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Band 3 der heißen Sports Romance um das Rugby-Team der London Legends!
Libby Hart und Matt Ogden sind Freunde. Und auch wenn hin und wieder heftig die Funken zwischen ihnen sprühen, wissen sie, dass da nicht mehr sein kann. Matt ist Profisportler und nie länger als ein paar Tage an einem Ort. Libby, die als Pilotin nur selten zu Hause ist, sehnt sich nach einem Mann, der bereit ist, seine eigene Karriere hinten anzustellen und mit ihr eine Familie zu gründen. Matt und Libby haben keine gemeinsame Zukunft, das ist ihnen klar - bis ein Experiment dazu führt, dass ihre Freundschaft plötzlich alles andere als platonisch ist. Doch Sex ist okay, solange keine Gefühle im Spiel sind ... oder?
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Seitenzahl: 448
Veröffentlichungsjahr: 2017
KAT LATHAM
LONDON LEGENDS
Lass uns spielen
Roman
Ins Deutsche übertragen von Michaela Link
Libby Hart und Matt Ogden sind Freunde. Und auch wenn hin und wieder heftig die Funken zwischen ihnen sprühen, wissen sie, dass da nicht mehr sein kann. Matt ist Profisportler und nie länger als ein paar Tage an einem Ort. Libby, die als Pilotin nur selten zu Hause ist, sehnt sich nach einem Mann, der bereit ist, seine eigene Karriere hinten anzustellen und mit ihr eine Familie zu gründen. Matt und Libby haben keine gemeinsame Zukunft, das ist ihnen klar – bis ein Experiment dazu führt, dass ihre Freundschaft plötzlich alles andere als platonisch ist. Doch Sex ist okay, solange keine Gefühle im Spiel sind … oder?
Für Charlie und Jerry, zwei Piloten, die mir großzügig ihre Zeit und ihr Wissen zur Verfügung gestellt haben. Ihr könnt beide eure unglaubliche Liste an Erfolgen damit ergänzen, dass ihr für einen Liebesroman Pate gestanden habt.
Fünfzehntausend Zuschauer brüllten so laut, dass Matt Ogden der Stadionsitz unter dem Hintern vibrierte. Er lehnte sich vor und tappte ungeduldig mit den Füßen auf den Boden, während seine Mannschaftskameraden sich gegenseitig den Ball zuwarfen. Sein Oberkörper ging jedes Mal mit, wenn der Ball durch die Luft flog. Er ballte jedes Mal die Fäuste, wenn jemand aus seiner Mannschaft den Ball auffing. Seine Oberschenkelmuskeln spannten sich mit an, wenn einer der Jungs zur Seite trat, um dem Tackling eines Leinster-Spielers auszuweichen.
Matt war im Geiste unbewusst mit auf dem Spielfeld, mitten im Getümmel. Dank seines Trainers war sein Körper es allerdings nicht.
Wie gewöhnlich saß Matt mit den anderen Reservespielern auf der falschen Seite der Seitenlinie. Er hatte diese Position nun schon so lange inne, dass er sich versucht fühlte, sein Twitter-Profil zu aktualisieren und professioneller Sitzwärmer zu schreiben statt Schlussmann. Denn im vergangenen Jahr hatte er diesen Sitz so oft gewärmt, dass die Fans der Mannschaft seinen Hintern zum heißesten der Legends gewählt hatten.
Er warf einen Blick auf die Anzeigetafel. Sechsundsiebzig Minuten waren vergangen. Nur noch vier blieben zum Spielen, und seine Mannschaft lag fünf Punkte vorn. Leinster würde einen Versuch erzielen müssen, um auszugleichen, und eine Erhöhung, um zu gewinnen.
»Kommt schon, Jungs«, murmelte er. »Kommt schon, kommt schon.«
Doch seine Mannschaft brauchte Matts Coaching aus dem Aus nicht. Sie waren weit in Leinsters Hälfte vorgedrungen und bedrohten dessen Mallinie. Wenn die Legends einen Versuch erzielen konnten, würden die braven Bürger Dublins heute Abend in ihr Guinness weinen. Aber eigentlich mussten sie nur verhindern, dass Leinster kurz vor Schluss noch einen Treffer landete.
Der linke Außendreiviertel der Legends verlor den Ball ungeschickterweise nach hinten, und Matt verkrampfte sich vor Nervosität der Magen. Aber er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Alfie Hardwick, sein Konkurrent um die Schlussmann-Position, sprang vor und warf sich auf den Ball, einen Sekundenbruchteil bevor ein Leinster-Spieler durch die Luft hechtete und auf ihm landete.
Hardy hatte beim Rugby das verlässlichste Paar Hände. Der Mann stand in dem Ruf, während der letzten Saison die wenigsten Fehler in der gesamten Liga gemacht zu haben. Matts Brust brannte von der seltsamen Mischung aus Erleichterung und Ärger, die er jedes Mal empfand, wenn Hardy auf dem Spielfeld eine geniale Leistung vollbrachte. Freude für sein Team und der verzweifelte Wunsch, dass Hardy endlich in den Ruhestand treten und Matt verdammt noch mal eine Chance geben würde.
Doch als der Leinster-Tackler wegrollte und Hardy den Ball zurück zum Gedrängehalb der Legends schob, erwachte Hoffnung in Matt, wo zuvor Verzweiflung Wurzeln geschlagen hatte. Blut strömte Hardy übers Gesicht. Es spritzte ihm aus der Nase und aus einer Platzwunde auf der Stirn. Er musste das Spielfeld verlassen, und man würde einen Ersatzspieler bestimmen, während die Sanitäter versuchten, die Blutung zu stoppen. Dann würde er draußen bleiben, bis der Schiedsrichter abpfiff.
Matt schlüpfte aus seiner Jacke, rutschte an die Kante seines Sitzes und drehte sich zu seinem Trainer um. Ruud Bakker sah zwischen seinem blutenden Star-Schlussmann, der Spieluhr und Matt und Sean – dem jüngsten Reservespieler, der zwei Sitze von Matt entfernt saß – hin und her. Fluchend fuchtelte Ruud-Boy mit den Händen, als wollte er sagen: Komm her! »Oggie! Du gehst raus.«
Sieg! Matt sprang von seinem Sitz auf und eilte an die Seite seines Trainers. Ruud-Boy packte Matt an den Schultern und sah ihm in die Augen. Sein südafrikanischer Akzent mit den abgeflachten Vokalen verstärkte noch die Eindringlichkeit der Worte. »Dies ist dein großer Moment, Junge. Du weißt, was zu tun ist. Für die Mannschaft, für die Fans – tu es!«
Matt stieß einen Ruf aus, einen undeutlichen, wortlosen Laut der Entschlossenheit, des Eifers.
»Braver Junge. Raus mit dir.« Ruud-Boy gab Matt einen Klaps auf den Hintern, und Matt joggte aufs Spielfeld und schlug Hardy auf die Schulter, als sie aneinander vorbeiliefen. Gott, der Mann sah aus wie ein Statist aus einem Horrorfilm. Seine Nase musste gebrochen sein.
»Lass sie nicht durch«, rief Hardy.
Verflucht noch mal. Natürlich nicht. Als Schlussmann würde er die letzte Verteidigungslinie der Legends sein. Aber er konnte mehr tun, als Leinster nur an einem Treffer zu hindern. Als einer der schnellsten Spieler auf dem Feld konnte er durch die Lücken zwischen Leinsters Männern schlüpfen und endlich den Versuch erzielen, den die Legends während der letzten fünf Minuten zu machen gedroht hatten. Nachdem Matt fünf Jahre lang auf der Bank gesessen und nur gespielt hatte, wenn der scheinbar bionische Hardy zu verletzt oder zu bewusstlos war, um auf dem Feld zu bleiben, war jetzt Matts Chance gekommen, seinem Klub zu beweisen, was er wert war.
Die Mannschaft scharte sich um Liam Callaghan, ihren Kapitän. Alle hörten sich Callys Ermahnungen an, alle schwitzten heftig und atmeten schwer – alle bis auf Matt. »Wir werden dieses Spiel gewinnen, Jungs«, sagte Liam. »Es ist nur die Frage, mit wie vielen Punkten Vorsprung. Wir werden Oggies frische Beine nutzen und ihm den tödlichen Pass zuspielen.«
Matt war wie berauscht. Sie waren diese Übung beim Training Hunderte von Malen durchgegangen, aber er hatte nie die Gelegenheit gehabt, sie durchzuführen, wenn es darauf ankam. Dieser Spielzug würde ihn mitten in die Action befördern und wahrscheinlich damit enden, dass er einen Versuch erzielte. Es war der größte Vertrauensbeweis, den sein Kapitän ihm geben konnte.
Das Match wurde mit viel Gedränge wiederaufgenommen. Die Legends kamen in Ballbesitz und schoben ihn mit den Füßen zum letzten Spieler des Pulks durch, wo Ash Trenton, ihr Gedrängehalb, sich bückte und ihn zu Cally schnippte, der quer antäuschte, um die Verteidiger der Leinster von ihren Positionen zu locken. Die beiden Innendreiviertel der Legends liefen neben Cally her, als warteten sie darauf, den Ball zu bekommen, während Matt zurückblieb und abwartete.
Und da kam die Finte. Der zweite Innendreiviertel kam dazu, rannte auf Cally zu und zog weitere Verteidiger hinter sich her. Matt, den die Leinster gar nicht mehr auf dem Schirm hatten, sprintete geradewegs nach vorn, während Cally einen Pass in die Mitte antäuschte. Bevor die Leinster noch herausfinden konnten, wo der Ball wirklich war, warf Cally ihn Matt zu, der ihn auffing, ohne sein Tempo zu verringern. Als die Leinster-Spieler begriffen, dass er den Ball hatte, war er schon durch die vordere Verteidigungslinie gebrochen.
Diesmal bebte Matts ganzer Körper vom Brüllen der Menge. Ein Außendreiviertel der Legends lief an der Seitenlinie links von Matt entlang, um Matt zu unterstützen, falls er es nicht um die Verteidiger herum schaffte. Fünfzehn Meter bis zur Mallinie. Er wich einem Gegner aus und lief weiter. Zehn Meter. Zwischen ihm und der Mallinie war nur noch Leinsters Schlussmann. Der Gegner wartete, auf den Zehenspitzen federnd, und las Matts Körpersprache.
Matt würde vielleicht in der Lage sein, um ihn herumzukommen und einen Treffer zu landen. Oder er würde zu Boden gerissen werden, weil er egoistisch den Ball behielt, obwohl sein Außendreiviertel völlig frei stand.
Matt würde seine Mannschaft niemals seinem persönlichen Ruhm opfern. Er schoss den Ball zu seinem Außendreiviertel …
Ein blauer Blitz zuckte an ihm vorbei. Der Leinster-Schlussmann rannte in die Lücke zwischen Matt und seiner beabsichtigten Anspielperson und brachte den Ball mit den Fingerspitzen vom Kurs ab. Der Schlussmann stolperte vorwärts und schaffte es gerade eben, den Ball richtig zu packen und ihn aus der Luft zu reißen, bevor Matts Mannschaftskamerad ihn kriegen konnte.
Ein blitzartiger Adrenalinschub durchzuckte Matt. Er wirbelte herum, rannte hinter dem Schlussmann her und rammte ihn zu Boden, gerade als der Mann den Ball an den Verbindungshalb der Leinster abgab, der ihn auffing und sofort einen weiten Pass machte. Matt versuchte, nicht an Schlamm und Elend zu ersticken, als ein Außendreiviertel der Leinster jedem einzelnen Spieler der Legends auswich und die achtzig Meter zur gegenüberliegenden Mallinie sprintete, wie Superman über die Linie hechtete und den Ball unter dem ohrenbetäubenden Jubel des heimischen Publikums versenkte.
Der Mann, der Matts Wurf abgefangen hatte, lag neben ihm im Gras und schlug Matt auf den Hintern. »Danke, Kumpel. Ich denke, wir werden dich zu unserem ›Man of the Match‹ nominieren.«
Eine drückende Stille erfüllte den Umkleideraum der Gastmannschaft. Wenn sie Spiele gewannen, sangen sie schmutzige Lieder und tanzten nackt durch die Umkleide. Wenn sie verloren, zog sich jeder in einen verborgenen, dunklen Raum in seinem Kopf zurück und versuchte herauszufinden, was schiefgelaufen war.
Nach den schmaläugigen, zornigen Blicken seiner Mannschaftskameraden zu urteilen, fanden sie Matt in dieser Dunkelheit.
Und Dunkelheit beschrieb recht gut den Ort, an dem Matt sich wiederfand. Die abgestandene Luft war so dick von Missbilligung, dass ihm seine Lungen zu versagen drohten.
Versagen ist das, was du am besten kannst.
Die Stimme gehörte nicht Matt oder einem seiner Mannschaftskameraden. Sein Dad mochte vor zwei Jahren gestorben sein, aber seine letzten Worte an Matt würden niemals sterben. Sie hatten sich in die verletzliche Substanz von Matts Gehirn eingebrannt.
Du bist die größte verdammte Enttäuschung meines Lebens.
Matt duschte nicht, bevor er den Umkleideraum verließ. Nicht nötig, da er kaum ins Schwitzen gekommen war. Er schritt durch den Flur, hatte keine Ahnung, wohin er ging, und nahm seine Umgebung kaum wahr, bis eine Tür geöffnet wurde und er beinahe eine Frau umrannte. Sie schnappte nach Luft, und er streckte die Hand aus, um ihr Halt zu geben. Er erkannte sie sofort. Hardys Ehefrau.
»Jill. Entschuldige, ich habe nicht aufgepasst.«
»Ist schon gut.« Sie schenkte ihm ein tröstendes Lächeln, das eine winzige Delle in Matts Kummer hinterließ. Dann deutete sie auf die Tür und fügte hinzu: »Sie flicken Alfi da drin immer noch zusammen. Ich bin nur runtergekommen, um auf Wiedersehen zu sagen.«
»Du bleibst nicht zum Abendessen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich muss zurück nach London. Ich habe ein festes Date mit Chloe. Jeden Samstagabend sehen wir uns zusammen Dance the Night Away an.«
Matt lachte, und ein bisschen von seiner Sorge fiel von ihm ab. »Klingt nach einem wilden Samstagabend.«
»Oh, das ist es. Es ist der eine Abend in der Woche, an dem Chloe etwas Süßes essen darf. Hast du je eine Fünfjährige auf Zucker gesehen?« Jill schauderte theatralisch. »Glaub mir, zum Ende der Sendung wird in unserem Wohnzimmer mehr getanzt als auf dem Fernsehbildschirm.«
»Das klingt spaßig. Ich will dich nicht aufhalten. Ich war nur …« Nur was? Nur auf dem Weg nach absolut nirgendwo.
Jills Gesicht wurde etwas ernster, und sie legte Matt die Hand auf den Arm. »Ich weiß, es fühlt sich nicht so an, aber es ist nur ein Spiel. Es gibt wichtigere Dinge.«
Bullshit. »Ja, ich weiß. Es geht mir gut. Aber danke.«
Sie drückte seinen Arm und ging weiter den Flur entlang, ehe sie um eine Ecke verschwand. Matt stand draußen vor dem Behandlungsraum und versuchte sich darüber klar zu werden, was er tun sollte. Geh zurück und stell dich deinen Mannschaftskameraden. Entschuldige dich. Er würde Eier in der Größe von Rugbybällen brauchen, aber er musste es tun.
Gerade hatte er sich umgedreht, um zurückzugehen, als der Schreckensschrei einer Frau durch den Flur hallte.
»Jill!« Er rannte durch den Korridor. Hinter ihm schlug eine Tür zu, und Hardy rief den Namen seiner Frau. Matt rannte um die Ecke, und seine Füße rutschten auf dem glatten Boden beinahe weg. Ungefähr zwanzig Meter vor ihm versuchte ein Mann in einem schwarzen Hoodie, ihr die Handtasche zu entreißen, obwohl Jill sie festhielt und nach ihm trat.
»Lass sie los!« Matt rannte auf das Handgemenge zu. Der Dieb sah sich kurz zu ihm um, entriss Jill die Tasche und stieß Jill gegen die Wand. Er rannte durch eine Tür am Ende des Flurs.
Hardy schrie hinter Matt: »Schnapp ihn dir! Schnapp dir den Mistkerl!«
Matt stürmte an Jill vorbei und unterdrückte seinen Impuls, nach ihr zu sehen. Sie war auf den Boden gesackt, aber Hardy war direkt hinter ihm, und die Sanitäter würden nicht weit entfernt sein. Matt drängte sich durch die Tür und hinaus in den Dubliner Nieselregen. Überall waren Fans, aber nur eine Person rannte vom Stadion weg, eine Person mit einem großzügigen Vorsprung. Matt rannte, wie er noch nie gerannt war, jagte das Arschloch auf einen Parkplatz und winkte, als er einen Polizisten sah. »Dieb!«
Der Cop schloss sich der Jagd an, aber er brauchte nicht weit zu rennen. Matt holte den Mann mühelos ein und überwand die letzten zwei Meter mit einem Hechtsprung, warf sich auf den Wichser und rammte ihn hart aufs Pflaster. Als Matt sich wegrollte, war der Mann bewusstlos.
Matt schnappte sich Jills Tasche und erklärte dem Cop, was passiert war. Blut quoll ihm aus langen Schürfwunden an seinen Knien, aber er spürte sie kaum. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig, und seine Lungen sehnten sich verzweifelt nach Luft. Er zwang sich aufzustehen und hob die Arme über den Kopf. Die Stimme seines Dads erklang in seinem Kopf. Wenn du nach einem Match noch atmen kannst, hast du im Spiel nicht genug gegeben.
Matt hatte nach dem heutigen Match wunderbar atmen können. Jetzt bekam er kaum Luft. Plötzlich schien es vollkommen in Ordnung zu sein, dass er nur wenige Minuten gespielt hatte, wenn das bedeutete, dass er die Energie gehabt hatte, Jill zu helfen.
Er machte sich auf den Weg zurück in die Eingeweide des Stadions. Seine Mannschaftskameraden hatten sich in den Flur gedrängt und klopften ihm auf den Rücken und murmelten: »Gut gemacht, Kumpel«, als er auf dem Weg zum Behandlungsraum an ihnen vorbeikam. Dort saß Jill auf einem Bett, neben ihr Hardy und Daphne, eine ihrer Mannschaftsärztinnen, die sie voller Sorge ansah.
»Es geht mir gut«, sagte Jill und drückte sich die Finger an die Schläfen. Ihr Gesicht war von Schmerz gezeichnet. »Wirklich gut. Oh, Matt! Meine Tasche!«
Er reichte sie ihr und vermied es, Hardy anzusehen. »Die Cops haben ihn. Ich hab ihnen erzählt, was passiert ist. Sie werden vielleicht mit dir reden müssen oder so was.«
Jill warf ihrem Mann einen flehenden Blick zu. »Könntest du ihnen meine Kontaktdaten geben? Ich muss meinen Flieger erwischen.«
»Jill, du brauchst eine Computertomografie.« Der Zorn in Hardys Stimme hätte einen erwachsenen Mann so einschüchtern können, dass er in die Hosen gemacht hätte.
Jill tat seine Sorge mit einer knappen Handbewegung ab. »Ich habe ohne Schmerzmittel ein acht Pfund schweres Baby auf die Welt gebracht. Ein kleiner Rums gegen den Kopf wird mich nicht umbringen.«
»Ein kleiner – verdammt, du hast dir den Kopf so heftig angeschlagen, dass du ohnmächtig davon geworden bist. Deine Pupillen sind so geweitet, dass ich die Farbe deiner Augen nicht mehr sehen kann. Du hast garantiert eine Gehirnerschütterung. Chloe kann warten. Sie nimmt die Sendungen doch ohnehin immer auf. Schau sie dir morgen mit ihr an.«
Jill legte ihrem Mann eine Hand auf die Wange, eine Geste, die so süß und doch so manipulativ war, dass Matt sich ein Lächeln verkneifen und wegschauen musste. Der Gewinner dieses Matchs war offensichtlich. »Ich werde mir die Sendung heute Abend mit ihr ansehen. Das ist bei uns Tradition.«
Sie küsste ihren Mann sanft und rutschte vom Tisch. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und bedeutete Matt, sich vorzubeugen. Er tat es, und sie küsste ihn auf die Wange. »Matt, du bist mein Held. Danke.«
Ihm schoss tatsächlich das Blut in die Wangen. Was sollte er sagen? War mir ein Vergnügen? Kein Problem? »Jederzeit.«
Nein, das machte keinen Sinn. Als wäre er jederzeit zur Stelle, wenn sie überfallen wurde.
»Wie zum Teufel konnte jemand hier herunterkommen?« Hardy fuhr sich mit den Händen durchs Haar, bis es ihm in verschwitzten Stacheln vom Kopf abstand. Er stieß einen zittrigen Seufzer aus, schlang Matt einen Arm um die Schultern und schlug ihm auf die Brust. Fest. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich kann nicht …«
»Ist schon gut, Kumpel. Ich bin bloß froh, dass ich helfen konnte.«
Hardy nahm ein Taxi zum Flughafen, damit er eine zusätzliche halbe Stunde lang versuchen konnte, seine Frau dazu zu überreden, ins Krankenhaus zu gehen. Matt und der Rest der Mannschaft mischten sich unter die wortkargen Freunde, Verwandte und Fans, die hergeflogen waren, nur um mitanzusehen, wie das Team in der letzten Minute verlor. Als die Mannschaft ihren Kummer hinreichend ertränkt hatte, fuhren alle zu Hardy zum Flughafen, von wo ihre Chartermaschine sie über die Irische See bringen würde.
Matt ging als Allerletzter an Bord, damit er keine Sekunde länger als notwendig in der fliegenden Folterkammer verbringen musste. Er zwang sich, den Gang entlang zu seinem gewohnten Sitz nach ganz hinten zu gehen – in der Nähe der Toilette, falls er vollkommen die Kontrolle über sich verlöre. Hardy saß auf der anderen Seite des Gangs, mit einem weißen Pflaster auf seiner geschwollenen, purpurnen Nase.
Matt schloss mit zitternden Händen seinen Sicherheitsgurt. Normalerweise nahm er eine Tablette, um ruhig zu bleiben, wenn die Kabinentür jede Chance auf Flucht ausschloss, aber heute Abend war er so damit beschäftigt gewesen, im Geiste immer wieder seinen idiotischen Spielzug und den Überfall auf Jill durchzugehen, dass er die Tablette vergessen hatte. Also kniff er die Augen fest zu, als die Flugbegleiterin die Tür verriegelte, und während des holprigen Starts in Dublins rauem Herbstwetter klammerte er sich an seinen Armlehnen fest. Bestimmt würde dieser Flug nicht so schlimm werden. So grausam konnte Gott nicht sein.
Das Flugzeug erzitterte, als seine Nase durch die Wolken schnitt, und Matt zitterte ebenfalls. Endlich hatte das Flugzeug seine Flughöhe erreicht und lag waagerecht in der Luft. Matt zwang sich, die Armlehnen loszulassen. Der Start war immer das Schlimmste. Na ja, der Start und mögliche Turbulenzen. Aber bisher war es nicht allzu …
Wumm! Das Flugzeug hüpfte – Scheiße, es hüpfte tatsächlich, als wäre es auf ein Trampolin geworfen worden. Von seinem Sitz aus sah er die Flügelspitze flattern wie die einer Möwe in einem Hurrikan. Er spannte alle Muskeln an, um zu verhindern, dass er seine Angst – und eine Portion »Krönungshühnchen« – auf die Rückenlehne vor sich spuckte. Der metallische Geschmack von Blut explodierte in seinem Mund, als er zu fest zubiss, um die sinnlosen Stoßgebete mit geschlossenen Zähnen zu unterdrücken, damit keiner der Männer um ihn herum ihn betteln hörte.
»Meine Herren, der Kapitän hat das Schild, das Sie bittet, angeschnallt zu bleiben, noch nicht ausgeschaltet. Bleiben Sie bitte auf Ihren Plätzen …«
Klar, kein Problem. Er ruckte nach vorn zu der Tasche, die in den Sitz vor ihm eingenäht war, auf der verzweifelten Suche nach einer Spucktüte, fand aber keine. Ausgerechnet auf diesem Flug war er nüchtern.
Jemand schlug Matt mit dem Handrücken auf die Brust. Er brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass Hardy ihm quer über den Gang eine leere Papiertüte reichte. »Hier. Nimm meine.«
»Danke«, murmelte Matt, aber Hardy hörte nicht zu. Er saß da, Kopf zurückgelehnt, Ohrhörer in den Ohren, vollkommen entspannt. Matt bekam das nicht einmal mit seiner selbst verordneten Medizin hin.
Das Flugzeug schlingerte und nahm Matts Magen mit, bis es sich wieder stabilisierte. Tastend gelang es ihm, die Tüte zu öffnen und bereitzuhalten, aber seine Eingeweide weigerten sich, ihren Würgegriff zu lockern. Der Boden erbebte unter ihm. Entsetzen presste ihm die Luft aus den Lungen, und sein Blick schoss durch die Kabine. Wo waren die verdammten Fluchtwege?
Da spürte er einen festen Griff um sein Handgelenk und sprang fast von seinem Sitz auf, bevor er Daphne neben sich hocken sah. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und tätschelte ihn beruhigend. »Es ist alles gut, Matt. Nur ein paar kleine Turbulenzen.«
Er schüttelte den Kopf, außerstande, Worte aus seiner engen Kehle zu pressen.
»Wirklich. Ich verspreche es dir.« Sie lockerte ihren Griff um sein Handgelenk, und eine vage Erkenntnis traf den Teil seines Gehirns, der noch funktionierte. Sie hatte seinen Puls gefühlt, so wie sie es immer tat, wenn er einen harten Schlag auf den Kopf bekommen hatte. Dann schob sie seine Hände etwas höher, damit die Spucktüte direkt vor seinem Mund war, und fügte hinzu: »Schließ die Augen. Braver Junge. Jetzt atme einige Male für mich ein und aus, schön langsam.«
Während er das tat, übertönte ihre extrem ruhige Stimme das Sirren und Klappern des Flugzeugs. »In Ordnung, ich möchte, dass du mir zuhörst. Hörst du zu?«
Er nickte.
»Gut. Ich möchte, dass du dir etwas Schönes vorstellst. Irgendetwas oder irgendjemanden, den du liebst.«
»Ich soll mir einen glücklichen Ort vorstellen?«
Er hörte das Grinsen in ihrer Stimme, als sie antwortete. »Ja, genau. Stell dir einen glücklichen Ort vor. Einen, der nicht mit Stress assoziiert ist. Nicht das Rugbyfeld.«
Natürlich nicht. Aber wenn nicht das Spielfeld …
Er legte die Stirn in Falten. Was hatte er sonst?
»Hast du’s?«
Er nickte. Sie brauchte nicht zu wissen, dass er nichts hatte.
»Wer ist dort bei dir?«
Verdammt. Er hatte kein plötzliches Quiz erwartet. Er zermarterte sich das Hirn auf der Suche nach irgendjemandem, der ihn glücklich machte, bis er sie fand. Blondes Haar. Scharfzahniges Grinsen. Lange, weiche Zunge. »Prinzessin.«
Doktor D. schwieg für einen Moment. »Eine spezielle Prinzessin, oder tut es irgendeine Prinzessin?«
»Mein Hund. Prinzessin.«
»Oh. Natürlich.« Ihr unterschwelliger Schock war laut und deutlich hörbar: Du bist ein 1,86 Meter großer, über hundert Kilo schwerer Rugbyspieler … mit einem Hund namens Prinzessin. Wie würde sie sich erst fühlen, wenn er ihr verriet, dass Prinzessin ein Teacup Chihuahua mit einer Vorliebe für Pullunder war?
»Okay. Und was tut ihr beide, du und Prinzessin?«
In den Hügeln herumspazieren. Prinzessin tänzelte immer um seine Füße herum – eine Leine war nicht nötig, da er mühelos schneller laufen konnte als sie –, und Libby war direkt neben ihm und stieß ihm einen Ellbogen in die Rippen, weil er sie gerade verarscht hatte.
Ach, Libby. Seine süße Bekannte hatte vor einiger Zeit angefangen, seine Träume zu infiltrieren. Jetzt tauchte sie an seinem glücklichen Ort auf?
Dich hat es bös erwischt, Kumpel.
»Matt? Erzähl mir, was du gerade in Gedanken tust.«
»Ich suche nach einer Stelle zum Picknicken.« Er erkannte den Ort jetzt. Letztes Jahr war er mit Libby einen Tag lang in den Chiltern Hills westlich von London gewandert. Doch damals hatten sie Prinzessin noch nicht gehabt. Also saß er hier und versuchte, so zu tun, als wäre er nicht in einem Metallsarg gefangen, der mit zig Millionen Meilen pro Stunde auf einen feurigen Tod zuschoss, während sein Verstand diese bizarre Pseudo-Familie heraufbeschwor. Weil er nicht allzu tief in seine eigene Psyche vordringen wollte, konzentrierte er sich auf Libbys lachendes Gesicht. Sie lachte immer – meistens über ihn, wie es schien. Schon irgendwie komisch. Seltsam komisch, nicht lustig komisch. Wann immer sie bei offiziellen Anlässen als seine Begleiterin fungierte, lächelte sie über die Scherze anderer, stieß vielleicht ein erheitertes Schnauben aus, aber ihr schallendes Gelächter schien nur für ihn reserviert zu sein.
Es war schön, mit jemandem befreundet zu sein, der ihm das Gefühl gab, als sei er in irgendetwas der Beste auf der Welt. Er hätte sein Leben für seine Mannschaft gegeben, aber seine Teamkameraden waren viel besser darin, ihn auf seine endlosen Fehler hinzuweisen, als ihm das Gefühl zu geben, nichts falsch machen zu können. Und seine Familie … die hätte ihren Nachnamen ebenso gut urkundlich ändern lassen können. Die Chaosheimer klang ganz passend.
Aber Libby … sein Herzschlag verlangsamte sich, und sein Griff, mit dem er die Spucktüte hielt, entspannte sich. Nur eine Turbulenz. Er konnte das schaffen. Er konnte überleben, es bis ganz nach Hause schaffen und Libby zum Abendessen zu sich einladen. Vielleicht …
Die Flugzeugnase senkte sich jäh, und Matt riss gerade rechtzeitig die Augen auf, um zu sehen, wie Daphne das Gleichgewicht verlor und auf dem Hintern landete. Visionen des brennenden Flugzeugs, das über ein Feld schlitterte, während die brave Ärztin wie eine Flipperkugel durch die Kabine schoss, aktivierte endgültig Matts Panikknopf. Sie würden alle sterben, aber er würde ein Held sein, und wenn es ihn umbrachte. Er riss seinen Sicherheitsgurt ab, schlang Daphne die Arme um die Taille, zerrte sie praktisch durch den Gang und brüllte dabei: »Du musst dich anschnallen!«
Seine Mannschaftskameraden schwärmten aus und packten ihn, wo sie ihn erwischen konnten, aber Matt konzentrierte sich auf Daphnes leeren Sitz, als wäre er die Mallinie. »Anschnallen! Schnallt euch verdammt noch mal an! Köpfe runter! Kö…«
Jemand schlug ihn so fest, dass ihm die Luft wegblieb. Matt landete auf dem Rücken im Gang, mehrere besorgte Gesichter schwebten über ihm, und die Worte Köpfe runter!Köpfe runter! hallten durch sein Hirn, bis die Welt um ihn herum schwarz wurde.
Libby Hart ließ sich in das kochend heiße Badewasser sinken und wartete darauf, dass der nach Lavendel duftende Schaum sie ganz verschluckte. Ein Dutzend flackernder Kerzen waren die einzigen Lichtquellen im Raum. Sie lehnte sich entspannt gegen das flauschige Handtuch, das sie über die Rückseite der Wanne gelegt hatte, und stöhnte auf. Sie hatte sich das verdient. In den vergangenen zwei Tagen hatte sie fast alles auf ihrer Checkliste erledigt – das war ihr vorher noch nie gelungen. Sie hatte es sogar geschafft, ein Date und einen Termin zum Waxing im Kosmetikstudio dazwischenzuschmuggeln.
Gott, es fühlte sich gut an, keine zusammengewachsenen Augenbrauen zu haben.
Sie arbeitete vier Tage die Woche. Es blieben ihr also drei freie Tage, in die sie ihr ganzes privates Leben zwängte. Den ersten Tag verbrachte sie meist mit Schlafen, und am zweiten und dritten Tag kümmerte sie sich um ihren kleinen Neffen oder hing mit Matt, mit dem sie befreundet war, und dem Hund, den sie zusammen adoptiert hatten, irgendwo ab. Das ließ ihr nicht viel Zeit, um wichtige Aufgaben in Angriff zu nehmen, wie zum Beispiel dafür zu sorgen, dass sie kein Yeti wurde.
Doch in dieser Woche besuchte ihre Schwester ihre Mum in Norfolk, und Matt hatte ein Auswärtsspiel in Dublin, daher hatte sie wenig Ablenkung. Morgen konnte sie sich entspannen, bei ihrer Schwester vorbeifahren, um die Wohnung zu putzen, bevor Mary und Baby Caleb nach Hause kamen, und dann konnte sie mit Matt zur Bonfire Night gehen. Ein voller Tag, an dem sie Zeit mit den Menschen genießen konnte, die sie liebte.
Himmlisch.
Winzige Krallen kratzten an der emaillierten Badewanne, und Libby beugte sich über den Rand und sah, dass Prinzessin auf den Hinterbeinen stand und versuchte hinaufzuklettern.
»Ich glaube nicht, dass du das schaffst, Schätzchen. Die Wanne ist zehnmal so hoch wie du.« Sie beugte sich vor, schob die Hand unter den weichen Bauch des Hundes und hob ihn dann hoch, sodass sie sich in die Augen schauen konnten. Obwohl der Name Prinzessin nicht Libbys Idee gewesen war, sah der arme Hund wirklich wie jemand aus der königlichen Familie aus, mit seinem schwachen Kinn, den schiefen Zähnen und der leichten Stupsnase. »Siehst du? Jede Menge Schaum. Heißes Wasser. Es würde dir hier drin nicht gefallen.«
Prinzessin leckte ihr das Kinn, bevor sie mit den Pfoten in der Luft zappelte und versuchte, zurück zu ihrem Hot-Dog-Kauspielzeug neben der Wanne zu kommen. Libby setzte sie wieder auf den Boden, schob sich Ohrhörer in die Ohren und klickte sich durch die Playlists zu einer, die Matt für sie zusammengestellt hatte.
Matt, der hinreißende Rugbyspieler, der komischerweise einer ihrer engsten Freunde geworden war, ging ihr nie ganz aus dem Kopf. Er schien ihre Gedanken nur allzu bereitwillig zu beherrschen, wenn sie sich in intimen Situationen wie diesen befand – nackt in der Badewanne, mit brennenden Kerzen im Zimmer und Songs von Adele, die ihr Verlangen herausschmetterte. Libby schloss die Augen und ließ den Kopf zur Seite rollen. Die Anspannung in ihren Schultern löste sich, als sie sich vorstellte, dass Matt hinter ihr säße und ihr mit seinen starken, fähigen Händen die Schultern massierte. Das bloße Fantasieren genügte nicht, also hob Libby eine Hand, um sich selbst die Schulter zu massieren und der Wunschvorstellung, dass Matt sie berührte, Glaubwürdigkeit zu verleihen. Der Traum-Matt streckte die Beine aus, sodass sie links und rechts neben ihren lagen. Seine Erektion stupste gegen ihre Pofalte, worauf sie zusammenzuckte und sich zu ihm umdrehte, um ihm einen strengen Blick zuzuwerfen, einen Blick, den er mit seinem unartigen Grinsen mit den Grübchen beantwortete.
Ihre Hand tauchte unter den Schaum, um sich so zu liebkosen, wie nur der Traum-Matt es konnte. Aber bevor sie irgendeine spezielle Stelle erreichen konnte, berührte eine Hand ihre Schulter.
Eine Hand … nicht ihre Hand.
Sie riss die Augen auf. Ein Mann stand über ihr. Libbys Herz explodierte – genau wie seins anscheinend, da er einen Satz nach hinten gegen das Waschbecken machte.
»Himmelarsch!« Sie schoss hoch, dann ließ sie sich sofort wieder hinabsinken, sodass der Schaum ihre Schultern bedeckte, als sie den Mann erkannte. Nur ihr Kopf und ihre Knie lugten heraus. »Matt! Verdammte Scheiße, was machst du hier?«
»Mich davon überzeugen, dass du nicht tot bist.« Seine laute Stimme war Dank Adeles Gesang gedämpft. Libby zog sich die Ohrhörer heraus.
»Ah, das erklärt es«, sagte er und entspannte sich etwas, als er sich an das Waschbecken lehnte. Selbst nachdem er etwas von seiner Anspannung verloren hatte, vibrierte er immer noch vor Energie. »Als du nicht aufgemacht hast, habe ich mich selbst reingelassen. Dann habe ich dich irgendwie so zusammengesunken dasitzen sehen, und du hast dich nicht bewegt, als ich dich gerufen habe. Es sah aus, als wärst du ohnmächtig geworden und würdest gleich untergehen.«
Er musste gesehen haben, wie sie die Hand ins Wasser getaucht hatte. Oh, Gott sei Dank war er nicht dreißig Sekunden später hereingekommen. Dann hätte er genau gewusst, wie lebendig sie war. Besser, er hatte sie einen Moment für tot gehalten.
»Verflixt und zugenäht, Lib, ich glaube, ich habe deinetwegen einen Herzinfarkt bekommen.« Er lehnte sich nach hinten und rieb sich die breite Brust.
»Stell du dir mal vor, in der Badewanne die Augen aufzuschlagen und plötzlich einen großen Mann mit blauen Flecken über dir zu finden.«
Er verzog das Gesicht. »Ich hätte mir wahrscheinlich in die Hosen gemacht.«
»Tja, gut, dass hier jede Menge Schaum drin ist.«
Er stieß ein bellendes Lachen aus und setzte sich auf den Boden. Sie rutschte weiter unter den Schaum. »Mach es dir bequem.«
»Danke«, sagte er ohne einen Anflug von Ironie. »Himmel, was für ein Tag. Ich muss unbedingt ein bisschen Zeit mit meinem Mädchen verbringen.«
Bevor Libby sich fragen konnte, wer dieses Mädchen war, streckte er die Hand nach ihrem gemeinsamen Hund aus.
Unglaublich. Sie lag nackt in der verdammten Badewanne, und er konnte dasitzen und vollkommen ungerührt wirken. Er war angezogen, aber allein bei seinem Anblick pulsierte es in ihr. Er war groß – zu groß für das Badezimmer, das der Makler als klein und elegant beschrieben hatte, als Libby diese Wohnung gekauft hatte. Er lehnte mit dem Rücken an dem Schrank, hatte die Füße an der Wanne abgestützt und die Knie gebeugt, um seinen Schoß in eine Wiege für Prinzessin zu verwandeln. Die kleine Hündin kläffte und versuchte, auf seinen Schoß zu springen, verfehlte jedoch ihr Ziel und kullerte als Knäuel aufgeregten Chihuahuas von seinem Oberschenkel herunter. Er rettete sie. Das glückliche Vieh rollte sich auf seinen Lenden zusammen.
»Ah, wie geht es meinem Baby? Ich habe dich vermisst. Ja, das habe ich. Ja, das habe ich.«
Während Matt mit ihrem Hund sprach, als wäre er ein Baby, nutzte Libby die Gelegenheit, ihn begierig zu studieren. Er musste direkt vom Flughafen hergekommen sein, denn er trug noch immer den anthrazitfarbenen Anzug und die grünweiß gestreifte Krawatte. Der Dress, mit dem er zu Auslandsspielen reiste. Das Jackett passte um die Schultern herum perfekt und betonte ihre Breite. Es stand offen, und die Seiten fielen lässig auseinander. Darunter trug er ein weißes Hemd. Wenn er aufstand und sich umdrehte, würde sich der Stoff seiner Hose um den straffsten Hintern schmiegen, den Libby je gesehen hatte. Sie hätte seinen Po aus dem Gedächtnis zeichnen können – nicht dass sie gut in Kunst war. Eigentlich war sie sogar ziemlich beschissen darin. Aber sie war extrem gut darin, Matts Kehrseite zu betrachten, wenn er nicht aufpasste.
Endlich schaute er mit seinen spektakulären moosgrünen Augen zu ihr herüber und grinste das Grinsen, das so oft durch ihre erotischen Träume geisterte – das Grinsen, bei dem sich das Grübchen in seiner linken Wange zeigte, direkt unterhalb des roten Flecks auf seinem Wangenknochen, der aussah, als würde dort bald ein abscheulicher Bluterguss erblühen. »Romantisch.«
»Was? Oh, die Kerzen. Das mache ich jeden Abend. Du nicht?«
»Nein. Ich bin eher ein Eiswasser-Typ.«
»Was, in einer Badewanne?«
»Äh, ja. Wo sonst? Auf meinem Sofa?«
Sie ballte die Hände unter Wasser zu Fäusten. Er wohnte in der Wohnung direkt unter ihrer. Mit dem Wissen, dass er dort unten vielleicht nackt auf einem Bett aus Eis lag, würden ihre zukünftigen Badefantasien so heiß werden, dass sie durch den Boden sickern und sein Bad zum Schmelzen bringen würden. Sie hatte davon gelesen, was man alles mit einem Eiswürfel anstellen konnte – Dinge, die Matt ganz bestimmt genießen würde.
Obwohl sie zweifellos nicht die Erste wäre, die so etwas mit ihm machte.
Er sah ihr forschend ins Gesicht, und bei seinem Blick durchzuckte sie für einen Moment die Angst, dass er ihre Gedanken lesen könnte.
»Geht es dir gut?«, fragte er.
»Bestens. Warum?«
»Du, ähm, du siehst aus, als hätte dich jemand mit Zahnpasta beschmiert.« Er deutete auf ihre Augenbrauen. »Entweder das, oder du bist gerade aus den Kulissen des schlechtesten Pornos der Welt getreten.«
»Oh, verfickt!« Sie wandte sich ab und versuchte, mit der Hand die Stirn zu bedecken. Ihre Haut war rot und wund gewesen, als sie von ihrem Waxing-Termin nach Hause gekommen war, also hatte sie ihre Augenbrauen dick mit desinfizierender Creme bestrichen. Die Creme war mittlerweile getrocknet und verkrustet, aber Libby war so abgelenkt gewesen, weil Matt plötzlich in ihrem Badezimmer gestanden hatte, dass sie das völlig vergessen hatte. Sie musste aussehen wie ein Clown. Wie ein Clown, den Männer benutzt hatten, die schrecklich schlecht zielen konnten.
»Ich habe nur, ähm – Kacke. Könntest du mir einen Waschlappen aus dem Schrank geben?« Immer noch von ihm abgewandt, streckte sie die Hand aus, bis sie hörte, wie eine Schranktür sich schloss und sie den weichen Stoff an den Fingern spürte. »Danke.«
Sie tauchte den Waschlappen ins Wasser und drückte ihn sich auf die empfindliche Stelle, wo früher ihr Yeti-Haar gewesen war. Durch die feuchte Wärme pulsierte die Haut. Sie spülte den Waschlappen aus und wiederholte die Prozedur, bis ihre Haut sich glatt und sauber anfühlte. Als sie fertig war, ließ sie den Waschlappen in die Wanne fallen, drehte sich wieder zu Matt um und tauchte erneut tiefer ins Wasser ab, um sich zu bedecken. »Ich habe mir heute die Augenbrauen wachsen lassen, und das weiße Zeug ist Creme, damit die Haut sich wieder beruhigt. Das ist alles. Definitiv keine Zahnpasta. Und kein Sperma.«
Er presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie fast verschwanden, und gab einen eigenartigen Laut von sich, wie unterdrücktes Gelächter.
»Was?«
»Nichts. Wie dem auch sei, das wusste ich bereits. Ich habe es auf deiner To-do-Liste auf dem Tisch gesehen – zusammen mit der Tatsache, dass du gestern Abend ein Date hattest. Schreibst du deine Dates immer auf eine Checkliste?«
»Nur, wenn sie sich wie eine lästige Pflicht anfühlen.«
»Sie würden sich nicht so anfühlen, wenn du aufhören würdest, mit Deppen auszugehen.«
»Ich gehe nicht mit Deppen aus!«
Er kniff ein Auge zu und dachte offensichtlich: Das ist Blödsinn, und du weißt es. »Allzu aufgeregt kannst du wegen deines Dates nicht gewesen sein, wenn du deine Hecke am Tag danach hast stutzen lassen.«
»Vielleicht wollte ich einfach sichergehen, dass er mich wegen meiner Persönlichkeit mag, nicht wegen meiner nackten Orbitalwulst.«
»Deiner Orbitalwulst? Schamloses Frauenzimmer.«
»Das ist der Augenbrauenknochen, du Casanova.« Sie blies eine Handvoll Schaumbläschen in seine Richtung, woraufhin er lachte und sie sich vom Oberschenkel wischte.
Er zog die Brauen hoch und schaute dorthin, wo ungefähr ihr Schoß war. »Hast du sonst noch irgendwo Creme?«
Libby schlug einen hochmütigen Ton an. »Das ist mein Geheimnis.«
Sein Grinsen wurde etwas weniger spielerisch, etwas schwerer zu deuten. Seine Finger schienen unbewusst die Prellung auf seiner Wange zu suchen.
»Was ist mit dir?«, fragte sie. »Geht es dir gut? Sieht so aus, als wäre es ein hartes Spiel gewesen.«
»Was, deswegen?« Er klopfte sich auf seinen blauen Fleck, und sie nickte. »Absolut schrecklich. Sie haben uns in der letzten Minute fertiggemacht.«
»Na ja, wenigstens hast du was davon gehabt.«
Seine sexy Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Oh, Gott. Hatte jemand die Hitze in der Wanne hochgedreht? Küss ihn nicht, küss ihn nicht.
»Ich bin etwas überdreht«, sagte er. »Ich dachte, wir könnten uns vielleicht zusammen einen Film ansehen oder so was.«
Ihr Herz schlug schneller. Warum war sie immer so jämmerlich glücklich, wenn er ihre Gesellschaft suchte? Seine Aufmerksamkeit hatte etwas so Schmeichelhaftes, aber er gab ihr nie das Gefühl, als sollte sie dankbar dafür sein. Er war pflegeleicht, und es machte Spaß mit ihm – das war Matt. »Film klingt gut. Suchst du vielleicht etwas aus, während ich hier fertig werde?«
Er hievte sich vom Boden hoch und warf ihr einen weiteren komischen Blick zu.
Sie griff sich an die Augenbrauen. »Habe ich eine Stelle übersehen?«
»Nein.« Er schien drauf und dran, etwas hinzuzufügen, aber dann schüttelte er schwach den Kopf und verließ das Badezimmer. Libby atmete zum ersten Mal seit fünf Minuten richtig durch. Irgendetwas stimmte hier nicht. Matt schien nach Spielen oft überreizt zu sein, aus irgendeinem Grund besonders nach Auswärtsspielen. Es musste hart sein, all diese Energie und das Adrenalin in zwei Stunden zu zwängen, nur um dann zu verlieren.
Was immer mit ihm los war, sie war glücklich, diejenige zu sein, zu der er kam, um sich zu entspannen – selbst wenn sie dann nur auf ihrer Couch saßen, statt nackt zusammen ins Schwitzen zu kommen.
Durch die offene Tür sah sie ihn ihren Fernseher einschalten, den Pay-TV-Anbieter aufrufen und durch die Angebote zappen. Er rief ihr zu: »Drama?«
Sie dachte kurz darüber nach, bevor sie den Vorschlag verwarf. »Ich bin nicht wirklich in der Stimmung für etwas Düsteres oder Ernstes.«
»Ich auch nicht. Action?«
»Oh, ich habe ›Cast Away – Verschollen‹ gespeichert. Ich habe den Film nie gesehen, aber ich habe viel Gutes darüber gehört.«
Matt las die Beschreibung. »Tom Hanks überlebt einen Flugzeugabsturz? Scheiße, nein.«
»Wäre es dir lieber, wenn er gestorben wäre?«
»Nein, ich hab einfach …« Er schauderte heftig und drückte auf den Knopf, um zu den Filmlisten zurückzukehren. »Klingt zu ernst. Wie wäre es mit einer Liebeskomödie?«
»Bloß nicht.« Es wäre ziemliche Folter, sich zusammen mit Matt eine Liebeskomödie anzusehen.
Er bedachte sie mit einem neckenden Lächeln. »Du willst dir nie Liebesfilme mit mir ansehen. Warum eigentlich nicht?«
Sie hatte gedacht, das wäre offensichtlich. Gott sei Dank war es das wohl nicht. »Zu schmalzig.« Er schaute nicht weg. Ihr ganzer Körper wurde unter seiner geballten Aufmerksamkeit warm. »Was?«
Er schüttelte den Kopf. »Nichts. Lass mich doch was aussuchen. Du schläfst ohnehin nach dem Vorspann ein.«
»Tue ich nicht.«
»M-hm. Was passiert am Ende von ›Psycho‹?«
Verdammt. Sie hatten sich diesen Film zweimal zusammen angesehen, und sie hatte beide Male nicht länger als fünfzehn Minuten durchgehalten. Aber immerhin hatte sie mehrmals die berühmteste Szene des Films gesehen. »Janet Leigh wird in der Dusche ermordet.«
»Am Ende?«
»Ja. Ist das nicht … was? Warum lachst du?«
Er wischte sich über den Mund, aber seine Augen lachten sie immer noch an. »Gott, bist du niedlich.«
Die Worte schossen Pfeile in ihr verletzliches Herz. Sie versuchte, sie aus ihrem Kopf zu verbannen, aber sie schlugen neben einem halben Dutzend anderer Bemerkungen Wurzeln, die er im Laufe der Jahre gemacht hatte. Als er zum Beispiel an seinem ersten Hochzeitstag nach seiner Scheidung am Abend etwas angetrunken gewesen war, hatte er Libby gesagt, dass er ihr Haar liebte. Er hatte sie gefragt, ob er es berühren dürfte, und sie hatte es ihm erlaubt und die ganze Zeit überlegt, ob sie näher rücken und ihn küssen sollte. Doch er hatte ihre Korkenzieherlocken zwischen den Fingerspitzen gerieben und sie dann mit dem schnurgeraden Haar seiner Exfrau verglichen, woraufhin Libbys Verlangen erstickt und gestorben war.
So wie Lazarus wiedererweckt worden war, kam ihm gegenüber immer wieder ihre Unsicherheit hervor … immer wieder und wieder. Nachdem Matt schon vollkommen ungerührt neben ihr gesessen hatte, als sie in der Badewanne gelegen hatte, fügte er nun eine weitere Beleidigung hinzu, indem er sie auslachte, während ihr Hund zu seinen Füßen mit dem winzigen Schwanz wedelte.
Mittlerweile waren sie seit fünf Jahren befreundet, und abgesehen von dem merkwürdigen Haar-Zwischenfall hatte er niemals zu erkennen gegeben, dass seine Gefühle für sie mehr als freundschaftlich waren. Während sie verrückte, erotische, absurd akrobatische Träume über ihn hatte, fand er es anscheinend okay, über sie zu lachen und sie niedlich zu finden.
Scheiße, ich werde dir zeigen, was niedlich ist.
Sie stand in der Badewanne auf. Wasser rann an ihr herunter, und Schaumbläschen klebten an ihren sich vorwölbenden Körperteilen, bevor sie mit einem Plopp in die Badewanne fielen. Sie kletterte heraus, drehte ihm kurz den Rücken zu und stellte sich dann auf die Zehenspitzen, um ihren Satin-Morgenrock vom Haken zu nehmen. Sie ließ sich Zeit, schob zuerst einen Arm hinein und dann den anderen, bevor sie das Kleidungsstück über ihrem nassen Körper zuzog. Der Morgenrock klebte an ihren Kurven, als sie die Hände hob, um ihr Haar aus den Spangen zu befreien und es über ihre Schultern fallen zu lassen.
Schließlich drehte sie sich ganz zu ihm um und ging lässig ins Wohnzimmer. »Dann such du etwas aus. Ich ziehe nur schnell meinen Pyjama an. Bin gleich wieder da.«
Dann drehte sie sich um und hinterließ auf dem Weg in ihr Schlafzimmer tropfnasse Fußabdrücke auf den Holzdielen. Sie schloss die Tür.
Verdammt, es juckte sie in allen Fingern, zu ihrem Mopp zu laufen und diese Fußabdrücke aufzuwischen. Aber Matts Blick – mit heruntergeklapptem Kiefer und aufgerissenen Augen – war es total wert, wenn ihre Böden aufquollen.
Libbys Brüste waren wie … sie waren wie …
Gott, Matt fielen keine Worte dafür ein. Sie waren einfach da. Direkt vor ihm und in seinem Kopf, in seiner Erinnerung. Dort eingebrannt. Auf ewig.
Und ihr restlicher Körper … verdammt.
Nicht dass er nicht gewusst hätte, was sich unter ihren Kleidern verbarg. Ihre Uniform saß wie maßgeschneidert – und nach allem, was er wusste, war sie das auch –, und er war nicht blind. Er hatte immer versucht, sich nicht vorzustellen, wie sie vielleicht aussah. Okay, es passierte. Manchmal passierte es, wenn er schlief, und dann wachte er entweder mit einem Steifen und frustriert oder klebrig und verstört auf. Jetzt wusste er es. Ihr Körper war üppig und gleichzeitig straff. Kurvig an den weiblichen Stellen, die er am meisten liebte.
Aber sie war seine beste Freundin, und selbst wenn er nicht schon fast alles über sie gewusst hätte – nun sogar welche Farbe ihr Schamhaar hatte, wenn es tropfnass war –, schrie praktisch alles an ihr: Ich bin auf der Suche nach einem Ehemann.
Matt war nicht aus Ehemann-Holz geschnitzt. Er wollte keine romantische Beziehung. Er legte sich beim Training extrem ins Zeug, damit er schnell vor Beziehungen weglaufen konnte. Er war einmal Ehemann gewesen, nur um zu erleben, wie ihm diese Ehe drei Jahre später um die Ohren flog.
Aber Libby …
Himmel, warum hatte sie das getan? Er ließ sich aufs Sofa fallen und drückte sich die Fingerspitzen in die Augenwinkel, bis schwarze Punkte durch sein Gesichtsfeld tanzten statt ihrer Brüste. So viel zum schlimmstmöglichen Timing. Gerade als er gedacht hatte, sein Leben könne nicht weiter aus dem Gleichgewicht geraten, riss ihm das einzige stressfreie Element den Teppich unter seinen unsicheren Füßen weg.
Er war heute Abend hierhergekommen, weil er sich nach seinem unglaublich beschissenen Tag entspannen wollte. Libby bot ihm diese Entspannung immer. Besonnen und kompetent verkörperte sie genau die Eigenschaften, die ihm fehlten. In ihrer Nähe gelang es ihm immer, sein hyperaktives Gehirn zu beruhigen. Das gab ihm Raum für ein wenig freundschaftliches Flirten und eine süße Pause vom Überanalysieren seiner Spielprobleme und der Frage, warum eine Karriere, die so vielversprechend angefangen hatte, so schnell den Bach runterging.
Prinzessin kläffte und tappte mit den Vorderpfoten gegen sein Schienbein, aber er ließ sie auf dem Boden. Sie würde sich bloß auf seinem Schoß zusammenrollen wollen, aber der Platz dort wurde schon von seiner pochenden Erektion vereinnahmt.
Die Schlafzimmertür blieb geschlossen, daher setzte er sich anders hin und drückte mit der Hand auf seinen Schwanz. Verdammt. Er hatte sein Leben in letzter Zeit in einer Art Isolation verbracht. Und um den Schlamassel aufzuräumen, den er aus seiner Karriere gemacht hatte, würde er übermenschliche Kräfte benötigen. Sex – immer einfach und ohne Bindungen – fiel ihm normalerweise sozusagen in den Schoß. Er bot Erleichterung, ohne viel Mühe zu erfordern. Und mit Libby Zeit zu verbringen, machte Spaß. Sie war jemand, mit dem er sich wohlfühlte, jemand, vor dem er seine größten Fehler problemlos verbergen konnte, weil sie ihm alles abnahm. Nicht dass er sie direkt belog, aber er konnte ihren Fragen bezüglich seiner Karriere so geschmeidig ausweichen, wie er auf dem Rugbyfeld einem Zehnjährigen aus dem Weg gehen konnte.
Wenn Libby sich nun aus dieser Freundschaftszone herauswagte – in einen schwammigen Bereich voller Sex und Gefühle, würde er sie am Ende enttäuschen und ihr wehtun, so wie er es mit seiner Exfrau getan hatte. Und das würde ihn vernichten. Es war ihm immer gelungen, um ihrer Freundschaft willen zu verbergen, dass er sich zu Libby hingezogen fühlte.
Aber Libby so nass und nackt zu sehen …
Die Tür wurde geöffnet, und er nahm die Hand von seiner Erektion und schlug schnell die Beine übereinander. Mit einem Flanell-Pyjama bekleidet, der jeden Zentimeter ihrer Haut bis auf die Hände und Füße verdeckte, setzte sie sich auf das andere Ende des Sofas und schlug die Beine übereinander. »Und was hast du dir ausgesucht?«
Dich. Deshalb sollte ich dich nicht berühren. Er brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass sie von den Filmen sprach. Sie sah ihn arglos und ohne jeden Anflug von Verlegenheit oder Verlangen an. Hatte sie eben überhaupt gewusst, dass er sie sehen konnte?
»Matt?«
»Ähm, ja. Hast du ›Invictus – Unbezwungen‹ schon gesehen? Es ist ein Rugbyfilm mit Matt Damon.«
»Ooh, Matt Damon. Zauberworte. Soll ich Popcorn machen?«
Er nickte, und sie streckte die Beine wieder aus, um aufzustehen und in die Küche zu gehen. Wenn man bedachte, dass Libby noch vor wenigen Stunden die Visualisierung seines »glücklichen Ortes« gewesen war, hätte Matt fast darüber lachen können, dass er im Begriff stand, sich in Rugby zu vertiefen, um den Gefühlen zu entfliehen, die sie jetzt in ihm hervorrief.
Er hätte lachen können, nur dass ein unerwünschter Steifer nicht witzig war.
»Du bist so verdammt sexy.« Matts Stimme floss über sie hinweg – heiser und voller Verlangen, statt voller Spott wie zuvor, als er sie niedlich genannt hatte. Jetzt war sie nicht niedlich. Sie war verdammt sexy. Sie warf sich rastlos im Bett hin und her, während er an ihr hinaufkroch, geschmeidig wie ein Panther.
»Ich will dich, Libby. Ich will dich für immer. Es war die Hölle, das vor dir zu verstecken.«
Libby legte ihm die Hände auf seine breiten Schultern. Seine Haut brannte, als sie an seiner Brust hinabstrich und mit den Daumen über seine Brustwarzen schnippte, um ihn zum Stöhnen zu bringen. »Oh Gott, ich liebe es, wenn du das tust.«
Auf Händen und Knien über ihr bog er den Rücken durch und schob die Hüften vor, um einen Stoß vorzutäuschen. Ihr Blick wanderte an ihm hinunter, über Brustmuskeln, die sich unter ihren Fingern anspannten, über Bauchmuskeln, die sie einzeln zählen konnte, und tiefer zu seinem Schwanz, der im Schatten versteckt war. Sie konnte ihn nicht sehen. Sie konnte ihn nie sehen.
»Mist«, wimmerte sie. »Das hier ist wieder ein Traum, nicht wahr?«
»Ich fürchte, ja. Aber jetzt kannst du mich tun lassen, was immer du willst. Ich bin dir ausgeliefert. Was willst du, meine Geliebte?«
Dich. Aber sie konnte es nicht sagen, nicht einmal zu einem Traum-Matt. Denn es wäre eine Lüge. Er war nicht wirklich das, was sie wollte. Sie wollte eine Familie … einen Ehemann, dessen Job es ihm ermöglichte, bei den Kindern zu bleiben, damit sie beruflich weiterkam. Einen Mann, dessen Beruf nicht Tausende von Frauen animieren würde, sich ihm an den Hals zu werfen.
So sehr sie ihn begehrte, so sehr sie seine Freundschaft schätzte, sie war nicht dumm. Matt war nicht der Richtige für sie …
Libby riss die Augen wieder auf. Stöhnend rollte sie sich auf die Seite und blinzelte, bis die Ziffern ihrer Uhr deutlicher erkennbar wurden. Fünf Uhr morgens. Die Sonne würde frühestens in zwei Stunden aufgehen, aber Libby musste aufstehen. Obwohl heute kein Arbeitstag war, zwang sie sich, aus dem Bett zu kriechen, als wäre es einer. Wenn sie ausschlief, würde sie heute Abend zu spät ins Bett kommen, wodurch das Aufwachen morgen früh zu einer solchen Qual würde, dass sie nicht in der Verfassung sein würde zu fliegen.
Sie hievte sich aus dem Bett und stolperte aus ihrem Schlafzimmer. Matt schlief auf dem Sofa. Er lag mit dem Rücken zu ihr und hatte sich die Decke bis unter die Achseln gezogen, sodass seine breiten Schultern nackt blieben. Erwartungsgemäß war sie am vergangenen Abend auf halbem Weg durch den Film eingeschlafen. Als sie aufgewacht war, hatte ihr Kopf auf einem Kissen auf Matts Schoß gelegen, und sein Arm ruhte quer über ihrer Brust. Aber mit wachsender Verlegenheit war auch die Erkenntnis gekommen, dass sein Kopf zur Seite gefallen war und er leise vor sich hin schnarchte. Der arme Kerl musste fix und fertig von seinem Spiel gewesen sein, weil sie es geschafft hatte, sich zu befreien, ihn hinzulegen und zuzudecken, ohne ihn zu wecken.
Libby gönnte sich den Luxus, ihn für einen Moment zu betrachten. Sommersprossen bedeckten seine Schultern und seine Brust. Nicht dass sie das durch den düsteren Raum hätte sehen können, aber sie konnte sie praktisch aus dem Gedächtnis nachzeichnen. Er hatte sich diese Sommersprossen wahrscheinlich bei unzähligen Stunden Rugbytraining mit nacktem Oberkörper verdient. Sie hatte selbst einige Sommersprossen, die meisten davon auf der Nase und den Wangen, weil sie ihre Tage damit verbrachte, aus einem Cockpitfenster in die Sonne zu schauen.
Er musste sich irgendwann während der Nacht ausgezogen haben, denn Prinzessin hatte seine Anzughose und sein Hemd in ihren Korb geschleppt und sich ein Nest daraus gebaut, das wahrscheinlich absolut köstlich roch, nach dezent würzigem Rasierwasser und Pheromonen. Matts Anziehsachen, seine Decke und sein Haar waren die einzigen zerwühlten Dinge in ihrer ansonsten tipptopp aufgeräumten Wohnung, und sie hätte sich viel zu leicht an diesen Anblick gewöhnen können.
Ihr Herz krampfte sich zusammen. Dies war ihre Familie, und wie sehr sie sich auch bemühte, ihre Gefühle für Matt zu ignorieren, sie liebte sowohl ihn als auch Prinzessin so sehr, dass es wehtat. Bis sie irgendwann den Mann kennenlernte, mit dem sie eine richtige Familie gründen wollte, würden diese beiden ihr Leben beherrschen.
Sie ging ins Bad und schloss die Tür so leise sie konnte.
Als sie wieder herauskam, saß Matt mit zwei Tassen Tee an ihrem Küchentisch. Er schenkte ihr ein verschlafenes Lächeln. »Morgen.«
»Hey. Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe. Du hättest nicht aufzustehen brauchen.«
»Ist schon in Ordnung.« Er gähnte und kratzte sich den Bauch, was ihre Aufmerksamkeit dort hinzog wie ein Magnet eine Büroklammer. »Ich hab dir Tee gekocht.«
»Danke.« War das wirklich ihre Stimme, ganz rau und sinnlich? Hoffentlich schob er das auf einen morgendlichen Frosch im Hals statt auf die Überreste ihrer trauminspirierten Lust. Wie um sich selbst zu quälen, verschlang sie ihn von seinem wirren Haar bis zu seinen nackten Zehen mit Blicken – Zehen, die sich bewegten, als könnte er es nicht ertragen, vollkommen still zu halten. Sie schaute an seinen gänzlich nackten Beinen hinauf, bis sie seine Boxershorts erreichte, die sich um seine Hüften schmiegten und gefährlich tief saßen. Weiter über sein Sixpack und die beiden Muskelstränge, die sich bogenförmig über die Hüftknochen spannten. Muskeln, deren Namen sie nie gelernt hatte, weil sie sie immer nur auf Fotos von Sportlern gesehen hatte – bevor sie Matt begegnet war. Früher waren solche Muskeln ein Mythos für sie gewesen, ein Produkt von Fotoshop und lüsternen Grafikdesignern, die versuchten, ein perfektes Exemplar von Männlichkeit zu erschaffen, so wie sie an berühmten Frauen herumschnippelten, bis nichts mehr übrig war als Knochen und makellose Haut.
Verdammter Mist, aber Matt war kein Mythos. Wie gemeißelt beschrieb nicht einmal ansatzweise seinen Torso, und wie modelliert wurde seinen Armen auch nicht gerecht. Michelangelos David hatte kein hellbraunes Haar auf der Brust, noch verfügte er über die Schneise dunkleren Haares, das nach unten zu einem Gemächt führte, das erheblich ansehnlicher war als das irgendeiner Statue. Nein, Matt hatte nichts Kaltes und Steiniges an sich. Er war ganz warmer Körper und wohldefinierte Muskeln. Massiv und menschlich und behaart, und Libby war eine der Glücklichen, die ihn so zu sehen bekamen. Noch nicht ganz bei sich, während er den Schlaf wegblinzelte. Doch da war noch etwas anderes. Etwas, das sie nicht identifizieren konnte.
»Geht es dir gut?«, fragte sie.
»Ja. Großartig.«
