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Eigentlich will Lorenzo sich nur rasch seiner Sohnespflicht entledigen: Er ist für die Beerdigung seiner Mutter nach Bukarest gereist. Angesteckt von der Goldgräberstimmung der Neunzigerjahre hatte sie auf der Suche nach dem schnellen Geld ihren kleinen Sohn in Rom zurückgelassen, um in Rumänien mit ihrem Liebhaber eine Firma aufzubauen. Als Lorenzo erfährt, dass sie beruflich wie privat scheiterte, will er mehr über ihr Leben erfahren. Er bleibt und stellt sich endlich seiner Vergangenheit. Virtuos erzählt Andrea Bajani vom Verlassenwerden und davon, wie man trotzdem erwachsen wird – und er lässt fassbar werden, was geschieht, wenn man sich auf der Suche nach Freiheit dem Diktat des Geldes unterwirft.
Mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet: Premio Super Mondello, Premio Recanati und Premio Brancati
»Dieses Buch verzaubert einen ganz still.« Christine Westermann
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Zum Buch
Eigentlich will Lorenzo sich nur rasch seiner Sohnespflicht entledigen: Er ist für die Beerdigung seiner Mutter nach Bukarest gereist. Angesteckt von der Goldgräberstimmung der Neunzigerjahre hatte sie auf der Suche nach dem schnellen Geld ihren kleinen Sohn in Rom zurückgelassen, um in Rumänien mit ihrem Liebhaber eine Firma aufzubauen. Als Lorenzo erfährt, dass sie beruflich wie privat scheiterte, will er mehr über ihr Leben erfahren. Er bleibt und stellt sich endlich seiner Vergangenheit. Virtuos erzählt Andrea Bajani vom Verlassenwerden und davon, wie man trotzdem erwachsen wird – und er lässt fassbar werden, was geschieht, wenn man sich auf der Suche nach Freiheit dem Diktat des Geldes unterwirft.
Zum Autor
Andrea Bajani, 1975 in Rom geboren, wuchs im Piemont auf. Bis heute schreibt der Schriftsteller und Journalist regelmäßig Essays und Artikel, u.a. für La Stampa und La Repubblica. Bereits seine dritte Veröffentlichung, der Roman Mit herzlichen Grüßen, 2010 auf Deutsch erschienen, war ein enormer Erfolg. Für Lorenzos Reise wurde Bajani mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Premio Mondello. Zuletzt erhielt er für Der Jahrestag (2025) den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. Seit 2018 ist er Lektor im Turiner Verlag Bollati Boringhieri, außerdem gibt er regelmäßig Kurse in Creative Writing – augenblicklich an der Rice University in Houston, Texas, wo er auch lebt.
Andrea Bajani
Lorenzos Reise
Roman
Aus dem Italienischen von Pieke Biermann
NAGEL UND KIMCHE
Die Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel
Se consideri le colpe bei Giulio Einaudi editore, Turin.
Die deutsche Erstausgabe erschien 2013
bei Deutscher Taschenbuch Verlag, München.
Copyright © 2007 Giulio Einaudi editore s.p.a., Torino
Ungekürzte Taschenbuchausgabe
© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe
NAGEL UND KIMCHE
in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung vonwilhelm typo grafisch
Coverabbildung von David Black / Arcangel Images
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783312014644
www.nagel-kimche.ch
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheber und des Verlags bleiben davon unberührt.
So muss es auch bei dir gewesen sein, als du das erste Mal hier gelandet bist. Dass gleich hinter dem zollfreien Bereich mit den Gepäckbändern ein Mann mit einem weißen Blatt, auf dem dein Name stand, auf dich wartete. Dass er jedes einzelne Gesicht studierte und zu erraten versuchte, welches zu seinem Schild passte. Der Mann, der auf mich wartete, lehnte am Sperrgitter und hielt seins höher als die anderen Leute, aber das Schildergeschwenke hatte kaum etwas von einer Empfangsprozedur, eher etwas von einer Protestdemonstration. Dann haben wir uns erkannt, ich bin auf ihn zugegangen, und er hat sein Schild zweimal gefaltet und in der Tasche verschwinden lassen. Dein Vor- und dein Nachname hatten darauf gestanden, so als hättest du ankommen sollen und nicht ich, der den ganzen Weg gemacht hatte, um dich unter die Erde zu bringen.
Wir haben uns die Hände geschüttelt, uns vorgestellt und danach kein Wort mehr gewechselt. Er sagte nur, er heiße Christian, und senkte den Blick. Auf meiner Hand blieb die Berührung seiner rauen Haut haften, die Hand kam mir vor wie geborgt, so wenig passte sie zu diesem sanften Gesicht, das er mir nicht zuwandte. Willkommen in Rumänien, hat er dann gesagt und mir die Koffer abgenommen. Einen Augenblick lang standen wir ein paar Meter vor den Schiebetüren herum, weil ich zögerte, durch die für den Strom von Menschen ständig auf- und zugleitenden Türen nach draußen zu treten. Willkommen in Rumänien, das hat er tatsächlich gesagt, dabei waren in diesem rumänischen Flughafen nur lauter Italiener auf Reisen, die es alle eilig hatten und atemlos hinter Rolltaschen und -koffern herhetzten. Dieselben Männer und Frauen, mit denen ich bis vor wenigen Minuten noch im Flugzeug gesessen hatte, dieselben, die in Telefone geschrien hatten, kaum dass es zum Stillstand gekommen war, dieselben, die im Shuttle-Bus weitergeschrien hatten und sofort mit ihrem Handgepäck verschwunden waren, während ich auf mein Gepäck warten ging. Mit lauter solchen Leuten, die es eilig hatten, bist auch du hier früher angekommen.
Christian blieb für eine Weile neben mir in dieser Durchgangszone stehen, und wir rührten uns beide nicht. Dann ergriff er die Initiative: Folgen Sie mir, sagte er und ging auf den Ausgang zu, der sich auch prompt auftat. Wenn man ihn so von hinten sah, mit seinen breiten Schultern und dem eingezogenen Hals, leuchteten einem seine rauen Hände ein. Kaum hob ich wieder den Kopf, war Christian weg, ich sah ihn gerade noch auf die andere Straßenseite verschwinden, während die Leute sich weiter herein- und hinausdrängelten, der Lautsprecher Aeroportul Otopeni sagte und danach in allen Sprachen der Welt Ankunfts- und Abflugzeiten herunterleierte. Ich bin auch auf die Glastür zugegangen und habe mit Freuden gesehen, wie sie sich auftat, immer genau einen Moment, bevor man dagegenknallte. Dann stand ich draußen, die Sonne brannte mir ins Gesicht, und hier war jetzt Rumänien. Ich suchte die Autos durch nach Christian, aber die Windschutzscheiben blitzten so grell, dass ich nichts sehen konnte. Plötzlich entdeckte ich ihn neben mir, wir waren die ganze Zeit nichts ahnend nebeneinanderher gelaufen und hatten uns gegenseitig drüben gesucht. Jetzt gingen wir zusammen über die Straße, versuchten, jede Lücke im Verkehr auszunutzen, schlängelten uns durch die Autoreihen, klopften warnend auf Motorhauben. Dann irrten wir eine Zeit lang auf dem Parkplatz herum, Christian wusste nicht mehr, wo er den Wagen abgestellt hatte. Als er ihn entdeckte, rannte er los. Er ließ die Blinklichter mit dem Automatikschlüssel aufleuchten und stellte mein Gepäck akkurat in den Kofferraum. Gleich daneben stand ein uralter verrotteter Dacia, er sah aus wie vor fünfzig Jahren abgestellt. Hier parkten lauter Wracks, die aussahen wie auf Grund gelaufen oder wie Fahrräder, deren Besitzer längst tot sind und die trotzdem weiter angekettet an Pfählen lehnen, und die Leute gingen einfach dran vorbei.
Ich sollte mich nach hinten setzen, er sagte: Darf ich bitten, und hielt mir die Tür auf. Den größten Teil der Fahrt schwieg er, und ich starrte auf seinen Nacken und seinen Haaransatz. Ich suchte Christian nach Rumänien ab, nach irgendeiner Spur von dir. Hin und wieder sah er mich durch den Rückspiegel an, sagte: Tut mir leid mit Ihrer Mutter. Er sagte jedes Wort in lupenreinem Italienisch, diese leise Fremdheit lag eher in dem Blick, mit dem er die Wörter begleitete, als in der Art, wie er sie aussprach. Auf seinem Gesicht lag ein Trauerflor, als gehörte schon die Fahrt vom Flughafen zu der Begräbnisfeier für dich. Christian war jahrelang dein Chauffeur gewesen. Jedes Mal, wenn du in Bukarest landen solltest, fuhr er zum Flughafen, wartete gleich hinter der Sperre auf dich und nahm dir das Gepäck ab. Immer hat er dich hinten sitzen lassen, dir einen netten Radiosender gesucht und dich in die Firma gefahren, ohne dass du etwas zu sagen brauchtest. Und abends hat er dich wieder abgeholt und nach Hause gebracht. Es ist immer noch derselbe Firmenwagen, dein Name steht auf der Seite, neben dem deines Kompagnons. Du hast immer da gesessen, wo ich jetzt sitze, und hast gesehen, was ich jetzt sehe, nämlich dass die Stadt plötzlich aufhört und wir unversehens auf dem Land sind und kilometerlang durch die ewig gleiche Landschaft fahren.
Christian war höchstens dreißig, wirkte aber viel älter mit seinen über die Ohren hängenden grauen Haaren und den winzigen Augen, die aussahen wie in einen Strahlenkranz aus Faltenbüscheln eingewickelte Bonbons. Er hielt das Lenkrad umklammert, als wollte er der kaputten Straße, über die er mich fahren musste, mit der Kraft seiner Arme Paroli bieten. Er fuhr mich mit einer Art Ehrerbietung, denn ich war zwar jung, aber ich war dein Sohn. Bei jedem Schlagloch suchte er meinen Blick im Rückspiegel und sagte: Entschuldigung, als wäre es seine Schuld, dass er mir nichts richtig Gutes bieten konnte. Deshalb kamen wir auch nur langsam voran, Christian fuhr kleine Slaloms um alle Schlaglöcher, während ich mich am Vordersitz festklammerte und lachen musste und nicht mal wusste, warum. Bei jedem Pferdekarren, den wir überholten, warnte er mich vor, indem er in einer Mischung aus Stolz und Scham die Augenbrauen hochzog. Die einzige Abwechslung in der Landschaft waren Reihen von Wellblechhütten, eine neben der anderen hochgezogen, auf jedem Dach ein Name, groß wie ein Banner, italienische, französische, deutsche, dänische, amerikanische Namen. Deinen konnte ich nicht erkennen in diesem Riegel aus Rechtecken, der wie eine Mauer aus Blech und Zement kilometerlang neben uns herlief.
Dann habe ich mich ins Polster sinken lassen, Christian hat das Radio angeschaltet und mich durch den Rückspiegel im Blick behalten. Ich habe den Aschenbecherdeckel aufgeschoben, und darunter war ein wahrer Kippenfriedhof, lauter von dir ausgedrückte Zigaretten, ich habe ihn sofort wieder zugeschoben. Wir sind fast da, hat Christian nach einer Weile gesagt. Dabei wusste ich gar nicht, wo wir hinwollten. Ich hatte nur das Telegramm von deinem Kompagnon bekommen, dem Kompagnon mit dem Namen neben dem deinen auf der Wagenseite. Und in dem Telegramm hatten nur der Bestattungstermin und eine Telefonnummer gestanden, unter der ich durchgeben sollte, wann ich in Otopeni landen würde. Die junge Frau am Telefon hatte gesagt, dass mich jemand abholen und an Ort und Stelle bringen würde. Sie hatte auch gesagt: Tut mir leid, Lorenzo. Sie hatte mich mit Vornamen angeredet, als würden wir uns schon ewig kennen.
Irgendwann sind wir von der Hauptstraße ab- und in einen ausgefahrenen Weg eingebogen, der die Landschaft in zwei Hälften zerschnitt, und Christian hat das Radio ausgeschaltet. In einiger Entfernung kam ein blauer Schuppen in Sicht, mitten ins Nichts gepflanzt, eine Art Jagdhütte aus Wellblech. Über dem Eingang flatterten zwei Fahnen vom Dach. Die größere war die italienische, die kleinere daneben die Fahne von Juventus. Christian hat sich zu mir gedreht und gesagt: Da sind wir, dann hat er wieder nach vorn geguckt. Er ist vom Gas gegangen, hat zweimal gehupt, und die Torflügel sind aufgegangen. Auch ich habe gesagt: Da sind wir, und dann sind wir hineingefahren, und hinter uns haben die beiden Torflügel sich langsam wieder zugeschoben.
Und so habe ich ihn endlich wiedergesehen, nach all den Jahren. Christian hat uns kreuz und quer zwischen lauter Geländewagen auf dem Vorplatz hindurchmanövriert, und da sah ich ihn, er hatte sich aus einer Gruppe Arbeiter gelöst und kam auf uns zu. Christian hat den Wagen geparkt, den Motor ausgestellt und noch einmal Willkommen in Rumänien gesagt, mit einem angedeuteten Lächeln, so als sei Rumänien nicht das, was ich beim Landeanflug gesehen hatte, sondern all das auf diesem Gelände mit dem blauen Bau. Dein Kompagnon hat schon von Weitem die Hand ausgestreckt und ein Begrüßungslächeln aufgesetzt. Willkommen in Rumänien, hat auch er gesagt. Dann hat er sich mit seinem Nachnamen vorgestellt, mir die Hand gedrückt und seine andere Hand auf unsere beiden Hände gelegt, um zu unterstreichen, dass sein Händedruck besonders warm gemeint sein sollte. Anselmi, hat er gesagt, als wären wir uns unbekannt. Wir haben eine Weile unsere verklammerten Hände hin- und hergeschlenkert und uns in die Augen gesehen wie zwei Staatschefs, die nicht dieselbe Sprache sprechen. Endlich kannst du dir das hier mal ansehen, hat er hinzugefügt. Unterdessen lief Christian mit meinem Gepäck an uns vorbei. Anselmi hat seine Hand aus der Umklammerung gewunden und ihn brüsk am Arm gepackt. Sie haben ein paar Worte gewechselt und dabei zum Auto gesehen, und Christian ist zurückgegangen, hat den Kofferraum aufgeklickt und mein Gepäck wieder hineingestellt. Wir haben doch ein Hotelzimmer im Stadtzentrum für dich reserviert, hat Anselmi erklärt. Er hat mir einen Arm auf die Schulter gelegt und einen vertraulichen Ton angeschlagen: Tut mir leid mit deiner Mutter. Damit konnte ja wirklich keiner rechnen.
Ich weiß eine Menge über dich, hat er weitererzählt beinahe brüllend. Irgendwo muss ich auch noch ein Foto von dir haben. Dann hat er den Arm ganz um mich gelegt und gefragt: Hast du’s dir so groß vorgestellt? Ich habe gesagt: Eigentlich nicht, mich einmal um die eigene Achse gedreht und mir alles angesehen, das Gebäude, die Geländewagen mit den heruntergelassenen Scheiben mitten auf dem Vorplatz, die Palettenstapel. In der Gegend hier sind wir die Größten. Bist du in Otopeni gelandet?, hat er gefragt, Blick gen Himmel. Ich habe genickt. Fantastisch, dann hast du uns von oben gesehen. In der Gegend hier sieht man beim Landeanflug nur uns. Meiner Meinung nach sieht man uns sogar vom Mond aus, hat er weitererklärt, oder vom Satelliten, genau wie die Chinesische Mauer. Man sieht eine Landschaft, und mitten in der Landschaft sieht man nur uns. Er hat mehr gebrüllt als gesprochen, denn aus den Werkshallen kam ein Getöse von Metallgehämmere, kreischenden Schweißgeräten, laut rufenden Arbeitern. Wie du siehst, arbeiten wir hier rund um die Uhr, hat er gesagt, wir kennen hier keinen Feierabend. Ab und zu kam ein Arbeiter auf einem Gabelstapler heraus, fuhr über den Werkshof, verschwand in der Halle gegenüber und kam mit Kartons beladen und deshalb etwas langsamer wieder heraus. Er pendelte ständig hin und her zwischen den beiden Teilen des Werks, während dein Kompagnon weiterschwadronierte, über die Last und die Herrlichkeit und über Rumänien, das sei nämlich ein einmaliges Land, voller Aufbruchstimmung und voller junger Frauen, wie es sie nirgendwo sonst auf diesem Planeten gebe. Sieh dir das an, er hat auf den vorbeifahrenden Arbeiter gezeigt, früher waren die gar nicht fähig zu richtiger Arbeit, und guck mal jetzt. Wir haben nämlich den Leuten hier das Mittelalter aus den Köpfen getrieben.
Dann hat er sich mit stolzer Miene umgedreht und auf eine junge Frau gedeutet, die auf einem Treppchen saß. Das ist Monica, hat er gesagt. Mal ehrlich, hast du schon mal so ein Mädchen gesehen? Die junge Frau merkte, dass wir über sie redeten, sie lächelte und grüßte herüber. Guck mal, wie die grüßt, hat Anselmi gesagt, guck mal, wie die lächelt. Und gleich kannst du sehen, wie die losrennt, sobald ich rufe. Er hat ihren Namen gebrüllt und sie herbeigewunken. Sie ist sofort aufgesprungen, hat sich den Rock glatt gestrichen und ist im Laufschritt auf uns zu gekommen. Wenn die einen Schwanz hätte, würde die auch noch wedeln, hat Anselmi gesagt, ohne die Augen von ihr zu lassen. Als sie bei uns war, hat er ihr den Arm um die Taille gelegt. Ich habe erst ihn angesehen und dann sie. Sie hat mir etwas befangen die Hand entgegengestreckt und gesagt: Ich bin Monica, wir haben telefoniert. Neben Anselmi sah sie winzig aus, fast wie eine halbe Portion, ihre Beine zappelten nervös unter dem Rock, die Haare waren nach hinten gebunden und die Augen so grün, dass man die Nase glatt übersah. An der Stelle hat sich Anselmi verabschiedet: Ich übergebe dich in gute Hände, hat er zu mir gesagt und sich wieder zu der Gruppe verfügt, die er bei unserer Ankunft hatte stehen lassen. Die Arbeiter hatten sich die ganze Zeit nicht vom Fleck gerührt. Sie hatten mich unter die Lupe genommen, während ich mit Anselmi redete, sie wussten anscheinend nicht, wer ich war, aber vielleicht erkannten sie etwas von dir in meinem Gesicht. Tut mir so leid, hat Monica gesagt und dabei ihre Hände geknetet, und ich habe geantwortet: Danke. Ist schon gut, fiel mir spontan noch ein. Wir wussten beide nichts zu sagen, ich habe die Werkshalle hinter ihren Schultern angestarrt, und sie hat verlegen die Stelle zwischen meinen und ihren Füßen fixiert. So standen wir eine Weile da, aber dank der Geräusche aus der Fabrikhalle fühlte es sich nicht an wie Schweigen.
Christian saß die ganze Zeit im Auto, die Tür offen, ein Fuß draußen. Weder Anselmi noch sonst jemand sprach mit ihm. Nur Monica hatte ihm im Vorbeigehen ein mattes Ciao hingeworfen, und Christian hatte es mit einem trägen Blick quittiert und kurz das Kinn gehoben. Ab und zu zog er sein Handy aus der Jackentasche, klappte es mechanisch auf und steckte es wieder zurück. Meistens starrte er geradeaus durch die Windschutzscheibe, als läge vor ihm das Meer und keine Blechmauer.
Entschuldige mein Italienisch, sagte Monica, sah aber hinter dem Arbeiter mit dem Gabelstapler her. Sie hatte bisher so wenig gesagt, dass mir an ihrem Italienisch nichts aufgefallen war. Ich habe es leider nie richtig gelernt, ich habe alles von ihm. Sie zeigte auf Anselmi, als sie »ihm« sagte, als wollte sie andeuten, dass wir zur selben Familie gehören, aber es bezog sich nur auf dich. Von Anselmi hatte sie das bisschen Italienisch, das sie konnte, lauter zufällig aufgeschnappte und in Windeseile mit anderen Sprachbrocken zusammengeflickte Wörter. Aber jetzt, als sie aus sich herauskam, fiel mir auf, dass sie wirklich genau wie er redete, im selben Rhythmus, allerdings waren die Begriffe, die sie benutzte, aus einer anderen Gewichtsklasse geborgt, aus dem Mund dieser fünfundzwanzig Jahre jungen Frau klang mit aller Gewalt dieser Mann. Sie wollte offensichtlich die Spannung lösen, aber sie hatte keine Ahnung, worüber sie mit mir reden sollte, sie sagte ab und zu: Gut, dann lachte sie, knetete ihre Hände und sagte noch einmal: Gut. Schließlich hat sie mich gefragt: Gefällt dir Rumänien? Und ich habe geantwortet: Ich bin doch gerade erst angekommen. Es gibt hier Schönes und Hässliches, hat sie weitererzählt, wie in allen Ländern. Bestimmt, habe ich gesagt. Und sie hat gelacht und mir erklärt: Ihr Italiener mögt die rumänischen Fotzen. Sie hat das genau so gesagt, wie Anselmi es sagen würde, dieselben Worte, derselbe Tonfall. Genau seine Grobheit.
Das Tor ging auf, und ein Lkw fuhr herein. Anselmi dirigierte ihn in die Mitte des Werkshofs und lächelte mir stolz zu, als wollte er sagen: Wir kennen hier keinen Feierabend. Der Fahrer stieg aus und riss die Ladeklappe auf. Zwei Arbeiter sprangen hinauf und fingen an, zwei Kollegen Kartons anzureichen, und die nahmen sie an und stapelten sie auf eine Palette. Anselmi dirigierte die Operation aus einiger Entfernung, falls etwas schiefging, sollte wenigstens sein dunkler Anzug nichts abkriegen. Als alles entladen war, schob er die Klappe persönlich wieder hoch, bezahlte den Fahrer und gab dem Lkw die Sorte Klaps zum Abmarsch, die er auch einem Pferdearsch geben würde.
Als Anselmi wieder zu mir kam, war Monica gerade gegangen. Entschuldigung, hatte sie gesagt und war weggerannt, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen. Komm, ich mache dich mit den Arbeitern bekannt, hat Anselmi gesagt und mich untergehakt, die haben sie nämlich alle hier gerngehabt. Die Arbeiter standen, seit ich angekommen war, einfach da und redeten leise miteinander. Lulas Sohn, verkündete Anselmi, als ob ich aus einer Torte geklettert käme. Er ist zwar gerade erst aus Italien gekommen, aber er weiß schon ganz genau, dass das hier der Mittelpunkt der Welt ist, erzählte er weiter. Und bei »das hier« zeigte er auf den Zementboden, auf dem wir standen. Wiederum, als sei der Mittelpunkt der Welt diese Werkshalle und nicht etwa Rumänien, als liege das nur zufällig drum herum. Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Wer hier einmal herkommt, der will hier nie wieder weg, hat Anselmi noch gesagt. Hast du dir eigentlich mal überlegt, warum deine Mutter nie zurückgekommen ist? Hast du dir diese Frage je gestellt?
