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Wolfgang Rodewald wurde 1930 in Frankfurt (Oder) geboren. Im Rückblick schreibt er von drei Sozialisationen, die er erlebt hat, und seinem „preußischen Grundcharakter“. Von den vielen Tätigkeiten, die er im Laufe seines Lebens ausgeübt hat, waren manche abenteuerlich, und einige fast unglaublich. Als Staatsanwalt war er anfangs erfolgreich. Aber seine Karriere als Kreisstaatsanwalt brach nach einer politischen Aktivität, die ins Auge ging, jäh ab. Danach arbeitete er 25 Jahre lang als Wirtschaftsjurist in Schwedt, seiner Wahlheimat. Im wiedervereinigten Deutschland war er weitere fünf Jahre bis zum Renteneintritt als Verwaltungsjurist tätig. Wolfgang Rodewald ist seit 62 Jahren glücklich verheiratet und lebt nach wie vor in Schwedt an der Oder.
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2021
Wolfgang Rodewald
Loses Maul – Karierte Zeiten
Vom Hilfsarbeiter zum Staatsanwalt und zurück
ISBN 978-3-96521-405-7 (E-Book)
Das Buch erschien erstmals 2015 im Verlag Die Furt.
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
© 2021 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de
Meiner Familie gewidmet, vor allem meiner Frau, meinem über alles geliebten „Spätzchen“, und allen Menschen, die guten Willens sind.
Unser Wochenendgrundstück liegt auf einem Hang über dem Mühlental. Ich habe mich, nun stark auf achtzig Lebensjahre zugehend, an einem sonnigen Nachmittag auf meinen Lieblingsplatz zurückgezogen. Der ist hinter dem Häuschen, aber wegen der Hanglage auch über dem kleinen Gebäude. Hier, im hohen Gras zwischen halbwilden Aprikosenbäumen, kann ich geradeaus über das Tal hinweg auf den jenseitigen Hang sehen, der mit Eichen und Buchen bewachsen ist, oder auch linkerhand weit in den Nationalpark Unteres Odertal hineinblicken. Über mir blau-wolkiger Himmel, ein warmer Frühlingsnachmittag. Ringsum, in unserem Garten und auf den Nachbargrundstücken, stehen die Obstbäume in voller Blüte. Hummelbrummen und Bienensummen.
Bilder steigen in mir auf: blühende Obstbäume damals im Garten meiner Eltern, dazwischen ein Zehnjähriger im schwarzen Anzug mit einer großen Kommunionskerze in der Hand, daneben derselbe Junge in „Jungvolk“-Uniform: Braunhemd, schwarzes Halstuch mit Lederknoten, Schulterriemen, Fahrtenmesser. Ich sehe einen Malerlehrling in tosendem Bombenheulen und schmetternden Einschlägen eine Haustreppe hinunterstürzen – und wenige Wochen später vor an Hauswänden geklebten Zeitungsseiten stehend, von Grauen geschüttelt furchtbare Fotos betrachtend.
Ein junger Theatermaler gestaltet mit langem Pinsel „Marmor“-Säulen für die „Fledermaus“. Ich sehe mich tief unter der Erde im Stollen eines Uran-Erz-Bergwerkes in Bergmannsbekleidung und mit Karbidlampe Karren mit Sprenggestein beladen. Ich sehe einen Studenten und später einen Staatsanwalt, der, nun mehrfacher Vater, nicht nur Plädoyers zu halten lernen muss, sondern dem bei der Strafverfolgung auch Unvorhergesehenes begegnet.
Später aber sitzt dieser Staatsanwalt auf einem röhrenden Traktor und zieht Pflug oder Egge über endlose Felder, am Tage und in der Nacht. Dann sehe ich ... Aber nun unterbricht der Ruf zum Nachmittagskaffee meine Rückschau. Etwas mühsam erhebe ich mich und steige zum Häuschen hinab, noch immer die Bilder vor Augen, die in mir aufgestiegen sind. Noch viele andere wären gefolgt.
War dieses Leben nicht eine Aneinanderreihung von Abenteuern bis hin zu dem Tag im letzten Jahr, an dem ich meinen Studienfreund Bernd Boulet wiederfand, und auch dies ganz anders, als jahrzehntelang erträumt?
Ich gehörte und gehöre nicht zu den „Promis“. Aber sollen nur die ihre Erinnerungen publizieren? Soll ich meinen spannenden Lebensweg für mich behalten? Hätten nicht auch andere ihre Freude daran, an diesem Auf und Ab durch vergangene Zeiten teilzunehmen? Du bist, liebe Leserin, lieber Leser, herzlich dazu eingeladen. Doch Vorsicht! Dieses Buch enthält auch eigenwillige, ungewohnte Ansichten und Meinungen.
In meiner Heimatstadt Frankfurt an der Oder gibt es eine Straße mit dem merkwürdigen Namen „Halbe Stadt“. Sie verläuft nahe der im Krieg zerstörten Altstadt und ist nur auf der dem Zentrum abgewandten Seite bebaut. An der anderen Seite beginnt, zunächst steil abfallend, ein sich schmal, aber lang hinziehender Stadtpark, die ehemaligen Wallanlagen vor den Mauern der einst im Mittelalter weit bekannten Hanse- und Messestadt. In der Halben Stadt Nr. 12 wurde ich an einem Februartag des Jahres 1930 geboren. Mein Bruder Günter war drei Jahre älter als ich, und nach mir kamen keine weiteren Kinder mehr in die Familie des Malermeisters Paul Rodewald und seiner Frau Martha, geborene Allersmeier.
Unter meinen Vorfahren waren eine ganze Menge Polen, und mein Großvater mütterlicherseits, Lokomotivschlosser, kam aus dem damals preußischen Ruhrgebiet nach Frankfurt (Oder), um hier seinen Militärdienst abzuleisten. Er blieb dann für immer, weil es ihm meine damals noch ganz junge Großmutter angetan hatte.
Eines hatten meine Voreltern gemeinsam: Das Wort „Besitz“ war ihnen allen fremd. Sie mussten mit ihrer Hände Arbeit ihren notwendigsten Lebensunterhalt verdienen, und das traf auch auf meine Eltern zu. Als mein Vater im Jahre 1920, 32-jährig, nach vier Jahren französischer Kriegsgefangenschaft zu seiner Mutter heimkehrte, war er Malergehilfe. Er kam in eine Heimat, die nicht mehr die Stadt Bromberg in der preußischen Provinz Posen war. Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges hatten das Land polnisch werden lassen. Aus Bromberg war Bydgoszcz geworden. Mein Vater wollte kein Pole werden und musste auswandern. Er kam nach Frankfurt (Oder) und wurde am Stadttheater Bühnenmaler. Er war Katholik wie seine verwitwete polnische Mutter. Als er meine ebenfalls katholische und tief gläubige Mutter kennenlernte, stand einer Heirat nichts im Wege. Allerdings musste er seinem Schwiegervater, dem Lokomotivschlosser, versprechen, schnellstens die Malermeisterprüfung abzulegen und sich selbstständig zu machen. Seine Tochter Martha, das zweite seiner drei Kinder, sollte nicht die Frau eines Hungerleiders werden.
Als meine Mutter, die vor der Heirat als Kontoristin in der Gärtnerei Jungclaussen gearbeitet hatte, mit meinem Bruder Günter an der Hand und mir im Kinderwagen durch den Stadtpark spazierte, war mein Vater längst selbstständig. Er hatte einen Malereibetrieb mit mehreren Gesellen und Lehrlingen, dessen Werkstatt in einem Nebengebäude des Hauses Fürstenwalder Straße 47 untergebracht war. Wie meine Eltern, deren geringe Ersparnisse von der Inflation in den Zwanzigerjahren aufgefressen worden waren, das geschafft hatten, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Freilich, meine Mutter arbeitete täglich neben dem Haushalt und den Kindern „im Geschäft“ mit, und die Stunden der Park-Spaziergänge waren sicher zu zählen gewesen. Der ganze Bürokram lastete auf ihren Schultern: Bestellungen, Kostenanschläge, Rechnungen, Mahnungen, Steuererklärungen, Bankverkehr. Das war nicht wenig.
Meine frühesten Kindheitserinnerungen sind mit dem Haus in der Halben Stadt verbunden. Das Hauptgebäude war eine sehr stattliche Villa auf geräumigem Anwesen, die ein höherer Offizier bewohnte. An die rechte hintere Seite der Villa hatte man einen schmalen mehrstöckigen Verbindungsbau zum Nachbarhaus gewissermaßen angeklebt, dessen kleine Wohnungen über Treppenstufen bis in das andere Haus hineinreichten. Eine dieser Wohnungen hatten meine Eltern gemietet. Sie war über einen dunklen Treppenaufgang zu erreichen und besaß weder ein Bad noch einen Balkon. Immerhin war sie aber an die Zentralheizung der Villa angeschlossen.
Entsetzliche Angst vor einer mich fixierenden schwarzen Katze im Garten und vor einer vorbeipolternden Straßenwalze sind das erste, woran ich mich überhaupt erinnere. Später kamen dazu ein lähmendes nächtliches Entsetzen vor dem schaurigen „Huhuhu-huuu!“ eines Kauzes auf einer der großen Kastanien hinter dem sommerlich geöffneten Schlafzimmerfenster und ein angenehmes Gruseln, wenn mich in der Winterzeit der Hausmeister und Tischler Kania beim Feuern der hell lodernden und manchmal laut fauchenden großen Heizung zusehen ließ.
Beten und Sprechen lernen war bei meiner Mutter eins, und als ich eine Zeit lang einigermaßen ruhig sitzen und dabei auch das Mäulchen halten konnte, nahm sie mich zu den Gottesdiensten in der nahen katholischen Kirche mit. Die dort erlebten Eindrücke gruben sich tief in die kleine Seele ein: der tosende Orgelklang, der laute Gesang der versammelten Gemeinde, das geheimnisvolle Hin und Her des Priesters und der Ministranten vor dem Altar, der Duft des Weihrauchs, die tiefe Stille im Kirchenraum bei der Heiligen Handlung, in die hell die Glöckchen hineinklangen, das andachtsvolle Vorschreiten der Erwachsenen und der Jugendlichen zum Empfang der Heiligen Kommunion und schließlich das Weihwasserspritzen zum Ende der Heiligen Messe.
Ab meinem dritten Lebensjahr, zum gleichen Zeitpunkt, als mein Bruder Schulkind wurde, kam ich in den Kindergarten. Der war ein sehr nahe gelegener NSV-Kindergarten (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), gegen dessen Besuch ich mich fast an jedem Morgen schreiend und strampelnd heftig zur Wehr setzte. Es war mir unerträglich, eine Ewigkeit lang, nämlich den ganzen Vormittag über, von meiner Mutter getrennt mit anderen Kindern zuzubringen. Dennoch habe ich die „Tante Gerda“ des Kindergartens, eine liebevolle, freundliche Erzieherin, in bester Erinnerung behalten. Hatte ich erst einmal meinen „Bock“ überwunden, fühlte ich mich im Kindergarten recht wohl. Meine Lieblingstätigkeiten waren dann Abtrocknen, Aufräumen und Ausfegen. Schon die Aussicht darauf wirkte auf mich besänftigend.
Beim Umhertoben danach zeigte ich mich als einer der Wildesten und kannte keine Gefahr. Meine Mutter hatte mich gelehrt, dass überall, wo ich auch war, mein Schutzengel auf mich aufpasste und mich vor Leid und Schmerz bewahrte. Was konnte mir da schon widerfahren?
Sehr früh prägten sich mir auch die vielen Hakenkreuzfahnen ein, die überall, und besonders an den staatlichen Feiertagen, zu sehen waren. An der großen Villa hing dann eine große vom vorderen Balkon herab, und auch am Firmenschild meines Vaters an der Hauswand des Nachbarhauses war eine, wenn auch sehr viel kleinere, befestigt. Das leuchtende Rot dieser Fahnen, der weiße Kreis darin mit dem schräg gestellten einprägsamen schwarzen Zeichen gefielen mir. Offensichtlich gefiel diese Fahne auch den meisten anderen Menschen. Verwandelte sich die Stadt an den Staatsfeiertagen nicht in ein Meer dieser Fahnen? Und wurde sie nicht von Unzähligen im großen Umzug am Ersten Mai mitgetragen?
Im Oktober 1935 erlebten meine Eltern die Erfüllung ihres Lebenstraumes. Die Familie konnte ein kleines Haus beziehen, wofür freilich noch jahrelang Kaufraten zu bezahlen waren. Das Häuschen, in dessen Nebengebäuden nun auch der Malereibetrieb untergebracht wurde, lag im Immenweg, im westlichen Teil Frankfurts. Dort hatte sich seit Mitte der Zwanzigerjahre die hauptsächlichste Neubautätigkeit entwickelt: die ausgedehnte Eisenbahner-Wohnsiedlung „Paulinenhof“, mehrere Eigenheimsiedlungen, neue Kasernen mit Offiziers- und Unteroffizierswohnungen in der Nähe, fiskalische Gebäude, Schulen, verschiedenste Geschäfte und mehrere Gaststätten. Mein Bruder und ich bezogen nun ein kleines Mansarden-Kinderzimmer und konnten uns über ein Bad im Hause freuen. Auch ein großer Garten und ein vom Vater eingerichteter Spielplatz standen uns jetzt zur Verfügung.
Ein Jahre später, nach Ostern, begann für mich die Schulzeit. Natürlich wurde ich in die katholische Schule in der Forststraße dicht an der Oder eingeschult. Das bedeutete einen weiten Schulweg. Ich erhielt zwar täglich meine zwanzig Pfennig für die Straßenbahn, aber davon nahm ich in der Regel nur die zehn Pfennig für die morgendliche Hinfahrt in Anspruch, während ich aus dem Rückweg, kräftig und lauffreudig wie ich war, weite Abenteuerwanderungen durch alle möglichen Stadtteile machte, sehr zur Sorge meiner Mutter.
In der Schule kam ich in die Obhut des freundlichen Lehrers Schmidtchen. Bei ihm erlebte ich nicht nur mehrere Male stimmungsvolle Adventszeiten mit Kranz und Kerzenlicht neben den Gaslampen, sondern auch ab und zu seinen Rohrstock. Meist war das aber – wegen Schwatzhaftigkeit oder unangebrachter Widerworte – nur ein leichter Hieb über die Finger-Innenseite. Mein Vater ging anders gegen mein „loses Maul“ vor: Von ihm hatte ich öfter einmal eine kräftige Maulschelle einzustecken.
Am 9. November 1938, ich war acht Jahre alt, saß ich nach der „Reichskristallnacht“, dem ersten Judenpogrom der Nazis, früh auf meiner Schulbank. Nachdem Schmidtchen eine Weile düster schweigend den aufgeregten Erzählungen der ihm anvertrauten Kinder zugehört hatte, sagte er plötzlich sehr laut: „Wir sind keine Plünderer und Diebe! Sofort bringen die, die etwas gestohlen haben sollten, das Mitgebrachte wieder zurück!“ Tatsächlich zogen drei aus unserer Mitte mit rotem Kopf ab, und nun erst begann Schmidtchen mit dem Unterricht.
Frankfurt an der Oder hatte sich nach seiner Blütezeit als Hanse- und Messestadt zunehmend zu einer Militär- und Beamtenstadt gewandelt. Es gab viele Kasernen, alte und neue. Die neuen, nach dem Machtantritt der Nazis errichteten, überwogen. Täglich begegneten mir auf dem Schulweg singende Soldatenkolonnen, die im exakten, knallharten Gleichschritt dahinmarschierten und frohe, lebenslustige Gesichter unter den Käppis oder Stahlhelmen zeigten. Es konnte nicht ausbleiben, dass sich der Heranwachsende für die Lieder, die er im Mitlaufen lernte, und für das Militärische überhaupt begeisterte. Welches Jungenherz konnte unbeteiligt bleiben bei „Des Morgens, wenn die Hähne kräh’n, ziehn wir zum Tor hinaus, und mit verliebten Augen seh’n die Mädchen nach uns aus!“ oder „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, und das heißt Erika!“?
Auch einen Militärflugplatz gab es jenseits der Oder, auf dem von morgens bis abends Fliegen gelernt wurde. Wir Schüler konnten schon am Motorengeräusch die Flugzeuge jener Jahre erkennen, die „Arados“, die „Bückers“, die „Junkers“ und „Heinkels“, die zu jeder Stunde über der Stadt kreisten. Nicht wenige von uns bauten Flugzeugmodelle, auch ich, und für nicht wenige gab es nur eine Waffengattung, die Luftwaffe, in der man später in dem Krieg, der am 1. September 1939 begonnen hatte, „für Führer und Vaterland“ kämpfen wollte. Vorerst aber kam ich zu Ostern 1940, nachdem ich zehn Jahre alt geworden war, in die Mittelschule, in der mein Bruder bereits die dritte Klasse besuchte.
Handwerksmeister, Händler und kleinere Beamte ließen ihre Jungen diese Schule besuchen, bei der monatlich zehn Mark Schulgeld zu bezahlen waren. Man erwarb dort mit sechzehn Jahren die „Mittlere Reife“. Neben dieser Schule gab es in Frankfurt (Oder) noch für die Söhne und Töchter der mittleren Beamten ein Realgymnasium und ein Lyzeum, und die Söhne der „feinen Leute“, besonders der höheren Offiziere, besuchten das „Friedrichgymnasium“.
Mein Verhältnis zu meinem Bruder war übrigens nicht das Beste. Er ließ mich ständig spüren, dass ich der Kleinere war, nahm mich nicht ernst, spielte sich als der unumschränkte Herrscher im Kinderzimmer auf und war weit davon entfernt, mir liebevoll und brüderlich beim Bewältigen meiner kindlichen Probleme Rat und Hilfe zu geben. Wirkliche Geschwisterliebe lernte ich nur in anderen Familien kennen, wenn ich Klassenkameraden zum Spielen besuchte.
Der Wechsel in die Mittelschule war nicht das einzige einschneidend Neue des Jahres 1940. Ich hatte nun auch als „Pimpf“ im „Jungvolk“ Dienst zu tun, mittwochs und sonnabends. Nicht wenig stolz auf die Uniform mit Koppel, Schulterriemen, Halstuch, Knoten und Fahrtenmesser, nahm ich die neue Betätigung als Selbstverständlichkeit hin, zumal sowohl die Geländespiele als auch die Antrete- und Marschübungen mit Gesang und die Heimabende in einem Kellerraum in junger Gemeinschaft ganz mein Fall waren.
Einen kleinen Dämpfer gab es freilich mit der „Pimpfenprobe“. Ein Marsch über fünfzehn Kilometer mit schwerem Tornister in ein Landschulheim und ein dortiger dreitägige Aufenthalt mussten absolviert werden, natürlich auch der Rückmarsch. Das Landschulheim war eigentlich eine dem Jungvolk zeitweise überlassene Jägerhütte in den Wäldern jenseits der Oder. Mein Vater, der im Krieg das Marschieren gründlich kennengelernt hatte, bereitete mich vor. Bequeme hohe Schnürschuhe wurden gekauft und wochenlang auf dem Schulweg „eingetreten“. Er lehrte mich, kunstgerecht den „Affen“, den Tornister, zu packen und die Schlafdecke sauber zu wickeln und zu befestigen. Den gepackten „Affen“ musste ich mehrmals eine halbe Stunde lang über die Gartenwege tragen, damit ich ein Gefühl dafür bekam, was ich vor mir hatte und sich meine Schultern an die Trageriemen gewöhnten.
So überstand ich die durch Pausen aufgelockerten Märsche ohne Beschwerden und gehörte nicht zu denen, die auf den mitgeführten Handwagen als „Fußkranke“ gefahren werden mussten oder deren Gepäck darauf verladen wurde.
Die drei Tage in Neubischofsee lehrten mich aber dann, dass mir die „kameradschaftliche Gemeinschaft“ nur stundenweise gefiel. Das tagelange Zusammensein mit Jungen, von denen mir nur wenige zusagten, konnte mich nicht begeistern. Freilich, sportliche Wettkämpfe, Geländespiele, Küchendienst und weltanschauliche Schulung („der Lebenslauf des Führers“, „vom Sinn der Siegrune in unserer Fahne“) verkürzten die Tage, aber die Abende auf den miefigen Strohlagern ließen mich das Glück meiner abendlichen Lesestunden im Bett des Kinderzimmers mit „Karl May“ oder „Hans Dominik“ bitter vermissen. Ich war richtig selig, als ich nach überstandenen drei Tagen in unserem Häuschen Immenweg 5 den Tornister und die Marschstiefel in die Ecke werfen und mich erst einmal für einige Stunden über meinen Stahlbaukasten hermachen konnte.
Der Krieg war in meiner kindlichen Vorstellung nichts als ein großes Abenteuer, an dem ich in einigen Jahren selbst teilnehmen würde. An dieser Vorstellung hatte unser Radiogerät kräftigen Anteil, aus dem in den ersten Kriegsjahren nach dem „Blitzkrieg gegen Polen“ täglich mehrmals die Siegesfanfaren der „Sondermeldungen“ tönten und Sprecher mit markiger Stimme von den „Vormärschen an den Fronten“ in Frankreich, Norwegen, Griechenland und in der Sowjetunion berichteten.
Das Kinderzimmer war an den Wänden mit Zeitungsfotos „unserer Asse in der Luft und auf See“ geschmückt, und die Kinobesuche machten die Helden überlebensgroß lebendig, in Filmen wie „D 3-88“, „U-Boote westwärts“ oder „Stukas“. Dass die schwarzumrandeten kleinen Anzeigen mit dem Hakenkreuz für die „Für Führer, Volk und Vaterland“ Gefallenen einen immer größeren Platz in der Zeitung einnahmen, übersah ich gedankenlos, ebenso wie das kopfschüttelnde Schweigen der meinen Vater bei ein paar Tagen Fronturlaub besuchenden Gehilfen, wenn sie etwas von ihren Erlebnissen erzählen sollten.
Das Frühjahr des Jahres 1943 war herangekommen. Der Luftkrieg gegen zivile Ziele, von Deutschland gegen Städte in Belgien und England begonnen, wurde schon seit 1940 auch gegen Deutschland geführt. Bereits lagen Lübeck, Rostock und Köln in Schutt und Asche. Im Februar ereilte die Deutschen die Schreckensnachricht von der größten militärischen Katastrophe dieses Krieges. Sie ist unter dem Namen „Stalingrad“ in die deutsche Geschichte eingegangen. Über 2 000 Kilometer von der Heimat entfernt, in einem Land, das sie gemäß Befehl eines größenwahnsinnigen „Führers“ und dessen Machtclique überfallen hatten und erobern sollten, waren zwei ganze Armeen deutscher Offiziere und Soldaten nach monatelangen erbitterten Kämpfen von den sowjetischen Verteidigern zur Kapitulation gezwungen worden. Bei Beginn der Kämpfe hatten die deutschen Kräfte noch eine Stärke von 300 000 Mann gehabt, die Kapitulation erlebten noch 91 000. Ungezählte weitere starben an Hunger, Entkräftung und Krankheit während der Jahre der Gefangenschaft.
Dieses Massensterben war eines der schrecklichsten des Zweiten Weltkrieges überhaupt. Es lässt sich nur vergleichen mit den 635 000 zivilen Opfern der US-amerikanischen und englischen Bombardierungen der deutschen Städte und den ebenfalls zivilen 380 000 Toten nach den beiden US-amerikanischen Atombombenabwürfen auf die japanischen Großstädte Hiroshima und Nagasaki.
Und wie reagierte ich, der dreizehnjährige Kriegsbegeisterte, auf Stalingrad? Die Katastrophe beeindruckte mich in keiner Weise. War nicht noch genügend Raum im Osten von den deutschen Soldaten besetzt, um neue Angriffe zum Erfolg zu führen? Hatte Propagandaminister Dr. Goebbels nicht den Einsatz von kriegsentscheidenden neuen Waffen angekündigt?
Ein anderes Ereignis, das mir im April 1943 bevorstand, beschäftigte mich weit stärker: Die Jungen der unteren Klassen der Mittelschulen sollten für ein halbes Jahr „kinderlandverschickt“ werden. Offiziell wurde dies mit der Bombenbedrohung, der nicht mehr ausreichenden Ernährungslage in den Städten und einer Entlastung der Mütter, die oft Soldatenfrauen oder -witwen waren, begründet. Mit der „Landverschickung“ war wohl aber auch der Gedanke verbunden, die Heranwachsenden, die in einigen Jahren Soldaten sein würden, in eine strengere Zucht zu nehmen und größeren nationalsozialistischen Einfluss auf sie auszuüben.
Wie dem auch sein mochte, meine Erwartung neuer und aufregender Erlebnisse stieg von Tag zu Tag an. Damals war ich mit Horst Schütz eng befreundet. Mit ihm tauschte ich stundenlang auf dem Schulheimweg oder beim Jungvolk-Dienst Gedanken und Vorstellungen über die bevorstehende „KLV“ aus. Horst Schütz war schon mein Klassenkamerad in der katholischen Volksschule gewesen. Wir gingen auch gemeinsam zur Ersten Heiligen Kommunion. Er hatte eine schmächtige Statur und ein zurückhaltendes Wesen. Mag sein, dass unsere Gegensätzlichkeit unsere Freundschaft begründet hatte, denn ich strotzte vor Kraft und Gesundheit und tat mich überall durch vorlaute Bemerkungen und altkluge Meinungsäußerungen hervor. So war er für mich der Gefährte, mit dem ich meist unwidersprochen, viel öfter jedoch zustimmend ergänzt, meine Fantasien erörtern konnte. Für Horst bedeutete ich wohl eine Art Idol der Lebenskraft. Selbstverständlich leistete ich ihm bei den Jungenraufereien Beistand, und zusammen waren wir fast unbesiegbar. Horst war der einzige, der aus meiner Klasse in der katholischen Volksschule mit mir auf die Mittelschule gekommen war. Sein Vater war ein kleiner Beamter. Seine Tätigkeit bei der Reichsbahndirektion nannte sich „Amtshilfsgehilfe“. Aus unerfindlichen Gründen war er, wie auch mein Vater, „PG“ (Parteigenosse in der Nazipartei). Auch heute noch ist mir diese Mitgliedschaft rätselhaft. Weder in unserer Familie noch in der Familie Schütz konnte von einer Atmosphäre des Herrenmenschentums und der Judenfeindlichkeit die Rede sein. Die Tätigkeit von Horsts Vater als Reichsbahn-Amtshilfsgehilfe zeugt nicht gerade von Privilegien, und auch bei meinem Vater bedurfte es keiner Partei-Beziehungen: Seine Auftragsbücher waren bei dem Bauboom im Frankfurter Westen in den Dreißigerjahren auch ohne solche ausreichend gefüllt.
Im Jahre 1940 wurde Horst Schütz wie ich Pimpf im Jungvolk-Fähnlein „Geusen“. Im selben Jahr fand auch die für Katholiken sehr wichtige Erste Heilige Kommunion statt. Ebenso wie ich erhielt er als Erstkommunionsgeschenk ein Wand-Kruzifix in sehr gediegener Ausführung. Das Kreuz, aus schwarzem Holz in künstlerisch meisterlich abgestimmten Maßen, trug einen hell metallenen Christus, dessen Körper und Antlitz zwar stilisiert dargestellt waren, dessen Leidensbotschaft jedoch so eindringlich zum Ausdruck gebracht wurde, dass jeder davor Stehende oder Kniende sich leicht in Andacht oder Gebet versenken konnte.
Natürlich trafen Horst Schütz und ich uns früh zum gemeinsamen Gang in die Schule. Das ließ sich sehr bequem machen, weil die Familie Schütz in der damaligen Ostmarkstraße (Paulinenhof) „unter dem Torbogen“ wohnte, also direkt an meinem Schulweg. Oft fuhren wir auch mit unseren Fahrrädern. Da ich von uns beiden der weitaus wildere Radfahrer war, hatte mein Fahrrad nicht selten verbogene Felgen, gebrochene Decken oder sonstige Beschädigungen aufzuweisen. Derartiges war bei meinem Freund undenkbar. War mein Fahrrad defekt, so gingen wir auch sonntags zur Heiligen Messe zu Fuß. Überhaupt war in diesen Jahren mein Schutzengel viel mit mir beschäftigt. Er hatte mich vor Abstürzen zu bewahren, wenn ich auf den Dächern unserer Werkstattgebäude umherstieg; er musste mich auf dem Fahrrad vor Zusammenstößen mit Laternen, Zäunen und Bäumen schützen, und einmal zog er mich sogar milde lächelnd unter einem Auto hervor und stellte mich, unverletzt, wieder auf die Beine.
Im April 1943 ging es endlich auf die große Reise in die Kinderlandverschickung. Wir Kinder kamen aus zwei Jahrgängen und waren 13 und 11 Jahre alt. Das hatte, wie sich zeigen sollte, einen pädagogischen Sinn: Die Älteren sollten die Aufsichtstätigkeit bei den Jüngeren unterstützen. Unser Ziel lag im Riesengebirge. Zum KLV-Lager war das „Berghotel Thiele“ im damaligen Brückenberg bestimmt worden. Es lag mit einer unendlich weiten Talsicht 900 Meter hoch unmittelbar am Waldrand und ganz in der Nähe der berühmten norwegischen „Kirche Wang“.
Ich wurde gleich nach der Ankunft von Horst Schütz getrennt, weil man mir wie einigen anderen der „Größeren“ zutraute, als „Stubenältester“ in einem Zimmer zusammen mit fünf der „Kleinen“ für Sauberkeit, Ruhe und Ordnung zu sorgen. Schon hier will ich bemerken, dass mir diese Aufgabe während der folgenden Monate nicht schwer fiel. Die Elfjährigen erkannten von Anfang an meine Autorität als „Ältester“ an, wenn ich zwischen ihnen am Tisch oder abends hoch von meinem oberen Etagenbett aus meine Weisungen erteilte. Dabei wollte ich, anders als mein Bruder, möglichst nie den Kommandeur herauskehren, sondern vielmehr der brüderliche Freund sein. So manches Mal stieg ich abends wieder aus meinem Bett, wenn ich hörte, wie einer meiner Kleinen sein Heimweh leise in sein Kopfkissen schluchzte. Ich setzte oder stellte mich dann zu ihm, erzählte ihm leise Rübezahl-Sagen oder selbsterfundene Märchen von Bergzwergen, bis das Weinen aufhörte. Ich wunderte mich dann, dass nicht nur der Heimwehkranke, sondern auch alle anderen sich im Bett aufgestützt und zugehört hatten.
An der Spitze des „KLV-Lagers 100“ stand Lagerleiter Kindermann, ein fußbehinderter etwa vierzigjähriger Mann in schwarzer Uniform mit Hakenkreuz-Armbinde und schwarzer Feldmütze. Ich konnte und kann diese Uniform nicht einordnen. Eine SS-Uniform war es jedenfalls nicht; aber die der Organisation Todt konnte es eigentlich auch nicht gewesen sein, denn Kindermann hatte ganz offensichtlich vor allem pädagogisch-organisatorische Aufgaben zu erfüllen. Ihm zur Seite – als der eigentliche Machthaber – stand der „Lamafü“ (Lagermannschaftsführer), ein kleiner, etwa zwanzigjähriger verkniffener Nazi in Hitlerjugenduniform im Range eines Gefolgschaftsführers (Gefolgschaft: 100 Hitlerjungen). Im Lager wurde der Schulunterricht durch mitgereiste Frankfurter und örtliche Lehrkräfte ohne Abstrich weitergeführt, während für die Dienst-Nachmittage des „Jungvolks“ fünf etwa sechzehnjährige Jungvolkführer im Range von Jungzugführern zur Verfügung standen (Jungzug: 30 Jungvolkjungen). Diese stammten vermutlich aus dem nahe gelegenen Krummhübel.
Wir lebten uns schnell in den Lagerbetrieb ein. Eine strenge Zeiteinteilung – Presseschau mit Frontlage, Unterricht, Mittagsruhe, Schularbeiten oder Jungvolkdienst, abends Putz- und Flickstunde, Briefe schreiben oder Heimabende mit Liederlernen oder Spielen – ließ keine Langeweile aufkommen. Oft wurde das Lagereinerlei durch Wandertage unterbrochen, in deren Verlauf wir über Berg und Tal die ganze landschaftlich sehr reizvolle gebirgige Umgebung kennen lernten. Bei diesen Wanderungen wurde in mir die Liebe zur Bergwelt mit ihren unendlichen Wäldern, den glasklaren murmelnden oder rauschenden Bächen und der einzigartigen würzig-feuchten Höhenluft geweckt, die mich später nie wieder verließ.
Sonntäglicher Kirchgang für die katholischen Kinder war im Lagerplan nicht vorgesehen. Da die Katholiken, die in der Diaspora aufwachsen, also umgeben von einer Mehrheit von Nicht- oder Andersgläubigen, gewöhnlich so etwas wie Glaubensstolz und -trotz entwickeln, so kam ich auf die Idee, für Horst und mich den Kirchgang als unser katholisches Recht bei der Lagerleitung durchzusetzen. Horst war davon nicht begeistert. Es lag ihm nicht, sich „Extrawürste“ zu braten, mir dagegen umso mehr. Bei der Unterredung mit Kindermann und dem „Lamafü“ machte ich den Wortführer, während Horst, dem die giftigen Blicke des „Lamafü“ mehr zusetzten als mir, sich immer enger hinter meinen Rücken stellte. Wir wurden hinausgeschickt und nach längerer Beratung teilte uns Kindermann mit, dass wir für unseren Wunsch mindestens eine Antragstellung unserer Eltern beibringen müssten. Das war innerhalb einer Woche getan. Da wohl beide, Kindermann wie der „Lamafü“, sich nicht der Mühe des Stellungnehmenmüssens zu eventuellen Beschwerden unserer Eltern im Falle einer Ablehnung aussetzen wollten, so wurde unser Kirchgang genehmigt, von Kindermann bekümmert, vom „Lamafü“ schiefmäulig und katzenäugig. Ich knuffte Horst danach lachend in die Seite. Er teilte meine Siegesfreude nicht. Es war auch kein Sieg gewesen.
Wenige Wochen später drangen spätabends, als bereits Nachtruhe herrschte, laut polternd, jedoch schweigend, fünf vermummte Gestalten in mein Zimmer ein, in denen unschwer die fünf Jungzugführer zu erkennen waren. Sie machten Licht und zerrten mich gegen meine wütende Gegenwehr, während die Kleinen voller Entsetzen aus ihren Betten zusahen, über den Tisch. Sie hatten ihre schwarzen Jungvolk-Halstücher mit Sehschlitzen versehen und über die Köpfe gebunden. Sie sahen wie Henker aus. Während vier von ihnen meine Hände und Füße gepackt hielten, begann der fünfte, mir mit einem Pantoffel auf das nur mit der straffgespannten Schlafanzughose bekleidete Hinterteil zu schlagen. Er schlug scharf zu. Der brennende Schmerz bei jedem Schlag und meine kochende Wut über die mir angetane Demütigung ließen mich aus Leibeskräften schreien. Ob nun der „Lamafü“ nur eine bestimmte Anzahl von Schlägen befohlen hatte, oder ob die Vermummten das Zusammenlaufen der im ganzen Hause Geweckten fürchteten, sie ließen jedenfalls von mir ab und verschwanden polternd und schweigend, wie sie gekommen waren. Ich drehte das Licht aus und kroch schmerzgekrümmt zurück in mein Bett. Weinend versuchte ich einzuschlafen, wie auch meine kleineren Zimmergenossen, die ihre Schlafdecken hochgezogen hatten und keinen Laut von sich gaben.
Hinfort verzichteten Horst und ich auf die sonntäglichen Kirchgänge nach Krummhübel. Mein sorgloses Aufgehen in die Pflichten der Lagergemeinschaft hatte ein Ende gefunden. Ein dunkler Schatten lastete jetzt auf den Wochen des weiteren Aufenthaltes im Berghotel Thiele, und ich war unendlich erleichtert und glücklich, als ich im Oktober, wieder mit den anderen nach Frankfurt (Oder) zurückgekehrt, aus dem Zug steigen konnte und von meinen Eltern in die Arme genommen wurde. Zu Hause fand ich einiges anders vor als bei meiner Abfahrt. Mein Bruder Günter hatte den Einberufungsbefehl zum Arbeitsdienst erhalten und würde sehr bald Soldat sein. Den vorübergehenden Leerstand des Kinderzimmers hatte mein Vater zu einer gründlichen malermäßigen Instandsetzung genutzt. Neue Tapeten hatten meine Wehrmachtshelden-Galerien aus Zeitungsbildern verschwinden lassen und ein neuer Deckenanstrich die schwarzen Flecken meiner Versuche mit Schwarzpulver. Der Geruch des neuen Lackes auf Tür, Fenster und Fußboden verbreitete eine Atmosphäre des Neuartigen, Erwartungsvollen.
Als meine Eltern, nachdem ich ausgeschlafen hatte, mit mir zusammensaßen und ich mit meinem Bericht von den letzten Wochen des KLV-Lebens fertig war (von dem schmachvollen Ende der Kirchgänge erfuhren sie nie etwas), überraschte mich mein Vater mit dem folgenden Vorschlag: „Mutti und ich haben uns überlegt, dass dein weiterer Schulbesuch dir nichts mehr bringen würde. Wenn du damit einverstanden bist, nehmen wir dich im Frühjahr 1944 von der Schule, und du beginnst am 1. April bei mir eine Malerlehre. Ein Gesellenbrief als Maler hilft dir bestimmt weiter als eine fragwürdige Mittlere Reife.“ Ich brauchte einige Zeit, um mich zu fassen. Dann stimmte ich zu. Zwar konnte ich mich für den Beruf des (Stuben-)Malers nicht begeistern, dafür aber umso mehr für den Gedanken, den Schulbetrieb zu verlassen und etwas Praktisches, Handfestes zu tun. Außerdem hatten die Eltern darin recht, dass kaum noch eine wesentliche Wissenserweiterung stattfand. Frankfurt (Oder) erlebte zwar nie eine massierte Bombardierung, lag aber in einer für die Alarmierung relevanten Entfernung zu mehreren von Angriffen heimgesuchten Städten, darunter besonders Berlin mit seinen Umgebungsstädten. So gab es wöchentlich mehrere Nachtalarme und Schulanfänge am folgenden Tag um zehn Uhr mit 20-minütigen „Kurzstunden“. Das konnte man sich tatsächlich schenken, dachte ich.
Erst viel später, nach dem Krieg, wurde mir die liebevolle Voraussicht meiner Eltern klar: Nach Stalingrad waren sie, anders als ich, angesichts der unaufhaltsam gegen Deutschland vorrückenden Sowjetarmee und der immer umfangreicheren Zerstörung der Städte durch Luftangriffe von großer Angst und Sorge um die Zukunft ergriffen worden. Sie wollten für die Nachkriegszeit nach einem verlorenen Krieg vorsorgen.
An jenem Abend ging ein erleichtertes Lächeln über die Gesichter meiner Eltern. Sie hatten wohl mit Widerstand gerechnet. Mein Vater sagte zu mir: „Und damit dir das alles leichter fällt, sollst du mich auf meiner Reise nach Bromberg begleiten, die ich noch in diesem Monat machen will.“ Ich stimmte zu, diesmal weitaus begeisterter. Auch diese Bromberg-Reise zu seiner polnischen Mutter und seinen polnischen Geschwistern und deren Familien war sicher aus der Überlegung heraus von meinem Vater geplant worden, sie wiederzusehen, so lange das überhaupt noch möglich war.
Ich habe wenige Erinnerungen an diese Reise. Ich sehe die mich faszinierende Petroleumlampe bei meiner Großmutter vor mir. Ich sehe die lachende Freundlichkeit dreier hübscher, etwa gleichaltriger Cousinen, die nicht ganz flüssig deutsch sprachen. Ich sehe eine große Laokoon-Gruppe, als Springbrunnen gestaltet, in einem weiten grünen Park; insbesondere aber sehe ich mich zusammen mit meinem Vater in einer Straßenbahn fahren. Wir sitzen ganz allein in dem sonst leeren Vorderwagen, während der Anhängewagen derart gedrängt mit sitzenden und stehenden Polen gefüllt ist, dass die Menschen sogar die Trittbretter besetzt haben und sich an die Einstiegsgriffe klammern. Mein Vater blickt schweigend starr geradeaus. Ihm ist äußerstes Unbehagen anzumerken. Auch ich schweige. Es gibt nichts zu fragen. Das, was ich erlebe und was sich mit brennender Scham für immer in mir eingeprägt hat, ist eindeutig genug.
Im Februar des Jahres 1944 wurde ich 14 Jahre alt und wechselte, wie auch Horst Schütz, vom „Jungvolk“ in die „Hitlerjugend“, natürlich in die „Flieger-HJ“. Der Dienst, der sonst vier Jahre zu dauern hatte, ging bei uns nur über knappe zehn Monate. Es war eine interessante Zeit. Der Mittwochsdienst entfiel jetzt, dafür begann er jeweils am Sonnabendmittag und dauerte bis zum späten Sonntagabend. Wir übernachteten draußen auf dem Segelflugplatz auf Strohsäcken in einem Nebenraum des Flugaufsichtsgebäudes. Wir lernten „pendeln“ (den Hanggleiter SG 38 am Boden im Wind aufrecht zu halten), zogen, hangabwärts stürmend, am Gummiseil die Flugkameraden in die Luft, konnten uns mit ersten Sprüngen und dann mit längeren Flügen selbst beweisen und hatten zwischendurch auch „Baudienst“ zu leisten, in einer großen Werkstatt in der Bahnhofstraße. Dort wurden unter der fachkundigen Anleitung kriegsversehrter Männer, offenbar Tischler von Beruf, Reparaturen ausgeführt. Die Luftalarmsirenen hörten wir auf dem Fluggelände nur leise von weitem. Wir zogen dann die Gleiter und Segler unter die Bäume und machten Pause bis zur Entwarnung. Im Herbst war Schluss mit dem Fliegen, für immer. Es gab kein Benzin mehr für die Seilwinden und auch nicht für das Transportfahrzeug, den „Opel Blitz“-Lkw.
In der Vorweihnachtszeit bauten wir in der Segelflugzeug-Werkstatt Holzspielzeug für Flüchtlingskinder. Wir sägten Dackel und Enten aus, rundeten mit Raspel und Feile die Kanten ab, leimten die Figuren auf Brettchen mit Rädern und strichen und lackierten alles in bunten Farben. Auch diese Arbeit machte uns Spaß, dachten wir doch dabei an glänzende Kinderaugen. Dann gingen auch das Holz und die Farben aus, und der Werkstattleiter machte hinter uns die Tür zu. „Macht‘s gut, Jungs“, verabschiedete er uns. „Haltet die Ohren steif!“ Er drückte uns fest die Hände. Er, der nur noch einen Arm hatte, wusste wohl besser als wir großen und doch noch kindlichen Jungen, was uns bevorstand.
Der Autor (links im Bild) siebenjährig mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Günter
Schulfreund Horst Schütz
Die Lehrzeit bei meinem Vater ließ sich recht gut an. Meine Mutter hatte für mich, obwohl das letzte Kriegsjahr fast erreicht war, Malerbekleidung auftreiben können, und so fuhr ich am 1. April 1944 zusammen mit meinem Vater auf unseren Fahrrädern erwartungsvoll in die Gegend des „Langen Grundes“ zu meiner ersten Arbeitsstelle. Meinem Vater waren nur noch zwei Gesellen geblieben, ein sehr alter, Herbert Bernsee, und Werner Schulz, der wegen Lungentuberkulose vom Wehrdienst befreit war. Ich war der einzige Lehrling. Die Arbeitsstelle Langer Grund hatte ihre Ursache in dem einzigen Luftangriff, den Frankfurt (Oder) erlebt hatte. In einer Nacht des vorangegangenen Februars waren vier oder fünf einzelne Bombenflugzeuge quer über die Stadt hinweggeflogen und hatten ihre tödliche Last, Bombe um Bombe, abgeladen. Waren die Bahnanlagen das Ziel gewesen, so hatte es der Angriff gründlich verfehlt. Aber er hinterließ eine Spur der Zerstörung und forderte 58 Menschenleben.
Die ersten Bomben waren am Langen Grund eingeschlagen, gottlob zwar nur in die Gärten, aber mit Folgen an und in den umliegenden Häusern. Mein Vater hatte den Auftrag erhalten, die Wand- und Deckenrisse, nachdem Maurer sie verschlossen hatten, nun mit Farbe möglichst unsichtbar zu machen. Daran arbeitete Werner Schulz, ein hagerer sportlicher Mensch, undenkbar ohne sein Rennrad, seine Knickerbockerhosen, karierten Kniestrümpfen und Sportschuhe. Natürlich passte es ihm zuerst nicht, dass ihm der Sohn des Meisters beigegeben wurde, aber nachdem er meine Anstelligkeit und Arbeitsfreude kennengelernt und meine Verschwiegenheit erprobt hatte, wurden wir gute Partner.
Fliegeralarm gab es nun auch am Tage mehrmals in der Woche. Ich erinnere mich an einen Sonntagvormittag, als ich mit meiner Mutter in unserem mit Balken notdürftig abgestützten Keller saß. Mein Vater, der sich fast immer draußen aufhielt, kam herunter und sagte zu mir: „Komm mit, das musst du dir ansehen! Sie sind schon über unserem Haus weg. Es kann nichts mehr passieren.“ Wirklich, das musste man einmal gesehen haben. Drei starke Bomberströme, aus verschiedenen Richtungen kommend, zusammen vielleicht tausend viermotorige Flugzeuge, hatten sich über Frankfurt (Oder) vereinigt und flogen nun unter ohrenbetäubendem Dröhnen und den Himmel mit ihren Kondensstreifen fast ganz ausfüllend, nach Westen. Mein Vater legte seinen Arm auf meine Schulter. „Das trifft Fürstenwalde, Erkner oder Berlin. Gott sei den armen Menschen gnädig!“
Die Wochen und Monate bei Werner Schulz im Langen Grund vergingen wie im Fluge. Wenn auch die ständigen Reparaturen von einer gewissen Gleichförmigkeit waren, so gab es doch dabei sehr viel zu lernen. Ich lernte die Zubereitung und die Handhabung von Gipsmörtel ebenso wie das Mischen von Leim- und Ölfarben und das Befestigen gerissener Tapeten. Meist wurden die Küchen vollkommen neu gestrichen. Uralte Fettverfärbungen an der Decke über den Herden und Wasserflecken daneben im Schornsteinbereich mussten dabei gemeistert werden.
Bald stand der Winter vor der Tür. Von Osten her näherte sich mit unheimlicher Lautlosigkeit die Front. Längst kämpften sich die sowjetischen Truppen auf deutschem Gebiet gegen Berlin vor. Östlich der Oder sammelten sie sich zum letzten, vernichtenden Angriff. Im Januar 1945 wurde bekannt, dass Frankfurt zur Festung erklärt und die gesamte zivile Bevölkerung evakuiert werden sollte. Mein Vater, jetzt 57 Jahre alt und seit Stalingrad kränkelnd und nur noch ein Schatten seiner selbst, hatte die Einberufung zum Volkssturm erhalten. Er musste in Frankfurt bleiben. An einem Wochenende sägten und gruben wir unter der Veranda unseres Häuschens ein Versteck und verbargen dort, durch den Linoleumbelag gut getarnt, einige der wenigen Habseligkeiten unserer Familie: die Dokumentenkassette, die Schreibmaschine, den Teppich, Geschirr und Bestecke. An diesem Tage wanderten auch das Hitlerbild, die Nazifahne und meine HJ-Uniform in den Ofen.
Die Frankfurter Bevölkerung wurde in mehreren Schüben in Personenzügen evakuiert. Am Abend des 4. Februar 1945 hatten meine Mutter und ich uns auf dem Güterbahnhof einzufinden. Über uns orgelten pausenlos die Geschosse der über die Oder schießenden 10,5 cm-Geschütze durch das Dunkel, das vom Krachen durchdröhnt und von den Abschüssen wie von Blitzen erhellt wurde. Wir fanden Platz in einem der Züge. Wohin die Fahrt ging, konnte niemand sagen. An diesem Abend sah ich meinen Vater zum letzten Mal in meinem Leben. Ich werde sein von Tränen nasses eingefallenes Gesicht, als er, vom abgedunkelten Abteillicht fahl beleuchtet, noch einige Schritte neben dem anrollenden Zug herlief, nie vergessen.
Nach vielen Stunden meist ziemlich langsamer Fahrt hielt der Zug in Neuruppin. Alle wurden zum Aussteigen aufgefordert und zu einem großen Gaststättensaal geführt, in den man nach und nach Stroh und Decken brachte. Es schien, als sei die Stadtverwaltung von Neuruppin nicht darüber informiert gewesen, dass die Stadt fünfhundert Evakuierte aufzunehmen hatte. In dem Saal – auch andere Säle und Turnhallen waren zu Notunterkünften umgewandelt worden – mussten wir drei Tage und Nächte in einem immer größer werdenden unbeschreiblichen Chaos zubringen, bis die Stadtverwaltung die Zwangseinweisung in Privatquartiere organisiert hatte. Meine Mutter, schmutzig und heruntergekommen, wie ich sie nie vorher gesehen hatte, und ich (sicher selbst auch nicht besser aussehend) meldeten uns bei einem älteren beinamputierten Fräulein Hagenow, das uns mit unerwarteter, humorvoller Freundlichkeit in ihre kleine Wohnung aufnahm. Sie behielt ihre Freundlichkeit bis zu unserem Abschied bei, und meine Mutter besuchte sie später noch mehrmals als ihre dankbare jüngere Freundin.
Der Neuruppiner Malermeister Rochow war so freundlich, mir die Fortsetzung meiner Lehre zu ermöglichen. Er gab mich dem spanischen Fremdarbeiter Ernesto als Helfer bei, der Dachböden brandschutzhalber mit Kalkbrühe zu spritzen hatte. Eine sehr schmutzige Arbeit hatten wir da zu verrichten, aber wir vertrieben uns laut pfeifend die Zeit, wobei wir „La Paloma“ und „Granada“ bevorzugten.
Auf das Luftalarmheulen der Sirenen reagierten die Neuruppiner längst nicht mehr. Sie waren seit Jahren gewohnt, von den Berlin, Oranienburg oder Potsdam anfliegenden Bomberströmen unbehelligt überflogen zu werden. An einem sonnigen Apriltag beobachteten Ernesto und ich aus einem Dachfenster heraus wieder einmal die hoch heranfliegenden dröhnenden Bomberpulks, als uns ein niedriger fliegender Verband von etwa einhundert Flugzeugen auffiel. Dicht herangekommen, sahen wir plötzlich schwarze Punkte unter den Flugzeugen. „Bomba!“, schrie Ernesto, und von Todesangst gehetzt stürzten wir, schon von dem Tosen und Krachen der niedergehenden Bomben begleitet, die Treppen hinunter in den Keller.
Das Gewitter ging weitab nieder. Der Bahnhof und der Flugplatz waren das Ziel gewesen. Nur wenige Häuser am Rande dieses Zielgebietes waren getroffen worden, und so war es auch bei den Angriffen, die noch folgten und die ausnahmslos militärischen Zielen galten. Neuruppin selbst blieb wie durch ein Wunder fast unversehrt.
Es war auch ein Apriltag, als wir von unserem hohen Beobachtungspunkt aus etwas anderes sahen: Schwarzuniformierte, erkennbar SS-Männer, sprangen von Mannschaftswagen, verteilten sich und drängten die Menschen in die Häuser und in die Nebenstraßen. Durch die jetzt leere Hauptstraße schob sich nun ein nicht enden wollender holzschuhklappernder und -schlurfender, gespenstischer Zug ausgemergelter Gestalten in gestreifter Häftlingskleidung. SS-Leute gingen nebenher. Die meisten hatten drohend bellende große Hunde an kurzen Leinen bei sich. Sie trieben die Menschen im Zuge, von denen sich viele nur schwankend vorwärtsbewegten und mehrere von ihnen von ihren Nachbarn gestützt wurden, durch barschen Zuruf und derbes Knuffen an. „KZ“, flüsterte Ernesto neben mir. Er wusste, anders als ich, was dieser von SS vorangetriebene Elendszug zu bedeuten hatte.
Später, nach dem Krieg, bekam ich zu wissen, dass ich Augenzeuge des zu trauriger Berühmtheit gelangten Todesmarsches von Sachsenhausen geworden war. Außerhalb der Stadt, außerhalb auch der Sicht- und Hörweite der Neuruppiner, kannten die SS-Bestien mit den geschwächten „Bremsern“ des Zuges weder Nachsicht noch Gnade. Sie wurden durch Pistolenschüsse ermordet, und ihre noch nicht so schwachen Kameraden hatten sie neben der Straße im Wald zu verscharren.
Wenige Tage später – die sowjetischen Truppen mussten schon sehr nahe sein – erschien Ernesto nicht zur Arbeit und blieb für immer verschwunden. Mein Meister Rochow sagte, ich solle nun auch zu Hause bleiben, „bis alles vorbei ist“. Ende April, oder war es vielleicht am 1. Mai 1945, gingen städtische Ausrufer durch die Straßen und verkündeten, dass Parlamentäre die kampflose Übergabe der Stadt vereinbart hätten. Die Bevölkerung solle sich in den Häusern aufhalten und zum Zeichen ihrer Friedfertigkeit weiße Fahnen aus den Fenstern hängen. Am Nachmittag bot die Stadt Neuruppin das Bild eines Meeres weißer Fahnen. Bettlaken und Tischtücher waren an den Stangen befestigt worden, von denen die Menschen die Hakenkreuzfahnen abgerissen und verbrannt hatten. Die folgende Nacht verbrachten wir mit den anderen Bewohnern unseres großen Hauses im Luftschutzkeller. Wenn auch von draußen kein Schießen zu hören war, so vernahmen wir doch Flugzeuggeräusch und in fast regelmäßigen Abständen einzelne Bombenexplosionen. Ein sowjetischer Doppeldecker (so erfuhren wir später) zog über der Stadt seine Kreise und ließ auf Plätzen und in Gärten kleine Bomben fallen, wohl, um den Kriegszustand zu demonstrieren. In uns trieb das Bombenkrachen in der Nähe oder in größerer Entfernung immer wieder Furcht hoch.
Mit dem Einsetzen der Morgendämmerung hörten die Bombeneinschläge auf, und wir gingen in unsere Wohnung. Durch die Gardine blickend sahen wir mit vor Aufregung bis zum Hals schlagenden Herzen, wie Sowjetsoldaten in die Straße kamen und in Hauseingängen Posten bezogen. Nach einer Weile begannen sie zu rauchen. Aus einem der Nachbarhäuser trat ein alter Mann, beide Hände hoch erhoben, in der einen Hand aber eine Tabakspfeife, zu der er immer wieder mit dem Kopf hinzeigte. Der ihm zunächst stehende Soldat befahl ihn mit einem Ruck seiner Maschinenpistole zu sich heran und holte dann für den Mann und für sich selbst Tabak aus der Hosentasche. Nun standen sie nebeneinander und rauchten beide.
Nach und nach belebte sich die Straße. Nach älteren Frauen, die den Soldaten Tee brachten, kamen auch junge Frauen zum Vorschein, die ihre übernächtigten, aber sehr munter erscheinenden Kinder mitbrachten. Nun wanderten bei den Soldaten die Maschinenpistolen auf den Rücken, denn kann man eine Maschinenpistole im Anschlag halten und gleichzeitig ein kleines Kind auf den Arm nehmen? Jetzt rollten Mannschaftswagen in die Straße. Scharfe Kommandos ertönten, die Soldaten liefen zu den Wagen, saßen auf und verschwanden. Ein Traumbild von Frieden und Menschlichkeit war zu Ende gegangen. Denn in den folgenden Nächten saßen wir wieder im Keller, mit vor Angst wild pochenden Herzen und die Frauen mit rußgeschwärzten Gesichtern, die sie alt machen sollten. Da hörten wir draußen lautes Rufen offenbar Betrunkener, Schlagen von Gewehrkolben gegen krachende Haustüren, gellende, lang gezogene weibliche Schreie und verzweifelte männliche Hilferufe. Auch gegen unsere Haustür traten Stiefel und ließen uns erstarren. Die Tür war sehr stabil und unser Haus sehr groß. Vielleicht ließen deshalb die Unholde von unserem Haus ab und wandten sich einem anderen zu.
Ruhe trat in solchen Nächten erst ein, wenn Motorengeräusch zu hören war, befehlende russische Laute, schnelles Laufen Verfolgender und Verfolgter, Geräusche wie von Schlägen oder dem Werfen schwerer Körper.
An einem der folgenden Tage wurde an unser Wohnungsfenster geklopft. Zwei ältere Offiziere riefen befehlend: „Kontroll Saldati!“ und forderten Einlass. Sie nahmen im Zimmer Platz und interessierten sich ausschließlich für mich. Sie fixierten mich eindringlich, und meine vor Angst bebende Mutter musste Fragen nach unserer Herkunft und meinem Alter beantworten. Der Besuch dauerte etwa eine Viertelstunde, während der sie untereinander, mich immer wieder musternd, mit ernsten Mienen Erwägungen anstellten. Dann gingen sie. Meiner Mutter stürzten jetzt die zurückgehaltenen Tränen der Angst und des wehrlosen Ausgeliefertseins aus den Augen. Fräulein Hagenow trat herein und weinte mit ihr. Ich selbst, vor wenigen Wochen erst 15 Jahre alt geworden, war mir der Dramatik des Geschehens überhaupt nicht bewusst. Erst viel später begriff ich, nachdem ich andere Schicksale kennen gelernt hatte, dass mir, als die Offiziere von mir abließen, vielleicht das Leben ein zweites Mal geschenkt worden war.
Mit der Zeit normalisierte sich alles wieder, sowohl tagsüber als auch nachts. Offenbar hatten die Ordnungskräfte der Kommandantur die uniformierten Banditen aus dem Verkehr gezogen. Gerüchte wussten sogar von Erschießungen. Meister Rochow tauchte bei uns auf. In der Landespflegeanstalt in der Nähe der Stadt, wo übrigens das weibliche Personal Furchtbares erlitten haben sollte, habe eine der Bomben des Doppeldeckers viele Fensterscheiben zu Bruch gehen lassen. Außerdem seien fast alle Türen aufgebrochen worden. Es gebe dort viel zu tun. Gleich am folgenden Morgen begleitete ich den Meister dorthin und lernte nun mit Kittmesser und Kitt umzugehen und die von Tischlern mit neuen Holzleisten fachgerecht reparierten Türen mit passend gemischter Farbe auszubessern.
Nach Feierabend stand ich mit anderen Neuruppinern vor an verschiedenen Häuserwänden angeklebten Blättern der sowjetischen Zeitung in deutscher Sprache „Tägliche Rundschau“ und betrachtete, von Grauen geschüttelt, die Fotos der Leichenberge und der Stapel von Kinderschuhen und Frauenhaaren aus den Vernichtungslagern Auschwitz, Treblinka, Bergen-Belsen und Majdanek. In diesen Minuten keimte in mir, noch kindlich unausgegoren, der Entschluss, mit allem, was mit Nationalsozialismus und überhaupt mit „Deutschland, Deutschland über alles“ zusammenhing, radikal zu brechen und mich auf die Gegenseite zu stellen. Erst Jahrzehnte später, eigentlich erst nach dem Ende der DDR und nun als deutscher Bundesbürger, entwickelte sich meine Erkenntnis in der Weise weiter, dass es nicht genügt, Antifaschist zu sein, man muss auch Demokrat sein, etwa im Sinne von Walther Rathenau, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky.
Von meinem Vater hatten wir lange nichts gehört. Er hatte von Frankfurt (Oder) aus viele Briefe an meine Mutter geschrieben, ihr immer wieder Trost und Zuversicht zusprechend, mich immer wieder ermahnend, liebevoll zu meiner Mutter und fleißig in der Lehre zu sein. Sein letzter Brief trug das Datum 8. April 1945. Meine Mutter wurde von immer größerer Unruhe ergriffen, zumal andere Evakuierte bereits das Wagnis der Heimreise angetreten hatten. Der Juni brachte auch für uns den Abschied von Neuruppin und dem freundlichen Fräulein Hagenow, das aber sicher doch bei unserem „Auf Wiedersehen!“ und einem letzten Dank für alles sehr erleichtert war.
Mit vielem Umsteigen konnten wir bereits wieder in Personenzügen bis Berlin fahren. Im Schritttempo bewegte sich der Zug schließlich durch die unabsehbare Berliner Trümmerwüste. Nun erst, diese unbeschreibliche Zerstörung vor Augen und den Geruch von Kalk und kaltem Brand in der Nase, begriff ich die Bedeutung des Wortes „Krieg“.
Der Zug hielt im damaligen „Schlesischen Bahnhof“, der wie alles ringsum nur noch eine glaslose Trümmerstätte aus verbogenen Eisenteilen war, die entsetzlich nach Exkrementen und Urin stank. Es gab keine geordnete Weiterreise mehr. Eisenbahner sagten uns, wir müssten versuchen, auf dem Güterbahnhofsgelände auf einen ostwärts fahrenden Güterzug mit Reparationsgütern zu klettern und mit dem bis Frankfurt (Oder) mitzufahren. Ich habe dieses Bild vor Augen: Über dem mehrere Quadratkilometer großen, mit Gleisen und Weichen bedeckten Güterbahnhof, auf denen zerbombte Lokomotiven und Wagen umherstanden, lag eine glutheiße Sommernachmittagshitze. Hunderte von Menschen, meistens Frauen mit Kindern, aber auch alte Leute, gingen ziellos umher oder standen und saßen auf den Gleisen. Sie hatten alles, was sie noch besaßen, in Koffern, Rucksäcken, verschnürten großen Schachteln und Beuteln bei sich. Viele waren unförmig vermummt. Sie hatten alle Kleidungsstücke übereinander gezogen, zum Schluss die Wintermäntel oder -jacken. Auf den Köpfen trugen sie Hüte oder Mützen. Ich sah auch viele zum Teil hoch bepackte Kinderwagen.
Plötzlich setzte sich alles in eine Richtung in wilder Hast in Bewegung. Offenbar war die Kunde von einem bereitstehenden Reparationszug verbreitet worden. Meine Mutter und ich befanden uns mitten unter der über die Gleise stolpernden, schreienden und ihr Gepäck mitschleppenden Menschenmasse. Ich sah viele, die nur sich selbst kannten, die über Zusammengebrochene hinwegstiegen, ohne auch nur hinabzublicken. Aber ich sah auch andere, die haltmachten, ihr Gepäck ablegten, den Gestürzten emporhalfen, mit ihnen weitergingen. Sogar zwei oder drei weißbeschürzte Rotkreuzschwestern bewegten sich wie Wunderwesen aus einer anderen Welt in dem chaotischen wilden Menschenstrom, teilten aus umgehängten Feldflaschen Wasser aus und kümmerten sich um die Zurückbleibenden. Greisenpaare stützten einander beim Gehen. Einer ging mit dem Gepäck voraus, setzte es ab, ging zurück, half dem anderen beim Nachkommen. Über dem allen hing unausgesetztes Schreien und Rufen. Ich selbst hatte einem alten Mann, der am Stock ging und nur mühsam vorankam und der Vertrauen zu mir und zu meiner Mutter gefasst hatte, den Rucksack abgenommen und ihn mir zusätzlich aufgeladen. Wehe in diesem schrecklichen Gewühle den gebrechlichen Alten, den schwachen Kranken und den Müttern mit den Kinderwagen, die, oft noch andere Kleine an der Hand, beim Höllenlauf über Gleise und Schwellen kaum eine Chance hatten. Und alle hier wollten doch nur eines: endlich wieder nach Hause kommen.
Wir erreichten den Güterzug, der unter gegenseitiger Hilfe erklettert wurde und fanden zwischen den Kisten, Kabelrollen und Stahlprofilen der Reparationsgüter Platz. Die meisten, völlig erschöpft, schliefen sofort ein. Der Zug setzte sich erst am späten Abend in Bewegung. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und als wir die Wälder hinter Fürstenwalde erreichten, umgab uns bereits tiefe Nacht. Hier musste unser Zug auf einer Ausweichstelle der nach dem Krieg auf „russische Spur“ umgeschlagenen und jetzt eingleisigen Strecke auf den Gegenzug warten. Da brach noch einmal der ganze Schrecken des Krieges über uns herein. Aus den Wäldern heraus erklommen dunkle Gestalten mit geschwärzten Gesichtern den Zug und raubten den angstvoll Zusammengekauerten, was sie wegschleppen konnten. Wieder waren die gellenden Hilferufe der wehrlosen Menschen zu hören, denen Gewalt angetan wurde. Die Räuber gaben sich nicht mit einem Beutezug zufrieden. Sie kamen mehrmals und suchten andere Wagen heim, glücklicherweise nicht unseren. Schließlich wurde es dem russischen Lokpersonal zu viel. Mit Laternen, laut schimpfend und fluchend und drohend mit großen Schraubenschlüsseln an die Räder schlagend, gingen sie am Zug entlang und verscheuchten die Banditen.
Unser Zug musste noch mehrere Male halten, aber der Schrecken wiederholte sich nicht. Als wir endlich den Bahnhof in Frankfurt (Oder) erreicht hatten, lag bereits der Frühsonnenschein über der Stadt. Meine Mutter und ich eilten, das Stadtzentrum umgehend, dem Immenweg zu. Der ganze westliche Stadtteil war, soweit beim Durchlaufen erkennbar, vollständig unversehrt. Aber nun griff die Angst wieder an unsere Herzen: Am Eingang des Immenweges mussten wir an einer ausgebrannten Ruine vorbei. Wenige Schritte weiter kam dann aber unser Häuschen in Sicht, klein und heimatlich und ohne jeden Schaden. Auf unser Klopfen öffnete eine fremde junge Frau. „Ich heiße Erika Keil. Meine Familie, meine Mutter und meine beiden Kinder, sind Flüchtlinge von der anderen Oderseite. Oben wohnen die beiden alten Weckwerths aus dem abgebrannten Haus dahinten. Eigentlich ist alles voll. Aber wenn Sie die Hausbesitzer sind, müssen wir eben noch einmal alle zusammenrücken.“ Sie ging, um das Wohnzimmer für meine Mutter und mich freizumachen. Wir traten ein und setzten unsere Koffer und Taschen erst einmal in der Veranda ab. Von meinem Vater fanden wir keine Spur. Meine Mutter sank auf einen Stuhl und begann hemmungslos zu weinen. Ich versuchte, sie mit unbeholfenen Worten und mit Streicheln zu trösten. Dabei wurde mir immer mehr klar, dass ich nun Verantwortung zu tragen hatte. Meine Kindheitsjahre waren vorbei.
Unsere Möbel waren noch vorhanden, aber sonst waren das ganze Haus und auch die Nebengebäude fast völlig ausgeplündert. Meine Mutter und ich nahmen das nicht sehr tragisch. Neben dem großen Glück, unser Haus überhaupt unversehrt vorgefunden zu haben, und neben dem großen Unglück des Verschollenseins meines Vaters wog der Verlust des Hausrats, der Bekleidung und der Wäsche und Bettwäsche nicht sehr schwer. Und außerdem: Konnte man das überhaupt Plündern nennen, wenn die nach Osten nach Hause flutenden Zwangsarbeiter Nazideutschlands und die aus dem Osten strömenden Vertriebenen, die meistens für sich und ihre Kinder nur das Notwendigste bei sich hatten, in die leer stehenden Häuser eingedrungen waren?
Wegen der Lebensmittelkarten hatten meine Mutter und ich uns beim Arbeitsamt zu melden. Meine Mutter wurde einer Munitionsräumkolonne zugewiesen, und ich erhielt bei dem Malermeister Noack meine dritte und letzte Lehrstelle. Ich weiß noch, dass eine meiner ersten Arbeiten das Anstreichen eines schier endlosen Holzzaunes mit hellblauer Ölfarbe war. Der Zaun begrenzte einen Friedhof mit sowjetischen Gefallenen auf dem Frankfurter Anger. In der Mitte des Friedhofes erhob sich eine mächtige hölzerne Pyramide, die von einem ebenfalls hölzernen roten Sowjetstern gekrönt wurde.
Meine Mutter kam abends erschöpft von der schweren ungewohnten Arbeit nach Hause. Die Frauenkolonne, in der sie arbeitete und die von einem älteren Mann angeführt wurde – eine von mehreren solcher Kolonnen –, hatte in den Wäldern rings um Frankfurt von Männern entschärfte Granaten, Kartuschen, Handgranaten und Panzerfäuste auf einen Haufen zusammenzutragen. Manche der Geschosse waren so schwer, dass zwei oder sogar vier der entkräfteten Frauen sie in einer Decke heranschleppen mussten. Nach Arbeitsende wurde der Munitionshaufen dann gesprengt. Das Krachen dieser abendlichen Sprengungen war in der ganzen Stadt zu hören. Von dieser waren allerdings nur noch die Außenbezirke bewohnbar. Die Innenstadt, das ganze alte schöne historische Zentrum, dessen Bauten teilweise noch aus der Hansezeit herrührten, war gleich nach dem übrigens kampflosen Einmarsch der sowjetischen Truppen einer riesigen Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Niemand war da, der die Flammen löschen konnte, die erst vom grünen Ring der das Zentrum halbkreisförmig umschließenden Anlagen am Weiterfressen gehindert wurden. Doch am damaligen Wilhelmsplatz, dem heutigen Platz der Republik, waren in früheren Zeiten die Grünanlagen überbaut worden, und so waren auch die Gebäude an diesem Platz und weiter bis zum Bahnhof hinauf und auch die in dem dort angrenzenden Teil der Straße Halbe Stadt mit dem schönen neuklassizistischen Bau des Stadttheaters ein Raub der Flammen geworden.
Die deutsche Stadtverwaltung unternahm zwar Mögliches und auch fast Unmögliches, um die Grundnahrungsmittel bereitzustellen, aber das gelang nicht. Von den zugeteilten Lebensmitteln konnte kaum jemand existieren. In diesen Wochen und Monaten verhungerten ungezählte Säuglinge, Alte, Kranke und Heranwachsende. Mein Freund Horst Schütz, der ohne Zigaretten nicht leben konnte und Brot- und Nährmittelmarken dafür hergab, erkrankte an Tuberkulose und starb still und ergeben, wie er auch gelebt hatte.
