Lotus Love: Mit der Ewigkeit ... - Karla Fabry - E-Book
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Lotus Love: Mit der Ewigkeit ... E-Book

Karla Fabry

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Beschreibung

Eine Geschichte wie ein Kaminfeuer: romantisch und knisternd heiß.





Lisy will zurück ins Leben. Mitten in ihrer dunkelsten Sinnkrise findet sie Rettung durch einen Yogakurs und die große Liebe bei ihrem Yogalehrer Mick. Als dieser aber plötzlich alle Zelte abbricht und verschwindet, ist Lisys mühsam zurückeroberte Lebensfreude erneut in Gefahr. Und ihr Leben ebenfalls. Denn es gibt eine Tradition - uralt und dunkel und gefährlich. Und Lisys Yogalehrer ist eng mit diesem blutigen Brauch verbunden. Mick fasst einen fatalen Entschluss, der Lisys Welt abermals tief erschüttert.

"Lotus Love" ist sinnliche Young-Adult-Fantasy, die mit diesem ersten Teil die Tore in eine Welt voller Geheimnisse, Gefahren und großer Gefühle öffnet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kleines Glossar 1
Impressum

Karla Fabry

 

 

LOTUS LOVE

 

Mit der Ewigkeit …

 

Buch 1

 

 

 

Roman

Lotus Love: Mit der Ewigkeit …

Buch 1 der Fantasy-Dilogie

 

© Deutsche Fassung: 2022 Karla Fabry

 

Lektorat/Korrektorat: Daniel Dekkard

Umschlaggestaltung: Karla Fabry

Umschlagfinish: Juliane Buser – Grafikdesign

 

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Alle Rechte, einschließlich die des vollständigen oder teilweisen Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten. Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden und jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.

 

Diese Dilogie basiert auf dem Roman »Lotus Love«, den die Autorin unter Pseudonym im Jahr 2018 als Einzelband herausgebracht hat.

 

Hinweis: Im Anhang findet sich ein kleines Glossar zu allem Irdischen und Überirdischen, das in der Dilogie eine Rolle spielt.

Für euer langes oder kurzes, sachliches oder emotionales, kritisches oder lobendes Feedback in Form von persönlichen Nachrichten oder Rezensionen sage ich jetzt schon: »Herzlichen Dank!« Eure Karla Fabry

 

Besucht meine digitalen Dachkammern:

Website: karla-fabry.de

Facebook: Karla Fabry

Instagram: karla.fabry.author

 

Gewidmet all denen, die wieder aufstehen,

nachdem sie gefallen sind; die in der Dunkelheit das Licht finden.

Für die Verzweifelten und Hoffnungsvollen; für Abenteurer und Behutsame. Und für alle, die an die eine große Liebe glauben.

 

 

 

Dein sünd’ger Mund ist meine Totengruft,

Betäubend ist sein süßer Atemduft,

Denn meine Tugenden entschliefen.

Ich trinke sinnberauscht aus seiner Quelle

Und sinke willenlos in ihre Tiefen,

Verklärten Blickes in die Hölle.

 

(Else Lasker-Schüler, »Sinnenrausch«)

 

 

 

 

Vorwort

 

 

Yoga ist gutund Yoga tut gut. Unter Umständen ist Yoga allerdings tödlich. Aber der Reihe nach …

 

1

 

 

Esnahm seinen Lauf, noch bevor ich meinen Fuß ins Yogastudio setzte und seine Fangzähne aufblitzen sah.

Denke ich heute an meine allererste Yogastunde zurück, muss ich lachen. Obwohl es zu der Zeit alles andere als lustig gewesen war. Ich steckte mitten in meiner pummeligen Phase, hatte Probleme mit der Kondition und Menstruation und ein Selbstvertrauen wie eine Nachteule im prallen Sonnenlicht. Das allein führte jedoch nicht dazu, dass ich das Lachen verlernte.

Zuvor schien mir das Leben verzaubert, die Welt wie ein schillerndes Märchen, leicht und warm und schützend. Alles war möglich. Es gab einen Prinzen und beste Freundinnen. Ich hatte ein glückliches Leben und das eine oder andere Abenteuer. Dann passierte etwas und alles zerbrach. Mein herrlicher Prinz wurde zum hässlichen, die besten Freundinnen zu Hexen und das Glück fand ein jähes Ende. Ich musste einsehen, dass ich in einer Blase gelebt hatte. Mein Märchen bekam kein Happy End, es endete nicht mit »und so lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage«.

Nach dem Bruch fühlte ich mich von Tag zu Tag einsamer und verlorener. Ich hielt mich schließlich nur noch in der Dunkelheit auf, die mich beinahe gänzlich lähmte. Es war, als hätte mir jemand die Freude am Dasein geraubt, wie ein heftiger Sturm ein Nest zerstört. Der Sturm hatte sich zwar gelegt, doch es blieb das unwiederbringlich ruinierte Nest. Eine tiefe Wunde, die zum Heilen all meine Lebensenergie aufzehrte und sich dennoch nie schloss. Die Kraft, dieses vernichtete Zuhause wiederaufzubauen, fand ich in jenen Tagen nicht in mir. Ich funktionierte, aber ich lebte nicht.

Ich ließe mich gehen, bezeichnete meine beste Freundin Greta meinen Zustand. Vor der Zeit des Schmerzes hätten mich ihre direkten Worte motiviert, etwas zu ändern. Da perlten sie jedoch an mir ab. Wobei dieses eine Wort, egal, in welchem Ausdruck oder Zusammenhang benutzt, so gar nicht zu meinem damaligen Ich passte: gehen. Die Tätigkeit des Gehens nämlich passierte bei mir so häufig wie eine Mondfinsternis. Ich war zu keinem Spaziergang zu motivieren, geschweige denn zu irgendeiner freiwilligen sportlichen Betätigung.

Ich musste Greta an dieser Stelle widersprechen. Was in unserer langjährigen Freundschaftsgeschichte äußerst selten vorgekommen war. Das traf es eher: Ich ließ mich nicht einfach gehen, ich gab mich auf.

Dieser Zustand veränderte sich allerdings an dem Tag, an dem ich unfreiwillig spazieren ging.

Ich kann mich noch genau daran erinnern. Weil es einer der seltenen Tage in jener seltsamen Zeit war, an dem ich in der Tat ging. Mehr als zehn Schritte am Stück und länger als zehn Minuten. Vielleicht erinnerte ich mich aber auch bis ins letzte Detail daran, weil da mein altes Leben auf den Kopf gestellt wurde und ich plötzlich in ein neues schlitterte.

Normalerweise war ich, was Erinnerungen anging, echt merkwürdig drauf. Ich vergaß ganz viel. Ja, sogar vollständige Lebensabschnitte wie meine Kindheit. Wer erinnert sich nicht an seine Kindheit? Davon waren mir nur ein paar vereinzelte Erlebnisse geblieben. Das Meiste verschwand bei mir in einem dunklen Gedächtnisloch. Gut, ich besaß noch nicht so viel, woran ich mich erinnern müsste, aber dennoch. Trotz meiner jetzt knapp fünfundzwanzig Jahre hatte ich eine besonders schreckliche Zeitspanne durchgestanden, die ebenso im schwarzen Abgrund meiner Erinnerungen verschwunden war. Alles zu begraben war überlebenswichtig gewesen. In den letzten Monaten hatte ich allerdings sogar meine eigenen Bedürfnisse beerdigt.

Nur eines war mir jeden Tag schmerzlich klar geworden: Ich wollte zurück in meine Märchenwelt, in meinen Traum. Ich sehnte mich, einen warmen Körper, einen Herzschlag unter meiner Wange zu spüren, wenn ich abends zu Bett ging. Ich sehnte mich nach einem Arm, der mich umschlungen hielt, nach der Stimme, die mir zärtliche Worte zuflüsterte. Ich vermisste das Lachen und das Glück. Die Zuwendung und Fürsorge und Liebe.

Ich suchte in den vergangenen Wochen mehr denn je ein Licht in der Dunkelheit, obwohl ich ahnte, dass es erloschen war. Wie sich Träume im Tageslicht verlieren, verblassen und schließlich vollständig verschwinden. Verzweifelt und mit der Gewissheit, dass mein Leben unter keinen Umständen so weitergehen konnte, drängte es mich, etwas zu verändern. Egal was.

Dann unternahm ich jenen unfreiwilligen Spaziergang. Und in der Tristesse meines Daseins veränderte sich alles. Mein Leben stellte sich auf den Kopf und ich wurde in eine magische Welt gerissen. Ich begegnete einem unbekannten Licht, das zunächst zaghaft aufflackerte, wie eine Idee aufblitzt, um dann lichterloh zu brennen.

Ich sollte mein Märchen bekommen, Prinz inklusive, doch es sollte eine blutige Geschichte werden.

 

Es war ein Donnerstag, an dem ich mich anzog und auf die Straße trat. Ich hatte den Tag freigenommen, um die angesammelten Überstunden abzubauen und mein Auto zur obligatorischen Inspektion zu bringen.

Am frühen Mittag verweilte ich vor dem offenen Kühlschrank, betrachtete beinahe meditativ dessen spärlichen Inhalt und ließ nach langen Minuten die erschreckende Erkenntnis durchsickern, dass ich nichts Essbares für abends hätte, wenn ich mir fürs Mittagessen die Frühlingsrollen zubereitete.

Auf meinem Spaziergang später – den ich also lediglich deswegen unternahm, weil ich dringend etwas zu Essen besorgen musste und mein Auto in der Werkstatt stand – stolperte ich über ein Poster in einem Ladenfenster.

Der Copy-Shop lag nicht auf dem Weg, den ich sonst immer ging, wenn ich ins Zentrum der Ortschaft kommen wollte. Er befand sich auf der anderen Seite des Viertels, in einer 30er-Zone, neben einer Versicherung und einem Fahrradreparaturshop. Hier trugen die Straßen überwiegend Blumennamen. An diesem Tag duftete es jedoch nicht aus den Vorgärten. Es roch herbstlich modrig. Das Meiste war verblüht und die Blätter an den Bäumen und Büschen hatten schon hie und da den schmutzig-gelben Farbton angenommen, der auf ihr unabwendbares Sterben hindeutete.

Die Lotus-Straße führte auf einen Umweg in den Ort hinein. Ich hatte vor, auf dem Hinweg, wenn ich keine Einkäufe schleppen musste und es noch nicht dunkel geworden war, den weitläufigeren Weg zu gehen. Nicht weil ich mich länger an der frischen Luft aufhalten wollte, sondern weil mir hier kaum Menschen begegneten. Ich hatte mich weder geschminkt noch auf die Klamotten geachtet, die ich mir in aller Eile übergestreift hatte. Diese Straße führte in einem weiten Bogen am Ortsrand entlang ins Zentrum. Wobei dies ein gewagtes Wort dafür war. Denn das »Zentrum« war mit ein paar Schritten von einem Ende zum anderen abgelaufen. Da betrieben drei Bäcker, ein kleiner Supermarkt, zwei Apotheken und ebenso viele Fleischer ihre Geschäfte. Und ein Postlädchen. Das allerdings hatte so gut wie nie geöffnet.

Ich war seit Monaten nicht mehr im Ortskern gewesen. Meine Sachen kaufte ich in den Mittagspausen in der Nähe meines Arbeitsplatzes ein. An diesem Donnerstag nicht. Im Nachhinein fasse ich diese Tatsache als einen Wink des Schicksals auf. Hätte ich wie üblich eingekauft, meinen alten Mini nicht zum TÜV bringen müssen oder hätte ich den kürzeren Weg genommen, wäre ich nicht in die Lotus-Straße geraten.

Das Poster an dem Schaufenster des Copyshops, der schlicht Copyshop hieß, musste seit einer Weile dort kleben. Die Farben waren verblichen, die Schrift schwer lesbar und es hingen daran lediglich zwei Abreißzettel. Da das Schaufenster an dieser Stelle überdacht war, hatten Wind und Wetter das Plakat nicht vollständig zerstört. So sprang mir die Überschrift ins Auge und bremste mich:

 

M t Yoga z rück ins Leb n

 

Ich blieb stehen, kehrte um. Normalerweise wäre ich zügig vorbeigelaufen. Das wiederum wollte ich genauer betrachten. Mit Yoga zurück ins Leben? Irgendetwas an diesen Worten zerrte mich regelrecht zum Poster hin.

Es war ein freundlicher Herbstspätnachmittag und beim Überfliegen des DIN-A3-Plakats wurde mir plötzlich klar, dass ich echt zurück ins Leben wollte. Egal womit. Yoga war sicher nicht das schlechteste Mittel der Wahl. Alle machten heutzutage Yoga. Vor zehn Jahren wäre es noch peinlich gewesen. Damals hatte das Ganze um Yoga etwas Verräuchertes, Esoterisches, ja, Sexuelles an sich. Dieser Eindruck hatte sich mir zumindest eingeprägt. In einer Sendung, daran erinnerte ich mich, während ich weiter auf das verblasste Foto des Yogalehrers auf dem Plakat starrte, wurde darüber berichtet, wie Möchtegerngurus Frauen ausnutzten, um ihr Ego zu befriedigen. Oder das, was weiter unten saß. Ja, früher gingen Spinner ins Yoga, so meine Auffassung auf den Punkt gebracht.

Heute dagegen hatte Yoga auch für mich jenes Image verloren. Es war zum Volkssport geworden. Der Kursraum hieß Studio, die Lehrer nannten sich Trainer oder Teacher und es gab Power-Yoga, Moonshine-Yoga oder Hormon-Yoga. Man stretchte sich, relaxte Body und Mind, geriet in einen Flow und manchmal chantete man. Wobei Letzteres nicht meins wäre. Jedenfalls war Yoga schlicht in, nicht allein bei Hollywoodstars. Und ich war schon immer darauf bedacht, mit der Zeit zu gehen.

Während ich spontan beschloss, dass dieser Yogalehrer auf dem Plakat zwar ausgesprochen gut aussah, jedoch nichts von einem Möchtegernguru an sich hatte, tröpfelte eine weitere Erinnerung in mein Gedächtnis: meine Begeisterung für Indien. Und dabei war es nicht nur die indische Küche. Mit seiner bunten Vielfalt hatte mich dieses Land früher einmal besonders interessiert. Ich weiß nicht genau, weshalb das so gewesen war, dass mich die Kultur Indiens fasziniert und eine Saite in mir hatte schwingen lassen. Das war allerdings, bevor ich die Ausbildung zur zahnärztlichen Assistentin begonnen hatte.

Mit Neunzehn hatte ich zum ersten Mal eine Übersetzung einer Yogaschrift durchgeblättert und war regelrecht darin versunken. Was ich niemals zugegeben hätte, wenn man mich damals danach gefragt hätte. Der Titel war mir längst entfallen, aber ich erinnerte mich jetzt wieder daran, dass die Lektüre etwas in mir ausgelöst hatte.

Ich war dem nicht weiter nachgegangen und vergaß eine ganze Weile meine Faszination für alles, was mit Indien zu tun hatte.

Bis zu diesem Spätnachmittag, der mich an dem Plakat vorbeiführte. Ein einziges Wort, »Yoga«, löste erneut etwas in mir aus, das wohl nie gänzlich verschwunden war. Ich bekam eine Gänsehaut. Geheimnisvoll und vertraut zugleich, verlockend allemal, klang es in mir nach. Yoga. Jenes zu Eis Gewordene tief in mir taute auf, regte sich langsam, bis es schließlich anschwoll und durch meine Adern rauschte wie ein Bergbach nach der Schneeschmelze. Plötzlich war mir, als erwache mein Geist aus einer jahrelangen Betäubung. Und ich begriff, dass es mich erneut berührte, weil ich mich in einer dunklen Phase befand und ich wieder ins Licht wollte.

Und so riss ich eine der beiden Zettelzungen ab, stopfte sie in meine Jackentasche und erledigte meine Einkäufe.

 

2

 

 

Vielleicht, so überlegte ich beim Verlassen des Ladens, als ich den Papierfetzen in meiner Jackentasche ertastete, kam meine Faszination für ein exotisches Land daher, dass mich das Geheimnisvolle, Grenzwertige, ja, sogar Gefährliche schon früher gelockt hatten. Obwohl ich von Natur aus ein Angsthase bin. Trotzdem war ich bereits als Teenager von den Außenseitern angezogen, von den Badboys und Exzentrikern, von deren Dunkelheit. Die Jungs meiner Teenagerjahre wünschte ich mir älter und erfahrener. Damals störte es mich nicht, wenn sie rauchten und tranken, das gehörte zum Image des Bohemiens dazu. Da ich selbst gern las, beeindruckte mich, wenn sie aus Klassikern vortrugen. Gute Musik hören, bedeutete eine willkommene Ergänzung. Gedichte schreiben oder Gitarre spielen waren allerdings fast ein Muss. Wenn er beides konnte, hatte er mich so gut wie sicher. Und natürlich hervorragend küssen sollte er.

Sofort musste ich wieder an Noah denken. Ich blieb kurz stehen, rückte den Rucksack mit den Einkäufen zurecht und atmete einmal tief durch. Es war inzwischen dunkel geworden und ich setzte meinen Heimweg fort.

Noah. Mit ihm fand ich mit einundzwanzig den ersten Freund, der nichts Dunkles an sich hatte. Heute denke ich, dass jemand, der keine Tiefe besitzt, auch keine Dunkelheit in sich trägt. Jedenfalls verliebte ich mich heftig in Noah und fand ihn deshalb eine ganze Weile perfekt. Er rauchte nicht, trank mäßig und sah verteufelt gut aus. Mit seinen sich wellenden dunklen Haaren, den kaffeebraunen Augen und dem Selbstbewusstsein, das er ausstrahlte, ließ er jede Frau schwach werden. Es war der Typ Mann, bei dem man sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass er mit einer Frau lediglich befreundet sein könnte. Er hatte zwar keine Ahnung von Literatur, aber in Sachen Filme, Musik und im Bett waren wir auf einer Wellenlänge. Außerdem hatte Noah einen »gescheiten Job« (Statistiker im Amt für Abfallwirtschaft) und er war nur sechs Jahre älter als ich. Alles im Rahmen also. Mein Vater äußerte sich zu ihm wie immer knapp und unbeteiligt, er fand ihn »okay«. Nicht mehr und nicht weniger. Was ja fast schon einer Lobrede gleichkam. Und meine Mutter fand ihn nach anfänglichem Verschnupftsein ebenfalls in Ordnung. Allerdings hätte mich genau das alarmieren müssen.

Solche Erinnerungen an meine verstorbene Mutter stimmten mich auch nach einem Jahr noch melancholisch. Es war einfach viel zwischen uns offengeblieben, ungelöst. Und wieder einmal wurde mir schmerzlich bewusst, dass wir es nie werden lösen können. Unsere Chance hatten wir verpasst und jetzt war es zu spät. Wie mit Noah. Er lebte zwar noch, doch unsere Zeit war ebenfalls endgültig vorüber, dachte ich traurig. Ich neigte eh zur Melancholie. In den letzten Monaten jedoch schlitterte ich am Abgrund einer ausgewachsenen Depression entlang und die Ereignisse der letzten beiden Jahre kehrten immer wieder in meine Gedanken zurück. Besonders, da der Herbst in diesem Jahr früher kam, die dunkle Jahreszeit sich plötzlich ankündigte und ich mich einsamer denn je fühlte.

An einem regnerischen, kühlen Abend war ich mitten im Zimmer mit der Packung Schlaftabletten in der Hand dagestanden. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was mir dabei im Einzelnen durch den Kopf ging, während ich die Pillendose anstarrte. Doch es war nichts, das etwas mit dem Leben zu tun hatte. Das weiß ich noch. Vor allem eine Einsicht hielt sich lange: Es würde niemand um mich trauern. Im Nachhinein, nachdem ich mich zur Vernunft durchgerungen hatte, fühlte ich tatsächlich Dankbarkeit, ein Angsthase zu sein. In jenen stockend kalten Minuten, in denen ich das Medikament fixierte, wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich mich vor dem Sterben mehr fürchtete als vor einem sinnleeren Leben. Ich hatte eine einzige Tablette in die Hand kullern lassen, sie mit einem Schluck Wasser genommen und mich schlafen gelegt.

Seitdem ließ mich die Vorstellung allerdings nicht gänzlich los. »Der dunkle Gedanke«, wie ich ihn nannte. Einerseits fürchtete ich ihn, andererseits lockte er mich ins Abgründige, wie ein geschickter Jäger seine Beute ködert. Vorwiegend, wenn mein Schmerz pechschwarz und allumfassend wie der Weltraum selbst wurde und ich ihn kaum zu ertragen vermochte.

Ich weiß nicht, weshalb das bei mir erst nach einem Jahr so heftig wurde. Schließlich war ich nicht die einzige Frau auf der Welt, die schlimme Erfahrungen mit einem Mann gemacht hatte. Wo es aber für andere nach der kummervollen Anfangsphase bergauf ging, so passierte bei mir das Gegenteil.

Noah. Ja, er wohnte weiterhin irgendwo in meinem Herzen, hatte dort wohl für immer einen Raum für sich allein gestohlen und ließ mich selbst nach dieser ganzen Zeit noch in die Verzweiflung driften. Besonders in den vergangenen Wochen fühlte es sich an, als stünde ich in einem Moor. Egal wie sehr ich mich auch bemühte, ans rettende Ufer zu kommen, mit jeder Bewegung versank ich nur noch tiefer. So schlich sich der dunkle Gedanke wieder häufiger in den einsamen, erstickend engen Stunden in mein Zimmer und nahm mir die Luft zum Atmen. Und dieser finstere Geselle legte sich zu mir, sobald ich mich in der Nacht schlaflos im Bett wälzte. Wenn es eng in meiner Brust wurde, während mein Herz viel zu schnell dagegen donnerte, bei jedem kleinen und großen Panikanfall jubelte er mit, in jeder trostlosen Stunde verhöhnte er mich. Er vertrieb zusehends den hellen Gedanken, der mir an leichten, sonnigen Tagen Schauer über den Rücken jagte. Am Leben zu sein, war doch wunderbar, sagte ich mir immer wieder. Ja, es war beinahe ein Wunder.

Ein kleiner Zettel, spontan eingesteckt, kann das gesamte Leben und alles, woran man glaubt oder auch nicht, über den Haufen werfen. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich ihn dann nicht abgerissen und mitgenommen? Wer weiß …

Ja, ich hätte diesen Zettel eingesteckt, wenn ich um das Kommende gewusst hätte. Alles war mir lieber als dieser Schmerz, der bei der Erinnerung an Noah wieder in mein Herz schnitt.

 

An diesem Donnerstag, an dem ich mit den Einkäufen nach Hause lief, spürte ich den dunklen Gedanken an meinen Tod weniger nahe, obwohl mich die Erinnerung an Noah immer noch aufwühlte. Das Wort »Leben«, der Titel des Plakats »Mit Yoga zurück ins Leben« und die samtene Nacht, die sich verhüllend über die Landschaft gelegt hatte, während ich im Laden gewesen war, verdrängten die Verzweiflung.

Ich umklammerte den Zettel in der Jackentasche, als könne von diesem Fetzen Papier Lebenswillen in meinen müden Geist fließen, wie von einem Handwärmer die wohltuende Temperatur an einem kalten Wintertag.

Als ich in Gedanken an meinen Plan, mich über den Yogakurs genauer zu informieren, das Zentrum der Ortschaft verließ und um die Ecke bog, rannte ich in eine Frau hinein.

Ich blieb abrupt stehen. »Oh, entschuldigen Sie!«, rief ich erschrocken.

Zunächst dachte ich, dass es eine ältere Frau war, die ich angerempelt hatte, und fragte mich, ob ich ihr wehgetan hatte. Ihr Haar leuchtete hell im Straßenlampenlicht, doch beim Betrachten ihres Gesichts wurde mir klar, dass sie nicht älter als zwanzig sein konnte. Eines dieser Mädchen, die ihre Haare gern silbergrau färbten, sich stark schminkten und dunkle Klamotten anzogen.

Die junge Frau starrte mich aus schwarzen Augen lauernd an, sagte kein Wort. Sie machte nicht den Eindruck, als wäre sie verärgert über den kleinen Zusammenprall, aber irgendetwas an ihr verriet eine innere Anspannung, die nicht allein von unserem Missgeschick herrühren konnte. Für einige Sekunden musterten wir uns nur. Sie presste die Lippen aufeinander, ich richtete mich auf.

Diese unerwartete Begegnung erschien mir irgendwie gruselig. Es lag nicht daran, dass sie kein Wort sagte, obwohl es nett gewesen wäre, sich ebenfalls zu entschuldigen. Diese Augen! Das schwarze Make-up wirkte fast wie Halloween-Schminke und verlieh der jungen Frau etwas Jenseitiges. Überhaupt erweckte alles an ihr den Anschein einer abgedrehten Verkleidung. Für einen verrückten Augenblick hatte ich den Eindruck, dass ihre Augen glühten. Doch sie neigte schnell ihr Gesicht und ein Schatten legte sich darauf.

Der verwirrende Moment verflog zwar sofort, aber ich musste mich dennoch gewaltsam abwenden. Ich krächzte noch einmal eine Entschuldigung und lief um sie herum den Gehweg entlang weiter. Mein Nacken kribbelte, als hätte dieser eingebildete glühende Blick des Mädchens sich dort festgesaugt. Aus mir unerklärlichen Gründen raste mein Herz.

Ich beeilte mich, nach Hause zu kommen. An der nächsten Häuserecke, bevor ich in die dunkle Seitengasse einbog, die meinen Weg abkürzte, schaute ich mich noch einmal um. Die seltsame Fremde war verschwunden. Puh. Es beruhigte mich zwar, dass sie weg war und nicht mitbekam, in welche Straße und zu welchem Haus ich ging, doch die ganze Begegnung hinterließ bei mir ein mulmiges Gefühl. Auch als ich schließlich die Haustür aufschloss, schaute ich noch einmal nach rechts und links. Es war weit und breit kein Mensch zu sehen.

Nur weiter vorn, dort, wo ein Feldweg vom Gehsteig abging, machte ich zwei Umrisse aus, die wie sitzende Hunde aussahen. Da ich aber keinen Besitzer entdeckte und die Hunde viel zu reglos dasaßen, kam ich zu dem Schluss, dass ich bei dem schwachen Licht lediglich die Konturen der Büsche weiter hinten für Hunde gehalten hatte. Ich schloss schnell auf und trat ins Haus.

In meiner Wohnung im 2. Stock angekommen packte ich meine Einkäufe aus und räumte sie fahrig ein, in Gedanken weiterhin bei der merkwürdigen Begegnung mit der jungen Frau. Dann schob ich die tiefgefrorenen Cannelloni in den Ofen, fischte den Zettel aus der Jackentasche und setzte mich an den Computer. Die kleingedruckten Kontaktdaten konnte ich gerade noch entziffern. Ich schaute auf der Webseite vorbei, solange mein Abendessen im Ofen garte.

Irgendetwas sagte mir beim Stöbern auf der Internetseite: Melde dich an! Dieses Instinktchen, das sich manchmal aus den Windungen des Bauches Gehör verschaffen will, wenn man nicht genau weiß: Soll ich oder soll ich nicht?

Ich tat es. Ich schrieb eine Mail ans Yogastudio, schmiss mich dann mit meinen Cannelloni aufs Sofa und versumpfte vor dem Fernseher in einen lethargischen Berieselungszustand.

3

 

 

Er entkleidete mich sacht. Genussvoll. Murmelte zärtliche Worte, streichelte meine Brust mit weichen Fingerkuppen. Mein Herz hämmerte, als er sich zu mir beugte und unsere Lippen sich fanden. Ich schloss die Augen und ließ mich in die Glut des Kusses fallen. Er schmeckte süß, betörend. Sein Atem vermischte sich mit meinem. Mir wurde schwindelig, als der Kuss verlangender wurde. Meine Finger fuhren in sein dunkles, seidiges Haar, glitten von dort seinen Rücken hinab. Ich presste ihn an mich, fühlte die Hitze seiner Haut auf meiner. Es erregte mich nur noch mehr, dass es ein Fremder war, der mich berührte, den ich küsste. Ein wunderschöner Fremder. Von dem ich nicht einmal den Namen kannte. Keine Vorgeschichten, keine Dramen, keine komplizierten Gegebenheiten. Allein sein Körper, seine Berührung. Jetzt löste er sich von mir und im Dämmerlicht des Zimmers verloren sich die Details seines Gesichtes. Eine breite Strähne seines welligen, schulterlangen Haares fiel ihm ins Gesicht und verhüllte es. Doch ich spürte seinen glühenden Blick an mir herabgleiten, während auch er die Kleider ablegte. Geschmeidig und aufreizend bewegte er sich dabei. Ich begehrte ihn von Sekunde zu Sekunde mehr. Und ich wusste, dass er mich wollte. Meinen Körper lediglich, ohne jene dichte Gefühlsfracht, die ich sonst mit mir herumtrug. Die ich in seiner Nähe so selbstverständlich abgestreift hatte. Ich war in eine Rolle geschlüpft und sie machte mir Spaß.

»Wie willst du mich?«, fragte ich dicht an seinen Lippen und grub meine Nägel in die harten Muskeln seines Bauches, als er sich wieder zu mir legte.

Genussvoll stöhnte er auf. »Das hat mich bisher keine Frau gefragt«, flüsterte er mit rauer Stimme, während meine Hände seinen Körper erforschten. Wir küssten uns erneut. Unsere Zungen streichelten sich zunächst zärtlich und langsam, dann immer gieriger. Er löste sich mit einem Seufzer von mir, rollte sich auf den Rücken, berauscht von meinen Berührungen, vom Kuss. Sein Atem ging stoßweise.

»Ich kann nicht mehr denken«, stieß er aus. Dann hob er mich auf sich. Das war seine Antwort, sie reichte mir.

Die Flämmchen in meinem Bauch schwollen zu einem glühenden Feuer an, als seine Hände über meine Wirbelsäule, über meine Hüften glitten. Er presste sein Gesicht an mich, liebkoste mich mit Lippen, mit warmer Zungenspitze und festen Händen, bis ich das schwindelerregende Gefühl hatte, er war überall auf meinem ganzen Körper. Mein Kopf fiel auf seine Schulter, als er sich unter mir sanft zu bewegen begann.

Es war alles leicht und prickelnd, es kam …

Ich erwachte in dem Moment, in dem der Fremde mich fester an sich presste. Ich lag im Bett auf dem Bauch, die Decke hatte sich unter mir zu einem Stoffklumpen zusammengerollt und drückte unangenehm gegen meinen Magen. Und mein Haarknoten, mit dem ich meine langen Haare zusammenhielt, hatte sich gelöst. Mein Atem ging keuchend. Was war das denn gewesen?

Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht. Die Uhr auf der Kommode zeigte mir an, dass es kurz vor sechs Uhr in der Früh war. In einer Stunde erst sollte der Wecker klingeln. Ich ließ mich ins Kissen fallen, knüllte die Decke auseinander und schlüpfte darunter. Der Traum war so real gewesen, dass ich es bedauerte, wach geworden zu sein. Echt jetzt? Erotische Träume? So verzweifelt also?

Ich schloss die Augen und versuchte, erneut einzuschlafen, den Traum wiederzufinden, den Fremden. Vergeblich. Um halb sieben schmiss ich schließlich die Decke von mir, stand auf und machte mir einen Kaffee. Während er abkühlte, stellte ich mich unter die Dusche.

Der Traum verwunderte mich. Am meisten allerdings, dass mich die Vorstellung erregt hatte, ein Fremder würde mit mir schlafen. In Wirklichkeit hätte ich so etwas nie zugelassen. Das Körperliche kam nur dann in Frage, wenn alles andere stimmte. Oder ich zumindest den Namen des Mannes kannte. Was mir dieser Traum wohl sagen wollte? Vermutlich nichts, außer dass ich nicht tot war und es Zeit wurde, jemand Neues kennenzulernen.

Während ich mich für den Arbeitstag vorbereitete, verflüchtigten sich die Eindrücke der Nacht. Sie hinterließen ein Ziehen in meinem Bauch und eine seltsame melancholische Sehnsucht. An jenem Tag suchte ich in den Gesichtern der Männer, die in die Praxis kamen, meinen wunderschönen Fremden. Ich fand lediglich hässliche Nüchternheit.

 

Die Mail ans Yoga-Studio hatte ich wieder vergessen. Am übernächsten Tag bekam ich jedoch eine Antwort, obwohl es Samstag war:

 

Gern können Sie an einer Schnupperstunde teilnehmen. Am kommenden Donnerstag, in bequemer Kleidung und am besten Socken mitbringen, es ist ja Herbst. Den Schmuck zu Hause lassen, das Smartphone ausschalten. Essen Sie davor nichts Schweres, keinen Alkohol trinken, nicht rauchen und eine halbe Stunde früher kommen. Herzliche Grüße.

 

Auf den ersten Blick fand ich die Mail doch recht knapp angebunden. Ein wenig autoritär. Und wie ein Standardtext, den man durch copy & paste zusammengebastelt hatte, wie zig weitere vor dieser. Zwar nicht unfreundlich, aber irgendwie … hm, nicht so, als würde sich der Yogalehrer freuen, dass ich angefragt hatte. Die »herzlichen Grüße« erschienen mir hohl.

Ich schluckte sofort dieses Gefühl herunter. Immerhin hatte er mir geantwortet. Und das war heutzutage schon viel wert. Ich sagte mir also, dass ein gefragter Yogalehrer bestimmt kaum Zeit hatte, ausführliche Mails zu verfassen. Auf der Website hatte ich gesehen, dass die Kurse gut besucht waren, die beiden anderen bereits ausgebucht. Was nur bedeuten konnte, dass er ein kompetenter Yogalehrer war, schlussfolgerte ich.

Ich nahm mir fest vor, am nächsten Donnerstag hinzugehen, bedankte mich für seine Antwort und verließ mein E-Mail-Postfach.

Das restliche Wochenende und die folgenden Tage verbrachte ich in einem dumpfen Zustand zwischen schlecht schlafen, arbeiten gehen, müde durch den Tag schleichen oder hetzen und noch müder heimkommen. Meine Arbeit erfüllte mich normalerweise. Doch in jenen Tagen fiel es mir schwer, morgens überhaupt aufzustehen, in die Praxis zu fahren und bei Leuten die Folgen lausiger Zahnhygiene oder erbbedingt miserabler Zähne zu beheben.

Und wieder schlich sich der dunkle Gedanke ein. In leicht abgewandelter Form zwar, aber er war da. Er machte mich nervös, unruhig oder völlig apathisch. Er holte mich in den Abendstunden ein, sobald der Alltag in jene innere Ferne geglitten war, die alles bedeutungslos machte. Meine beste Freundin Greta vernachlässigte ich ebenfalls. Allein das Internet hielt meine Verbindung zu anderen Menschen aufrecht, auch wenn ich nur zwei davon wirklich kannte. Doch der Besuch der Facebook-Seiten, das Lesen sinniger und unsinniger Beiträge und das sporadische Kommentieren meinerseits waren zu einem allabendlichen Ritual geworden. Manchmal konnte ich sogar über etwas lachen. Ich weiß, es ersetzte natürlich nicht die echten Begegnungen und Gespräche mit Menschen, doch es war immerhin etwas. Besser als gar keine Kontakte mehr zur Welt, redete ich mir ein.

Etwas hatte sich allerdings in meinem Eingeigeltsein verändert. Ich bemerkte eine neue, zarte Stimme. Sie forderte mich leise auf, mich nicht weiter mit unsinnigen Gedanken zu beschäftigen. Nicht länger wie ein Mensch zu leben, der keine Lust mehr aufs Leben hatte. Lieber sollte ich mich darauf freuen, neue Erinnerungen zu sammeln. Neue Erfahrungen, Begegnungen, glückliche Momente.

Ich hörte die andere Stimme, vernahm den feinen, behutsamen Richtungswechsel im Ton meiner Gedanken. Ich glaubte jedoch nicht daran, dass ich zum Glücklichsein geboren worden war. Diese Vorstellung gelang mir schlicht nicht. Der Herbst erdrückte mich. Mit der frühen Dunkelheit, seinen kürzer werdenden Tagen, der feuchten Kälte. Ich hielt mich nicht für ausgeprägt wetterfühlig, aber das war nicht meins. Ich war ein Sommermensch. Liebte das Meer, die trägen Tage in der Hitze. Den Schweiß auf der Haut. Diese Herbsttage hingegen waren durchdrungen von einer tiefen Melancholie, die vermutlich nicht nur vom Mangel an Licht kam.

Und deshalb war ich wirklich froh, dass ich für Donnerstag einen Plan hatte. Denn sobald sich ein Plan in meinem Kopf zusammengesetzt hatte, tat ich alles dafür, dass er zustande kam. An meine erste Yogastunde hielt ich mich fest, sagte mir, ab da würde alles besser werden. Die neue leise Stimme in meinen Gedanken. Sie gefiel mir zusehends. Mich erwartete etwas, das mich im besten Fall zurück ins Leben brachte.

Den schlimmsten Fall kannte ich zum Glück noch nicht. Wie gesagt, unter Umständen kann Yoga tödlich sein.

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So ließ ich am nächsten Donnerstag das schwere Essen und den Alkohol artig weg, obwohl ich in den letzten Monaten abends öfters ein Gläschen Rotwein trank. Oder auch zwei. Eine Angewohnheit, die mir erst an diesem Tag bewusst wurde. An diesem Spätnachmittag versorgte ich sogar meine Pflanzen mit Wasser, verabschiedete mich von zwei davon, weil sie unrettbar ausgetrocknet waren, und staubsaugte danach in der ganzen Wohnung. Diese Tätigkeiten sorgten zumindest im Äußeren für Aufgeräumtheit.

Also erfüllte ich alle Bedingungen für eine erfolgreiche erste Yogastunde. Bis auf die Kleidung. Die Sachen, die ich aus meinem Schrank zerrte, um sie anzuprobieren, erfüllten so gar keine Bedingungen. Jedenfalls nicht als gelungene Trainingsausstattung. Ich ließ sie auf dem Boden vor meinem Wandspiegel liegen. Frustriert stellte ich fest, dass ich schlicht Null vernünftige Trainingskleidung besaß. Es war mir nicht in den Sinn gekommen, mich darum zu kümmern.

Ich entschied mich schließlich für meine schwarzen Leggins und die weite Tunika, die mit ihrem Gewitterwolkengrau meine Augenfarbe betonte. Außerdem war die Jerseytunika weit genug, um meine Pölsterchen zu kaschieren. Ich rollte meine Haare zu einem Knoten zusammen und steckte ihn mit einer Klammer fest, wobei ich einzelne Strähnen herauszupfte. Dabei wurde mir bewusst, dass ich mich seit einer Weile schon nicht mehr um meine Haare gekümmert hatte. Ich nahm mir vor, die Tönung, die ich letztes Mal benutzt hatte, gleich morgen zu besorgen. Das helle Mokkabraun hatte mir gut gefallen, weil es meinem natürlichen Hellbraun etwas die Blässe genommen hatte und zu meiner Augenfarbe passte. Make-up hatte ich am Morgen aufgetragen, ich frischte lediglich das Lipgloss auf. Kurz überlegte ich, mich abzuschminken, aber ich fand das Selbstvertrauen dazu nicht. Ich wäre mir nackt und hässlich vorgekommen. Und so, das bildete ich mir ein, unterstrich ich zumindest die langen Wimpern und die vollen Lippen.

Wenige Minuten vor achtzehn Uhr betrat ich mit leichtem Herzklopfen das Studio im oberen Stockwerk eines zweigeschossigen Hauses. Es hieß schlicht »Yoga-Zentrum Mitte«.

Das Studio war sehr hübsch. Heimelig. Warme Farben überall, atmosphärisch geschickt platziertes Licht. Und es roch irgendwie … sinnlich. Nicht nach diesen süßlichen Räucherstäbchen, von denen man ein Kratzen im Hals bekam. Der Geruch war mir zuwider. Ein weicher, eher holziger Duft lag in der Luft. Wie Sandelholzöl, mit einer Note, die mich an Bienenwachskerzen erinnerte, wie man sie auf Weihnachtsmärkten findet. Es gefiel mir sofort hier.

Ich stellte mich auf den typischen indischen Gruß ein, der in der Yogaszene üblich war. Wie der aussah, wusste ich, weil ich in den letzten Tagen in meinen Mittagspausen ein paar Videos im Internet angeschaut hatte, in denen es um Yoga ging. Ich wollte nicht ganz ahnungslos in meine erste Stunde gehen, wollte wissen, welche Yogastile es gab und welcher davon mir liegen könnte.

Power Yoga und Ashtanga Yoga kamen schon mal nicht in Frage. Allein vom Zuschauen bekam ich Muskelkrämpfe. Wie es diese Mädels hinbekamen, eine Stunde ohne Pause die ganzen Stellungen zu üben, war mir ein Rätsel. Gut, sie waren ultraschlank und super durchtrainiert, aber ein solcher Body war das Ergebnis jahrelangen Übens und für mich so weit weg wie der Titel »Miss Universum«. Außerdem wollte ich zurück ins Leben und nicht ins Krankenhaus kommen.

Iyengar Yoga mit den präzisen Anleitungen und Hilfsmitteln wie Gurte oder Blocks wäre eher was für mich. Hilfsmittel waren gut. Alles, was half, wenn man so gar keine Körperkoordination besaß. Diese Stellungen konnten auch von anatomischen Hinterwäldlern ausgeübt werden.

Auf seltsame Yogaformen traf ich ebenfalls: Lach-Yoga und Schwitz-Yoga, beispielsweise. Oder Paar-Yoga. Und dann noch Doga. Was das war? Genau. Da musste ich zweimal hinschauen: Dog Yoga natürlich! Wenn es den Hund als Stellung gab (wusste ich auch aus den Videos; im Yoga hatten alle Übungen so lustige Bezeichnungen wie »das Kuhgesicht«, »das Kamel« oder »der Frosch«), warum also nicht gleich Hunde-Yoga? Wie das ablief, musste ich dann doch nicht genauer wissen.

Als ich es schon aufgeben wollte und mir sagte, dass ich eh das üben werde, was im Studio angeboten wurde, in dem ich mich gerade angemeldet hatte, fand ich ein Video mit klassischem Hatha Yoga. Das war es! Hatha Yoga beinhaltete alles, was mich interessierte: durchführbare Übungen, Atemtechniken, Entspannung. Nicht dass ich der Meinung wäre, ich müsse mich entspannen. Oder gar atmen lernen. Schließlich hatte ich es bald fünfundzwanzig Jahre lang hinbekommen zu atmen. Jedenfalls war mir dieser Yogastil sofort sympathisch. Ich suchte noch einmal die Webseite »meines« Yogakurses auf. Tatsächlich: Da stand unter der Beschreibung der Kurse, dass klassischer Hatha Yoga mit modernem Flow Yoga kombiniert unterrichtet wurde.

So kam eines zum anderen und ich stand heute hier bei meiner ersten Yogastunde.

Ich schloss die Tür hinter mir und ging auf den Yogalehrer zu. Dabei brachte ich meine Hände schon mal auf den Weg zum indischen Gruß. Umso überraschter war ich, dass er mir lediglich seine Hand entgegenstreckte. Als ich mit einer kleinen Verzögerung begriff und ihm meine reichte, drückte er sie warm. Wobei sich nur dieser Druck warm anfühlte; seine Hand selbst war wirklich kalt. Mensch, da hat auch ein Yogatrainer seine Durchblutungsstörungen,dachte ich.

»Willkommen.«

Das war alles, was er sagte. Dabei deutete er auf eine Matte mit einem Sitzkissen ihm gegenüber. Seine karamellfarbenen Augen musterten mich einen Moment. Es durchfuhr mich dabei wie eine Welle aus Energie. Ich bekam aber keine Gelegenheit, mir zu erklären, weshalb mir sein Blick eine Gänsehaut bereitete und mein Herz schneller schlagen ließ. Der Gedanke, dass das Bild auf dem Plakat beim Copy-Shop der Wirklichkeit vor mir kein bisschen gerecht wurde, huschte durch meinen Kopf und verpuffte wieder.

---ENDE DER LESEPROBE---