Los, Frau Äh! - Marlies Karsch-Völk - E-Book

Los, Frau Äh! E-Book

Marlies Karsch-Völk

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Beschreibung

Nachdem sie in ihrem ersten Buch Frau Äh? Arbeiten mit Männern - Ein praktisches Handbuch den täglichen Geschlechterkampf im Berufsalltag analysiert hat, untersucht Marlies Karsch nun das Verhalten von Frauen im Patriarchat und stellt dabei folgende Fragen: In welche Rollen werden Frauen in der männerdominierten Berufswelt gedrängt? Wie wirkt sich das Arbeitsleben im Patriarchat auf das Verhalten von Frauen aus? Und wie beeinflusst ihr Verhalten dann wiederum die Zusammenarbeit mit Frauen und auch mit Männern? Die große Frage ist letztendlich: Gibt es etwas, an dem das Patriarchat nicht schuld ist?

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Seitenzahl: 82

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Für meine Freundinnen und Kolleginnen

Inhalt

Worum geht es?

Warum jetzt noch so ein Buch und wieso geht es um Frauen?

Was ist typisch weiblich?

Girls can`t rock - ach ja?

Was soll denn immer dieses Gejammer über Sexismus?

Ist dieses Buch für alle?

Verhaltensmuster und Rollenbilder

Hinderliche Fallen für Kolleginnen

Das Bienchen

Die Neidische

Der Mob

Die Freundin

Die Kokette

Die Mutti

Die Frau hinter dem erfolgreichen Mann

Die Streiterin

Die Schmollende

Die Giftige

Die Revolutionärin

Hinderliche Fallen für Chefinnen

Die Emotionale

Die Despotin

Die Einsame-Spitze

Die Joviale

Mehr oder weniger erfolgversprechende Rollenspiele

Die Schleimerin

Die Vater-Tochter

Eine von den Jungs

Die Toughe

Die Hausherrin/Gattin des Chefs

Die alte weiße Männin

Tja, und was jetzt?

Frau Äh wird kein richtiger Arzt

Woran hakt es generell im weiblichen Berufsleben?

Gläserne Decke für alle

Sisterhood wäre powerful

Wie wir uns selbst im Weg stehen

Mehr Selbstbewusstsein!

Patriarchat raus aus den Köpfen!

Wie wir uns gegenseitig im Weg stehen

Scheitern an unerfüllbaren Erwartungen

Stockholm-Syndrom im Patriarchat?

Konkurrenz belebt nicht das Geschäft

Größere Probleme

Solidarität unter Frauen

Und zum Schluss

Appell an die Muttis

Appell an die Papis

Ausblick

Weiterführende Informationen/Anregungen

Comics/Literatur

Filme/Serien

Wichtige Termine

Worum geht es?

Warum jetzt noch so ein Buch und wieso geht es um Frauen?

Gute Frage. In meinem ersten Buch Frau Äh? Arbeiten mit Männern – Ein praktisches Handbuch ging es um Alltagssexismus in der Arbeitswelt und was wir Frauen tun können, um besser damit klar zu kommen, und was Männer tun können, um keine Sexisten zu sein. Nicht besprochen wurde, was das Arbeiten in einer von Geschlechterklischees und männlicher Vorherrschaft bestimmten Arbeitswelt mit uns Frauen macht. Wie ist es eigentlich, mit Frauen zu arbeiten? Könnte es sein, dass wir alle nett, kollegial und fair wären, wenn es nur keine männlich dominierten Hierarchien im Job gäbe? Und dass es nur an den Männern liegt, wenn es zu Konflikten, Diskriminierung und Mobbing kommt? So einfach dürfen wir es uns leider nicht machen.

Es war im Grunde leicht, im ersten Buch das Verhalten der Männer und ihre manipulativen Strategien zu sezieren. Sexismus anzuprangern, entspricht derzeit einem breiten gesellschaftlichen Konsens. Herauszufinden und zu beschreiben, wie Frauen sich verhalten und was jede Einzelne für sich selbst besser machen könnte, ist komplexer. Ich weiß, dass ich mich auf sehr dünnes Eis begebe. Ich möchte auf keinen Fall sagen, dass Frauen mit ihrem Verhalten sexistische Männer bestärken. Das sind widerliche Ausreden, die manche Männer gerne als Entschuldigung anbringen: Die Frauen seien selbst schuld, wenn sie diskriminiert, blöd angebaggert, belästigt oder angegriffen werden. Sie hätten sich ja anders anziehen, anders dreinschauen oder nein sagen können.

In diesem Buch soll vielmehr folgenden Fragen nachgegangen werden: In welche Rollen werden Frauen in der männerdominierten Berufswelt gedrängt? Wie wirkt sich das Verhalten der Männer und das Leben in einer männerdominierten Welt auf das Verhalten der Frauen aus? Und wie beeinflusst ihr Verhalten wiederum die Zusammenarbeit mit Frauen und auch mit Männern? Frauen adaptieren sich auf verschiedenste Weise an die Gegebenheiten. Sie nehmen unterschiedliche, aus feministischer Sicht zum Teil kritikwürdige Rollen an, um im beruflichen Geschlechterkampf zu bestehen: z. B. Mutti der ganzen Truppe, harmloses liebes Mädchen, Problemlöserin, Zuarbeiterin, potenzielle Sexpartnerin, Verführerin. Diese weiblichen Rollen können stark konkurrieren oder überhaupt nicht zusammenpassen. Dass viele von uns dabei bereitwillig in bestimmte Fallen tappen, die Männer oder ihre Unterstützer*innen für uns aufgestellt haben, ist den wenigsten bewusst.

Auch die Bewertung der Berufstätigkeit von Frauen im Verhältnis zu ihrem Familienleben ist von einer patriarchalen Gesellschaft geprägt. Wie viel jemand arbeitet, wird bei Männern eher als mehr oder weniger gelungene Work-Life-Balance gewertet. Bei Frauen kommt gleich die Moral ins Spiel.

Was ist typisch weiblich?

Wir sollten uns kurz einmal vorstellen, wie es wäre, wenn Männer im Berufs- und Arbeitsleben überhaupt keine systemprägende Rolle spielen würden. Wie könnten und würden wir uns dann verhalten? Was hätten wir dann alles gar nicht nötig? Wie wäre es, wenn Aufstieg von Frauen nichts mit männlichen Kollegen oder Vorgesetzten zu tun hätte? Wenn die patriarchale Berufswelt einmal nicht für männliche Alleinverdiener mit Frauen in der Hausfrauenrolle geschaffen worden wäre? Wären Frauen dann im Beruf entspannter und automatisch selbstbewusster? Gäbe es weniger Konkurrenzkampf, sogenannte Zickenkriege, weniger Unsicherheiten oder Ängste vor Statusverlust, weil es auch weniger Erniedrigungen, Diskriminierung, Sexismus und Belästigung gäbe? Oder gäbe es, wie überall im Leben, eine natürliche Hackordnung, nur eben anders? Diese Hackordnung wäre dann vielleicht, ähnlich wie unter Männern, abhängig von Fähigkeiten, Umgang, Beliebtheit und Alphastatus, aber nicht abhängig von Männern.

Wir sind jedenfalls schon vorgeprägt und vielleicht auch falsch erzogen, bevor wir in Schule, Ausbildung, Studium und Berufsleben starten. Von uns Frauen werden nur stillschweigende Höchstleistungen erwartet, aber kein Erfolg und kein Triumph. Das zeigt sich schon in der Kindererziehung: Jungs werden für Wagemut gelobt. Mädchen sollen hübsch und vorsichtig sein und sich bloß nicht das Knie aufschlagen.

Viele Kleidungsstücke für Mädchen sind auch heute noch ausschließlich rosa. Allerdings ist hier in den letzten Jahren eine stärkere Vielfalt zu beobachten. Es gibt aber immer noch extra Spielsachen für Mädchen: rosa Plastikponys, Puppen, Puppenwagen, Spielküchen, rosa Puppenschminksets, rosa Playmobil und rosa Lego. Die Werbebotschaften richten sich an folgende Zielgruppen: Jungs als Abenteurer, Pirat, Astronaut und Dinoforscher und Mädchen als Prinzessin, Fee, Ballerina, Cupcake-Bäckerin und Mutti. Wenn Kinder älter werden, geht es in den sozialen Medien häufig vor allem für Mädchen um Schönheit und in Follower-Zahlen messbare Beliebtheit.

Girls can't rock – ach ja?

In meiner Generation war Handarbeit ein Schulfach für Mädchen. Werken durften nur die Jungs. Jetzt ist es glücklicherweise anders. Das Fach heißt, zumindest in Bayern, „Werken und textiles Gestalten“ und ist für alle. Aber in den Köpfen der heutigen Mütter von Schulkindern steckt die Botschaft noch drin: Es gibt Dinge, die du nicht kannst, weil du ein Mädchen oder eine Frau bist. Und es gibt Dinge, die Jungs oder Männer einfach besser können.

Das größte Problem dabei ist, dass Jungs und Männer diese Botschaft ein Leben lang verinnerlicht haben und durch so gut wie nichts davon abzubringen sind. Mädchen und Frauen können im Laufe ihres Lebens ungeahnte Fähigkeiten an sich entdecken. Sie können Mechatronikerinnen, Fußballprofis, Physikprofessorinnen, Chefinnen, Ministerpräsidentinnen und Kanzlerin werden. Umgekehrt verhält es sich anders: Ungeahnte männliche Unfähigkeiten werden ungleich seltener selbst entdeckt und führen so gut wie nie zur Aufgabe männlicher Führungsansprüche. So machen Männer Karriere, bleiben Chefs und regieren in diesem Land oft einfach nur, weil sie Männer sind und obwohl es qualifiziertere weibliche und diverse Mitbewerber*innen gibt.

Das Klischee typisch weiblicher und typisch männlicher Fähigkeiten ist natürlich vor allem bequem für die Männer, zum Beispiel weil uns Frauen eine natürliche Neigung zur Hausarbeit nachgesagt wird. Aber hier wünsche ich mir eine wirklich ehrliche Antwort von Männern: Sind tatsächlich zwei X-Chromosomen notwendig, um mit einem Bügeleisen oder einer Waschmaschine klarzukommen?

Wir können nicht warten, bis männliche Partner, Freunde, Kollegen und Vorgesetzte für sie bequeme Rollenbilder spontan aufgeben und sich nicht mehr sexistisch verhalten. Wir Frauen müssen uns ändern, bewusstes und unbewusstes sexistisches Verhalten kritisieren und unsere Rechte einfordern.

Was soll denn immer dieses Gejammer über Sexismus?

Sexismus gibt es im großen Stil. Ich denke, da sind wir uns alle einig: Wenn eine Frau einen Job nicht bekommt, nur weil sie eine Frau ist, und weniger qualifizierte Männer sie auf der Karriereleiter rechts überholen, nur weil sie Männer sind, dann ist das Ausdruck von strukturellem Sexismus. Aber Sexismus gibt es auch in kleinen, nicht so böse gemeinten, aber für Frauen zermürbenden Gesten, Fragen und Gesprächen. Hier ein kleines Beispiel:

Frau Äh steht, wie auch schon in meinem ersten Buch, für alle Frauen, deren Namen Männer nicht für wichtig genug halten, um ihn sich zu merken. Im ersten Comic trägt Frau Äh einen kleinen Triumph davon. Sie reagiert souverän und lässt sich nicht zum Kaffeekochen schicken.

Im zweiten Comic hat sich Frau Äh den Namen des Kollegen auch nicht gemerkt. Trotzdem behält er als Mann die Oberhand. Seine Art, Frau Äh in die Küche zu schicken, wirkt sexistisch, weil er ein Mann ist. Beide Situationen können grundsätzlich als sexistisch interpretiert werden. Denn in beiden Situationen entsteht das Gefühl, dass prinzipiell angenommen wird, dass Frau Äh zum Kaffeekochen da ist. Vielleicht sind das ja nur harmlose kurze Dialoge ohne jeden Hintergedanken? Vielleicht sollte frau so etwas nicht überbewerten? Trotzdem bleibt ein blödes Gefühl. Würden genau diese Dialoge von zwei Frauen geführt, wären sie völlig unbedenklich.

Das soll jetzt aber kein Anlass zum Jammern für Männer sein, nach dem Motto: „Mann darf ja gar nichts mehr sagen.“ oder „Mann kann es ja gar nicht mehr richtig machen.“ In einem System, in dem eine Hälfte der Menschheit jahrtausendelang unterdrückt und ausgebeutet wurde, können wir von denjenigen, die zur anderen Hälfte gehören, schon ein bisschen Wachsamkeit und Vorsicht in der Kommunikation verlangen. Dies gilt besonders für die Männer, die selbst den Vorwurf, sexistisch zu denken und zu handeln, weit von sich weisen und auch für die, die von sich behaupten, etwas gegen die Benachteiligung von Frauen tun zu wollen.

Übrigens waren auch die Reaktionen in meinem Umfeld auf mein erstes Buch Frau Äh? Arbeiten mit Männern – Ein praktisches Handbuch