianten eines Bandfotos gibt.
Selbst Bilder, die für sich genommen alle wunderbar fotografiert wurden, unterscheiden sich oft grundlegend voneinander. Es bleibt letztendlich Auslegungssache und eine Frage des persönlichen Geschmacks, für welche Interpretation man sich entscheidet. Was will die Band aussagen? Wie kann man das am besten transportieren? Welche Aspekte kann man außerdem noch beleuchten? Ein Mix bleibt eigentlich immer Interpretationssache.
Aus diesen Gründen habe ich mich entschieden, im ersten Teil dieses Buches wenige Instruktionen und stattdessen viele Anregungen zu sammeln. Alle Methoden, die ich in diesem Buch schildere, nutze ich selber, weil ich sie für mich als wertvoll erkannt habe.
Ich zeige an einigen Stellen mögliche Alternativen oder Ideen und Experimente auf, allerdings wollte ich hier lediglich echte, praxisnahe Tipps weitergeben. Es gibt sicherlich für viele in diesem Buch geschilderte Themenbereiche sehr, sehr gute Anleitungen, allerdings fehlt dort manchmal die Einordnung.
Was davon bringt im Livebetrieb eigentlich wirklich etwas? Was kann man live überhaupt umsetzen? Und wobei handelt es sich eventuell um »Speziallösungen«, die man einmal in 10 Jahren benutzen wird?
Die in diesem Buch geschilderten Techniken und Vorgehensweisen habe ich mir über Jahre angeeignet, ich verwende sie bei praktisch allen Konzerten, gleichzeitig halte ich in diesem Buch kein »Geheimwissen« zurück. Im Wesentlichen schildere ich meine Erfahrungen als Livemischer in Clubs für Rockbands im weitesten Sinne. Das stellt einen Großteil meiner Tätigkeit in diesem Bereich dar, da »kenne ich mich aus«. Gelegentlich arbeite ich für Bands als Gastmischer auf Festivals, ab und zu betreue ich ganz andere Veranstaltungen.
Wie sich das bei Dir darstellt, weiß ich nicht. Deshalb kann es möglicherweise dazu kommen, dass Du den einen oder anderen Aspekt auf Dein Tätigkeitsfeld »umrechnen« musst. Mit Sicherheit hast (oder entdeckst) Du selbst die ein oder andere Herangehensweise, die Du als für Dich viel besser geeignet ansehen wirst. Und natürlich passe ich meine eigene Arbeitsweise auch ständig an.
Ich schildere außerdem in diesem Buch nicht jeden Handgriff, den ich im Laufe einer Veranstaltung so vornehme. Aber das geschieht absichtlich und bewusst: Wenn Du weißt, was Dein Ziel darstellt, dann findest Du selbst die besten Wege und Lösungen.
Um das Maximum aus diesem Buch herauszuholen, solltest Du am besten schon erste praktische Erfahrungen mit Livetontechnik gesammelt haben. Ich beschreibe in diesem Buch nicht unbedingt alle nötigen Grundlagen oder technischen Details, etwa wie man ein Mischpult überhaupt anschließt, wie der Signalfluss innerhalb des Mischpults normalerweise aussieht oder welche Kabel man warum für welche Zwecke verwendet. Zwar gehen einige Fragen im zweiten Teil sehr ins Detail, aber es wird auch schon etwas an Erfahrung vorausgesetzt. Das Buch kann Dir dabei helfen, Deine Arbeitsweise als Livemischer zu hinterfragen, um sie weiter zu verbessern oder das Spektrum Deiner Möglichkeiten zu erweitern.
Man hört oft, dass Tontechnik »50 % Technik und 50 % Psychologie« bedeutet. Auch wenn diese Einschätzung angezweifelt werden darf, fällt doch auf, dass die Gewichtung im Bereich des Lehrmaterials deutlich anders ausfällt. Viele Bücher, Tutorials und Workshops bestehen zu einem überwältigenden Großteil aus technischen Fragen bzw. Instruktionen. Wenn man Glück hat, findet man noch etwas zur Kreativität, sehr selten dann auch einmal Tipps, die einem diese angeblich so wichtige »Psychologie« erklären.
Die Tätigkeit als Livemischer bedeutet in einem ganz besonderen Sinn auch Teamarbeit. Klar, beim Mischen selbst muss man mehr oder weniger ganz allein agieren, man hat aber gleichzeitig eine Verantwortung für ganz viele andere Menschen – und deren Kunst oder deren Vergnügen. In der Vorbereitung und Nachbereitung einer Veranstaltung macht man fast alles gemeinsam. Und deshalb hängt vieles von Menschenkenntnis, Empathie sowie angemessener, ehrlicher, transparenter und lösungsorientierter Kommunikation ab. Diesen Aspekten wollte ich mich ausgiebig widmen. Und auch deshalb kommen im letzten Teil des Buches endlich auch einmal die Menschen zur Sprache, denen man als Tontechniker überhaupt zu verdanken hat, dass man etwas zu tun hat: nämlich die Musiker selbst. Wie sehen ihre Vorstellungen im Hinblick auf Livetontechnik überhaupt aus? Was erwarten sie von einem Livemischer? Ich fand die Schilderungen und Antworten selbst oft mega interessant und erhellend. Ich hoffe, dass Du dort auch die ein oder andere Aussage entdeckst, die Du so noch nie gehört hast und die Dir weiterhelfen kann.
Auf meiner Webseite findest Du unter plus.livemischer.de eine Liste an Links und Ressourcen zu den in diesem Buch beschriebenen Themenbereichen, die ich regelmäßig aktualisiere. Neben Begriffserklärungen und absoluten Basics findest Du dort Beschreibungen zu »fortgeschrittenen« Techniken, aber auch eine bunte Mischung von Artikeln oder Videos zur Thematik. Falls Dir gewisse Passagen in diesem Buch zu verkürzt oder aber zu kompliziert erscheinen, findest Du dort eventuell hilfreiche Erklärungen und Ergänzungen.
Falls Du mir selbst etwas zu diesem Buch sagen möchtest oder eine Frage an mich hast, melde Dich gerne! Alle Kontaktdaten findest Du auch auf meiner Webseite.
Jetzt aber viel Spaß mit diesem Buch – und mit der Musik!
Teil 1
Praxis des live Mischens
Live-Tontechnik wirkt häufig wie ein sehr komplexes Unterfangen. Es gibt etliche technische, kommunikative, kreative und auch persönliche Fragestellungen, die es zu lösen gilt. Jede Show unterscheidet sich zudem von jeder anderen und erfordert unter Umständen ganz neue Methoden. Wenn man allerdings einige grundlegende Herangehensweisen berücksichtigt, kann man dafür sorgen, dass die Anzahl der auftretenden Schwierigkeiten erheblich reduziert wird und man sich auf die schönen Aspekte der Show konzentrieren kann. Bei aller Komplexität stellt Live-Tontechnik schließlich kein Hexenwerk dar.
In diesem Teil des Buches schildere ich, wie man dafür sorgen kann, dass ein Konzert für alle Beteiligten zu einer möglichst tollen Erfahrung wird. Welche Absprachen sollten für ein erfolgreiches Konzert getroffen werden? Wie begegnet man Künstlern, Veranstaltern und anderen Beteiligten? Was gilt es bei Vorbereitung, Aufbau, Soundcheck und schließlich beim Mischen der Liveshow zu beachten? Welche Fähigkeiten helfen einem allgemein als Livemischer? Welches Equipment benötigt man überhaupt, und wie geht man damit um? Wie stellt man einen gut klingenden Livemitschnitt her? Diese und weitere Fragestellungen sollen hier erörtert werden.
Bei der Lektüre bitte beachten: Ich schildere hier vor allem meine eigenen Erfahrungen, Denkansätze und Herangehensweisen. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, also nimm bitte nicht jede Methode einfach so hin. Du kannst natürlich gewisse Dinge übernehmen, um sie auszuprobieren, aber Du solltest den Text jederzeit hinterfragen und in jedem Fall unbedingt Deinen eigenen Weg finden.
1
Interaktion und Kommunikation
Als Livemischer hat man immer mit Personen zu tun – vor, während, nach der Veranstaltung. Das führt natürlich zu einer Menge Spaß, wenn die Interaktionen kreativ und freundlich bleiben, allerdings stellt einen das auch vor erhebliche Probleme, wenn’s mal nicht rundläuft. Die Wichtigkeit eines Austausches, der sich für alle Seiten gewinnbringend zeigt, lässt sich kaum zu hoch bewerten. Was kann man selbst dafür tun, dass jeder Einsatz möglichst positiv verläuft? Wann gilt es, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, wann und wie weit stehen die Wünsche des Kunden im Vordergrund, wann kann es sich aber auch lohnen, ganz klar seine Meinung zu äußern und eventuell sogar durchzusetzen?
1.1 Planung und Vorbereitung
Ich möchte mich gerne auf jedes Konzert so gut wie möglich vorbereiten. Wenn ich es mit Bands zu tun habe, mit denen ich schön häufiger gearbeitet habe, wissen in der Regel alle Beteiligten, was sie erwartet. Die Künstler wissen, was sie mitbringen müssen und was ich stelle, sie kennen ihre eigenen und meine Aufgaben und haben eine gute Vorstellung davon, wie die Veranstaltung ablaufen soll. Dann beschränken sich die vorhergehenden Absprachen nur auf Kleinigkeiten und Details, wenn sich beispielsweise an der Instrumentierung etwas für eine bestimmte Show geändert hat oder wenn Musiker als Gäste dazukommen oder Ähnliches. Bei anderen Auftraggebern oder Bands, die das erste Mal etwas mit mir zu tun haben, lege ich großen Wert darauf, bereits im Vorfeld so viele wichtige Einzelheiten wie möglich abzuklären. Ganz klar: Zu 100 % lässt sich der Ablauf einer Veranstaltung vielleicht nie planen, und Kreativität im Umgang mit den letztendlichen Gegebenheiten kann sich als sehr wichtig erweisen, allerdings lassen sich einige nervenaufreibende und zeitraubende Situationen schon im Vorfeld erkennen und hoffentlich beheben.
Ich mache Absprachen sehr gerne schriftlich, wobei ich damit nicht unbedingt Verträge meine, sondern schriftlich fixierte Absprachen, beispielsweise per E-Mail oder über irgendeine Onlinelösung. So haben dann alle an der Konversation Beteiligten auch immer die Möglichkeit, das Besprochene nachzuverfolgen und bereits besprochene Details nachzusehen. Bereits zum Zeitpunkt der Festlegung eines Termins und meiner Buchung versuche ich die wichtigsten Rahmenbedingungen kurz festzuhalten.
Da geht es dann natürlich einerseits um die Zeit und den Ort der Veranstaltung, den Zeitrahmen für Load, Aufbau und Soundcheck sowie die voraussichtliche Dauer der Veranstaltung. Zusätzlich wünsche ich mir klare Infos darüber, was an dem Abend von mir alles konkret erwartet wird und was nicht. Was muss ich mitbringen? Welches Equipment befindet sich vor Ort? Kann dieses genutzt werden? Was bringt die Band mit, was stellt eine Verleihfirma? Welche PA wird bei der Veranstaltung zum Einsatz kommen? Wo wird sich der FOH-Platz, also das Mischpult befinden? Im Zweifelsfall lohnt es sich, bei Unklarheiten oder Unsicherheiten diese auch zur Sicherheit noch mit dem Veranstaltungsort oder den entsprechenden Partnern abzuklären. Aussagen wie »ist alles da und voll gut in Schuss« oder »klären wir an dem Tag« fallen schnell – manchmal entspricht das dann nicht so ganz den wahren Begebenheiten. Wenn sich vereinbarte Bühnenmonitore als Studio-Nahfeldmonitore erweisen, wenn das Mischpult über das schon »alle möglichen Bands gespielt haben« sich als 6-Kanal-Powermischer mit nur einem Aux-Weg herausstellt oder die amtliche Mikrofonsammlung aus einer Handvoll von Mikrofonen unbekannter Hersteller besteht oder sich vor Ort zeigt, dass Sonderwünsche wie etwa eine angemessene Anzahl verfügbarer Kanäle auf dem Pult nun leider nicht mehr erfüllt werden können – dann freut man sich eventuell, dies bereits im Vorfeld erfahren und Vorsorge getroffen zu haben.
Tipp
Sollte ich mal die Einweisung eines Gastmischers übernehmen, so bleibe ich so lange für ihn verfügbar, wie er es für nötig erachtet. Ich erkläre ihm vielleicht grundlegend das Routing oder die Funktionen des Pults, dann nehme ich mich zurück, bleibe aber so lange er will erreichbar für ihn. Sollte ich aktiv nach einer Einschätzung gebeten werden, gebe ich sie gerne, ansonsten überlasse ich Arbeitsweise und Sound vollständig dem Gast. Gerne assistiere ich auch bei Umbau oder Mikrofonierung, wenn dies gewünscht wird.
Für den Umgang mit den Personen vor Ort gilt hier ein behutsames Vorgehen. Nach der Ankunft kann man sich ruhig erst einmal umsehen, sich kennenlernen und den Ablauf noch einmal kurz besprechen sowie eventuelle Änderungen, die sich vielleicht ergeben haben, besprechen. Falls ich Einwände oder Verbesserungsvorschläge bezüglich der Vorgehensweise habe, versuche ich immer, auch die daraus resultierenden Vorteile für den Ablauf herauszustellen. Auch achte ich darauf, dass der Aufbau von eigenem Equipment in keinem Fall zu unerwünschter Mehrarbeit oder unnötigen Aufräumarbeiten für den Veranstalter führt. Wenn mir beispielsweise mein Mischpult geeigneter für die Veranstaltung erscheint und dies auf Unverständnis stößt, schildere ich einfach ruhig, wieso die Band beispielsweise nicht mit nur einem Monitorweg auskommen kann, sondern verschiedene separate In-Ear-Wege benötigt, oder dass sich der Soundcheck und die Aufbauzeit erheblich verkürzen, wenn ich meine Mikrofone und fertig erstellte Szenen in meinem Mischpult benutze. Sofern der Veranstalter letztendlich irgendein Interesse an einem reibungslosen Ablauf und einem guten Klang für die Gäste hat, lohnt sich eine Erklärung oder freundliche Diskussion meist auch. Ich erlebe es dann auch relativ häufig, dass Veranstalter nach der Show be- oder anmerken, was durch gewisse Änderungen besser lief als bei vorherigen Konzerten. Natürlich gilt es, auch die speziellen Erfahrungen sowie Wünsche und Bedürfnisse des Veranstalters wahrzunehmen und zu berücksichtigen und nicht einfach zu übergehen. Schließlich kennt der Veranstalter häufig sein Publikum und dessen Eigenarten recht gut.
Tipp
Viele Leute denken, dass es bei Empathie nur darum geht, jemanden zu bemitleiden. Aber Empathie bedeutet, die Perspektive und Gefühle der anderen Person zu verstehen.
Für den Umgang mit (mir noch nicht vertrauten) Künstlern finde ich es wichtig, deutlich herauszustellen, dass man eine konstruktive und lösungsorientierte Zusammenarbeit möchte. Es gilt, die Musiker und ihre Vorstellungen und Ziele ernst zu nehmen. Es hilft uns auch, als Team zusammenzuarbeiten, um Probleme zu lösen. Viele Musiker haben mir schon von unschönen Erlebnissen berichtet, bei denen sie von Tontechnikern beispielsweise herablassend und wenig wertschätzend behandelt wurden. Ohne groß über die Hintergründe oder das Entstehen solcher Situationen zu spekulieren, finde ich so eine Kommunikation für beide Seiten wenig hilfreich. Manche Techniker haben durch ihre oft jahrelange Erfahrung den Eindruck, allgemein besser zu wissen, »was für die Musiker gut ist« als die Musiker selbst, und lassen es sie dann auch spüren. Und obwohl dieser Wissensvorsprung – mindestens auf technischer Seite – in Einzelfällen vielleicht sogar stimmen mag, führt so eine Haltung jedoch auch häufig dazu, dass es dem Techniker dann schwerer fällt, die wahren Bedürfnisse des Künstlers zu erkennen. Viele Annahmen darüber, wie die Band zu klingen hat, wurden vielleicht insgeheim bereits im Vorfeld getroffen – ohne dies jemals mit den Musikern abzugleichen. Stattdessen scheint es mir ratsam, bereits frühzeitig in Erfahrung zu bringen, ob es irgendwelche soundtechnischen Besonderheiten gibt, auf die beim jeweiligen Künstler geachtet werden sollte. Was möchte die Band mit ihrer Musik transportieren? Singen wirklich alle Sänger gleichberechtigt? Welche unterschiedliche Rolle spielen die beiden Gitarristen für die Band? An welchem Soundideal orientiert sich die Band?
Letztendlich macht eine Klärung dieser Fragestellungen die Arbeit für mich als Mischer auch leichter – ich muss nicht versuchen, den Stil zu erraten. Wenn ich weiß, dass die Band eher einen warmen retromäßigen Sound bevorzugt, dann habe ich sofort eine Vorstellung davon, wie ich meinen Mix anlegen werde. Wenn ich weiß, dass der Backgroundgesang, der sich beim Soundcheck als relativ schwierig darstellt, tatsächlich nur bei einem Song vorkommt, dann kann ich vielleicht diese Mikros für den Rest des Sets muten – und habe dadurch zum Beispiel auf diesem Mikro gar keine Schwierigkeiten mit Bleed (Übersprechen) oder Feedback.
Beim Soundcheck möchte ich unter anderem vernünftige Signale für mich bekommen, aber ich lege ebenso sehr großen Wert darauf, dass der Bühnensound für den Künstler stimmt (falls der Monitorsound vom FOH aus geregelt wird).
Während der Show gibt es kaum noch Möglichkeiten, effektiv daran zu arbeiten. Deshalb frage ich schon beim Soundcheck alle Musiker nach der Zufriedenheit mit dem Monitorsound und versuche ausgiebig etwaige Unzulänglichkeiten zu beheben. In der Regel kennen die Musiker die Songs, die vom Bühnensound her schwierig werden könnten (oft tatsächlich die »lauten« Stücke), falls nicht, wünsche ich mir von der Band einfach mindestens einen sehr leisen und einen lauten Song. Wenn für beide Songs der Monitorsound gut funktioniert, hat man schon einmal einen großen Teil geschafft, wie auch an anderer Stelle geschilder t.
Neben dem Respekt vor den Musikern gilt hier wieder: Unterm Strich macht ein angenehmer Bühnensound die Arbeit für den Livemischer deutlich leichter! Wenn die Musiker sich gut hören, dann spielen sie auch besser und entspannter, liefern damit in der Regel bessere »Signale«, die sich leichter in den Mix einbauen lassen – und fangen auch nicht während des Sets damit an, heimlich am Sound ihrer Instrumente herumzuschrauben oder gar verzweifelt ihre Amps voll aufzureißen. Und nicht zuletzt führt ein vernünftig gecheckter Monitorsound auch zu deutlich reduzierter Feedbackgefahr, was Musiker, Hörer und einen selbst freuen sollte. Aus all diesen Gründen lohnt sich etwas mehr Sorgfalt bei der Erstellung des Monitorsounds.
Allgemein achte ich darauf, dass ich meine Bedürfnisse möglichst hinter die Bedürfnisse des Künstlers oder des Veranstalters oder der Local Crew zurückstelle – soweit ich dies verantworten kann. Mehr dazu im folgenden Kapitel.
Tipp
Bei aller Professionalität sollte man den Humor nicht vergessen. Ein Lächeln oder ein Scherz im rechten Moment kann viele Situationen entspannen und entschärfen. Klar, Unterhaltung stellt manchmal eine ernste Sache dar, aber Kunst profitiert auch von etwas Menschlichkeit.
1.2 Man muss nicht alles machen
Sollte man eine Anfrage als Mischer erhalten, aber hat man aus guten Gründen schwerwiegende Bedenken, ob die Veranstaltung adäquat ablaufen wird (oder hat man einfach nur ein schlechtes Bauchgefühl!), so kann man ruhig von einer Zusage absehen. Man muss nicht alles machen. Mit Veranstaltern und Künstlern, die einem derart zweifelhaft vorkommen, möchte man unter Umständen sowieso keine langfristige Zusammenarbeit aufbauen, insofern wird sich der Schaden in Grenzen halten.
Tipp
Wenn Dir als Vergütung für Dein komplettes Material, Deinen Einsatz und Deine Zeit für eine kommerzielle »Veranstaltung« mit mehreren Bands tatsächlich einmal ernsthaft Bratwurst angeboten wird, nimm den Auftrag an. Ich habe auch daraus gelernt.
Mein persönlicher Technikerpool
Für eine Veranstaltung passende und kompetente Mischer zu finden, kann sich für den Veranstalter manchmal als schwierig darstellen, deshalb vermittle ich ihm für den Fall, dass ich wegen einer anderen Buchung, einer Krankheit oder einem anderen Grund nicht zur Verfügung stehe, gerne befreundete Tontechniker, denen ich vertraue. Über solche Empfehlungen freuen sich Veranstalter in der Regel sehr.
1.3 Zuhören
Ich finde es wichtig, zu jeder Zeit ein offenes Ohr zu haben. Zuhören stellt für mich die wahrscheinlich wichtigste Fähigkeit eines Livemischers dar. Sie beschränkt sich aber nicht auf das Beurteilen von Sounds, sondern gilt auch allgemein in der Kommunikation. Es gibt viele Möglichkeiten, wie Menschen miteinander kommunizieren können. Sie können Worte, Gesten, Mimik oder Körpersprache verwenden. Ich versuche, Wünsche und Bedürfnisse, Sorgen und Kritik von Künstlern oder Veranstaltern oder anderen Beteiligten sehr gut wahrzunehmen. Bei Unklarheiten hilft ein Nachfragen. Außerdem hilft es, wenn man viele Äußerungen entweder auf der Sachebene (und damit erst mal als neutrale Aussagen) wahrnimmt. Künstler und Tontechniker haben manchmal Schwierigkeiten, Kritik angemessen zu äußern oder ohne Kränkung anzunehmen. In solchen Situationen gilt es im Sinne einer konstruktiven Zusammenarbeit zu fragen: Was sagen sie, was hörst Du? Und was sagen sie nicht?
1.4 Verständnis
Ich versuche auch, an der Veranstaltung beteiligten Personen scheinbar unangemessene Kommunikation schnell zu vergeben. Einige Menschen äußern sich im Rahmen einer Veranstaltung oft augenscheinlich aggressiv, ungeduldig oder fordernd. Häufig liegt dies aber einfach an geringer Stressresistenz, an Unsicherheit, Lampenfieber oder sonstigen Ereignissen oder Emotionen, die häufig wenig mit dem Adressaten und mit der konkreten Situation zu tun haben. Ich finde es in solchen Fällen besser, diese Kommunikationsebene gar nicht zu betreten, sondern die Kommunikation meinerseits zu beruhigen und vor allem sachlich zu gestalten. Dabei halte ich es auch für eine eher schlechte Idee, mich beispielsweise an bandinternen Diskussionen zu beteiligen, wenn ich nicht aktiv um eine Einschätzung gebeten werde. Und auch dann schildere ich diese sachlich bzw. fachlich und ergreife nie emotional Partei für ein Bandmitglied.
Tipp
Wenn’s mal nicht rund läuft, nicht verzweifeln, sondern durchatmen und ruhig und systematisch an einer Lösung arbeiten. Solange niemand ernsthaft zu Schaden kommt, wird selbst von der miesesten Situation in ein paar Wochen wahrscheinlich nur eine lehrreiche Erinnerung oder einfach eine lustige Story bleiben. Ein Großteil der in diesem Buch angerissenen Anekdoten wirkt jetzt deutlich witziger als im Moment des Geschehens.
2
Rollen, Wünsche und Entscheidungen
Oft stellt sich einem die Frage, welche Rolle(n) man überhaupt im Rahmen einer Veranstaltung übernehmen soll. Es hilft, diese Fragestellung bereits im Vorfeld abzuklären oder auch zu kommunizieren. Was genau erwartet der Kunde oder Auftraggeber? Was erwartet man selbst? Diese Fragen – oder besser die Antworten darauf – können sich als absolut kritisch für den Ablauf und das Gelingen oder Misslingen mindestens von Teilaspekten eines Events oder Projekts erweisen. Bleiben sie unberücksichtigt, so kostet es im Zweifelsfall jedenfalls viel Zeit und Nerven, diese Fragen »im laufenden Betrieb« zu diskutieren oder einfach zu ignorieren.
2.1 Aufgabenbereiche
Normalerweise geht man vielleicht davon aus, dass derjenige, der einen Tontechniker bestellt, auch eine gewisse Vorstellung davon hat, wofür man ihn denn brauchen könnte. Im Detail gibt es aber im Rahmen zumindest von kleineren Veranstaltungen ein Riesenspektrum an Aufgaben, die irgendwie ins Aufgabenfeld des Mischers fallen können. Glücklicherweise, möchte ich sagen, denn nicht zuletzt dadurch bleibt die Tätigkeit ja auch abwechslungsreich und spannend. Schwierig kann es unter Umständen an den Stellen werden, wo die Vorstellungen über Aufgaben und Verantwortlichkeiten auf Seiten des Kunden oder des Tontechnikers unscharf werden. Ich kann nur empfehlen, diese Unklarheiten bereits frühzeitig zu erkennen, und rechtzeitig zu beheben. Wie weit die Einmischung des Tontechnikers gehen soll, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Ich halte es jedoch für absolut notwendig, den Kunden über gegebenenfalls erkannte »Sollbruchstellen« im Ablauf oder in der Verantwortung zu informieren und verschiedene Alternativen zur Lösung anzubieten. Je besser begründet diese dargestellt werden – inklusive der wichtigsten daraus erwachsenden Konsequenzen – desto einfacher sollte es dem Kunden dann fallen, eine für die Veranstaltung relevante Entscheidung zu treffen.
2.2 Eine Sache der Perspektive
Manchmal lassen sich Tontechniker sympathischerweise dazu verleiten, ihre Perspektive als die für die Veranstaltung wichtigste anzusehen – fast genauso häufig setzen sie voraus, dass alle Beteiligten die Grundzüge ihrer Perspektive nachvollziehen können. In der Realität sieht es oft aber so aus, dass manche Tontechnikersorgen auf andere Menschen wie unnötig spleeniger Nerdkram wirken. Manche Leute interessieren sich einfach nicht wahnsinnig für stehende Wellen, eine optimale Position für den FOH-Platz, die Eigenheiten von verschiedenen Mikrofontypen etc.
Diese Schwierigkeit in der Kommunikation und Verständigung gilt sicherlich für viele Situationen im Leben, allerdings führt dies im Rahmen von Veranstaltungen und Projekten regelmäßig zu Störungen im Ablauf, die durch eine rechtzeitige, ruhige, angemessene Kommunikation gar nicht erst so entstehen müssten. Wenn man also als Mischer beispielsweise zu einer Forderung des Kunden valide Einwände hat, wieso eine andere Herangehensweise zu einem wertvolleren und angenehmeren Ergebnis führen kann, so sollte man Mittel und Wege finden, diese allgemein verständlich und mit guten Argumenten darzulegen. Technische oder akustische Einwände sollte man dabei besonders gut verständlich erklären, möglichst ohne Fachchinesisch zu verwenden.
Tipp
»Geht nicht gibt’s nicht« – aber nicht alles, was geht, gibt automatisch etwas.
Unterm Strich nützt es niemandem, widersprüchliche oder augenscheinlich wenig zielführende Wünsche des Kunden, die vielleicht teilweise aus Unwissenheit, durch das Anhängen an gewisse Standards oder möglicherweise auch nur aus einem Mangel an Vorstellungskraft entstehen, innerlich augenrollend dennoch umzusetzen, da die Qualität der Veranstaltung darunter letztendlich leiden wird.
2.3 Visionen und Wünsche
Diese Herausforderung im Umgang mit dem Auftraggeber kann sämtliche Aspekte der Veranstaltung betreffen, allerdings sollte man gut auswählen, welche Probleme man wirklich lösen will – und muss. Bemerkt man an einer Stelle, dass für eine gelungene Weiterarbeit Entscheidungen getroffen werden müssen, sich aber niemand dazu bereit erklärt, so sollte man sich selbst absolut in der Lage sehen, Entscheidungen zu treffen, die das Projekt vorantreiben. Hat beispielsweise eine Band gar keine deutliche Vision davon, wie ihr Live-Sound eigentlich klingen sollte, so könnte man daraus vielleicht ableiten, dass man sich als Tontechniker gar nicht die Mühe machen sollte, ein entsprechendes Soundkonzept überhaupt zu entwickeln.
Meiner Auffassung nach sollte man in solchen Fällen aber versuchen, etwas über die in irgendeiner Weise sicherlich vorhandenen Vorstellungen des Künstlers herauszubekommen. Hier kann es zum Beispiel helfen, durch gezielte Fragen etwas über die allgemeine stilistische Ausrichtung zu erfahren, zu erfragen, wie eventuelle Vorbilder aussehen, was genau der Künstler an diesen Vorbildern schätzt etc. All das kann im Endeffekt dabei helfen, die – nicht immer schlüssig kommunizierten – Vorstellungen des Künstlers optimal zu übersetzen. Unterm Strich bedeutet dies auch viel weniger Soundraterei aufseiten des Mischers, was letztendlich auch eher zu einem einfacheren Mix und einem stimmigeren Sound führen sollte. Wenn sich herausstellt, dass ein Soundkonzept bereits durch die Performance oder Soundeinstellung vor dem Mikro beeinträchtigt wird und und man es dort bereits durch einfache Maßnahmen optimieren kann – so sollte man dies meiner Ansicht nach auch mit dem Künstler besprechen. Man muss sich nicht gleich als Produzent der Band aufspielen, aber wenn es beispielsweise so scheint, dass die Band schon durch den Klang ihrer Instrumente gegen ihre eigenen Soundziele arbeitet, so sollte man als Mischer – konstruktiv und lösungsorientiert – darauf hinweisen. Häufig reicht es, wenn man der Band ehrlich und neutral schildert, wie ihre Instrumente oder die Band als Ganzes aus den Boxen klingen. So könnte die Band dann vielleicht doch schnell von sich aus zu der Ansicht gelangen, dass es beispielsweise nichts schaden würde, wenn man neben Becken und Gitarren noch andere Nuancen der Musik wahrnehmen kann – und entsprechenden Soundänderungen positiv gegenüberstehen.
Bemerkt man derartige Schwierigkeiten und geht einfach darüber hinweg, weil man denkt, dass sich der Aufwand nicht lohnt, oder dass einem der Künstler dies übel nehmen wird, so schafft man sich nicht nur offensichtliche Probleme für den Mix, sondern das Publikum, Vertraute der Band etc. werden auch unweigerlich den unzulänglichen Sound bemerken und ihn zwangsläufig irgendwann zur Sprache bringen. Am Ende gibt es in den Augen bzw. Ohren der meisten Besucher und mancher Musiker nur einen Verantwortlichen für die Qualität des Livesounds, und je besser man im Vorfeld dazu beigetragen hat, diese möglichst zu optimieren, desto eher wird man sie auch vertreten können. In gewisser Weise gilt aber auch das alte Klischee: Wenn das Publikum den Tontechniker nicht bemerkt, dann hat er einen guten Job gemacht. Erfahreneren Konzertgängern und dem »Fachpublikum« darf dann ruhig auch etwas Positives auffallen.
Hinweis
Wenige Leute interessieren sich für die Faktoren, die zu einem defizitären Sound geführt haben, allerdings bemerken Künstler, Auftraggeber und auch das Publikum in der Regel sehr genau, wenn man – im Rahmen der (finanziellen, zeitlichen, physikalischen) Möglichkeiten – sein Bestes gegeben hat, diese Schwierigkeiten zu minimieren oder zu eliminieren.
2.4 Probleme lösen und Entscheidungen treffen
Viele sagen, ein Großteil des Jobs eines Live-Tontechnikers besteht in der Lösung von Problemen. Während das durchaus teilweise der Realität entsprechen mag, wird dabei häufig ein möglicherweise viel entscheidenderer Aspekt übersehen. Im Gegensatz zur Arbeit eines Tontechnikers im Studio oder bei Aufnahmen (wo dieser Aspekt natürlich auch eine Rolle spielt, wenn auch häufig vielleicht nur eine finanzielle!) bestimmt Zeitknappheit viel von der Arbeitsrealität eines Livemischers. Dadurch gibt es (glücklicherweise, wie ich finde) gar nicht immer die Möglichkeit, jedwede Möglichkeit der Signalveredelung oder -korrektur zu verfolgen. Deshalb muss man ständig instinktiv, intuitiv oder einfach schnell und bewusst Entscheidungen treffen. Beispielhaft nenne ich hier mal Entscheidungen über den Aufstellort des Mischpults oder der PA, die Mikrofonauswahl, Positionierung der Mikrofone, die Verweildauer bei einzelnen Kanälen während des Soundchecks, der Klang einzelner Kanäle und der Summe, Einsatz von Panning, Level der Einzelsignale im Arrangement, Einsatz von Effekten und vor allem alle Aspekte bei der Durchführung des Mixes. Obwohl ich gerne versuche, manche Entscheidungen wenigstens durch eine Art A/B-Vergleich zu entschärfen, so gibt es diese Möglichkeit spätestens bei der Live-Show nicht mehr in allen Fällen.
Live erlebt
Während ich mit der Band wartete, bis wir an der Reihe waren, wurde ich einmal Zeuge eines sehr intensiven Soundchecks des Headliners. Nach etwa anderthalb Stunden stand der Sound für die Band – fast. Allerdings fehlte dem Keyboarder »noch etwas mehr Tom 2« auf den In-Ears.
