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SO HEISS WAR RUGBY NOCH NIE! Liam Callaghan ist einer der bekanntesten Rugbyspieler der Welt. Um dem Trubel um seine Person für ein paar Tage zu entkommen, flüchtet er sich an einen abgelegenen Urlaubsort an der Küste Venezuelas. Schon am ersten Tag begegnet er Tess Chambers, die ihm mit ihrer unbeschwerten Art augenblicklich den Atem raubt. Er verbringt einen Tag und eine Nacht mit ihr - nur um am nächsten Morgen aufzuwachen und nichts als einen Abschiedsbrief vorzufinden. Er ist sich sicher, dass er Tess nie wiedersehen wird. Doch zurück in London stellt er fest, dass er sich geirrt hat: Tess ist niemand anders als die neue Sponsorin der London Legends - und somit absolut tabu für ihn ... (ca. 400 Seiten)
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Seitenzahl: 482
Veröffentlichungsjahr: 2016
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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Epilog
Danksagung
Über die Autorin
Kat Latham bei LYX.digital
Impressum
KAT LATHAM
Roman
Ins Deutsche übertragen
von Michaela Link
Zu diesem Buch
Liam Callaghan ist einer der bekanntesten Rugbyspieler der Welt. Um dem Trubel um seine Person für ein paar Tage zu entkommen, flüchtet er sich an einen abgelegenen Urlaubsort an der Küste Venezuelas. Schon am ersten Tag begegnet er Tess Chambers, die ihm mit ihrer unbeschwerten Art augenblicklich den Atem raubt. Er verbringt einen Tag und eine Nacht mit ihr – nur um am nächsten Morgen aufzuwachen und nichts als einen Abschiedsbrief vorzufinden. Er ist sich sicher, dass er Tess nie wiedersehen wird. Doch zurück in London stellt er fest, dass er sich geirrt hat: Tess ist niemand anders als die neue Sponsorin der London Legends – und somit absolut tabu für ihn …
Für Maikäfer, der geboren wurde, als ich noch siebzehntausend Worte davon entfernt war, Ende unter mein Buch zu schreiben. Das Schreiben wurde viel schwieriger, seit ich die Alternative hatte, dich den ganzen lieben Tag lang zu bewundern.
Warmes Meerwasser auf nackter Haut. So wollte Tess ihre zweite Nacht in Venezuela ausklingen lassen. Sie stand auf dem mondbeschienenen Strand, die Hände am Saum ihres T-Shirts, sah sich um und kämpfte gegen ihr Unbehagen an. Außer ihr war niemand da. Sie war vollkommen allein. Wenn sie sich das T-Shirt über den Kopf zog, würde niemand sehen, dass sie ihr Bikinioberteil in ihrem Zimmer gelassen hatte und nur ein rosafarbenes, mit Rüschen besetztes Bikinihöschen trug. Niemand würde es sehen, wenn sie auch das abstreifte.
Sie zog das Hemd ein paar Zentimeter hoch. Tu es.
Aber es könnten Kameras da sein. Sie suchte das Ufer von links nach rechts ab, dann drehte sie sich zu dem Strandhotel um und machte das Gleiche noch einmal. Der Mond schien hell – zu hell. Die Journalisten, die sie acht Monate lang gejagt hatten, würden nicht einmal ihre Blitzlichter benötigen, um ein anständiges Foto von der »Geißel der City« zu machen, wie sie nackt und allein in der Karibik herumplanschte. Wie viel würden die Londoner Boulevardblätter für eine solche Aufnahme bezahlen?
Genug, dass sie sich versucht fühlte, ihnen vielleicht selbst eine zu schicken.
Idiotin. Du bist in einer entlegenen Eco-Lodge am anderen Ende der Welt. Niemand schert sich um dich oder weiß auch nur, wer du bist.
Trotzdem …
Nachdem sie sich entschieden hatte, ließ Tess den Saum des T-Shirts los und sprintete in die trägen Wellen. Sie hatte noch fünf Nächte hier. Genug Zeit für den Mond, sich rar zu machen. Sie konnte auf eine bewölkte Nacht warten – falls es im Norden Venezuelas so etwas gab. Heute Nacht würde sie es einfach genießen, träge durch das ruhige Wasser zu schwimmen, während ihr T-Shirt ihre Würde schützte.
Auch jetzt, nach Mitternacht, war der Sand noch warm von den Sonnenstrahlen, die er im Laufe des Tages absorbiert hatte. Das Wasser kühlte Tess’ sonnengeküsste Haut, als es ihr um die Knie schwappte, um ihre Hüften, ihre Taille. Sie hob die Hände über den Kopf und tauchte ein, trat mit den Füßen und zog die Arme zu einem Schwimmzug unter Wasser zurück, solange sie die Luft anhalten konnte.
Freiheit. Hier unten konnte niemand sie berühren. Hier unten gehörte ihr Leben ihr selbst.
Nachdem sie zehn Minuten im Wasser gepaddelt war, schwamm sie zurück ans Ufer und trat in den weichen Sand. Eine Brise strich übers Meer und kühlte ihr die Haut, und Tess wurde klar, dass sie vergessen hatte, ein Handtuch mitzunehmen. Wenn sie aus ihrem T-Shirt geschlüpft wäre, bevor sie ins Wasser gegangen war, hätte sie jetzt ein trockenes Oberteil gehabt, das sie anziehen konnte. Stattdessen stand sie halb nackt in einem durchscheinenden, weißen Shirt da. Fabelhaft.
Sie schlüpfte in ihre Sandalen, verschränkte die Arme vor der Brust und eilte durch den Strandeingang des Hotels. Bitte mach, dass alle im Bett sind.
Aber so viel Glück hatte sie nicht. Als sie die Lobby betrat, händigte die Empfangsdame gerade einem Mann seinen Zimmerschlüssel aus. Mist. Sie würde an den beiden vorbeigehen müssen, um zur Treppe zu gelangen. Zum Glück war der Lift näher. Sie zog den Kopf ein, drückte den Pfeil nach oben und murmelte: »Komm schon, komm schon.«
»Ich hoffe, Sie genießen ihren Aufenthalt, Señor Jones«, sagte die Empfangsdame.
»Danke, María.«
Komm schon komm schon komm schon! Der Aufzug sirrte, bimmelte und öffnete sich. Ja! Tess war mit einem Schritt drinnen und drückte tausendmal auf den Knopf für den dritten Stock, wie ein hyperaktives Kind im Zuckerrausch – das Kind, das sie früher mal gewesen war.
Eine tiefe Stimme tönte durch die Lobby: »Halten Sie den Aufzug fest!«
Oh, Himmel, nein. Sie drückte auf den Knopf, der die Tür schloss, und stieß einen Seufzer aus, als er reibungslos funktionierte.
Da schob sich ein Fuß zwischen die sich schließenden Türen, schnell gefolgt von einem rauen »Verfluchter Mist!«, als die Türen sich nicht automatisch öffneten, sondern stattdessen klemmten. Nein! Tess schluckte das Eingeständnis ihrer Niederlage hinunter, als zwei sehr große, sehr maskuline Hände die Kante einer der Türen packten und zogen. Heftig. Wie Superman. Der Mann schuf binnen Sekunden genug Platz, um sich und seinen Reiserucksack durch die Lücke zu zwängen. Als er von den Türen wegsprang, als könnten sie ihn beißen, musste Tess sich an die Wand des Aufzugs pressen, um nicht platt gedrückt zu werden.
»Sind Sie verrückt?«, schrie sie, als die Aufzugtüren sich federnd hinter ihm schlossen. Ihre Stimme hallte durch den winzigen Raum und ließ die Wand an ihrem Rücken vibrieren. »Sie hätten getötet werden können!«
Irgendwie kam er ihr beim ersten Blick bekannt vor, aber dann bemerkte sie, dass er auf ihre Hand starrte. Sie folgte seinem Blick und sah, dass sie immer noch auf den Knopf zum Schließen der Tür drückte. Sie zog den Arm zurück und verschränkte ihn zusammen mit dem anderen vor der Brust. »Hoppla. Falscher Knopf.«
»Bescheuert …«, murmelte er. Er drückte auf den Knopf für den vierten Stock, wandte ihr den Rücken zu und ließ den abgenutzten blauen Rucksack von seinen Schultern gleiten. Der Aufzug erzitterte unter seinem Gewicht.
Heiliger Bimbam …Seine Schultern nahmen fast die Hälfte des Aufzugs ein. Tess stieß einen stummen Seufzer der Erleichterung aus, als ein Ruck den Lift durchlief und er seinen Aufstieg begann. In nur wenigen Sekunden würde die Tür sich wieder öffnen, und diese peinliche Situation würde hinter ihr liegen – buchstäblich, da sie in dem Stockwerk unter seinem aussteigen musste. Wenn sie ausstieg, würde ihr nasses T-Shirt an ihrem mageren Hintern kleben. Der Typ war so viel größer als sie. Warum zum Teufel hatte sie ihn angebrüllt, als er in den Lift gestiegen war?
Impulskontrolle war nie eine ihrer Stärken gewesen.
Glücklicherweise sagte er sonst nichts. Ihr war sein Akzent aufgefallen. Er kam wie sie aus England und war wahrscheinlich von Kindheit an versiert darin, peinliche Situationen zu ignorieren.
Der Aufzug tuckerte, und sein sprunghafter Aufstieg rief bei ihr das Bild eines Eimers hervor, der mit einem Flaschenzug per Hand von Affen hochgezogen wurde. Sie konzentrierte sich auf die Knöpfe und zählte mit, während sie aufleuchteten, als wären es Punkte auf einer To-do-Liste, die sie abhaken musste, bevor sie fliehen konnte. Erster Stock – erledigt – zweiter Stock – erledigt. Fast da …
Der Aufzug kam abrupt zum Stillstand. Tess keuchte auf und hielt sich an der Wand aus Holzimitat fest.
»Was zum Teufel?«, murmelte ihr Mitfahrer.
Die Knöpfe für das zweite und dritte Stockwerk leuchteten beide, aber die Türen öffneten sich nicht. Der Mann schlug mit der Faust dagegen, als wäre der Aufzug ein Süßigkeitenautomat, der seinen Snickers-Riegel nicht herausrückte. »Mach auf.«
»Ich glaube nicht, dass er Sie hört«, sagte sie.
Fehler. Ihre bissige Bemerkung lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf sie. Sie spürte es, obwohl sie den Blick fest auf die gegenüberliegende Wand gerichtet hielt. Wenn er kurz davor war, sie zu erwürgen oder anzuspringen, wollte sie das lieber nicht sehen. Mehrere lange Sekunden zitterte sie unter seiner stillen Musterung. Das Wasser war nicht so warm gewesen, wie sie es erwartet hatte. Es war schön, wenn man drin war, aber als sie in die leichte Brise hinausgetreten war, hatte sie am ganzen Körper eine Gänsehaut bekommen … und zwei Spitzen, die sie verzweifelt mit den Armen zu verdecken versuchte, als wäre ihm nicht längst aufgefallen, dass sie ihr Bikinioberteil in ihrem Zimmer vergessen hatte.
Verdammt. Aber sie hatte in einem von Männern dominierten Büro gelernt, für sich selbst einzutreten. Sie hob den Kopf, um den Mann anzufunkeln, und das vage Gefühl, dass er ihr bekannt vorkam, verwandelte sich schlagartig in Gewissheit.
Unmöglich. Einfach unmöglich.
Liam Callaghan? Liam Callaghan, der größte Punktemacher überhaupt im Rugby? Kapitän der London Legends und seit Kurzem der englischen Nationalmannschaft? Der verdammte Liam Callaghan? Ihr Vater würde ausrasten, wenn sie ihm davon erzählte.
Das nasse T-Shirt würde sie natürlich nicht erwähnen.
Er starrte sie ebenfalls an. Oder zumindest starrte er auf ihr Haar. Sie hielt sich nur mit Mühe davon ab, es verlegen zu berühren. In den letzten paar Tagen hatte sie eine Menge komischer Blicke auf sich gezogen – wenig überraschend, da ihr Haar gegenwärtig pink war. Nachdem er kurz den Horror auf ihrem Kopf fixiert hatte, wandte Liam Callaghan sich ab, als wäre sie es nicht wert, weiter zur Kenntnis genommen zu werden – eine Einstellung, an die sie sich während ihrer jahrelangen Arbeit in einer Branche, die von Testosteron nur so troff, gewöhnt hatte. Er hämmerte wieder gegen die Tür. Diesmal schrie er jedem, der ihn vielleicht hören konnte, zu: »Hallo? Wir sitzen hier drin fest!«
Sie versuchte noch einmal, auf den Knopf für den dritten Stock zu drücken. Und noch einmal. Ihr Finger wurde immer hektischer, während die Türen stur geschlossen blieben.
»Hören Sie doch auf damit«, blaffte er. »Das macht es nur noch schlimmer. Wir sitzen wahrscheinlich überhaupt nur deshalb hier fest, weil Sie alle Knöpfe gleichzeitig gedrückt haben.«
»Was, Sie behaupten, ich hätte den Aufzug kaputt gemacht? Ich? Nachdem Sie die Türen mit Gewalt geöffnet haben?«
Seine Augen weiteten sich in offenkundiger Ungläubigkeit. »Machen Sie Witze? Ich hätte das ja nicht zu machen brauchen, wenn Sie den Aufzug angehalten hätten, wie jeder anständige Mensch es getan hätte.«
Sie schluckte ihren Ärger hinunter. Er hatte natürlich nicht ganz unrecht, obwohl sie über den Ausdruck anständiger Mensch streiten würde, wenn sie nicht halb nackt und dazu mit einem Mann in einen Aufzug eingesperrt wäre, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, hundert Kilo schwere Männer zu Boden zu werfen. »Hören Sie, verschwenden wir unsere Zeit nicht mit Streit. Wie kommen wir hier raus?«
Die Frage war mehr an sie selbst gerichtet als an ihn, und sie hatte bereits angefangen, die Türen, die Wände und die Decke nach einem Hinweis darauf abzusuchen, was im Notfall zu tun war. An der Decke gab es keine Fluchtluke, wie in Filmen. Nicht, dass sie gewusst hätte, was sie hätte tun sollen, wenn er sie zu einer solchen hochgehoben hätte. Vielleicht hätte sie die Affen überredet, wieder an die Arbeit zu gehen? Kein Telefon, kein Notrufknopf. Keine Sicherheitskamera. »Scheiße. Wir sind am Arsch.«
»Vielleicht gibt es einen Rufknopf«, meinte er, offensichtlich ein paar gedankliche Schritte hinter ihr, während er das Paneel genauer in Augenschein nahm.
»Es gibt keinen. Es gibt nichts. Wir stecken wirklich und wahrhaftig fest.«
Er ließ den Blick über die Decke und über die Ecken wandern, dann strich er mit den Händen über den Spalt zwischen den geschlossenen Türen. Sie wartete stumm darauf, dass er sie einholte. »Da ist nichts. Wir sitzen fest.«
Nachsager. Es wäre eine schlechte Idee gewesen, das laut auszusprechen. Eine weitere Sache, die sieben Jahre Arbeit mit sexistischen Schweinen sie gelehrt hatten. Bring sie nicht gegen dich auf, und versuche, nicht zu reagieren. Sie schikanieren dich, weil sie sehen wollen, wie du die Fassung verlierst. Wenn du das nicht tust, begreifen sie, dass es nicht viel Spaß gemacht hat, und hören damit auf.
Er schlug gegen die Türen, worauf der ganze Aufzug erbebte. Ohne nachzudenken, hielt sie ihn am Arm fest, damit er aufhörte, zog die Hand aber sofort zurück, als sie die Kraft in seinem Bizeps spürte. Sie würde drei Hände brauchen, um diese Bizeps umfangen zu können. »Bitte, tun Sie das nicht. Ich würde lieber zwischen zwei Stockwerken festsitzen, als in Richtung Erdgeschoss zu stürzen.«
»Die Empfangsdame hat gesagt, sie ginge gleich nach Hause. Vielleicht ist sie noch da. Hallo! María!« Er hämmerte gegen die Wände und brüllte noch ein wenig weiter, bevor er mit einem Fluch aufgab. »Scheiße, einfach großartig.«
Einige angespannte Augenblicke lang standen sie in verlegenem Schweigen da. Ihr Zittern wurde heftiger. Das kühle Bad hatte sich belebend angefühlt, nachdem sie den ganzen Tag lang vor Hitze fast eingegangen wäre, aber jetzt registrierte ihr Körper nicht nur das leichte Sinken der Temperatur, sondern auch die Tatsache, dass sie vielleicht stundenlang mit einem fremden Mann in diesem Aufzug festsitzen würde. Einem frustrierten Mann. Einem Mann, den sie nicht kannte, und sie war ziemlich exponiert. Mehr als nur die Kälte brachte ihre Zähne zum Klappern.
»Frieren Sie?«
»Mh-hm.« Sie rieb sich die Arme, so gut sie es konnte, ohne ihre Brüste zu entblößen. Sie zog die Schultern nach vorn und machte einen leichten Buckel, um sich vor seinen Blicken zu schützen, und weil es immer kälter wurde, je länger sie darüber nachdachte.
»Machen Sie Witze? Es ist brühheiß hier drin.«
Sie warf ihm einen ungläubigen Blick zu. »Es ist Ihnen vielleicht nicht aufgefallen, aber ich habe etwas weniger an als Sie.«
Einer seiner Mundwinkel zuckte nach oben. Es war ihm offensichtlich durchaus aufgefallen, und sie wappnete sich gegen den schmierigen Kommentar, der unausweichlich folgen würde.
Nichts.
Er hockte sich hin und öffnete den Verschluss seines uralten blauen Rucksacks, dann zog er an der Kordelklemme, die den oberen Teil der Tasche verschloss. Nachdem er einige Sekunden lang darin gestöbert hatte, zog er eine Handvoll grüner Baumwolle heraus. »Trockenes T-Shirt?«
Oh, Gott, ja, bitte. Sie nahm es ihm mit einem dankbaren Lächeln ab, und er begann von Neuem in seiner Tasche zu wühlen. »Ich habe hier drin auch ein Paar Hosen, aber ich fürchte, Sie passen komplett in eins meiner Hosenbeine, das wird also vielleicht nicht allzu nützlich sein.«
Er riss ein Paar Shorts heraus, hielt sie hoch und beäugte Tess. »Ich glaube nicht, dass die eine Chance hätten, oben zu bleiben.« Er ließ sie fallen, wandte sich wieder seinem Rucksack zu und präsentierte graue Boxershorts. Sein Blick wanderte keine Sekunde lang von ihrem Gesicht abwärts, obwohl er auf Augenhöhe ihrer weiblichen Körperteilen hockte. »Wie wäre es mit einer Unterhose von mir? Ich verspreche, sie ist sauber.«
»Danke für das Angebot, aber ich habe Sie gerade erst kennengelernt. Ich glaube nicht, dass es passend wäre, Ihre Unterwäsche zu tragen.«
»Sie haben recht. Es ist viel passender, wenn Sie da rumstehen und nichts weiter anhaben als mein T-Shirt.«
Mit einem resignierten Seufzer nahm sie ihm die Boxershorts ab und sagte: »Danke.«
»Nein, ich danke Ihnen.« Er schloss seinen Rucksack, stand auf und drehte ihr den Rücken zu. »Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie fertig sind.«
Der winzige Aufzug bot nicht viel Bewegungsspielraum, aber sie schälte sich hastig aus ihrem durchnässten T-Shirt und ließ es mit einem Plopp auf den Boden fallen. Dann zog sie sich sein T-Shirt über den Kopf. Der Saum reichte ihr bis zu den Knien und bedeckte sie, während sie sich aus ihrem feuchten Bikinihöschen befreite und seine Unterhose anzog. Der Taillenbund war nicht eng genug, um dort zu bleiben, wo er hingehörte, aber glücklicherweise legte er sich um ihre Hüften und machte den Eindruck, als würde er dort bleiben. Sie ertrank jetzt in Kleidern, und er wandte ihr immer noch respektvoll den Rücken zu. Ein gefährlicher Mann hätte weder das getan noch ihr überhaupt erst seine Kleider gegeben – richtig? Ihre Schultern entspannten sich. »Ich bin fertig.«
Er drehte sich wieder zu ihr um und musterte schnell ihr Outfit. Dann streckte er die Hand aus und sagte: »Ich bin Liam -- äh, Jones.«
Sie hinderte ihre Brauen daran, sich bei seiner Lüge zusammenzuziehen, aber nur mit knapper Not. »Hallo, Liam Jones. Ich bin Tess. Tess … Crawley.«
Was zum Teufel. Wenn er einen Name erfand, konnte sie es genauso gut tun, daher wählte sie einen aus dem historischen TV-Drama, das sie am liebsten mochte. Ihr wirklicher Name war weiß Gott fast das ganze Jahr in allen Zeitungen breitgetreten worden. Sie war hierhergekommen, um dem juristischen Minenfeld zu entfliehen, in das sie sich gestürzt hatte, aber ihr war nie der Gedanke gekommen, eine neue Identität anzunehmen, was ihr jetzt, da sie darüber nachdachte, wie ein Versäumnis vorkam. Hatte sie nicht alles Erdenkliche getan, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen und zu einem neuen Menschen zu werden? Sie hatte zweimal radikal die Haarfarbe gewechselt, alles, nur nicht ihr normales, langweiliges Braun. Sie hatte die vergangenen zwei Tage damit verbracht, die Baumkronen des Dschungels zu erkunden, statt des städtischen Dschungels, in dem sie ihr Leben lang gefangen gewesen war. Doch sie hatte nicht daran gedacht, inkognito zu reisen. Hm. Tessa Crawley. Das war mal etwas Neues.
Liam ächzte vor aufgestauter Frustration und streckte die Arme über seinem Kopf aus. Seine Fingerspitzen kratzten an der niedrigen Decke. Er war erheblich größer als sie mit ihren ein Meter siebenundfünfzig, vielleicht fast eins achtzig. Sicherlich keiner der körperlich größten Spieler. Tatsächlich erschien er im Fernsehen neben einigen seiner Mannschaftskameraden winzig. Andere überragte er hingegen. Komische Sache mit dem Rugby, dass die Männer, die es spielten, total unterschiedlich gebaut waren – es gab halslose Hundertdreißig-Kilo-Goliaths, Gartenzwerge, die übers Feld flitzten … und Götter wie Liam Callaghan.
Aber nein, er war ja nicht Liam Callaghan, das durfte sie nicht vergessen. Jeder verdiente seine Privatsphäre, vor allem, wenn er im Urlaub war – eine Lektion, die sie erst kürzlich auf die harte Tour gelernt hatte.
Er schaute auf seine Uhr. »María hat mir gesagt, die Rezeption öffne um sechs. Das sind von jetzt an weniger als fünf Stunden. Kann es sein, dass jemand früher auftaucht und merkt, dass der Aufzug kaputt ist?«
»Könnte sein. Ich wette, das Küchenpersonal kommt ziemlich früh. Das Frühstück, das sie servieren, ist umwerfend. Es muss Stunden dauern, es vorzubereiten.«
Ein Knurren erklang, und sie schauten beide auf seinen Bauch.
»Hunger?«, fragte sie.
»Ja. Ich habe im Flugzeug etwas gegessen, aber das war vor Stunden.«
»Keine Snacks in Ihrer Zaubertasche?«
Sein Gesicht leuchtete auf, und er rupfte den armen Rucksack praktisch auseinander. Er warf mehrere zusammengerollte Kleidungsstücke auf den Boden, bevor er mit einem triumphierenden »Ah-ha!« einen Plastikbehälter herausnahm.
Sie verzog das Gesicht, als er den Deckel aufspringen ließ. »Was ist das?«
»Eine Kleinigkeit, die meine Haushälterin mir für die Reise gemacht hat. Ich kann nicht glauben, dass ich sie fast vergessen hätte.«
»Sie haben eine Haushälterin?«
Ein wachsames Flackern huschte über seine Züge. Er schien zu begreifen, dass er zu viel von sich verraten hatte, und wich der Frage aus. »Selbstgemachte Energieriegel. Sie sehen ein wenig mitgenommen aus von der Reise, aber sie sind toll. Jede Menge Hafer, Sultaninen, Weizenkeime, Honig … wollen Sie einen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin bei ›Weizenkeimen‹ ausgestiegen.«
»Wie Sie wollen.« Er setzte sich auf den Boden und lehnte sich an die Wand. Zu groß, um die Beine auszustrecken, hielt er sie angewinkelt und weit gespreizt, mit seinem Rucksack zwischen den Knien, wodurch er noch mehr in ihren persönlichen Raum vordrang. Sie spähte noch einmal in den Behälter. Was früher vielleicht Riegel gewesen waren, glich jetzt bleicher, klumpiger Erde. Er nahm eine Handvoll aus dem Behälter und drückte sie zu einer Kugel zusammen, bevor er sie sich in den Mund warf. Er schloss die Augen, während er kaute, und sein Hinterkopf schlug gegen die Wand. Er hatte tiefe Ränder unter den Augen. Sein gewelltes blondes Haar – berühmt dafür, immer strubbelig zu sein –, stand ihm praktisch zu Berge. Er sah erschöpft aus … und viel zu groß für diesen Aufzug.
Er nahm noch mehr von den zerkrümelten Riegeln und stopfte sie sich mit einem Seufzer der Befriedigung in den Mund. Ihr war nicht bewusst gewesen, welchen Hunger sie gehabt hatte, bis sie den Geruch von Honig wahrnahm. Schwimmen löste bei ihr immer einen Bärenhunger aus. Als er geschluckt hatte, schaute er mit schläfrigen Augen zu ihr hoch. »Warum setzen Sie sich nicht? Wir werden vielleicht länger hier drin sein. Ich bin es nicht gewohnt, aufblicken zu müssen, um mit einer Frau zu reden, und ich kriege langsam eine Nackenstarre.« Sie ließ sich an der Wand hinabgleiten, zog die Knie an die Brust, um sich warm zu halten, und spannte den Saum des T-Shirts bis über ihre nackten Beine. Ihr Magen knurrte, aber bevor sie einen verstohlenen Blick auf seinen Snack werfen konnte, streckte er schweigend den Arm aus, um ihn ihr hinzuhalten.
»Danke.« Sie versuchte, anmutig zu wirken. Ihre Mutter hatte ihr damenhafte Tischmanieren eingebläut, wodurch es ihr schwerfiel, zerbröselte, klebrige Haferflocken zu nehmen, ohne sich dabei wie ein Ferkel zu fühlen.
Liam schüttelte mit unverhohlener Erheiterung den Kopf und griff mit der ganzen Hand in den Plastikbehälter. »Lassen Sie mich helfen. Mund auf.«
Sie öffnete den Mund.
»Noch weiter, Fräulein Vornehm.«
Nur um ihn zu veralbern, öffnete sie den Mund, so weit sie konnte, und legte den Kopf in den Nacken. Sie erschrak, als er ihr einen Schauer der Mixtur in den Mund rieseln ließ. Bröckchen prallten von ihrem Kinn ab – hoffentlich waren es die Weizenkeime, was immer das sein mochte – und rollten auf den Baldachin, den sein T-Shirt zwischen Brust und Knien bildete. Sie schloss den Mund und kaute, der süße Geschmack von Honig bedeckte ihre Zunge und entlockte ihr ein Stöhnen.
»Gut, hm?«
Sie nickte, zu selig, um artikuliert zu antworten. Sie war hungriger gewesen, als sie gedacht hatte, und die köstliche Mischung kam ihrem Geschmack an Süßem entgegen. Einfach, aber lecker. Befriedigend, während es in ihr einen Hunger auf mehr weckte. Mehr. Sie brauchte mehr. Ihr Kopf rollte zur Seite, und sie öffnete den Mund und empfing eine zweite Portion. Sie genoss, kaute, schluckte und stieß einen kehligen Seufzer aus, um dann zu begreifen, wie peinlich erotisch das Geräusch war, als sie die Augen öffnete und feststellte, dass Liam sie mit einem Gesichtsausdruck betrachtete, den sie nicht zu deuten vermochte. Sie leckte sich verlegen die Krümel von den Lippen, und Liams farngrüne Augen konzentrierten sich mit einer Intensität auf ihren Mund, die ihr noch nie zuteil geworden war. Es war, als würde ein verhungernder Mann ein Steak betrachten oder als würde sie am Ende einer grauenhaften Arbeitswoche eine Flasche Cabernet anstarren. Verlangen und Begehren umkreisten einander und rieben sich in einem verführerischen Tanz aneinander. Ihre Temperatur stieg, als er den Blick von ihrem Mund losriss und ihr mit einer Mischung aus Faszination und Verwirrung in die Augen sah.
Er schaufelte sich eine weitere Portion von seinem Snack in den Mund und kaute langsam darauf herum. »Also, ähm, erzählen Sie doch mal, wie das Frühstück hier ist.«
Okay, vielleicht hatte sie diesen Blick falsch gedeutet und etwas hineininterpretiert, was sie sehen wollte. Oder vielleicht war Essen sein Fetisch. Sie versuchte, die lüsternen Gedanken zu verscheuchen, die ihr den Kopf vernebelten. »Es ist ein großes Buffet. Jede Menge tropischer Früchte, Ananas, Mango und sogar Stücke von frischen Kokosnüssen. Aber Sie können auch das hiesige Äquivalent eines Pfannengerichts bekommen – Bohnen, Rührei mit Zwiebeln und Tomaten … ach, und diese Dinger, die Cachapa heißen. Das sind dicke Pfannkuchen aus Mais mit geschmolzenem Käse darin. Köstlich.«
Ihre Mägen knurrten gleichzeitig, und er hielt ihr noch einmal den Behälter mit Krümeln hin. Es scherte sie nicht länger, ob sie damit eine Schweinerei anstellte, sie quetschte einige Bröckchen zusammen und warf sich den Klumpen in den Mund. »Vom Schwimmen werde ich immer hungrig und müde.«
»Sind Sie deshalb so spät in der Nacht noch an den Strand gegangen? Konnten Sie nicht schlafen?«
»Nein, das nicht.« Aber wie konnte sie erklären, dass sie sich eine Liste mit zehn Dingen erstellt hatte, die sie auf dieser Reise tun wollte. Dinge, die sie noch nie zuvor getan hatte und die sie probieren wollte, weil sie beschlossen hatte, dass ihr Leben sonst nicht vollständig wäre. Nackt baden war Nummer eins auf der Liste – immer noch nicht abgehakt.
Er senkte die Stimme und verzog die Lippen zu einem sanft neckenden Lächeln. »Lassen Sie mich raten. Ihnen war furchtbar heiß, und Sie konnten es nicht länger ertragen, daher sind Sie zum Strand gegangen – mit dem festen Vorsatz, anständig zu bleiben und nur die Zehen ins Wasser zu tauchen. Vielleicht bis zu den Knöcheln hineinzugehen. Aber dann ist etwas über Sie gekommen. Eine verderbte Sehnsucht danach, ein wenig unartig zu sein. Also haben Sie sich bis auf Ihren Bikini ausgezogen und sind hineingesprungen. Erst als Sie aufgetaucht sind, um Luft zu holen, fiel Ihnen auf, dass Ihr Oberteil auf magische Weise verschwunden war.«
Sie unterdrückte einen Schauder und zwang ihre Augenbrauen, sich in gespieltem Tadel hochzuziehen. »Sie haben aber Fantasie.«
»Eigentlich nicht. So was passiert in vielen Filmen, die ich mir ansehe.«
»Oh, klar. Sie sehen sich diese Art von Filmen an.«
Er zuckte die Achseln. »Ich will nicht lügen. Es kommt vor, dass ich mir so was ansehe, wenn ich in Hotels wohne.«
»Wohnen Sie oft in Hotels?«
Er ignorierte sie. »Aber so war es gar nicht, oder? Sonst wäre Ihr T-Shirt feucht, aber nicht klatschnass.«
»Sie denken viel zu viel darüber nach. Überanstrengen Sie sich bloß nicht.«
»Hm … ich schätze, Sie haben bis mitten in der Nacht gewartet, weil Sie dachten, alle würden schlafen. Sie hatten beschlossen, ein mitternächtliches Bad in der Bucht zu nehmen. Offensichtlich haben Sie nie Der weiße Hai gesehen, sonst wäre Ihnen klar gewesen, was für eine dumme Idee das ist. Aber Sie wollten hineingehen, ganz und gar, und Sie wollten das Wasser am ganzen Körper spüren.«
Sie errötete, und plötzlich verschwand die Kälte aus ihrem Körper und wurde durch eine Hitze ersetzt, die dicht unter ihrer Haut köchelte. Woher wusste er das? War sie so leicht zu durchschauen?
Anscheinend ja, denn er beobachtete sie eingehend, als er fortfuhr. »Das ist es. Sie wollten das warme Wasser überall an Ihrem nackten Körper spüren. Oder vielleicht hatten Sie nur die Absicht, beim ersten Mal ohne Oberteil hineinzugehen, um sich Mut zu machen, und auf einen späteren Zeitpunkt zu warten, um ganz nackt zu baden. Quasi um sich langsam einzugewöhnen. Also haben Sie Ihr Bikinioberteil im Zimmer gelassen, weil Sie wussten, dass Sie kneifen würden, wenn Sie es mitnähmen.«
Seine Beschreibung der Szene kam dem tatsächlichen Geschehen so nah, als hätte er sie beobachtet. Aber das hatte er offensichtlich nicht getan. Der Rucksack und die müden Augen sprachen dafür, dass er gerade erst eingecheckt hatte. Aber seine scharfe Beobachtungsgabe verschlug ihr den Atem.
»Nur ist Ihr T-Shirt nass, deshalb denke ich, Sie haben trotzdem gekniffen. Sich eingeredet, dass es für heute abenteuerlich genug war, um Mitternacht im dunklen Wasser zu schwimmen, und dass Sie lieber morgen Nacht unartig sein wollten … oder vielleicht in der Nacht darauf. Was ist passiert?«
Sie schluckte, und sein intensiver Blick hielt sie wie gebannt fest. »Zu viel Mondlicht. Einige Zimmer gehen auf die Bucht hinaus. Ich wollte nicht, dass irgendjemand mich sieht. Weil ich noch weitere fünf Nächte gebucht habe.«
»Also werden Sie es in Ihrer letzten Nacht hier tun?«
»Vielleicht.« Das war jedenfalls der Plan. Sie musste es tun. Sie ließ Punkte auf To-do-Listen niemals offen.
»Wissen Sie, was Sie brauchen?«
Ja, da fielen ihr ungefähr tausend Dinge ein, und in diesem Moment war sie davon überzeugt, dass er ihr die meisten davon bieten konnte.
»Sie brauchen eine einsame Bucht. Einen Ort mit ein wenig Privatsphäre, versteckt vor Blicken.«
Klang vernünftig. Warum war ihr das nicht selbst eingefallen?
»Aber das ist auch nicht wirklich sicher, stimmt’s? Was passiert, wenn Sie einen Krampf im Bein bekommen? Oder es eine Unterströmung gibt? Wer achtet auf Haifischflossen, die hinter Ihnen im Wasser auftauchen? Schwimmlektion Nummer eins: Niemals allein schwimmen gehen.«
Sie schloss die Augen, lehnte den Kopf an die Wand und ließ sich von seiner verführerischen Stimme umschmeicheln.
»Sie brauchen einen Schwimmkumpel, Fräulein Vornehm. Es ist ein Glück, dass ich hier bin. Ich gebe einen ausgezeichneten Komplizen ab.«
Liam war nicht hier, um sich in eine billige Affäre zu stürzen. Er war hier, um sich Zeit zum Heilen zu geben, und sein Sportpsychologe hatte ihm ausdrücklich verboten, unverbindlichen Sex als Mittel emotionaler Heilung zu nutzen. Nachdem er diesen Rat monatelang ignoriert und am Boden eines sehr dunklen Lochs angelangt war, hatte Liam endlich beschlossen, der Weisung seines Therapeuten zu folgen. Zeit für sich allein, abseits all der Ablenkungen seines Berufs – einschließlich Frauen –, damit er sich mit seiner Trauer auseinandersetzen konnte.
Aber dann hatte sie gestöhnt. Gestöhnt. Hier, direkt neben ihm auf so engem Raum, dass er sich nicht einmal hinlegen und lang ausstrecken konnte. Plötzlich wollte er nur noch in die Horizontale und die Energie entfesseln, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie nach diesem ätzenden Flug noch in sich hatte.
Sie hatte gestöhnt, verflucht noch mal – wegen eines Energieriegels –, und das war alles, was es gebraucht hatte, um es im Aufzug schwül statt stickig zu finden. Intim, statt Platzangst verursachend.
Und ihr Gesicht … er konnte es nicht beschreiben. Als sie so weich und glücklich ausgesehen hatte, war das eine Ablenkung von ihrem unglückseligen Haar gewesen und hatte ihn dazu veranlasst, sich all die Möglichkeiten vorzustellen, mit denen er diesen befriedigten Gesichtsausdruck zurückholen konnte.
»Sie starren mich an.«
Er blinzelte. »Tue ich das?«
»Ja. Voll unheimlich.«
Er stieß ein leises Lachen aus. Tja, das beantwortete die Frage, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlen mochte. Kein Wunder – seit er aus dem Flugzeug gestiegen war, schwitze er wie ein Schwein. Ein ganzer Tag in Flugzeugen und eine dreistündige Autofahrt zum Hotel bedeuteten, dass er wahrscheinlich so roch, als käme er gerade vom Rugbyfeld. Nach dem Einchecken hatte er nur eine Dusche und ein Bier gewollt, möglichst gleichzeitig. Verdammt, er wäre weniger klebrig, wenn er in Bier gebadet hätte.
Er richtete den Blick auf die fest verschlossenen Aufzugtüren und sagte: »Das tut mir leid. Besser jetzt?«
»Ja, danke.«
Wieder hielt er ihr die Box mit den Krümeln hin. »Wollen Sie mehr?«
Sie schwieg für eine Sekunde, was ihn auf die Idee brachte, dass sie vielleicht überlegte, ob sein Angebot mehr enthielt als Energieriegel. Das tat es. Schließlich seufzte sie voller Bedauern: »Besser nicht.«
Interessant. Er gestattete sich, sie noch einmal anzusehen. »Warum nicht? Haben Sie sich … anderen Nahrungsmitteln verschrieben?«
»Ähm, nein. Das ist nicht das Problem.«
»Sie stehen also nicht auf Riegel, sondern mehr auf Mädchen?«
Sie lachte. »Ihnen ist wohl nichts Essbares eingefallen, was Sie mit weiblichen Körperteilen vergleichen konnten?«
»Nichts, was mir nicht einen Schlag ins Gesicht eingetragen hätte.«
Sie beugte sich ein wenig weiter vor und flüsterte, als lege sie ein Geständnis ab. »Ich habe definitiv eine Schwäche für Riegel.«
Sein Herzschlag beschleunigte sich und pumpte Blut tief unten in seinen Bauch. »Freut mich zu hören. Wenn Sie damit also kein Problem haben, was hindert Sie dann daran, mehr zu kosten?«
»Es ist … kompliziert.«
Normalerweise hätte er sich seinen Weg zu einer günstigeren Antwort geflirtet, aber er verstand Kompliziertheit. Verdammt, sie kannte nicht einmal seinen richtigen Namen. Doch irgendwie machte das ihre Reaktionen auf ihn nur umso verführerischer. Nur ein einziges Mal wollte er wissen wie es war, mit einer Frau zusammen zu sein, die da war, weil sie ihn wollte, nicht sein Geld, seinen Ruhm oder die Publicity, die damit verbunden war.
Während des größten Teils seiner Karriere war er Frauen begegnet, die herausgefunden hätten, in welchem Hotel er wohnte, in einen Pool gesprungen wären oder sich mit ihm in den Aufzug manövriert hätten, um ihm alles zu zeigen, was sie zu bieten hatten. Er hatte nicht viel Erfahrung mit Frauen, die aus der realen Welt kamen.
Die Tatsache, dass Tess real war, machte sie nicht nur attraktiver, sondern auch schwerer berührbar. Er war an Frauen gewöhnt, die sich mit den Regeln auskannten. Lockere Beziehungen mit ein bisschen Partybegleitung inklusive – das war es, was beide Seiten jeweils wollten. Er konnte der gut aussehende Tarzan im Anzug sein und eine fotogene Eskorte für Schauspielerinnen bei Premieren abgeben. Sie konnten eine angenehme Ablenkung von einer Karriere sein, die keine Zeit für irgendetwas anderes ließ … nicht einmal für die Familie, die ihn am dringendsten brauchte.
Er versuchte den Gedanken daran beiseitezuschieben, wie die letzten Tage seiner Mutter gewesen sein mussten, aber mit der Trauer und mit den Schuldgefühlen fertig zu werden war der Grund, warum er hier war – die Worte seines Therapeuten, nicht seine eigenen. Er hätte gesagt, dass er hier war, um verdammt noch mal darüber hinwegzukommen, um die quälende Erinnerung loszuwerden, wie seine Mum ausgesehen hatte, als er es endlich in ihr Krankenhauszimmer geschafft hatte.
Seine Eingeweide zogen sich zusammen und erstickten seine Lust. Er brauchte schnell etwas Konversation, bevor die Geister wieder Gestalt annahmen. Sie ist schon einige Tage hier. Frag sie, was man hier machen kann.
Dong, dong, dong.
Sie richteten sich beide auf. »Haben Sie das gehört?«
»Ja«, antwortete sie, kniete sich hin und klopfte gegen die Türen. Dong, dong, dong. »Hallo? Ist da draußen jemand?«
»Dios mío – sí! Ja, ich bin hier draußen. Ich bin María von der Rezeption. Der Handwerker arbeitet an dem Problem. Er wird …«
Die Türen öffneten sich plötzlich reibungslos, wie sie es vor einer Ewigkeit hätten tun sollen, und offenbarten, dass sie ihr Ziel noch nicht ganz erreicht hatten. Nur der obere Meter der Tür öffnete sich auf die Etage; darunter konnten sie die Wand des Aufzugschachtes bewundern. Eine Frau in knielangem Rock beugte sich vor, um zu ihnen hineinzuspähen. »Geht es Ihnen gut?«
Liam rappelte sich hoch, nahm Tess an der Hand und half ihr, ebenfalls aufzustehen. Er spürte große Erleichterung – Gott, er brauchte jetzt wirklich eine kalte Dusche –, und zog sie an die Brust, drückte ihr mit einem lauten, dankbaren Schmatz die Lippen auf die Stirn. Sie lachte und umarmte ihn schnell, bevor sie ihn losließ. »Kommen Sie, nichts wie raus hier.«
Liam schob seine Kleider in seinen Rucksack zurück, bevor ihm bewusst wurde, dass Tess Marías Hand ergriffen hatte und sich anschickte, sich von ihr hochziehen zu lassen. »Halt, ich hebe Sie schon hoch.«
Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu. »Ich glaube, wir kommen klar.«
Tess stemmte sich mit der freien Hand auf den Boden der Etage, während María zog. Sie gelangte mühelos nach oben, aber Liam legte ihr die Hände an die Hüften, die Daumen unter ihre Pobacken gedrückt, und gab ihr damit zusätzlichen Schwung. Es war ein ziemlich fester Po, wenn man bedachte, wie klein sie war. Entgegen seinem ersten Eindruck war überhaupt nichts Mageres daran. Sie drehte sich in der Luft um und rutschte über den Boden, bevor sie die Beine herumschwang. Als sie im Flur des dritten Stocks lag, sah sie ihn an und zog hochmütig die Augenbrauen hoch. »Ich hatte Ihnen doch gesagt, dass wir alles im Griff haben.«
»Ich weiß. Das hatten Sie bestimmt. Das bedeutet aber nicht, dass ich einfach wie ein Depp hier rumstehen sollte, oder?«
Sie verdrehte die Augen. »Reichen Sie mir Ihren Rucksack.«
»Ist schon gut. Ich komme klar«, neckte er sie.
»Sie sind ein Depp.«
Er lachte, als er seinen Rucksack durch die Lücke schob. Tess stellte ihn beiseite und machte Platz, damit Liam in die Freiheit klettern konnte. Aber als sie die Hand ausstreckte, als wolle sie helfen, ihn herauszuzerren, hörte er auf zu lachen. »Jetzt machen Sie definitiv Witze.«
Sie antwortete mit einem rätselhaften Achselzucken. »Vielleicht.«
Er ignorierte ihre Geste, drückte die Hände flach auf den Boden und hievte sich hoch. Für einen herrlichen Moment lag er auf dem Boden und streckte, so weit er konnte, die Arme und Beine aus. Vierzehn Stunden in Flugzeugen, drei Stunden in einem Wagen und viel zu lange in einem winzigen Aufzug … er hatte sich schon gefragt, ob er jemals wieder in der Lage sein würde, seinen ganzen Körper zu bewegen.
María plapperte nervös und erklärte, dass ihr Direktor sie auf ihrem Handy angerufen habe um zu sagen, dass der Alarm des Aufzugs losgegangen sei. Als sie ihm erklärt hatte, dass kurz vorher ein Gast eingetroffen sei, hatte er den Hausmeister des Hotels angerufen, der aus dem Dorf hergefahren war und jetzt unten am Schaltpult arbeitete. Liam war das alles scheißegal. Er sehnte sich nach vielen Stunden in der Horizontalen.
»Es tut uns so leid, dass das passiert ist«, fuhr María fort. »Bitte, lassen Sie mich wissen, was wir tun können, um es wiedergutzumachen. Wir können Massagen für Sie arrangieren oder Ihnen eine Freikarte für das Spa anbieten …« Liam hatte noch nie jemanden gefunden, der ihn so gut massierte wie Steven, der Massagetherapeut der Mannschaft, dessen Bizeps und Hände größer waren als die von Liam. Und er wusste nicht so genau, was in Spas passierte, aber wann immer seine früheren Freundinnen eins besucht hatten, waren sie mit erheblich weniger Haar an gewissen empfindlichen Stellen nach Hause gekommen, daher schied das aus. Das Einzige, was er wollte, war ein Bett.
Oh, und noch etwas. »Kann ich ein Bier bekommen? Gezapft, nicht aus der Dose.«
Marías Augen weiteten sich. »Natürlich! Ich habe den Schlüssel zum Restaurant. Ich werde Ihnen Ihr Bier gleich bringen. Wie viele hätten Sie gern?«
»Nur eins.« Eins war ohnehin schon Luxus. Er trank während der Saison nie, und in der Zeit zwischen zwei Saisons beschränkte er sich auf ein paar Bier in der Woche. Einige seiner Mannschaftskameraden erschienen zum Saisonvorbereitungs-Training wie dicke Fässer voller Schmalz, und sie mussten besonders hart arbeiten, um das Fett loszuwerden, das sie inzwischen angesetzt hatten. Er nicht. Er arbeitete nicht wie ein Berserker, um ständig besser zu werden, um durch einen Monat Völlerei wieder zuzunehmen, was er zuvor abgenommen hatte.
»Und Sie, Señora?«, fragte María Tess. »Was können wir für Sie tun?«
Tess schwieg für einen Moment, und Liam setzte sich auf, damit er sie sehen konnte. Sie starrte ins Leere und hatte einen entzückenden Oh-welche-Möglichkeiten-Gesichtsausdruck, der in ihm den Wunsch weckte, er hätte um etwas anderes gebeten. Etwas, das ihnen beiden mehr Zeit zusammen verschafft hätte. Vielleicht würde sie ebenfalls um ein Bier bitten. Sie konnte es in seinem Zimmer trinken, und in Erinnerungen an die Zeit schwelgen, da sie zusammen in einem Aufzug festgesessen hatten.
Schließlich umspielte ein süßes Lächeln ihre Lippen, und sie sah María an. »Könnten Sie mir sagen, ob es hier in der Nähe irgendwelche versteckten Buchten gibt?«
Liam hielt ein altes Foto in Händen. Seine Mum – achtzehn Jahre alt und auf einer Reise, um sich selbst zu entdecken – stand vor dem Taj Mahal. Sie trug einen großen, brandneuen blauen Rucksack auf den Schultern. Liam ließ das Foto auf den Boden fallen, trat hinein und beobachtete, wie die Ränder verschwammen, als er ein Teil der Szene wurde. Frauen in bunten Saris gingen vorbei, aber er sah nur eine einzige Frau. Noch kaum eine Frau. Das Lächeln seiner Mum verwandelte ihr Gesicht von hübsch in strahlend, so wie es sein ganzes Leben lang gewesen war.
»Was machst du hier, cariad?«, fragte sie, ihr walisischer Akzent war stärker, als er ihn in Erinnerung gehabt hatte. Vielleicht war er in den fünf Jahren, die sie zwischen dieser Reise und seiner Geburt in London verbracht hatte, weicher geworden.
»Ich weiß es nicht. Ich suche wohl nach dir. Ist Dad hier?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn noch nicht kennengelernt. Komm nächste Woche wieder, wenn ich in Udaipur bin. Dort teile ich mir vom Bahnhof aus ein Tuk-Tuk mit ihm. Du kannst dich zu uns quetschen und beobachten, wie er mein Herz erobert.«
Sie verlagerte ihr Gewicht, und er begriff, dass der Rucksack schwer sein musste. Er trat hinter sie, zog ihn ihr von den Schultern und hievte ihn auf seine eigenen. Sie versuchte, ihn davon abzuhalten. »Ich kann das tragen.«
»Ich weiß, dass du das kannst, Mum, aber es ist einfacher für mich, lass dir also ruhig helfen.«
Sie griff nach einem der Riemen und versuchte, ihm den Rucksack von der Schulter zu zerren. »Bitte, gib ihn mir zurück. Ich will keine Last für dich sein, cariad bach.«
Das frustrierte ihn. »Cariad ist in Ordnung, Mum, aber ich bin kein bach mehr. Ich bin nicht klein. Ich kann dir helfen. Erlaube es mir einfach.«
Aber sie setzte sich noch heftiger zur Wehr, bis sie zu verblassen begann und nur mehr ein Schatten war. Schmerzhaftes Bedauern erfüllte ihn, dass er ihre letzten Momente mit einem Streit vergeudet hatte …
Liam verschlief das Frühstück. Teufel, er verschlief auch das Mittagessen. Als er aufwachte, groggy, als hätte er sich mit Schmerzmitteln gedopt, warf die Sonne bereits lange Schatten in den Raum. Er hätte wahrscheinlich nicht einmal jetzt die Augen geöffnet, hätte sein Magen nicht so laut geknurrt, dass er dachte, ein Rudel Hunde wäre in sein Zimmer eingebrochen.
Er streckte sich, gähnte und kratzte sich den Bauch, während er zu dem Deckenventilator hochschaute, der über seinem Kopf surrte. Er hatte den schalen Geschmack von Bier im Mund, und er brauchte noch eine Dusche. Die von gestern Nacht, bevor er ins Bett gefallen war, hatte ihm geholfen, sich so weit zu entspannen, dass er in einen tiefen Schlaf versunken war. Vielleicht würde eine zweite Dusche ihm das erneut bescheren.
Er rollte sich herum und entdeckte auf dem Tisch einen gewaltigen Obstkorb. Er war in der Nacht zuvor nicht dagewesen, dessen war er sich sicher. Das verdammte Ding nahm die ganze Tischplatte ein und quoll über von bunten Früchten, neben denen sich britisches Obst verschrumpelt und bleich ausnahm. Es gab Mangos von der Größe einer Wassermelone und zwei Bananen, die an der Elefantenkrankheit litten.
Vage erinnerte er sich, dass irgendwann im Laufe des Morgens jemand seine Tür geöffnet und wieder geschlossen hatte, was ihn nur halb geweckt hatte. Ein Schnaufen, gefolgt vom Rascheln von Seidenpapier hatte ihn auf den Gedanken gebracht, dass er ganz aufwachen sollte, um der Sache nachzugehen, aber dann hatte er sich gesagt: Scheiß drauf, sie können alles mitnehmen, solange sie mich schlafen lassen. Es musste das Zimmermädchen gewesen sein, das den Korb hereingebracht hatte. Hoffentlich hatte er sie nicht allzu sehr schockiert. Ihm war während der Nacht zu heiß gewesen, um sich mit den Laken zu bedecken, und definitiv zu heiß, um irgendetwas anzubehalten.
Er zog Boxershorts an, öffnete die Mappe mit den Gästeinformationen auf seinem Nachttisch und suchte nach der Speisekarte des Zimmerservices. Die Namen der Gerichte waren ihm fremd. Er war noch nie in einem venezolanischen Restaurant gewesen, und wenn man ihn gefragt hätte, hätte er wahrscheinlich vermutet, dass die Speisen denen in einem brasilianischen Restaurant ähnlich waren. Jede Menge Fleischgerichte, bis man kaum noch geradeaus laufen konnte, weil das viele Protein einem die Eingeweide verstopfte. Aber diese Speisekarte hatte eine schöne Auswahl an Fleisch-, Gemüse- und Maisgerichten, die auf hundert verschiedene Arten zubereitet wurden. Er rief unten an und bestellte sich eine willkürliche Auswahl aus fünf Gerichten. Das sollte seinen Hunger zumindest eindämmen.
Während er wartete, duschte er, putzte sich die Zähne und erkundete sein geräumiges Zimmer. Eine ganze Wand bestand aus Fenstern, und selbst von seinem Bett aus konnte er die funkelnde, türkisfarbene Karibik sehen. Auf dem Balkon wiegte sich eine Hängematte in der Brise. Er hatte gestern Nacht die Balkontür geöffnet, damit die Luft zirkulieren konnte, und nun schwebten die Geräusche von fröhlichem Geplauder und schwacher Instrumentalmusik in den Raum. Er trat auf den Balkon und schaute auf die Bucht und den halbmondförmigen, weißen Sandstrand, der sie auf drei Seiten umgab.
Ein rosafarbener Punkt erregte seine Aufmerksamkeit, als hätte er nach ihr gesucht – was er natürlich nicht getan hatte. Da er nur vier Stockwerke hoch war, konnte er Tess gut erkennen. Sie lag auf einem großen Handtuch auf dem Bauch. Oder vielleicht sah das Handtuch nur so groß aus, weil sie so zierlich war. Sie hatte sich vom Wasser abgewandt und las ein Buch. Sie trug den Bikini, den sie auch gestern Nacht angehabt hatte, diesmal allerdings mitsamt Oberteil.
Vielleicht würde sie sich zum Abendessen zu ihm gesellen. Er war hierhergekommen, um allein zu sein, etwas, das ihm sonst nie vergönnt zu sein schien. Wenn er nicht Rugby spielte, erfüllte er seine Pflichten dem Verein oder der englischen Mannschaft gegenüber. Pressekonferenzen, Meetings mit Trainern und Spielern, Wohltätigkeitsevents, Sponsorenverpflichtungen … Mark, sein Sportpsychologe, hatte ihm gesagt, dass er von alledem weg müsse, um Zeit für sich allein zu haben und darüber nachzudenken, wie sehr sein Leben sich in den vergangenen sechs Monaten verändert hatte. Weil er vergessen müsse, dass er auf dem Gipfel seiner Laufbahn stand, da man ihn für die bevorstehende Rugbyweltmeisterschaft zum Kapitän der englischen Mannschaft ernannt hatte. Der Verlust seiner Mum mit so wenig Vorwarnung hatte ihn schwer erschüttert, und Mark meinte, er habe sich nie die Zeit genommen, ihren Tod zu verarbeiten.
Verdammt, wie verarbeitete man so etwas? Sie war seine Mum. Sein größter Fan. In vielerlei Hinsicht sein bester Kumpel. Und sie war ihm ohne eine Chance genommen worden, Abschied zu nehmen oder die Dinge am Ende besser für sie zu machen …
Es schnürte ihm die Kehle zu. Er holte zittrig Luft und traf einen Entschluss. Zeit für sich allein war das Letzte, was er wollte.
Ein Schatten fiel über Tess’ Buch, und sie schaute zu der Silhouette auf, die über ihr stand. Sie beschirmte die Augen mit einer Hand und konnte gerade eben seine Gesichtszüge erkennen. Nicht, dass sie sein Gesicht hätte sehen müssen, um zu wissen, wer er war. Goldenes Haar bedeckte seine Waden und Oberschenkel, die straff gespannt aussahen, obwohl er locker dastand. Sein Körper füllte ein kurzärmliges Leinenhemd und Baumwollshorts auf eine Weise aus, dass ihr die Spucke wegblieb. Sie hatte unzählige Fotos von ihm auf dem Rugbyfeld gesehen, mitten in der Bewegung eingefroren, den linken Fuß fest im Gras und den rechten zurückgezogen, um den Ball durch die Pfosten zu kicken. Seine gut definierten Muskeln waren beeindruckend gewesen, aber nichts im Vergleich zur Realität.
»Morgen«, sagte er.
»Ähm, den Morgen haben Sie um ungefähr sechs Stunden verpasst. Was haben Sie heute getan?«
»Geschlafen.«
Man sah es ihm nicht an. Seine Lider hingen noch immer tief, als kämpfe er gegen die Schlummerfee an, und die dunklen Schatten unter den Augen waren nicht verschwunden. »Haben Sie gut geschlafen?«
»Wie ein Toter.« Er ließ sich neben ihr auf den Hintern fallen, streckte die Beine aus und trat etwas Sand in ihr Buch. Sie schüttelte es aus, richtete sich auf und schlug die Beine übereinander.
»Ich habe gerade etwas zum Abendessen bestellt. Ich fand, dass Sie hier draußen hungrig ausgesehen haben. Wollen Sie mir Gesellschaft leisten?«
Er fand, dass sie hungrig aussah? Sie wusste, dass sie dünn war, aber Bemerkungen wie diese waren nicht notwendig. »Nein, danke. Ich habe mich gestern Abend mit Weizenkeimen vollgestopft. Davon werde ich einige Tage zehren können.«
Er runzelte die Stirn. »Sie haben aber seitdem etwas gegessen, oder? Ich meine, Sie … verzichten nicht auf Essen oder so, oder?«
Himmel, zuerst sagte er ihr, sie sehe hungrig aus, und jetzt mutmaßte er, dass sie vielleicht absichtlich hungerte. »Das war ein Scherz. Ich esse mehr als genug. Ich habe einfach einen schnellen Stoffwechsel.«
Er hob zum Zeichen der Kapitulation die Hände. »Okay, okay. Ich wollte nur sichergehen.«
Nein, es war nicht okay. Er raubte ihr den letzten Nerv, den die Finanztypen aus der City schon zerrüttet hatten, indem sie sie »Tess ohne Titten« genannt hatten, und, als sie dann ihren Blog entdeckt hatten, »dürre Zicke«. »Hören Sie, mein Guter, dass ich keine Ähnlichkeit mit den Frauen habe, mit denen Sie sonst ausgehen, heißt nicht, dass ich eine Essstörung habe. Ich habe einen schnellen Stoffwechsel, und ich treibe Sport. Was meinen Oberkörper betrifft, werden Sie die Schuld einfach bei den Genen suchen müssen.«
Seine Wangen liefen dunkelrot an, und er sah sie mit allzu wachsamen Augen an. »Woher wollen Sie wissen, wie die Frauen aussehen, mit denen ich ausgehe?«
Mist. »Sehen Sie sich doch an. Eine legitime Vermutung.« Doch es war mehr als das. Sie hatte Fotos gesehen. Unmengen von Fotos. Aber sie wedelte mit der Hand in Richtung seines Oberkörpers, um zu versuchen, ihrer Lüge Glaubwürdigkeit zu verleihen. »Ich wette, Sie mögen hochgewachsene Frauen mit Haaren wie aus einer Schampoo-Reklame, mit Oberschenkeln, die Kokosnüsse knacken könnten, und Brüsten, mit denen man die Titanic über Wasser gehalten hätte. Habe ich recht?«
»Das alles haben Sie rausgefunden, indem Sie mich angesehen haben?«
»Warum sind Sie überrascht? Gestern Nacht haben Sie herausbekommen, warum ich am Ende doch nicht nackt gebadet habe. Sie sind nicht der Einzige hier, der Augen im Kopf hat und sie auch benutzt.«
Er wandte sich von ihr ab, stützte sich auf die Ellbogen und betrachtete das Wasser, das sachte ans Ufer plätscherte. Nach einigen Sekunden sagte er: »Mögen Sie Sport?«
»Teilweise. Ich spiele zweimal die Woche mit Freunden Racquetball, ich mache Pilates, und ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit.« Beziehungsweise hatte es getan, damals, als sie noch einen Job gehabt hatte.
»Aber Sie sehen sich keinen Sport an?«
Richtig, er versuchte herauszufinden, ob sie ihn erkannt hatte. Sollte sie gestehen oder weiter lügen? Ehrlich, sie würde ihn nach Sonntag nie wiedersehen, was spielte es also für eine Rolle? Obwohl sie vor ein paar Minuten über ihn verärgert gewesen war, hatte er sie gestern Nacht zum Lachen gebracht. Sie hatte verdammt lange nicht mehr gelacht. Wenn sie die Wahrheit sagte, würde er vielleicht auf Abstand gehen. Oder er würde denken, er hätte das Recht, seine Nase in die Gründe für ihren Aufenthalt hier zu stecken.
Keine dieser Optionen war für sie akzeptabel. Sie war seit einigen Tagen in diesem Resort und hatte mit praktisch niemandem außer dem Personal gesprochen. Sie hatte allein gegessen, umgeben von sich küssenden Paaren und Familien. Sie hatte Exkursionen gemacht – war um einige gesunkene Boote herumgetaucht, hatte den Nebelwald im nahen Nationalpark erkundet –, aber die Leute schienen sich in ihrer Nähe unbehaglich zu fühlen, als wäre eine Singlefrau allein im Urlaub vielleicht todkrank und als wüssten sie nicht, was sie Tröstliches sagen sollten.
»Nein, ich sehe nicht viel Sport.« Lügnerin. Sie war kein eingefleischter Fan. Sie und ihr Vater hatten jedoch Saisontickets für die London Legends, deshalb hatte sie Liam während der letzten fünf Jahre in jeder Saison mindestens ein Dutzend Mal live spielen sehen. Dazu kamen die gut fünfzig Mal, da er für die englische Nationalmannschaft aufgestellt worden war, Spiele, die sie sich von ihrem behaglichen Sofa aus angesehen hatte. Dadurch wurde man doch nicht etwa zum eingefleischten Fan, oder?
»Was, würden Sie sagen, ist Ihr Lieblingssport?«
»Wenn Sie mir eine Pistole an den Kopf halten würden, müsste ich Fußball sagen.« Das zumindest stimmte. Man würde ihr wirklich eine Pistole an den Kopf halten müssen, damit sie so etwas sagte. Die Wahl zwischen Fußball und Rugby sagte jede Menge darüber aus, wo und unter welchen Umständen jemand aufgewachsen war. Sie war in einem entzückenden Haus im Norden Londons groß geworden. Ihre Eltern waren Akademiker und hatten klargestellt, dass über ein Studium gar nicht erst diskutiert würde. Es wurde einfach erwartet – ebenso wie ein Beruf, bei dem Tess ihr Gehirn benutzte. Sie wollte nicht zu snobistisch deswegen klingen, aber ihr war das Rugbypublikum lieber als das Heer der Fußballfans, und sie mied Pubs, in denen große Fußballspiele gezeigt wurden.
»Fußball? Wirklich?« In seiner Stimme schwang Widerwille mit. »Für welche Mannschaft sind Sie denn?«
»Ich bin in Islington aufgewachsen. Was denken Sie, für wen ich bin?« Einer der größten Vereine der Nation spielte in Gehweite vom Haus ihrer Eltern. Ein weiterer Grund, warum sie diesen Sport in ihrer Jugend nicht gemocht hatte. Am Morgen nach einem Spiel hatte sie mit dem Gartenschlauch immer das Erbrochene vom Gehsteig vor dem Haus spülen müssen. »Was ist mit Ihnen?«
»Mit mir? Oh, ich bin Liverpool-Fan.«
»Wirklich?«
»Ja. Ich bin totaler Fußballfan. Ich liebe es. Ich kann nicht genug davon bekommen.«
Sie versteckte ihr Lächeln, indem sie sich auf die Unterlippe biss. »Na denn. Dann haben wir etwas gemeinsam.«
»Ja.« Schließlich sah er sie wieder an. »Das mit vorhin tut mir leid. Ich weiß nicht genau, was ich gesagt habe, um Sie zu kränken, aber ich wollte Ihre Figur nicht kritisieren.«
Vor Überraschung versteifte sie ihr Rückgrat. »Was meinen Sie damit?«
»Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, was ich gesagt habe, aber Sie haben es falsch verstanden … oder vielleicht habe ich es falsch ausgedrückt. So oder so, ich habe nicht versucht zu sagen, dass … es Ihnen an irgendetwas mangelt. Das tut es nämlich nicht.«
Ihr Blut strömte schneller durch sie hindurch und machte sie überall kribbelig. »Mir mangelt es an nichts. Danke.«
»Scheiße. Das war keine Beleidigung.«
»Ich habe es auch nicht als eine aufgefasst. Ich meine es ernst. Danke.«
Er nickte ruckartig. »Wie dem auch sei, ich habe vor einer ganzen Weile den Zimmerservice bestellt. Das Essen ist jetzt wahrscheinlich da. Ich war vielleicht ein wenig gierig, als ich bestellt habe, deshalb habe ich mich gefragt, ob Sie mir wohl Gesellschaft leisten würden, um der Mahlzeit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.«
»Das wäre toll. Ich habe inzwischen einen ziemlichen Appetit, nach dem vielen Lesen und Sonnenbaden. Das ist anstrengend, wissen Sie.«
»Eigentlich weiß ich es nicht. Ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen, als dazuliegen und mich braten zu lassen. Ich war heute zu faul. Morgen muss ich losziehen und etwas unternehmen. Irgendwelche Vorschläge?«
»Das Spa hat Sie nicht in Versuchung geführt?«
Er verzog das Gesicht. »Ich bin nicht wirklich daran interessiert, mit einem Haufen fremder Leute in einem Whirlpool zu sitzen und mich zu fragen, ob irgendjemand furzt und so tut als wären es Whirlpool-Bläschen.«
Sie brach in Gelächter aus, während sie aufstand und ihr Handtuch ausschüttelte. »Oh, mein Gott. Mit wem zum Teufel haben Sie im Whirlpool gesessen? Wer würde so was tun?«
Er antwortete nicht, aber sein Gesicht sagte alles. Rugbyspieler. Die würden das tun.
»Vielleicht habe ich mir Ihre Freundinnen ganz falsch vorgestellt. Stehen Sie eher auf so kräftige, behaarte Typen mit Verdauungsproblemen?«
Endlich lächelte er, und es war wie ein Lichtstrahl, der aus dem Himmel auf sie herabschien. »Nein. Eigentlich habe ich eine Schwäche für vorlaute Frauen, die mich in meine Schranken weisen können.«
Sie bückte sich, um ihr Handtuch in die Tasche zu packen, und betete, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Es würde bestimmt die absurde, jämmerliche Hoffnung verraten, die in ihr aufstieg, bevor sie das Gefühl erstickte. »Na, wenn ich eine von der Sorte hier in der Nähe sehe, werde ich es Sie unbedingt wissen lassen.«
Die Hängematte auf Liams Balkon schaukelte Tess hypnotisch hin und her. Ihre Augen waren geschlossen und ihre Arme über dem Kopf ausgestreckt. Ihr Bauch war voll mit gutem Essen und Tizana, einem fruchtigen Getränk, ähnlich einer alkoholfreien, spanischen Sangría. Wer hätte gedacht, dass sie sich auch ohne die Hilfe von Alkohol so gut entspannen konnte?
Neben ihr stieß Liam einen tiefen, befriedigten Seufzer aus, der ihr verriet, dass er sich ebenfalls entspannt hatte. Sie drehte leicht den Kopf, öffnete die Augen und beobachtete ihn. Er chillte in einem Klappstuhl, die Füße an den Pfosten gelegt, an dem ihre Hängematte festgebunden war. Mit einem seiner Füße drückte er gegen das Ende ihrer Hängematte und sorgte dafür, dass sie sich weiter sanft wiegte.
»Das ist ein Leben«, murmelte er.
Und das aus dem Mund eines Mannes, von dem viele annehmen würden, dass er genau so ein Leben führte. Was machte er hier ganz allein? Sie verstand, dass jemand wie er Urlaub brauchte und inkognito reiste, aber warum hatte er nicht eine der Schauspielerinnen oder eins der Bademoden-Models mitgenommen, mit denen er regelmäßig fotografiert wurde. Warum verbrachte er stattdessen Zeit mit ihr?
»Ich kann Sie denken hören, Tess. Das stresst mich.«
Sie grinste und wandte sich ab, dem mondbeschienenen Strand zu, wo ein Paar im Sand lag und sich küsste. »Tut mir leid. Ich habe ein vielbeschäftigtes Gehirn. Es ist schwer, es auszuschalten.«
Er grunzte, aber sein Fuß veränderte keine Sekunde lang den Rhythmus, mit dem er sie in ihrer Hängematte hin und her wiegte. Irgendwann sollte sie darüber nachdenken, aus dieser Hängematte zu steigen und in ihr Zimmer zurückzukehren. Sie hatte gedacht, er würde ihr Avancen machen, aber während des Abendessens hatte er lediglich ein wenig mit ihr geflirtet.
»Ist heute die Nacht der Nächte?«
Sie blinzelte und fuhr zu ihm herum, wodurch sie beinahe aus der Hängematte gekippt wäre. »Pardon?«
Er richtete sich auf, nahm das Seil, an dem die Hängematte aufgehängt war, und hielt es fest, damit sie nicht herausfiel. Ein vielsagendes Lächeln umspielte seine Lippen. »Die Nacht, in der Sie splitternackt ins Wasser steigen.«
Ah. Nacktbaden. »Es ist noch zu hell. Und sehen Sie.« Sie zeigte zum Strand auf ein dort herumtollendes Paar. »Drei wären einer zu viel.«
Er richtete sich auf und spähte über sie hinweg zum Sandstrand. »Ich verstehe, was Sie meinen.«
Die Geräusche von gedämpftem Gekicher und spritzendem Wasser wehten zu ihnen herüber. Tess beobachtete Liams Gesicht, als er die Szene betrachtete. Als die Frau kreischte, zog er die Augenbrauen hoch. »Ja. Von hier oben aus kann man wirklich alles sehen.«
Sie konnte es sich nicht verkneifen und schaute auf das Paar unten. Die inzwischen barbusige Frau lachte, als sie durchs flache Wasser lief, und ihre nassen Brüste hüpften und leuchteten geradezu im Mondlicht, während der Mann hinter ihr herjagte. Als er sie erreichte, griff er ihr an die Titten und bedeckte ihren Nacken mit feuchten Küssen.
»Das brauche ich mir wirklich nicht anzusehen.« Tess schwang die Beine über den Rand der Hängematte und stand auf.
Liam riss sich von dem Geschehen am Strand los, aber sein Blick schien an ihren Beinen hängen zu bleiben. Er schaute träge an ihrem Körper hoch und hinterließ, wo immer sein Blick hinfiel, eine Hitze wie ein Laserstrahl. Als Liam wieder sprach, war seine Stimme rau. »Es ist ein Glück, dass Sie ihre Tat nicht gestern Nacht vollbracht haben. Ich hätte das ungern verpasst.«
Tess schluckte. Sie hatte nichts – nichts
