Lost in you. Gefährliches Bekenntnis - Jodi Ellen Malpas - E-Book

Lost in you. Gefährliches Bekenntnis E-Book

Jodi Ellen Malpas

4,8
8,99 €

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Beschreibung

Endlich scheint der Liebe zwischen Ava und Jesse nichts mehr im Wege zu stehen. Die Beziehung der beiden ist innig, Ava kann sich dem dominanten, temperamentvollen Jesse bedingungslos hingeben. Gleichzeitig ist sie die einzige, der Jesse von Zeit zu Zeit einen Blick hinter sein undurchdringliches, selbstbewusstes Äußeres gewährt. Doch kaum hat Ava das Gefühl, den wahren Jesse kennengelernt zu haben, belastet seine dunkle Vergangenheit erneut ihre Beziehung. Wie kann sie ihm vertrauen, wenn er so verführerisch-lustvoll von seinen Geheimnissen ablenkt? Ava weiß: Ihre Liebe hat nur eine Zukunft, wenn Jesse endlich die Wahrheit offenbart und sich aufrichtig zu Ava bekennt … Band 3 der Lost in you-Trilogie.



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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 840




Buch

Die junge Innendesignerin Ava O’Shea ist überglücklich und nervös zugleich – sie heiratet Jesse Ward, den so unglaublich attraktiven Lord des edlen Herrenhauses The Manor. Und genau dort wird die Hochzeit gefeiert, auf dem so luxuriösen wie berüchtigten Anwesen, das für den großen Tag in ganz neuem Glanz erstrahlt. Endlich scheint der Liebe der beiden nichts mehr im Weg zu stehen. Ihre Beziehung ist innig, Ava kann sich dem dominanten, temperamentvollen Jesse bedingungslos hingeben. Gleichzeitig ist sie die Einzige, die Jesse hinter sein selbstbewusstes Äußeres blicken lässt. Doch kaum hat Ava das Gefühl, den wahren Jesse kennengelernt zu haben, belasten seine Geheimnisse erneut ihre Beziehung. Wie kann sie ihm nur vertrauen, wenn er so verführerisch-lustvoll von seiner dunklen Seite und seiner Vergangenheit ablenkt? Ava weiß: Ihre Liebe hat nur eine Zukunft, wenn Jesse endlich die Wahrheit offenbart und sich aufrichtig zu Ava bekennt …

Weitere Informationen zu Jodi Ellen Malpas

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Jodi Ellen Malpas

LOSTINYOU

Gefährliches

Bekenntnis

Band 3

Erotischer Roman

Aus dem Englischen

von Andrea Fischer

Die englische Originalausgabe wurde von Jodi Ellen Malpas 2012

unter dem Titel »This Man Confessed«

in Großbritannien veröffentlicht

und erschien 2013 in Neuauflage bei Orion Books,

an imprint of The Orion Publishing Group Ltd,

an Hachette UK Company, London.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung April 2015

THISMANCONFESSED Copyright © Jodi Ellen Malpas, 2012

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Copyright © Michael Haegele/Corbis;

FinePic®, München

Redaktion: Ilse Wagner

KS · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-14530-9

www.goldmann-verlag.de

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Für meine Jungs

1

Ich bin mit den Nerven am Ende. Keine Ahnung, warum, denn ich weiß, dass ich das Richtige tue, aber trotzdem bin ich ein Nervenbündel. Ich bin allein, es sind die ersten und wahrscheinlich auch letzten Minuten an diesem Tag, die ich für mich habe. Ich brauche diesen Moment der Stille, um über den großen Schritt nachzudenken, der vor mir liegt. Von jetzt an werden solche Augenblicke wahrscheinlich selten sein.

Heute heirate ich.

Heute ist der Tag, an dem ich mich für den Rest meines Lebens diesem Mann verspreche – nicht dass ich dafür ein Blatt Papier oder einen Ring aus Edelmetall am Finger bräuchte. Nein, er braucht es. Deshalb heirate ich diesen Mann nur zwei Wochen, nachdem er auf der Terrasse des Lusso vor mir auf die Knie sank. Und deshalb sitze ich jetzt im Morgenmantel auf einer Chaiselongue in einer Suite von The Manor – in dem Zimmer, wo Jesse mich vor wenigen Wochen bedrängte – und versuche, mich zu sammeln.

Ich heirate in The Manor.

Der größte Tag meines Lebens findet im edlen Sexschloss meines Lords statt. Ich bin nicht nur so nervös, weil ich die Braut bin. Meine Eltern, mein Bruder und andere Verwandte spazieren über das Gelände von Jesses angeblichem Landsitz, schauen sich um, erkunden alles. The Manor wurde zwei Tage für Mitglieder geschlossen, damit alles vorbereitet werden konnte. Das allein hat Jesse ein kleines Vermögen in Form von rückerstatteten Mitgliedsbeiträgen gekostet. Jetzt bin ich bei den männlichen Mitgliedern wahrscheinlich genauso unbeliebt wie bei den weiblichen. Alle werden mich hassen – die Frauen, weil ich ihnen ihren Lord vor der Nase weggeschnappt habe, und die Männer, weil sie wegen mir auf ihre sexuellen Eskapaden verzichten müssen.

Jesse hat dafür gesorgt, dass alle kreuzähnlichen Vorrichtungen und Gitter an den Wänden der Zimmer entfernt wurden, die Türen zum Gemeinschaftsraum sind verschlossen. Das macht es mir irgendwie aber auch nicht leichter.

Ich schaue an die Decke und lasse die Schultern kreisen, um die wachsende Anspannung zu vertreiben. Es funktioniert nicht. Ich richte mich auf, gehe hinüber zum Spiegel und betrachte mein Ebenbild. Trotz meines Unbehagens sehe ich frisch aus, leuchte regelrecht. Ich bin dezent geschminkt. Mein dunkles Haar ist auf Hochglanz gebürstet, die langen Locken wellen sich, werden nur von einem edelsteinbesetzten Haarkamm auf einer Seite locker nach hinten gesteckt. Jesse liebt mich mit offenen Haaren. Und er liebt mich in Spitze.

Ich drehe mich zu meinem Kleid an der Tür um und bewundere diesen Traum aus zarter Spitze – meterweise Stoff, in den unzählige winzige Perlen genäht sind. Zoe von Harrod’s trumpfte mit dieser Robe auf. Das elfenbeinfarbene Gewebe umschmeichelt meine Hüften und Schenkel und ergießt sich zu einer großen Lache auf den Boden. Ich lächele. Es wird ihm den Atem verschlagen. Die schlichte Form mit den dünnen Trägern, dem tiefen Rückenausschnitt und der schmalen Taille wird meinen Lord auf die Knie zwingen.

Ich nehme mein Handy vom Nachttisch. Es ist zwölf Uhr. In nur einer Stunde werde ich Jesse im Sonnenzimmer gegenübertreten und mein Ehegelöbnis sprechen. Mein Magen krampft sich zusammen … schon wieder.

Ich lege den Morgenmantel ab und schlüpfe in meinen Slip, bevor ich in das elfenbeinfarbene Spitzenkorsett steige, es über den Bauch ziehe und meine Brüste in die Schalen schiebe. Nur knapp verbirgt der Stoff den runden blauen Fleck auf meinem Busen. Jesses Abzeichen.

Leise klopft es an der Tür. Die Zeit, die ich für mich hatte, ist abgelaufen. »Ja?«, rufe ich und schlüpfe schnell wieder in den Morgenmantel.

»Ava, Schätzchen, kann ich hereinkommen?« Es ist meine Mutter.

Ich öffne ihr. »Du musst sogar reinkommen, ich brauche nämlich deine Hilfe.«

Sie drängt sich ins Zimmer und schließt die Tür hinter sich. Mum sieht umwerfend aus in einem schicken austernfarbenen Etuikleid aus Satin. Ihre schwingende Kurzhaarfrisur wird von einer Feder und einer perlenbesetzten Spange gehalten. »Tut mir leid, Schätzchen, ich habe Tante Angela noch schnell den Wellnessbereich gezeigt. Ich glaube, sie will Jesse fragen, ob sie Mitglied werden kann. Sie war hin und weg. Muss man Mitglied sein, um den Wellnessbereich und den Fitnessraum nutzen zu dürfen, oder sind die nur für Gäste?«

Ich ziehe den Kopf ein. »Nur für Gäste, Mum.«

»Ach, für deine Familie macht er bestimmt eine Ausnahme. Deine Großeltern hätten gedacht, sie wären im Buckingham Palast, Gott sei ihnen gnädig.« Sie zupft an meinem Haar herum, ich schiebe ihre Hände beiseite. »Hast du dich schon in die Unterwäsche gequetscht?« Ihre schokoladenbraunen Augen wandern über meinen Morgenmantel. »Wird langsam Zeit.«

Ich lege den Mantel wieder ab und werfe ihn aufs Bett. »Ja, du kannst das Korsett hinten zumachen.« Ich wende ihr den Rücken zu und nehme das Haar nach vorn. Nachdem Jesse meinen Rücken zwei Wochen lang eingecremt hat, sind alle Spuren des Auspeitschens verheilt. Die körperlichen Verletzungen sind verschwunden, aber die Bilder haben sich für immer in meinen Kopf gebrannt.

Mum beginnt, die Ösen zu schließen. »Was du für ein Glück hast, an so einem herrlichen Ort heiraten zu können!«

Ich bin froh, dass sie mein Gesicht nicht sehen kann, denn ich verziehe es vor Unbehagen. »Ich weiß.« Das Sonnenzimmer habe ich schon gesehen, und es ist wirklich wunderschön geworden – Tessa, unsere Hochzeitsplanerin, hat ihr Bestes gegeben. Einen Tag, nachdem ich Jesse versprochen hatte, ihn zu heiraten, stellte er mir Tessa vor. Ein kleiner Beweis dafür, dass mein unzumutbarer Zukünftiger sie bereits engagiert hatte, um unsere Hochzeit zu organisieren – eine Hochzeit, die wir eigentlich wie erwachsene Menschen gemeinsam besprechen wollten. Praktischerweise darf man in The Manor Hochzeiten abhalten. Meine Vorbereitung für die Hochzeit bestand lediglich darin, Zoe zu besuchen und mit ihr ein Kleid auszuwählen. Ich hatte keinen Stress mit der Planung, nur mit dem Veranstaltungsort.

»So.« Mum dreht mich um und streicht meine Haare über die Schulter zurück. Nachdenklich sieht sie mich an. »Schätzchen, darf deine Mutter dir einen kleinen Rat geben?«

»Nein«, antworte ich mit einem schwachen Lächeln.

Sie grinst und drückt mich auf das Fußende des Bettes. »Wenn du heiratest, wirst du für deinen Mann zum Mittelpunkt der Welt.« Sie lächelt liebevoll. »Lass ihm die Illusion, dass er das Sagen hat, dass du nicht ohne ihn leben kannst, aber lass dir niemals deine Unabhängigkeit oder deine Identität nehmen, Schätzchen.« Sie lacht leise. »Männer bilden sich gerne ein, sie hätten die Hosen an. Soll er das ruhig denken.«

Ich schüttele leicht den Kopf. »Mum, das ist nicht nötig.«

»Doch, ist es«, beharrt sie. »Männer sind komplizierte Wesen.«

Ich erröte, schnaube jedoch verächtlich. Sie hat ja keine Vorstellung, wie kompliziert mein männliches Wesen ist.

»Ava, ich sehe, dass Jesse dich liebt, und ich bewundere seine Offenheit, wenn es um seine Gefühle für dich geht, aber vergiss nicht, wer du bist. Lass dich nicht von ihm verbiegen, Schätzchen.«

»Er wird mich nicht verbiegen, Mum.« Nach Jesses Antrag wohnten meine Eltern zwei Tage bei uns, sodass sie vorgeführt bekamen, wie Jesse mit mir umgeht – von den Countdowns und den verschiedenen Strafficks mal abgesehen. Sie haben seine übertriebene Sorge, die ständigen Berührungen und seine Zärtlichkeiten live miterlebt. Ihre diskreten Beobachtungen sind mir nicht entgangen. Jesse bekam nichts davon mit. Nein, das stimmt nicht; es ist ihm einfach egal. Wann immer und wo immer.

Meine Mutter lächelt. »Er will für dich sorgen, und er zeigt allen, wie viel du ihm bedeutest. Es macht deinen Vater und mich sehr glücklich zu wissen, dass du einen Mann gefunden hast, der dich anbetet, einen Mann, der für dich durchs Feuer geht.«

»Ich bete ihn auch an«, sage ich leise. Bei Mums Worten bekomme ich einen Kloß im Hals, meine Stimme bebt. »Bring mich bitte nicht zum Weinen. Dann ist das Make-up im Eimer.«

Sie nimmt mein Gesicht in die Hände und drückt mir einen Kuss auf die Lippen. »So, Schluss jetzt mit diesem gefühlsduseligen Kram. Tu bloß niemals etwas, das du nicht tun willst. Ich habe schon bemerkt, dass Jesse ziemlich überzeugend sein kann.« Ich muss lachen, meine Mutter fällt ein. Überzeugend? »Es ist so schade, dass seine Familie nicht dabei ist«, sagt sie.

Ich zucke leicht zusammen. »Ich habe doch schon gesagt, dass sie im Ausland lebt. Sie stehen sich nicht sehr nahe.« Den Grund dafür, dass Jesses Familie nicht dabei ist, habe ich nur grob umrissen.

»Das liebe Geld.« Sie seufzt. »Es zerstört mehr Familien als alles andere.«

»Das stimmt«, bestätige ich. Aber Sexschlösser und Playboy-Onkel schaffen das auch.

Es klopft erneut an der Tür, Mum lässt mich auf dem Bett sitzen, um selbst zu öffnen. »Das ist bestimmt Kate.«

»Ich bringe Getränke! Wow, Elizabeth, du siehst super aus!« Kates aufgeregte Stimme hallt durchs Zimmer, noch bevor sie an meiner Mutter vorbeistürmt und ihre fröhlichen blauen Augen auf mich richtet. »Bist du noch nicht angezogen?« Sie stellt ein Tablett auf der Kommode ab. Kate sieht umwerfend aus in einem elfenbeinfarbenen Satinkleid. Ihre langen roten Locken bilden ein Flammenmeer um ihr blasses Gesicht – meine einzige Brautjungfer hat genug Elan für zehn.

»Will ich gerade.« Ich stehe auf und rücke erneut meine Brüste in den Körbchen zurecht.

»Los, trink eins hiervon!« Sie reicht mir ein Glas mit einer rosafarbenen Flüssigkeit.

»O ja, das musst du probieren!«, flötet Mum, schließt die Tür und huscht schnell zum Tablett, um sich selbst ein Glas zu nehmen. Sie trinkt einen großen Schluck und seufzt. »Oh, dieser kleine Italiener weiß, wie man eine Frau glücklich macht.«

Ich schüttele den Kopf. »Nein, danke.« Ich will nicht mit einer Alkoholfahne vor Jesse treten.

»Das beruhigt die Nerven«, beharrt Kate, nimmt meine Hand und drückt das Glas hinein. »Trink!«

Die Augenbrauen hochgezogen, weist sie auf das Getränk, ich gebe nach und nehme einen großen Schluck von Marios Meistermix. Er schmeckt so meisterlich wie immer, aber heute kann mich kein Alkohol beruhigen.

»Wo ist Jesse?«, frage ich und stelle das Glas wieder ab. Seit der letzten Nacht habe ich ihn nicht mehr gesehen. Da ich weiß, wie traditionell meine Mutter eingestellt ist, bestand ich darauf, dass wir in der Nacht vor der Hochzeit getrennt schlafen. Jesse verließ mein Zimmer erst eine Minute vor Mitternacht, und das auch nur unter großem Protest, als meine Mutter an die Tür hämmerte. Mir war klar, dass er kurz davor war, sie niederzumachen, doch überraschenderweise gab er dann doch ohne großes Aufhebens nach und funkelte meine Mutter nur wütend an, als sie ihn aus dem Zimmer geleitete.

»Ich glaube, er macht sich fertig.« Kate leert ihr Glas.

»Katie Matthews, nicht immer so hastig!«, schimpft meine Mutter und nimmt ihr den Meistermix ab. »Du hast noch den ganzen Tag vor dir.«

»Sorry.« Kate grinst mich kess an. Ich weiß, warum sie sich schon so früh einen zwitschert – weil heute Dan und Sam da sind.

»Was ist mit Dad und Dan?«

»Stehen an der Theke, Ava. Alle Männer sind in der Bar.« Kate betont das Wort »alle«.

Ich ziehe die Schultern hoch. Heute wird ein harter Tag für meine beste Freundin werden. Dan hat seine Rückkehr nach Australien verschoben, damit er bei meiner Hochzeit dabei sein kann, aber er hat nicht viel gesagt, weder am Abend des Heiratsantrags noch danach. Muss er auch nicht. Es ist offensichtlich, dass er sowohl mit den Wendungen in meinem Leben als auch mit der Nähe von Kate Probleme hat, besonders wenn der ahnungslose Sam dabei ist. Kate hat ebenfalls zu kämpfen, auch wenn sie versucht, sich unbeeindruckt zu geben.

»Dann komm.« Sie klatscht in die Hände. »Willst du dich noch anziehen, oder willst du so zum Altar gehen? Jesse hätte bestimmt nichts dagegen.« Ich lächele meine feurige Freundin an. »Ich ziehe mich an.« Ich hole die Schuhe aus dem Einwickelpapier, schlüpfe hinein und bin sofort zehn Zentimeter größer. »So.« Tief Luft holend begebe ich mich zur Tür, wo das Kleid auf mich wartet.

»Geh doch noch mal zur Toilette, bevor du es anziehst«, schlägt meine Mutter vor. »Ach, Ava, so etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.«

Ich brumme zustimmend. Mein Blick erfasst das Kleid in seiner ganzen Länge. »Ich weiß. Und, ja, ich muss wirklich aufs Klo.« Ich lasse meine Mutter allein das Kleid bewundern und gehe ins angrenzende Badezimmer. Kate trinkt schnell einen Schluck, während Mum ihr den Rücken zuwendet. Ich schließe die Tür und genieße die Stille im Bad. Plötzlich ertönt ein lautes Klopfen an der Zimmertür, daraufhin die unverkennbar panische Stimme meiner Mutter. Neugierig springe ich auf, wasche mir die Hände und schiebe den Kopf nach draußen.

»Jesse!« Meine Mutter ist wirklich erbost. »Wir beide werden uns ernsthaft streiten, wenn du nicht tust, was ich dir sage.«

Ich schiele zu Kate hinüber, die wieder den Meistermix trinkt, solange Mum abgelenkt ist. Schulterzuckend grinst sie mich an. »Was ist los?«, frage ich.

»Jesse will zu dir, aber Elizabeth will nichts davon wissen.«

Ich verdrehe die Augen und schaue hinüber zur Tür, wo meine Mutter den schmalen Spalt versperrt.

»Wir brauchen uns nicht streiten, Mum, wenn du mich hereinlässt«, sagt Jesse. Ich weiß, dass er grinst, aber das kann mich nicht täuschen. In seiner Stimme liegt ein drohender Unterton. Er wird in dieses Zimmer kommen, und meine Mutter kann ihn nicht davon abhalten.

»Jesse Ward, du nennst mich nicht ›Mum‹, schließlich bin ich nur neun Jahre älter als du!«, faucht sie. »Und jetzt geh! In einer halben Stunde siehst du sie wieder.«

»Ava!«, ruft er.

Ich schaue zu Kate hinüber, sie nickt, versteht sofort, was ich meine. Beide stürzen wir zur Tür, wo mein Kleid hängt. Kate nimmt es herunter, ich hebe die Schleppe an, dann bringen wir es schnell ins Badezimmer und hängen es dort an die Tür.

Kate lacht. »Ob deine Mutter es noch lernt, oder wird sie weiter versuchen, Jesse zu zähmen?«

»Ich weiß es nicht.« Ich streiche die Vorderseite des Kleides glatt, folge Kate nach draußen und schließe die Tür hinter mir. Mum bewacht immer noch die Zimmertür, hat den Fuß davorgestellt. Auch das wird meinen Berserker nicht aufhalten.

»Jesse, hör auf!« Sie drückt gegen die Tür. »Das bringt Unglück! Hast du keinen Respekt vor der Tradition, du sturer Bock?«

»Lass mich hinein, Elizabeth!« Er knirscht mit den Zähnen.

Ich sehe Kate an und schüttele den Kopf. Er wird meine Mutter niederwalzen, falls sie sich ihm in den Weg stellt, das hat er mir bereits versichert, und jetzt ist sie ihm auf jeden Fall in die Quere gekommen.

Kate nimmt das nächste Glas vom Tablett und schlendert zur Tür hinüber. »Elizabeth, lass ihn doch herein, du wirst ihn nicht aufhalten. Der Mann ist wie ein Nashorn.«

»Nein!« Mum stemmt die Fersen in den Boden. »Er ist nicht … oh! Jesse Ward!«

Verstohlen grinsend verfolge ich, wie meine entschlossene Mutter nach hinten geschoben, hochgehoben und zur Seite gestellt wird. Sie zupft ihr Kleid zurecht, rückt ihre Spange gerade und staucht meinen unzumutbaren Mann zusammen. Ich schaue zur Tür.

Und schlucke. Seine grünen Augen sind voller Begierde, sie studieren mich genau. Sein Gesicht ist ausdruckslos, auf seinem Kinn liegt ein Bartschatten. Mein gieriger Blick wandert an seinem halb nackten Oberkörper hinab. Jesse trägt lediglich eine weite Shorts. Seine muskulöse Brust ist feucht, sein Haar dunkel vor Schweiß. Er war wieder laufen.

»Also, wirklich!«, schnaubt meine Mutter. »Ava, sag ihm, dass er gehen soll!« Sie ist nicht einverstanden.

Unsere Blicke finden sich. »Schon gut, Mum. Gib uns nur fünf Minuten.«

Mit anerkennend blitzenden Augen wartet Jesse geduldig, bis meine Mutter einlenkt und geht. Für Mum wird es nicht viel bedeuten, doch diese kleine Geste von ihm ist ungewöhnlich respektvoll. Natürlich setzt er sich über die Wünsche meiner Mutter hinweg, aber es könnte schlimmer sein.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Kate zu meiner Mutter geht und ihren Arm nimmt. »Komm, Elizabeth! Ein paar Minuten können nicht wehtun.«

»Das ist gegen die Tradition!«, widerspricht sie, lässt sich aber von Kate aus dem Zimmer führen. Ich lächele. An meiner Beziehung zu Jesse ist gar nichts traditionell. »Was hat er da für einen blauen Fleck auf der Brust?«, höre ich meine Mutter im Gehen fragen.

Die Tür wird geschlossen, und wir sehen uns noch immer tief in die Augen, keiner von uns sagt etwas. Ich genieße seinen Anblick, jeden einzelnen Muskel, jeden perfekten Zentimeter purer Schönheit.

Schließlich spricht Jesse. »Ich möchte den Blick nicht von deinem Gesicht abwenden.«

»Nein?«

Er schüttelt schwach den Kopf. »Wenn ich das tue, sehe ich Spitze, oder?«

Ich nicke.

»Weiße Spitze?«

»Elfenbeinfarben.«

Seine Brust wird ein wenig breiter. Wenn er seinen Blick schweifen lässt, könnte das für meine Frisur, mein Make-up und die Unterwäsche gefährlich werden. Es könnte auch unseren eng gesteckten Zeitplan gefährden. Ich rechne jeden Moment damit, dass Tessa hier oben auftaucht, um nachzusehen, ob ich fertig bin. Sie wird mir einbläuen, wie viele Stufen es zum Sonnenzimmer sind und wie lange ich für die Strecke brauchen darf.

Jesse blinzelt mehrmals, und mir wird klar, dass er sich den Blick auf mich nicht verkneifen wird; Hauptsache, er behält sich unter Kontrolle, und ich reiße mich auch zusammen. Das ist schwierig. Schweißtropfen rinnen an seinen Schläfen hinab, über seinen Hals, auf seine kräftige Brust. Schimmernd bewältigen sie seine Bauchmuskeln und verschwinden dann im Bund der Laufshorts. Als seine Augen sich von meinen lösen und träge über meinen Körper streifen, trete ich von einem Bein aufs andere. Seine Brust hebt und senkt sich immer stärker. Es kribbelt an meinem ganzen Körper.

Ich bewege mich als Erste, durchquere langsam das Zimmer und bleibe kurz vor Jesse stehen. Hebe den Kopf seinen vollen Lippen entgegen. Sein Atem wird schneller.

»Du hast meine Mutter fertiggemacht.« Ich versuche, die Lust in meiner Stimme zu unterdrücken, versage aber elendig.

»Sie war mir im Weg«, sagt er leise.

»Das bringt Unglück. Du darfst mich vor der Trauung eigentlich nicht sehen.«

»Halt mich doch auf!« Er senkt den Kopf, seine Lippen streifen meine. Er fasst mich jedoch nicht an. »Du hast mir gefehlt.«

»Es waren nur zwölf Stunden.«

»Zu lange.« Jesse fährt mir mit der Zunge langsam über die Unterlippe und entlockt mir ein leises Stöhnen. Ich kämpfe gegen den natürlichen Instinkt, die Arme auf seine Schultern zu legen. »Du hast etwas getrunken.«

»Nur einen Schluck.« Er ist wie ein Bluthund. »Wir hören jetzt besser auf.«

»Du kannst nicht so aussehen und so was von mir verlangen, Ava.« Seine Lippen drücken sich fester auf meine, seine Zunge begehrt Einlass, ermutigt mich, ihn meinen Mund erkunden zu lassen. Seine Hitze vertreibt meine Nervosität; alles ist vergessen, als er mich in Besitz nimmt, allerdings ohne mich mit den Händen zu berühren. Unsere ringenden Zungen sind der einzige Kontakt zwischen uns, doch die Berührung verzehrt mich wie eh und je. Meine Sinne sind überwältigt, mein Körper lechzt nach ihm. Doch Jesse beschränkt sich auf die langsamen, geschmeidigen Bewegungen seiner Zunge, zieht sie zurück, um meine Lippen zu liebkosen, schiebt sie wieder in meinen Mund. Sein gemächliches Tempo lässt mich schnurren, unvermeidlich wird mir heiß zwischen den Beinen.

»Jesse, wir kommen zu spät zu unserer Hochzeit.« Ich muss der Sache einen Riegel vorschieben, bevor einer von uns den nächsten Schritt macht. Und das könnte ich sein.

»Sag mir nicht, dass ich aufhören soll, dich zu küssen, Ava.« Er beißt mir in die Unterlippe. »Sag mir niemals, dass ich aufhören soll, dich zu küssen.« Jesse sinkt auf die Knie, nimmt meine Hände und zieht mich mit sich nach unten. Ich streife die Schuhe ab und knie mich vor ihn. Eine Weile beobachtet Jesse seine Daumen, die Kreise auf meinen Händen beschreiben, dann hebt er die herrlich grünen Augen. »Bist du bereit?«

Ich runzele die Stirn. »Willst du wissen, ob ich dich immer noch heiraten will?«

Seine Lippen zucken. »Nein, du hast keine andere Wahl. Ich habe nur gefragt, ob du bereit bist.«

Ich unterdrücke mein Lachen über seine Unverfrorenheit. »Und was ist, wenn ich Nein sage?«

»Tust du nicht.«

»Warum fragst du dann?«

Sein Mund verzieht sich zu einem schüchternen Lächeln, er zuckt mit den Schultern. »Du bist nervös. Ich möchte nicht, dass du nervös bist.«

»Ich bin nervös wegen des Ortes, an dem wir heiraten.«

Sein Lächeln erlischt. »Ava, das ist alles unter Kontrolle. Ich habe gesagt, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, also hör auf damit. Ende, aus.«

»Ich fasse es immer noch nicht, dass du mich dazu überredet hast.« Ich lasse den Kopf hängen, denn ich habe Schuldgefühle, an seinem Wort gezweifelt zu haben. Ich weiß ganz genau, warum wir in The Manor heiraten. Keine Warteliste, keine anderen Termine, auf die man Rücksicht nehmen muss. Hier kann er mich ohne jede Wartezeit zum Altar führen.

»Hey.« Er hebt mein Kinn an, ich schaue in sein schmerzhaft schönes Gesicht. »Hör auf damit, Ava. Baby, ich möchte, dass du den Tag heute genießt, und nicht, dass du dir in die Hose machst wegen irgendwas, das sowieso nicht passiert. Sie werden es nie erfahren, das verspreche ich dir.«

Ich schüttele mein Unbehagen ab und lächele. Seine aufmunternden Worte heben meine Laune. Ich glaube ihm. »Na gut.«

Er richtet sich auf und geht zu einer mächtigen Kommode, aus deren Schublade er ein großes Badetuch holt, mit dem er zu mir zurückkehrt. Ich runzele die Stirn. Jesse kniet sich wieder hin, wischt sich übers Gesicht und rubbelt sich die feuchten Haare trocken, ehe er das Handtuch auf seine Brust legt.

Er breitet die Arme aus. »Komm her!«

Sofort setze ich mich auf seinen Schoß und lasse mich von seinen Armen umschließen. Meine Wange ruht auf dem Frotteestoff.

»Besser?«, fragt er und drückt mich noch fester an sich.

»Viel besser«, flüstere ich. »Ich liebe dich, mein Lord.«

Er schmunzelt, ich erkenne es an seinem zuckenden Oberkörper. »Ich dachte, ich wäre dein Gott.«

»Bist du auch.«

»Und du bist meine Verführerin. Du könntest auch die Lady von The Manor sein.«

Ich schrecke entgeistert zurück, er grinst mich an. »Ich bin nicht deine Lady vom Sexschloss!«

Lachend zieht er mich wieder an sich, streichelt liebevoll mein glänzendes Haar und atmet tief und zufrieden ein. »Was immer du willst, Mylady.«

»Einfach ›Lady‹ reicht schon.« Meine Hände wandern über seinen feuchten Rücken, der Schweiß stört mich nicht. »Ich liebe dich so sehr.«

»Ich weiß, Ava.«

»Ich muss mich fertig machen. Ich heirate heute nämlich, wissen Sie.«

»Ach, ja? Wer ist denn der Glückliche?«

Lächelnd löse ich mich von ihm. Ich muss ihn ansehen. »Ein unzumutbarer, neurotischer Kontrollfreak.« Ich lege die Hand auf Jesses stachelige Wange. »Er ist so schön«, flüstere ich und suche seinen Blick. »Wenn dieser Mann mich berührt und mich in einen Rausch fickt, bekomme ich keine Luft mehr.« Ich warte auf seine Rüge, doch er presst die Lippen aufeinander, deshalb beuge ich mich vor, küsse sein Kinn und arbeite mich hoch zu seinem Mund. »Ich kann es nicht erwarten, ihn zu heiraten.«

»Was würde dieser Mann sagen, wenn er dich dabei erwischt, wie du einen anderen küsst?«, fragt er an meinem Mund.

Ich grinse. »Oh, den würde er wahrscheinlich kastrieren und höchstens noch fragen, ob er begraben oder verbrannt werden will, so was in der Art.«

Jesse macht große Augen. »Das klingt besitzergreifend. Ich glaube, mit dem würde ich mich nicht anlegen.«

»Das kann ich dir auch nicht raten. Er macht dich fix und fertig.« Ich zucke mit den Achseln, Jesse lacht. Seine grünen Augen funkeln, leichte Fältchen spannen sich bis zu den Schläfen. »Glücklich?«, frage ich.

»Nein, ich mache mir in die Hose.« Er lässt sich nach hinten sinken, zieht mich mit sich. »Aber ich bin mutig. Küss mich!«

Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Ich übersäe sein Gesicht mit Küssen und brumme zufrieden vor mich hin, aber lange kann ich den Moment nicht genießen.

Die Tür geht auf. »Jesse Ward! Runter von meiner Tochter mit deinem verschwitzten Körper!« Mums entsetzter Ausruf zerstört unseren intimen Moment.

Ich muss lachen. Der Zorn meiner Mutter kann mich nicht davon abhalten, mir meine Dosis Jesse zu besorgen. Er lässt es sich gefallen.

»Ava! Gleich stinkst du nach Schweiß! Steh auf!« Wütend stapft sie auf uns zu. »Tessa, hilf mir mal bitte, ja?«

Plötzlich packen mich mehrere Hände und versuchen, mich von Jesse wegzuziehen. »Mum, hör auf!« Lachend umklammere ich meinen Verlobten noch fester.

»Dann steh bitte auf! In einer halben Stunde willst du heiraten, dein Haar ist durcheinander, und du hast eine alte Tradition missachtet, dich hier mit deinem Zukünftigen auf dem Boden zu wälzen.« Sie schimpft und schnaubt. »Tessa, sag du mal was!«

»Ja, komm, Ava.« Tessas raue Stimme dringt an mein Ohr. Sie ist ja ganz nett, aber die Frau kennt kein Pardon.

»Schon gut«, brumme ich und löse mich von Jesse.

»Jetzt sieh dich nur an!«, klagt Mum und versucht, meine wilde Mähne zu glätten. Ich habe Mühe, ein ernstes Gesicht zu machen, weil Jesse sich nicht in Bewegung setzt, sondern mit verschränkten Armen zusieht, wie meine Mutter an mir herumzupft und -zerrt. Ihr schokoladenbrauner Blick fällt auf meinen unzumutbaren Mann. »Raus!«

»Ja, ja.« In einer fließenden Bewegung erhebt er sich vom Boden, seine deutlich definierten Muskeln spannen sich an. Tessas bewundernder Blick entgeht mir nicht, doch sie reißt sich schnell zusammen, als sie bemerkt, dass ich sie mit hochgezogenen Brauen beobachte.

»Ich kümmere mich um den Bräutigam«, erklärt sie und weicht meinem Blick aus. »Komm, Jesse.«

»Moment!« Er schaut auf meine Brust. »Wo ist dein Diamant?«

»Scheiße!« Meine Hand tastet nach meinem Ausschnitt, mein Blick huscht über den Boden. »Scheiße, Scheiße, Scheiße! Mum!«

»Ava!«, rügt mich Jesse. »Achtest du bitte auf deine Sprache!«

»Keine Panik!« Meine Mutter geht auf die Knie und sieht unter dem Bett nach, während ich den weichen Teppich zentimeterweise absuche.

»Hier ist er!« Tessa hebt die Kette auf. Jesse entreißt sie ihr und kommt damit zu mir.

»Dreh dich um!«, befiehlt er, ich gehorche. Das Herz hämmert in meiner Brust. Dieser verfluchte Diamant wird noch mein Ende sein. »So.« Jesse senkt die Lippen auf meine Schulter, sein Becken drückt gegen meinen Po.

»Das wird dich lehren, dich auf dem Boden zu wälzen«, schimpft Mum. »Und jetzt raus!« Sie zerrt an Jesses Arm, er lässt es sich gefallen.

Ich wende mich ab, winke ihm noch einmal zu und mache einen Knicks, was ein genervtes Schnauben meiner Mutter und ein freches Grinsen von Jesse zur Folge hat. Dann lässt er sich von Tessa aus der Suite begleiten.

»Gut. Jetzt das Kleid, Ava O’Shea. Wo ist es?«

Ich weise auf das Badezimmer und setze mich ans Fußende des Bettes. »Im Bad. Und so wirst du mich bald nicht mehr nennen können«, sage ich von oben herab.

Mum stapft durchs Zimmer. »Für mich wirst du immer Ava O’Shea bleiben«, grummelt sie. »Los, dein Vater ist in einer Minute hier, um dich nach unten zu geleiten.«

Ich stehe auf und zupfe meine Unterwäsche zurecht. »Geht es ihm gut?«

»Deinem Vater? Er ist nervös, aber das ist mit ein paar Whiskys gut zu kurieren. Er steht nicht gerne im Mittelpunkt.«

Das ist richtig. Er wird es nicht erwarten können, mich an Jesse abzugeben, damit er aus dem Rampenlicht verschwinden und wieder in der Masse untergehen kann.

Mein Kleid wird vom Bügel genommen und mir hingehalten. Ich lege meiner Mutter eine Hand auf die Schulter und steige hinein. Sie zieht es an mir hoch, ich schiebe die Arme durch die zarten Träger. Dann dreht sie mich um und schließt das Dutzend winziger Perlenknöpfe auf meinem Rücken. Sie schweigt, rührt sich nicht mehr. Ich weiß, was ich sehe, wenn ich mich zu ihr umwende, aber ich weiß nicht, ob ich damit umgehen kann. Dann nehme ich ein leises Schniefen wahr.

»Mum, hör bitte auf!«

Ihre Hände machen sofort weiter. »Was denn?«

Ich drehe mich um, und mein Verdacht wird bestätigt. Ihre Augen sind feucht, sie unterdrückt ein Schluchzen. »Mum!«, mahne ich.

»Ach, Ava!« Sie läuft ins Badezimmer und reißt hektisch Toilettenpapier von der Rolle. In der Tür tupft sie sich die Augen trocken. »Tut mir leid. Ich habe mich die ganze Zeit so gut gehalten.«

»Das stimmt«, bestätige ich. »Hey, kannst du mir mal helfen?« Ich muss sie dringend ablenken.

»Ja, klar, was ist denn?«

»Die Schuhe.« Ich weise auf die Pumps, die ich ausgezogen hatte. Sie stellt sie vor mich hin.

»Danke.« Ich hebe das lange Kleid an und schlüpfe wieder in die Louboutins. »Wie sehe ich aus?«

Sie lacht. »Du meinst, nachdem du dein Gesicht gerade an Jesses gerieben hast?«

»Ja.« Ich gehe ins Bad, um den Schaden zu begutachten.

»Wahrscheinlich könntest du noch ein bisschen Puder gebrauchen.«

Sie hat recht, das könnte ich. Meine Wangen sind leicht gerötet. Ich streiche mit dem Pinsel darüber, lege Lippenstift im Nude-Ton nach und tusche die Wimpern schnell noch einmal. Meine Haare sind nach dem Geknutsche auf dem Boden nicht mehr ganz so seidig und glatt, aber der Kamm steckt noch an der richtigen Stelle. Es geht mir besser. Dank ihm. Seine Nähe vertreibt jede Nervosität. Jetzt kann ich es nicht mehr erwarten, meinen in Spitze gehüllten Hintern nach unten zu bewegen.

Den Saum leicht angehoben, verlasse ich das Badezimmer, werfe das Haar über die Schulter nach hinten und atme tief durch. »Ich bin so weit«, erkläre ich und bleibe abrupt stehen, denn meine Mutter ist nicht mehr allein.

»O Joseph, schau sie dir an!«, ruft sie, wirft sich an die Schulter meines Vaters und schluchzt in seinen anthrazitfarbenen Anzug. Kate streichelt ihr den Rücken, verdreht leicht die Augen, mein Vater legt ihr zärtlich den Arm um die Taille. Das ist selten. Normalerweise geht er nicht auf Tuchfühlung.

Ich lächele ihn an, er grinst zurück. »Du nicht auch noch!«, warne ich ihn.

»Ich sage doch gar nichts.« Er lacht. »Nur, dass du wunderschön aussiehst. Wirklich wunderschön, Ava.«

»Meinst du?«, frage ich. Seine öffentlich geäußerte Zuneigung überrascht mich.

»Ja, wirklich.« Er nickt mit Nachdruck. »Und, bist du fertig?« Er schiebt meine Mutter vorsichtig von sich, glättet seinen Anzug und tut so, als hätte er gerade nicht liebevolle Worte zu seiner Tochter gesagt.

»Ja, mehr als fertig. Bring mich zu Jesse!«, fordere ich. Das hat den gewünschten Effekt; alle lachen über meinen Befehl. Schon viel besser. Mit diesen Gefühlsausbrüchen komme ich nicht klar. Die erlebe ich schon zur Genüge bei Jesse.

Tessa stürzt herein. »Los, kommt! Worauf wartet ihr noch?«, fragt sie die Menschen um mich herum. »Elizabeth, Kate, nach unten bitte.« Sie geleitet sie in den Gang. »Ava, in drei Minuten treffen wir uns im Sonnenzimmer.«

Sie eilt davon, lässt mich allein mit meinem Vater zurück. »Weißt du, Dad, jetzt muss ich mich bei dir unterhaken«, necke ich ihn.

Er verzieht das Gesicht. »Wie lange?«

»Tja, so lange du brauchst, um mich nach unten zu bringen.« Ich nehme meine Calla in die Hand – nur eine einzige Blüte.

»Dann setzen wir mal unsere Hintern in Bewegung!« Er winkelt den Arm an, ich schiebe meinen hindurch. »Fertig?«

Ich nicke und lasse mich von meinem Vater hinunter ins Sonnenzimmer führen, wo mein Lord vom Sexschloss auf mich wartet.

2

Kate und Tessa stehen vor der Tür zum Sonnenzimmer. Meine Hochzeitsplanerin wirkt zufrieden, Kate beschwipst. Sie bückt sich, um das Kleid ordentlich auszubreiten. »Dass du keinen Schleier trägst …«

»Er will mein Gesicht sehen«, sage ich leise und kneife die Augen zu. Plötzlich überwältigt mich das Ausmaß dessen, was ich gleich tun werde. Meine Brust dehnt sich, ich beginne zu zittern. Ich kenne diesen Mann erst seit zwei Monaten. Wie konnte es nur dazu kommen?

Die Türen zum Sonnenzimmer gehen auf, Musik dringt mir in die Ohren. Erst jetzt, da ich At Last von Etta James höre, wird mir klar, dass ich nicht einmal die Musik für meine Hochzeit ausgesucht habe. Ich habe überhaupt nichts gemacht. Ich habe keine Ahnung, wann was passiert, und bin ein klein wenig überwältigt. Mein Blick huscht über den Boden, und auf einmal bin ich den Tränen nahe.

Mein Vater stößt mich mit dem Ellenbogen an, ich schaue zu ihm hoch, in seine sanften, aufmunternd blickenden Augen. Schwach lächelnd weist er mit dem Kopf zur Seite, und ich folge seiner Aufforderung, presse die Lippen aufeinander und wende mich langsam um. Verdammt, ich habe mich bis jetzt so gut gehalten. Ich weiß, dass mich alle ansehen, doch der Mann mit den grünen Augen am Ende des Ganges fesselt meine gesamte Aufmerksamkeit. Locker verschränkt ruhen seine Hände auf dem grauen dreiteiligen Anzug, er hat sich vollständig zu mir umgedreht. Sein Mund öffnet sich, er schüttelt leicht den Kopf, ohne den Blick von mir abzuwenden. Dad gibt mir noch einen Schubs, und ich atme endlich aus und zwinge meine Füße, sich zu bewegen und mich nach vorn zu tragen, schaffe aber nur zwei Schritte, bevor Jesse auf mich zukommt. Meine Mutter stöhnt entsetzt auf, zweifellos empört über Jesses mangelnden Respekt vor der Tradition, und ich bleibe stehen, mit mir mein Vater, um auf Jesse zu warten. Er macht eine völlig ungerührte Miene, und als er mich erreicht, setzt er mein Gesicht mit seinem brennenden Blick in Flammen. Seine Augen wandern über jeden Zentimeter meiner Haut, verweilen auf meinen Lippen. Langsam hebt er den Arm. Legt die Hand auf meine Wange und streicht mit dem Daumen über meine Haut. Ich schmiege mich an seine Handfläche; ich kann nicht anders. Seine Berührung vertreibt jede Unsicherheit, beruhigt mein rasendes Herz, und ich entspanne mich.

Er beugt sich vor und flüstert mir ins Ohr: »Gib mir deine Hand.«

Ich gehorche, er tritt einen Schritt zurück, nimmt vorsichtig meine Hand und drückt einen Kuss darauf. Dann lässt er eine Handschelle um das Gelenk zuschnappen.

Ich erschrecke, mein Blick schießt zu ihm hoch. Ein angedeutetes Lächeln zuckt in seinen Mundwinkeln. Aber er sieht mich nicht an. Er hält die Augen gesenkt und macht kurzen Prozess mit den Handschellen. Was soll das? Ich schiele zu meinem Vater hinüber, doch der schüttelt nur den Kopf, dann suche ich meine Mutter unter den Gästen. Sie hat die Hände vors Gesicht geschlagen, offenbar verzweifelt. Mein Vater entlässt mich aus seinem Griff, geht in die erste Reihe zu meiner Mutter. Schockiert faucht sie ihn an, als er sich neben sie stellt. Mein Blick schweift über die versammelten Gäste. All jene, die Jesse kennen, lächeln wissend, während die anderen große Augen machen und staunen. Kate und Sam kichern, Johns Goldzahn blitzt auf, dann sehe ich meinen Bruder. Er ist nicht amüsiert.

Ich komme wieder zu mir und schaue Jesse an. »Was soll das?«, flüstere ich.

Er beugt sich vor und küsst mich zärtlich auf die Lippen, dann flüstert er mir ins Ohr: »Du siehst so fickbereit aus.«

Entsetzt halte ich die Luft an, werde knallrot. »Jesse, die Leute warten.«

»Dann warten sie eben.« Sein Mund wandert wieder zu meinem. »Dieses Kleid gefällt mir wirklich sehr, sehr gut.«

Natürlich; schließlich ist es reine Spitze. Ich schaue hinüber zu meiner Mutter, sie wirft dem Standesbeamten einen entschuldigenden Blick zu. Ein kleines Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln. Ich fahre mit den Fingern durch Jesses dunkelblonde Haare und ziehe ihn an mich. »Mr Ward, Sie lassen mich warten.«

Er grinst an meinem Ohr. »Bist du bereit, mich zu lieben, zu ehren und mir zu gehorchen?«

»Ja. Heirate mich jetzt.«

Er beugt sich zurück und schenkt mir sein einmaliges Lächeln, das nur mir gehört. »Lass uns heiraten, meine Schöne.« Er greift nach meiner Hand, die mit seiner durch Handschellen verbunden ist, und führt mich zum Altar.

»Hier!« Jesse reicht mir ein halb volles Champagnerglas. »Bleiben Sie locker, Mrs Ward.«

Ich ergreife das Glas mit der freien Hand, bevor er sein Angebot zurücknehmen kann. In letzter Zeit ist er noch irrationaler, wenn ich etwas trinke. »Nimmst du die Handschellen jetzt ab?«

»Nein«, antwortet er. »Du wirst den ganzen Tag an meiner Seite bleiben.« Er gibt Mario ein Zeichen, ihm eine Flasche Wasser zu bringen, und mir wird wieder klar, dass ich mit Jesse niemals ein Glas Alkohol genießen werde, nicht einmal bei unserer Hochzeit.

Ich sehe mich in der Bar um. Alle Gäste plaudern, essen Kanapees und trinken Champagner. Die Stimmung ist entspannt und locker, genau wie ich. Nachdem Jesse alle Traditionen gebrochen hatte, gaben wir unser Ehegelöbnis ab, dann stürzte er sich auf meinen Mund – noch bevor der Standesbeamte ihn dazu aufforderte. Er hob mich hoch und verließ das Sonnenzimmer. Meine arme Mutter lief ihm nach und verlangte, dass er auf die Musik wartete. Keine Chance. Ich wurde auf meinen Hocker an der Bar gesetzt und mit Küssen übersät, während die Gäste an uns vorbeidefilierten.

Dan fängt quer durch den Raum meinen Blick auf. Er ist die ganze Zeit sehr ruhig, seine Aufmerksamkeit ist allein auf Kate gerichtet und damit auch auf Sam.

»Was denkst du gerade?«

Ich konzentriere mich wieder auf Jesse und lächele. »Nichts.«

Er legt mir die Hand in den Nacken und massiert mich. »Bist du glücklich?«

»Ja«, antworte ich. Ich bin überglücklich. Das weiß er auch.

»Gut, dann ist meine Arbeit hier getan. Küss mich, Mrs Ward!« Er beugt sich vor, bietet mir seine Lippen dar.

Ich ziehe ihn an mich und gebe ihm, was er will.

»Es reicht!« Mums schrille Stimme durchbohrt mein Trommelfell. »Nimm meiner Tochter jetzt endlich diese Handschellen ab!« Sie nestelt an meinem Handgelenk herum. »Jesse Ward, selbst ein Heiliger könnte nicht genug Geduld für dich aufbringen! Wo ist der Schlüssel?«

Er sieht meine Mutter mit schmalen Augen an. »An einem Ort, den du niemals erkunden möchtest, Elizabeth.«

Sie keucht und sieht mich verärgert an. »Dein Mann ist eine Zumutung.«

»Ich liebe ihn«, erkläre ich, und sie ringt ihren kirschroten Lippen ein verständnisvolles Lächeln ab. Eigentlich möchte sie ihm grollen, aber ich weiß, dass sie Jesse in ihr Herz geschlossen hat. Sie ist begeistert davon, wie sehr er mich liebt, und wenn er sie auch noch so auf die Palme bringt, bezirzt er sie ebenso sehr wie alle anderen Frauen auch. Nur weil sie zufällig meine Mutter ist, ist sie noch lange nicht immun gegen seine Ausstrahlung.

»Das weiß ich, mein Liebes.« Sie dreht sich zur Theke um und bestellt noch einen Meistermix bei Mario.

»So!« Tessa stürzt auf uns zu und nimmt mir das Glas aus der Hand. »Der Fotograf ist fertig. Ich dachte, wir machen zuerst die Familienbilder, dann welche vom Brautpaar allein. Dafür müsst ihr die Handschellen aber abnehmen.«

Sie stellt mein Glas auf den Tresen und will nach Jesses Wasserflasche greifen, doch er weicht ihr aus, sodass sie ins Leere fasst. »Wir kommen nicht mit auf die Fotos, das habe ich schon gesagt.«

»Nicht?«, stoße ich entsetzt aus. Diese Tradition will er auch zerstören?

»Ihr müsst doch auf den Fotos sein«, beharrt Tessa. »Was habt ihr sonst für Erinnerungen?« Sie ist schockiert.

»Ich brauche keine Bilder, um mich zu erinnern.«

Ich sehe ihn perplex an. »Wir kommen nicht mit aufs Familienbild?« O Gott, noch ein Grund mehr für meine Mutter zu verzweifeln.

»Nein«, verkündet Jesse.

»Du kannst ihrer Mutter doch nicht ein Foto mit der Tochter verwehren«, bettelt Tessa.

Er antwortet nicht, sondern zuckt nur mit den Achseln, völlig ungerührt.

Ich verdrehe die Augen. »Das machst du mit Absicht«, knurre ich. »Wir machen jetzt die Fotos.«

»Nein.«

Mit halb zusammengekniffenen Augen funkele ich meinen umwerfenden Mann entschlossen an. Das wird er mir nicht nehmen. »Wir machen jetzt Fotos! Das ist auch meine Hochzeit, Ward.«

Ihm fällt die Kinnlade hinunter, die Flasche schwebt vor seinem Gesicht. »Aber ich will ein bisschen Zeit für uns. Nur du und ich.«

»Erst machen wir die Fotos«, sage ich mit Bestimmtheit. Ich weiß, dass er schmollen will, aber diesmal werde ich ihm seinen Willen nicht lassen.

Jesse macht ein böses Gesicht, streitet allerdings nicht mit mir. Stattdessen gibt er Tessa ein Zeichen, unsere Gäste zu versammeln und mit ihnen in den Park von The Manor zu gehen. Sofort übernimmt er die Rolle des Organisators, ruft den anderen zu, sie sollen ihm folgen.

»Dann komm«, brummt er, hebt mich vom Hocker und stellt mich auf die Füße. Ich jubele innerlich. Er lernt langsam dazu, oder vielleicht bin es auch ich, die lernt – mit ihm umzugehen. Keine Ahnung, aber wir machen enorme Fortschritte. Er weiß, wann er nachgeben muss, ich ebenfalls.

Jesse führt mich nach draußen in den Sonnenschein, wo Tessa die Gäste in verschiedenen Gruppen anordnet, nur damit meine Mutter sie anschließend auf andere Plätze verschiebt. Ich sehe, dass Kate von Sam mit Blicken geradezu verschlungen wird. Sofort schaue ich hinüber zu Dan, und er reagiert wie erwartet. Ein gehässiger Blick. Macht sie das mit Absicht?

Ich schaue Jesse an. »Tu bitte einfach, was man dir sagt.« Je mehr er sich aufspielt, desto länger wird es dauern und desto mehr regt sich meine Mutter auf.

»Nur wenn du mir versprichst, dass wir danach zu zweit sind.«

»Verspreche ich dir«, sage ich lachend.

»Gut. Ich teile dich nämlich nicht gerne«, murrt er, und ich grinse. Das weiß ich sehr gut.

In der nächsten Stunde arbeitet Jesse vorbildlich mit. Er stellt sich um, wenn aufgefordert, lächelt, wenn es verlangt wird, und löst sogar klaglos die Handschelle, als ich für einige Fotos allein abgelichtet werden soll. Nach dem letzten Klick hebt er mich hoch und trägt mich zurück ins Haus.

Es dauert nicht lange, da sind wir allein in einer der Suiten – eben jene, in der er mich in die Enge getrieben und zu verführen versucht hatte, die Suite, in der ich mich für die Trauung vorbereitete. Leise fällt die Tür hinter uns ins Schloss. Ich werde zu dem großen Satinbett geführt. Jesse hebt mich hoch, kniet sich mit mir aufs Bett und legt mich neben sich.

Zwei lüsterne grüne Augen starren mich an. »Zeit für uns«, flüstert er und küsst mich zärtlich auf die Lippen. Dann vergräbt er das Gesicht an meinem Hals.

»Möchtest du kuscheln?«, frage ich, leicht überrascht.

»Ja.« Er schmiegt sich enger an mich. »Ich möchte mit meiner Frau kuscheln. Willst du mir das verwehren?«

»Nein.«

»Gut. Das ist der beste Start in unsere Ehe.«

Also lasse ich ihn kuscheln. Ich genieße sein Gewicht, seinen Geruch und das an meiner Brust schlagende Herz. Mir gefällt die Stille, doch als ich an die Decke schaue, wandern meine Gedanken automatisch zu dem Thema, das mich schon seit Wochen beschäftigt – Gedanken, die ich mit aller Gewalt zu vertreiben versuche. Unmöglich. Der perfekte Moment, unsere Liebe zueinander, wird überschattet von den vor uns liegenden Herausforderungen.

Ich habe immer noch nichts von Mikael gehört, weshalb ich annehme, dass er noch in Dänemark ist. Dieses Problem bleibt mir fürs Erste erspart. Von Coral war auch nichts zu sehen, und Sarah wurde hochkant rausgeworfen, nachdem sie alles zugegeben hatte. Von Matt habe ich nichts gehört, die Botschaft scheint definitiv bei ihm angekommen zu sein, dennoch interessiert es mich sehr, wer ihm von Jesses Alkoholproblem erzählt hat. Im Übrigen warte ich seit Montag auf meine Periode. Noch nie habe ich etwas derart herbeigesehnt.

Jesse wäre begeistert, mich immer an seiner Seite zu haben, das hat er deutlich zum Ausdruck gebracht. Vielleicht meint er, mit einem Kind wäre das sichergestellt. Seiner Meinung nach ist das der perfekte Grund, um meinen Job zu kündigen. Aber ich liebe meine Arbeit. Ich verbringe den Tag gerne mit Entwürfen und Kundengesprächen. Um dieses Thema werde ich mich mit ihm streiten … falls ich nicht schwanger bin. Falls doch, weiß ich nicht, wie es weitergeht. Seit zwei Wochen zwinge ich Jesse, Kondome zu benutzen. Er hat seinen Widerwillen deutlich gemacht, aber wenn ich nicht schwanger sein sollte, dann will ich, dass es auch so bleibt.

»Tust du mir einen Gefallen?«, frage ich leise.

»Jeden.« Ich wende mich Jesse zu, damit er mich ansieht. Er hebt den Kopf, sein Haar ist zerzaust. Seine grünen Augen sehen mich an. »Was willst du, Baby?«

»Könntest du bitte nicht mit Patrick über Mikael sprechen?« Ich wappne mich für seinen Hohn. Es ist mir gelungen, Jesse von meinem Chef fernzuhalten, aber da Patrick und Irene später zum Empfang kommen werden, bin ich mir nicht sicher, ob Jesse sich zusammenreißen kann.

»Ich habe mich bereit erklärt, Patrick keinen Besuch abzustatten, sofern du mit ihm sprichst. Und das hast du noch nicht getan, glaube ich.« Erwartungsvoll hebt er die Augenbrauen.

Nein, habe ich nicht, denn ich habe keine Ahnung, wie ich das anfangen soll. Patrick war schon entsetzt genug, als er erfuhr, dass ich einen meiner Kunden heirate. Ich kann ihn nicht auch noch mit der Mitteilung schockieren, dass ich den wichtigsten Kunden von Rococo Union aufgebe, den Kunden, der die Garantie für Patricks Ruhestand ist.

»Gib mir Zeit bis Montag«, flehe ich. »Am Montag spreche ich mit ihm.«

»Montag«, bestätigt Jesse, die Augen leicht zusammengekniffen. »Ich meine es ernst, Ava. Du hast Zeit bis Montag, sonst übernehme ich das.«

»Gut.«

Er brummt leise und vergräbt sich wieder an meinem Hals.

»Wann darf ich dich mitnehmen?«

»Ich habe dich gewarnt, dass es erst mal keine Flitterwochen gibt. Damit warst du einverstanden, schon vergessen?«

Er hebt den Kopf und sieht mich mürrisch an. »Wann habe ich meine Frau denn endlich für mich allein? Wann werde ich sie lieben können?«

»Du liebst mich immer. Selbst wenn ich arbeite, bin ich bei dir. Du schreibst mir zahllose SMS und rufst mich so oft an, dass ich praktisch den ganzen Tag mit dir in Verbindung stehe.« Dieses Thema muss ich auch noch mal ansprechen. Jesse ist da erbarmungslos.

»Ich möchte, dass du aufhörst zu arbeiten.« Er zieht eine Schnute, und ich schüttele den Kopf, so wie jedes Mal, wenn er diesen Vorschlag macht. Noch fordert er es nicht, aber das wird kommen, spätestens wenn Mikael wieder im Büro auftaucht. »Genieße doch einfach deine Freizeit«, drängt er.

»Wie soll ich meine Freizeit genießen, wenn ich ständig an dir klebe?«

Er drückt die Hüften gegen meinen Unterleib, ich halte die Luft an. »Na gut. Dann sei eben meine Gespielin.« Er grinst mich an, der verschlagene Hund, und ich erahne in weiter Ferne einen Besinnungsfick. Liebend gerne würde ich hart von ihm genommen werden. Wäre eine schöne Abwechslung nach den letzten Wochen mit dem zärtlichen Jesse.

»Ward, jetzt nimmst du mich nicht. Wir sollten nach unten gehen, bevor meine Mutter uns suchen kommt.«

Jesse verdreht die Augen und seufzt. »Deine Mutter ist eine verdammte Nervensäge.«

»Dann ärgere sie nicht auch noch.« Ich lache.

Er rollt sich von mir herunter und zieht mich an die Bettkante. »Sie muss akzeptieren, wer die Macht hat«, sagt er schlicht und holt wieder die Handschellen hervor.

Ich muss kichern. »Du berührst mich gerade. Natürlich hast du die Macht.« Ich versuche, ihm meine Hand zu entziehen, aber das klirrende Metall verrät, dass es ihm bereits gelungen ist, mich zu fesseln. Ich schaue zu ihm auf. Er hat wieder das freche Grinsen drauf.

»Tut mir sehr leid.« Er schüttelt das Handgelenk, die Schellen rasseln. »Wer hat die Macht?«

Ich funkele ihn düster an. »Heute kannst du die Macht haben.« Ich werfe die Haare nach hinten und rücke den Diamant an der Halskette zurecht.

»Du bist heute sehr vernünftig«, sagt Jesse leise und gibt mir einen leidenschaftlichen Kuss. Ich greife nach seinen Schultern, genieße seine aufmerksame Zunge und die Wärme seiner großen Hand in meinem Kreuz. »Hmm … Sie schmecken lecker, Mrs Ward. Fertig?«

Ich schüttele mich. »Ja.« Mir ist ganz heiß, ich bin atemlos.

Jesse wird still, seine Augen gleiten an meinem Körper hinab, langsam hebt er die Hand und legt sie vorsichtig auf meinen Bauch. Ich zucke zusammen, er erstarrt. Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Jesse sieht nicht auf, sondern wartet eine Weile, dann spreizt er die Finger und malt große Kreise auf meinen Bauch. Mir wäre es am liebsten, er ließe das sein. Wir haben noch nicht darüber gesprochen, können dem Thema allerdings nicht mehr lange ausweichen. Er muss meine mangelnde Begeisterung spüren. Das ist die größte Belastung für mich. Ich will kein Kind.

Ich trete einen Schritt nach hinten, er lässt die Hand sinken. »Dann komm!« Ich kann ihn nicht ansehen. Ich will zur Tür, muss aber stehen bleiben, da Jesse mir nicht folgt. Das Metall schneidet mir ins Fleisch. Ich ziehe den Kopf ein.

»Wann sprechen wir darüber, Ava?«, fragt er.

»Über was?« Ich kann das nicht, nicht jetzt – nicht an unserem Hochzeitstag. Seit Wochen schleichen wir um das Thema herum, und ausnahmsweise bin ich es, die das Gespräch vermeidet. Ich verdränge es komplett, doch jeden Tag trifft es mich stärker. Ich könnte schwanger sein.

»Du weißt, was ich meine.«

Ich halte den Blick gesenkt, weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Die Zeit scheint stillzustehen, die Befangenheit zwischen uns wird immer größer. Jesse holt Luft, um etwas zu sagen, da ich beharrlich schweige. In dem Moment wird die Tür aufgerissen, und Mum stürmt herein. Ich war noch nie so froh, sie zu sehen.

»Darf ich fragen«, sagt sie streng, »warum ihr nicht einfach durchgebrannt seid und irgendwo anders geheiratet habt? Ich habe die Nase absolut voll davon, euch hinterherzulaufen und zurückzuholen.«

»Wir kommen.« Ich zerre an den Handschellen, doch Jesse rührt sich nicht.

»Sofort, Elizabeth«, erklärt er meiner Mutter.

»Nein, wir gehen jetzt mit«, beharre ich und bitte ihn innerlich, das Thema erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Flehend sehe ich ihn an, er schüttelt seufzend den Kopf. »Bitte!«, sage ich leise.

Frustriert rauft Jesse sich die Haare, beißt die Zähne aufeinander. Er ist nicht glücklich, gibt aber nach und lässt sich von mir aus dem Zimmer ziehen. Dass er ausgerechnet heute mit mir über dieses Thema sprechen will! An meinem Hochzeitstag!

3

Das Sonnenzimmer sieht umwerfend aus. Unzählige Callas, gebunden mit grünen Blättern, schmücken jede freie Fläche. Die Stühle tragen Hussen aus weißem Organza, dazu eine große grüne Schleife am Rücken. Die Tische werden von langen Glasvasen mit großen Callas beherrscht.

Dezente Eleganz.

Ich picke mich durch ein dreigängiges Menü ohne Wein und unterhalte mich mit jedem, der mich anspricht. Ich tue mein Bestes, um Jesses Blick auszuweichen. John als Jesses Trauzeuge hat eine kurze Rede gehalten, in der er ihre gemeinsame Vergangenheit ausließ, auch Onkel Carmichael und die Anfänge von The Manor verschwieg er. John ist nicht besonders witzig, auch wenn er Jesses Umgang mit mir ziemlich amüsant zu finden scheint.

Dann ist mein Vater an der Reihe. Ich bin den Tränen nahe, als ich sehe, wie er sich durch seine Aufzeichnungen kämpft, Geschichten aus meiner Kindheit zum Besten gibt und alle vor meiner Streitlust warnt.

Mit erhobenem Glas wendet er sich uns zu. »Viel Glück, Jesse«, sagt er ernst, und alle Gäste brechen in lautes Gelächter aus. Jesse grinst breit, hebt ebenfalls das Glas und steht auf. Einen Arm hält er nah am Körper, damit er mich nicht mit sich hochreißt. Mein Vater bekommt großen Applaus. Er setzt sich schnell wieder und kippt einen Whisky hinunter. Meine Mutter tätschelt ihm lächelnd die Schulter.

Jesse stellt sein Wasserglas ab, dreht sich zu mir um, fällt auf die Knie und nimmt meine Hände in seine. Ich drücke den Rücken durch, mein Blick fliegt durch den Raum. Aller Augen sind auf uns gerichtet. Warum kann er sich nicht benehmen wie jeder andere auch?

Seine Daumen beschreiben kleine Kreise auf meinem Handrücken, er spielt mit meinen Ringen, dreht sie am Finger und richtet sie gerade aus. Er hebt die grünen Augen, und der Ausdruck des puren Glücks in ihnen macht mich fertig.

»Ava«, sagt er leise, obwohl mit Sicherheit der gesamte Raum zuhört, »meine Schöne.« Er lächelt schwach. »Meine allein.« Er gibt mir einen zärtlichen Kuss. »Ich muss nicht aufstehen und allen hier erklären, wie sehr ich dich liebe. Was die Leute wünschen, interessiert mich nicht. Nur du interessierst mich.«

Ich bekomme einen Kloß im Hals, dabei hat er gerade erst angefangen.

Jesse seufzt. »Du hast mich wirklich umgehauen, Baby. Du hast mich verschlungen und mich mit deiner Schönheit und deinem Esprit überwältigt. Du weißt, dass ich ohne dich nicht leben kann. Du hast mein Leben so schön gemacht, wie du bist. Durch dich wünsche ich mir, in Würde zu leben – zusammen mit dir. Ich brauche nur dich – muss dich nur ansehen, dich hören, dich fühlen.« Er lässt meine Hände los und legt seine auf meine Oberschenkel. »Dich lieben.«

Ich bin am Ende. Meine Mutter ist am Ende. Der gesamte Saal ist fertig. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um nicht laut aufzuschluchzen, ersticke fast an dem Kloß im Hals. Mit Tränen in den Augen sehe ich in Jesses schönes Gesicht.

»Du musst mir erlauben, all das zu tun, Ava. Du musst mir erlauben, für immer auf dich aufzupassen.«

Als ich meine Mutter schluchzen höre, kann ich mich nicht mehr zusammenreißen. Vorbei. Sonst hat Jesse mich immer mit seinen Berührungen wehrlos gemacht. Jetzt gelingt ihm das auch mit Worten. Mir steht ein Leben voll umwerfender Freude, herzerweichender Zärtlichkeit und bahnbrechender Gefühle bevor. Auf Schritt und Tritt wird er mich außer Gefecht setzen.

»Ich weiß«, flüstere ich.

Jesse nickt und atmet tief durch, dann steht er auf und zieht mich an sich. Ich schmiege das Gesicht an seinen Hals und sauge seinen Geruch ein, seinen frischen Minzduft, seufze zufrieden und schließe die Augen.

Die Gästeschar schweigt nicht länger. Als ich mich aus Jesses Umarmung löse, sind alle aufgestanden und klatschen anerkennend. Ich müsste mich eigentlich schämen, aber das tue ich nicht. Er hat gerade mit mir gesprochen, als wären wir zu zweit, hat bewiesen, dass es ihm wirklich egal ist, wo er ist und wer dabei ist – wo immer und wann immer, wie es schon immer war und immer sein wird.

Meine Mutter kommt zu uns und umarmt meinen Mann. »Jesse Ward, ich liebe dich«, flüstert sie ihm ins Ohr, während er sie mit einem Arm festhält, »aber nimm meiner Tochter bitte diese Handschellen ab.«

»Nichts da, Elizabeth.«

Sie schlägt ihm auf die Schulter. Dann stürzt sich Kate auf ihn. »O mein Gott! Ich möchte dir am liebsten die Füße küssen!«

Ich verdrehe die Augen. Immer wieder wird mein Arm herumgerissen, wenn meinem neurotischen Ex-Playboy zu seiner kleinen Rede gratuliert wird. Heute ist unser Hochzeitstag, aber ich will nicht hier sein. All diese Menschen, auch Kate und meine Mutter, stehen mir im Weg. Ich will ihn ganz für mich allein.

Nachdem ich tausend Küsse auf die Wangen bekommen habe und Jesse jedem die Hand gegeben hat, führt er mich aus dem Sonnenzimmer.

»Ava?«

Ich drehe mich um, mein Bruder ist uns gefolgt. Fast wäre es mir lieber, er wäre nicht hier. Es geht ihm nicht gut, und es tut unglaublich weh, das zu sehen. Ich schaue auf mein Handgelenk und frage mich, wie ich Jesse überzeugen kann, mich freizulassen. Für meine Mutter hat er es nicht getan, und ich bin nicht sehr zuversichtlich, dass er es für meinen Bruder tut. Sie misstrauen einander. Das ist nicht zu übersehen.

Ich schaue Jesse an, er beobachtet mich. Er weiß, was ich denke, und ich weiß, dass er nicht glücklich darüber ist, dennoch greift er in die Tasche und holt den kleinen Schlüssel heraus.

Ohne ein Wort zu sagen, schließt er die Handschellen auf, sodass sie an seinem Handgelenk baumeln. »Lauf«, sagt er leise und wirft Dan einen drohenden Blick zu.

Dan strengt sich an und funkelt ebenso warnend zurück. Das kann ich nicht gebrauchen, nicht bei zwei der wichtigsten Männer in meinem Leben.

Ich recke mich auf die Zehenspitzen, um Jesse einen Kuss auf die Wange zu geben. Seine Hand gleitet über meine Hüfte und streicht über den Po, bevor er den Blick von Dan losreißt und den Kuss erwidert. »Nicht so lange«, sagt er und stolziert davon.

»Komm!« Ich strecke Dan die Hand hin, er ergreift sie und lässt sich von mir nach draußen in den Park führen.

Eine Weile wandern wir schweigend über den Kiesweg, vorbei an den Tennisplätzen, bis wir ein Waldstück erreichen. Die tief stehende Abendsonne kämpft sich durch das Blätterdach und wirft schimmernde Strahlen auf den Boden vor uns. Ich konzentriere mich darauf, auf die Lichtflecke zu treten, die über den Waldboden tanzen. Zwischen meinem Bruder und mir gab es noch nie Probleme, aber jetzt herrscht eine unschöne Spannung.

Ich hebe mein Kleid an, um über einen großen Zweig zu steigen. Mein Absatz bleibt hängen, ich schwanke ein wenig. »Oh!«

»Vorsichtig!« Dan hält mich am Ellenbogen fest. »Ich glaube, diese Schuhe eignen sich nicht besonders zum Wandern.«

Ich entspanne mich. »Nein.« Ich lache und richte mich auf.

»Ava …«

Ich sehe ihn genervt an. »Spuck’s einfach aus, Dan. Was auch immer du loswerden musst, seit du Jesse kennengelernt hast, spuck es aus.«

»Gut. Ich mag ihn nicht.«

Ich pralle zurück. »Aha.« Befangen lache ich. »Ich hätte nicht gedacht, dass du das so einfach sagst.«

Er zuckt mit den Achseln. »Wie soll ich es sonst sagen?«

»Du kennst ihn doch gar nicht. Das einzige Mal, als du mit ihm gesprochen hast und ihn vielleicht besser kennenlernen wolltest, da hast du ihm die obligatorische Ansprache des großen Bruders gehalten.« Auch wenn Mum Dans mahnende Worte unterbrach, hatte er doch damit angefangen, und Jesses malmender Kiefer war ein klarer Beweis dafür, was er von Dans Empfehlungen hielt.

ENDE DER LESEPROBE