Beschreibung

"Eine Karte. Geschaffen aus den Träumen des Teufels. Festgehalten durch eine menschliche Hand." Dass sein Tod vom Schicksal vorherbestimmt wurde, konnte Nic nicht ahnen. Als sein Schutzgeist Lynn ihm jedoch das Leben rettet, schaut er zum ersten Mal hinter die Maske der Welt. Von nun an kann er die Wesen sehen, die sich in den Schatten der menschlichen Wahrnehmung verbergen. Schutzgeister, verlorene Seelen und Dämonen … Zur gleichen Zeit braut sich über der legendären Stadt Venedig großes Unheil zusammen. Ein jahrhundertealter Dämonenherrscher erhebt sich über die Sterblichen und dürstet nach Blut. Der Schlüssel zu seiner Vergangenheit versteckt sich hinter den Pinselstrichen einer antiken Karte. Bis jetzt hat es allerdings noch kein Sterblicher gewagt, sich einem Dämon in den Weg zu stellen. Wird Nic der Erste sein? Band 1: Des Teufels Träume Band 2: Des Räubers Gewissen (erscheint Juni 2019) Band 3: Titel wird noch bekannt gegeben (erscheint Oktober 2019)

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 381

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit


Living Legends

Des Teufels Träume

Maja Köllinger

Copyright © 2019 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Stephan R. Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Illustrationen: Maja Köllinger

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-438-3

Alle Rechte vorbehalten

Für alle,

die versuchen, hinter die Masken zu blicken

»Wer nicht weiß, dass er eine Maske trägt, trägt sie am vollkommensten.«

Theodor Fontane

Inhalt

Teil I

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Teil II

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Teil III

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Danksagung

Teil I

Prolog

Feuergeburt

Nic

Feuer brannte hinter meinen Lidern, selbst als ich sie geschlossen hielt. Die Flammen fraßen sich immer weiter in die Höhe, krochen an den Zimmerwänden empor und leckten zugleich an meinen Fußspitzen. Ich hatte noch nie im Leben solch eine Hitze verspürt. Sie schraubte sich an mir hinauf und schälte mir langsam und qualvoll die Haut von den Knochen. Ein schmerzvoller Schrei brach aus mir hervor und wurde sogleich durch den dichten tiefschwarzen Rauch erstickt. Ich keuchte. Das Gewölk drang in meine Lunge ein und verschloss die Luftröhre. Im Rücken spürte ich das Gemäuer des Hauses. Vor mir flackerte die Feuerwand und versperrte mir den einzigen Ausweg aus dieser Hölle. Das nächste Fenster war ebenfalls zu weit entfernt, um es rechtzeitig zu öffnen und zu fliehen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mich im achten Stockwerk des Studentenwohnheims befand. Doch allein der Gedanke daran, dass ich während meines Falls den erfrischend kalten Gegenwind spüren könnte, ließ mich sehnsuchtsvoll aufseufzen, was jedoch mehr nach einem erstickten Röcheln klang.

Was würde ich dafür geben, um dieser Hitze zu entkommen!

Die Schweißperlen auf meiner Stirn verdampften bereits, bevor sie sich vollständig gebildet hatten. In meinen Augen flackerte das Licht des rot glühenden Feuers. Ich hatte bereits so lange hineingestarrt, dass ich befürchtete zu erblinden.

Doch spielte das überhaupt noch eine Rolle?

Die Flammen kamen immer näher, waren nur noch Zentimeter von der Zimmerecke entfernt, in welche ich mich gepresst hatte. Ich hustete und schluchzte, während mir die Tränen die Wangen hinab­#liefen. Die Hitze des Feuers brannte ihre Spuren in meine Haut, sodass ich sie bis in alle Ewigkeit spüren würde.

Im Hintergrund schrillte der Feueralarm vor sich hin und untermalte meine nach Hilfe schreienden Gedanken mit seinem Kreischen. Vielleicht war es auch der Todesschrei eines anderen Studenten …

Ich wusste nicht, was den Brand ausgelöst hatte. Ich erinnerte mich bloß daran, dass ich mitten in der Nacht durch den nervtötenden Feueralarm aufgeweckt worden war. Dieser wurde allerdings mehrmals innerhalb einer einzigen Woche ausgelöst, weshalb ich mir keine weiteren Gedanken machte, mich umdrehte und versuchte, wieder einzuschlafen. Womöglich hatte jemand einfach vergessen, beim Kochen in der Gemeinschaftsküche die Dunstabzugshaube anzuschalten. Die Dampfentwicklung hatte schon mehr als zwanzig Mal den Alarm ausgelöst.

Erst als der Alarm nicht stoppte, wurde mir bewusst, dass hier irgendetwas gewaltig falschlief. Als ich meine Zimmertür öffnen wollte, war der Türgriff bereits so heiß, dass meine Haut bei dieser Berührung zischte. Ich hatte so viel Abstand zwischen mich und die Tür gebracht wie nur möglich. Wenn sich der Knauf derart erhitzt hatte, bedeutete das, dass das Feuer schon im Flur wüten musste.

Ich hatte meine Verletzung gemustert und beobachtet, wie sich Brandblasen auf meiner Handfläche bildeten. Sie schmerzten höllisch. Als würde jemand ein glühendes Eisen auf meine Haut pressen. Ich hatte geflucht und meine zitternde Hand von mir gestreckt, um nicht versehentlich meine Kleidung zu berühren und die Verletzung damit schlimmer zu machen. Aus einem Instinkt heraus griff ich nach einem alten Shirt, das auf dem Boden lag, und der Wasserflasche neben meinem Bett. Ich leerte den kompletten Inhalt über den Stoff und presste ihn gegen mein Gesicht, um mich vor dem Rauch zu schützen.

Nur wenige Sekunden später brach die Zimmertür unter lautstarkem Ächzen und Knarren in sich zusammen. Der Knall dröhnte immer noch in meinen Ohren. Das Holz hatte sich dunkel, fast schwarz verfärbt und fiel dem lodernden Feuer zum Opfer. Eine Stichflamme war explosionsartig ins Zimmer geschossen und hatte mich in die Ecke gedrängt. Ich konnte das Schmatzen der Flammen immer noch hören. Feuer war ein gefräßiges Monster ohne Gnade. Da war nur dieser endlose Hunger. Dieses Verzehren nach Leben.

Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis ein Funke auf den rechten Ärmel meines Pullovers übersprang und den staubtrockenen Stoff binnen weniger Herzschläge in Brand steckte. Ich hatte keine Chance. Die Flammen versengten die rechte Hälfte meines Oberkörpers und setzten meinen kompletten Arm in Brand. Ich konnte sehen, wie meine Haut abblätterte wie alte Farbe von einer spröden Wand. Ich beobachtete, wie mein Körper aufriss und offene Wunden meine gesamte rechte Körperhälfte spalteten. Blut sickerte aus den Verletzungen und tropfte brennend zu Boden. Der Aufprall jedes einzelnen Tropfens hallte unendlich in meinen Ohren nach. Ich verlor flüssiges Leben. Und mit jedem weiteren Tropfen näherte ich mich dem unvermeidlichen Tod.

Die Schmerzen waren unerträglich. Dieses Brennen, diese Hitze … Ich spürte es einfach überall. Die Flammen tanzten nicht nur auf meinem Körper, sondern auch in meinem Kopf. Kein klarer Gedanke konnte sich formen. Da war nur noch dieser Wunsch nach Erlösung, der in meinem Inneren immer und immer wieder echote.

Es soll endlich aufhören! Ich will nicht mehr leiden.

Die Qualen überstiegen meinen Geist. Ich konnte nichts anderes mehr fühlen. Mein Körper wurde taub, als hätte das Feuer jegliche meiner Empfindungen weggebrannt. Mein Blick wandte sich ein letztes Mal meinem Mörder, dem Feuer, zu. Ich wusste, dass ich sterben würde. Ich wusste es einfach. Und ich wollte ins Licht sehen, sobald es so weit war.

Und dann sah ich sie.

Sie stand inmitten der Flammen. Geschaffen aus Asche und Glut und Rauch. Eine junge Frau. Sie blinzelte mich erschrocken an, als sie bemerkte, dass ich sie beobachtete. Als hätte sie nicht damit gerechnet, dass ich sie sehen könnte. Das Feuer bedeckte sie wie eine zweite Haut oder ein lebendiges Kleid. Sie schien sich nicht an den Flammen zu stören. Und tatsächlich: Die Naturgewalt verschonte sie und ihren makellosen Körper.

Ich halluzinierte. Anders konnte ich mir das nicht erklären. Das alles spielte sich in den wenigen Sekunden ab, seit die Tür nachgegeben hatte. Mein Hirn musste völlig überfordert sein. Kein Wunder, dass ich begann, Trugbilder zu sehen. Dennoch streckte ich meine verbrannte Hand in ihre Richtung aus. Sie war schwer wie Blei und zitterte unkontrolliert. Ich konnte mich kaum noch konzentrieren, als ich versuchte, mit meinen Lippen einen einzigen Satz zu formen.

Die Fremde kam einen Schritt auf mich zu. In ihren Augen las ich unbändigen Schmerz, obwohl die Flammen ihre Haut nicht versengten oder angriffen. Ich schloss meine Lider und flüsterte in das Knistern des Feuers meine letzten Worte, in der Hoffnung, dass mich die Frau hören würde.

»Hilf mir.«

Gerade als mein Körper in sich zusammensackte und mich jegliche Kräfte verließen, spürte ich, wie jemand meine ausgestreckte Hand ergriff. Eine kühle Welle aus vollkommenem Frieden wogte bei der Berührung durch mein Innerstes und erfüllte meine Seele.

Dann wurde alles schwarz …

Kapitel Eins

Begegnung im Jenseits

Nic

Das Jenseits bestand aus unendlichem Nichts. Nur Schwärze. Keine Farben, keine Töne, keine Düfte … einfach nichts.

Es erdrückte mich förmlich, presste meinen Brustkorb zusammen und versetzte mich in eine Starre, aus der ich unmöglich aus eigener Kraft entkommen konnte. Kalte Klauen legten sich um mein Herz, drückten zu und entzogen mir jeglichen Lebenswillen.

Ich spürte, wie ich verschwand. Wie ich verblasste. Ein kleiner, heller Punkt, der von der allumfassenden Schwärze um sich herum absorbiert wurde. Irgendwann würde ich dazugehören. Zum Nichts.

Diese Empfindung war irgendwie beruhigend. Meine Gedanken hallten in Echos um mich herum, doch ich verstand sie nicht länger. Einzelne Worte drangen zu mir vor, doch der große Zusammenhang blieb mir verborgen.

Was soll ich bloß tun?

Ich nahm meinen eigenen Körper kaum noch wahr. Er war wie eine Hülle, ein lästiges Kleidungsstück, das ich jeden Moment abstreifen konnte, wenn ich wollte. Denn er hielt mich fest. Mein Körper war es, der mich im Nichts gefangen hielt und mich bewegungsunfähig machte. Doch was würde geschehen, wenn ich mich von seinen Fesseln löste?

Angst überkam mich, kroch wie ein Parasit in meine Gehirnwindungen und krallte sich dort fest. Ich wollte schreien, doch meine Lippen blieben fest verschlossen. Kein Laut würde ihnen entweichen. Und gerade als ich aus lauter Verzweiflung die Verbindung zu mir selbst kappen wollte, erschien sie wieder.

Ihr alabasterfarbener Körper hob sich von der Dunkelheit um uns ab, wohingegen ihre schwarzen Haare in wogenden Wellen im Nichts verschwanden. Sie schwebte vor mir, nur Zentimeter von meiner Nasenspitze entfernt, und beobachtete mich mit unverhohlener Neugier. Ihre hohen Wangenknochen und ihr spitzes Gesicht verliehen ihr eine geradezu tödliche Eleganz. Als wäre sie nicht von dieser Welt.

Und dann begegnete ich ihrem Blick. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Augen gesehen. Sie waren hell und von einem so strahlenden Violett, dass ich verblüfft blinzeln musste. Ich wollte sie fragen, wer sie war, was sie hier tat und warum sie mir im Feuer begegnet war.

Geschaffen aus Asche und Glut und Rauch.

Sie lächelte mich sanft an und verlor kein Wort. Ihre herzförmigen Lippen bogen sich leicht nach oben und ihre Hände umfassten mein Gesicht. Dort, wo ihre Fingerspitzen mich berührten, kribbelte meine Haut. Ich begann wieder etwas zu fühlen! Ich spürte mich wieder.

Auch das fremde Mädchen schien die Veränderung zu bemerken, denn es grinste nun breit.

»Bist du bereit, zu den Lebenden zurückzukehren?«, fragte sie. Die Worte glichen Glockenschlägen. Ihre Stimme zerriss die Finsternis wie Papier und wies mir den Weg zurück in die Lebendigkeit. Es war eine Symphonie aus den schönsten Tönen, die ich jemals vernehmen durfte. Eine Melodie des Lebens.

Noch bevor ich ihre Frage beantworten konnte, hatte sie ihre Augen geschlossen und ihre Lippen auf die meinen gelegt. Die Berührung war sanft und gefühlvoll. Mein Herz sprang mir vor Überraschung beinahe aus dem Brustkorb und ein Prickeln erfasste meinen ganzen Körper. Alles kribbelte und ich verzehrte mich nach mehr.

Die Augen hatte ich automatisch geschlossen und meine Lippen öffneten sich leicht, um den Kuss zu vertiefen. Ich konnte die Verbindung zu der fremden Frau geradezu spüren. Wie ein dünnes Band verflochten sich unsere Seelen miteinander.

Und gerade als ich dachte, dass mein Herz zerbersten würde, verschwand sie. Sie löste sich in meinen Armen in Luft auf, sodass ich ins Leere griff. Die Wärme, die mich bei ihrem Anblick durchflutet hatte, wurde von der Kälte ihrer Abwesenheit vertrieben. Das Kribbeln jedoch wurde immer präsenter und schwoll so stark an, dass ich dachte, mein Körper würde entzweigerissen werden. Verzweifelt kämpfte ich gegen das eigenartige Gefühl an. Ich konzentrierte mich darauf, meine Gliedmaßen zu kontrollieren, bis mich schließlich die Kräfte verließen und ich das seltsame Empfinden zuließ.

Ein Schrei bahnte sich in meinem Hals an. Ich spürte ihn wie Säure in meinem Inneren. Er brannte darauf, nach draußen zu gelangen. Er verzehrte mich geradezu innerlich. Schließlich spaltete sich mein Mund und ein Brüllen entfuhr mir und durchdrang meinen Geist. Es klang dunkel und wild, geradezu animalisch. Ein Befreiungsschrei, den nur ich hören konnte.

Und endlich, endlich konnte ich meine Augen öffnen und sehen!

Das Nichts um mich herum hatte sich gelichtet, ich war frei. Ich war nicht länger gefangen in dieser Welt ohne alles. Ohne Gefühle, ohne Licht und ohne Leben.

Unendlich viele Sinneseindrücke strömten gleichzeitig auf mich ein. Direkt neben meinem Kopf war ein schrilles Piepen zu vernehmen, das meine Gedanken durcheinanderbrachte und mir Kopfschmerzen bereitete. Der Rhythmus des hohen Tons war unregelmäßig und disharmonisch.

Meine Augen wurden währenddessen durch ein helles Weiß geblendet, das mir von den Wänden des Zimmers entgegenstrahlte, in dem ich mich gerade befand. Ich musste mehrmals blinzeln und meine Augen zusammenkneifen, bis ich mich an das grelle Licht gewöhnt hatte. Gleichzeitig verbiss sich ein starker Geruch nach Desinfektionsmitteln in meiner Nase. Ich krallte die Finger meiner linken Hand in die weichen Bettlaken, die meinen Körper bedeckten. Der Stoff fühlte sich wunderbar auf meiner Haut an. Hier konnte mir nichts geschehen. Die Schwärze würde niemals wieder einen Weg in dieses Zimmer finden. Ich fühlte mich sicher. Ich war dem Nichts entkommen.

Doch wo bin ich überhaupt?

Mein Kopf wog unfassbar schwer. Als sei er in Metall gegossen worden.

Ich ließ meinen Blick langsam über meinen Körper gleiten und erkannte, dass mein Oberkörper, inklusive meinem rechten Arm, mit dicken Verbänden umwickelt war. Ich versuchte ihn zu bewegen, doch selbst meine schwachen Bemühungen schmerzten höllisch. Ich zischte einen leisen Fluch zwischen meinen zusammengepressten Zähnen hindurch. Das piepende Gerät neben mir beschwerte sich daraufhin ebenfalls lautstark, als würde es meine Anstrengungen missbilligen.

In meiner linken Armbeuge steckten unzählige Nadeln, die an dicke Infusionsbeutel angeschlossen waren und mich mit Flüssigkeit und Medikamenten versorgten. Ein größerer Schlauch verschwand in meinem Bauch. War das etwa eine Magensonde? Wurde ich künstlich ernährt?

Ich war mir inzwischen mehr als sicher, dass ich mich im Krankenhaus befinden musste.

Doch was ist geschehen?

Die Erinnerung an den Brand, an das nahende Feuer und den tief hängenden Rauch bahnte sich einen Weg zurück in mein Gedächtnis. Todesangst schlug ihre Krallen in mich, als ich die Flammen vor meinem inneren Auge wüten sah. Der goldene Schein, die unfassbare Hitze. Ich wäre beinahe bei lebendigem Leib verbrannt. Sofort beschleunigte sich mein Herzschlag.

Das hier war real. Ich musste keine Angst haben. Hier gab es kein Feuer. Keine Flammen. Keinen Rauch.

Ich fasste mit zitternden Fingern nach dem Notrufknopf, der direkt neben meinem Krankenbett angebracht war. Wie auf Kommando stürmte ein ganzes Team aus Ärzten und Krankenschwestern ins Zimmer. Sie alle starrten mich ungläubig an, als würden sie einen Geist sehen.

»Nicolo Fiore?«, sprach mich nun einer der Ärzte an. Sein weißer Kittel war ihm eindeutig zu groß und reichte beinahe bis auf den Boden hinab. Die grau melierten Haare standen ihm wirr vom Kopf ab und seine tiefbraunen, fast schwarzen Augen musterten mich zugleich interessiert und erstaunt.

Beim Klang meines eigenen Namens zuckte ich unwillkürlich zusammen. So nannte mich sonst niemand. Mir lag es aus Gewohnheit schon auf der Zunge zu sagen: »Nennen Sie mich einfach Nic.« Doch stattdessen nickte ich bloß.

»Können Sie mir sagen, was mit mir passiert ist?«, krächzte ich. Meine Stimme klang geschunden. Sprechen fühlte sich so an, als würde jemand von innen mit spitzen Fingernägeln meinen Hals zerkratzen. Ich schluckte schwer und eine Krankenschwester hielt mir augenblicklich ein Glas Wasser entgegen.

Ich nahm es dankbar an und trank es in wenigen Schlucken aus. Gierig nahm ich die Flüssigkeit auf, die sofort meinen gereizten Hals beruhigte. Als hätte ich seit Wochen nichts zu mir genommen.

»Sie waren einem Brand in Ihrem Studentenwohnheim schutzlos ausgeliefert. Als die Rettungskräfte Sie aufspürten, glich es einem Wunder, dass Sie überhaupt noch lebten.« Der Arzt fuhr sich mit der Hand durch die sowieso schon zerstörte Frisur. »Sie waren nicht mehr bei Bewusstsein und erlitten eine schwere Rauchvergiftung. Zudem wurde Ihre rechte Körperhälfte massiven Verbrennungen ausgesetzt. Wir haben getan, was wir konnten und die Wunden in der Notaufnahme versorgt. Um den Heilungsprozess besser kontrollieren zu können, wurden Sie in ein künstliches Koma versetzt. Doch bis heute war nicht klar, wann Sie wieder erwachen.«

Ich hielt bei seinen Worten inne und beobachtete die versammelte Mannschaft aus Ärzten und Pflegern genauer. Doch sie alle hatten steinerne Masken aufgesetzt, die ich unmöglich durchschauen konnte. »Wie lange war ich bewusstlos?«, fragte ich vorsichtig nach. Ich brachte es kaum zustande, meinen Kopf vom Kissen zu heben, so mitgenommen fühlte ich mich.

»Zwölf Tage.« Die Antwort des Arztes ließ mich zusammenzucken.

Zwölf Tage? Das waren fast zwei Wochen!

Ich habe mich zwei Wochen lang in diesem Zustand des völligen Nichts befunden.

Und ich bin nur dank der Frau entkommen.

Moment mal! Die Frau! Ich muss wissen, wie es ihr geht! Sie ist schließlich ebenfalls im Zimmer gewesen.

»Kurz bevor ich das Bewusstsein verloren habe, ist eine Frau in meinem Zimmer aufgetaucht. Wurde sie auch hier ins Krankenhaus eingeliefert? Hat sie überlebt?«, fragte ich nach. Das piepende Gerät neben meinem Kopf zeichnete natürlich sofort auf, wie sich mein Herzschlag beschleunigte.

Der Arzt sah mich verständnislos an. Doch ich konnte erkennen, wie er sich um eine logische Erklärung bemühte. »Es wurde keine Frau hier oder in ein umliegendes Krankenhaus eingeliefert. Bei Ihrem Wohnheim handelte es sich schließlich um ein reines Männerhaus. Es wurden allerdings noch sechs weitere Kommilitonen von Ihnen in die Notaufnahme gebracht.«

Ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren und die Bilder in meinem Inneren zu ordnen.

Habe ich mir die Frau bloß eingebildet?

Ist sie etwa ein Trugbild?

Ein Streich meines geschädigten Gehirns?

Als hätte ich sie mit meinen Gedanken heraufbeschworen, erschien plötzlich am Fußende meines Bettes eine kleine Rauchsäule, die beständig zu einer größeren Wolke anwuchs. Die Ärzte schienen nichts zu bemerken und wuselten eifrig um mich herum, während ich meinen Blick nicht von den Schwaden lösen konnte.

Die Pfleger prüften meine Vitalfunktionen, leuchteten mir in die Augen, fragten mich banale Dinge über mich selbst, während ich meinen Blick fest auf den sich langsam auflösenden Dunst am Ende meines Bettes gerichtet hielt.

Innerhalb weniger Sekundenbruchteile lichtete sich der Rauch und die junge Frau stand mir gegenüber. Eine Gestalt aus Nebel und Geheimnissen. Niemand sonst schien sie zu bemerken und ihr neugieriger Blick haftete ausschließlich auf mir.

Mein Herz raste bei ihrem Anblick. Die schwarz gelockten Haare, die strahlend weiße Haut und die violetten Augen. So etwas konnte ich mir unmöglich einbilden.

Die Ärzte warfen sich einen vielsagenden Blick zu, als sie meine erhöhte Herzfrequenz bemerkten. Einer von ihnen verließ eilig das Zimmer. Ich nahm kaum Notiz davon.

Gerade als ich den Mund öffnen und die seltsame Frau ansprechen wollte, legte sie sich einen Zeigefinger auf die Lippen und zwinkerte mir zu.

In diesem Augenblick kehrte der Arzt zurück. In seiner Hand hielt er eine kleine Flasche, die er an meinen Infusionsschlauch anschloss.

Ich wurde jäh aus meinen Gedanken gerissen und wagte es zum ersten Mal, meinen Blick von der Frau zu lösen. »Was ist das?«, fragte ich, während die leicht gelbliche Flüssigkeit in meinem Arm verschwand. Nach wenigen Sekunden spürte ich bereits, wie meine Augenlider schwer wurden und ich nur noch lallen konnte.

»Ein leichtes Beruhigungsmittel. Keine Sorge, in wenigen Stunden werden Sie aufwachen und vollkommen ausgeruht sein. Das Koma bekommt manchen Patienten einfach nicht gut. Schlafen Sie ein wenig, wir informieren währenddessen Ihre Angehörigen darüber, dass Sie aufgewacht sind.« Die raue Stimme des Arztes begleitete meine abschweifenden Gedanken an einen Ort, den ich vor Müdigkeit nicht mehr erreichte.

Das Letzte, was ich vor dem Schließen meiner Augen sah, war das sanfte, ermutigende Lächeln des fremden Mädchens am Fußende meines Bettes.

Lynn

Ich hätte das nicht tun sollen.

Ich hätte ihn einfach sterben lassen sollen.

Dann wäre alles im Gleichgewicht geblieben.

Ich seufzte innerlich auf, als ich seinen schwachen Körper dort in dem riesigen Krankenbett liegen sah. Er wirkte verloren. Sein Gesicht war eingefallen, sodass die warmen braunen Augen unnatürlich groß wirkten.

Nicolo.

Mein Mundwinkel hob sich leicht an. Das war der Name meiner Seele. Der Name des Lebens, das ich um jeden Preis beschützen und wenn nötig sogar bis in den Tod begleiten würde. Er klang gut. Allerdings wagte ich es noch nicht, ihn laut auszusprechen.

Wann würde der junge Mann sich wohl an meinen Namen erinnern?

Lynn. Ich heiße Lynn.

Ich starrte stumm vor mich hin und betrachtete die Ärzte und Krankenschwestern, die in hektischen, jedoch genau koordinierten Bewegungen um meinen Schützling herumwuselten. Ganz richtig: Ich war Nicolos Schutzgeist. Sein Seelenschatten, der ihn von der Geburt bis zum Tod begleitete. Jeder Mensch hatte einen an seiner Seite. Immer.

Selbst wenn sich die Sterblichen allein und einsam fühlten, waren wir da. Wir wichen keine Sekunde von ihrer Seite. Niemals.

Wir wuchsen zusammen mit ihnen auf und wurden durch die Loyalität des Schutzgeistes aneinandergebunden. Ich kannte Nic, so wollte er schließlich immer genannt werden, schon mein ganzes Leben lang. Als Kinder haben wir sogar eine Zeit lang immer miteinander gespielt. Er hatte alles mit mir geteilt. Nicht nur seine Spielzeuge, sondern auch seine Geheimnisse. Damals konnte er mich noch sehen, obwohl die Blicke jedes anderen über mich hinwegglitten. Seine Mutter hatte mich in seinem Beisein sogar einmal als ›imaginäre Freundin‹ betitelt. Jenen Tag würde ich nie vergessen. Es war der Tag, an dem Nic begann, mich zu ignorieren. Ich war wütend geworden und hatte ihn gefragt, warum er das tat. Seine Antwort versetzte mir selbst durch die Erinnerung einen schmerzhaften Stich ins Herz. »Du bist nicht echt. Ich bilde mir dich nur ein.«

Ich wollte es nicht begreifen. Konnte es nicht verstehen.

»Aber Nic … ich bin echt. Wirklich!«

Danach war er aufgestanden und hatte mir mit seiner geballten Faust in den Magen geschlagen. Ich hätte Schmerz empfinden sollen, doch seine Hand traf keinen Widerstand. Ich war aus Luft geschaffen. Ein Schutzgeist. Aber das bedeutete doch nicht, dass ich nicht existierte? Oder?

»Du bist nicht echt! Du bist ein Geist!« Das hatte er geschrien. Immer und immer wieder, bis seine Mutter ins Zimmer gerannt kam, um ihren kleinen, weinenden Engel zu beruhigen.

Nic hielt meinen Blick über die Schulter seiner Mutter hinweg gefangen. Seine tränenüberfluteten Augen fokussierten mich starr, während seine Pupillen zitterten. Die Hände hatte er in die Strickjacke seiner Mutter gekrallt. Erst da begriff ich es. Nic hatte Angst. Vor mir.

Das durfte nicht sein. Ich wollte ihn doch beschützen. Ich würde ihm niemals etwas antun.

In diesem Moment beschloss ich, Nic weiterhin zu beschützen. Allerdings auf eine andere Art als bisher. Nicht länger als Gefährtin und Freundin, sondern als Seelenschatten. Diesen Namen hatte ich mir nach diesem Ereignis selbst gegeben. Und bis heute dachte ich, dass er perfekt passte. Also löste ich mich vor seinen Augen in Luft auf und kehrte nie wieder in meiner menschlichen Form zu ihm zurück.

Dennoch war ich immer an seiner Seite, bewahrte ihn vor Unfällen oder lenkte ihn sanft von gefährlichen Situationen fort, indem ich leise Warnungen in sein Ohr sprach, die sich ihren Weg durch sein Unterbewusstsein bahnten. Manche Menschen nannten diese Eingebungen Intuition. Ich nannte sie Schicksal.

Eine Regel gibt es jedoch für die Schutzgeister eines Menschen: Sie durften nie, niemals in seinen Tod eingreifen. Sie durften ihn warnen und unterschwellige Drohungen aussprechen, doch sie sollten unter keinen Umständen direkt in eine Situation eingreifen.

Und natürlich hatte ich die einzige Regel, die es gab, gebrochen.

Nic wäre in dem Feuer gestorben. Diese Erkenntnis hatte mich zusammen mit ihm ereilt. Und ich konnte es nicht zulassen. In ihm steckte so viel mehr. Er hatte noch so viele Jahre vor sich. Er war mir ein guter Freund gewesen und hatte es nicht verdient zu sterben. Wenn es so weit war, dann würde ich an seiner Seite sein und mit ihm zusammen gehen. Doch ich wollte den frühen Zeitpunkt nicht akzeptieren. Ich hatte Nic vor den Flammen geschützt und mich ihm gegenüber offenbart.

Selbst als er im Koma lag und mir immer mehr entglitt, konnte ich ihn nicht loslassen. Ich musste ihm einfach einen Weg durch die Dunkelheit weisen. Ihm einen Ausweg zeigen, obwohl es keinen mehr gab.

Der Kuss zwischen uns war so anders als alles, was ich bisher gespürt hatte. Ich hatte das Seelenband gesehen, das uns beide untrennbar miteinander verknüpfte. Ich besaß zwar kein Herz, das schneller schlagen konnte, aber, obwohl ich nicht das Gefühl einer Berührung genießen konnte, bildete ich mir ein, in diesem Augenblick etwas gespürt zu haben. Eine winzige Regung. Sie glich einem Windhauch, der durch mich hindurchwehte und mir für einen Moment Wärme schenkte. Und so schnell wie das Gefühl aufgetaucht war, so schnell war es auch wieder verebbt. Nun blieb mir nur noch die Erinnerung. Vielleicht hatte ich mir das alles aber auch bloß eingebildet.

Ich betrachtete seinen zerbrechlichen Körper. Die Ärzte hatten sein Krankenzimmer inzwischen wieder verlassen. Sie waren einfach durch mich hindurchgerauscht, als würde ich nicht existieren.

Ich erinnerte mich an die Worte, die Nic vor vielen Jahren an mich gerichtet hatte. Vielleicht war ich wirklich nicht real. Doch die Existenz des Seelenbands war nicht zu leugnen. Ich hatte ein Stückchen von mir selbst weitergegeben, als ich Nic zurück ins Leben geführt hatte. Der Kuss hatte mir ein Stück meiner selbst entrissen und ihm geschenkt.

Ich wusste nicht, was das für Nic oder mich bedeutete, doch ich war mir einer Sache sicher: Es würde alles verändern, denn von nun an konnte er mich sehen. Jemand wusste, dass ich da war. Und auch wenn der Rest der Welt mich vergessen hatte, so erinnerte sich der wichtigste Mensch meines Universums vielleicht irgendwann wieder an mich.

Kapitel Zwei

Fremde auf den ersten Blick

Nic

Fahles Licht drang durch meine geschlossenen Augenlider. Ich blinzelte ihm verwirrt entgegen. Meine Glieder fühlten sich schwer und schlaff an, als würden Gewichte sie zu Boden ziehen. Die Schwerkraft rang mich förmlich nieder und meine Gedanken waren von Nebel verhangen, der sich nur langsam lichtete.

War ich etwa eingeschlafen?

Die Ärzte mussten mir ein Beruhigungsmittel verabreicht haben, um mir ein wenig Ruhe zu gönnen. Reichte es denn nicht, dass ich fast zwei Wochen im Koma gelegen hatte? Ich stöhnte auf und versuchte den Kopf leicht anzuheben, um in eine aufrechtere Position zu kommen. Kraftlos sackte er wieder zurück.

»Ich dachte schon, du wachst gar nicht mehr auf«, erklang eine Stimme von der linken Seite meines Bettes. Es war diese Stimme … hoch und melodisch wie ein sanfter Lufthauch. Ruckartig wandte ich mich der fremden Frau zu. Ihre violetten Augen blickten neugierig auf mich herab. Ihr Haar wogte in weichen rabenschwarzen Wellen um ihren Kopf herum und schien von einer leichten Brise umweht zu werden, obwohl es im Zimmer vollkommen windstill war. Sie trug ein schwarzes Kleid, das vorne auf die Länge ihrer Knie gekürzt worden war und hinten in einer bodenlangen Schleppe endete. Doch das war noch nicht einmal das Seltsamste daran: Das Kleid bestand aus Schatten. Finstere Nebelschwaden stiegen von dem Stoff auf und verwischten die Konturen des Kleidungsstückes. Die Versuchung, die Fremde berühren zu wollen, wuchs mit jedem Augenblick. Doch als hätte die Frau meine Absicht erahnt, machte sie ein paar Schritte zurück, um außerhalb meiner Reichweite zu bleiben.

Hastig fischte ich nach der Fernbedienung, mit der ich das Bett steuern konnte. Sobald ich den richtigen Knopf gefunden hatte, ließ ich die Rückenlehne hochfahren, sodass ich aufrecht sitzen konnte.

Die junge Frau beobachtete mich währenddessen und grinste amüsiert. Das und ihr geheimnisvolles Äußeres brachten mich völlig aus dem Konzept. Dazu noch dieses unfassbar schöne Lächeln.

»Warum grinst du so?«, fragte ich deshalb, ohne darüber nachzudenken.

Sie zuckte lediglich mit den Schultern, das Lächeln verweilte noch ein wenig auf ihren Lippen. Lippen, die mich geküsst hatten.

Augenblicklich spürte ich die Röte in meine Wangen schießen.

Ist das wirklich geschehen?

Und falls ja: Kann sie sich auch daran erinnern?

»Ich hatte mir unser Wiedersehen auch anders vorgestellt. Glaub mir«, meinte sie nun und ging in betont langsamen Schritten um mein Bett herum. Dabei ließ sie mich nie aus den Augen.

»Unser Wiedersehen? Ich kenne dich doch gar nicht«, murmelte ich. Mein Kopf fühlte sich immer noch an wie in Watte gepackt. Meine Gedanken flossen zähflüssig wie Honig dahin. Ich grub in meinem Unterbewusstsein nach ihrem Gesicht. Ich war mir sicher, dass ich Augen wie die ihren niemals vergessen könnte.

»Ach nein? Da bin ich anderer Meinung, Nic. Streng dich an und dann wirst du von selbst herausfinden, wer ich bin. Und welche Rolle ich in deinem Leben bisher gespielt habe.« Ihre Stimmlage wurde immer tiefer. Dunkler. Als würde sie an etwas zurückdenken, das schon lange in der Vergangenheit begraben lag. Ihr Blick zuckte zu mir hinüber und ich las einen unausgesprochenen Vorwurf darin.

Habe ich ihr etwa wehgetan? Sie verletzt?

Aber dann muss ich mich doch erst recht an sie erinnern!

Doch mein Kopf war wie leer gefegt. Eine einzige Steppe, in der ich weit und breit keinen Hinweis auf dieses geheimnisvolle Mädchen finden konnte.

»Wer bist du?«, raunte ich. Sofort klärte sich ihr Blick. Der Schatten, der leise Vorwurf war daraus verschwunden.

»Ach Nic. Du warst doch immer so schlau. Ich bin mir sicher, dass du schnell auf des Rätsels Lösung kommen wirst. Schließlich liebst du doch Rätsel.« Ihre Mundwinkel zuckten verräterisch.

Sie spielt mit mir.

Wie eine Katze mit der Maus.

»Hör auf mit diesen kryptischen Aussagen. Kannst du es mir nicht einfach verraten?« Ich hörte eindeutig den Frust aus meiner eigenen Stimme heraus. Mir war gerade nicht nach Rätseln. Nicht, wenn ich meinen Kopf kaum bewegen konnte und denken sich wie ein Kraft­sport anfühlte.

»Wie schade. Früher hast du gerne mit mir gespielt. Und Rätsel gelöst.« Sie ließ sich nun auf die rechte Seite meines Bettes sinken. Seltsamerweise spürte ich davon absolut nichts. Vielmehr wirkte es so, als würde die Matratze in sie hineinragen. Müsste sich nicht eigentlich die Matratze senken? Oder die Laken um sie herum aufbauschen? Ich runzelte kurz die Stirn, sagte jedoch nichts weiter dazu. Vielleicht spielte mein Gehirn mir gerade einen Streich. Immerhin war ich noch ziemlich angeschlagen.

Ich beobachtete die Fremde nachdenklich.

Was hat sie gerade eben noch gesagt? Dass wir damals gemeinsam Rätsel gelöst hätten?

Ich schloss die Augen, weil meine Gedanken zu sehr rasten. Das grelle Licht im Krankenzimmer brannte auf meinen Lidern und versengte meinen Verstand. Ich musste in Ruhe nachdenken und mich konzentrieren.

Ich ging gedanklich immer weiter zurück in die Vergangenheit. Bildfetzen von meiner Schulzeit, meinen ersten Freundschaften und Erfahrungen mit Mitschülern zogen an mir vorbei. Immer weiter und weiter … auf der Suche nach diesem einen bestimmten Augenpaar. Je weiter ich zurückging, desto verschwommener wurden die Bilder vor meinem inneren Auge. Doch ich gab nicht auf. Bis ich sie schließlich sah. Diese Augen. Groß, unschuldig. Sie blickten mir aus dem Gesicht eines Kindes entgegen. Ein Kind, das nicht existieren durfte.

Ich riss meine Augen auf und starrte das Mädchen vor mir fassungslos an. Konnte es tatsächlich sein? Hatte ich sie mir gar nicht eingebildet? War sie tatsächlich dieselbe wie damals? Meine imaginäre Freundin aus Kindheitstagen?

»Lynn«, hauchte ich atemlos.

Sie musste es sein. Das rabenschwarze Haar, die unnatürliche Blässe und dann diese violetten Iriden. Sie war es. Eindeutig. Und sie war eindeutig nicht imaginär. Oder vielleicht doch? Was für einen Schaden hatte der Sauerstoffentzug durch den Rauch in meinem Gehirn hinterlassen?

Ihre Augen begannen zu strahlen, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich sie wiedererkenne. Sie wirkte wie eine Erscheinung. Ein Geist. So etwas konnte man sich doch nicht einbilden, oder?

Plötzlich ergab alles einen Sinn. Warum sich die Laken unter ihrem Gewicht nicht bogen. Und warum die Ärzte sie nach meinem Erwachen nicht bemerkt hatten. Sie konnten sie nicht sehen. Denn Lynn war für jeden unsichtbar, außer für mich.

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich jemals wiedersehe«, gab ich zu. Ich wagte es nicht zu blinzeln. Sie könnte sich jeden Moment wieder in Luft auflösen, das wusste ich nur allzu gut. Imaginär oder nicht, Lynn war gerade die einzige Ablenkung, die ich hatte. Und so dämlich es auch klang, ich war froh darum, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Zum Glück dämmten die Nachwirkungen des Beruhigungsmittels meine Panik ein, die sich bei dem Gedanken daran einstellte, dass ich möglicherweise mit einem Geist sprach.

»Ich auch nicht. Aber ich konnte dich ja wohl kaum in dieser miefigen Studentenbude sterben lassen.« Sie lachte kurz auf und bemerkte erst danach meinen fassungslosen Blick. »Zu früh für ein bisschen Humor? Tut mir leid.«

Sie wirkte kein bisschen zerknirscht. Mir fiel auf, dass sie insgesamt sehr kalt und unnahbar schien. Als könnte sie nicht einmal mein Erwachen aufrütteln. Doch ich sah großzügig darüber hinweg. Der Schock über ihre bloße Anwesenheit saß mir immer noch in den Knochen. Als hätte jemand mich mit einem Eimer kalten Wassers überschüttet.

Ich musste einfach herausfinden, was sie hier wollte. Warum sie wieder aufgetaucht war. Und warum sie überhaupt existierte.

»Was tust du hier, Lynn?«, fragte ich sie direkt, obwohl ich mir im gleichen Augenblick wünschte, ich hätte es nicht getan. Vielleicht wollte ich die Antwort gar nicht hören.

»Ich habe dich gerettet, Dummkopf. Das habe ich dir doch gerade eben schon gesagt.« Ich erinnerte mich zurück an den Moment, in dem ihr Gesicht zwischen den Flammen aufgetaucht war. Als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Im Angesicht meines Todes.

»Und was bist du?« Meine Stimme war so leise, dass selbst ich meine genuschelten Worte kaum verstand. Doch Lynn hatte damit anscheinend keine Probleme. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper.

»Ich bin eine alte Freundin. Und du solltest mir zumindest ein wenig dankbar sein. Immerhin habe ich dich nicht nur vor dem Tod im Feuer bewahrt, sondern dich auch aus dem Koma befreit.« Ihre Umrisse flackerten, beinahe so, als würde sie sich gleich wieder auflösen. Ihre nächsten Worte schien sie mit Bedacht wählen zu wollen, denn obwohl sie mit der Aussprache zögerte, schien sie keine Angst zu haben. Lynn wirkte vollkommen emotionslos. »Obwohl ich das vielleicht nicht hätte tun sollen.«

Ich verstand sie nicht.

Wovon redet sie überhaupt?

Sie hat mich gerettet, vor dem Tod bewahrt, obwohl sie es nicht hätte tun sollen?

Was geht hier eigentlich vor sich?

»Wie meinst du das? Was hättest du nicht tun sollen? Und warum kann ich dich plötzlich wieder sehen?« Ich musste mir eine gewaltige Kopfverletzung zugezogen haben, wenn mir tatsächlich wieder meine imaginäre Freundin aus Kindheitstagen begegnete. Oder ich hatte zu viel Rauch eingeatmet, der jetzt meine Gedanken in einen dicken Dunst hüllte.

Egal was es war, ich konnte es mir einfach nicht ohne Lynns Hilfe erklären.

»Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Du bekommst Besuch. Wir reden später weiter.« Sie schaute hektisch zur Tür, hinter der tatsächlich immer lauter werdende Schritte erklangen. Wie auch schon zuvor, legte sie sich einen Finger auf die angespitzten Lippen, um mir zu zeigen, dass ich schweigen sollte. Ich nickte ihr zögerlich zu, obwohl mir noch mindestens tausend weitere unbeantwortete Fragen auf der Zunge brannten.

Die Tür zu meinem Zimmer öffnete sich, und während ich aus dem Augenwinkel mehrere Gestalten auf mich zustürmen sah, hatte ich bloß Augen für die wunderschöne Frau auf der Bettkante, die mir bekannt und fremd zugleich war.

Sie zwinkerte mir zu, während ihre Konturen unschärfer wurden und sie sich schließlich in schwarze Nebelschlieren auflöste.

Mein Blick verharrte noch lange auf der Stelle, an der sie eben gesessen hatte, sodass ich beinahe nicht bemerkte, wie meine Eltern und meine kleine Schwester Ninny sich an mein Krankenbett drängten. Erst die liebevolle, jedoch vorsichtige Umarmung meiner Mutter riss mich aus meiner Starre.

Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer, als ich sie alle neben meinem Bett versammelt sah. Immerhin hatte ich vor Kurzem noch gedacht, dass ich meine Familie nie mehr wiedersehen würde. In den folgenden Stunden genossen wir einfach die Gegenwart der jeweils anderen. Niemand sprach über das Feuer und die Narben, die es bei uns allen hinterlassen hatte.

Meine Mutter konnte nicht aufhören mich zu berühren und sich auf diese Weise zu vergewissern, dass es mir gut ging. Mein Vater hatte mir nur kurz auf die gesunde Schulter geklopft und gemeint, dass ich genau wie er hart im Nehmen war. Er hatte mich bewundernd angesehen und ich bemerkte eindeutig die Anerkennung in seinem Blick.

Meine Schwester hatte extra die Schule sausen lassen, um mich sehen zu können. Ich schloss sie mehrmals fest in die Arme. Sie hatte sich schließlich ans Fußende meines Bettes gesetzt, dort, wo vor Kurzem noch Lynn gewesen war.

Beim Gedanken an sie überkam mich eine Gänsehaut. Ich musste unbedingt erfahren, warum sie wieder aufgetaucht war. Warum sie in mein Leben zurückgekehrt war.

Befindet sie sich womöglich in diesem Augenblick hier im Zimmer?

Möglichst unauffällig suchte ich die Zimmerecken ab, ebenso wie jeden Schatten, den das grelle Deckenlicht warf. Ich konnte sie nirgends entdecken.

»Wenn du mich finden willst, musst du dich wirklich stärker anstrengen …« Ein sanfter Luftzug strich über mein Ohr hinweg und trug ihre klimpernde Stimme an mich heran. Sie klang wie ein Windspiel, das von einer sanften Brise in Bewegung gebracht wurde. Und ohne es verhindern zu können, schlich sich ein verräterisches Grinsen auf meine Lippen.

Lynn

Ich hatte mich wieder in eine Zimmerecke zurückgezogen und Nic mit seiner Familie allein gelassen. Sie wirkten so glücklich. Vollständig.

Meine menschliche Gestalt hatte ich hinter mir gelassen, um auch für Nic unsichtbar zu werden. Ich war nun nichts weiter als ein Lufthauch für die Welt um mich herum. Eine astrale Erscheinung, die niemand wahrnehmen konnte.

Ich war nicht menschlich und doch spürte ich beim Anblick von Nics Familie ein Rumoren in meinem Inneren. Eine Art Erdbeben, das tief aus meinem Geist herrührte und mein Wesen aufwühlte. Was diese Wandlung hervorrief, konnte ich nicht klar sagen. Einerseits freute ich mich wirklich für meinen Schützling, dass er so glücklich im Beisein seiner Eltern und seiner Schwester war, doch andererseits fühlte ich mich schrecklich … allein.

Natürlich war ich auch in den letzten Jahren beinahe immer allein gewesen, doch nie hatte es mich so sehr beschäftigt wie in diesem Moment. Ich gehörte zu niemandem, außer zu Nic. Niemand außer ihm wusste über mich Bescheid. Niemand kannte mich. Ich war ein Nichts. Unbedeutend.

Wäre Nic in dieser Nacht tatsächlich im Feuer gestorben, dann hätten alle um ihn getrauert. Seine Familie wäre in ihren Grundmauern erschüttert worden, seine Freunde hätten sich niemals verziehen, ihn allein gelassen zu haben, und jeder hätte ihn als Tragödie im Herzen getragen. Sie hätten sich ewig an ihn erinnert.

Aber was war mit mir?

Niemand hätte um mich getrauert oder auch nur einen Gedanken an mich verschwendet. Denn mich gab es in dieser Welt gar nicht. Ich existierte nicht. Keiner von ihnen wusste, dass es mich gab. Während man sich an Nic auch noch Jahre später erinnern würde, wäre ich längst vergessen. Konnte man etwas vermissen, von dem man gar nicht wusste, dass es existierte? Ich denke nicht.

Als hätte Nic meine trüben Gedanken gespürt, suchte er den Raum ab. Ich wusste, dass er nach mir Ausschau hielt. Nach dem kleinen Hinweis, den ich ihm vorhin ins Ohr geflüstert hatte, war er um einiges vorsichtiger geworden. Sobald meine Gedanken abdrifteten, wurde ich unvorsichtig und einige Male meinte ich, dass er mich tatsächlich wahrnehmen konnte, obwohl ich den Schleier der Transparenz über mich gelegt hatte.

Wir Schutzgeister waren eigentlich immer unsichtbar und es bereitete uns auch keine große Mühe, in diesem Zustand zu verweilen, doch seitdem Nic mich in jener Nacht wahrgenommen hatte, fiel es mir unfassbar schwer, ihm gegenüber diesen Schein zu wahren.

Ich wusste, dass noch weitere Geister hier im Raum herumschwirrten, doch ich vermochte nicht, durch ihre Illusionen zu brechen. Da jeder Mensch einen Schutzgeist an seiner Seite hatte, mussten demzufolge auch die Beschützer der Eltern und der Schwester von Nic anwesend sein. Ich konnte sie nicht sehen, ebenso wie sie mich nicht wahrnehmen konnten. Dennoch wussten wir alle, dass wir da waren.

Schutzgeister zeigten sich so gut wie nie. Als Kinder offenbarte man sich oftmals unfreiwillig, aber je älter man wurde, desto besser gelang es einem, die Kontrolle über seine eigenen Fähigkeiten zu behalten. Darunter zählten noch viele andere Dinge, nicht nur das Unsichtbarwerden.

Andere Geister hingegen … tja, die sah man leider oft genug. Meist begegnete man verlorenen Seelen. Verstorbene Menschen, die nicht länger von ihrem Schutzgeist bewacht wurden. Auf die niemand mehr aufpasste und die sich im Jenseits verlaufen hatten. Die meisten von ihnen waren harmlos, man musste ihnen oftmals bloß den richtigen Weg zeigen, um ins Jenseits zu finden. Hier im Krankenhaus trieben sich bestimmt einige von ihnen herum. Bei diesem Gedanken lief mir ein Schauder den Rücken hinab.

Doch diese Geisterbegegnungen waren meist harmlos. Viel schlimmer wurde es, wenn sich etwas Dämonisches oder Bösartiges in der Seele des Verstorbenen festgesetzt hatte und dieses ihn wie ein Anker auf der Erde festhielt. Diese sogenannten bösen Geister waren selten, aber gefährlich. Meist verfolgten sie ein eigenes Ziel und konnten erst erlöst werden, sobald sie dieses erreicht hatten oder das Böse in ihnen getilgt wurde.

Ich schüttelte den Kopf. Über so etwas musste ich mir gerade keine Gedanken machen. Jetzt zählte nur, dass Nic wieder gesund wurde und in sein altes Leben zurückkehren konnte.

Seufzend schaute ich auf und begegnete seinem neugierigen Blick.

Mist!

Ich habe schon wieder den Fokus verloren.

Nic lächelte mich an. Seine ganze Familie war um ihn herum versammelt und ließ ihn nicht aus den Augen, doch er sah mich an. Als würde ich dazugehören. Als sei ich wichtig für ihn. Gerade als ich begann, mich zu entspannen, drang ein Wispern zu mir.

»Du bist eine Schande für uns alle.«

Wer spricht da?

»Und so etwas wie du schimpft sich Schutzgeist …«

Ich verbarg mich vor Nics Blick und sah mich hektisch im Raum um. Die anderen Menschen schienen die seltsamen Stimmen nicht zu hören. Was ging hier vor?

»Du hast deine Aufgabe nicht ernst genommen.«

»Du hast versagt.«

Ich löste meine Form auf und glitt langsam durch den Raum. Irgendeine andere überirdische Macht musste sich hier aufhalten.

»Sprecht ihr mit mir?«, fragte ich zögernd.

»Mit wem sonst?«, erwiderten die Stimmen im Chor.

»Wer seid ihr?«

»Wir sind wie du. Wir beschützen unsere Menschen. Wir sind die Hüter ihrer Seelen.«

Andere Schutzgeister.

Das muss es sein!

Ich konnte sie visuell nicht wahrnehmen, aber sie teilten sich mir dennoch mit und suchten den Kontakt. Allerdings nur, um mir zu offenbaren, dass sie meine Tat verurteilten.

»Wie konntest du nur? Du hast gegen das Weltengesetz verstoßen.« Der Vorwurf grub sich tief in mein Bewusstsein. Sie verabscheuten meine Tat. Dass ich nur Nic hatte helfen wollen, ließen sie dabei völlig außer Acht.

»Was hätte ich denn tun sollen? Ich konnte ihn nicht einfach sterben lassen!«

»Das wäre das Richtige gewesen. Der Tod wird sich holen, was rechtmäßig ihm gehört. Du hast das Schicksal herausgefordert. Und nun musst du dafür bezahlen.« Das Stimmenmeer ebbte ab und ließ mich allein mit meinen Gedanken und Selbstvorwürfen zurück.

Ich habe das Richtige getan. Oder?

Als ich Nic gerettet habe, kam es mir so richtig vor …

Aber wenn selbst die anderen Schutzgeister der Überzeugung sind, dass ich unrechtmäßig gehandelt habe, hat mich vielleicht meine Intuition fehlgeleitet?

Ich versuchte, diese Gedanken von mir fernzuhalten, und baute eine mentale Mauer um mich herum, sodass die wispernden Stimmen der Schutzgeister nicht noch einmal zu mir vordringen würden.

Sobald ich der Überzeugung war, die Kontrolle zurückerlangt zu haben, begegnete ich Nics Blick. Er wirkte besorgt. Vielleicht ahnte er ja, was hier gerade vor sich ging, auch wenn das nahezu unmöglich war.

Plötzlich kam mir jedoch eine Idee: Vielleicht hatte ich Nic gar nicht durch meine Taten verändert, sondern er hatte einfach gelernt hinzusehen.

Oftmals fiel einem eine Sache erst richtig auf, wenn man auf diese hingewiesen wurde. Sei es die negative Eigenschaft eines anderen Menschen, oder dass es verdammt viele rote Autos in einer Stadt gab … oder so etwas in der Art.

Mit einem Mal sah man überall rote Autos, man schien ihnen nicht entkommen zu können, und sie fielen einem erst seit diesem Hinweis richtig auf, obwohl sie schon zuvor die ganze Zeit da gewesen waren.

Genauso musste es Nic gerade gehen. Er sah mich überall, obwohl ich vorher schon immer da gewesen war. Doch nun war er in der Lage, hinter den Schein zu blicken und mich wahrzunehmen. Als hätte er die Maske, die ihn für das Übernatürlichen dieser Welt blind machte, ein für alle Mal abgelegt.

Ich lächelte ihn zögerlich an, während ich innerlich haderte, ob mir diese Wandlung Sorgen machen sollte oder nicht.

Kapitel Drei

Schmerzhafte Erinnerunge

Nic

Ich musste noch einige Wochen im Krankenhaus bleiben, damit die Heilung meiner Brandwunden beobachtet werden konnte. Ich erfuhr von den Ärzten, dass die Verletzung an meinem Unterarm derart tief reichte, dass sie in einer komplizierten Operation die abgestorbene und verbrannte Haut entfernt hatten. Zudem wurde mir ein sogenanntes ›Eigenhauttransplantat‹ auf die Wunde gesetzt. Kurz gesagt: Sie haben mir eine Hautplatte vom Oberschenkel entnommen und auf die Verletzung gelegt, um die Heilung zu beschleunigen. Eklig, ich weiß.

Die Verbrennungen, die über meine rechte Schulter bis auf meinen Brustkorb reichten, wurden hingegen dem zweiten Grad zugeordnet. Die schmerzenden Blasen, die unter den Mullbinden versteckt lagen, mussten mit einer desinfizierenden Salbe behandelt werden. Alle zwölf Stunden wurde der Verband gewechselt, damit sich keine Keime bilden konnten. Und ganz im Ernst: In diesen Momenten wünschte ich mir beinahe die Bewusstlosigkeit zurück.

Lynn wich mir dabei nie von der Seite. Meine Familie konnte nicht jeden Tag vorbeikommen, doch solange überhaupt irgendjemand hier war und sich um mich sorgte, ging es mir gut.

Ich dachte an den Moment zurück, an dem mir zum ersten Mal der Verband gewechselt wurde.

»Bist du bereit?«, fragte die Krankenschwester und am liebsten hätte ich mit »Nein« geantwortet. Stattdessen presste ich die Lippen zusammen und nickte. Ich wollte eigentlich die Augen schließen und mich von dem Anblick abwenden, doch sobald die Schwester die Klemme des Verbands löste, konnte ich den Blick nicht mehr von dem Geschehen loseisen.

Die weißen Mullbinden ließen die rote, verbrannte Haut noch schlimmer wirken. Ich sog scharf die Luft ein. Lynn stand direkt neben mir und warf mir einen schnellen Blick zu, als wolle sie sichergehen, dass ich den Anblick ertrug. Sie hingegen war die Ruhe selbst. Ihre Gefühlskälte beruhigte mich seltsamerweise, denn sie vermittelte mir das Gefühl, dass mein Zustand vielleicht nicht so schlimm war wie zunächst gedacht.

Ich starrte auf die große Wunde und die rote Färbung. Mein Kopf erzeugte sofort das Bild von Feuer, das auf meiner Haut tanzte. Ich verfolgte mit meinem Blick die roten Striemen, welche mir bis auf die Brust hinabreichten und höllisch schmerzten.