LORD BASSINGTONS GEHEIMNIS - Victor Gunn - E-Book

LORD BASSINGTONS GEHEIMNIS E-Book

Victor Gunn

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Regungslos steht Monty Hayle da. Durch das nächtliche Dunkel schleichen zwei Männer - und sie tragen einen Toten... Sie kommen zurück, steigen in ihr Auto. Monty handelt blitzschnell: Ein Sprung, und er ist auf dem Autodach. Die Mörder werden ihn zu ihrem Versteck mitnehmen... Der Roman LORD BASSINGTONS GEHEIMNIS von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1950; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1967. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 259

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Victor Gunn

 

 

Lord Bassingtons

Geheimnis

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 188

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

LORD BASSINGTONS GEHEIMNIS 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Regungslos steht Monty Hayle da. Durch das nächtliche Dunkel schleichen zwei Männer - und sie tragen einen Toten...

Sie kommen zurück, steigen in ihr Auto. Monty handelt blitzschnell: Ein Sprung, und er ist auf dem Autodach. Die Mörder werden ihn zu ihrem Versteck mitnehmen...

 

Der Roman Lord Bassingtons Geheimnis von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1950; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1967.  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   LORD BASSINGTONS GEHEIMNIS

 

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Nur ein junger Mann mit überentwickelter Phantasie, wie Montgomery Hayle einer war, konnte das Verhalten der beiden näher kommenden Gestalten unheilvoll und rätselhaft finden. Sie trugen etwas Großes, Schweres, waren aber noch zu weit entfernt und durch die Dunkelheit geschützt, als dass Monty Genaueres erkennen konnte.

Jeder halbwegs normale Mensch wäre natürlich hinter dem Baum hervorgetreten und hätte sich betont auffällig eine Zigarette angezündet - nur um auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen und den näher kommenden Unbekannten zu zeigen, dass man sie nicht bespitzelte. Immerhin hatten sie ebenso viel Berechtigung, hier zu sein, wie er. Monty Hayle jedoch war ein junger Mann, der Kriminalromane schrieb. Sein Gehirn gehörte deshalb einer ganz besonderen Spezies an. Er verfügte über einen ganz eigenen Sinn für Atmosphäre und neigte dazu, selbst die alltäglichsten Vorkommnisse mit beträchtlichem Argwohn zu verfolgen. Einige Freunde, die zufällig in malerischen alten Landhäusern wohnten, wo es vor Atmosphäre nur so knisterte, luden ihn schon lange nicht mehr zu Besuchen übers Wochenende ein.

Ganz abgesehen von dieser unglücklichen Eigenschaft, die sein sonst sonniges Gemüt entstellte, ärgerte er sich über das Auftauchen dieser rücksichtslosen Kerle. Wie sollte er sich die Handlung seines nächsten Romans ausdenken, nach dem der Redakteur einer beliebten Wochenzeitschrift verzweifelt die Hände rang, wenn gedankenlose Menschen um zehn Uhr nachts durch die Landschaft geisterten und seine fruchtbaren Gedankengänge störten? In der Regel wurde er, was in Anbetracht der Gegend begreiflich war, höchst selten behelligt.

Monty hauste in einer unaufgeräumten Junggesellenwohnung in jenem besonders exklusiven Villenort Tattam Green, den der Interessierte, so es ihn gibt, ein wenig abseits der Hauptstraße zwischen Leston und Henchley im Südwesten Londons findet. Tattam Green ist eigentlich ein Hügel, den an drei Seiten hübsche, pittoreske Häuschen zieren'; Die übrige Hangfläche dagegen ist weithin unbebaut - nur Gras und Bäume -, an der einen Seite begrenzt von einem Golfplatz, während unten, hinreichend bis in die ersten Straßenzüge des Bezirks Matcham, ein ziemlich großes Niemandsland liegt, wo die Kinder im Sommer angeblich Cricket und begeisterte Väter mit den Flugzeugmodellen ihrer Söhne spielen. Liebespärchen beherrschen die Szene, sobald es dunkel wird und die Zeit für andere Vergnügungen vorbei ist.

Aber noch war nicht Sommer, sondern ein ausgesprochen kühler Frühlingsabend mit scharfem Wind. Sobald Monty Hayle sich eine wirklich blutrünstige Handlung ausdenken wollte, suchte er diese einsame Gegend auf. Von den Resultaten war sogar er manchmal überrascht. Für einen Menschen, der so viel von Atmosphäre hielt, erwies es sich als verhältnismäßig einfach, eine rätselhaft-unheimliche Handlung zu erfinden. Um sein Gehirn anzuregen, bedurfte er nur eines geeigneten Schauplatzes.

Es ging aber doch ein bisschen zu weit, wenn die Leute alle möglichen Dinge durch seine Landschaft schleppten. Die fruchtbringenden Gedankengänge waren unwiderruflich dahin. Statt sich von neuem anzustrengen, beobachtete er die Unbekannten mit wachsender Neugier. Monty selbst war praktisch unsichtbar, denn er stand hinter dem Stamm eines mächtigen Baumes, der zusammen mit anderen an dieser Stelle eine malerische Gruppe bildete.

So melodramatisch die Gedanken auch sein mochten, mit denen er sich gewohnheitsmäßig befasste: auf die erstaunlichen Ereignisse der nächsten Minuten war er in keiner Weise vorbereitet. Diese Ereignisse waren so bizarr, so furchtbar, dass Monty buchstäblich auf der Stelle erstarrte und nicht zu entscheiden vermochte, ob er träume, oder ob er nun doch übergeschnappt sei, wie es ihm viele Freunde prophezeit hatten.

Kein Wort kam von den Lippen der Unbekannten. Sie bewegten sich geschickt und schnell. In einer Entfernung von etwa zwanzig Metern blieben sie unter dem überhängenden Ast eines großen Baumes stehen und ließen ihre Last zu Boden fallen. Monty kam es so vor, als finge einer der beiden damit an, gymnastische Übungen vorzuführen - bis ihm plötzlich klar wurde, dass der Mann ein Seil über den dicken Ast warf. An dem Etwas auf dem Boden wurde ein Seilende befestigt, und schon begannen die beiden Männer wortlos zu hieven.

Monty spürte ein Prickeln im Nacken. Etwas Eiskaltes glitt an seiner Wirbelsäule entlang. Er schüttelte sich und schimpfte lautlos. Wie konnte man nur so dumm sein! Was da jetzt am Seil baumelte, sah doch tatsächlich wie ein Mensch aus!

Seine Freunde hatten also recht. Er war oft genug darauf hingewiesen worden, dass selbst das beste Gehirn den Dienst verweigert, wenn man es einer allzu großen Belastung unterwirft. Wie lange konnte es unter diesen Bedingungen dann bei seinem Hirn dauern?

Mit glasigen Augen verfolgte er, was sich weiter tat. Das Seil wurde fest vertäut, dann entfernten sich die stummen Gestalten, verschmolzen wie Schatten mit dem Dunkel der Nacht... und dort, am Ast hängend, baumelnd im Wind, sich hierhin und dorthin drehend, war das... Etwas. Das Ganze war so schnell, so glatt abgelaufen, dass der junge Krimischriftsteller immer noch wie angewurzelt an derselben Stelle stand.

Dann zuckte eine mögliche, ja wahrscheinliche Lösung durch sein Gehirn. Es wurde ihm heiß von Kopf bis Fuß. Diese Kerle waren zwei seiner angeblichen Freunde - Burschen, die wussten, dass er sich hier herumtrieb, um seine Schocker zu erfinden - und sie wollten ihm einen Streich spielen! Empörung flutete durch seinen ganzen Körper. Er sprang hinter dem Baum hervor und rannte auf die Puppe zu, um sie herunterzuholen. Die Füße konnte er gerade erreichen. Er griff wütend danach...

Aber es war keine Puppe.

Der zweite Schock wirkte sich aus, als hätte man ihn mit einem Kübel Eiswasser übergossen. Montgomery Hayle war zwar Verfasser von Kriminalromanen, aber doch kein ganzer Narr. Er kannte den Unterschied beim Anfühlen einer ausgestopften Puppe und eines menschlichen Fußes. Und er hielt zwei Fußknöchel umklammert - die steif und kalt waren. Seine Augen, inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, glitten nach oben...

»Um Gottes willen!«

Die Worte entrangen sich seiner Kehle als heiseres Gurgeln. Er starrte in das blutleere Gesicht mit den hervorquellenden, blicklosen Augen, ließ die Füße los, als seien die elektrisch geladen, und wich einige Schritte zurück. Er blickte die baumelnde, hin und her schwingende Gestalt unverwandt an. Der Mann war tot - seit Stunden tot -, und eine Leiche an einem Baum aufzuhängen war das Unbegreiflichste, was Monty jemals begegnet war. Seine eigene lebhafte Phantasie hatte nie auch nur etwas halb so Bizarres hervorzubringen vermocht.

Unentschlossenheit machte sich bemerkbar.

Wenn er die zwei geheimnisvollen Männer verfolgen wollte, war es zu spät, ihr Opfer, zuvor noch abzuschneiden. Rettete er das Opfer, dann war es zu spät, die Mörder zu verfolgen...

»Vertrottelter Angsthase!«, murmelte er plötzlich.

Der Held seines letzten Romans hätte inzwischen, statt auf diese kindische Weise zu zögern, die Mörder eingeholt und sich damit beschäftigt, sie zu Boden zu schlagen. Warum Zeit mit der Leiche vergeuden, die doch sichtbar seit geraumer Zeit tot war?

Ohne bewussten Anstoß rannte Monty, wie er plötzlich entdeckte, in die von den beiden Männern eingeschlagene Richtung. Er lief geduckt, beinahe zusammengekrümmt, und gab sich Mühe, möglichst leise zu sein. Die Unbekannten waren hinter einer Bodenerhebung verschwunden. Von dort aus ging es zu den halbfertigen Straßen Matchams auf der anderen Seite des Niemandslandes.

Monty hörte einen Motor aufheulen. Kurz danach sah er einen alten Kleinlaster mit Kastenaufbau anrollen. Er war ein Stück vom Ende einer noch unfertigen, neuen Straße entfernt abgestellt gewesen. Als sich der Laster in Bewegung setzte, flammten die roten Heckleuchten auf, und er schwankte holpernd und langsam über die unebene Straße.

Das verlangte eine schnelle Entscheidung. Monty Hayle versagte nicht.

Es gab nicht den geringsten Zweifel, dass im Fahrzeug die beiden geheimnisvollen Männer saßen, die das schwere Risiko eingegangen waren, zur verhältnismäßig frühen Stunde von zehn Uhr abends eine Leiche herumzukutschieren. Mit gewaltigem Endspurt erreichte Monty die Rückseite des Fahrzeugs gerade in dem Augenblick, als es besonders stark schwankte. Er sprang hoch, packte den Rand des Dachgeländers und zog sich hinauf. Dort oben lag er zwischen alten Säcken und Kisten, die wohl früher einmal Bierflaschen enthalten hatten. Wegen der starken Schlingerbewegung bemerkten die Männer im Führerhaus nicht, dass sie einen Fahrgast zugeladen hatten.

»Heiliger Strohsack! Was hab’ ich denn jetzt gemacht?«

Monty stellte sich die Frage halb entsetzt, halb bewundernd. Schockartig kam ihm zum Bewusstsein, dass er sich tatsächlich so verhalten hatte, wie das für Jack Lorrimer, den Helden seiner Romane, vorgesehen gewesen wäre. Jetzt, da er bäuchlings auf dem Dach des Kleinlasters lag, wusste er, dass sein Verhalten von einem plötzlichen Impuls, nicht von der Vernunft diktiert worden war. Ein paar Minuten lang belegte er sich mit allen nur erdenklichen Schimpfnamen und schoss damit weit übers Ziel hinaus. Es stand fest, dass sein schnelles Reagieren, geistig wie körperlich, dazu geführt hatte, ihn in eine äußerst vorteilhafte Lage zu versetzen.

Monty besaß ein ordnungsliebendes Gemüt, weshalb seine Romane auch, wie er von Lektoren und Redakteuren immer wieder zu hören bekam, häufig wie konstruiert wirkten. Er brauchte nur kurze Zeit, um die Ereignisse bis zu diesem Augenblick zusammenzufassen. Unzweifelhaft war ein Mord geschehen; die Mörder hatten zur Beseitigung der Leiche die erstaunliche Methode gewählt, sie an einen Baum zu hängen; und die Mörder saßen in diesem Fahrzeug, direkt vor seiner Nase. Alles ganz klar und einfach. Monty kam zu dem Schluss, dass er allen Grund hatte, sich zu beglückwünschen. Das Naheliegendste war jetzt, den ersten Polizisten aufmerksam zu machen...

Naheliegend für jeden klardenkenden, intelligenten Bürger. Aber Montys kriminalistisches Gehirn sträubte sich gegen diese überaus vernünftige Prozedur. Er fragte sich, was Jack Lorrimer in diesem Fall wohl getan hätte. Die Antwort ergab sich fast wie von selbst. Jack Lorrimer hätte als Draufgänger und ganzer Kerl dieses Abenteuer allein durchgestanden. Er hätte die Mörder bis in ihren Schlupfwinkel verfolgt.

»Warum nicht?«, fragte sich Monty.

Er würde dasselbe tun! Die Erkenntnis, dass er im wirklichen Leben die Rolle seines Teufelskerls und erfundenen Helden spielte, bereitete ihm keinen geringen Nervenkitzel. Es fehlte nicht viel, und er hätte nach der Schusswaffe an seiner Hüfte getastet. Während des Krieges war er bei der Luftwaffe gewesen - zwar nur als Funker -, aber mit einer Schusswaffe konnte er umgehen.

An diesem Punkt fiel ihm ein, dass es nicht schaden könnte, sich den Weg des Fahrzeugs zu merken. Überrascht stellte er fest, dass sie eine breite Durchgangsstraße erreicht hatten. Der Kleinlaster rollte gemächlich dahin. Die Entdeckung, dass ihn die Fahrgäste der Oberstockwerke von Straßenbahnen und Omnibussen recht deutlich sehen konnten, bereitete Monty Unbehagen. Die Säckestapel und Bierkisten trugen dazu bei, ihn vor den Passanten zu verbergen, aber selbst diese Deckung reichte nicht ganz aus.

Er machte eine weitere Entdeckung. Auf dem Dach des Kleinlasters lag in seiner Nähe eine zusammengefaltete Plane. Sein erfindungsreicher Verstand erkannte sofort die Möglichkeit. Er wartete, bis der Kleinlaster durch eine dunkle Wohnstraße fuhr, wo kein Verkehr herrschte, und vermochte dort die Plane teilweise auseinanderzufalten. Es fiel ihm nicht schwer, sich darunter zu verkriechen.

Der Einfall verriet Ideenreichtum. Die schwarze Plane war so steif, dass sie von seinen Umrissen nichts mehr erkennen ließ. Ihre Länge übertraf die seine um etwa zwanzig Zentimeter, so dass er nirgends herausragte. Sein Herz klopfte nicht mehr so heftig, und die plumpe Hülle bot auch die dringend erforderliche Wärme.

Er kannte sich in London ziemlich gut aus und erkannte sofort die einzelnen Bezirke und Vorstädte, die sie durchfuhren. Schließlich bog das Fahrzeug irgendwo in der Gegend von Acton in eine dunkle, öde Straße ein und setzte seine Fahrt fast im Schritttempo durch eine düstere, unbebaute Gegend fort. Nach einer Weile kam es ruckend zum Stehen.

Monty hielt den Atem an.

So hatte er sich das ganz und gar nicht vorgestellt. Nach seiner Berechnung hätte das Fahrzeug die Reise in irgendeiner abgelegenen Garage beschließen müssen - oder auf einem Ruinengrundstück. Was konnte der Grund für diesen Halt sein? Warum wurde überhaupt hier gehalten? Er hörte die zwei Männer aussteigen und gab sich größte Mühe, nicht zu atmen.

Einen Augenblick später drang der Laut der sich öffnenden Hecktüren an sein Ohr. Er hörte ein schleifendes, schlurfendes Geräusch. Die Achsfedern des Kleinlasters knarrten. Dann wurde es still - abgesehen von den leisen, tappenden Schritten der beiden Männer, die sich entfernten.

»Der Teufel soll mich holen!«, sagte Monty.

Sofort drängte sich eine naheliegende Erklärung auf. Das Fahrzeug war für diese Fahrt gestohlen und jetzt in dieser öden Gegend aufgegeben worden.

»Was tu’ ich bloß hier?«, ächzte Monty, während er sich aus der Plane hervorarbeitete. »Die Mörder entkommen ja!«

Er schaute sich hastig um - und brach in kalten Schweiß aus. Die Unbekannten waren schwach zu erkennen. Sie schleppten eine schwere Last zu einem einzelnen Baum, der einem hageren Wächter gleich vor dem dunklen Himmel aufragte.

Die lähmende Wahrheit traf Monty wie ein Schlag vor den Kopf. Trotzdem weigerte sich sein Verstand beinahe, sie anzuerkennen. Geduckt, wie versteinert, schaute er zu. Sein Blick war völlig gebannt. Er sah, wie die Männer ihre Last absetzten, sah, wie ein Seil über einen Ast geworfen wurde, sah, wie eine Leiche hochgezogen wurde, bis sie im beißendkalten Wind baumelte...

Eine verzweifelte, von Panik erzeugte Regung trieb Monty an, die Gelegenheit zu nutzen und sich aus dem Staub zu machen. Aber die merkwürdige Lähmung hielt ihn gefangen. Er war hilflos. Außerdem kehrten die Männer schon wieder zum Fahrzeug zurück, denn das Ganze hatte nicht länger als drei Minuten gedauert. Montys Herz hämmerte wie besessen, als er sich wieder verkroch. Es blieb nichts anderes übrig, als das Abenteuer bis zum Ende durchzustehen. Aber - eine zweite Leiche! Einfach unfassbar!

Die Geschichte gewann dadurch noch an Unheimlichkeit, dass die Leichenhenker kein Wort von sich gaben. Stumm hatten sie den zweiten Toten aus dem Fahrzeug gehoben, stumm stiegen sie wieder ins Führerhaus und ließen den Motor an. Der Kleinlaster wendete holpernd. Monty war wieder auf Fahrt.

Wie vorher führte sie durch verschiedene Londoner Bezirke. Durch einen gelegentlichen Blick unter der Plane heraus konnte Monty einige Wahrzeichen erkennen. Sie fuhren jetzt Richtung Osten. Es fiel ihm nicht schwer, den Stratford Broadway auszumachen. Diese Ausfallstraße kannte er gut.

Dann kam Ilford - und Chadwell Heath. Diesmal führte der Weg also ganz aus London hinaus. Mit den Mätzchen war es vorbei. Monty spürte, wie sein Gehirn langsam wieder zu arbeiten begann. Seine erste Empfindung war tiefe Befriedigung. Er konnte die nichtsahnenden Mörder bis zu ihrem eigentlichen Ziel verfolgen. Schon sah er seinen Namen in großen Lettern auf den ersten Seiten der Morgenzeitungen prangen. Der Verkauf seiner Romane musste sprunghaft in die Höhe schnellen!

 

Junger Krimi-Autor fasst Leichenhenker!

Tollkühner Alleingang eines jungen Schriftstellers!

 

Er war mit einem Journalisten aus der Fleet Street bekannt und beschloss, den Mann aufzusuchen, damit er Jack Lorrimer ins Rampenlicht rücken konnte. Die nächste Schlagzeile tauchte auf:

 

Junger Autor verkörpert Rolle seines Romanhelden!

 

In diesem Augenblick bog der Kleinlaster in eine Nebenstraße ein. Monty rollte um ein Haar vom Dach. Was nun? Das Fahrzeug ratterte schwankend durch Ödland. Montys Blut begann wieder zu gefrieren.

Der Laster hielt.

Monty wartete in einem Zustand völliger Erstarrung, als er hörte, wie die Hecktüren geöffnet wurden und schleifendes Geräusch wieder zu ihm drang. Das Ganze war zu einem entsetzlichen Alptraum geworden.

Eine dritte Leiche wurde aus dem Fahrzeug geholt - und alles spielte sich ab wie vorher. In einer Entfernung von zwanzig Metern breitete ein mächtiger Baum seine knorrigen Äste aus. Drei Minuten später baumelte etwas an einem Strang.

Wieder setzte der Kleinlaster seine Fahrt fort - und Montgomery Hayle hatte ein Stadium erreicht, wo Denken nicht möglich war.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Die sensationelle Meldung schlug in Scotland Yard wie eine Bombe ein - gerade in dem Augenblick, als Chefinspektor William Cromwell dabei war, den Heimweg anzutreten. Der große, schlanke Kriminalbeamte war nach einem harten Arbeitstag rechtschaffen müde. Eine harte Nuss von Fall hatte ihn fast den ganzen Nachmittag und Abend beschäftigt. Er war mehr als froh, für heute Schluss machen zu können.

Er griff nach seinem abgetragenen Hut, doch in diesem Augenblick schnarrte der Summer an seinem Schreibtisch. Seine Augen schleuderten Blitze, die Stahl zum Schmelzen gebracht hätten, aber bei Sergeant Johnny Lister keinen Eindruck hinterließen.

»Gib dir keine Mühe, Old Iron«, meinte Johnny gähnend. »Das war der Alte. Geh lieber hin und frag ihn, was er will.«

Den ätzenden Kommentaren des Chefinspektors lauschte er mit unbeteiligter Miene. Daran war er gewöhnt. Er hörte dergleichen den ganzen Tag, jahrein, jahraus. Ironsides raunzte jeden an, verfluchte alles und leistete seine Arbeit doch mit Beharrlichkeit und Geschick. Johnny Lister war sein erster Assistent, der, ohne den Verstand zu verlieren, sein ständiges Gemurre ertragen konnte.

Der Summer schnarrte wieder. Cromwell warf den Hut auf seinen Schreibtisch.

»Du wartest hier auf mich«, sagte er, Johnny unter seinen buschigen Brauen heraus grimmig anstarrend. »Es dauert nur eine Minute. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten, und du hast den Wagen dabei. Wenn du hinter meinem Rücken verschwindest...«

»Lass lieber«, riet ihm Johnny und gähnte wieder. »Meine unschuldigen Ohren haben wohl noch nicht genug mitgemacht, was?«

Ironsides verfügte sich mürrisch und gereizt zu Colonel Lockhurst, dem Leiter der Kriminalabteilung, der aber eine so besorgte Miene zur Schau trug, dass er vergaß, betont unhöflich zu sein.

»Ist etwas vorgefallen, Sir?«, fragte er.

»Bei Gott, ja!«, erwiderte der Colonel. »Und ob etwas vorgefallen ist! Gut, dass ich Sie noch erwischt habe, Cromwell. Sie müssen sofort nach Tattam Green. Das ist irgendwo zwischen Leston und Henchley, abseits der Hauptstraße...«

»Es ist gleich elf, Sir...«

»Interessiert mich nicht, wie spät es ist«, unterbrach ihn Lockhurst. »Sir Malcolm Cross - ein hoher Beamter im Außenministerium, falls Sie den Namen noch nicht gehört haben - ist vor einer knappen halben Stunde an einem Baum hängend gefunden worden, in einer völlig verlassenen Gegend.«

»Tot?«

»Mausetot.«

»Merkwürdig. Leute dieses Ranges pflegen sich im Allgemeinen nicht aufzuhängen, Sir. Jedenfalls verstehe ich nicht, warum die Ortspolizei nicht mit einem einfachen Selbstmord zurechtgekommen...«

»Verflixt noch mal, Cromwell, Cross ist ein wichtiger Mann - und ob es Selbstmord war, wissen wir überhaupt noch nicht. Es kann ja Mord gewesen sein. Sie müssen sofort hinfahren. In den Zeitungen wird es ein Spektakel geben, dass wir das nicht verhindern können. Sir Malcolm war einer der wichtigsten Männer in der Regierung. Klemmen Sie sich dahinter!«

»Wie hieß der Ort gleich wieder?«

Cromwell ließ sich genaue Direktiven geben und ging wortlos, was bei ihm eine Art Gipfelleistung war. Trotz seiner Müdigkeit hatte er nicht gemeckert und damit tatsächlich einen Rekord aufgestellt.

Er fand Johnny Lister an seinem Schreibtisch, die Beine auf der Tischplatte, eine Zigarette träge im Mundwinkel. Der Sergeant kämpfte mit dem Schlaf. Ironsides griff mit der einen Hand nach dem Hut, mit der anderen zog er Johnny hoch.

»Was glaubst du eigentlich, wo du bist - im Unterhaus?«, fragte er sarkastisch. »Los, du Faulpelz! Du fährst mich jetzt in eine gottverlassene Ortschaft namens Tattam Green, und wenn du nicht gegen sämtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen verstößt, die jemals erlassen worden sind, -kannst du dich nach einem anderen Beruf umsehen!«

Johnny war von dieser unerwarteten Heftigkeit so überrascht, dass er zur Abwechslung einmal keine passende Antwort wusste. Ironsides nahm diesen unwillkommenen Auftrag nicht nur ohne Murren hin, er hatte Johnny bisher wegen seiner rasanten Fahrweise ständig gemaßregelt.

»Mit Tempo kann gedient werden, Old Iron«, erwiderte Johnny, während sein schwerer Sportwagen losbrauste, als habe er Whitehall mit Le Mans verwechselt. »Wieso die Eile? Erzähl' schon.«

Cromwell erzählte - mit zehn knappen Worten. Was er wusste, war bescheiden, aber es wirkte. Johnny trat aufs Gaspedal, und der Wagen schoss wie ein Meteor durch die südwestlichen Vorstädte. Selbst wenn Cromwell zu einer Unterhaltung Lust gehabt hätte, wäre er nicht zu Wort gekommen. Er krallte sich in seinem Sitz fest und versuchte dem Tod mannhaft ins Auge zu sehen. Die einzelnen Bezirke flitzten nacheinander vorbei. Kurz nachdem sie bei Leston unter einer Eisenbahnbrücke durchgefahren waren, begann Johnny auf die an der rechten Seite einmündenden Nebenstraßen zu achten. Sie schossen an einem Filmtheater vorbei, das seine Pforten schon geschlossen hatte.

»Hier muss es irgendwo sein«, sagte Johnny.

»Woher weißt du denn das so genau?«

»Ganz einfach. In Tattam Green gibt es einen Golfplatz. Vor drei Wochen hab’ ich dort gespielt. Du wirst doch zugeben, dass Golf seinen Nutzen hat, Old Iron... Da sind wir schon!«

Auf der breiten, gut beleuchteten Hauptstraße herrschte kein Verkehr. Johnny bog auf zwei Rädern um die Ecke und jagte den Wagen die lange Steigung nach Tattam Hill hinauf. Oben, neben dem Golfplatz, stießen sie auf Polizeibeamte. Einer von ihnen führte sie den Wiesenhang zum Niemandsland hinunter, wo unter einem der großen Bäume ein uniformierter Inspektor, ein Sergeant und ein Polizeiarzt beieinanderstanden. Bill Cromwell nahm mit einem einzigen forschenden Blick alles in sich auf, einschließlich der regungslosen Gestalt auf einer Bahre, die man zugedeckt hatte.

»Cromwell - Scotland Yard«, stellte er sich knurrend vor.

»Sie waren schon avisiert, Mr. Cromwell«, sagte der Polizeiinspektor. »Mein Name ist Hulton. Eine scheußliche Geschichte. Der Mann ist tatsächlich Sir Malcolm Cross. Der Tod muss schon vor mehreren Stunden eingetreten sein.«

»Vor Stunden? Wieso? Dunkel ist es doch erst seit drei oder vier Stunden...«

»Er war längst tot, bevor es dunkel wurde.«

»Da hat er sich also am helllichten Tag aufgehängt oder aufhängen lassen?«, meinte Cromwell säuerlich. »Am besten fangen wir ganz von vorne an. Wo ist die Leiche gefunden worden und von wem?«

»Sie hing an einem Strick von diesem Ast herab«, sagte Inspektor Hulton und hob den Finger. »Eine junge Dame namens Barbara Vickers entdeckte sie, stürmte in den Ort und erlitt dort beinahe einen Nervenzusammenbruch. Es geht ihr aber schon wieder besser. Sie schien auf die verrückte Idee verfallen zu sein, dass einer ihrer Bekannten Selbstmord begangen hätte.«

»Wie kam sie darauf?«

»Sie trifft ihn hier gelegentlich«, erwiderte der Inspektor. »Sie wissen ja, wie es an diesen einsamen Stellen zugeht. Ich bin allerdings nicht ganz mitgekommen. Am besten sprechen Sie selbst mit ihr. Wachtmeister Martin unterhielt sich kurz mit ihr, nachdem man sie gefunden hatte, dann verfügte er sich hierher, um nachzusehen. Natürlich erstattete er sofort Meldung. Als wir die Leiche abnahmen, stellte sich zu unserer Überraschung heraus, dass sie schon ganz kalt war. Aus den Taschen ist offenbar nichts entfernt worden. Alles da - Geld, ziemlich viele Banknoten in einer Brieftasche, Briefe, goldene Uhr, Schlüssel - alles. Das Motiv kann also nicht gewesen sein, ihn zu berauben.«

»Motiv? Woher wissen Sie, dass es ein Motiv gegeben hat? Bis jetzt deutet doch alles auf Selbstmord hin.«

Der Polizeiinspektor reichte Cromwell stumm ein halbes Blatt Hotelbriefpapier. Darauf standen fünf Worte. Die Buchstaben waren aus Zeitungen ausgeschnitten und aufgeklebt worden:

 

Man begegnet dem Henker – einmal.

 

Ironsides hob zufrieden lächelnd den Kopf.

»Wo haben Sie das gefunden?«, fragte er beinahe liebenswürdig.

»Es war an seinem Jackett befestigt, mitten auf dem Rücken«, warf der Polizeiarzt ein. »Was hat denn das zu bedeuten, Mr. Cromwell? Halten Sie das Ganze für einen Racheakt?«

»Mr. Hulton erwähnte gerade, dass Sir Malcolm schon vor mehreren Stunden gestorben sei«, sagte Ironsides. »Wie viele Stunden waren es? Können Sie das sagen?«

»Nach meiner Schätzung ist Sir Malcolm heute Nachmittag zwischen drei und vier Uhr gestorben«, erwiderte der Arzt. »Im Normalfall tritt die Totenstarre binnen fünf oder sechs Stunden nach dem Tod ein und erfasst zuerst Kiefer und Gesicht. Es dauert etwa zehn Stunden, bis der obere Teil des Körpers erstarrt, und bis zu achtzehn Stunden, bevor sich die Starre überall ausgebreitet hat. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ein gewaltsamer Tod beschleunigt diese Vorgänge manchmal. Merkwürdig ist, dass Sir Malcolm unzweifelhaft durch Erwürgen ums Leben kam. Dass er aufgehängt wurde, steht ja fest.«

»Aber er kann nicht um vier Uhr nachmittags an diesem Baum gehängt worden sein«, sagte Inspektor Hulton. »Hier waren Leute - hauptsächlich Kinder. Die Leiche ist nach Einbruch der Dunkelheit, und zwar erst geraume Zeit danach, hierher geschafft worden.«

»Interessant«, murmelte Ironsides. »Er war also tot, bevor er hierher kam? Man hat ihn irgendwo erwürgt, hertransportiert und an diesem Baum aufgehängt. So, so!«

»Warum, um alles in der Welt, haben sich die Mörder solche Mühe gemacht und derartige Risiken auf sich genommen?«, fragte der Inspektor. »Das können doch nur Wahnsinnige gewesen sein.«

»Ein Wahnsinniger, der Zutritt zum Hotel Dorchester hatte«, meinte Cromwell düster. »Ein Verrückter, der vorsichtig genug ist, seine Botschaft so abzufassen, dass wir ihm nicht auf die Spur kommen können. Wir lassen natürlich Spuren sichern, aber Fingerabdrücke werden wir kaum finden. Wir müssen feststellen, was Sir Malcolm heute Nachmittag getrieben hat. Vielleicht gibt uns das einen Hinweis.«

Dem zufriedenen Tonfall des Chefinspektors nach war Cromwell aber offenbar anderer Meinung. Eine derartig offensichtliche Befriedigung, wie sie Bill Cromwells Miene ausdrückte, konnte nur bedeuten, dass er einen Fall von geradezu kolossaler Schwierigkeit witterte. Johnny Lister registrierte die bekannten Anzeichen mit süßsaurer Miene. Er kannte Ironsides in- und auswendig, aber so fröhlich und aufgeräumt hatte er den Chefinspektor noch nie erlebt. Je schwieriger und komplizierter ein Fall zu sein schien, desto mehr pflegte Cromwell aus sich herauszuholen.

Johnny, der noch jung war und für Leichen kein übermäßiges Interesse aufbrachte, hätte lieber ein Auge auf das schlanke, graziöse Mädchen geworfen, das ein paar Meter entfernt bei einem uniformierten Polizisten stand. In ihm regte sich Eifersucht. Er hatte einen Blick für Schönheit, und diese junge Dame konnte sich sehen lassen. Er hielt es für an der Zeit, hinüberzuschlendern, den Hut zu lüften und sich vorzustellen.

»Das ist Miss Vickers, Sir«, meldete der Wachtmeister. »Die junge Dame, die den Toten entdeckt hat.«

»Ich war natürlich völlig außer mir, aber im ersten Augenblick glaubte ich, es wäre Monty, der da baumelt«, sagte das Mädchen, offenbar froh, sich jemandem anvertrauen zu können. »Er ist so klug, und kluge Leute tun oft die unmöglichsten Dinge.«

»Dieser Monty...«

»Er kommt oft her, um Verbrechen und Morde zu planen.«

»Tatsächlich? Monty plant also Morde und Verbrechen?«

»Davon versteht er ungeheuer viel«, erwiderte das Mädchen eifrig. »Deshalb hatte ich auch solche Angst, dass ihn sein Verstand plötzlich in die Irre treiben könnte... Aber nein, das ist ja albern! Monty würde sich nie aufhängen. Das ist doch viel zu einfach und alltäglich. Er würde sich etwas Ausgefallenes ausdenken, mit komplizierten Vorrichtungen...«

»Moment mal! Ich glaube, wir verstehen uns nicht recht«, unterbrach Johnny. »Wahrscheinlich hapert es bei mir ein bisschen, aber einen Sinn ergibt das Ganze bis jetzt nicht.«

»Entschuldigen Sie, ich hätte Ihnen sagen müssen, dass Monty Hayle mein Verlobter ist«, meinte das Mädchen mit nervösem Lächeln. »Er ist Schriftsteller und verfasst Kriminalromane.«

»Ach, zu der Sorte gehört er«, sagte Johnny. »Jetzt verstehe ich, Miss Vickers. Verbrechen und Morde, wie? Na klar! Montgomery Hayle und sein Meisterdetektiv Jack Lorrimer.«

»Ja, das ist Monty. Haben Sie von ihm schon etwas gelesen?«

»Den einen oder anderen Band. Ein bisschen sehr farbig, aber ganz spannend.«

»Er war heute hier, um nachzudenken. Um halb elf wollte er sich mit mir oben auf dem Hügel treffen«, berichtete Barbara. »Er kam nicht. Deshalb bin ich hinuntergegangen, um ihn zu suchen, und dann sah ich dieses schreckliche...« Sie verstummte schaudernd. Bill Cromwell war näher gekommen und hatte zugehört.

»Je früher wir Ihren Mr. Hayle finden, desto besser«, erklärte er offen. »Ist das eine Gewohnheit von ihm, nachts diese gottverlassene Gegend aufzusuchen?«

»Ja, er kommt oft hierher.«

»Muss ja ein morbider junger Mann sein...«

»Ganz und gar nicht«, protestierte Barbara und warf Ironsides einen empörten Blick zu. »Er findet es ruhig hier. Vor allem kommt es ihm nämlich auf die Atmosphäre an, verstehen Sie, auf die richtige Atmosphäre. Er hat eine Vorliebe für Kriminalgeschichten, in denen knorrige Bäume in den Himmel ragen und der Wind in verlassenen Heidelandschaften ächzt. Er behauptet, dass er hier draußen besser nachdenken kann.«

»Na ja, jeder nach seinem Geschmack«, sagte Cromwell achselzuckend. »Vielleicht hat er recht.«

»Wir treffen uns oft oben auf dem Hügel. Er erzählt mir dann, was er sich Neues ausgedacht hat.«

Ironsides nickte.

»Er schreibt also Kriminalromane, wie?«, fragte er unwirsch.

»Ja.«

»Das erklärt natürlich manches«, meinte Cromwell, als sei damit alles erklärt. »Mit Ihrem Schriftsteller möchte ich mich gerne unterhalten. Vielleicht weiß er über die Geschichte etwas.«

»Das ist doch lächerlich«, sagte Barbara. »Wenn Sie glauben, dass Monty damit...«

»Ich glaube gar nichts. Ich sage nur, dass ich mich mit ihm unterhalten möchte.«

Er zog Johnny Lister beiseite. Seine sonst mürrische Miene verriet Besorgnis.

»Hübsches Mädchen«, murmelte er. »Hast du Lust, sie heimzubringen?«

»Das wäre mir ein Vergnügen. - Halt mal, worauf willst du hinaus, du Gauner?«, fragte Johnny argwöhnisch. »Möchtest mich wohl loswerden, was?«

»Ich möchte Miss Vickers loswerden«, erwiderte Ironsides grimmig. »Die Leute, die Sir Malcolm Cross hier aufgeknüpft haben, dachten doch, dass sie hier unbeobachtet seien. Der Schriftsteller muss aber in der Nähe gewesen sein.«

»Guter Gott, du meinst...«

»Geht dir ein Licht auf? Dass Hayle jetzt nicht mehr hier ist, sieht gar nicht gut aus.«

»Du glaubst doch wohl nicht...?«

»Mit Glauben kommen wir nicht weiter. Wir müssen die ganze Gegend absuchen«, sagte Cromwell. »Ich möchte Miss Vickers nicht in der Nähe haben, wenn wir die Büsche und Gräben durchkämmen. Die Verbrecher sind ganz bestimmt nicht zimperlich, und wenn der junge Mann hingegangen ist und sie gefragt hat, was zum Teufel sie hier machen... Mensch, Johnny, überleg doch mal!«

Johnny wurde es mulmig, als er sich umsah und die vielen Sträucher und Gräben entdeckte.

»Du kommst aber auch auf die übelsten Gedanken, Old Iron«, murmelte er. »Man muss natürlich zugeben.«

Er verstummte und drehte sich um, als er eine atemlose Stimme nach Mr. Cromwell verlangen hörte. Es war ein junger Polizeiwachtmeister, der mit dem Motorrad vom Polizeirevier Leston heraufgekommen war und eine Nachricht überbrachte. Eine Telefonnotiz - Colonel Lockhurst hatte angerufen und beorderte Cromwell nach Scotland Yard zurück.

In Ironsides’ Gesicht zuckte kein Muskel, als er den Zettel las. Er steckte ihn ein und sah Johnny Lister an.

»Zurück ins Büro, mein Junge«, sagte er gepresst.

»Zurück ins Büro?«, wiederholte Johnny. »Aber wir sind doch erst ein paar Minuten hier und haben noch nicht einmal angefangen...«

»Dienstlicher Befehl«, knurrte Cromwell. »Pass auf, Johnny. Man hat genau unter den gleichen Umständen zwei weitere Leichen entdeckt - bei Chadwell Heath und bei Acton.«

»Nicht möglich!«

»Der eine Tote ist Mr. Ronald Faulkner von der Abwehr, der andere Mr. Otto Telsen, der millionenschwere Finanzier!«

 

 

 

 

  Drittes Kapitel