Lost Colony - Benetton Blake - E-Book

Lost Colony E-Book

Benetton Blake

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Beschreibung

Lost Colony Eigentlich sollte es eine einfache Evakuierung werden. Die 'Blue Horizon' Forschungseinrichtung von Theten Technologies liegt strategisch ungünstig nahe der Frontline, auf dem Planeten Tantos V, weshalb sie verlegt werden soll. Die Soldaten Major Leopold Richards und Captain Jessica Jones sind abgestellt die Abschlussphase der Evakuierung zu überwachen und sicherzustellen, dass Feinden, sollten sie diesen Planeten jemals erreichen, nichts von Wert in die Hände fallen kann. Was als ruhige Routineaufgabe beginnt, entwickelt sich zu einem Überlebenskampf, auf den wohl keiner vorbereitet war.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum
Duneyr
Vorbereitungen
Abschied
Ankunft
Odin
Besichtigung
In der Kolonie
Ruinenstadt
Odin II
Evakuierung
Am Boden
Überleben
Dschungel
Samston Pont
Göttin der See
Begegnung bei Nacht
Bedrock
Lamba Aadamee
Kriegsrat
Unterschlupf
Pläne und Wege
Überwachung
Befreiungsoperation
Aufbruch
Die Zelle
Geisterstimmen
Neue Ufer
Rekrutierung
Zur Außenwelt
Tempelhöhle
Zum Horizont
Zwischenstopp
Laderampe
Blue Horizon
Tethys
Schlafender Titan
Prometheus
Über den Autor

Impressum

Copyright © 2022 Benetton Blake

 

Benetton Blake

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 Fellbach

 

https://www.benettonblake.com

[email protected]

 

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https://twitter.com/benettonblake

 

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978 3 7546 8671 3

Duneyr

Totenstille herrschte auf dem Korridor. Nur das kontinuierliche Brummen der Maschinen war zu hören. Ab und zu eine Tür, die sich öffnete, ein paar Besatzungsmitglieder, die zur Messe huschten oder verspätet von ihrer Schicht zurückkehrten. Inmitten der Nachtschicht war das Schiff meist wie ausgestorben.

 

Es war .15106 EUT, als sich die Kabinentür öffnete. Zerknirscht trat ein Mann, dessen Nacht offenbar nicht so lang war, wie er gehofft hatte, aus dem Halbdunkel. Mit der einen Hand stützte er sich am Rahmen ab, um nicht vor Müdigkeit das Gleichgewicht zu verlieren, während er mit der Anderen versuchte seine Augen vor dem erbarmungslosen Licht der Korridorbeleuchtung zu schützen. Mit scheinbar unglaublicher Mühe hob er seine Füße, einen nach dem Anderen, über die Schwelle und schlug dann mit der flachen Hand auf das blau leuchtende Bedienfeld an der rechten Seite, was es zu einem missmutigen Piepsen veranlasste, worauf sich die Tür hinter ihm schloss.

Warum in aller Welt hatte man ihn aus seinem Schlaf gerissen? Aus dem Fenster hatte er gesehen, dass sich die Fregatte noch immer im SPEK befand, in einem jener Subraum-Polar-Energie-Kanäle, die das schnelle Reisen zwischen verbundenen Systemen ermöglichen. Also was sollte das? Sein Einsatz würde erst auf einem Planeten im Zielsystem beginnen und ihn würden sie wiederum erst Stunden nach Verlassen des Kanals erreichen. Er wollte jetzt nicht denken, war zu müde zum Denken. Langsam schlurfte er den „Kaffeequellen“ entgegen.

 

Wie erwartet war die Kantine um diese Zeit so gut wie leer. Hinter der Theke unterhielten sich zwei Küchenkräfte und warfen dem Major lediglich einen kurzen Blick, begleitet von einem kaum wahrnehmbaren Nicken zu, ohne ihren Dialog zu unterbrechen. Ansonsten waren lediglich fünf oder sechs der über einhundert Tische in dem zweistöckigen Raum besetzt. Irgendwo oberhalb der Treppen, welche sich im hinteren Bereich befanden, unterhielten sich zwei junge Offiziere aufgeregt. Scheinbar ihr erster Raumflug auf einem Schiff dieser Größe. Eigentlich eine Schande, wenn man bedenkt, auf was für einer Mission sich die Duneyr befand. Sie mussten gut sein, sonst wären sie nicht hier. Der Admiral ließ niemanden hierher, der nicht gut war.

Langsam löste sich die Müdigkeit von seinen Gedanken. Entweder war es die Bewegung, auch wenn es kein weiter Weg von seiner Kabine bis zur Messe war, oder der Anblick der leeren Tische und das Wissen, dass es nicht lange dauern würde, bis sich dieses Schiff an der Front in schweren Gefechten wiederfinden würde. So begeistert wird sich dann vermutlich niemand mehr unterhalten.

Sein Blick schweifte noch einmal durch den Raum, woraufhin er sich zur Selbstbedienungsstation im Zentrum der Kantine begab.

Frisch ausgestattet mit seinem Getränk machte sich der Major nun auf den Weg zur Kommandobrücke. Einem der wenigen Bereiche, in denen immer reges Treiben herrscht. Auch wenn so eine Reise durch SPEKs nicht ungefährlich ist, so sind das doch eher die ruhigeren Phasen. Lediglich die Piloten haben viel zu tun, da sie die Wirbel und „Stromschnellen“ im Auge behalten und zu starken Turbulenzen ausweichen müssen, ohne die Hülle des Kanals zu streifen. Selbst bei Schiffen dieser Größe können durch Fehler schwere Schäden entstehen. Wenn die Subraumschilde versagen, könnte ein ungünstiger Blitzschlag viele Systeme überlasten. Im schlimmsten Fall könnte es sogar aus dem Kanal geschleudert werden. Im freien Subraum würde wohl kein Schiff mehr als fünf Minuten überstehen, wenn überhaupt.

 

Kaum hatte er die große Brückentür geöffnet und seinen Fuß hindurch gesetzt, hörte er bereits diese Stimme. Lieutenant McNigel, die Adjutantin des Admirals hatte ihn bereits mit ihrem schrillen Organ aus dem Schlaf gerissen und ihn im Namen des Admirals ins Lagezentrum bestellt. Nun stand sie am oberen Absatz der Treppe, die von der Zugangsebene aufwärts zur unteren Kommandoebene führte.

„Major Richards, ich habe sie bereits vor fünfzehn Minuten auf die Brücke bestellt. Haben sie sich verlaufen, oder wie entschuldigen sie, die Dreistigkeit ihren befehlshabenden Offizier so lange warten zu lassen? Sie können von Glück reden, dass der Admiral so ein geduldiger Mann ist, sonst müssten sie mit ernsthaften Konsequenzen rechnen!“

Richards, der seine Nase bis eben über seinen dampfenden Kaffee gehalten hatte, war inzwischen zwei Stufen unterhalb der Ebene angelangt. So waren sie nun auf Augenhöhe. Er blickte langsam und wortlos auf. Drei Sekunden sah er die junge Frau still an. Sie war wohl kaum älter als 8, vermutlich zwischen 78 und 81 Monate, und hatte mittellanges, blondes Haar, das zu einem festen Zopf zusammen gefasst war. Er ging kommentarlos an ihr vorbei, folgte der zweiten Treppe über den unteren Zugang hinweg auf die obere Kommandoebene und begab sich nach rechts auf direktem Weg zum Planungsraum, der die obere Hälfte des hinteren Endes der zwei Etagen hohen Hauptebene einnahm.

 

Die Hauptbeleuchtung im Lagezentrum war zu diesen Nachtstunden stark reduziert. Der Raum wurde durch die holographische Sensorsphäre, die die Mitte des zentralen Planungsraumes beherrschte, in einen blass-blauen Schein gehüllt. Flankiert wurde der Raum zur einen Seite von einem Konferenzraum und zur Anderen vom Büro des Admirals. Beide waren durch intelligent-transparente Wände von diesem Raum getrennt. Verstärkt wurde der blaue Schimmer durch das helle blaue Leuchten des SPEK, das durch das Fenster hereinschien, welches die komplette Wand der drei Räume in Richtung Kommandobrücke einnahm. Von hier hatte man den völligen Überblick über das Nervenzentrum des Schiffes. Die Atmosphäre wirkte entspannend und unheimlich zugleich.

„Konnten sie nicht schlafen?“

Der Admiral blickte fragend vom Konferenztisch auf. Vor ihm verteilt lagen einige Unterlagen, Datenpads und Pläne einer vergangenen, abendlichen Besprechung mit ein paar seiner Senior-Offiziere.

„Ihr kreischender, blonder Zwerg hat mich her zitiert,“ antwortete der Major gelassen „Es sei unbedingt erforderlich und dringend. Sie hat mich um einen Traum gebracht, der gerade interessant hätte werden können.“

Verwundert saß der Admiral auf seinem Stuhl und schaute einen Moment ins Leere.

„Dann wird Captain Jones wohl auch bald hier sein“, sagte er, ohne den Ausdruck in seinem Gesicht zu verändern.

„Ich sagte McNigel, ich wolle sie sehen, wenn sie mit ihren Vorbereitungen so weit sind. Ich sollte wohl klären, dass das nicht heißt, sie solle sie aus dem Schlaf reißen. Aber nun, wo sie schon mal da sind, können wir die Einsatzbesprechung auch vor verlegen.“

Die beiden Männer gingen zum Holotisch, vor dem Büro des Admirals, auf der anderen Seite des Lagezentrums.

„Mir ist nicht wohl dabei, Admiral. Das Schiff zu verlassen, kurz bevor es an die Front fliegt. Das erscheint mir falsch.“

„Falsch sagen sie?“, der Admiral drehte sich zu Richards, „Sie laufen doch nicht davon. Ich glaube, sie verstehen nicht, wie wichtig ihr Auftrag ist. In dieser Einrichtung arbeiten über zweihundert Zivilisten. Theten Technologies leistet dort sehr entscheidende und extrem sensible Forschungsarbeit unter anderem auch an Waffen- und Schildtechnologien. Und das System ist nur noch einen Sprung weit von der Front entfernt. Wenn es nur ein oder zwei feindlichen Schiffen gelingen würde, durch unsere Linien zu schlüpfen, glauben sie, eine zivile Einrichtung könnte einem Angriff standhalten? Der Feind könnte Forschungen von unschätzbarem Wert vernichten oder schlimmer noch, sie erbeuten und selbst einsetzen. Nein, diese Evakuierung ist so wichtig, ich will sie dort haben.“

Beide Männer wandten sich um, als sie Schritte auf der Treppe vernahmen und eine Soldatin in Pilotenuniform den Raum betrat.

„Captain Jones, melde mich wie befohlen, Sir.“

„Ach ja, Captain. Dann können wir ja anfangen. Kommen sie her und stehen sie bequem.“

Nach ein paar Tastenanschlägen erschien auf dem Tisch das holographische Abbild einer Insel. Danach wandte sich Admiral Grayson an den Major.

„Der Captain wird ihnen für die Dauer des Auftrages direkt unterstellt. Sie wird sie nicht nur zum Planeten fliegen, sondern wird sie auch bei der Sicherung der Projekte und der Evakuierung unterstützen.“

Er deutete auf die Insel.

„Das ist ihr Ziel: die Blue Horizon Research Labs von Theten Technologies. Die Wissenschaftler sind bereits dabei ihre Projekte zu verpacken. Was das angeht, haben sie nichts damit zu tun. Sie haben die Aufgabe sicherzustellen, dass alle wichtigen Unterlagen und Prototypen auf den Frachter kommen und das nichts Sensibles zurückbleibt.“

Er machte eine kurze Pause.

„Das heißt, wir geben ihnen ausreichend Sprengsätze mit, die sie an und in den Gebäuden anbringen werden. Zusätzlich dazu werden sie in deren Reaktor eine Überlastung verursachen, welche ebenfalls eine verheerende Explosion zur Folge haben sollte. Im Idealfall bleibt von der Insel nicht viel übrig.“

Nach ein paar weiteren Tasten wechselte das Abbild zu dem einer Raumstation.

„Im Orbit befindet sich außerdem eine Forschungsstation. Sie ist wohl meist unbemannt und wird verwendet, um neu entwickelte Schiffssysteme zu testen. Bevor sie an Bord des Frachters gehen werden sie sie natürlich ebenfalls vernichten. Der Frachter bringt sie dann zur Trident-Station. Sobald sie die Fracht dort abgeliefert haben, ist ihr Auftrag beendet.“

Der Holotisch wurde dunkel und der Admiral blickte Richards direkt an.

„Auf dem Planeten befindet sich außerdem noch eine große Anzahl ziviler Kolonisten. Für deren Evakuierung sind sie nicht zuständig. Gemeinsam mit unserem Frachter wird ein Personentransporter eintreffen der die, die evakuiert werden wollen mitnehmen wird. Sollte es zu Problemen kommen, ist ihre Priorität klar. Schutz der Forschungsergebnisse, der Daten, der Prototypen und der Wissenschaftler. Verhinderung der Erlangung von Kenntnissen durch feindliche oder auch neutrale Kräfte. Wir wissen nicht ob diese die Daten eventuell später entwendet bekommen oder gezielt weiter geben. Dr. Brown wird ihr Kontakt zu den Wissenschaftlern von Blue-Horizon sein. Außerdem hat Dr. Brown einen Termin beim Gouverneur von New Haven, der Haupt-Kolonie von Tantos V, für sie beide vereinbart. Sie können dort erklären, was geschieht, aber sonst haben sie mit ihnen nichts zu tun. Soviel ich gehört habe, haben sie ohnehin nicht viel für die TVF übrig.“

Der Admiral ging zum Konferenztisch zurück.

„Sie beide sollten jetzt wieder schlafen gehen. Sie haben den Tag noch Zeit die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Wir werden den Planeten erst gegen Abend erreichen, der Frachter wird dann etwa drei bis vier Tage später dort eintreffen. Wegtreten!“

Als sie das Lagezentrum gemeinsam verließen, wendete sich Richards interessiert Captain Jones zu.

„Und wie werden sie den Tag verbringen? Sie werden ja sicher nicht den ganzen Tag mit packen beschäftigt sein. Ich habe vor ein wenig die Freizeiteinrichtungen des Schiffes zu nutzen. Falls sie Interesse hätten …“

Sie blieb am unteren Treppenabsatz stehen und blickte den Major fragend an, dann fuhr er fort.

„Ich gehe ungern mit Leuten in den Einsatz, die ich nicht ein Mal, wenigstens privat gesprochen habe. Zumindest ein paar grundlegende Eindrücke sollte man haben, wenn man sich auf jemand anderen verlassen muss.“

Jones lächelte und wandte sich dem Durchgang zur Brücke zu. Als sie sie betrat, antwortete sie schließlich.

„Ich werde vermutlich den Großteil des Tages bei der Aurora verbringen. Seit den Beschädigungen beim letzten Einsatz zicken ein paar der Systeme. Ich vermute, die Wartungscrew hat bei der Reparatur mal wieder Mist gebaut. Wir wollen doch nicht, dass uns beim Eintritt in die Atmosphäre der Hintern abbrennt.“

Vorbereitungen

Kaum war er wieder in seiner Kabine, fiel seine Uniform förmlich von seinem Körper ab. Er kroch unter seine Bettdecke und starrte an die kahle Decke über ihm. Dorthin wo jetzt eigentlich sein Traumfänger im blauen Schein des Subraumkanals, der durch den Spalt im Vorhang hereinfiel, sanft hin und her wiegen sollte. Dieser lag jedoch in einer Kiste neben der Tür, in die er tags zuvor die meisten Dinge, die er nicht bereits auf Trident-Station hatte einlagern lassen, gepackt hatte.

„Kein Traumfänger heute Nacht“, war sein letzter Gedanke, bevor er die Augen schloss und einschlief.

 

Etwas ließ ihn aufschrecken. Er konnte nicht sehen, was es gewesen war, doch spürte er wie sein Herz raste. Es war dunkel und absolute Stille herrschte in seinem Quartier. Kein blauer Schein, der durch sein Fenster hereinfiel, kein Geräusch der Maschinen, nichts. Waren sie bereits am Ziel und lagen hinter einem Planeten im Schatten, so dass das Licht der Sonne sie nicht erreichte? Vorsichtig stieg er aus dem Bett und zog den Vorhang zur Seite. Nichts. Keine Sterne, keine Planeten. Es war so dunkel, dass er nicht einmal die Außenhülle des Schiffes sehen konnte. Nicht einmal den kontinuierlichen Schimmer des riesigen Gegenschubtriebwerks, dass er normalerweise aus seinem Fenster heraus sehen konnte und das sein Quartier bei jedem Einsatz hell erstrahlen ließ. Nur Finsternis und Schwärze. Selbst die Kontrolldisplays neben den Türen waren dunkel. Er ging zum Zugang des Wohnbereichs, doch das System reagierte nicht, als er die Tasten berührte. Manuelle Entriegelung. Zum Glück hatten die Konstrukteure daran gedacht, dass bei einem Systemversagen niemand auf ewig in diesen Räumen überleben würde, also konnte man die Türen auch per Hand öffnen. Es erforderte lediglich ein wenig mehr Muskelkraft als bei ihren mechanischen Gegenstücken. Er öffnete die Kontrolltafel und betätigte den Entriegelungsmechanismus, worauf ein deutliches Klacken das Auskoppeln des Elektromotors erkennen ließ. Mit etwas Mühe schob er die Stahltür zur Seite und warf einen Blick in das dahinter liegende Zimmer. Abgesehen von der ungewöhnlichen Dunkelheit sah hier alles normal aus. Keiner der Bildschirme an seinem Schreibtisch leuchtete, nicht einmal die Nachtbeleuchtung, die selbst bei komplettem Energieausfall aktiv blieb, war vorhanden und auch hier waren sämtliche Kontrollen scheinbar inaktiv. Nachdenklich ging er durch den Raum. Ging an seinen Schreibtisch, um zu sehen, ob die Computer vielleicht doch reagierten. Stille. Als er sich der Außentür seines Quartiers näherte, war auf ein Mal ein lautes Quietschen zu hören, so als würde sich ein Metallträger unter großer Last verbiegen, dann war wieder Stille.

Wie versteinert stand er etwa einen Meter vom Zugang entfernt und starrte ihn an, als nach einigen Sekunden das Kontrolldisplay grau aufleuchtete. Irritiert sah er das Tastenfeld an. Grau? Wie die meisten Bedienfelder und Interfaces leuchtete es für gewöhnlich blau, nicht grau. Doch schien es zu sehr eine Einladung zu sein und gleichzeitig der einzige Weg herauszufinden, was hier geschah. Er stellte sich direkt vor die Tür und betrachtete das Eingabefeld noch einen Moment lang, dann legte er seine rechte Hand auf den Stahl, schloss die Augen und lauschte. Hörte er da Stimmen auf dem Korridor? Sie klangen verängstigt. Er öffnete die Augen und trat einen halben Schritt zurück. Als er die Hand nach dem grauen Kontrollfeld ausstreckte, kurz bevor er es berührte, riss die Tür mit lautem Getöse in der Mitte auf, eine Welle aus weißen Flammen schlug hindurch. Ehe sie ihn erreichten, wurde er von einer Druckwelle durch den Raum geschleudert und ihm wurde schwarz vor Augen.

Als er wieder zu sich kam, war der Flügel nahezu vollständig aus dem Rahmen gerissen worden. Ein Stück lag neben ihm. In der Öffnung und dem Bereich dahinter brannte dieses seltsame weiße Feuer, das jedoch nichts zu erleuchten schien. Es brannte unglaublich hell, jedoch war in seiner Umgebung nichts zu erkennen außer Schwärze. Erst jetzt viel ihm auf, dass auch hier das Licht vollkommen verschwunden war. Wie der Rest war auch dieser Raum durch absolute Dunkelheit ersetzt. Lediglich ein schmaler Pfad zum Ausgang und dessen weiß brennender Rahmen waren noch sichtbar. Mit einiger Anstrengung kämpfte er sich wieder auf die Beine. Immer noch wackelig ging er vorsichtig zum Türrahmen. Dort war nichts. Ein substanzloses Nichts, aus dem sich lediglich diese weißen Flammen hervorhoben. Sie schienen etwas zu verbrennen. Schmiegten sich scheinbar an Wände, breiteten sich an Zimmerdecken aus, doch war hier nichts zu sehen. Nicht einmal angeleuchtet wurde etwas, außer ihm selbst. Absolut alles blieb in der Finsternis verborgen, selbst direkt neben den Bränden. Vorsichtig trat er dorthin, wo noch vor kurzem ein Korridor gewesen war. Der Boden schien fest zu sein. Jetzt erblickte er in der Ferne ein Licht, scheinbar eine offene Tür. Langsam machte er seine ersten Schritte, dann blieb er stehen und drehte sich um. Sein Quartier war völlig verschwunden und er hinterließ offenbar weiß leuchtende Fußspuren. Oder waren es nicht seine? Diese hier schienen schon weit hinter ihm zu beginnen, jedoch war er noch eben in seinen Räumen gewesen. Zögerlich wandte er sich wieder seinem Ziel in der Ferne zu. Während er sich ihm näherte, waren die einzigen vernehmbaren Laute seine eigenen Schritte, das Knistern der Flammen, die dem Geräusch nach Holz zu verbrennen schienen, sowie sein eigener Atem und Herzschlag. Als er nur noch wenige Meter entfernt war, vernahm er plötzlich ein Knurren. Erschrocken drehte er sich ruckartig in die Richtung, aus der er es gehört hatte, doch da war nichts. Er atmete tief durch und wandte sich erneut zur Tür. Langsam ging er weiter. Direkt hinter dem Durchgang brannte ein großes Feuer, sonst war nichts zu sehen. Als er seine Hand auf den Rahmen legte und sich durch die Öffnung beugte, um sich auf der anderen Seite umzusehen, ertönte ein ohrenbetäubendes Brüllen. In dem Inferno bäumte sich eine gut zweieinhalb Meter große Bestie auf, die durch dessen weißen Schein in ein erschreckendes Spiel aus gleißendem Licht und dunkelsten Schatten gehüllt war. Ein menschenähnliches, pelz-bedecktes Ungeheuer, das ihn mit strahlenden, goldenen Augen zu fixieren schien.

Panisch wandte er sich ab, um in die Schwärze zu flüchten, doch stand er nun vor einer Wand und spürte nur noch, wie ihn eine riesige Pranke am Rücken traf, wie ihm die Krallen die Kleider zerfetzten und sich in die Haut darunter gruben.

 

Schweißgebadet schoss er in seinem Bett nach oben. Nur ein Albtraum, dennoch hämmerte sein Herz bis zum Hals und auf seinem Rücken spürte er noch immer die Krallen der Bestie. Es war schon Jahre her, dass er einen solchen Traum gehabt hatte. Das Feuer, die Bestie, er dachte, er hätte damit abgeschlossen, doch jetzt ... er ließ sich wieder rückwärts auf sein Kopfkissen fallen und starrte an die blau erleuchtete Decke.

„Kein Traumfänger heute Nacht“, sagte er leise zu sich selbst.

In diesem Moment zuckte ein heller Blitz durch das Zimmer, das blaue Leuchten des Subraumkanals erlosch und wurde ersetzt durch die Sternen erfüllte Dunkelheit des Alls.

Richards stand aus dem Bett auf, zog den Vorhang zur Seite und warf einen Blick aus dem Fenster. Die Duneyr hatte den Subraumkanal verlassen und das Zielsystem erreicht. Gleichmäßig zogen die Sterne vor dem Fenster vorbei, während die Fregatte den Kurs zum fünften Planeten des Systems einschlug. Dann ging über dem Bug des Schiffes die goldene Sonne auf. Der Major schloss die Augen und genoss die beruhigende Wärme, in die sie ihn hüllte. Die Unruhe verflog und Entspannung breitete sich in ihm aus. Beinahe drei Minuten vergingen, in denen er nichts Weiteres tat als die Ruhe zu genießen. Jeder Gedanke, den er zuvor hatte, war wie weggewischt, bevor er anschließend ins Badezimmer ging.

 

Bewaffnet mit einer frischen Tasse Tee trat Captain Jones durch die Tür des oberen Hangars, in dem ihr Landungsschiff stand. Sie fuhr mit denn Fingerspitzen beinahe zärtlich über die graue Außenhaut unterhalb des Cockpitfensters, während sie sich der offen stehenden seitlichen Luke näherte, dann stieg sie ein. Sie betrat durch die Kabinentür das Cockpit und stellte ihre Tasse auf die rechte Konsole, als sie sich auf den Pilotensitz setzte und das primäre Holodisplay aktivierte.

„Dann fangen wir doch mal mit einer allgemeinen Systemdiagnose an, was meinst du süße?“, fragte sie an ihr Schiff gerichtet und gab die passenden Befehle ein. Sofort begannen zeilenweise Statusinformationen über das Display zu laufen. Jones zeigte wenig Interesse, da dort nur eins stehen konnte, solange die Zeile nicht gelb oder rot geschrieben war.

„Status OK“.

Entspannt lehnte sie sich zurück, nahm ihre Tasse von der Konsole und hielt sie in beiden Händen, während sie den Dampf einatmete.

Ein kurzes Piepsen des Diagnoseprogramms zog ihre Aufmerksamkeit auf sich.

„Ansaugdüse LV21 - Status Gelb“

Jones beugte sich nach vorne, betrachtete die Zeile und warf einen kurzen Blick durch das Fenster auf das linke Vertikaltriebwerk. Gestern erst war es von der Wartungscrew überprüft und für in Ordnung befunden worden. Als sie den Blick wieder dem Display zuwandte, erschienen weitere „Status Gelb“ Anzeigen.

„Das wird vermutlich ein paar Stunden dauern ... Nun Gut, dann werden wir mal nachsehen, was da nicht in Ordnung ist“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu jemand Anderem und stand auf. Sie verließ ihr Schiff, holte sich eine der Leitern aus einer Werkzeugnische an der Wand des Hangars und schob sie zur linken Tragfläche.

„Wollen wir doch mal sehen, was wir da haben.“

Unter dem Wartungszugang lag ein Bündel Schläuche sowie einige Kabelstränge, die eigentlich in einer seitlichen Führungsröhre verborgen und geschützt liegen sollten, was der Wartungscrew aber egal zu sein schien. Hauptsache sie hatten schnellen Zugang zu allem, was sie prüfen mussten. Ein toller Anfang. Sie zückte ihr Werkzeug und verlegte die Leitungen geübt an ihren angestammten Ort zurück, dann legte sie unter einer weiteren Verkleidung die Ansaugdüse LV21 frei.

„Was zum ...?“, die Frage formulierte sich nicht vollständig in ihrem Kopf, als sie bereits von der nächsten abgelöst wurde. Wie konnte es sein, dass das niemandem aufgefallen war? Die Leitung, die zur Ansaugdüse führte, war an zwei Stellen abgeknickt worden, um sie unter die Verkleidung zu bekommen, anstatt sie auf die passende Länge zu kürzen. Die Folge war, dass zu wenig Treibstoff durch die Leitung befördert und somit für die Ansaugdüse eine zu geringe Leistung gemessen wurde. Im Ernstfall würde dies zu einer überhöhten Trägheit oder sogar zum Ausfall des Triebwerks führen. In ihrer Ansicht über die Unfähigkeit des Wartungspersonals bestätigt, machte sie sich daran, alle Anschlüsse und Zuleitungen in Augenschein zu nehmen.

 

Es war für eine ganze Weile der letzte Tag des Majors auf der Duneyr, eventuell für immer, daher wollte er jede verbleibende Minute auskosten und hatte am Vortag bereits fast alles gepackt. Die Kiste würde später von zwei Soldaten zum Hangar gebracht werden. Er ging ins Wohnzimmer. Wie auch im Schlafzimmer waren die Wände kahl. Blanker Stahl, dessen Schmuck in einem Lagerraum, einige Lichtjahre entfernt lag. Lediglich ein paar Bücher, kleinere Bilder und sein Schachspiel waren noch im Zimmer verteilt. Nachdenklich ging er zum Schreibtisch, setzte sich und ließ seinen Blick durch den Raum streifen. Beinahe ein Zuhause. Er drehte sich um, griff sich die Bücher, die noch auf dem Schrank an der Wand hinter dem Schreibtisch standen, und brachte sie zur offen stehenden Kiste neben der Tür. Obenauf lag der Traumfänger.

„Dich hätte ich heute Nacht gebraucht“, sagte er, während er die Bücher neben ihn in die Kiste legte, „und was machst du? Liegst hier faul rum und tust gar nichts.“

Es dauerte nur wenige Augenblicke, den Rest zu verpacken. Als Letztes war das Schachspiel an der Reihe, das noch auf dem Couchtisch stand. Weiß war in ziemliche Bedrängnis geraten, aber entschieden war die Partie deshalb noch lange nicht. Richards sah das Brett einen Moment lang an, dann ging er zurück zur Kiste und kramte eines der Datenpads wieder heraus.

„So kommen sie mir nicht davon, Admiral.“

Nachdem er die Situation festgehalten hatte, verpackte er Schachbrett und Datenpad gemeinsam und verschloss die Kiste.

„Diese Partie wird fortgesetzt.“

Der Schrank im Schlafzimmer wirkte wie leer gefegt. Lediglich eine Uniform hing noch darin und auf dem Boden stand der gepackte Seesack. Er zog sich die Uniform an, brachte den Seesack ins Wohnzimmer und stellte ihn auf den Sessel nahe der Tür. Fertig. Und noch reichlich Zeit bis zum Abflug. Er entschloss sich, schwimmen zu gehen.

 

Captain Jones lag auf der Tragfläche des Landungsschiffes und zog den Kopf soeben wieder aus einer Wartungsklappe am rechten Haupttriebwerk, als sie Commander Plesk, die vor dem Schiff stand und sie aufmerksam beobachtete, bemerkte.

„Bis über beide Ohren in Arbeit versunken?“, fragte der Commander mit einem grübelnden Gesichtsausdruck, „Ich dachte, die Aurora sei frisch aus der Wartung gekommen“.

„Bis über beide Ohren, buchstäblich“, gab der Captain zurück, „es hat damit angefangen, dass einer unserer begabten Techniker eine Triebwerkszuleitung abgeknickt hat, wodurch das Ansaugventil an deren Ende nur unzureichende Leistung brachte. Aber damit hat der Schlamassel nur angefangen. Ich frage mich ehrlich, wozu wir diese Leute an Bord haben. Eigentlich hat die TVF ja die besten Techniker und der Admiral legt ja noch mehr wert auf die Fähigkeiten seiner Leute, aber das ... ich vermute, die haben einfach was gegen mich.“

Sie blickte den Quartiermeister mit fragendem Blick an.

„Kann ich dir helfen, Rachel?“

„Ich wollte nur mal nach dem Rechten sehen, da du und Major Richards ja heute von Bord geht. Ich hab mich gefragt, ob wir gemeinsam zu mittagessen wollen.“

„Liebend gern“, antwortete Jones, „ich bin sowieso fast fertig. Holst du mich in .025 in meinem Quartier ab?“

Commander Plesk nickte ihr zu und ging in Richtung Ausgang.

„Dann bis nachher“, sagte sie und verließ den Hangar. Captain Jones stieg über die Leiter hinab und kehrte in das Cockpit und auf ihren Pilotensitz zurück. Ihr Tee war inzwischen kalt geworden, doch roch er noch so verführerisch wie am Morgen.

„Dann wollen wir mal sehen“, sagte sie, als sie die Systemdiagnose neu startete. Diesmal gab es kein Piepsen, das sie beim Genuss ihres Getränkes unterbrach. Alle Systeme meldeten nur eins: „Status OK“.

Zufrieden schaltete sie das Display ab, erhob sich aus dem Sitz und machte sich daran, die Werkzeuge und Geräte wieder an ihren Ursprungsorten zu verstauen, sowie das Wartungslogbuch ihres Schiffes auf den neusten Stand zu bringen.

 

In der Kantine herrschte bereits Hochbetrieb, als Richards sich in die lange Schlange zur Essensausgabe einreihte. Captain Jones hatte ihn informiert, dass sie früher als erwartet mit den Arbeiten an der Aurora fertig geworden sei, und hatte ihn eingeladen sich den Frauen beim Mittagessen anzuschließen. Während er, sich langsam auf das Essen zubewegend, nach den beiden Ausschau hielt, wurde er unvermittelt in den Rücken gestoßen. Ärgerlich drehte er sich um und blickte in das Gesicht einer jungen, dunkelblonden Frau, die ihn erschrocken ansah.

„Verzeihung Major, wir waren wohl etwas zu stürmisch auf dem Weg zum Essen“, sagte sie, während ihr Kopf eine immer rotere Farbe annahm und sie ihn scheinbar zwischen ihren Schultern, die sie immer weiter hochzog, zu verstecken versuchte.

„Es tut mir leid, ich ... ich wollte nicht ...“

Richards lächelte. Es war ja nichts geschehen und er wollte heute niemandem etwas verderben, wenn es nicht nötig war.

„Alles in Ordnung, Lieutenant, nur lassen sie es ruhiger angehen. So gut, dass man sich darum schlagen müsste, ist das Essen hier auch nicht.“

Er hätte nicht gedacht, dass der Kopf noch mehr erröten könnte, doch offenbar war das tatsächlich möglich.

Es dauerte noch gut fünf Minuten, bis er seine Bratkartoffeln, seiner Meinung nach das Einzige, was die Köche hier wirklich zubereiten konnten, auf dem Teller hatte und sich zu dem Tisch auf der oberen Ebene, an dem er Captain Jones entdeckt hatte, begab.

„Die Kleine schien etwas für sie übrig zu haben“, begrüßte ihn der Captain, als er sich auf den Stuhl ihr gegenüber setzte.

„Wer?“

„Na die Kleine, die hinter ihnen stand“, Jones verdrehte die Augen, „das hat man doch sogar von hier aus gesehen. Ihre Freundin hat sie sogar extra gegen sie gestoßen, damit sie sie bemerken.“

Richards schaute sie fragend an und hielt die Gabel dabei ein paar Zentimeter über seinem Teller.

„Tja“, mischte sich Commander Plesk ein, „zu dumm, dass sie heute von Bord gehen.“

„Hm“, Richards blickte herab zur unteren Ebene, „sie ist doch höchstens neuneinhalb oder zehn und zu schüchtern für meinen Geschmack.“

„Lieutenant Eléna Novotná“, Plesk schloss die Augen und legte zwei Finger ihrer rechten Hand an ihre Schläfe, als wolle sie Gedanken lesen, „genau 11657 Tage.“

Als sie die Augen wieder öffnete, blickte sie in fragende Gesichter.

„Ich habe ihre Akte gelesen. Sie war heute bei mir.“

Jones sah erneut zu Richards.

„Elf also, bald zwölf. Und das als Lieutenant.“

Richards ließ die Gabel sinken.

„Wir sind heute Abend sowieso weg, also was soll das Gerede?“

Jones hob entschuldigend die Hände.

„Ich hab nichts gesagt.“

Am Tisch breitete sich sekundenlanges Schweigen aus.

„Ich wollte noch zum Schießstand gehen“, wechselte Richards das Thema, um die Situation aufzulösen, „kommen sie mit?“

Abschied

Als sich Richards und Jones dem Waffendeck näherten, trat Lieutenant McNigel aus der Waffenkammer. Sie wischte sich ein paar Haare aus dem Gesicht und stolzierte, ohne sie wahrzunehmen, den Gang hinunter.

„Was wollte denn der Giftzwerg von dir?“, fragte Richards den etwas geschafft wirkenden Mann hinter dem Tresen, als er die Waffenkammer betrat.

„Hey Leo, schön dich zu sehen.“

Captain Kants Miene hellte sich merklich auf, als er den Major sah.

„Ob du’s glaubst oder nicht, sie war auf dem Schießstand.“

Der muskulöse Waffenmeister beugte sich zu Richards vor, bevor er in leiserem Ton fortfuhr.

„Aber ich hoffe, der alte Mann verlässt sich für seinen Schutz nicht auf sie.“

Er richtete sich wieder auf und räusperte sich, als er Captain Jones, mit hochgezogenen Augenbrauen hinter Richards stehen sah.

„Aber im Ernst, sie hat sich deutlich verbessert, seit sie das letzte Mal hier war. Sie hat die Scheibe getroffen ... gleich zweimal. Letztes mal gingen alle fünf Magazine ins Leere. Allerdings benötigt Bahn vier jetzt Wartung. Keine Ahnung, wie sie die Scheibenmechanik geschafft hat, aber da rührt sich jetzt nichts mehr.“

Er sah zwischen Jones und Richards hin und her.

„Ich nehme aber mal an, ihr seid nicht ihretwegen hier, oder?“

Richards deutete auf die Tür zum Schießstand.

„Das ist richtig. Wir nehmen zwei Bahnen und jede Menge Munition.“

„Alles klar.“

Kant drückte ein paar Knöpfe auf seinem Schreibtisch-Terminal.

„Zwei mal das volle Programm für den Major und den schweigsamen Captain. Wollt ihr auch auf die Piste?“

Richards drehte sich zu Jones, die lediglich mit einem Schulterzucken antwortete.

„Warum nicht, aber erstmal die Bahnen.“

„Verstanden, Major.“

Kant drückte erneut einige Knöpfe und die Tür öffnete sich.

„Eure Bühne ist bereit, Sir. Gehörschutz ist wie immer an den Bahnen.“

 

Als sie den Schießstand betraten, waren die Bahnen zwei und drei erleuchtet. In den Waffenhalterungen waren jeweils eine P16-MK12 und ein G76-MK3, die beiden Standardwaffen der TVF-Einsatzeinheiten. In der Munitionsausgabe lagen jeweils drei Magazine für die Pistole und das Gewehr. Oben auf dem Waffenkasten lagen die Gehörschutz-Kopfhörer. Sie sorgten nicht nur dafür, dass das Gehör vor der Lautstärke der Waffen geschützt war, immerhin konnte die Explosion der Ladung gerade in so engen Innenräumen zu ernsthaften Schäden führen, durch das eingebaute Headset war der Schütze auch in der Lage sich bei lautester Umgebung einwandfrei mit der Schützenaufsicht und anderen Schützen zu verständigen.

Beide griffen zuerst zur Pistole.

„Nun Major“, Captain Jones lud das erste Magazin in ihre Waffe, „sie scheinen mir keine sehr hohe Meinung von Lieutenant McNigel zu haben. Ich kann das durchaus nachvollziehen, aber gibt es einen besonderen Grund für ihre Abneigung?“

Sie lud ihre Waffe durch und feuerte fünfmal auf die rund zwanzig Meter entfernte, holographische Scheibe. Fünf Treffer, zwei davon in den Kopf.

Für einige Sekunden war kein Laut zu hören, dann das Durchladen einer Waffe und fünf schnell aufeinander folgende Schüsse. Fünf Treffer, davon drei in den Kopf und zwei ins Herz.

„Es geht darum, wer sie sein will ... wer sie vorgibt zu sein.“

Jones wartete einen Moment, doch Richards fuhr nicht fort. Stattdessen fanden fünf weitere Schüsse präzise ihr Ziel.

„Rosco.“

Zuerst war Jones verwirrt, doch erkannte sie schnell, dass sich Captain Kant von der Beobachtungskanzel aus zugeschaltet hatte.

„Rosco“, antwortete Richards in müdem, gedrücktem Ton.

„Da unser Meisterschütze hier wohl nicht mehr dazu sagen wird“, ergriff Kant nun endgültig das Wort, „werde ich es ihnen in aller Kürze erklären.“

Captain Jones hörte aufmerksam zu.

„Ihnen ist sicher aufgefallen, dass Major Richards und ich uns ganz gut kennen. Das hat seinen Ursprung vor einigen Jahren. Damals waren wir beide Mitglied einer Einheit unter dem damaligen Colonel Grayson. Teil unseres Teams war auch dessen Tochter, Lieutenant Nathalie Grayson, mit dem wohlklingenden Rufnamen Rosco. Eines Tages hatten wir einen Einsatz, bei dem Natalie schwer verwundet wurde und starb. Colonel Grayson war natürlich zu Tode betrübt über den Verlust seiner Tochter, genau wie Leo, der sie in vielen Dingen ausgebildet hatte und der sich bis heute selbst die Schuld an ihrem Tod gibt. Das gesamte Team war eng befreundet, daher war es für niemanden von uns leicht. Nicht lange danach wurde Colonel Grayson versetzt und nahm ein paar von uns mit sich. So eben auch Leo und mich selbst. Vor einigen Monaten nun tauchte ein junger Lieutenant auf. Sie hatte keine besondere Begabung, keine Fähigkeiten und es ist zweifelhaft, wie sie überhaupt bis zum Rang eines Lieutenants gekommen ist. Sie jedenfalls hat sich genauestens über Grayson informiert und herausgefunden, dass sie seiner verstorbenen Tochter ziemlich ähnlich sieht. Ein paar einstudierte Gesten, die Gewöhnung an bestimmte Redewendungen und eine bestimmte Sprechweise, zumindest solange Grayson anwesend ist, eine neue Frisur, und sie hat es in Windeseile zu seiner Adjutantin gebracht.“

Jones blickte zu der Wand, hinter der Richards wieder seine Waffe durchlud und feuerte.

„Sie können sich vorstellen, dass, auch ohne ihre erquickende Persönlichkeit, keiner von uns viel für sie übrig hat. Dem Admiral kann man dabei kaum etwas vorwerfen, aber sie ...“

Jones lud ihre Waffe durch.

„Ich verstehe. Dieses Miststück!“

Einige Magazine wurden noch wortlos verschossen, wobei nur selten ein Schuss nicht präzise in Herz oder Kopf des Zieles ging, dann meldete sich Captain Kant erneut bei den Schützen.

„Entschuldigt, wenn ich euch unterbreche, aber wenn ihr noch auf die Piste wollt, wird es Zeit. Für heute Abend hat sich Lieutenant Lane mit ihrer Frauentruppe angemeldet.“

Lieutenant Patricia Lane war relativ neu auf der Duneyr und hatte die Aufgabe, eine Eingreiftruppe zusammen zu stellen, die schnell und effektiv auf Entertrupps reagieren und das Schiff verteidigen konnte. Im Falle eines offensiven Vorgehens sollte ihre Einheit als Spezial-Angriffstrupp dienen, der im Verborgenen durch die feindliche Verteidigung schlüpfen und die Reihen aufbrechen sollte. Das Ergebnis waren die Falcons, eine Einheit, die ausschließlich aus Frauen bestand. Lane war der festen Überzeugung, dass Frauen besser für jede Art des militärischen Dienstes geeignet waren. Zu dieser Einsicht verhalf ihr wohl unter anderem ihre Ausbilderin in der Akademie für taktische Sonderkommandos, auf die sie ihre Mutter, Admiral Lane, geschickt hatte. Die bisherigen Trainingsstatistiken der Falcons unterstützten diese Ansicht zwar nicht, dennoch war Lieutenant Lane nicht davon abzubringen.

„Also gut.“

Richards stellte das Gewehr, zu dem er inzwischen gewechselt hatte, zurück in die Halterung des Schießstandes.

„Dann lass uns mal rein in die gute Stube.“

Auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs öffnete sich die Tür zum offenen Schießparcours, oder auch „Piste“ wie er vom Waffenkammer-Personal genannt wurde. Hierbei handelte es sich um einen zwei Etagen hohen, großen Raum in dem, durch aufgestellte Wände, Kisten und andere Utensilien, verschiedene Umgebungen und Situationen trainiert werden konnten.

„Es ist zwar eigentlich alles für die Falcons vorbereitet“, meldete sich Kant erneut, nachdem beide den Schießparcours betreten hatten, „aber ich habe ein paar Besonderheiten für euch beide versteckt. Während die Falcon-Ladys dann ihre Aufwärmübungen auf den Schießbahnen machen, kann ich hier alles wieder herrichten. Viel Vergnügen wünsche ich.“

 

Kaum hatten sie ihre Ausrüstung von dem Metalltisch an einer seitlichen Wand genommen und angelegt, begann über der Tür zum nächsten Bereich, mit lautem Piepsen, ein zehnsekündiger Countdown. Als er null erreichte, öffnete sich die Tür und gab den Blick auf einen Gang frei, der offenbar eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern darstellen sollte. Die Armdisplays zeigten den Auftrag an: Geheime Unterlagen sicherstellen, einen Sprengsatz entschärfen und eine Befreiung durchführen. Vorsichtig arbeiteten sie sich durch die stilisierten Gassen vorwärts. Immer wieder tauchten in Fenstern, Türen oder Seitengassen, sowie auf den Dächern durch Zielscheiben dargestellte Gegner auf. Manchmal mit, doch meist ohne „Geiseln“, jedoch stets mit Lasern bewaffnet, die als simulierte Gewehre dienten. Wurde man von ihnen getroffen, gab es Punktabzüge und der Treffer wurde durch einen Elektroschock simuliert. Getroffen wurde jedoch keiner von beiden. Wie ein eingespieltes Team rückten sie bedacht auf das zentrale Gebäude vor, in dem sich die drei Ziele befinden sollten.

Wie erwartet war es schwer bewacht und es erforderte Geschick, sich durch die Armee bewaffneter Zielscheiben hindurch zu kämpfen, doch schließlich hatten sie es geschafft.

In einem Raum in Erdgeschoss befand sich die Bombe, deren Entschärfung, wie es in solchen Simulationen meistens der Fall war, lediglich durch das fünf Sekunden lange Drücken eines roten Knopfes im Inneren des Gerätes dargestellt wurde. Für realistische Bombenentschärfungen gab es schließlich andere Szenarien. Hier ging es um koordiniertes Vorgehen und Teamarbeit.

Ein Stockwerk höher lag eine Umhängetasche auf dem Tisch. Die Dokumente wurden lediglich von ein paar gegnerischen Holoscheiben bewacht, was im Grunde kein größeres Problem darstellte.

Als Richards die Tasche umhängte, wurden im Umkreis um das Gebäude neue Gegner aktiviert. Es war ja klar, dass der Rückzug nicht einfach sein sollte, doch waren es nun gut doppelt so viele Gegner wie zu Beginn der Übung.

„Ich glaube, ich habe die Geisel gefunden.“

Jones deutete aus dem Fenster in den Hinterhof des Gebäudes. In einer entfernten Ecke standen zwei Zielscheiben. Eine war ein typischer Gegner, der von einer Geiselscheibe fast völlig verdeckt wurde. Jetzt musste Richards noch einmal genauer hinsehen. War das McNigels Gesicht auf der Geiselscheibe? Er blickte zu Jones. Ohne zu zögern, hob sie das Gewehr und schoss. Der Major hob die Augenbrauen. Der Schuss hatte die Geisel genau in den Kopf getroffen.

„Was denn?“, fragte Jones scheinheilig, „ich habe den armen Mann doch gerettet.“

Der Rückweg gestaltete sich zwar schwieriger, doch gelang es den beiden sich ohne ernsthafte Verletzungen zu ihrem Ausgangspunkt zurückzuziehen.

Als sie die Schießbahn verließen, stand Captain Kant bereits vor der Tür.

„Irgendwie habe ich geahnt, dass das passieren würde“, sagte er mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

„Wenn es euch recht ist, würde ich eure Leistung, natürlich ohne Erwähnung des kleinen Geiseldramas, gerne als Vergleichswert zum Falcon-Training, gemeinsam mit dessen Ergebnissen, an den Admiral weitergeben.“

Richards und Jones willigten ein, schließlich war alles gut gelaufen und sie brauchten ihre Leistung nicht zu verstecken.

„Ach ja“, Kant deutete gegen die Decke, „gerade kam die Durchsage, dass wir gleich Tantos V erreichen. Ihr sollt euch fertig machen und in den Hangar kommen.“

 

Ein letztes Mal betrat Richards nun seine Kabine. Die Kiste, die heute Morgen noch neben der Tür gestanden hatte, war inzwischen bereits in den Hangar gebracht worden, vermutlich war sie bereits im Landungsschiff verstaut. Das Quartier sah leer aus, so kalt und kahl wie an dem Tag, als er es übernommen hatte. Er durchquerte das Wohnzimmer, fuhr mit den Fingern über die Lehne des Sessels. Im Schlafzimmer war das Bett bereits wieder abgezogen worden. Der Schrank stand offen. Vermutlich hatten die Soldaten, die seine Kiste abholten, kontrolliert, dass auch nichts vergessen wurde. Richards ging zurück ins Wohnzimmer, nahm seien Seesack vom Sessel und blickte sich ein letztes Mal um, bevor er das Quartier verließ.

 

Im Hangar herrschte wie immer reges Treiben. Selbst wenn man mitten in der Nacht hierher kam, war es nie still. Irgendwo hämmerte es und es wurde irgendwas repariert oder gebaut. Manchmal hatte Richards den Eindruck, zwei oder drei Soldaten des Hangarpersonals würden jede Schicht abgestellt, sämtliche Zugänge zu diesem Bereich zu überwachen und sobald sich jemand näherte würden alle Anwesenden, die für gewöhnlich schliefen oder sich sonst wie beschäftigten, aufspringen, herumlaufen und irgendwas tun um nur möglichst beschäftigt zu wirken. Natürlich hatte er nie klare Hinweise für seine Vermutung finden können, doch dieses Gefühl ließ ihn nie los.

 

Einige Meter vor ihm stand das Landungsschiff Nr.07, auf dessen Flanke in großen Lettern „AURORA“ geschrieben stand. Jones kontrollierte ein letztes Mal die Triebwerke und die Außenhaut ihres „Babys“.

„Wie siehts aus, Captain? Können wir pünktlich los?“

„Nur an Bord, Major. Sie schnurrt wie ein Kätzchen und freut sich darauf, dass es endlich losgeht.“

Die hintere Rampe der Aurora stand offen. Unter den Pasagier-Bänken, an den seitlichen Wänden, waren die Gepäckkisten verstaut worden. Richards ging durch die Kabine vor ins Cockpit. Auf dem linken Sitz hinter dem Pilotensessel hatte Jones bereits ihren Seesack abgestellt. Richards schloss sich dem an und nahm, als Jones die Achterluke schloss und zum Cockpit kam, auf dem rechten Sitz platz.

 

„Aurora an Walhalla, alle Systeme geprüft. Wir sind fertig zum Start.“

Walhalla, das war die Bezeichnung der Kommandocrew bei Schiffen, die von Kommandoadmiralen befehligt wurden. Auf diese Weise war immer klar, wer das Sagen hatte. Meldete Walhalla sich bei Schiffen oder Flottenverbänden, waren Admiralsbefehle von oberster Stelle zu erwarten.

„Wir haben den Orbit um Tantos V erreicht und die Forschungseinrichtung informiert. Aurora, sie haben Startfreigabe. Wir hoffen sie bald wieder in unseren Hallen begrüßen zu dürfen. Im Auftrag des Admirals übermitteln wir die besten Grüße an den Reaper. Walhalla ende.“

In diesem Moment zündeten die beiden Triebwerke seitlich der Kabine und die Aurora hob sanft vom Hangardeck ab. Das große, zweiflüglige Tor öffnete sich und gab den Blick auf den unteren Rumpf der Duneyr und die Sterne frei, die rechts von einem Ausschnitt des Planeten verdeckt wurden. Bereits nach wenigen Sekunden hatten sie die Hangartore passiert und wandten sich nach einem kurzen Flug in Richtung des Planeten zum Abschied noch einmal zur Fregatte um.

 

Einige Sekunden vergingen, dann flammten die acht großen Triebwerke des Schiffes auf und es setzte sich langsam wieder in Bewegung. Richards und Jones atmeten einmal tief durch, dann wandte sich die Aurora wieder dem Planeten zu.

Ankunft

Es war .809 EUT, als im Flugüberwachungsturm der Blue Horizon Laboratorien der Ruf der Duneyr einging.

„Wir werden den Orbit in ca. 15 Minuten erreichen. Bitte bereiten sie alles für die Ankunft des Majors und seines Teams vor. Duneyr ende.“

 

„Denken sie daran, meine Liebe, die sind nicht hier um uns zu überprüfen. Die sollen dafür sorgen, dass nichts Auswertbares zurückbleibt.“

Dr. Ross setzte ein ernstes Gesicht auf.

„Sorgen sie dafür, dass die uns nicht im Weg stehen, dann wird alles gut laufen. Machen sie mit ihnen eine Sightseeing-Tour, zeigen sie ihnen ein paar Highlights unserer Arbeit, dann sind die zufrieden, aber halten sie sie bitte weitestgehend fern von mir.“

Dr. Brown nickte eifrig.

„Ja, Doktor.“

Soeben hatten sie die Plattform betreten, als die Aurora zur Landung ansetzte.

„Bringen sie sie am besten gleich zu ihren Quartieren, dann müssen wir uns erst morgen mit ihnen befassen.“

Seine Stimme war durch das Getöse der Triebwerke und das Rauschen des Abwindes kaum zu verstehen als er sich zum Tower, über dem Hangar, zurückzog.

 

„So, da wären wir.“

Captain Jones schaltete die Triebwerke des Landungsschiffes ab.

„Alle Systeme gesichert, Triebwerke verriegelt und, Zuflusssysteme geschlossen. Der Kern ist auf Standby und die Perimetersicherung auf passiv, Radius null. Die Insel der verrückten Wissenschaftler wartet auf Erkundung. Bitte alles aussteigen.“

Sie verließ den Pilotensitz und warf einen Blick aus dem Fenster, während sie sich nach Achtern begab.

---ENDE DER LESEPROBE---