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Lokale Publizistik im globalen Dorf Das Internet bietet Printmedien neue Perspektiven. Um auf dem digitalen Markt erfolgreich zu sein, muss sich speziell die lokale Tageszeitung neu erfinden. Norbert Jonscher führt praxisnah in die Besonderheiten des Lokaljournalismus ein. Dabei legt er besonderes Augenmerk auf die Herausforderungen. Daneben beleuchtet er die Geschichte, die Aufgaben sowie die Funktionen und lässt darüber hinaus die Inhalte und das Marketing nicht außer Acht. Auch das Berufsbild „Lokaljournalist:in“ stellt er vor. Kurzum: Ein aufschlussreiches Buch für Studierende des Journalismus sowie für Quereinsteiger:innen in Lokalredaktionen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Norbert Jonscher
Lokaljournalismus im Internetzeitalter
Zur Bedeutung lokaler Kommunikation in einer globalen Medienwelt
UVK Verlag · München
Dr. Norbert Jonscher ist Journalist, Wissenschaftsredakteur und Verfasser journalistischer Lehrwerke.
Umschlagabbildung: © suteishi ∙ iStock
Autorenbild: © privat
DOI: https://doi.org/10.36198/9783838562834
© UVK Verlag 2024— Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
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Internet: www.narr.deeMail: [email protected]
Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung
utb-Nr. 6283
ISBN 978-3-8252-6283-9 (Print)
ISBN 978-3-8463-6283-9 (ePub)
Die neue Veröffentlichung des Autors setzt die Reihe der bisherigen Beiträge zur lokalen Publizistiklokale Publizistik fort; erschienen sind in der Vergangenheit die Lehrbücher „Einführung in die lokale Publizistik“ (1991) und „Lokale Publizistik“ (1995), beide veröffentlicht im Westdeutschen Verlag (Opladen).
Der dritte Band in dieser Reihe („Lokale Publizistik im globalen Dorf“) setzt sich nunmehr mit der Situation des Lokaljournalismus im Internetzeitalter auseinander; der Autor beschäftigt sich u. a. mit Themen wie Onlinejournalismus, E-Paper, Künstliche Intelligenz im Redaktionsalltag, Chancen und Risiken des Roboterjournalismus, fake newsFake News, Qualitätsjournalismus und Redaktionelles Marketing.
Das Internet bietet insbesondere Printmedien neue Perspektiven. Sie müssen sich aber neu „erfinden“, um auf dem digitalen Markt erfolgreich zu sein. Die Tageszeitung steht einmal mehr unter Druck: Junge Leser kommen nicht nach, sie informieren sich im globalen Netz vermehrt aus gratis verfügbaren Quellen. Zeitungsverlage müssen ihr Produkt deshalb aufwerten, um sich zu behaupten. Gefragt sind neue, zeitgemäße Marketingmodelle wie der neue Modeslogan „Qualitätsjournalismus“. Ausführlich setzt sich der Autor damit auseinander; seine langjährige Berufserfahrung als Tageszeitungsredakteur und sein redaktionelles Praxiswissen ermöglichen es ihm, journalistische Themen stets auch aus einer besonderen Insidersicht zu analysieren und zu bewerten. Dem analytischen Teil folgt ein Marketingkapitel; es beinhaltet Ideen, Beispiele und praktische Realisierungsmöglichkeiten für einen neuen, erfolgreichen Lokaljournalismus.
Genderhinweis | Der Autor verzichtet auf verkürzte Formen zur Kennzeichnung mehrgeschlechtlicher Bezeichnungen im Wortinneren und verwendet in der Regel das generische Maskulinum.
Dr. Norbert Jonscher (Jahrgang 1957) hat fundiertes Praxiswissen über die Berichterstattung von Tageszeitungen und hat nach einem Volontariat mehr als drei Jahrzehnte als Zeitungsredakteur bei einer großstädtischen Regionalzeitung gearbeitet. Er kann bei seiner Analyse somit auf redaktionelles Insiderwissen zurückgreifen, um Zeitungsinhalte zu analysieren und Einblicke in die lokaljournalistische Praxis zu gewähren. Bereits in seiner Doktorarbeit hatte sich Jonscher mit dem Thema Inhalte und Defizite der lokalen Berichterstattung von Tageszeitungen (1989) beschäftigt. In der Vergangenheit erschienen im Westdeutschen Verlag (Opladen) bereits zwei Bücher des Autors: das Lehrbuch Lokale Publizistik (1995) und der Band Einführung in der lokalen Publizistik (1991).
Der Autor studierte von 1982 bis 1988 an der Georg-August-Universität in Göttingen Rechtswissenschaft und Sozialwissenschaft.
„Die Zukunft der Zeitung liegt im Lokalen“ hieß in den späten 1960er Jahren, als nicht nur Zeitungsverlegern klar wurde: Die Tageszeitung hat ihr jahrhundertelanges Nachrichtenmonopol unwiederbringlich verloren. Wie heute das Internet drängten neue Medien, Radio und Fernsehen, spätestens in der Zeit des ausgehenden „Wirtschaftswunders“ die Blätter in eine neue Rolle; das Fernsehen avancierte mit seinen immer umfangreicheren Programmen zum neuen Universalmedium; es lieferte, nahezu in Echtzeit, gegen eine noch geringe jährliche Gebühr Schlagzeilen aus aller Welt ins Wohnzimmer. Während Zeitungen damit meist erst einen Tag später heraus kamen. Sie kämpften zudem mit immer höheren Personal- und Druckkosten.
Eine ungeahnte Pressekonzentration grassierte, lichtete seit Mitte der 1950er Jahre die Reihen im Blätterwald. Rund 20 Jahre lang sollte sie wüten. Zeitungsverleger waren alarmiert. Es wurde nachgerechnet – und nachgedacht. Heraus kam eine Idee, ein Masterplan: Das Lokale, bis dato eher stiefmütterlich behandelt, sollte nun plötzlich die Verlage retten. Ihm sollte die „Zukunft“ gehören, hatte sich doch herausgestellt, dass Leser sich mehr noch als für fernes Weltgeschehen für Neues aus ihrer Nahwelt interessierten. Die Erkenntnis war schon damals nicht neu: Findige Zeitungsverleger der General-Anzeiger-Presse hatten bereits fast ein Jahrhundert zuvor eine auf Lesernähe und Unterhaltung konzentrierte Marketingstrategie erfolgreich praktiziert; sie besaßen sozusagen das „Copyright“. Aber wie sollte die Transformation der Zeitungsinhalte funktionieren? Die sich bislang weltmännisch gerierende Tageszeitung nun plötzlich als lokaler Nahversorger?
Es herrschte Aufbruchsstimmung in der unter Druck geratenen Tagespresse. Eine „lokale Wende“ wurde propagiert, um die Zukunft zu sichern; sie sollte für einen nachhaltigen und bis dahin beispiellosen Umbruch im deutschen Zeitungswesen stehen. Tageszeitungen sollten sich neu „erfinden“, um zu überleben, Blatthierarchien sollten gekippt werden. Die Lokalzeitung war ausgemacht als „Organ einer neuen Presseepoche“ (1969). Ihre Inhalte, „reparaturbedürftig“ (Günter Kieslich 1970) wie sie waren, sollten reformiert, von „alten Zöpfen“ befreit werden, von vertrauten Berichterstattungsmustern, die nach 1949, als die alliierte Pressepolitik endete, wie aus dem Nichts in den Lokalteilen wieder auflebten, als vermeintliche Erfolgsmodelle, die jedoch letztlich keinen Erfolg brachten. Viele alte Heimatzeitungen „floppten“; die Zeiten hatten sich geändert. Man erkannte: Zeitungen müssen mit der Zeit gehen, sonst gehen sie mit der Zeit. Eine moderne Lokalredaktion, meinte man nun, sollte sich stringent vom „Mief des Provinziellen“ lösen.
Jahrzehnte später, im Siliziumzeitalter der Highspeed-Medien, stehen Zeitungen vor ähnlichen Herausforderungen. Wieder sind schlaue Marketingstrategien gefragt, müssen Zeitungen neue Wege gehen, um Leser zu finden: mit lokalen Exklusivinformationen in ihren E-Papers, den Onlineablegern ihrer Printausgaben. Das Lokale hat auch hier seinen Platz verteidigt: Im datenüberfluteten Internetzeitalter sind lokale Nachrichten für Menschen, die nach Orientierung suchen, wertvoller denn je.
Das ist heute nicht anders. Ist es heute das Internet, das Gratisinformationen in ungeahnter Menge ausspuckt und so die Presse zur Neupositionierung zwingt, waren es seinerzeit Radio und Fernsehen, die den Zeitungen das Informationsmonopol streitig machten.
Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seither vergangen. Was ist aus den damaligen Bekundungen geworden? Ist die „Zukunft“ Gegenwart geworden? Vordergründig gesehen, präsentieren sich Lokalzeitungen heute tatsächlich lokaler denn je. Lokale „Bildfenster“, lokale Spitzenmeldungen und sogar gelegentlich lokale Blattaufmacher auf den Titelseiten – der ganz große lokale „Wumms“ ist zumeist aber ausgeblieben. In der Blatthierarchie verdrängen die klassischen Ressorts wie Politik, Rund um die Welt, Regionales, Wirtschaft, Feuilleton und sogar der Sport das Lokale weiterhin auf die hinteren Seiten.
Und die Lokalteile? Ihnen werden immer noch Defizite attestiert: teils „uralte“ Leiden, weil Redaktionen an vermeintlich bewährten Rezepten und Nachrichtenmustern festhalten. Gerügt wird
die Darstellung einer realitätsverzerrten heilen Welt im Lokalen: eine Inkongruenz zwischen Lebenswirklichkeit und Zeitungsrealität,
ein vordergründiger Veranstaltungsjournalismus mit starkem Ereignisbezug,
das Fehlen von Hintergrundinformationen,
eine allgemeine Kritikscheu („Beißhemmung“) gegenüber einflussreichen Gruppen (Parteien, Vereine).
Die Zeitung steht einmal mehr unter Druck. Junge Leser kommen nicht nach, sie informieren sich aus anderen Quellen: in sozialen Netzwerken, die von Gratisinformationen überschwemmt, Zeitungsverlage in Rechtfertigungssituation bringen. Sie müssen darlegen, warum sie für ihre Onlineprodukte an der Bezahlschranke eine „Maut“ kassieren. Das Lokale ist dabei auch künftig ein „Joker“: Redaktionen müssen dazu jedoch nachhaltig qualitativ hochwertige Profi-Informationen zu generieren, die belastbar sind und Menschen das bieten, was sie in einem verwirrenden Informationsdschungel benötigen: lokale Orientierung.
Das vorliegende Lehrbuch basiert als aktualisiertes, neu überarbeitetes Update auf älteren Veröffentlichungen des Autors zur lokalen Publizistik („Inhalte und Defizite des lokalen Teils in der deutschen Tagespresse“ 1989, „Lokale Publizistik“, 1995, sowie „Einführung in die lokale Publizistik“, 1991) und die aktuellen Herausforderungen des Lokaljournalismus in einer zwischenzeitlich globalisierten Medienwelt: im neuen Internetzeitalter.
Braunschweig, im Juli 2024
Norbert Jonscher
Dorsch, Petra E.: Lokalkommunikation. In: Publizistik 1978, S. 189–201
Dovifat, Emil & Jürgen Wilke: Zeitungslehre I+II. Berlin u. a. 1976
Haller, Michael: Lokale Kommunikation. In Günther Bentele u. a. (Hrsg.), Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft. Opladen 2003, S. 576–589
Herrmann, Carolin: Im Dienste der örtlichen Lebenswelt. Lokale Presse im ländlichen Raum. Opladen 1993
Jonscher, Norbert: Einführung in die lokale Publizistik. Opladen 1991
Jonscher, Norbert: Lokale Publizistik. Opladen 1995
Kieslich, Günter: Lokale Kommunikation. Ihr Stellenwert im Zeitgespräch der Gesellschaft. In: Publizistik 1972, S. 95–101
Kretschmar, Sonja u.a.: Lokaljournalismus. Wiesbaden 2009
Kretzschmar, Sonja u.a.: Lokaljournalismus Kompaktwissen Journalismus, Wiesbaden, 2009
Langenbucher, Wolfgfang R. (Hrsg.): Lokalkommunikation.München 1980
Möhring, Wiebke: Das Alltägliche vor Ort. Die Bedeutung des Lokaljournalismus in der digitalen Medienwelt. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung 1/2019, S. 57–64
Möhring, Wiebke: Lokaljournalismus im Fokus der Wissenschaft. Zum Forschungsstand Lokaljournalismus. Düsseldorf 2015
Peucer, Tobias: De Relationibus Novellis. Diss. Leipzig 1690
Pöttker, Horst & Anke Vehmeier (Hrsg.): Das verkannte Ressort. Probleme und Perspektiven des Lokaljournalismus, Wiesbaden 2013
Saxer, Ulrich: Lokale Kommunikation. In: Media Perspektiven 1978, S. 367–379
Schwarzkopf, Joachim von: Ueber Zeitungen. Ein Beytrag zur Staatswissenschaft. Frankfurt/Main 1795
Stieler, Kaspar David von: Zeitungs Lust und Nutz. Oder: derer so genanten Novellen oder Zeitungen / wirckende Ergetzlichkeit / Anmut / Notwendigkeit und Frommen. Hamburg 1695
Weise, Christian: Schediasma curiosum de Lectione Novellarum (Interessanter Abriss über das Lesen von Zeitungen). Weißenfels 1676
Welker, Martin & Ernst, Daniel: Lokales. Basiswissen für die Medienpraxis. Köln 2012
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MP | Media Perspektiven (Zeitschrift)
NJW | Neue Juristische Wochenschrift (Zeitschrift)
Nr. | Nummer
NRW | Nordrhein-Westfalen
o.a. | oben angeführt
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PE | Publizistische Einheit
PR | Public Relations
PU | Publizistik (Zeitschrift)
S. | Seite (n)
RuF | Rundfunk und Fernsehen (Zeitschrift)
u.a. | und andere, unter anderem
usw. | und so weiter
VDZ | Verein Deutscher Zeitungsverleger
vH | von Hundert
ZAW | Zentralausschuss für Werbewirtschaft
ZMG | Zeitungsmarktforschung Gesellschaft der deutschen Zeitungen mbH (Frankfurt/Main)
z.T. | zum Teil
ZV | Zeitungsverlag (Zeitschrift)
ZV+ZV | Zeitungs-Verl. u. Zeitschriften-Verlag (Zeitschrift für Medien und Werbung, 1963–1985)
Übersicht
Die rasante Entwicklung in der Computertechnologie hat mit einem urknallartigen Ereignis, dem Start des Internets, eine noch vor Jahrzehnten unvorstellbare Vermehrung der weltweiten Daten- und Informationsmengen losgetreten – und rund um den Globus Milliarden Internetnutzer miteinander verknüpft, die rund um die Uhr in Echtzeit miteinander kommunizieren. Im weltweiten Datennetz unterwegs, wird der Zeitungsleser zum datensammelnden „User“; in seinem Gehirn häuft er eine Fülle von frei kursierenden Informationen an, die er letztlich aber nicht ansatzweise zu verarbeiten vermag. Seine vor Jahrtausenden angelegte Hirnkapazität stößt an biochemische Grenzen. Auf sich gestellt, ist der User bereits überfordert, all die Informationen aufzunehmen, die ihm täglich zugespielt werden; und er ist schon gar nicht in der Lage, sie adäquat zu verarbeiten, das heißt, die für ihn jeweils relevanten herauszufiltern. Er benötigt professionelle Hilfe.
Die neuen Lokalmedien könnten ihm dienlich sein, doch auch sie sind damit überfordert, Usern die „neue Welt“ zu erklären. Es ist auch nicht ihr Anspruch; sie haben zumeist andere, speziellere Intentionen, um sich am Medienmarkt zu behaupten, und fühlen sich teils semiprofessionellen Journalismusstandards verpflichtet. Der lokalen Tageszeitung kommt hier eine besondere Bedeutung zu; ihr obliegt eine „öffentliche Aufgabe“ und sie hat als Print- und Onlineunternehmen für Information und soziale Orientierung zu sorgen, trotz sinkender Reichweiten.
Der weltweit interaktive Homo sapiens sprengt alle Rekorde. Praktisch im Sekundentakt produziert er – täglich stundenlang in E-Mail-Verkehren, in Chat-Foren und in sozialen Netzwerken unterwegs – schier unvorstellbare Daten- und Informationsmengen, die auf Hochgeschwindigkeitsdatenbahnen rund um den Globus sausen und jederzeit – fast überall auf der Welt – abrufbar sind (→ Abb. 1.1.). Das InternetInternet (Kurzform für: interconnected networksinterconnected networks Rechnernetzwerken, ermöglicht es. Es sprengt alle bisherigen Maßstäbe der Kommunikation und läutete eine völlig neue kommunikative Epoche ein. Im Jahre 1969 vom amerikanischen Verteidigungsministerial Computernetz mit dem Namen Arpanet entwickelt, das vier Computer miteinander verband, revolutionierte das Netz seit den 1990er Jahren die weltweite Kommunikation. Die kulturelle Bedeutung dieser Entwicklung wird mit der Erfindung des Buchdrucks gleichgesetzt.
Das Internet hat sich in nur wenigen Jahren zu einem globalen, aber auch zu einem „lokalen“ Universalmedium entwickelt, das Auskünfte gibt über Notärzte, Apothekendienste, Müllabfuhrtermine oder auch Bürgersprechstunden, Ladenöffnungszeiten und vieles mehr. Behörden, Firmen, Politiker, Organisationen haben die Möglichkeit, auf ihren WebsitesWebsite über sich und ihre Tätigkeit zu informieren. Sie sind dazu nicht mehr auf PrintmedienPrintmedien angewiesen.
Dabei ist das Netz eine Anomalie; es wurde nicht „erfunden“, sondern hat sich zu dem herausgebildet, was es heute ist: ein weltumspannendes Computernetzwerk, das Dienste wie E-MailE-Mail, Chat, World Wide Web (WWW) oder Internettelefonie bereitstellt; es hat die Kommunikation auf ein neues Level gehoben, auch die lokale Kommunikationlokale Kommunikation, wenngleich die allermeisten Informationen im Netz nur indirekt lokalen Bezug haben.
In den 1960er Jahren in den USA als militärisches Projekt gestartet, gelang es dem Internet seit seiner „Freigabe“ für den privaten Sektor im Jahr 1990 in nur wenigen Jahren, zum Universalmedium aufzusteigen.
Hintergrund | Internetidee in Science-Fiction-Story (1946)
Die früheste Vision einer weltweiten Computervernetzung findet sich in einer Kurzgeschichte des Science-Fiction-Autors Murray Leinster (1896–1975); er beschrieb in seiner Story A Logic Named Joe (1946) einen Personal Computer (genannt „Logic“), der mit anderen „Logics“ über eine Art Internet kommuniziert. Der Autor stellte sich „Logics“ in jedem Haus vor, die durch ein System von Servern (sogenannte „Tanks") miteinander verbunden sind, um Kommunikation, Unterhaltung, Datenzugriff und Handel zu ermöglichen (Georg Ruppelt, Hrsg.: Der große summende Gott. Geschichten von Denkmaschinen, Computern und Künstlicher Intelligenz. Hameln 2003).
Die Geschichte des Internets lässt sich grob in drei Phasen einteilen.
Die erste Phase, die Frühphase, setzte ab Mitte der 1960er Jahre ein; US-Nachrichtenexperten legten die Grundlagen der heutigen Technik und Anwendungen des Internets. Als Geburtsstunde gilt das Jahr 1957, als die Sowjetunion einen ersten Satelliten (Sputnik 1) ins All schickte. Die damalige US-Regierung entwickelte daraufhin zum Schutz gegen etwaige russische Satellitenangriffe aus dem All ein optimiertes, dezentrales Nachrichtensystem, das ArpanetArpanet (Advanced Research Projects Agency Network). Die Rechner wurden aus Sicherheitsgründen an unterschiedlichen Standorten aufgestellt. Das Arpanet wurde 1969 der Öffentlichkeit vorgestellt. Zu der Zeit waren erst vier Rechner innerhalb der USA vernetzt (Schmitt 2016).
In den 1970er Jahren folgte die zweite Phase der Internetgeschichte; an den Universitäten wurde das Arpanet weiterentwickelt. 1974 tauchte der Begriff „Internet“ erstmals auf: in einem Netzwerkprotokolls namens TCP, das definiert, auf welche Art und Weise Daten zwischen Netzwerkkomponenten ausgetauscht werden (Röhr 2021).
Die kommerzielle Phase des Internets begann 1990; in diesem Jahr beschloss die National Science Foundation, das Internet auch für private Zwecke nutzbar zu machen. Das Arpanet wurde abgeschaltet. Bereits Ende der 1980er Jahre hatte sich das World Wide Web (WWW) etabliert; es schuf die technischen Voraussetzungen für eine private Nutzung des Netzes. Von nun an konnte jeder das Internet nutzen; es fand schnell Zuspruch.
Das Internet machte Karriere. Nutzung und Datenaustausch nahmen in den 1990er Jahren Fahrt auf.
Im Jahr 1993 ging der erste massentaugliche Internetbrowser (Mosaic) an den Start, kurz darauf folgte der Netscape Navigator.
1994 gab es die ersten Suchmaschinen (Lycos, Yahoo); 1995 nahmen Alta Vista und 1998 Google den Betrieb auf.
Das Netz wurde immer populärer; die Anzahl der Domains stieg rasant an. Einige der heute erfolgreichsten Webseiten, wie Amazon und Wikipedia, starten in dieser Phase ihre Internetpräsenz.
Mitte der 1990er Jahre startete das Onlineshopping in eine neue Phase. Auch Bankgeschäfte waren jetzt online möglich. Das Internet boomte, auch ohne Werbung. Kultstatus erreichte in Deutschland die AOL-Werbung mit Boris Becker im Jahr 1999 („Ich bin drin“). Der Nutzen des Internets wurde immer evidenter; Menschen konnten nun plötzlich unbegrenzt kommunizieren.
Seit 2004 kamen nach und nach die sozialen Netzwerke hinzu: Plattformen wie FacebookFacebook (2004), YouTubeYouTube (2005) oder TwitterTwitter (2006; seit 2023 XX) und WhatsAppWhatsApp (2009). Sie ermöglichten das Chatten: den Austausch von Kurzinformationen.
Im Jahr 2001 ging die Rhein-Zeitung als erste Tageszeitung mit täglicher E-Paper-Ausgabe an den Start.
Studien zeigen, dass vor allem jüngere Menschen täglich bis zu 280 Minuten online sind (Quelle: Statista 11/2023); sie nutzen das Netz hauptsächlich, um Musik und Filme abzuspielen bzw. herunterzuladen, E-Mails zu verschicken oder Produkte und Dienstleistungen zu googelngoogeln. Eine repräsentative Befragung von Internetnutzern aus dem Jahr 2019 zeigt, wie vielfältig das Nutzungsmuster des Internets ist (Quelle: Eurostat 5/2019).
So wird das Internet genutzt
(Ergebnisse einer EU-Studie aus dem Jahr 2019)
%
Senden bzw. Empfangen von E-Mails
86
Produktsuche & Onlinekauf
79
Herunterladen von Spielen, Musik, Filmen, Videos
94
Lektüre von Onlinenachrichten und Zeitungen
69
Nutzen von sozialen Netzwerken
88
Internetbanking
51
eigene Inhalte hochladen
58
Arbeitssuche
30
Das Internet wird von jungen Menschen in erster Linie zum Herunterladen von Musik, Filmen und Spielen genutzt. Wichtig ist auch der E-Mail-Verkehr. | [2]
Das InternetInternet hat den Globus nahezu komplett digitalisiert; die Erdkugel, weltumspannend verdrahtet, ist algorithmisch eingeebnet zu einem digitalen „Spielfeld“ für interaktive User. Schätzungen zufolge gab es im Jahr 2023 weltweit rund 5,4 Mrd. Internetnutzer; in Deutschland waren weit mehr als 80 Prozent alle Haushalte via PC, Laptop oder Smartphone online. Die menschliche Neugier öffnete die Tür zur binären Welt, zum Onlinemarktplatz der Waren und Informationen. Informationen sind die Rohstoffe in der neuen Informationsgesellschaft; es gilt, sie nutzbringend anzuhäufen.
Doch es gibt auch zahlreiche Internetverweigerer; sie fürchten um ihre Daten, denn im Netz sind auch zwielichtige Akteure unterwegs, die User ausspähen. Laut Statistischem Bundesamt (2022) waren im Jahr 2021 in Deutschland rund 3,8 Mio. Menschen (= 6 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 16 und 74 Jahren) sogenannte Offliner – sie hatten noch nie das Internet genutzt. Am größten war der Anteil in der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen: Hier gab es rund 21 Prozent „Offliner“. Dazu befragt geben die „Offliner“ dafür unterschiedliche Gründe an.
Der technikfeindliche Typus ist generell skeptisch gegenüber Neuerungen und hegt eine spezielle Aversion gegen Computer: Er hält an Analogtechniken fest, zahlt weiterhin mit Bargeld und liest die Printausgabe von TageszeitungenTageszeitung. Persönliche Kontakte vermitteln ihm das Gefühl von Halt und Sicherheit in einer als bedrohlich empfundenen Umwelt.
Der Homo lokalis ist ein ähnlicher Offlinetypus; er agiert in analogen Nahwelten und meidet das Internet. Er verdient in der Region sein Geld, gibt es dort aus, lebt in Vereinen und Nachbarschaften. Wenn er sich unterhalten will, geht er in eine Kneipe. Seine Lebensweise ist geprägt von einem Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung. Die allgemeine Digitalisierung verunsichert ihn; er steht vor einem Internet-PC „wie der Zauberlehrling vor dem Besen“ (Eduard Kaeser 2017).
Das Internet überflutet mit einer Vielzahl an Informationen und Eindrücken, die in ihrer Gesamtheit nicht sofort zu verarbeiten sind. Der Überschuss versickert unweigerlich ins Unterbewusstsein (Steinbuch 1978, S. 99), in den unzugänglichen Teil des Hirns, in dem Informationen der 2.Kategorie, die sich nicht sofort im Gedächtnis verhaken, um „Parkplätze“ kämpfen. Dabei sind unter ihnen auch viele wichtige, zur Lebensorientierung notwendige Informationen. Paradoxerweise können gerade sie, die weniger spektakulären Neuigkeiten, leicht von sensationellen, faszinierenden Neuigkeiten verdrängt werden: Steinbuch (1978) spricht von „kurzlebigem Unsinn“, der das menschliche Unterbewusstsein regelrecht „verschmutze“ und Menschen desorientiere.
Überfüttert mit Wissen, nimmt der User in der schönen neuen Medienwelt allmählich eine allgemeine Unzufriedenheit wahr; over-newsed, but under-informed (Aldous HuxleyHuxley, Aldous) weiß er zwar bestens über internationale Konflikte Bescheid, über Börsenkurse und Klimakatastrophen in aller Welt, doch ihm fehlen die „kleinen“, weniger sensationellen Informationen „rund um den eigenen Kirchturm“ und der eigenen Lebenswelt. Schließlich lebt ein User als Mensch auch im Offlinemodus. Suchmaschinen können ihm dabei nicht helfen; nicht alle Informationen und Antworten kann man googelngoogeln. Die eigene Lebenswelt ist zu speziell, als dass das Internet passende Einträge dazu parat hätte. Der User muss sich lokalen Inhalten auf anderen Wegen zuwenden. Er findet sie in den lokalen Medien.
Die Fahrt im internationalen Sektor der Highspeed-Datenautobahn endet hier; der Internetnutzer geht zurück auf Start: Ihn zieht es zurück in die persönliche Nahwelt, in seine vertraute Umgebung, in der er nach Antworten sucht; die lokale Publizistiklokale Publizistik ist ihm dabei behilflich. Geleitet wird der Online-User von verschiedenen Bedürfnissen. Er sucht
soziale Orientierungsoziale Orientierung,
persönliche Identität,
gesellschaftliche Integration,
emotionale Geborgenheit.
Dem entsprechen Daten zum Mediennutzungsverhalten, die seit Jahren eine altersunabhängige Präferenz gerade für die – unmittelbar tangierenden – Lokalnachrichten dokumentieren. Der LokalteilLokalteil der Tageszeitungen wird regelmäßig von mehr als 80 Prozent der Käufer gelesen. Der herausragende Stellenwert von lokalen Informationen, das Interesse an Vorgängen und Ereignissen in der unmittelbaren Umgebung, ist aber auch andere Studien gut belegt.
Im Rahmen einer bundesweiten Repräsentativerhebung aus dem Jahr 2006 gab fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) an
sich „sehr“ für Ereignisse aus dem eigenen Wohnort zu interessieren;
auch die nähere Umgebung war für 35 Prozent „sehr interessant“;
von geringerer Relevanz hingegen waren Ereignisse und Vorgänge auf Länderebene und
noch geringer die auf nationaler oder internationaler Ebene (Ergebnisse in: Media Perspektiven 12/2006, S. 630–638).
Ohne Identität fehlt dem Menschen die Prägung; sie erst macht ihn identifizierbar in der Masse. Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Menschen sind permanent auf der Suche nach sich selbst, um sich sozial zu verorten; rein äußerliche Faktoren (Konsum von Markenprodukten wie Kleidung oder Zigaretten, Fahren einer Automarke, Mitgliedschaft in Parteien, Vereinen, Fanclubs) können ihm bei der Konstruktion einer eigenen Identität helfen, aber doch nur vordergründig; denn sie sind beliebig austauschbar – anders als Herkunft und Lokalität. Letztere sind fest verankert im menschlichen Wesenskern und daher in hohem Maße identitätsstiftend; sie lassen sich nicht überscheiben wie eine Fahrgestellnummer im Auto. Zusammen mit Name, Aussehen, Alter, Charakter machen sie den Menschen unverwechselbar.
Im InternetInternet gibt es solche Identitäten nicht. Die WebsiteWebsite wird hier zur „Heimat“, die IP-AdresseIP-Adresse des Computers zum „Wohnort“; sie zeigt aber nur den Standort eines Gerätes an, ist für User insofern nicht identitätsstiftend wie ein Ortsname in der analogen Welt, der sich nicht digital „ersetzen“ lässt. Ortsnamen verblassen im globalen „Dorf“, in dem allenfalls Kontinente noch sicher zugeordnet werden können, Städte- und Ländernamen ihre Aussagekraft aber verlieren. Um seine „analoge“ Identität zu wahren, benötigt der Mensch deshalb relevante Informationen aus seiner Nahwelt; das Lokale wird für ihn zur „informationellen Notwendigkeit“ (Steinbuch 1986).
Die Hinwendung des Interesses auf den Nahbereich hat nicht nur informationelle Gründe; sie entspringt auch einem Grundbedürfnis nach TerritorialitätTerritorialität: nach einem heimatlichen Raum, einem Mittelpunkt innerhalb einer überschaubaren Lebenswelt, die eine territoriale Abgrenzung gegenüber fremden Interessen ermöglicht; sie dient der Herausbildung und permanenten Bestätigung der individuellen IdentitätIdentität (Jonscher 1995, S. 22).
Greverus (1972, S. 53) spricht von einem „territorialen Imperativ“ des Menschen, der anthropologisch im Wesen verankert sei. Als biologische Art sei der Mensch trotz aller Mobilitätsinteressen in seinem Verhalten letztlich raumabhängig: Er vermag es nicht, sich von seiner Scholle zu lösen, die ihm und seiner Familie einen sicheren Rückzugsort bietet. Nicht anders als das Tier sei auch er „in seiner ureigensten Wesenhaftigkeit“ nicht für das Leben in größeren Gesellschaften (Staaten) geschaffen, sondern für kleine Sozietäten wie Familie, Gruppen, Dörfer.
Das „globale Dorfglobales Dorf“ ist als Lebenswelt für den Menschen, so gesehen, im Prinzip auf Dauer ungeeignet. Er kann in diesem „Dorf“ nicht wirklich leben, nicht heimisch werden, weil es seine emotionalen Bedürfnisseemotionale Bedürfnisse nach Sicherheit und Geborgenheit nicht zu befriedigen vermag. Auch im 21. Jahrhundert kommt der Mensch noch immer nicht als Weltbürger zur Welt und er wird in der Spanne seines Lebens auch nicht zu einem global denkenden Weltbürger (Kaeser 2017). Eher das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Menschen zusammenleben, desto mehr wächst das Bedürfnis zur Separation: Denn die Masse ist kein geeigneter Lebensort für den Menschen. Dieser psychologische Mechanismus macht auf Dauer selbst langjährige Staatengemeinschaften instabil; der Trend geht zur identitätsstiftenden Nationalstaatlichkeit. Das erkannte schon Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfried (1744–1803): Der Mensch sei „von Natur“ kein Weltbürger, behauptete er, er sei ein lokales Wesen, der heimische Provinz und Kultur benötige. Lokale Medien sind solche Kulturgüter.
Meinung | Gesetz der Fremde
Bausinger (1961) spricht von einem „Gesetz der FremdeGesetz der Fremde“, das im Alltag, der mit fremdartigen Einflüssen konfrontierten Menschen, häufig zu beobachten sei und eine Rückbesinnung auf Bekanntes aus dem eigenen Lebenskreis, die eigene Volkskultur, evoziere beispielsweise in der populären Musik. Dieses „Gesetz der Fremde“ habe seinerzeit, im 17. Jahrhundert, folgerichtig auch zur Entstehung der ersten Lokalzeitungen geführt: Erst nachdem die Zeitungen das Neueste aus aller Welt umfassend vermittelt, sich so das „FremdeFremde“ in den Köpfen der Menschen festgesetzt hatte, sei ein stärkeres Bedürfnis nach Informationen auch aus dem mittlerweile komplexer gewordenen Nahbereich erwacht (Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt. 1961, S. 88).
Auch in politischer Hinsicht hat der lokale Nahraum eine besondere Relevanz. Der Verfassungsgrundsatz, dass alle Staatsgewalt vom Volke auszugehen hat (Artikel 20 Grundgesetz), gilt auch für Gemeinden, den kommunalen Gebietskörperschaften auf unterer Staatsebene, die über eigene Angelegenheiten selbst entscheiden (BVerfG, Beschluss vom 23.11. 1988); viele halten die Gemeinden sogar für eine „Keimzelle der Demokratie“. „Sie sind die Grundlage des demokratischen Staatsaufbaus“, heißt es in den Gemeindeordnungen der Bundesländer. Durch die Europäische Charta der kommunalen Selbstverwaltung vom 15.10.1985 wird kommunalen Gebietskörperschaften das Recht auf Selbstverwaltung zuerkannt.
Hintergrund | DemokratieDemokratie in der Gemeinde
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831). | [3]
Bereits Aristoteles (388–322 v. Chr.), der sich staatsphilosophisch als erster mit der Gemeinde beschäftigte, war davon ausgegangen, dass der Bürger nur dann in der Lage ist, am politischen Geschehen teilzunehmen, wenn die Zusammenhänge überschaubar bleiben. Die Polis, der antike Stadtstaat, soll deshalb nach Aristotles maximal aus mehreren Dörfern bestehen und müsse von der Bevölkerungsgröße so sein, dass sie überschaubar bleibt (Pol. I 1, 1252a1–7). Nahezu ähnliche Gedankengänge finden sich bei RousseauRousseau, Jean-Jacques (1712–1778). Die Demokratie, meint er, sei am ehesten praktizierbar in kleinen politischen Einheiten (Contract Social, 1762).
Während HegelHegel, Georg Wilhelm Friedrich (1770–1831) behauptet, in einem größeren Staat könne sich die demokratische Verfassung nicht halten. Individuen hätten das Recht, ihr Vermögen selbst zu verwalten. Der Einzelne finde in seiner Gemeinde den Staat, in welchem er mitregieren könne (Hegel 1983, S. 168). Er habe hier, in einer vollkommenen Demokratie, teil an allen Regierungs- und Verwaltungsrechten.
Im Medienzeitalter der weltübergreifenden Interaktion nimmt die lokale Kommunikation nur scheinbar eine untergeordnete Stellung ein. In Wahrheit haben viele Informationen letztlich mehr oder weniger stark ausgeprägten LokalbezugLokalbezug: Politische Entscheidungen – ob auf internationaler, nationaler oder regionaler Ebene – erzeugen konkret erlebbare Auswirkungen meist erst auf lokaler Ebene und sie generieren damit „lokale“ Themen für die dort lebenden Menschen
Meinung | Vor Ort erlebte PolitikPolitik
„Alles, was wir erleben, erleben wir nicht im luftleeren Raum, sondern am konkreten Ort, wir erleben es lokal. Der Informationsanspruch der Bürger vor Ort ist in dieser Logik umfassend. Ob es um Themenfelder geht wie Umweltschutz, Energieversorgung, Sozialpolitik, Arbeitsmarkt, Verkehrsplanung, Industrieansiedlung – in den politischen Zentren in Bonn, Brüssel und auch in der Landeshauptstadt werden zwar die Entscheidungen getroffen, sie holen den Bürger aber ein, wo er lebt, verändern die Rahmenbedingungen für sein Leben, machen ihm positiv oder negativ zu schaffen“ (Dieter Golombek: Messlatten für das Lokale. In: Redaktion ’94. Bonn 1993, S. 29–36, 29).
Gespräch unter Bauern im 16. Jahrhundert dargestellt auf einem Holzschnitt von Christoph Armberger (ca. 1500–1562) von 1526. | [4]
Schon Anfang der 1970er Jahre war der Wandel des ursprünglich eng gefassten Begriffes des Lokalen hin zu einer „moderneren“ Definition deutlich geworden: Endeten das Lokale und die lokale Kommunikation noch weit bis ins 19. Jahrhundert hinein „in der Regel an der Stadtmauer oder auf der Dorfstraße“, so werde das Lokale in hochindustrialisierten Gesellschaften „nie an einem Ortsschild aufhören“, hieß es nun plötzlich (Kieslich 1972, S. 96).
Die Grenzen des regionalen bzw. lokalen Raums sind dabei stets fließend. Historisch wurden die menschlichen Lebensräume durch die Entwicklung der Verkehrsmittel und der Nachrichtenmedien erweitert und damit neu definiert. In Zeiten globaler Abhängigkeiten beeinflussen auch weit entfernte Ereignisse und Veränderungsprozesse regionale Lebensbedingungen (Oehmichen u. a. 2011).
Das unmittelbare Zusammenleben in einer örtlichen Gemeinschaft, der historischen „Keimzelle des modernen Staates“ (Hugo Preuss) und eine ihrer gesellschaftlichen Grundformen, setzt voraus, dass durch dem Austausch von Informationen und Meinungen jederzeit eine Verständigung über Angelegenheiten von übergeordneter, allgemeiner Bedeutung möglich ist. Klatsch beim Einkaufen oder beim Friseur, Tratsch über den Gartenzaun hinweg, Dispute an Stammtischen: Herkömmliche Klischees prägten lange die Vorstellungen von einer intakten lokalen KommunikationKommunikation, interpersonale. Gemeinden galten prinzipiell als „überschaubar“, Informationen über politische Entscheidungen, so meinte man, würden vor allem „durch originäre Formen der Alltagskommunikation in Nachbarschaft, Vereinen und am Arbeitsplatz hinreichend vermittelt“ (Jonscher 1995, S. 18). Das persönliche Gespräch in einer Vis-a-vis-Situation galt als Prototyp aller gesellschaftlichen Interaktion (→ Abb. 1.4.).
Diese jahrzehntelangen Idealbilder zerplatzen. Die weltweite Verbreitung mobiler und internetfähiger Kommunikationsmedien (PCPC, LaptopLaptop, SmartphoneSmartphone) hat auch die interpersonale Kommunikation komplett verändert. Festnetztelefone, die geographische Einheiten miteinander verbinden, spielen kaum noch eine Rolle. Mobiltelefone und tragbare Computer (Laptops) ersetzen sie, sie stellen die Verbindung zwischen Individuen her. Mussten Gesprächspartner in früheren Face-to-Face-Interaktionen persönlich zur gleichen Zeit am gleichen Ort anwesend sein, können heute im Rahmen mobiler Kommunikation auch abwesende Personen an Face-to-Face-Interaktionen teilnehmen (Kneidinger-Müller 2018).
Das Mobiltelefon wird aber nicht einfach nur als mobile Alternative zur Festnetztelefonie verwendet, es führte auch zu einer neuen Bedeutung kurzer schriftlicher Nachrichten. Internet-Flatrates ermöglichen den Nutzern einen Always-on-Status, indem sie jederzeit und ortsunabhängig mit Freunden und Familie verbunden sind.
Während Aktualität und Relevanz der interpersonal verbreiteten Informationen gegeben ist, gibt es ein Problem beim Wahrheitsgehalt. Die Gesprächspartner haben lediglich ihr Gegenüber als Quelle. Insofern können die so erhaltenen Informationen nicht professionell recherchierte und aufbereitete Nachrichten ersetzen.
Doch lokale KommunikationKommunikation, organisierte umfasst eine Vielzahl kommunikativer Interaktionen, die sich in unterschiedlichen Segmenten des kommunalen Lebens abspielen:
in der privaten Sphäre,
im Nachbarkreis,
am Arbeitsplatz,
in Vereinen,
in der lokalen Öffentlichkeit.
Er verlangt die ständige Kommunikation zwischen Bürgern, Institutionen, Organisationen, Parteien, Behörden und anderen wichtigen Kommunikatoren. Sind die Behörden – beispielsweise im Rahmen der Planfeststellungsverfahren für Bauprojekte (Straßen, Schulen usw.) – zur öffentlichen Information und Bürgerbeteiligung verpflichtet, so geht es den zahlreichen örtlichen Gruppen – Vereine, Verbände, Kirchen, Bürgerinitiativen und Parteien – darum, durch öffentliche Information eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung, zur Interessenartikulation und zur Mitgliederwerbung zur Verfügung zu haben, während Bürger, so fand man heraus, meist über private Angelegenheiten kommunizieren und ansonsten als Rezipienten von verbreiteten Informationen in Erscheinung treten.
Es geht hier um die KommunikationKommunikation, interne innerhalb von Organisationen wie Unternehmen, Vereinen, Verbänden, Verwaltungen. In den seltensten Fällen ist die Organisationsstruktur hier allerdings so beschaffen, dass die Kommunikation unter den Mitgliedern eine hinreichende Basis zur organisationsinternen Information darstellt. Unterstützend konstituieren deshalb Medien – kostenlos an die Mitglieder verteilte Verbandsblätter, Rundschreiben, Betriebszeitungen, Schülerzeitungen, Vereinszeitungen, kirchliche Gemeindeblätter usw. – interne Öffentlichkeiten innerhalb der Organisationen.
