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Was siehst du, wenn du in den Spiegel schaust?
Ein Mädchen und seine Mutter sind seit Jahren auf der Flucht – vor ihrer Vergangenheit, und vor der Polizei. Einen Namen hat das Mädchen nicht, denn Namen sind gefährlich, wenn man sich versteckt hält. Das Leben spielt sich nun in einem Van auf dem Schrottplatz am Brisbane River ab und könnte trister nicht sein. Doch das Mädchen hat einen Traum: Es will Künstlerin werden, fernab der kriminellen Welt Brisbanes. Und dann ist da noch dieser Junge, auf der anderen Seite des Flusses, für den das Mädchen sich immer mehr erwärmt. Doch um ihre Träume zu verwirklichen braucht es Hilfe, und die einzige Person, die ihm helfen kann, ist Lola. Lola im Spiegel.
Der internationale Bestsellerautor Trent Dalton liefert einen großen, bewegenden, düster-komischen, gewalttätigen, herzzerreißenden und schönen Roman über Liebe und Schicksal, Leben und Tod und all die Dinge, die wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen: unsere ganze Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere mögliche Zukunft.
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Seitenzahl: 669
Veröffentlichungsjahr: 2026
Zum Buch
Ein Mädchen und seine Mutter sind seit Jahren auf der Flucht – vor ihrer Vergangenheit, und vor der Polizei. Einen Namen hat das Mädchen nicht, denn Namen sind gefährlich, wenn man sich versteckt hält. Das Leben spielt sich nun in einem Van auf dem Schrottplatz am Brisbane River ab und könnte trister nicht sein. Doch das Mädchen hat einen Traum: Es will Künstlerin werden, fernab der kriminellen Welt Brisbanes. Und dann ist da noch dieser Junge, auf der anderen Seite des Flusses, für den das Mädchen sich immer mehr erwärmt. Doch um ihre Träume zu verwirklichen braucht es Hilfe, und die einzige Person, die ihm helfen kann, ist Lola. Lola im Spiegel.
Der internationale Bestsellerautor Trent Dalton liefert einen großen, bewegenden, düster-komischen, gewalttätigen, herzzerreißenden und schönen Roman über Liebe und Schicksal, Leben und Tod und all die Dinge, die wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen: unsere ganze Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere mögliche Zukunft.
Zum Autor
Trent Dalton wuchs in einem Vorort von Brisbane, Australien, auf und ist vielfach ausgezeichneter Journalist. Er gewann zweimal den »Walkley Award for Excellence in Journalism«, viermal den »Kennedy Award for Excellence in NSW Journalism« und wurde viermal als australischer »Journalist des Jahres« geehrt. Hat er bislang die Geschichten anderer in vielbeachteten Reportagen erzählt, ist es nun seine eigene Geschichte, von der sein Debütroman »Der Junge, der das Universum verschlang« handelt. Trent Dalton hat mit diesem Buch einen modernen Klassiker geschrieben.
Trent Dalton
Lola im Spiegel
Roman
Übersetzt aus dem australischen Englisch von Rita Gravert
Illustrationen von Paul Heppell
NAGEL UND KIMCHE
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel Lola in the Mirror bei The Borough Press, London.
© Trent Dalton
Deutsche Erstausgabe
© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe
NAGEL UND KIMCHE in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von wilhelm typo grafisch
Illustration von Paul Heppell
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783312014255
www.nagel-kimche.ch
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheber und des Verlags bleiben davon unberührt.
Für alle, die nicht in den Fluss gesprungen sind.Und für alle, die es getan haben.
Viele der geschilderten Ereignisse sind von Geschichten inspiriert, die mir in meinen siebzehn Jahren als Journalist für soziale Themen Menschen auf den Straßen meiner Stadt erzählt haben. Einige dieser Ereignisse beinhalten Gewalt, Sucht und Selbstverletzungen, was zugegebenermaßen ziemlich erschreckend wirken kann. Doch dieselben Menschen sprachen mit mir auch über Gemeinschaft, Hoffnung und Liebe. Aus diesem Grund habe ich dieses Buch geschrieben.
Der Tyrannosaurustanz
April 2022
Stift und Tusche auf Papier
Eine der frühesten und bekanntesten Zeichnungen der Künstlerin, die sie in der Nacht auf ihren siebzehnten Geburtstag angefertigt hat. Zu der Zeit lebte sie noch mit ihrer Mutter in einem orangen 1987er-Toyota-HiAce-Transporter mit platten Reifen. Man beachte den Dinosaurierkopf, der auf einen Männerkörper im Anzug gezeichnet wurde. Von der Identität des Dinosauriermannes ist wenig bekannt, doch man nimmt gemeinhin an, dass es sich um den Vater der Künstlerin handelt. Wahrscheinlich das früheste Werk der überaus beliebten und weltweit anerkannten Mädchen-auf-der-Flucht-Phase der Künstlerin. Vollendet zwei Jahre bevor sie am Ufer des Brisbane River von einer Kugel getroffen wurde.
Meine Mutter vollführte den Tyrannosaurustanz. Es ist der Tanz der Mütter und ihrer Monster. Traditionell wird er in der Küche eines ganz normalen Hauses an einem beliebigen Ort in Australien dargeboten. Dabei hält eine junge Mutter ihr Baby eng an die Brust gedrückt und steht vor dem Monster, das so tut, als würde es sie lieben.
»Bitte, lass mich gehen«, sagt die Mutter.
»Nicht mit meiner Tochter«, sagt das Monster. »Eher bringe ich dich um.«
Und dann kann der Tanz beginnen. Die Mutter führt, das Monster folgt. Sie macht einen Schritt nach links und das Monster einen nach rechts, um ihr den Weg zu versperren. Daraufhin macht die Mutter einen Schritt nach rechts und das Monster einen nach links. Und so tanzen sie.
Mum sagt, ich werde das nie erleben. »Du wirst niemals mit Monstern tanzen«, sagt sie. »Aber eines Tages wirst du mit einem Prinzen tanzen.«
Der Tyrannosaurustanz kann auf verschiedene Weisen enden, doch der schockierendste und spektakulärste Abschluss besteht darin, dass die Mutter ein Schälmesser vom Abtropfbrett neben dem Spülbecken nimmt und es dem Monster in die weiche Haut unter seinem Adamsapfel rammt. Danach müssen Mutter und Kind um ihr Leben rennen. Und niemals stehen bleiben.
So geht der Tyrannosaurustanz.
Temple-&-Webster-Spiegel gegen eine Backsteinmauer auf dem Schrauberschrottplatz im West End gelehnt
September 2022
Stift und Tusche auf Papier
Ein verstörendes, traumhaftes Bild, in dem erstmals der berühmte Ganzkörperspiegel der Künstlerin in Erscheinung tritt. Der titelgebende »Schrauberschrottplatz im West End« bezieht sich auf das Zuhause der Künstlerin, das sie mit ihrer Mutter, einem Waisenjungen, der ihr bester Freund war, einem ehemaligen Militärpanzerfahrer, einer Krankenschwester und deren tauben Sohn sowie einer zahnlosen Frau teilte, die mit ihrer Sucht nach Pascall Clinkers zu kämpfen hatte. Gezeichnet rund sechzehn Monate bevor sie ihre einzig wahre Liebe Danny Collins traf.
Spieglein, Spieglein auf dem Teer, wo geh ich hin? Wo komm ich her?«
Viele denken, dass es Zauberspiegel nur im Märchen gebe. Aber ich habe meinen letzten Sommer in der Lime Street in Highgate Hill gefunden, bei einer Sperrmüllsammlung der Stadt Brisbane.
»Spieglein, Spieglein, bitte lüge nicht. Sag mir, wer du bist. Sag mir, wer bin ich!«
Mein Zauberspiegel ruhte auf einer verschimmelten Tischtennisplatte neben einer Bananenkiste voller Puppen, denen verschiedene Gliedmaßen und Augen fehlten. Er hat einen mattgoldenen Rahmen, der oben geschwungen ist wie der Torbogen zum Schlafzimmer einer arabischen Prinzessin. Die Familie aus Nummer 36 hatte ihn weggeworfen, weil er quer durch die Mitte einen breiten Riss aufwies. Auf der Rückseite klebte ein Preisschild: Temple & Webster: Amina-Bogenspiegel, $ 299. Zunächst dachte ich, es sei etwas übertrieben, drei Hunderter für etwas hinzulegen, in das man starrt, während man sich die Haare kämmt, doch nun, in der Schwere des fliederfarbenen Jakarandafrühlings meines achtzehnten Lebensjahres, betrachte ich den Spiegel, in den ich gerade im morgendlichen Dämmerlicht starre – übrigens das beste Licht, um in einen Spiegel zu starren –, als die zweitwertvollste Sache in meinem Leben.
Das liegt an den Orten, die ich darin gesehen habe. Die ägyptischen Pyramiden. Die Ziergärten in Shanghai. Die kleine Bar drei Straßenecken vom Berliner Alexanderplatz entfernt. Die hinduistische Gebetsstätte am Ufer des Ganges. Und jetzt also diesen cremig rosa Himmel. Ich will verdammt sein, wenn das nicht Paris ist. Runde grüne Metalltische auf einem öffentlichen Platz am Fuße des Eiffelturms. Da sich Zauberspiegel nicht um Zeitzonen scheren und auch dort der Morgen anbricht, ist der Platz noch menschenleer. Und da sitzt sie an einem Kaffeetisch. Das Mädchen im roten Kleid. Eine Frau, die an allen exotischen Orten in meinem Spiegel auftaucht. Wie immer mit dem Rücken zu mir, nippt sie an ihrem Kaffee. Ungeheuer selbstsicher. Mühelos cool. Meine gesichtslose Freundin. Meine Muse.
Ich verstehe, wie verrückt das alles klingen muss. Doch das ist die Wahrheit meiner Jugend. Und wenn ich die harten frühen Jahre dieses sicherlich wilden, langen und bahnbrechenden Lebens als international anerkannte Künstlerin ordentlich dokumentieren soll, dann muss ich die große Verrücktheit mit all ihren zittrigen Wundern und Gefahren abbilden. Diese Momente in der Morgendämmerung auf dem Schrottplatz sind ebenso entscheidend für meine Kunst wie all das Echte, Dunkle, das im Laufe der Zeit noch aufkommen wird: die ganze Sache mit dem Mädchen auf der Flucht, die Hungersache, der Gestank, die Gewalt, die Angst, die Arbeit, Mums Drogenschmuggel für Lady Flo. Und diese Bemerkungen zur Verrücktheit sind ebenso gültig wie alles, was ich zum Wegrennen sagen kann. Manchmal ist es das Verrückte, was ein Mädchen durchbringt.
Bevor ich meinen Zauberspiegel fand, benutzte ich die Seitenspiegel des HiAce, um mich selbst zu betrachten. Mehr brauchte ich nicht. Manchmal ist es gut, sich für die Seitenspiegelansicht des Lebens zu entscheiden. Manchmal will man nicht das ganze Bild sehen.
Übrigens war er nicht von Anfang an ein Zauberspiegel. Monatelang diente er lediglich dazu, meine Sommersprossen auf den Wangen, meine Knopfnase mit dem kleinen Sonnenbrandschorf auf der Spitze und meine aufgesprungenen Lippen anzusehen. Lange Zeit war er einfach nur ein alter Spiegel, mehr nicht. Doch dann, um drei Uhr nachmittags am 23. April 2022 – meinem siebzehnten Geburtstag –, beschloss Mum schließlich, dass ich alt und hart genug sei, um all die blutrünstigen Einzelheiten darüber zu erfahren, warum wir quer durchs Land gefahren waren. An einem metallic-grünen Starbucks-Kaffeetisch unten im Myer Centre, Ecke Albert und Elizabeth Street, erzählte sie mir die ganze mörderische Geschichte. Dabei trank sie Eistee, und ich sog mein Erdbeerfrappé so schnell auf, dass mir das Hirn gefror.
Sie sagte, mein Vater sei, von außen betrachtet, ein guter Mann gewesen, doch sie habe zu lange gebraucht, um sein Inneres zu erkennen. Sie sagte, man müsse mit einem Mann mindestens fünf Jahre verheiratet sein, bevor man wirklich in ihn hineinsehen könne. Sie sagte, manchmal könne man in einem Kerl ein Licht entdecken, das so hell brennt, dass es auch in dir zu leuchten beginnt. Doch in meinem Vater fand meine Mum nichts als schwarzes Monsterblut. Das Zeug, das heiß und voller Aufruhr vor sich hin brodelt. Säuremonsterblut. Mit dem Blut meines Vaters hätte man einen Ofen reinigen können. Man hätte die Plörre auf die Motorhaube eines Subaru Forester gießen können (übrigens das beste Auto, in dem ich je geschlafen habe: viel Beinfreiheit, hoher Innenraum mit genug Platz, um die Hose zu wechseln), und sie hätte ein dampfendes Loch direkt bis zum Motorblock gebrannt.
»Habe ich Monsterblut in mir, Mum?«, fragte ich.
»Nee«, erwiderte sie.
»Aber er ist doch mein Vater«, wandte ich ein. »Du hast gesagt, meine weiche, künstlerische Seite habe ich von dir. Was, wenn ich von ihm die Monsterseite habe?«
»Nee«, wiederholte Mum. »Du hast mehr Monet-Blut als Monsterblut in dir.«
»Hast du denn Monsterblut in dir, Mum?«, fragte ich.
»Ja, ich glaube, ich trage ein bisschen was in mir«, sagte sie. »Wie, glaubst du wohl, konnte ich sonst das tun, was ich deinem Vater angetan habe?«
Aber das ist es ja gerade. Ich weiß hundertpro, dass sie keine Spur Monsterblut in sich trägt. Ich schwöre. Wie also kann eine Frau ohne einen Tropfen Monster in den Adern etwas so – was ist das richtige Wort dafür? – Monströses tun?
Mum hat mir nie erzählt, wo und unter welchen Umständen sie geboren wurde oder wer ihre Eltern waren. Für ein Mädchen auf der Flucht ist die Vergangenheit eine gefährliche Sache. Ich persönlich glaube, dass sie von einem Felsen, befruchtet von einem Regenbogen, zur Welt gebracht wurde. Deshalb besteht sie zur Hälfte aus schwarzem Stein und zur Hälfte aus rosa, lila, gelben und orangen Lichtspielen. Noch nie habe ich sie die Stimme heben hören. Was nicht bedeutet, sie wäre sanftmütig oder nicht in der Lage, sich in eine Gorillamama zu verwandeln. Aber bisher habe ich sie nur einmal am Rande der Gewalt erlebt. Das war an der Bar des einzigen Pubs in Cracow, einer Goldminenstadt knapp fünfhundert Kilometer nordwestlich von Brisbane. Wir aßen eine Portion Pommes mit Bratensoße, und neben uns saß eine betrunkene Frau mit Schlangenlederstiefeln und enger Bluejeans, die zu ihrem Freund immer wieder »Dumme Fotze« sagte, während sie ein T-Bone-Steak mit Pellkartoffeln und Gemüse verdrückte. Mum fand diesen Ausdruck in meiner Anwesenheit völlig zu Recht unangemessen. Schließlich war ich damals erst neun. Zweimal bat sie Schlangenlederstiefel, mit dem Fluchen aufzuhören, und zweimal wurde sie ignoriert. Beim dritten Versuch tippte Mum Schlangenlederstiefel auf die Schulter, um ihre Aufmerksamkeit zu erhalten, wurde jedoch wütend weggestoßen, ohne dass Schlangenlederstiefel sie eines Blickes gewürdigt hätte. »Verpiss dich«, spie sie ihr entgegen. Das veranlasste Mum dazu, Schlangenlederstiefel am Nacken zu packen und ihren Kopf sehr nah an ihren Teller zu drücken. Dann nahm Mum das vor Bratensoße triefende Messer in die Hand und zielte damit direkt auf Schlangenlederstiefels weit aufgerissenes linkes Auge. »Sag das noch mal«, flüsterte sie.
Ich finde ja nicht, dass das monströs von Mum war. Eher verdammt gangstermäßig. Als wir fünf Minuten später in einem roten Holden Camira von 1989, der eigentlich nichts mehr auf den staubigen Straßen des westlichen Queensland zu suchen hatte, Richtung Theodore rasten, sagte ich zu Mum, dass ich stolz auf ihren Mut sei, mir jedoch wünschte, sie hätte nicht so reagiert.
»Warum?«, fragte Mum.
»Wir haben einen halben Teller Pommes mit Soße an der Bar stehen lassen.«
»Tut mir leid«, sagte Mum. »Das ist tatsächlich eine Tragödie. Welche Bestie zwingt eine Frau dazu, einen Teller Pommes mit Soße stehen zu lassen?«
Als Mum mir von dem Monsterblut erzählte und davon, wie es sich anfühlte, ein Schälmesser in die Kehle ihres Mannes zu rammen, um ihr eigenes und mein Leben zu retten, landeten die Worte wie splitterndes Glas in meinem Kopf. Ich schwöre, ich spürte, wie plötzlich ein Riss durch mein Gehirn lief, genau wie in meinem Zauberspiegel. Auf der einen Seite des Gehirnrisses befand sich alles, was ich mit Sicherheit über die Welt wusste. Kaugummi. Spaghetti bolognese. Die Songs von Taylor Swift. Fahrradklingeln. Auf der anderen Seite befand sich alles, was ich auf mich zukommen sah. Wahrheit. Erwachsensein. Verletzungen, Schmerz und Kunst. So viel Kunst. Und so viele Fragen. Wer war meine Mutter, bevor sie wegrannte? Wo lebten wir? Wer war ich? Wer bin ich?
Als ich an jenem Nachmittag zurück zum Schrottplatz kam, starrte ich aus so geringer Entfernung in meinen zerbrochenen Spiegel, dass ich die Poren meiner Nase sehen konnte. Und meine smaragdgrünen Augen. Ich hatte das Gefühl, bis ans Ende des Universums zu blicken. Doch sosehr ich es auch versuchte, ich konnte kein Monster in mir entdecken.
Dann trat ich einen Schritt zurück – und da sah ich sie. Unterhalb des Risses im Spiegel lugte meine alte abgeschnittene Jeans hervor, und meine nackten feuerroten Beine endeten in einem Paar grün-weißer Slazenger-Sneakers, die ich bei Big W erstanden hatte. Doch oberhalb des Risses entdeckte ich eine Frau in einem roten Kleid, die mir den Rücken zuwandte. Es sah aus, als befände sie sich gleich dort jenseits des Glases, und ich würde sie durch ein Schlafzimmerfenster beobachten.
Ihr knielanges Cocktailkleid hatte am Rücken gekreuzte Träger, die ihre schön geformten Schulterblätter zur Geltung brachten. Sie stand in der Straße einer Stadt. Eine Stadt, die viel größer wirkte als meine. Ihre Haare waren dicht und braun und in Locken gelegt, die so natürlich und wundersam wirkten wie Meeresschnecken. Sie hob den linken Arm, und ich erhaschte einen Blick auf eine lange weiße Zigarette zwischen ihrem Mittel- und Zeigefinger. Als sie den Kopf etwas drehte, um einen tiefen Zug zu nehmen, konnte ich ihre Kinnlinie erahnen. Am Ende der Zigarette blieb ein leuchtend roter Lippenstiftabdruck zurück.
»Spieglein, Spieglein im Morgenlicht«, flüsterte ich, »bitte zeig mir, wer du bist, bitte zeig mir dein Gesicht.«
Doch die Frau im roten Kleid beachtete mich nicht. Sie stand auf und ging eine breite weiße steinerne Treppe hinauf, die zu einem Gebäude führte, das aussah wie ein europäisches Schloss. Dann fuhr ein gelbes Taxi in mein Blickfeld, und mir ging auf, dass sich die Szene in New York City abspielte. Ich kannte das Gebäude aus Dokus, die ich mit Mum im Fernsehen geschaut hatte. Das war kein Schloss. Sondern das Metropolitan Museum of Art.
Solche Sachen macht sie, die Frau im roten Kleid. Weil sie international ist. Und gewollt, nicht ungewollt. Sie ist wertvoll, nicht wertlos.
An diesem Morgen sitzt sie allein unter dem berühmtesten Turm der Welt und schlürft schwarzen Kaffee. In der linken Hand eine reinweiße Zigarette, die sie an die Lippen hebt. Dann schiebt sich ein Mann in einem braunen Vintage-Anzug ins Bild, dessen Gesicht mir verborgen bleibt, und küsst die Frau im roten Kleid zwölf lange Sekunden direkt auf den Mund. Voller Romantik. Leidenschaft. Kunst.
Plötzlich ertönt neben mir eine Stimme: »Was, zum Teufel, starrst du da an?«
Die Frau im Spiegel fährt herum, um zu sehen, wer ihren intimen Pariser Kuss unterbrochen hat.
Auch ich fahre herum und sehe eine Frau mit verschränkten Armen, die mich mustert, als versuchte sie herauszufinden, wie weit es mit meiner Verrücktheit schon gekommen ist.
Mein Fels, befruchtet von einem Regenbogen. Das Wertvollste in meinem Leben.
Mum.
Mum im Kapuzenpulli, der ihre Narben verdeckt, wie sie schweigend am Brisbane River entlangläuft
Februar 2023
Stift und Tusche auf Papier
Eine aufschlussreiche und zärtliche Verarbeitung des wichtigsten Tages in der hochkomplexen Kindheit der Künstlerin. Zwei Monate vor ihrem achtzehnten Geburtstag experimentierte sie offensichtlich mit anthropomorphischen Darstellungen der Menschen, die sie am meisten liebte. Im Vordergrund der Zeichnung ist, so wird gemeinhin mit großer Sicherheit angenommen, die Mutter der Künstlerin abgebildet – die stolze Löwin. Die Bedeutung des Wesens hingegen, das sich hinter ihr aus dem Wasser erhebt, war Gegenstand heftiger Debatten bei Kunstkritikern wie Bewunderern. Handelt es sich um die »Hand des Schicksals«, wie einige sie nannten? Oder steht die Hand in Wahrheit für die achtzehn Jahre andauernde Flucht und eine Vergangenheit, die die Löwenmutter schließlich doch eingeholt hat?
Wer bin ich? In einer Welt mit acht Milliarden Menschen bin ich das siebzehnjährige namenlose Mädchen, das neben seiner schlafenden Mutter auf einer Matratze in einem Van neben dem Brisbane River liegt. Ich bin das Mädchen mit zwei Beinen, zwei Armen, kurzen braunen Haaren, einem rosafarbenen Muttermal in Form eines Picknickkorbs auf dem Arsch und einem Skizzenbuch in der Hand. Ich bin das Mädchen mit dem steifen Nacken, da ihr Kopfkissen aus einem Waschmaschinenbeutel für empfindliche Kleidung besteht, vollgestopft mit unempfindlichen Socken und Unterhosen. Ich bin das Mädchen mit einem Kreis Morgensonnenlicht auf dem Bauch. Ein einziger Sonnenstrahl extra für mich und nur möglich durch ein Rostloch im Dach unseres Vans. Ich bin das Mädchen, das mit Daumen und Zeigefinger den Kreis misst, der wie ein Scheinwerferlicht auf sein Nachthemd strahlt. Wie groß ist der Lichtkreis heute Morgen? So breit wie eine Dose Insektenspray.
Ich bin das Mädchen, das eine schöne Frau in einem roten Kleid zeichnet, die nachts in Berlin auf einen Zug wartet. Die Frau blickt zum Vollmond auf. Ich lege die Zeichnung unter den Lichtkreis, sodass das echte Licht genau den Vollmond meiner Zeichnung ausfüllt. Der Mond über Berlin leuchtet auf wie eine Nachttischlampe.
Licht, so besann sich die Künstlerin, wird nicht wirklich auf das Papier gezeichnet. Licht entsteht aus den Schatten. Das Licht in unserem Leben, so sagte sie zu sich selbst, entsteht aus der Dunkelheit, die wir drum herum legen.
Unter die Zeichnung kritzele ich den Titel: Frau im roten Kleid unter Gelbmond in Berlin. Dann denke ich über mögliche Namen für mich nach. Namen, wie sie eine Künstlerin unter ihre Zeichnungen kritzelt.
»Selena?«, flüstere ich. Selena bedeutet »Mond«.
»Vera?«, flüstere ich. Vera bedeutet »wahr«.
»Wendy?«, flüstere ich. Wendy bedeutet »Freundin«.
Für Mädchen auf der Flucht sind Namen eine gefährliche Sache. Sie können den Lauf jäh unterbrechen. Würde Mum mir gegenüber je mein echter Name rausrutschen, und mir würde er dann jemand anderem gegenüber rausrutschen, und diesem Jemand wiederum würde er gegenüber der falschen Person rausrutschen, dann könnte meine Mum für das, was sie meinem Dad angetan hat, ins Gefängnis wandern. Und so versuche ich mir einzureden, dass ich keinen Namen brauche. Schließlich haben viele Dinge auf dieser Welt keinen Namen. Die meisten Felsen sind namenlos, und die meisten Felsen sind schon viel länger hier als wir alle. Hunde und Katzen haben Namen, aber die Fledermäuse in South Brisbane nicht. Zwar kommt jede Nacht ein Opossum namens Merlin auf unseren Hof, um die Fruchtsalatreste unserer Schrottplatznachbarin Roslyn zu vertilgen, doch die meisten Tiere rund um diesen Fluss fristen ein namenloses Dasein. Zyklone erhalten Namen, Stürme nicht. Ebenso wenig Schnecken, grüne Ameisen, Regenwürmer oder Regenbögen. Und der Mond heißt auch einfach nur »der Mond« und nicht Andromeda oder irgendwas anderes ähnlich Cooles und Galaktisches. Er heißt einfach nur »der Mond«, weil die Menschen damals nicht wussten, dass es in unserem Sonnensystem noch mehr davon gibt. Für sie gab es nur ein so ein silbernes Ding in Münzenform, das nachts am Himmel schwebt.
Von mir gibt es auch nur eine. Darum werde ich auch »das Mädchen im Van« oder »das Ausreißermädchen« oder »die Tochter von der Mutter, die weggerannt ist« genannt. Oder »das namenlose Kind im Van« oder »das Mädchen ohne Zuhause« oder »das obdachlose Mädchen vom West End mit Dreck im Gesicht«. Keine dieser Bezeichnungen sagt irgendetwas darüber aus, wer ich wirklich bin oder wer ich wirklich sein möchte. Zunächst einmal bin ich nicht obdach-, sondern wohnungslos. Hauslos. Nicht heimatlos. Dazwischen besteht ein himmelweiter Unterschied. In etwa, als würde man den Kopf auf einem seidenen Kopfkissenbezug ablegen oder auf einem Backstein. Und wenn man mir unbedingt einen Namen geben möchte, dann würde ich gern »die Künstlerin« genannt werden. Die Künstlerin ohne Namen im Van neben dem Fluss im West End mit Dreck im Gesicht, Hoffnung im Herzen und Schmerz im Nacken. Oder vielleicht eher Schmerz im Herzen und Hoffnung im Nacken?
Immerhin bin ich nicht die Einzige hier unten am Fluss, die darum kämpft, unter Beweis zu stellen, wer sie ist. Durch diese Stadt am Fluss treiben jede Menge Menschen, die in kein Haus und auf keine Liste der Arbeitssuchenden gelangen, nicht aus dem tiefen schwarzen Loch bei Nacht herauskommen, weil sie keinen Ausweis haben. Keinen Führerschein. Keinen Pass. Keine Mutter, die sagt: »Hey, das ist mein Sohn.« Keinen Sohn, der sagt: »Hey, das ist meine Mutter.« Manche der Treibenden haben ein Gedächtnis wie ein Sack Murmeln, ohne jegliche Ordnung. Manche haben einfach vergessen, wie man quer über den Sozialamttisch schreit: »Ich existiere, verdammt noch mal, geben Sie mir doch einen Moment!« Ich kenne Treibende, die ihre Namen mit ihrer Hoffnung verloren. Ein alter Kerl nennt sich einfach Tea Leaf. Erster Name Tea, zweiter Name Leaf. An den Namen, den seine Mutter ihm gegeben hat, kann er sich nicht erinnern. Den hat er sich weggesoffen. Hat seine ganze Identität von den Felsen gepisst, die den Brisbane River säumen. Brauchte er in den letzten zwei Jahrzehnten ohnehin nicht. Nichts an ihm gibt irgendeinen Aufschluss über seine Person, nur ein handgekritzeltes Tattoo auf der Innenseite seines linken Unterarms: Marilyn. Schon mal versucht, einen Ausweis ohne jegliche Erkennungsmerkmale zu bekommen? Das ist, als würde man versuchen, mit offenen Augen zu schlafen.
In Wahrheit habe ich Dutzende Namen und zugleich keinen einzigen. »Süße«, »Liebes«, »Schätzchen« und »du« werde ich von Mum genannt. Meine Nachbarin Roslyn nennt mich »Kindchen«. Ich habe eine Freundin, die Esther Inthehole heißt. Esthers Gesicht habe ich nie gesehen, weil sie als Einsiedlerin in einem Loch unter der St.-Peter-Apostelkirche in der Canoe Street lebt. Esther Inthehole wiederum nennt mich »Liv Bytheriver«, weil ich in einem orangen Van ohne Räder neben dem Brisbane River lebe. Mein bester Freund Charlie Mould alias Prince Charles nennt mich »Princess Di« alias »Di Bytheriver«, auch wenn ich ihm immer wieder sage, dass ich lieber am Fluss lebe, als am Fluss zu sterben. Der nigerianische Priester der St.-Peter-Apostelkirche Father Joseph Kikelomo nennt mich »Sputnik«, weil er sagt, dass ich immer auf der Jagd nach Sternen bin, die zu hoch über mir am Himmel schweben. Meine Freundin Evelyn Bragg – die Leiterin der sozialen Anlaufstelle The Well in der Moon Street, derselben Straße, in der man mich und meine Mum in unserem Van findet – nennt mich immer Patsy, weil ich einmal bei einem Karaokeabend zum Spendensammeln im Aufenthaltsraum des Zentrums gesungen habe. Sie fand, dass ich traurig und schön zugleich klang, genau wie Patsy Cline. Mums Chefin Flora Box nennt mich »Brooke«, weil ich früher so lange Haare hatte, dass sie mir wie ein Vorhang über die Schultern fielen und Flo das an irgendeine Schauspielerin erinnerte, die sie liebte und die die Hauptrolle in einem alten Film über zwei Kinder spielte, die auf einer tropischen Insel festsaßen und den ganzen Tag Kokosnüsse aßen und sich prügelten. Mums treuester Kunde im Tagesgeschäft, ein alter Mann namens George Stringer, nennt mich »Laura«, weil Mum ihm gesagt hat, mein Name sei »Laura Branigan«, der Name der Sängerin von Mums Lieblingsnamenssong »Gloria«. Mum liebt nichts so sehr wie einen guten Namenssong: »Jolene«, »Layla«, »Angie«, »Cecilia«, »Beth«, »Rhiannon«. Ich habe mal in einer Zeichnung all die Figuren aus ihren Lieblingsnamenssongs zu einem Wiedersehen im Veranstaltungsraum des Story Bridge Hotel versammelt. Runaround Sue und Barbara Ann, wie sie in einer Ecke Punsch mit Jack und Diane nippen. Billie Jean, wie sie mit Bobby McGee rumknutscht. Und die arme Eleanor Rigby, an der das Aufräumen hängen bleibt.
Ja, ich versuche mir einzureden, ich brauche keinen echten Namen. Aber ich fürchte, das stimmt nicht. Ich glaube, es ist wichtig zu wissen, wer du wirklich bist und wer du wirklich sein willst. Ich schätze, was ich sagen will, ist, dass ich kein Fels bin. Und verdammt sicher kein Regenbogen.
Ich bin das Mädchen, das zu viele Dinge zu zeichnen und zu wenig Tinte in seinem Stift hat. Wohin ich blicke, nur Zeichnungen. Bilder in mattgoldenen Rahmen. Allein an diesem Morgen ein Dutzend möglicher Kritzeleien. Schmutzige Zehen am Ende der Matratze. Mums Vorhänge zugezogen vor der Heckscheibe des Vans. Die Füße der Künstlerin mit lila Vorhängen.
Mum gehört die rechte Vanseite, über und über mit Kinderfotos von mir bedeckt, die sie bei Milton Officeworks ausgedruckt hat. Die linke Seite gehört mir. Ein Rolling Stone-Cover mit Harry Styles ist dort neben drei Zeichnungen gepinnt, die tatsächlich so geworden sind, wie ich sie mir vorgestellt habe. Porträt der Künstlerin mit platzendem Wassermelonenkopf. Es zeigt mich im Sommerkleid mit einem Wassermelonenkopf, der in viele Brocken aus breiigem rotem Fruchtfleisch zerplatzt. Doms Vater ist gestorben. Darin spiele ich unten im Well 9-Ball mit einer sechsundfünfzigjährigen Treibenden namens Dominique Ferrara. Die Zeichnung fängt den Moment ein, als Dom den Ball mit der Nummer 7 in einem Sprungstoß verlor und mir erzählte, dass ihr Vater an einem Stück Steakknorpel im Kedron Park Hotel erstickt ist. Dann zuckte sie die Schultern und versenkte die Nummer 8 mit einem Kissenstoß, der so sauber die Bande entlangrollte, dass ich sie der Hexerei verdächtigte. Unser Haus in Monte Carlo zeigt mich und Mum neben einem Zu verkaufen-Schild vor einem zweistöckigen Haus, das vollständig aus Arnott’s Monte-Carlo-Keksen gebaut ist.
Hinter der Schiebetür unseres Vans sind Schritte zu hören. Roslyn treibt sich geschäftig im Hof herum und macht Frühstück. »Verschwinde, Richter Cavanagh!«, bellt sie. Ein störrischer einbeiniger West-End-Ibis gesellt sich in letzter Zeit immer beim Frühstück zu uns. Laut Roslyn gibt er sich hochnäsig, genau wie ein Richter, mit dem sie mal am Brisbane Mags Court zu tun hatte. »Keine Krumen für Sie heute Morgen, Euer Ehren.«
Roslyn bedeutet »sanftes Pferd«. Der Klang ihrer Stimme weckt Mum, die neben mir auf dem Bauch liegt. Auf dem Kissen dreht sich ihr Kopf in meine Richtung.
»Gut geschlafen?«, fragt sie, die Augen noch geschlossen.
»Ich habe geträumt, dass Pablo Picasso die Mauer unter der William Jolly Bridge bemalt hat.«
»Hast du Hallo gesagt?«
»Hab ich. Und er hat mit Hola geantwortet. Er hat einen großen roten Klecks gemalt. Unheimlich, der hat pulsiert, als wäre er am Leben, und tropfende rote Linien kamen raus, wie Tentakeln aus altem schwarzem Blut.«
»Hast du ihn gefragt, was es ist?«
»Hab ich. Er hat gesagt: ›Das ist Maria. Das ist mein Herz.‹«
»Wer ist Maria?«
»Keine Ahnung. Und dann hab ich ihn gefragt, warum er den ganzen Weg nach Brisbane in Australien gekommen ist, und er hat gesagt, er sei gekommen, um mir zu sagen, dass meine Zeichnungen noch nicht gut genug sind, um zu Gemälden zu werden. Ich hab ihm gesagt, dass meine Zeichnungen eines Tages im Metropolitan Museum of Art hängen werden, und er hat geantwortet, das sei ein gefährlicher Traum. Und dann habe ich ihn gefragt, wie es eine junge Künstlerin aus Brisbane in Australien bis ins Met in New York schaffen kann, und er hat gesagt, es gebe nur einen Weg, es so weit zu bringen. Und dann hat er den Pinsel geschwungen, sodass ein roter Klecks in meinem Gesicht gelandet ist, und hat gesagt: ›Du musst weinen.‹«
»Und was ist dann passiert?«
»Dann hab ich angefangen zu heulen wie ein Schlosshund.«
Mum setzt sich auf und reibt sich die Augen. »Das ist ja ein furchtbarer Traum.«
»Nee, Mum«, sage ich und blättere in meinem Skizzenbuch, bis eine neue weiße Seite mit nichts als der ganzen Welt vor mir liegt. »Er war wunderschön.«
Zuhause ist, wo der pulsierende rote Klecks ist. Unser tennisplatzgroßer Schrottplatz ist von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben. Nach hinten grenzt er an den Geh- und Radweg Riverside Drive, der sich durch die stinkenden Mangroven entlang des Brisbane River hinter dem Industriegebiet im West End schlängelt.
Mum steht neben der offenen Vantür im tauüberzogenen Schrottplatzgras. Den rechten Arm vorn in ihrer Schlafanzughose, wischt sie sich gerade die Muschi mit einem Babyfeuchttuch sauber. Voll im Blickfeld von Roslyn am Frühstücksfeuer zwei oder drei Meter neben uns und den frühmorgendlichen Flussjoggern, die am Zaun vorbeilaufen. Dann knüllt sie das Feuchttuch zusammen und wirft es ins Feuer. Nimmt ein weiteres aus der Verpackung, die in der Türschwelle der Beifahrertür liegt. Wischt sich damit erst das Gesicht ab, dann die Achseln. Nickt auffordernd in meine Richtung. »Los, mach dich sauber«, sagt sie.
»Ich dusch mich heute Nachmittag im Well«, sage ich.
Mum beugt sich vor und schnuppert an meinem Nachthemd. »Du hast letzte Nacht geschwitzt«, stellt sie fest. »Willst du noch mal ’ne Infektion da unten?«
Ich verdrehe die Augen. Roslyn hat unsere Unterhaltung vom Feuer aus verfolgt. Sie ist zweiundsiebzig Jahre alt und wohnt zwei Autos weiter in einem blauen Honda Jazz von 2002. »Sie hat schon ein bisschen gelitten«, sagt Ros immer, wenn sie neuen Freunden ihr vierrädriges Zuhause vorstellt. Sie hat sechs kurze Hosen im Kofferraum, zwei Kopflampen im Handschuhfach, acht Zähne im Mund und eine dreiundvierzigjährige Tochter in Manly, Sydney. Heute Morgen kritzelt Ros Notizen in ein Buch, das sie Die Schlacht zwischen dem guten und dem bösen Shit nennt. Es handelt sich um eine lebenslange Abhandlung, in der sie die Höhen und Tiefen ihres Daseins festhält und versucht, vor ihrem Tod den ultimativen Wert menschlichen Lebens zu ermitteln.
Der gute ShitErdbeeren geerntet Einen Rosella gerettet, der die Montague Road mit einem kaputten Flügel überquert hat Von Kasey D den Rücken gekratzt bekommen Hokey-Pokey-Eiscreme vorm Schlafengehen Ben H hat meinen Nagelknipser zurückgebracht Badetraum von Daryl Braithwaite im Hot Tub
Der böse ShitMögliches Karzinom am Kopf wächst Verkehrsrowdy auf der Peel Street Erdbeben in Peru mit 1100 Toten Linke Brust immer noch viel größer als die rechte Bananen weigern sich zu reifen
»Um deine Vulva musst du dich kümmern«, ruft Ros quer über den Hof, ohne ihre Stimme der Natur unserer Unterhaltung angemessen zu drosseln. »Der vaginale Kanal ist zwar ein selbstreinigendes Hygienewunder, aber du musst dich vor Keimen und Fremdkörpern rund um die Klitorisvorhaut in Acht nehmen.«
Mum nickt zustimmend. »Hör besser auf Ros. Glaub mir, die hatte ihren Anteil an Fremdkörpern rund um die Klitorisvorhaut.«
Ros heult wie eine Ziege, die auf einen Zaunpfahl aufgespießt wurde. Mum schnappt sich ein weiteres Feuchttuch.
»Oder willst du, dass deine Mum es übernimmt wie in den guten alten Zeiten?«, schlägt Ros vor.
Mum dreht sich zu ihr um. »Oh, weißt du noch, wie du dein Mädchen abgewischt hast, als es noch ein Baby war?«
»Hab’s geliebt«, antwortet Ros und dreht ein metallenes Toastgitter überm Feuer. »Wie sehr ich das vermisse. Die Muschi meiner kleinen Zoey abzuwischen. Ihre Bröckchen sahen immer aus wie Kichererbsendip.«
Mum nickt ernsthaft. »Ich hab’s nie bereut, eine Windel von dir zu wechseln«, sagt sie zu mir.
Ich sehe ihr in die Augen. »Erinnerungsblick« nenne ich diesen Ausdruck.
»Mum, warum weinst du?«
»Das war unser Deal«, sagt sie und kämpft gegen eine Träne vorm Frühstück an. »Ich hab das Stillen, das Baden, das Füttern und das Wiegen übernommen, und alles, was du tun musstest, war kacken. Jedes Mal, wenn du dich in diesen ersten Tagen eingeschissen hast, war ich unendlich erleichtert. Es hieß, dass alles gut funktioniert.«
»Ein Schiss a day keeps the doctor away«, bestätigt Ros aus der Ferne.
Ich drehe mich zu Mum um. »Hör auf, bitte«, flüstere ich und ziehe widerstrebend zwei Feuchttücher aus der Verpackung.
Unsere Nachbarin June und ihr Sohn Sully trotten über das Gras, um sich zu mir, Mum und Ros zum Frühstück am Eckfeuer des Hofes zu gesellen. June und Sully leben neben Ros in einem rot-weißen Newlands-Campmaster-Wohnwagen von 1972.
»Was steht heute auf der Karte, Ros?«, fragt June.
»Sardinen auf Toast«, antwortet Ros. »Ein oder zwei Scheiben, Sully?«
Sully flüstert seiner Mutter etwas ins Ohr. Er ist zweiundzwanzig und hat in den zwei Jahren, die wir hier auf dem Schrottplatz schon Nachbarn sind, noch kein einziges Wort zu mir gesagt. Überhaupt habe ich ihn noch nie mit jemand anderem sprechen sehen als mit seiner Mutter. Viele denken, er habe irgendeine Art von Behinderung, aber June sagt, ihr Sohn sei sanftmütig, und nur an einem so harten Ort wie Queensland werde Sanftmut als Behinderung betrachtet.
June hört Sully zu und stellt dann noch eine Frage: »Sind das die Meeressardinen von Coles oder die Nordfangsardinen von Aldi?«
Ros inspiziert eine Dose, die auf einem weißen Blechteller neben ihren lila Crocs liegt.
»Woolworths Essentials, fürchte ich, Sully«, stellt sie fest.
Sully nickt und flüstert seiner Mutter wieder etwas ins Ohr.
»Er nimmt nur Toast, und ich esse zwei Scheiben mit den Sardinen. Danke, Ros«, verkündet June. Sie sitzt auf einem umgedrehten blauen Milchkasten, den ich vor zwei Monaten hinter der Parmalat-Milchfabrik in der Boundary Street gefunden habe.
»Ist Serge schon zur Arbeit gegangen?«, frage ich June.
Unser Nachbar Serge Martin wohnt neben June und Sully in einem Holden-Jackaroo-Allradjeep von 2000 und arbeitet vier Schichten die Woche bei einer Fleischerei in Cannon Hill. Serge bedeutet »Diener«.
»Ich glaube, er ist noch da«, erwidert June und dreht sich zu Serges Auto um. Rücksitze runtergeklappt. Schwarze Stoffe verdecken die Fenster. »Hab da heute Morgen jemanden rumoren hören.«
In dem Moment öffnet sich die Heckklappe von Serges Jeep, und eine Frau mit strohfarbenen schulterlangen Haaren tritt barfuß ins Gras. Sie trägt rot-blaue Surfshorts und ein T-Shirt, das mich sofort anspricht. Aufgedruckt sind vier große Vögel, die auf den Vollmond zufliegen. Ein fünfter Vogel ist mit dem Kopf voran seitlich in den Mond gekracht.
Vorsichtig macht sie im Gras ein paar Schritte auf uns zu, und als ihr Blick auf mich fällt, lächle ich ihr zu. Damit will ich ihr zu verstehen geben, dass es uns überhaupt nicht stört, wenn Fremde aus Serges Auto auftauchen. In sozialen Dingen war Serge schon immer ein hoffnungsloser Fall, und wir drängen ihn immer, mal rauszugehen und neue Leute kennenzulernen. In Sachen Dating hat er ziemlich zu kämpfen, weil er ständig über seine Metzgerarbeit redet, und Frauen interessieren sich einfach nicht so sehr für die lang unterschätzte Kunst des Hähnchenentbeinens.
»Guten Morgen, Sonnenschein«, sagt Ros.
»Guten Morgen«, antwortet die Frau und bleibt ein bisschen verschüchtert am Rand unseres Frühstückskreises stehen.
»Ist Serge noch da?«, fragt Ros.
»Er ist zur Arbeit gegangen«, antwortet die Frau.
»Wie heißt du?«, fragt Ros.
»Samantha«, sagt sie. »Sam.«
»Schöner Name«, kommentiere ich. »Samantha bedeutet ›Zuhörerin‹.«
Samantha lächelt mich an und nickt. Mitte zwanzig, schätze ich. Jünger, als sie aussieht. Wie die meisten von uns, die hier am Fluss leben.
»Ich bin Roslyn. Woher kennst du Serge?«
»Wir haben gestern Abend vor dem Schifffahrtsmuseum was getrunken«, erwidert Samantha.
»Schläfst du draußen?«, fragt Ros.
»Ja«, antwortet Samantha. »Stehe seit acht Monaten auf der Warteliste.«
»Hast du Kinder?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Irgendwelche Einschränkungen?«
Schüttelt wieder den Kopf.
»Dann musst du wahrscheinlich noch ein bisschen Geduld haben, Liebes«, erwidert Ros und dreht sich zu June um. »Wie lange stehst du schon drauf, Juney?«
»Ein Jahr, siebenunddreißig Tage und ungefähr acht Stunden, Ros«, rechnet June nach.
»Serge meinte, ich könnte ein bisschen hierbleiben«, sagt Samantha.
»Oh, hat Serge das gesagt, ja?«, antwortet Ros. »Tja, vielleicht hätte Serge die Sache dem Zauberer vorlegen sollen, bevor er von den freien Zimmern in Oz zu singen beginnt.«
»Ruhig Blut, Ros«, mischt Mum sich ein. »Die Arme ist gerade erst aufgewacht.«
»Konsumierst du?«, fragt Ros Samantha.
»Hab ich. Jetzt nicht mehr.«
»Was ist dein Gift?«
»Crystal Meth. Aber jetzt nicht mehr.«
»Und du magst unseren Serge?«, fragt Ros.
»Ja, schon. Er ist süß. Weiß ’ne Menge über Fleischaufschneiden.«
Darüber lacht Mum.
»Bleibst du ihm treu?«, fragt Ros.
»Keine Ahnung«, erwidert Samantha. »Hab ihn ja gerade erst kennengelernt.«
Ros zeigt mit einem rostigen Buttermesser auf sie. »Wenn nicht, zeig ich dir mal, was ich übers Fleischaufschneiden weiß, verstanden?«
Samantha nickt ernst. »Verstanden.«
»Welche ist deine Lieblingsmannschaft beim Rugby?«
»Canberra Raiders«, erwidert Samantha.
Ros holt tief Luft. »Nicht die richtige Antwort«, sagt sie. »Aber falsch ist sie auch nicht.« Sie ruckt mit dem Kopf in Richtung des leeren weißen Plastikstuhls neben Sully. »Setz dich. Magst du Sardinen auf Toast?«
»Das wäre toll, danke, Roslyn«, sagt Samantha.
Ros reicht Samantha einen Teller mit Sardinen und öffnet dann ihre Aufzeichnungen. Begierig lehne ich mich in ihre Richtung und kann entziffern, wie sie bei »Der gute Shit« einen neuen Eintrag hineinkritzelt: Serge hat gestern Nacht gevögelt! Und zack, haben wir eine neue Nachbarin in Oz.
June nickt, lächelt und dreht ihren Kopf zu dem weißen Ford-Kastenwagen von 1989, der neben unserem Toyota parkt. Dort wohnt mein bester Freund Charlie Mould.
»Charlie macht immer noch seinen Schönheitsschlaf?«, fragt June mich.
Ich schüttele den Kopf und schlucke einen Mund voller Sardinen mit verbranntem Toast hinunter. »Hab ihn gestern nicht nach Hause kommen hören.«
Ros schnaubt. »Wahrscheinlich weggetreten an irgendeinem gemütlichen Plätzchen an der Autobahn.«
Inzwischen schrubbt Mum ihren Frühstücksteller in einer armeegrünen Waschschüssel auf einem runden weißen Plastiktisch neben dem Feuer und spült ihn in einer zweiten Schüssel mit klarem Wasser ab. Dann trocknet sie ihn ab und schiebt ihn in einen Geschirrständer, neben dem ein Schild angebracht ist: Abwaschen. Abspülen. Abtrocknen. Oder Ros ersticht dich im Schlaf.
Mum tippt mir auf die Schulter. »Wir müssen los.«
In einer Welt mit acht Milliarden Menschen bin ich das siebzehnjährige Mädchen ohne Namen, das in einem kalten Raum einem gefährlichen Trottel gegenübersitzt. Es ist der Verpackungsraum des Meeresfrüchtegroßhandels Ebb ’n’ Flo in der Moon Street Nummer 6, nur zwei Gehminuten von unserem Schrauberschrottplatz in der Moon Street Nummer 38 entfernt. Ich bin das Mädchen, das mit Brandon Box an einem langen weißen Plastikverpackungstisch sitzt, auf dem sechs Styroporkisten mit frischen blauen Schwimmkrabben, Moreton-Bay-Garnelen, Endeavour-Garnelen, Tigergarnelen, Königsgarnelen, Austern und ganzen Fischen stehen. Sie alle warten darauf, in die U-förmige Glasvitrine im Verkaufsraum jenseits der weißen Schwingtür hinter mir zu wandern.
Brandon Box ist der einzige Sohn von Mums Chefin Flora Box alias »Lady Flo«. Sie ist die siebenundfünfzigjährige Eigentümerin und Leiterin von Ebb ’n’ Flo, dem besten Meeresfrüchteladen in ganz South East Queensland. Ohne eine einzige Frage zu stellen, hat Flo uns seit unserer Ankunft im West End unter die Arme gegriffen. Brandon ist ein achtzehnjähriger Dummkopf, dessen Hirn aus den Scheißefäden besteht, die die Leute am zweiten Weihnachtstag aus den Königsgarnelen ziehen. Den Kopf hinter seinem iPad vergraben, sitzt er mir gegenüber und guckt NBA, begleitet vom Schlürfen seines Frühstücksproteinshakes. Brandon und ich blicken auf eine lange Geschichte zurück, jedes einzelne Kapitel darin widerwärtig. Trotz der arktischen Raumtemperaturen ist ihm in seinem Muskelshirt, das er trägt, um seine seitlichen Männertitten zur Schau zu stellen, nicht kalt. Brandon liebt Gewichtheben. Gewichte bis ans Kinn, Proteinshakes in den Mund, vor Angst erstarrte Junkies in Kofferräume. Ihm ist nicht kalt, weil sein Säuremonsterblut ihn warm hält.
Hinter Brandons Schulter ist ein Fenster in der breiten, blauen Tür, durch das ich den Liefer- und Verteilerraum des Großhandels mit seinen kalten Betonwänden sehen kann. Gerade hält Mum einen Notizblock in der Hand und schreibt Anweisungen von Flora Box auf. Flora trägt einen pfirsichfarbenen, übergroßen Pulli, eine weiße Caprihose und weiße Sneakers. Sie hat graue Locken und bekämpft ihre unterirdische Sehstärke mit dicken Brillengläsern in einem durchsichtigen Plastikgestell, die ihre blauen Augäpfel stets milchig wirken lassen. Kräftige Beine und kräftiger Arsch.
Flo überreicht Mum einen Stapel indonesischer Raubkopie-Pop-CDs, die sie vor drei Jahren aus Jakarta importiert hat. Mum sagt immer, Flo sei gefährlich. Dass ich bloß aufpassen solle, wie nah ich Flora Box komme. Dabei wirkt sie auf mich ungefähr so gefährlich wie die Frauen, die sonntagmorgens die Spendenkörbe in Father Joe Kikelomos Kirche halten.
Ich hebe den Deckel der Styroporkiste zu meiner Rechten an. Tausende frische Moreton-Bay-Garnelen. So frisch, dass sie noch nicht einmal riechen. Gibt einfach keine besseren Garnelen auf der Welt. Halb so groß und dabei eine doppelt so dicke Schale wie Königs- oder Tigergarnelen, aber auch doppelt so lecker.
Brandon hebt den Kopf von seinem iPad. »Ein Kilo für einen Blick auf deine Titten«, flüstert er.
»Ein Kilo, und ich erzähl deiner Mum nicht, was für ein Ekelpaket ihr Sohn ist.«
»Okay, ein halbes Kilo Garnelen, eine Titte?«
Ich drücke den Deckel zurück auf die Garnelenkiste. »Weißt du, wer du bist, Brandon?«
»Nee, wer bin ich denn?«
»Nein, Brandon, ich kann dir nicht sagen, wer du bist. Deshalb frag ich dich ja. Weißt du, wer du bist? Und ganz abgesehen davon«, ich mache eine ausschweifende Bewegung mit der rechten Hand, die den Raum beschreibt, den er derzeit im Universum einnimmt, »ist das die Version deiner selbst, die du für immer sein möchtest?«
Für einen kurzen Moment mustert Brandon mich quer über den Verpackungstisch. Eine halbe Sekunde lang bin ich gewillt zu glauben, dass er etwas Bedeutsames sagen wird. Die Ringe des Saturn werden sich andersherum drehen. Gigantische Eisbrocken werden sich auf wundersame Weise wieder mit den Polkappen verbinden. Und Brandon Box wird etwas Tiefgründiges von sich geben.
Doch dann lacht er. »Was laberst du für ’ne Scheiße?« Kopfschüttelnd vertieft er sich wieder in die NBA. Brummt in sich hinein: »Durchgedrehte Schlampe.«
Ich hebe den Deckel der Styroporkiste zu meiner Linken. Ein Dutzend gefrorene silbrig rote Malabar-Schnapper.
»Wann kommt der Malaysische Yellowtail rein?«, frage ich.
Brandon gluckst und sieht widerstrebend von seinem Bildschirm auf. »Was weißt du denn schon vom Malaysischen Yellowtail?«
»Oh, du würdest dich wundern. Wenn du wüsstest, was deine Mum mir alles über den Malaysischen Yellowtail erzählt hat, der hierhergeliefert wird.«
»Blödsinn«, sagt Brandon.
Dann wird unsere Unterhaltung von Floras Eintritt durch die blaue Tür unterbrochen. Hinter ihr lässt Mum die Raubkopien in einen schwarzen Adidas-Rucksack gleiten, der ihr von der Schulter hängt.
Flora breitet ihre Arme in meine Richtung aus. »Wer gibt Tante Flo eine Umarmung!«, trällert sie.
Mum nickt unauffällig in meine Richtung. Ich umrunde den Tisch, lasse meinen Kopf auf Flos weiche Wasserbettbrust sinken und schlinge meine Arme um ihre steinernen Umrisse.
Sie rubbelt mir mit einer Hand den Kopf. »Wann fängt die Kleine an, für mich zu verticken?«, fragt sie. »Wie gut kennst du die Stadt, junge Dame?«
»Besser als die Oberseite von meinem Fuß und die Rückseite von meiner Hand, Flo«, gebe ich zurück.
»Das bezweifle ich nicht«, sagt sie zufrieden.
»Sie hat kein Interesse«, mischt Mum sich ein. Streng. Ohne Umschweife.
Flo sieht erst meine Mutter an und dann mich. »Du hast kein Interesse daran, wirklich mal ein bisschen Geld zu verdienen?«, fragt sie mich.
Ich sehe Mum an. Kaum wahrnehmbares Kopfschütteln, das Flo dennoch nicht entgeht. Flo entgeht nichts.
»Na ja, ich täte nichts lieber, als die Lieferungen für dich zu machen, Flo«, sage ich. »Aber momentan stecke ich all meine Energie und meine Freizeit in die Kunst. Ich will mal weltberühmt werden.«
»Und wer bin ich, mich diesem Schicksal in den Weg zu stellen«, sagt Flo wohlwollend. »Wo wir schon beim Thema wären, hast du mir nicht eine neue Zeichnung versprochen? Für die leere Stelle über unserer Preisliste?«
Ich ziehe eine aufgerollte Zeichnung aus der Potasche meiner abgeschnittenen Jeans und überreiche sie Flo. »Der Titel lautet Flora, wie sie ein Garnelensandwich in einem Pottwal isst.«
Das Bild zeigt Flora in einer ganz gewöhnlichen Küche, wie sie an einem Tisch sitzt und ein Garnelensandwich mit Meeresfrüchtesoße und Avocado isst. Dabei liest sie Moby Dick. Die ganze Szene ist im Bauch von Moby Dick, dem Wal, verortet.
Flo lacht tief aus ihrem eigenen ausladenden Bauch heraus. »Seht euch nur meine Schuhe an«, kommentiert sie und zeigt auf die Zeichnung.
»Asics Gel-Quantums«, bestätige ich, wippe auf den Fersen und rucke den Kopf in Richtung Flos Turnschuhe.
»Dir entgeht einfach nichts, oder, Schätzchen?«
Ich zucke die Schultern. »Eine Künstlerin sieht kein bisschen mehr oder weniger, als sie muss, Flo.«
Mum tippt mir auf die Schulter. »He, Picasso. Siehst du nicht, dass wir langsam mal losmüssen?«
An diesem Morgen ließ die Künstlerin ihre Mutter am Riverside Drive vorausgehen. Ihre Mutter trug schwarze Gummisandalen und blaue Jeans. Sie ging den Gang der Belasteten und Belagerten: Kinn an die Brust gezogen, die Hände in den Taschen eines schwarzen Kapuzenpullis vergraben, auf dem das Logo einer beliebten australischen Surfmarke prangte. Bei der Arbeit trug die Mutter der Künstlerin immer etwas Langärmeliges, selbst in der drückendsten Brisbaner Hitze. Jede Kunstwissenschaftlerin, die mit der dunklen Geschichte der Künstlerin auch nur ansatzweise vertraut ist, wird wissen, dass ihre Mutter zeit ihres Lebens versuchte, die Brandmale auf ihren Unterarmen zu verbergen. Laut ihrer Mutter seien diese ihren Kunden unangenehm. Die Narben wanderten die gesamten Unterarme hoch und erinnerten die Künstlerin an ein Paar Opernhandschuhe – das hässlichste, das sie je zu Gesicht bekommen hatte. Während die Künstlerin vom Kleinkind zum Teenager heranwuchs, änderten die Narben ihre Farbe von Rot zu Rosa und schließlich zu Braun. An diesem besonderen Morgen wirkten sie auf die Künstlerin, als hätte ihre Mutter ihre Arme in zwei Eimer Erdnussbutter getunkt. Die Mutter der Künstlerin wusste, dass die Künstlerin wusste, dass die Narben das Werk ihres Monsters waren. Das hinderte sie jedoch nicht daran, der Künstlerin eine Reihe immer abwegigerer Schwindeleien über ihren angeblichen Ursprung zu erzählen. »Missgeschick mit einem Heißluftballon«, behauptete sie. »Habe einen zehnjährigen Jungen aus einer brennenden Feuerwerksfabrik gerettet«, hieß es ein anderes Mal. »Regel Nummer eins«, lautete ihre Warnung an einem dritten Tag, »setz deine Fürze nie in Brand, wenn du Seide trägst.«
In den Augen der Künstlerin war ihre Mutter klein und dünn, aber schön wie ein Popstar. Sie fand, dass ihre Mutter die taffe ältere Schwester sein könnte, die Kylie Minogue nie gehabt hatte. Ihre Mutter mochte die großen hellen Blumengemälde von Georgia O’Keeffe, aber auch Edvard Munchs Abend auf der Karl Johans gate, das eine Menge gut betuchter Fußgänger in eleganter schwarzer Kleidung im nächtlichen Oslo zeigt, die den Betrachter aus geisterhaft blassen Gesichtern anstarren. Auf die Künstlerin wirkten sie unheimlich und geistesabwesend. Sie hatte gelesen, dass Munch Abend auf der Karl Johans gate gemalt hatte, nachdem er aufgeregt auf eine Geliebte gewartet, sie ihn jedoch bei ihrer Ankunft lediglich mit einem schwachen Lächeln bedacht hatte und weiter die Straße entlanggeeilt war. »Sie hat ihn einfach geghostet, Mum!«, erklärte die Künstlerin. »Sie hat ihm das Gefühl gegeben, dass er unsichtbar ist.«
»Stimmt«, bestätigte die Mutter der Künstlerin. »Er hatte das Gefühl, dass er gar nicht existiert. Deshalb hat er die Straße in eine Geisterstraße verwandelt.«
In diesem Moment kam der Künstlerin der Gedanke, wie faszinierend es doch war, von einer Frau aufgezogen zu werden, die Edvard Munch ebenso verehrte wie die Spice Girls. Dann überlegte sie kurz, welches Gewürz ihre Mutter wohl als Spice Girl gewesen wäre. Sie dachte erst an Muskatnuss, entschied sich dann jedoch für gemahlenen Pfeffer.
Seht ihr, was ich hier getan habe? Macht der Gewohnheit. Manche Leute knabbern ihre Fingernägel ab, andere pinkeln ins Schwimmbecken. Ich hingegen habe die Angewohnheit, mir mein Leben als Gegenstand einer Führung im New Yorker Metropolitan Museum of Art im Jahr 2100 vorzustellen, die ein spießiger englischer Kunstkritiker namens E. P. (Edward Percival) Buckle leitet. Er schildert einer Gruppe hingerissener Kunstliebhaber diese frühen namen- und hauslosen Jahre meines Lebens. Verbreitetes Phänomen, da bin ich mir sicher.
In meiner Vorstellung lauschen diese Kunstliebhaber Buckles Einsichten in mein Leben, während sie meine frühen Tuschezeichnungen aus der Brisbaner Ära betrachten, die über mehrere Säle der Galerie verteilt sind und nur einen Teil einer posthumen Ausstellung mit einem feinsinnigen und bescheidenen Namen wie Sie war die größte Künstlerin, die es je gab oder Keiner kannte ihren verdammten Namen bilden. Während sie durch die Ausstellung schlendern, kommentieren sie mein Leben und meine Kunst.
»Sie war ein eigenartiges Kind«, sagen sie.
»Offen gestanden ist es ein Wunder, dass sie überhaupt den Absprung aus Brisbane geschafft hat«, sagen sie.
»Sie berührt mich«, sagen sie. »Sie geht mir nahe. Sie spricht direkt und tiefgründig zu meinen Ängsten und Schwächen. Einfach ausgedrückt ist sie schlicht die überragendste Künstlerin, die je gelebt hat, und keiner kannte ihren verdammten Namen.«
Verrückt, ich weiß. Doch um die Wahrheit zu sagen, hat Mr. Buckle mir sehr dabei geholfen, einen Schritt zurückzutreten und klar und ungetrübt zu betrachten, was ein sehr ungewöhnliches und unruhiges Leben auf der Flucht war. Manchmal, wenn ich nervös oder ängstlich bin oder etwas Schlimmeres als beides zusammen verspüre, dann schiebt sich der gute alte E. P. Buckle in meine Gedanken, und kaum fängt er mit seinem Geschwätz an, fühle ich mich wie jemand anderes. Ich habe das Gefühl, dass es nicht notwendigerweise ich bin, die diese Dinge durchlebt, sondern jemand Schlaueres, Talentierteres und Mutigeres. E. P. Buckle verleiht allem eine Bedeutung. Es ist, als würde er mir sagen, dass all diese Dinge aus gutem Grund geschehen. Sie müssen geschehen, damit ich an Orte gelange, von denen E. P. Buckle weiß, dass ich einmal dorthin gelangen werde. Es ist unglaublich hilfreich, das eigene Leben durch die Brille eines siebzigjährigen Engländers zu betrachten, der redet, als hätte er einen Füllfederhalter im Arsch stecken.
»Bronwyn?«, frage ich. »Bronwyn bedeutet ›weiße Krähe‹.«
»Nein«, sagt Mum.
Später Vormittag, Spaziergang am Fluss. Genug Zeit, um das »He, Mum, wie lautet mein echter Name«-Spiel zu spielen. Sie sagt, ich werde ihn nie erraten und könne mir die Mühe deshalb sparen. Weil mein Name eine schöne, aber auch seltene Bedeutung hat. »Vanessa?«, frage ich. »Vanessa bedeutet ›Schmetterling‹.«
»Nein.«
Der schwarze Adidas-Rucksack auf den Schultern. Risse in den Fersen. Ich halte mein Skizzenbuch in der linken Hand und in der rechten einen schwarzen Copic-Multiliner-Zeichenstift mit einer Einmillimeterfeder. Gut, um Falten, Zehenhaare und Risse in den Fersen zu zeichnen. Würde ich diese Szene jetzt zeichnen, dann würde ich mit den Rissen in Mums Fersen anfangen. Hauslose alleinerziehende Mutter mit Fersenrissen.
»Beatrix?«, frage ich. »Beatrix bedeutet ›Reisende‹.«
»Nein«, gibt Mum zurück.
Fersenrisse. Das ist Mum, wie sie leibt und lebt. Fersenhaut wie Sandpapier. Fußsohlen wie schwammige Korallen, die zum Sterben in die Sonne gelegt wurden. Wenn sie irgendwohin muss, dann geht sie, wenn sie nicht rennt. Ihre Füße sind so verhornt, dass ich mir manchmal vorstelle, wie ein Eagle-Farm-Pferdetrainer ihr U-förmige Hufeisen auf die Sohlen nagelt.
Vor dem ganzen Gerenne war sie Lehrerin. Aushilfslehrerin. Eine der ganz großen Allrounderinnen der australischen Pädagogik. Mum sagt, ein Klassenzimmer als Aushilfslehrerin zu betreten, sei, als würde man eine Bärenhöhle in einem Anzug aus Lachshaut aufsuchen. Sie sagt, der Grund, warum Kinder mit Aushilfslehrern so leichtes Spiel haben, sei, dass sie ein Klassenzimmer blind betreten. Sie haben keine Ahnung vom bisherigen Verhalten der Kinder. Die guten Kinder erkennen eine willkommene Gelegenheit, einen Tag böse sein zu dürfen. Und die bösen riechen ihre Gelegenheit, noch böser zu sein. Aus diesem Grund hat Mum die Kinder morgens beim Aufruf der Namen immer aufgefordert, ihren Namen zu sagen und das letzte Mal zu beschreiben, als sie etwas Nettes für jemanden getan haben. Sie sagt, Kinder sind weniger böse, nachdem sie der Welt und sich selbst in Erinnerung gerufen haben, wie gut sie sein können.
Es ist Mum zu verdanken, dass ich ein Jahr früher meinen Abschluss gemacht habe – zu Hause an der »Hobo High«, wie ich gern sage. Inoffiziell natürlich. Anlässlich meines Schulabschlusses stellte Mum auf dem Schrottplatz eine zutiefst traurige, aber sehr feierliche Zeremonie auf die Beine. Ros buk einen Vanillebiskuitkuchen, und ich hielt eine Abschlussrede, in der ich uns all die Mathestunden auf den Rücksitzen viel zu heißer Vans in Erinnerung rief. Die unzähligen Englischstunden, die Mum mir in klimatisierten öffentlichen Bibliotheken entlang der australischen Ostküste gab. Meereskundliche Biologieexkursionen zu Stradbroke Island. Naturwissenschaftsexkursionen zu Brisbanes Planetarium. Und schließlich mein ganz persönliches Lieblingsfach: wöchentlicher Kunstunterricht, der beim Schlendern durch die Queensland Art Gallery abgehalten wurde. Mein Abschlusszeugnis war aus der Innenseite einer Cornflakespackung hergestellt, und der Hut, den ich am Ende der Zeremonie halbherzig in die Luft schleuderte, war ein von Schweißrändern bedeckter Secondhand-Golfhut mit dem Emblem des Indooroopilly Golf Club.
Nach den Fersenrissen würde ich eine ganze Zeit auf Mums Haare verwenden. Ich habe ihre vor drei Tagen mit einer Bastelschere geschnitten und sie meine. Jetzt sehen wir beide aus wie Waisenjungen aus der Londoner Gosse im 17. Jahrhundert. Nach den Haaren würde ich versuchen, durch ihren Schmutz ein Gefühl für Mum als hauslose Person hineinzuschattieren. Ich spreche hier von einem Schmutz, der so tief sitzt, dass er Teil der Haut geworden ist. Von Schmutz, den man an den Fingernägeln schmeckt, wenn man Chips isst. Schmutz an den Beinrückseiten, den alte Menschen fälschlicherweise für Leberflecke halten. Epidermaler Schmutz. Schmutz als Waffe. Schmutz als Schild. Klingt komisch, ich weiß, aber manchmal geht die gefühlte Nähe zum Schmutz so weit, dass man auch eine Erdnähe spürt. Du entdeckst eine Verbindung zum Boden und hast irgendwann das Gefühl, selbst Teil des Bodens zu sein. Als könntest du auf jedwedem Fleckchen Gras überall auf der Erde schlafen, weil du jetzt Teil davon bist. Du bist Boden. Du bist Schmutz. Du bist Erde. Dieses Gefühl bekommt man leicht, wenn man nur lang genug hier draußen lebt. Aber es ist nicht leicht zu zeichnen.
»Marlene?«, frage ich. »Marlene bedeutet ›Stern‹.«
»Nein«, gibt Mum zurück.
Ich muss mir in Erinnerung rufen, möglichst viel aus diesen Spaziergängen herauszuholen. Der Frieden und die Behaglichkeit des Hier und Jetzt, so lange ich es noch mit Mum teile. Wir beide, so lange wir überdauern. Mum und ich. Um die Wahrheit auszuspucken wie den Samen einer Wassermelone: Wir leben auf gepumpter Zeit, wie Mum es ausdrückt. Und davon kann sie keiner abbringen.
»Maeve?«, frage ich. »Maeve bedeutet ›die Berauschende‹.«
»Nein«, gibt Mum zurück.
Am Tag meines achtzehnten Geburtstags will sie sich den Bullen stellen: am 23. April. Nur noch zwei Monate. Dann werde ich ein normales Leben führen können, sagt sie. Dann bin ich in Sicherheit, sagt sie. Kann mich selbst um mich kümmern. Frei sein und meinen Künstlerinnenträumen nachjagen. Herzlichen Glückwunsch, Kind. Und jetzt verschwinde ich besser in das große Haus.
Lange Geschichte, aber wenn ich schon erzähle, woher all dieser E.-P.-Buckle-Gerede-im-Met-Kram kommt, dann ist es sinnvoll, auch zu erzählen, wann die Kunst mich zuerst wie ein Blitz traf. Du weißt nie, wann ein Traum dich findet. Ein Traum kann dich erreichen wie ein Lied im Wind oder ein Schlag gegen den Kiefer.
Ich hatte meine große welterweckende Erleuchtung mit zwölf, als ich mit Mum im Wohnwagen eines Freundes in Far North Queensland wohnte. Wir schauten eine Doku auf einem Fernseher von der Größe eines Briefkastens. Es handelte sich um eine SBS-Dokumentation über eine große Pablo-Picasso-Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Heute, im reifen goldenen Alter von siebzehn Jahren und zehn Monaten, kann ich glücklich sagen, dass ich mir viele Kunstausstellungen in der Kunstgalerie von Queensland und ihrem schwarzen Schaf von Schwester, der Gallery of Modern Art, angesehen habe. Doch damals waren die tätowierten Rücken von ein paar Comanchero-Bikern, mit denen Mum sich im McDonald’s in Childers, rund dreihundertzwanzig Kilometer nördlich von Brisbane angefreundet hatte, das, was einer Kunstausstellung in meinem Leben noch am nächsten gekommen wäre.
Als wir an jenem Abend die Doku im Fernsehen schauten, sagte ich Mum, dass Pablo Picasso mich ein wenig an sie erinnere, weil Pablo genau wie Mum eine Art hatte, tragische Figuren und verstörte Seelen in seinem Leben willkommen zu heißen, die seinen Geist sowohl bereicherten als auch zerstörten. Ich sagte Mum auch, wie sehr mir Pablo Picassos Gemälde gefielen, vor allem die der Blauen Periode, die laut der Doku mit dem Tod seines Freundes Carles Casagemas eingeläutet wurde. Dieser war Picasso ein derart guter Freund gewesen, dass er ihn sogar in die Bordelle Barcelonas begleitete, obwohl er trotz aller Bemühungen seinen Pimmel nicht dazu überreden konnte, voll im Nashornmodus zu bleiben. Und so wartete der treue Casagemas geduldig, bis Picasso mit seinem leidenschaftlichen Geschäft fertig war, um dann gemeinsam ihre Odyssee unterm Sternenhimmel fortzusetzen und weiter Stillleben, Schattierungen und Schmerz zu diskutieren. Casagemas war in ein Künstlermodell namens Germaine Pichot verliebt und lud im Jahr 1901 in einem Pariser Café zu einem Abendessen ein, um mit Germaine und seinen engsten Freunden Berge von Essen und Ströme von Absinth einzunehmen. Dabei ahnten Germaine und seine Freunde nicht, dass es sich in Wahrheit um ein Abschiedsessen handelte.
An diesem Abend bat Casagemas Germaine um ihre Hand, doch sie lehnte ab. Da zog Casagemas eine Pistole, hielt auf Germaine und drückte ab. Der Schuss ging daneben. Dann zielte Casagemas auf seinen eigenen Kopf und schoss. Die Doku zeigte ein Gemälde, das Picasso kurz darauf anfertigte. Es hieß Der Tod von Casagemas und jagte mir eine Heidenangst ein, weil es so real, traurig und ehrlich wirkte: ein Ölgemälde von Casagemas’ zombiehaft grünem Kopf auf etwas, was aussah wie ein Totenbett neben einer Kerzenflamme. Doch das Einzige, von dem Mum und ich den Blick nicht abwenden konnten, war das große schwarze Loch, das Picasso seinem Objekt auf die rechte Schläfe gemalt hatte.
»Wow«, sagte ich zu Mum. »Ich wusste nicht, dass wir so was tun dürfen.«
»Was, dir selbst eine Kugel in den Schädel jagen?«
»Nein«, antwortete ich. »Ich wusste nicht, dass wir so ehrlich sein können.«
»Natürlich kannst du so ehrlich sein«, sagte Mum. »Wie sollen wir je die Wahrheit verstehen, wenn keiner gewillt ist, sie uns zu zeigen?«
Während dieser Doku fingen Mum und ich an darüber zu lachen, wie sich der Kurator der Met-Ausstellung ständig auf Picasso als »den Künstler« bezog:
»Der Künstler war vom Tod seiner Schwester Conchita tief getroffen.«
»Wenn der Künstler überhaupt einen Sinn für Disziplin hat, dann ist es eine unnachgiebige Hingabe zu kreativer Undiszipliniertheit.«
»Der Künstler ist wie besessen von Akrobaten und Harlekinen, was bedeutet, dass er endlich wieder lacht.«
Dazu aßen Mum und ich Chipolata-Würstchen und den McCain-Winter-Gemüsemix aus der Mikrowelle. Ich blickte hinunter auf meinen Teller, der auf meinen dünnen zwölf Jahre alten Oberschenkeln ruhte. »Die Künstlerin ist wahrlich und gründlich aus ihrer Periode des gefrorenen Brokkolis herausgewachsen«, kommentierte ich in meiner besten hochgestochenen Museumskuratorenstimme.
»Die Mutter der Künstlerin versuchte, nicht darüber nachzudenken, was alles in ihren Chipolatas steckt«, entgegnete Mum in ebenso pompösem Tonfall.
Zwei Tage später kaufte Mum mir in einem Antiquariat ein Buch mit den Gemälden Picassos. Besonders faszinierte mich daran, wie alle Titel seiner Werke unumwunden die Wahrheit darüber sagten, was er malte. Ich verliebte mich in ein Gemälde namens Frau in Grün, das eine Frau in grüner Kleidung darstellte, genau wie der Titel versprach. Mir gefiel die Einfachheit seiner Titel wie Stillleben mit Flasche und Glas und Des blinden Mannes Mahlzeit, das einen blinden Mann zeigt, der eine Mahlzeit einnimmt. Auch ich begann die ungeschönten Wahrheiten um mich herum zu zeichnen und gab ihnen einfache Titel, die ich mir selbst ausdachte: Tankwart mit aufgeplatzter Lippe; Saxa-Salz und Chiko-Rolle auf einem Tisch; Mum, wie sie erkennt, dass ich die letzten Coco Pops gegessen habe; Bunnings-Wurst auf Brot ohne Zwiebel. Dann teilte ich meiner Mum mit, dass ich mit dem Arsch zuerst in meinen Lebenstraum gefallen war: Eines Tages würden meine Zeichnungen im New Yorker Metropolitan Museum of Art ausgestellt werden.
Mit dreizehn Jahren verkündete ich, ich hätte beschlossen, den Rest meines Lebens so zu führen, als würde es von E. P. Buckle für eine posthume Ausstellung meines Lebenswerks dokumentiert. Verbreitetes Phänomen, da bin ich mir sicher.
»Ich will ein kühnes Leben leben«, erklärte ich Mum. »Genau wie Picasso und Casagemas. Die größten Künstler haben alle ein kühnes Leben gelebt. Sie haben fast immer eine rücksichtslose Wahl getroffen. Sie haben sich in wilde Liebesdreiecke geworfen, zu viel getrunken und Drogen genommen. Sie haben genau wie wir in Dreckslöchern gewohnt, Mum. Solange sie ein bisschen Farbe und einen sauberen Pinsel hatten, war ihnen egal, wo sie lebten. Picasso hätte in einem stinkenden alten Schuh wohnen können und wäre immer noch damit zufrieden gewesen, die Wände anzumalen. Und sie waren immer impulsiv und mutig. Als hätten sie gewusst, dass wir eines Tages alle über sie lesen würden, und wollten uns große, inspirierende Geschichten bieten. Sie haben sich jedes Mal für das Wagnis entschieden.«
»Viele von ihnen haben sich auch dafür entschieden zu sterben, bevor sie vierzig geworden sind«, merkte Mum an.
